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MIHHEILÜNGEN DES INSTITUTS
FÜR
OESTEEREICflISCHE
GESCHICHTSFORSCHUNG.
UNTKR MITWIKKUN« VON
TH. RITTKR v. SICKKL und H. RITTKK v. ZEISSBERG
RKDIQIBT VON
E. M Ü II L B A C II E K.
1. ERGÄNZUNGSBAND.
* .,■•-/
INNSBRUCK.
VERLAS DER WAGNER'SCHEN UNIVERSITÄT8-BUCBBANDLUN6.
1885.
Druck d«r Wa g n e r ' sehen UniversitätaBuchdruckerei.
Inhalt des I. Ergänzungsbandes.
Seite
Vorwort •....,.••..... 1
Zur germanischen Verfassungsgeschichte Yon Wilhelm 8iokel 7
Die VerMge der EaiBer mit Venedig bis zum Jahre 98S yon Adolf
Fanta 51
Excurse zu OttoniBchen Diplomen I— IV. von Th. Sickel, K ▼• Otten-
thal nnd A. Fanta 189'
Ezcnrae sa Ottonischen Diplomen V. VI. tob Th. Siolcel . S59
Die Schlacht bei Mflhldoif und über das Fragment einer OtterreichiBchen
Chronik von 0. Dobenecker 168
Zar Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter dee KOnigsthums von
Wilhelm Sickel 220
Geschichte der deutschen Reichskanzlei 1246— U 08 yon S. Hersberg-
Fr ftnkel. I. Theil: Die Organisation der Reichskanzlei ... 254
Bischof Haiduin yon Gefidu und sein Prozess. Eine Episode aus dem Leben
EaiBer Friedrichs IL yon £. Winkelmann 298
Die ftltesten Kipserarkunden für das Bisthum Meissen yon KarlUhlirz S6S
DerWiHebrief für die R()mische Kirche y. J. 1279 ()fit einem Facsimile)
yon F. Ealtenbrunner .876
Sicard yon Cremona über Rechte des Kaisers yon J. Ficker ... 899
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. yon £. y. Ottenthai 401
Untersuchungen zur historischen Geographie des ehemaligen Hochstifles
Salzburg nnd semer Naohbargebiete (Mit euer Karte) yon Eduard
Richter 590
748680
Vorwort
Schon seit längerer Zeit machte sich das Bedürfniss nach einer
Erweiterung unserer Zeitschrift geltend. Die Fülle des Stoffes nö-
thigte die Bedaction oft Arbeiten, deren raschere Veröffentlichung
wünschenswerth war, zurückzulegen oder auch ganz auf sie zu ver-
zichten. Zuweilen war diese Verzögerung der Publication auch durch
die Bücksichtnahme auf gleichmässige Vertheilung der Fächer, die
nach dem Programm Vertretung finden sollten, geboten. Baummangel
verzögerte die schnellere Folge von Fortsetzungen, namentlich auch
die Mittheilung ungedruckten Materials, wie etwa die weitere Ver-
öffentlichung der »unedirten Diplome*, er drohte auch vielfach den
Literaturbericht zu beeinträchtigen.
Eine Erweiterung der Zeitschrift durch Vermehrung der regel-
mässig erscheinenden Hefte oder durch Vergrösserung ihres Umfaags
konnte sich nicht empfehlen. Es lag daher nahe die Abhilfe in
Ergänzungsheften zu suchen, welche, ohne für die Zeit des Erschei-
nens und den Umfang an eine Begel gebunden zu sein, ausgegeben
würden, wie es eben das vorliegende Material zweckmässig erscheinen
liesse, die dann zu Ergänzungsbänden im ungeföhren Umfang der
Hauptzeitschrift vereinigt werden könnten.
Den Bemühungen unseres Mitarbeiters, Herrn Hofrathes Prof.
J. Ficker, der sich, wie für unsere Zeitschrift überhaupt; so auch
für die Erweiterung derselben aufs lebhafteste interessirte und sie
zuerst in Anregung brachte, gelang es das Bedenken, ob Bücksichten
auf die materiellen Mittel die Ausführung des Planes gestatten würden,
zu beseitigen. Auf seine Beftirwortung stellten die mit der Aus-
führung des letzten Willens J. F. Böhmers betrauten Herren Justiz-
rath Dr. H. Euler und Dr. Ad. von Harnier zu Frankfurt a. M.
aus dem für wissenschaftliche Zwecke bestimmten Theile des Nach-
lasses des grossmüthigen Gelehrten einen namhaften Betrag zur Ver-
fügung, der es nun ermöglicht die geplante Erweiterung zu ver-
wirklichen. Indem wir den genannten Herren für die zuvorkommende
Bereitwilligkeit, mit der sie auf den Vorschlag Fickers eingingen, und
Mlttheiluiifen. Erg&oxaoersbd. I. 1
2 ':• •'-. ' .•• • •: : Vorwort.
diesem jstdlbs^Tx^K'.Hieir äitd^rea aufrichtigsten Dank aussprechen,
fühlen wir 'uns 'yerpflicE^t zugleich die Beweggründe zu betonen,
welche sie zu solcher Bewilligung gerade für unser unternehmen
bewogen; denn wenn ihrem Vorgeben auch durch den letzten Willen
des Erblassers keine bestimmten Grenzen gezogen waren, so musste
es natürlich doch in ihrem Wunsche liegen, dass die Mittel, über
die sie zu verfügen haben, besonders solchen üntemehmucgen zu
Gute kommen, welche sich an die eigenen Absichten und Arbeiten
Böhmers näher anschliessen. Dieser nähere Anschluss aber ergab
sich hier in beiden Bichtungen, insofern einmal Böhmer selbst sich
längere Zeit mit dem Gedanken an Herausgabe einer Zeitschrift be-
schäftigte, welche sich vielfach ähnliche Ziele steckte wie die unsere,
und bereit war sie aus eigenen Mitteln zu unterstützen, und in-
sofern die Erweiterung der „Mittheilungen^^ namentlich auch dazu
dienen soll, um die Veröffentlichung eingehenderer Erörterungen, welche
sich bei der Fortsetzung und Neubearbeitung des Begestenwerkes
Böhmers ergeben, in Wünschenswerther Weise zu ermöglichen.
Was das erste betrifft, so bot schon das Erscheinen der „Ge-
schichtsblätter^^ Kopps 1853 mehrfach Veranlassung die Zweckmäs-
sigkeit der Gründung eines Organs, das zunächst die Beichsgeschichte
im Auge haben sollte, in dem aber auch kleinere Artikel und blosse
Notizen Platz finden könnten, zu erörtern ^). Die Ankündigung der
„Historischeu Zeitschrift^ gab Ficker Gelegenheit in einem Schreiben
vom 11. NoY. 1858 Böhmer bestimmter um seine Ansicht über Heraus-
gabe einer Zeitschrift für Beichsgeschichte zu ersuchen; auch die da-
maligen Verhältnisse, die Berührung der historischen Fragen mit
politischen, der wissenschaftlichen Interessen mit persönlichen, Hessen
ihm die Schaffung eines unabhängigen Organs als wünschenswerth
erscheinen. Böhmers erste Bückäusserung war keine ermuthigende ;
er betonte vor allem die Schwierigkeiten, auf welche die Verwirkli-
chung stossen werde 2). Aber kurz darauf in einem Schreiben vom
28. Febr. 1859 kam er aus eigenem Antrieb darauf zurück; er meinte,
die Sache liesse sich immerhin versuchen, wenn sich jemand fände,
der sich der Last der Bedaction unterziehen würde. Als dann Ficker
im April längere Zeit bei Böhmer zu 'Gaste ^war, bildete die Zeitschrift
den Hauptgegenstand der Erörterungen; es würden wol schon damals
bestimmtere Schritte zur Ausführung geschehen sein, wenn nicht die
Aufregung, welche die Eriegszeit mit sich brachte, bindernd einge-
<) Böhmer an J. E. Kopp 1858 Mai 81, Janasen, J. Fr. Böhmers Leben S, 94.
i\ T^hmer an Ficker 1859 Jan. 6, Janssen 8,281.
Vorwort. 3
gegri£Fen hätte. Aber gleich aach Beendigaug des Krieges brachte
Böhmer diese Angelegenheit wieder zur Sprache ^); er erklärte sich
bereit die Kosten des ersten Bandes za übernehmen, berührte die
Frage des Titels, des Verlegers und des Kedacteurs.
Auf Grundlage der früheren Besprechungen und dieser Vor-
schläge stellte nun Ficker die Punkte zusammen, über welche man
sich geeinigt hatte oder welche yor weiterem Vorgehen noch der
Regelung zu bedürfen schienen.^ Als Titel schlug er vor „Zeitschrift
für deutsche Reichsgeschichte und Verwandtest^ so dass durch ihn
keine feste Grenze gezogen, ein üebergreifen insbesondere auf das
Gebiet der historischen Hilfswissenschaften nicht ausgeschlossen sein
würde. Als Herausgeber sei Böhmer allein oder unter Mitwirkung
einiger Mitarbeiter oder desjenigen, der die laufenden Geschäfte über-
nehmen würde, zu nennen. Jeder Beitrag sollte willkommen ge-
heissen werden,, der auf wissenschaf lieber Grundlage beruhend irgend*
wie zur Förderung der Reichsgeschichte beitrage, die Entscheidung
über die Aufnahme wenigstens formell ausschliesslich Sache Böhmers
sein, der die Mühe der PrQfung zunächst dem geschäftsleitenden
Bedacteur übertragen oder in zweifelhaften Fällen die Meinung von
Mitarbeitern einholen könne. Vom Abdruck grösserer Quellenschriften oder
zusammenhängender ürkundenreihen sei abzusehen, während weniger
umfangreiches, yereinzeltes oder ergänzendes Quellenmaterial immerhin
Berücksichtigung finden dQrfe. Habe man zunächst Arbeiten im Auge,
welche nur Ergebnisse der Forschung bringen, so seien doch auch Auf-
sätze nicht ausgeschlossen, welche sich darauf beschränken die Ergebnisse
bereits Torliegender Forschungen einem grösseren Publikum zugäng-
lich zu machen odef Zerstreutes in übersichtliche Darstellung zu
bringen. Von einer Aufeählung der gesammten neuerscheinenden
Fachliteratur wie von blossen Referaten über den Inhalt, ausser bei
schwer zugänglichen Werken, sei abzusehen, dagegen auf kritische,
namentlich berichtigende und ergänzende Besprechungen besonderes
Gewicht zu legen. Der Name des Ver&ssers sei in der Regel zu
nennen, für den einzelnen Aufsatz ein Maximum von 5 Bogen zu be-
stimmen. Die Veröffentlichung solle in zwangslosen Heften von 8 — 10
Bogen, die dann zu Bänden zu yereinigen seien, erfolgen. Ficker
fügte noch ein Verzeichniss der Beiträge bei, auf die man aus Inns-
bmck zunächst rechnen könnte; darunter bereits eine Erörterung des
Verhältnisses zwischen Friedrich H. und Heinrich (VII), welche nun
1) Böhmte an Fioker 18o9 Juü 20 vgl. den Brief Böhmen an Harter 1859
Aug. 15, Janssen 8, 297, 800,
1*
4 Vorwort
erst in einem der nächsten Hefte unserer „Mittheilungen^* zur Ver-
öffentlichung gelangen dürfte.
Böhmer antwortete am 16. Okt. aus München, dass er diese Vor-
schläge als Programm acceptire, nur etwa jetzt den Titel , Magazin
für Keichsgeschichte * vorziehe, um noch bescheidener anzufangen ; dass
ihn auch die Ankündigung der weiteren Zeitschrift (der « Forschungen
zur deutschen Geschichte') an dem, was er wolle, nicht irre mache,
die Ausführung also nur davon abhänge, ob er die für die Geschäfts-
führung in Aussicht genommene Persönlichkeit dazu bereit finden
werde. Wenige Tage später kam er nach Innsbruck, um mit Ficker
noch näheres bezüglich der Zeitschrift; sowie der von ihm beabsichtigten
Herausgabe der Eaiserurkunden zu besprechen. Er ging mit dem Ver-
sprechen, sogleich die Ausführung des Planes in die Hand zu nehmen.
Aber nach längerem vergeblichen Warten erhielt Ficker zu seiner
üeberraschuug ein Schreiben vom 29. Dez. 1859, wonach Böhmer den
Plan überhaupt aufgab, für den er in der letzten Zeit den grössten
Eifer gezeigt hatte. Die überaus gedrückte Stimmung, die sich in dem
Schreiben aussprach, war wol schon durch die Vorboten der schweren
Krankheit beeinflusst, die ein Jahr später zum Ausbruche kam und
von der er sich dann nie wieder erholen sollte. Mannigfaltige und wider-
wärtige Geschäfte, die er bei seiner Bückkehr vorgefunden und aus
denen er sich noch jetzt nicht herausgerissen, hätten ihn, wie er
schrieb, in Unmuth verfallen lassen, so dass er auf alle wissenschaft-
liche, Arbeit verzichte. ,In solcher Stimmung wird man &uch gleich-
gültiger gegen äussere Wirksamkeit und denkt mehr daran, wie man
den eigenen Tag herumbringt. Damit sind auch alle Projecte ins
Stocken gerathen, die ich zuletzt mit Ihnen besprochen hatte. Ver-
zeihen Sie mir diese Täuschung, da sie keine absichtliche ist und mir
selbst leid genug thuf Er allein vermöge so etwas nicht durch-
zuführen; und wenn auch ein anderer die laufenden Arbeiten über-
nähme, würde er, fast gemüthskrank, der Belästigung, welche ihm
der dann unvermeidliche beständige Verkehr mit einem Dritten auf-
erlege, nicht gewachsen sein ^). Damit erübrigte auch für Ficker nichts
als das Project vorläufig als aufgegeben zu betrachten; denn wenn
auch wol davon die Bede gewesen war, dass etwa er selbst allein
oder mit einem anderen die Herausgabe übernehmen könne, so hatte
er doch jederzeit erklärt, dass er zwar gerne zu eifrigem Mitarbeiten
bereit sei, sich selbst aber zur Leitung eines solchen Unternehmens
') In gleichem Sinne äuBsert äch Böhmer in Briefen an Remling 1859
Dec. 21 und an Arnold 1860 Febr. 8, Janssen 8, 811, 816.
Vorwort. 5
nicht für geeignet halte, wie er dies auch jetzt in seiner Antwort
betonte. Böhmer kam dann noch einmal am 30. März 1860 auf die
Zeitschrift zurück, aber doch nur als auf etwas Wünschenswerthes,
dessen Verwirklichung einer günstigeren Zeit vorbehalten bleiben
müsse ^).
Unter ganz anderen Voraussetzungen, unter ganz anderen Ver-
hältnissen ist unsere Zeitschrift ins Leben getreten, ihr Programm ist
ein umfassenderes geworden, in manchem unterscheidet es sich wesent-
lich yon dem, was Böhmer damals im Auge hatte. Aber die Pflege
der Beichsgesohichte im weitesten Umfang, wie sie auch an sich durch
den Ereis unserer eigenen Arbeiten gegeben ist., die Pflege der urkund-
lichen Forschung bot doch auch wieder manchen Anknüpfungspunkt.
Schon damit würde es sich erklären und rechtfertigen, wenn Ficker,
der jenem Plane Böhmers so nahe stand, in Erinnerung an diesen
zur leichteren Ermöglichung der beabsichtigten Erweiterung unserer
Zeitschrift eine Bewilligung aus den Mitteln, welche aus dem Nach-
lasse seines yerehrten Lehrers für wissenschaftliche Zwecke verfügbar
waren, in Vorschlag bringen zu dürfen glaubte.
Bestimmtere Berechtigung aber fand dies noch darin, dass diese
Erweiterung namentlich auch dazu dienen soll einem Bedürfniss ab-
zuhelfen, welches sich bei der Neubearbeitung des Begestenwerkes
Böhmers mehr und mehr geltend machte. Bei dieser ist sehr häufig
eine nähere Begründung einzelner Behauptungen nicht zu vermeiden,
welche, wenn in das Werk selbst aufgenommen, zu einer Kürze nöthigt,
unter der die Klarheit der Beweisführung leicht leidet, während trotz-
dem einzelne Nummern eine grössere Ausdehnung gewinnen, als an
und fbr sich angemessen erscheinen kann. Empfiehlt es sich daher
solche Erörterungen an anderen Orten zu geben und in den Begesten
nur auf dieselben zu verweisen, so konnten dazu schon bisher vielfach
die a Mittheilungen* benützt werden; aber der begrenzte Baum, die
Bücksichtnahme auf gleichmässige Verwerthung anderen Stoffes ge-
statteten nur eine unterbrochene und langsame Veröffentlichung, während
es doch wünschenswerth ist solche begründende Aufsätze nicht in ver-
schiedenen Zeitschriften zu zerstreuen« Im Interesse der Begesten selbst
liegt es, dass der Bearbeiter darauf rechnen kann solche nähere Aus-
führungen veröffentlichen zu können, ohne durch Rücksichten auf den
Baum gehindert zu sein, und zugleich so bald, dass zwischen der im
Hauptwerke aufgestellten Behauptung und der anderweitig zu geben-
den Begründung nicht zu lange Zeit verstreiche. Zunächst von diesem
>) Jannea 8, S2S.
6 Vorwort
Gegichtspttukte aus hatte Ficker schon früher das Froject einer Er-
weiterung der a Mittheilungen * durch Ergänzungsbände befürwortet
und brachte dann eine Bewilligung aus dem Nachlasse Böhmers f&r
diesen Zweck unter der Bedingung 'in Vorschlag, dass die Sedaotion
sich yerpflichte solche Nebenarbeiten zu den Beichsregesten in mög-
lichst kurzer Frist, sei es in der Hauptzeitschrift, sei es in den Er-
gänzungsbänden, zur Veröffentlichung zu bringen. Und wie sein Vor-
schlag bei den Executoren d js letzten Willens Böhmers bereitwilligstes
Entgegenkommen fand, so ging auch die Bedaction gern darauf ein
sich zu der gewünschten Gegenleistung zu yerpflichten.
Die Ergänzungshefte sind zunächst für selbständige Aufsätze be-
stimmt, ohne eingehendere kritische Besprechungen, wenn die Haupt-
zeitschrift keinen Baum bieten könnte, auszuschliessen. Das Programm
der «Mittheilungen'' hat fi)r die Ergänzungshefte im vollen Umfang
Geltung; diese werden auch eine ausgiebigere Vertretung einzelner
Fächer, als sie bisher möglich gewesen ist, gestatten. Die Abhand-
lungen sollen auch hier das Maximum von 5 Druckbogen in der
Begel nicht überschreiten; ebenso soll die Fublication ungedruckten
Materials an die gleiche Beschränkung gebunden sein.
Die Ergänzungshefte werden zwangslos nach Massgabe des vor-
liegenden Materials im ungefähren Umfang der Hefte der . Mit-
theilungen' ausgegeben werden. Etwa 40 Bogen werden einen «Er-
gänzungsband* bilden, der eigenes Titelblatt und Inhaltsverzeichniss
erhalten wird. Auch ffir die Ergänzungshefte sind artistische Beilagen
in gleicher Weise in Aussicht genommen. Der Preis der einzeln käuf-
lichen Hefte bestimmt sich nach deren Umfang entsprechend dem
Preise der , Mittheilungen *. Das Abonnement auf die , Mittheilungen '^
yerpflichtet nicht zur Abnahme der Ergänzuugshefte.
. Wien, 15. Febr. 1883.
E. Mühlbacher.
Zur germanischen Verfassungsgeschichte.
Von
Wilhelm Siekel.
Zwei Verbände gleichberechtigter Männer kennt das altgerma-
niache Becht. Beide beruhen auf Abstammung und beide stehen,
weil ihre Zwecke sich nicht zu einem gemeinsamen Zweck vereinigen
lassen, juristisch isolirL Der eine Verband ist das Geschlecht, der
andere ist der Staat.
Das Geschlecht in seiner Gesammtheit friedet und schützt die
Seinen. Es realisirt seine Aufgabe dnrch Fehderecht und Fehdepflicht,
aus denen als besondere Functionen Bussfordernng, Bussleistung und
Eideshülfe der Verwandten hervorgehen; es alimentirt seine armen
and bevormundet seine wehrlosen Mitglieder.
Das staatliche Element ist das Individuum. Der Staat ist Volks-
staat: er setzt ein Volk voraus, und ein Volk fordert einen Staat.
Wir sind gewohnt diesen Staat nur auf seiner höchsten Entwicklungs-
stufe zu denken. Wir erblicken die Gemeinde, welche die Staats-
gewalt unmittelbar ausübt Wir sehen die Volksleute zu der grossen
Versanmilung gehen, nicht um als Einzelne vertragsmässige Pflichten
unter einander zu vereinbaren, sondern um als Gesammtheit zu han-
deln: ihre Willenserklärung ist die Aeusserung des Staats willens;
hier wird der zum Mann erwachsene Sohn des Gemeindegenossen
durch einen Volksbeschluss als ünterthan^aufgenommen; hier werden
jene Volksführer erkoren, welche die Besten unter den Volksleuten
sein sollen, wie es die Worte kindins, thiudans, leod und in concreter
Anwendung der Eönigsname Ostrogotha aussprechen. Der Volks-
mann dient im Volksheer, ein Volksgericht urtheilt über ihn, und
das Land, das er bewirthschaftet, ist Volksland. Was in diesem poli-
tischen Dasein nicht dem Volksgedanken entspricht, ist nicht eine
Schöpfung dieses Zeitalters, sondern üeberrest der Vergangenheit oder
Verbote einer anderen Zukunft.
8 Sickel.
Jahrhunderte vergehen, in denen wir die innere Geschichte des
Freistaats aus den Augen verlieren, und als die Verfassung wieder
sichtbar wird, zeigt sie bei vielen Völkern eine wesentlich andere
Natur. Selbständige Inhaber öffentlicher Befugnisse sind vorhanden,
welche mit dem alten Staat in keine rechtliche Verbindung gesetzt sind
Bald hernach erscheinen Monarc)iien, in denen der König der allei-
nige Inhaber der Staatsgewalt ist. Zwei Grundgedanken bestimmen
das Wesen einer solchen Monarchie: sie ist formell schrankenlos und
materiell begrenzt. Soweit das Machtgebiet des Monarchenrechts
reicht, ist der Monarch keiner Bechtsordnung unterworfen und der
ünterthanenwille ist bei der Bildung des Monarchenwillens staats-
rechtlich nicht noth wendig. Die juristische Consequenz dieses Wesens
der Monarchie kommt in jedem einzelnen Eönigsrecht zur Geltung.
Der König bestellt sich nach seinem eigenen freien Ermessen Ge-
hülfen, deren Pflichtenkreis und Amtsbezirk er willkürlich normirt;
Ernennung, Versetzung und Entlassung seiner Diener steht jederzeit
in seiner Gewali Von den ünterthanenpflichten macht er Gebrauch,
wann und wie er will, und die Anordnungen, die er hierüber trifft,
sind Verwaltungaordnungen, die ihn weder dauernd noch im einzelnen
Falle verpflichten. Er verfügt nicht minder über das immaterielle
wie das materielle Eönigsgut, über seine Bechte wie über seine Do-
mänen. Er beginnt Krieg oder schliesst Frieden, er erobert Land
oder tritt es ab, ohne an ein staatliches Becht gebunden zu sein.
Es ist nichts anderes als eine Beehtsfolge dieses Monarchenrechts,
dass der Monarch nach seinem Gutdünken die Mittel wählt, deren er
sich zur Wahrung seiner Befugnisse bedienen will; durch keinen
Bechtssatz wird normirt, ob er den Verletzer eines Monarchenrechts
oder wie er ihn bestrafen soll, oder ob er ihn zur Erfüllung seiner
Pflicht, wenn sie noch möglich ist, zwingen mag. So wenig Staats-
gewalt ohne Zwangsmacht, so wenig kann diese Staatsgewalt ohne
absolute Zwangsmacbt gedacht werden. Denn die Durchsetzung des
königlichen Bechts ist eine Bethätigung der Begierungsgewalt, sie
folgt dieser und geht ihr nicht voraus, und aus diesem Grunde muss
jenes absolute Wesen der Begierungsgewalt in ihr sich wiederholen.
Das Monarchenrecht ist materiell begrenzt. Sein Bechtsinhalt
ist geringer, als er gedacht werden kann; es gibt mehrere und be^
deutende Lebensgebiete, über welche dasselbe keine Herrschaft besitzt.
Diese inhaltliche Beschränktheit ist es, durch welche das Verhältniss
des Monarchen zum ünterthan ein Bechtsverhältniss wird, weil das
Becht hiernach eine verfassungsmässige Gehorsamspflicht bestimmt
Und kein Gesetz in modernem Sinn vermag dieses Staatsrecht zu
Zur germanisclien Verfassungsgeflchicliie. 9
andern. Es gibt einen Weg aber auch nnr einen, auf welchem eine
[Portbildung möglich bleibt: das subjectiye Monarehenrecht ist sub-
jecfciven Berechtigungen Staatsangehöriger zuganglich. Von ünter"
thanen werden Rechte an Königsrechten erworben. In Bechtsge-
schäften des Monarchen über Begierungsrechte gelangt dieser Gedanke
zuerst zur Aeusserung, aber aach durch andere Bechtsgründe kann
dasselbe Besultat erreicht werden. Aus solchen Indiyiduahrechten geht
mit innerer Nothwendigkeit eine objectiye Bechtsordnung herror,
welche in der Amtsverfassung und in Folge derselben in der Begie-
rungsverfassung des deutschen Beichs ihren Ausdruck findet. Nicht
äussere Zufälligkeiten und politische Schwierigkeiten, sondern die
innere Beschaffenheit der königlichen Gewalt hat diesen Fortgang
veranlasst, und in den erworbenen Bechten Dritter ist dem 6er^
manen die rechtliche Bindungsfahigkeit des Staats willens zuerst er-
schienen.
Von solcher Art war die Monarchie, welche auf den Freistaat
gefolgt ist.
Schon oft ist die Frage erörtert, ob ein genetischer Zusammen-
hang zwischen beiden Yer&ssungen besteht, ob insbesondere die
deutsche Monarchie von innen her entstanden oder ob sie unter dem
Einfluss und nach dem Vorbild des römischen Staats gegründet sei.
Die Frage wird ihrer richtigen Beantwortung näher gebracht werden
können, wenn wir genauer als bisher das Mass ermitteln, in welchem
der Yolksstaat vor dem Contact mit der alteuropäischen Civilisation
durchgeführt war. Wenn wir die einzelnen Einrichtungen auf diesen
Gesichtspunkt hin prüfen, so werden wir die Stufe der Entwicklung,
auf welcher der Freistaat der Germanen vor den letzten grossen Wande-
rungen und Eroberungen stand, mit ungeföhrer Bichtigkeit zu be-
stimmen vermögen. Die Beweismittel, in deren Besitz wir uns be-
finden, gestatten Schlüsse, welche für unseren Zweck hinlänglich
genau und ausreichend gesichert sind. Allerdings unmittelbar sagen
uns die Quellen nichts. Und je weiter wir in das Innere der Ge-
schichte vorzudringen versuchen, um so grösser wird die Ge&hr Irr^-
thümer zu begehen, welchen der üebersetzer, der Sammler, der Sta«^
tistiker -^ offenbar das Muster einiger neuerer Historiker — nicht
ausgesetzt ist. Die Methode eines Statistikers reicht nur bis zu den
Yorarbeiten, die weitere Yerarbeitung ist nach seiner Methode nicht
auszuführen, und wenn er Inconsequenz nicht ftrchtet, so wird er hier
seine Methode verlassen, ohne doch gegen sich selbst den Yorwurf
zu erheben, dass er ohne Methode fortarbeite. Es versteht sich, dass
jede Untersuchung dieser Art sich an ein Problem wagt» das nie voll-
10 SickeL
kommen lösbar ist, und dass die Schwierigkeit für das germanische
Alterthum zwar durch die Beschaffenheit unseres Materials gesteigert,
aber nicht allein verursacht wird. Denn das Wesen dessen, was wir
wissen wollen und vielleicht wissen können, hätte kein Zeitgenosse
zu überliefern vermocht.
Meine Abhandlung hat nicht die Absicht Gegenstände und Be-
weisgründe zu erschöpfen, und da sie ferner nicht wiederholen soll,
was ich in meiner Geschichte der deutschen Staatsverfassung 1, 1879,
in den Göttingischen gelehrten Anzeigen 1880 8. 161 — 195 und in
den vorliegenden Mittheilungen II, 127— 184. III, 130—137, 301—303,
689. lY, 121 erörtert habe, sofern nicht ein besonderer Anlass es
wfinschenswerth macht, wird sie einen fragmentarischen Charakter
nicht vermeiden können.
Bevor wir uns mit der Aufgabe des Aufsatzes beschäftigen, müssen
wir uns über denjenigen Kreis verständigen, innerhalb dessen sich
das altgennanische Staatsleben bewegt hat. Wir gehen von einer
Thatsache aus, deren Bichtigkeit, soweit mein ürtheil reicht, nicht
in Frage zu ziehen ist Es ist die Thatsache, dass die germanischen
Völker aus einer grossen Volksgemeinschaft hervorgegangen sind.
Das Urvolk schied sich in Völker, welche sich aufs neue aufgelöst
haben. Wie jede Volksmasse ein Theil eines ehemaligen Ganzen war,
so trug auch eine jede Anlage und Trieb in sich sich selbst zu theilen.
Ich erinnere nur an wenige bekannte Ereignisse. Als sich die deutsche
Urnation von dem Ostvolk abgelöst hatte, hat sie lange in Einheit
gelebt, weil sie Zeit gehabt hat, die westgermanische Sprache auszu-
bilden. Dann ging sie in drei Völker auseinander, welche zwar das
Bewusstsein ihrer früheren Einheit bewahrten — sie sprachen es in
einem Mythus aus — aber nicht vermocht haben ihre Einheit zu be-
haupten. In historischer Zeit war nicht nur die altdeutsche Drei-
iheilung längst vollzogen, sondern Volk auf Volk war weiter zer-
fallen. Man weiss, dass die Völker des ältesten und mächtigsten
deutschen Stammes an der heiligen Stätte ihres ürvolks ein gemein-
sames Opfer darbringen liessen, aber eine solche Aeusseruug des Zu-
sammenhaltens ist für die Völker der beiden anderen Stämme vielleicht
nie vorhanden gewesen oder hat sich allmälig auf eine engere Gruppe
innerhalb dieser Völkergemeinschaft eingeschränkt, vgl Tacitus, Germ,
a 9. 39. 40; ann. I, 51. Die Völkertrennung ist in historischer Zeit
noch nicht zum Stillstand gelangt, sie schreitet fort und verändert
die Bedeutung der Völkernamen. Eine Benennung, welche einst ein
einzelnes Volk bezeichnete, wird zu einem Sammelnamen für eine
Völkergruppe; neue Völker nehmen Sondernamen an und wir be*
Zur germamacliei] yerfassuDgegesohiclite. 11
merken, dass mehrere nach der Landschaft, welche sie bewohnten,
benannt worden sind ^).
Wir übergehen Ursachen und Verlauf der einzelnen Völkerspal-
tungen, aber müssen hervorheben, dass die Trennung keinen Unfrieden
Yorausaetzt, sondern langsam, schrittweise und ohne jede feindselige
Gesinnung und Handlung eintreten konnte. Wir erfahren zwar, dass
innere Zerwürfnisse, Verfeindung von Häuptlingsgeschlechtern, Eifer-
sucht und entgegengesetzte Politik der Volksführer die Einheit eines
Volkes gefährden oder zerstören^), aber wenn wir sehen, wie oft
stammverwandte Völker fest zusammenhalten, so können wir folgern,
dass sie sich friedlich abgesondert hatten. Es ist erklärlich genug.
War die Bevölkerung so gewachsen, dass Acker und Weide im alten
Lande ihr nicht mehr genügten, so drang das Volk erobernd über die
Grenze vor. Die Volksausbreitung hob nicht nothwendig die Staats-
einheit auf, aber sie lockerte und löste in Zukunft vielleicht einen
Verband, der durch das schwache GefÜge des ürstaats nicht gewähr-
leistet wurde. Entfremdeten sich die Bewohner eines Landestheils dem
Gemeinwesen, kamen sie nicht mehr zu den grossen Versammlungen,
sondern hielten sie eigene Zusammenkünfte, auf denen sie über ihre
Angelegenheiten beschlossen, so wurden sie ein Volk und. ein Staat.
Das Wesen der alten Verfassung hat diese Auflösung des Staats
in Staaten nothwendig gemacht. Der Germane kennt nur den Volks-
staat, welcher durch eine unmittelbare Volksversammlung regiert wird;
nach seiner Auffassung haftet das politische Becht so an der Person
des Volksmanns, dass seine Ausübung nicht abgetrennt und über-
tragen werden kann. Einem solchen Staat sind durch seine Verfassung
äussere Grenzen gesetzt Denn wenn jene ürversammlung ein benutz-
bares Becht sein soll, so müssen die Staatsgebiete von massigem Um-*
fang sein; je reger das innere politische Leben wird, um so kleinere
Territorien werden wünschenswerth oder erforderlich sein, und je un-
entwickelter es ist oder je mehr es sinkt, um so grössere Bäume kann
dieser Staat einnehmen (Vergl. Tacitus, ann. II, 44, 46). Wären wir
«) Vgl s. B. Plinius, bist, nai IV, 28, 99. Tacitni, Germ. o. 29 ; bist. IV,
12. Ptolemaeuflll, 11^8. 11. 16. Ganz yerschieden yon den alten GoUeotivbezeioli-
mmgen sind spätere Stammnamen, vgl. Germania o. 48. Prooop, bell. Yandsl. I, 2.
Geogiaphiflohe Benennimgen ermittelt MüUenboff in der Zeitschrift für deutsches
Alterthnm IX, 286. XXIII, 6, in den Abhandlungen der Akademie der Wissen-
Schäften m Berlin. 1862. S. 521. •) Velleius II, 118,4. Tacitus, Germ. 0.29,
um. I, 66. 57-60. 68. II, 7. 26, ib. 88. XII, SO. Gassius Dio LXXI, U, 4. Euna-
pius bei Dindorf 1, 252 t Idatius, Ronoallius U, 41. 44. Prooop, bell Gotbial, 15.
III, 2. IV, 84. Jordanss a 5. 24.
12 Sickel.
im Stande einen historischen Atlas der Volksländer im germanischen
Alterkhum za entwerfen, so dürften wir dort das lebendigere und mehr
fortgeschrittene politische Leben und eine höhere Yollendnng des
Freistaats yermuthen, wo wir Lander von der geringsten Ausdehnung
erblicken. Ich behaupte nicht, dass dieses Motiv zu klarem Bewusst-
sein gekommen sei, aber das GefQhl, dass der Staat in seiner ursprflng-
liehen Organisation an die thätige Gremeindeversammluiig gebunden
sei, kann ohne die volle Absichtlichkeit der Trennung und ohne die
üeberzeugung von ihrer politischen Noth wendigkeit eineYSlkerscheidung
herbeigeführt haben.
Der Germane hat ein doppeltes staatsrechtliches Dasein in einem
Oberstaat und einem ünterstaat nicht gekannt. Sein Staat ist ein
einheitlicher Yolksstaat. Werden gemeinsame Versammlungen und ge •
meinsame Opfer von Staaten vereinbart (vergl. Tacitus, bist lY, 64)
oder finden sie statt, wo ein Yolk in der Auflösung begriffen war,
so ist doch hier nicht eine neue Staatsart gegründet, welche in der
Bechtsgeschichte eine Stelle neben dem Yolksstaat einnehmen darf. Sind
Staatenbund nnd Bundesstaat vorgekommen, so sind sie doch nicht
volksrechtliche Bildungen von Bedeutung für die Bechtsgeschichte. Wenn
alte Stanmigenossenschaft, dauernde Nachbarschaft, ererbte Kultusge«^
meinschaft, häufige Eriegsgenossenschafb und die Erfahrungen, welche
die üebergänge von der Staatseinheit zu einer Mehrheit von Staaten
brachten, nicht hingereicht haben, um den ursprünglichen Staatsge*
danken den Gedanken der Institution des Bundesstaats oder Staaten-
bundes zu bereichern, so ist eine der Ursachen die als nothwendig
empfundene XJrversammlung der Yolksgemeinde gewesen.
Ersatz ftir den Mangel des Grossstaats hat das Alterthum besessen.
Wir finden Yölker als unzertrennliche Gefährten, welche auch auf der
Wanderung zusammenhalten. Neben thatsachlichem Zusammengehen
sind rechtliche Yerbindungen vorhanden, Bündnisse, kündbar oder un-
kündbar, zum Angriff oder zur Yertheidigung, durch das sociale Band
der Verwandtschaft befestigt, oft ebenso wirksam wie ein Staat, aber
nicht als Staaten wirksam. Endlich sind Staaten völkerrechtlich unter-
worfen, um Kriegsmacht und Ansehen des Siegers zu verstärken ^).
<) VgL z. B. Oaesar, bell. Gallic. I, 86. 44. VI, 10. Strabo YI[, 1, 14. Jor-
danes a 88. 48. Agathias I, 6. Fredegar c 74. Gesta Franoomm o. 10. 15. Paulas
Diac. I«7. Beovulf 10 f. Annal. Einhard. 810. Langebek 1,71 f. DC, 746. In
der Geaohiehte der Yölkervereinigung ist bemerkenswerth, dass sich ein König
noch spät rex Yandaloram et Alanornm nannte, Viotxnr Yitensis II, 89. III, 8
Petschenig. Procop, bell. Yandal. I, 5. 24, freilich war das zweite Yolk kein ger-
manisches.
Zur germanischeB VertaaBongageechicbte. 13
Wenn wir CSsan Mittheilung bell Gallic. VI, 23 lesen, so glauben
wir den germanischen Staat bei seinem ersten Auftreten in der Oe-
achicbte als einen zusammengesetzten Staat kennen zu lernen. Kein
spaterer Schriftsteller bis auf einen Mönch des 10. Jahrhunderts hat
uns eine Nachricht hinterlassen, welche zur Bestätigung einer solchen
Beschaffenheit des altdeutschen Staatswesens dienen könnte. Die ciyitas
des Tacitns ist, wie MQllenhoff in den Abhandlungen der Akademie
zu Berlin 1862 S. 529 treffend sagt, eine einzelne politisch selbständige
und abgeschlossene Yolksgemeinde. Wohl hat Tacitus die gemeinsamen
Handlungen mehrerer, meist stammverwandter Völker beachtet (ann.
1, 44. II, 45. XII, 29 ; bist. I, 2), wie sie auch unter stammesfremden
auf Orund eines BQndnisses eintraten ( J. Capitolinus, M« Antonin. Fhilos.
c. 22), aber er hat ihre völkerrechtliche Selbständigkeit im Kriege
nicht unerwähnt gelassen, vergl. z. B. ann. XIII, 57. Spater sehen
wir die Staaten des alemannischen Stammes rechtlich unverbunden
neben einander stehen (Ammian XVI, 12, 26. XVIII, 2, 1 vergl. XVIII,
2, 8. Flavius Vopiscus, Probus c. 14), und diese Völker, von Ammian
nationes XXX, 7, 7 oder populus, XXXI, 10, 1. 5 genannt, von
Einherrschem regiert, geographisch einen pagas das. XVII, 10, 5.
XXI, 3, 1 oder mehrere das. XVIII, 2, 8 vergl. XXXI, 10, 1. 5 um-
fEisseod, welche wohl auch regna das. XVII, 2, 14 gewesen waren,
sind später von einem einzigen Könige beherrscht worden (Gassiodor,
Var. n, 41. Vita Vedasti br. c. 2, Acta Sanctorum, Februar II, 801),
ohne dass der geringste Anlass zu der Vermuthung vorliegt, dass
dieses Ende die Folge einer Bundesverfassung gewesen sei. So dunkel
die Geschichte der thüringischen Reiche ist, eine verfassungsmässige
Verbindung der Königreiche ist in der kurzen Zeit, in die ein geringes
Licht fallt, nicht vorhanden gewesen ^). Die Staaten des saliränkischen
Stammes haben, soweit Gregor U, 19. 27. 37. 41. 42 unterrichtet war,
in gänzlicher völkerrechtlicher Selbständigkeit bestanden. Analog hatten
die Staaten der Quaden, in welche das einst einheitliche Volk zerfallen
war, das Recht Sonderpolitik zu treiben, weil eine andere als eine
factische Verbindung zwischen ihnen nicht bestand.^)
Es würde nun sehr unbedacht sein, wenn wir uns erlaubten nach
*) Vgl Gregor Ilf, i, l. Ven. Fortonatus, Vita Badegondis c. S^Migne LXlZVni,
49S. Prooop, bell Gothio. 1, 12. 18. Gassiodor, Var. III, S. IV, 1. Epist bei Boaquet
IV, 59. Spätere Zeit betrifft Willibald, yita Bonifatii, Ja£fö III, 45S.
>) Eiiut ein Königreich nach Tadtiia, Germ. c. 42. OaMiaa Dio LXXT, 11.
IS. Julius Capitolinus, M. Antonin. Philos. XIV, 8 bildend, sind sie später in
Königreiche lerfollen, Ammian XVII, 2, 9 ff. 21. XXX, 6, 1 f. Jordanes c. 16.
14 Sickel.
einer Nachricht aas dem 10. Jahrhundert fiber die sichsische Yerfaesung
im 8. Jahrhundert ein altgermanisches Staatswesen zu reconstruiren.
Man kann über die Olnubwürdigkeit des Berichts rerschiedener Ansicht
sein, aber man darf, wenn man ihm Tettraut, aus seinen besonderen
Angaben über das Sachsenrecht nicht allgemeinere Folgerungen ziehen,
indem man diejenigen Theile, die zu eigenthümlich scheinen, fallen
lässt und andere, welche dem äusseren Eindruck nach mit anderen
Mittheilungen übereinstimmen könnten, nicht bloss als ein sicheres
sondern auch zur Analogie terwendbares Material behandelt. Die Dar-
stellung selbst ist weder genau noch erschöpfend. Fagi sind zu dem
MarUoer Verbände vereinigt Aus ihnen senden drei staatsrechtliche
Stande gewählte Vertreter von bestimmter Anzahl in den Landtag;
die versammelten Abgeordneten üben eine umfassende, nicht näher zu
begrenzende politische Thätigkeit aus; der pagus hat einen Vorsteher,
welcher seine Stellung durch Wahl erhält Wie aber ist das staats-
rechtliche Verhältniss zwischen pagus und Gesammtheit? Ist der pagus
ein staatliches Wesen ? Begiert er, hat er völkerrechtliche Handlungs-
fähigkeit? Hucbald, Vita Lebuini SS. II, 361—363 hat diese Fragen
unbeantwortet gelassen. Was wir durch andere Berichterstatter aus
der sächsischen Staatsgeschichte erfahren, hellt jenes Dunkel nirgends
auf Zosimus III, 7 nennt ein sächsisches Volk unter einem Einzel-
herrscher, wie ihn nach Beda V, 10 der pagus besitzt Wenn eine
sächsische Auswanderung erfolgte (Zosimus III, 6), so kann dieser
Thatbestand nicht mit Dahn, Urgeschichte II, 208 als ein genügender
Anhalt betrachtet werden, um der Handlung einen Bechtsgrund,
den Beschluss einer Bundesgewalt, unterzulegen. In den fränkisch-
sächsischen Kriegen kämpften die Sachsen im Jahre 772 noch so
vereinzelt, dass Poeta Saxo I, 43 sagen konnte : quot pagos, tot paene
düces, aber später handelten Theile gemeinsam, grössere Gruppen
schlössen für sich Frieden. Die Führer, welche sie hier leiteten, waren,
wie sich versteht, Männer von Adel ^). Weder ist die Gesammtheit der
sächsischen Völker auch nur völkerrechtlich verbunden, noch können
wir einen bundesartigen Verband eines Volkstheils während dieser
Kriege wahrnehmen. Capttulatio de partibus Sazoniae c. 34 lässt keine
Beziehung auf frühere staatliche Verhältnisse zu. So haben wir nur die
einzige und sehr fragmentarische Nachricht über einen sächsischen
Verband, und wer möchte mit ihr die Hypothese von altdeutschen
Doppelstaaten stützen? Sobald wir diesen Markloer Verband in seiner
*) Auial. fimhard. 775,777; Lauriss. 775 88. 1,154 f., 157. Vita Liutbirgae
c. 1 SS. IV, 158. Sage gibt Widukind 1, 14.
Zur germailiBcfaen Verfeasungsgeschichte. 15
staatsrechtlichen Art feststellen wollen, versagt uns das Material den
Dienst, und sollten wir nun im Stande sein, aus Unbekanntem Un-
bekanntes zu erschliessen ? Oder ist nur in einem einzigen Falle wahr-
scheinlich zu machen ^), dass die Yereinigang der Völker eines der
spateren deutschen Stamme zu einem Staate genetisch yon einem
Staatenbunde oder Bundesstaat abstamme?
Die berfihrte Streitfrage würde yielleicht nie aufgetaucht sein,
wenn nicht zwischen Cäsar und Tacitus ein scheinbarer Widerspruch
obwaltete, den man durch die Annahme eines germanischen Doppel-
staates am leichtesten beseitigen zu können geglaubt hat, ohne dass
man beachtete, dass durch jene Lösung die Schwierigkeiten vergrossert
und vermehrt wurden. Die Ursache dieser und anderer Irrthümer ist
die zwar erklärliche aber nicht zu rechtfertigende Neigung, die Aus-
drucke unserer Quellenschriftsi eller stets als technische zu nehmen.
Wie weit ist nicht ein Ausdruck wie rex, regulus, regalis, ^Xop^od
8ovdoti]c. ßaatXe6c. Wenn wir nun heute eine bestimmte Würde als
Königthum bezeichnen und jeden germanischen rex u. s. w. einen
König nennen, so tauschen wir den Leser über den Sinn vieler Autoren.
Wenn wir gens und natio technisch nehmen, so werden wir z. B. ffir
Tacitus diese Annahme aufzugeben haben, vfergl. z. B. Germania c. 34.
35. 38. 43; ann. I, 55. XIII, 54. Nicht basser ist das Wort pagus.
Ffir italische Yerhältnisse ehemals technisch, früh auf keltische Oliede-
mngen übertragen, seit Cäsar auch für den Germanenstaat in Gebrauch
gekommen^), hat der Ausdruck doch nicht eine feste gleichmässige
Anwendung gefunden, er ist weder bei den verschiedenen Schrift-
stellern nodi immer bei dem nämlichen Autor für eine Staatsabtheilung
Yon einer und derselben Art und Grösse technisch geworden. Tacitus
schildert einen centralisirfcen Staat, den er ciyitas nennt, einen Staat,
welcher kein anderes yerfassungsmässiges Organ seines Willens als
die Versammlung der Volksgemeinde und keine anderen dauernden
und allgemein wirkenden Vorsteher als Vorsteher der Gesammtheit
besitzt Dieser Staat hatte Unterabtheilungen, welche Germania c. 6.
39 als pagi bezeichnet, aber an anderen Stellen ist ein fester Gebrauch
*) Gegen Dahn, die Alemannenschlaoht 1880 S. 56 f. und Urgeschichte II,
285, hat sich auch Waitz II, 1 8. 10 f. erkl&rt >) Uelwr den italischen pagus
TgL Maiqaardt, Römische Staatsyerwaltnng 1,2. Aufl. 1881, 8. 4 £ und Madvig,
Verfiusnng und Verwaltung des rOmischen Staates II, 1882, 8.20 ff. Th. Mommsen,
welcher im Hermes XVI, 449. 450. 479. 487 die Uebertzagung auf Kelten und
Germanen behandelt, macht den unrichtigen Schluss, dass wir den Germanenstaat
aus dem Keltenstaat erläutern könnten, weil ftir beide dvitas und pagus ge-
braaeht sind.
16 Sickel.
dieses Wortes theils zweifelhaft, theils eutschieden nicht vorhanden,
Germania c. 12; ann, L 56; hist, IV, 15. 26 yergl. Dahn, Könige I,
57. Plinins, hist. nai lY, 27, 99 hat ebenfalls germanische Volks-
abtheilungen mit pagas übersetzt, aber anders als seine Nachfolger
hat Cäsar die Worte verwendet. Der Staatsmann und Feldherr hat dem
Vereinswesen unter den Staaten seine besondere Aufmerksamkeit ge-
widmet und er hatte Anlass genug dasselbe zu berücksichtigen, vergl.
bell. Gallic. I, 37. IV, 1. 16. VI, 9. 10. Noch hielten Völker eines
Stammes Versammlungen ab, auf denen sie mindestens über auswärtige
Politik Beschlüsse fassten, das. IV, 19. Eine solche Völkergemeinschaft
und Staatengesammtheit hat Cäsar zuerst in einem einzelnen Fall und
später allgemein als civitas bezeichnet, das. IV, 3. VI, 23, womit er
j.edoch auch den übierstaat bezeichnen konnte, das. VI, 9. Als er nun
neben jenen Gemeinwesen den Einzelstaat darzustellen hatte, sah er
sich genöthigt für ihn VI^ 23 einen anderen Ausdruck zu wählen,
und er hat denjenigen gewählt, den er für die keltischen Länder I,
12. 13. VI, 11 benutzt hatte. Tacitus hingegen hat seine allgemeine
Erörterung auf den Sonderstaat gegründet und so begreift sich, dass
sein Sprachgebrauch ein anderer wurde. Ein sachlicher Widerspruch
liegt zwischen beiden Historikern in dieser Hinsicht nicht vor. Und
wenn es richtig ist, dass Cäsar nur Vorsteher seines pagus, Tacitus
hingegen nur Vorsteher seiner civitas kennt, so genügt dies um zu
beweisen, dass sie mit demselben Ausdruck nicht dasselbe gemeint
haben, weil die germanische Verfassungsgeschichte sich nicht sprung-
haft sondern langsam und stetig fortbewegt hat.
Die vorstehenden Ausführungen hatten darzulegen, dass der
Germanenstaat ein Einheitsstaat gewesen ist Nach dieser Einleitung
wenden wir uns dem eigentlichen Thema zu. Wir suchen zunächst
zu ermitteln, was wir mit Grund als den Besitz des Urstaats anzu-
nehmen haben und werden hierauf mehrere Einrichtungen einer Prü-
fung auf ihren freistaatlichen oder unfreistaatlichen Gehalt hin unter-
werfen. Urstaat in dem Sinn, wie er auf den folgenden Seiten
sich findet, bedeutet nicht den Staat, welcher das gesammte Germa-
nenvolk vereinigte, sondern den Staat, welcher bei den Germanen
bestand, als die Gemeinschaft der Gesammtheit noch öffentliches Becht
auszubilden vermochte.
I. Der germanische Urstaat
1. Die Volksversammlung.
Die Versammlung der Volksgerpeinde ist die Grundlage des Volks-
staats. Dieser Staat entsteht durch sie und besteht durch sie. Wir
Zur germanischen Ver&aBimgsgeachiclite. 17
müssen sie ftlr urgermanisch halten. Denn sie ist eine Einrichtung,
welche so allgemein und so gleichartig in den germanischen Staaten
Yorhanden war, dass sie weder aus der Stammyerwandtschaft noch
ans Entlehnungen noch aus ahnlichen politischen Schicksalen der
Völker zu erklären sein wird. Hätte sie nicht bestanden, ehe sich
die Volker in unzusammenhängende Sonderstaaten auflösten, so würde
ihre Verbreitung ein Bäthsel sein. Man glaube nicht, dass sie un-
yermeidlich auf dem Wege der Entwicklung zu finden war; eine re-
gierende Volksversammlung ist kein leichter und nothwendiger Er-
werb. Femer müssen die Grundmauern des Verfassungsgebäudes, das
auf ihr ruht, so fest gewesen sein, dass die späteren Zeiten und Völker
nur auszubauen hatten, ohne dass sie sich hierbei erhebliche Abwei-
chungen gestatten konnten.
Im Einzelnen ist der Grad der Entwicklung des ürstaats und
seiner Versammlung unbestimmbar. Wenn wir später Bestandtheile
des allgemeinen germanischen Staatslebens antreffen, welche eine volle
oder beträchtliche üebereinstimmung zeigen, so werden wir dieselben
dennoch nur aus besonderen Gründen auf den ürstaat zurückführen
dürfen, weil sie im Allgemeinen rechtsnothwendige Aeusserungen des
Wesens des Freistaats sind, mithin auch die späteren Staaten, auf
welche die freistäatliche Grundlage des ürstaats vererbt worden war,
sie f&r sich hervorbringen mochten.
Auch die Entstehung der Volksversammlung ist nicht mehr fest-
zustellen. Jacob Gh-imm, BA. 821 vgl 245 hat vermuthet, dass sie
sich auf ein Opferfest gründete. Die periodische Wiederkehr würde
demnach aus dem Fest hervorgegangen sein, das einem Gott galt, der
zum Theil noch Naturgott war und dessen Feier daher an die Jahres-
zeit gebunden war '). Hiermit wäre nun zugleich ein fester Ort für
die r^elmässigen Zusammenkünfte gegeben. Es ist die Kultusstätte,
das Heiligthum des Volkes, vgL MüUenhoff in Schmidts Zeitschrift
VJll, 269. Die Gründe dieser Annahme sind der sacrale Friede, die
Gegenwart des Priesters, der heilige Hain, die heiligen Thiere, die in
der Nähe sind 3). Wenn MQllenhoffs Annahme eines urwestgerma-
nischen Herbstfestes richtig ist^), so würde sich ergeben, dass die Ur-
*) Vgl. Germania c. 9. 89. Grimm, RA. 244. Mflllenfaoff in Schmidts Zeit-
echrift Vm, 264 f. 266. 268 und in der Zeitfichrift fAr deutsches Alterthum XXIII,
24. 25. Germania c 6 beweist nur, was wir auch durch c. 89 wissen, dass es
öfifenüicbe Opfer ohne Volksversammlung gab. ') Germania c. 10 vgl. annal. II, 12 ;
histor. IT, 14, auch annaL 1,56 Biattium, id genti caput, Müllenhoff in Schmidts
Zeitschrift VIS, 267. >) In Schmidts Zeitschrift VIII, 254 f. uud in der Zeitschrift fQr
deotaohes Alterthum XXTTT, 25.
MittheiluDg^n. ErgftnzaDfsbd. I. 2
18 SiokeL
Versammlung des Weststammes nicht den Zweck hatte die Krieger
zu militärischen Diensten zu versammeln. Die Vermehrung der An-
zahl der Versammlungen, die Tacitus, Germania c. 11 andeutet und
Cassius Dio LXXII, 2, 4 beweist, ist ein Zeugniss fOr die gesteigerte
Selbstregierung des Volkes.
2. Die decimale Volksordnung.
Sie ist die zweite und letzte Einrichtung, die wir mit Grund auf
den ürstaat zurückführen können. Schon von Tacitus als eine ver-
breitete Gliederung gekannt, später z. B. bei Franken und Ale-
mannen, Gothen und Vandalen und bei nordgermanischen Völkern
vorhanden, nach demselben Zahlensystem und demselben Object be-
rechnet, von verwandter Gestaltung und zu ähnlichen Zwecken be-
stimmt, wird die numerische Ordnung der Völker nicht aus selbstän-
digen einzelnen Schöpfungen, sondern nur aus einer ursprünglichen
Gemeinsamkeit in der Zeit des ürstaats zu erklären sein ^). Wer mit
der Geschichte der indogermanischen Kationen vertraut ist, könnte
geneigt sein, die Einrichtung für vorgermanisch zu halten, weil ähn-
liche Gruppirungen bei Indern, Latinern, Hellenen, Bussen und Kelten
erscheinen, aber es bedarf nur eines flüchtigen Blicks auf deren Zahlen,
Zählungsgegenstande und Verwerthung, um eine erhebliche Verschie-
denheit zu erkennen. Hierzu kommt, dass z. B. bei den Indem die
EinführuDg einer solchen Ordnung der späteren Zeit angehören wird ^).
Keltische Völker sind ohne numerische taktische Einheiten, wir finden je-
doch hundert Dörfer verbunden, Giraldus, Itinerarium II, 7 und Descriptio
Kambriae c. 4, opera VI, 1868, S. 127. 169. Ob mit einer^ derartigen
Einth eilung des Landen der grosse Rath der Keltenstaaten, den z. B.
Cäsar, bell, Gallic. II, 28. Strabo XII, 5, 1. Tacitus, bist. V, 19, vgl. auch
Walter, Das alte Wales 1859 S. 399 bezeugen, in Zusammenhang
steht, ist hier nicht zu untersuchen. Dass die Nervier Kelten waren,
folgt unter anderm aus einer Vergleichung von Cäsar, bell Gallic.
n, 4. 15 mit Tacitus, Germania c. 28, bist. IV, 15 und daher haben
deBelloguet, Ethnog^nie gauloise HI, 1868, S. 409 und Valroger, Les
Celtes 1879 S. 111 ihre 600 Bathmänner mit Becht für einen kelti-
') Ich sehe nicht, wie Dahn, Urgeschichte 1,90. 475 das Gtegentheil begrün-
den will. Vgl. jedooh auch Steenstnip, Normanneme IV, 76 £ und hierzu unten 8. 21.
*) Vgl Lassen, Indische Alterthumskunde. 2. Aufi. 1, 959. 966 f. Zimmer,
Altindischee Leben 1879 S. 174. Th. Mommsen, Römische Geschichte. 7. AoiLI, 64f.
Hug, Stadien I, 1881, 8. 8 ff. Reutz, Yersuch über die geschichtliche Ausbildung
der russischen Staats- und Reohtsverfassung 1829 S. 64 f. Manch, Det nonke
Folks Historie, übers. TOn Claussen I, 180. Braumann, Die prindpes 1888 S. 20 f.
Zur germaniBchen VerfiMgongageeoliichte. 19
sehen Staaisratli gehalten, üebrigens ist es eine bekannte Thatsache,
•daes nnmerische Ordnungen auf gewissen Entwicklungsstufen sehr
häufig erscheinen, ygL z. B. Th. Waitz, Anthropologie lY, 405 und
T. lEüchthofen, China 1,426.
Die Grundzahl des germanischen Bechts ist nicht leicht festzu-
stellen. Nehmen wir eine successive Entstehung der einzelnen Ord-
nungen an, so sind wir nur genSthigt eine ürzahl fOr den ürstaat
vorauszusetzen, weil die spatere ausgedehntere Anwendung der Zahlen-
gliedemng hierdurch hüilanglich erklärbar würde. Zunächst steht
durch Tacitus Zeugniss die Hundertschaft fOr das erste Jahrhundert
fest, aber gleichzeitig und nach dem Ausdruck des Schriftstellers von
gleicher Verbreitung ist eine umfassendere Yolksgliederung Yorhan-
den. Wir erfahren allerdings nicht ihr Eintheilungsprincip, aber wir
sehen doch soviel, dass jene Abiheilungen, Oermania c 6 pagi ge-
nannt, von ungefähr gleicher Grosse waren, und dass ihre Grosse die
der Hundertachafb weit übertraf. Haben wir nun keinen Grund für
die damalige Zeit ein anderes als das deoimale Eintheilungsprincip
f&r allgemein germanisch zu halten, so müssen wir folgern, dass
diesem grossen Yolkstheil die Tausendschaft zu Grunde lag. Das ist
freilich nur ein Schluss« aber ist er nicht besser als der Yersuch jenen
pagns aus einer Zusammenlegung mehrerer Hundertschafton zu deuten?
Wir finden tausend Yolksleute als taktische Einheit in jenen 9uebi-
schen Heerhaufen wieder, die zur jährlichen Heerfahrt auszogen, die-
selbe Gesammtheit kehrt* bei Gothen und Yandalen wieder und ist
auch von den Nordgermanen wohl nicht vergessen, Hervarar saga ed.
1785 c 17, 18 S. 197. 211. Saxo Grammatious S. 238 MüUer. ülfilas
nennt Tausendführer Marc. YI, 21. Joh. XYÜI, 12 und HundertfÜhrer
Matth. YUI, 5. 13. Marc. XY, 39. 44. 45. Lucas YII, 2. 6, aber da in seiner
Yorlage ein Zahlenname stand, kann das eine Wort nach Analogie
des andern gebildet sein, mithin kommt sein Zeugniss für die Ent-
scheidung Über die Priorität nicht in Betracht Es ist allerdings wahr-
scheinlich, dass in Deutschland die Tausendschaft später nicht mehr
nachweisbar ist, und selbst im fränkischen Heere hat sie sich nach
Maaridus Strateg. X,4 nicht erhalten; was Chronic. Novalic. III, 10,
SS. YII, 100 berichtet, ist wohl eine gelegentliche Formation. Die
merkwürdige Glosse des Hrabanus Maurus: tribunus ambactman, qui
mille praeest viris. Eckhart, Francia Orient. II, 958 ist doch nicht mit
Sicherheit auf bestehende deutsche Tausendschaften zu deuten, und
ob die.Schaaren von tausend Mann z. B. bei Widukind I, 9. Bagewin
III, 32. Orderious Yitalis YIII, 23. Thiofrid c 35 SS. XXIII, 27. auf altger-
manischen Traditionen zurückgehen, wird erst spätere Forschung ent-
2*
20 SickeL
scheiden. Auch Beovalf 2196 verglichen mit Beda III, 24 und Aelfreds
üebersetzung desselben ist hierbei von Gewicht ^). Ist nun das Material,
nach welchem gegenwärtig die Frage, ob die Hundertschaft oder die
Tausendschaft die ältere sei, zu beantworten ist, nicht von beträcht-
lichem umfang, so glaube ich dennoch, dass die grösseren Völker
der Vorzeit umfangreicherje Gruppen formirten, dass solche Tausend-
schaften jedoch in den Kleinstaaten ausser Gebrauch kamen und durch
kleinere Formationen ersetzt wurden.
Es ist gewiss, dass die Zahlenordnung einer organisatorischen
Handlung ihren Ursprung verdankt, aber es wird sich nicht ermit-
teln lassen, ob die Volksleiter, welche offenbar die Urheber des Planes
gewesen sind, die Eintheilung, die anfanglich wohl nur für einen
einzelnen Fall getroffen war, nach eingeholtem Beschluss der Volks-
gemeinde ausgeführt haben oder ob das Volk ihrer einseitigen An-
ordnung freiwillig gefolgt ist. Es versteht sich, dass Frocop, bell.
VandaL I, 5 hierfür unverwendbar ist Auch Anlass und Zweck der
ursprünglichen Gruppirung werden sich schwerlich mit einiger Si*
cherheit wahrscheinlich machen lassen. Für das Vorwalten des mi-
litärischen Gesichtspunktes spricht am besten die Thatsache, dass die
Gliederungen lange Zeit ohne Vorsteher im Frieden gewesen sind.
Dies ergibt sich für die Hundertschaft aus Germania c. 12 und wird
unbedenklich analog für die Tausendschaft zu gelten haben. Hierzu
kommt, dass nach Germania c 30 ausser den Oberbefehlshabern noch
weitere Anführer erkoren wurden; den Chatten war nur das eigen-
thümlich, dass sie mehr als andere Völker auf die militärische Tüch-
tigkeit, also, so schliessen wir, weniger, als es sonst gebräuchlich war,
auf den Adel sahen'). Demnach hatten die Truppenkörper nicht
allgemeine Vorsteher. Es ist jedoch mit der Annahme taktischer Ein-
heiten schlecht zu vereinigen, dass die Keilkolonne, dieser Beatand-
0 Vgl, Kluge in Paul und Braune, Beitrage IX, 191 f.
*) YgL annal. I, 68. II, 15. Mehrere Oberanführer fAr seine dvitas hat O&sar,
bell. Gallio. VI, 28, 4, ein Beispiel I, 87, 8, entspreohend Ammian XVI, 28. Bb ist
allerdings zu beachten, dass die Reiterei einen besonderen Anf&hrer erhalten
muaste. Wie alt, verbreitet und oft stark die Reiterei germanisoher Völker war» seigen
Strabo VII, 2, 1 Linus XLIV, 26. Plutarch, Aemilius Paulus XII, 7; Oth. XII, 4 f.
Cassius Dio LV, '24. CBsar, bell. Gall. 1,46. 48. IV, 2. 4. 9. 12. 16. VI, 10. 85.
Velleius 11,109, 1. Tadtus, Germania c. 6.7. 15. 27. 80. 82. 85. 46; annal. 11,19;
histor. IV, 12. 17. 88. Ammian XVf, 12, 21. Dezippus bei Dindorf I, 191. 197. Mau-
ridus Strateg. X, 4 und Leo imp. Tactic. XVIU, 81 f. Adam Brem. IV, 22. Regino
881 SS. 1,592. Eine Ausnahme macht das Reitervolk der Vandalen, Procop, bell.
Vandal. 1,8.
Zur gennaiiiBchen Yerfassaiigsgeschicfate. 21
theil der uraltea Seblachtordnung, sich aus dem Geschlecht formirte,
Germania c. 7, und hiernach scheint es, dass die cunei Germania c. 6
and histor. lY, 16. Y, 16 weder Handertschaften noch Tausendschaften
sind, YgL Manricius Strateg. X, 4 und über die Eeilkolonne Ammian
XYI, 12. 20. Saxo Orammaticus S. 52. 364. 387 Müller mit den Noten
p. n S. 67 f. 214. Obgleich indessen eine ausschliessliche taktische
Yerwerthung der Zahlengruppen nicht bestanden hat, so kann es doch
keinem Zweifel unterliegen, dass sie eine Anwendung im Heerwesen
gefunden haben. Ein Beispiel gibt Saxo Grammaticus S. 655. Nur
soTiel würde wohl zu folgern sein, dass der militärische Zweck we-
niger stark, als es zu geschehen pflegt ^), zu betonen sei Wenn
wir nun nach dem Gesagten fär die Sltesten germanischen Staaten
ein anderes Eintheilungsprincip als das numerische und zwar das
decimale nicht aufstellen dürfen, so ist doch sehr wohl möglich, dass
in früher Zeit die 2iahlenordnTmg yon einer landschaftlichen Bezirks-
bildung verdrängt worden ist. Wie nach Tacitus, Germania c. 40
fluminibus aut silyis Yölker getrennt werden, so hat sich vielleicht
auch innerhalb eines Volkes eine Sonderung nach geographischen
Districten entwickelt. Es sind solche Yerbände wohl die einzigen,
die bei den Friesen alterthümlich sind, schon Willibald, Vita Boni-
&tii c. 8, Jaff($ m, 463 hat, so scheint es, solche vor Augen, während
der einmal vorkommende Ortsname Cammingehunderi (Mühlbacher,
Earolingerregesteu Nr. 966) die ehemalige Hundertschaft bei dem
friesischen Stamme nicht beweist, vgl. v. Eichthofen in den Leges Y, 88
gegen Wilmans, Eaiserurkunden I, 70.
Stellen wir schliesslich die Frage, welche Bedeutung die zahlen-
massigen Gliederungen des Volkes für den Staat vor der Völker-
wanderung besassen, insbesondere ob sie für die Verfassung des
Freistaats eine wirksame Gewähr zu sein vermochten, so lautet die
Antwort, dass Verbände, die ursprünglich und wenigstens zum Theil
noch im ersten Jahrhundert ohne beständige oder allgemeine Vorsteher
waren, welche femer nichtJVersammlungen besassen, in denen die Volks-
verfassung eine brauchbare Stütze fand, nicht im Stande waren für
Sicherung und Erhaltung des Freistaats viel zu thun. Eine so lose
und entwicklungsHihige Einrichtung konnte in Zukunft die verschie-
densten Schicksale haben. Es war möglich, dass, wo das Leben des
Freistaats noch lange währte, diese Kreise an Inhalt zunahmen und
I) YgL z. B. Roflseeuw St. Hilaire, Histoire d'Espagne I, 18S7, S. 880 f. Landau,
Territorien 1854 S. 224. Maurer, Einleitung 1854 S. 59. v. Peucker 1,89. II, 82.
V. Wietenheim-Dabn 1, 70 f.
22 Sickel.
dass sie, darch Kriegs-, Gerichts- und Markgenossenschaft innerlich
verbunden, einen beträchtlichen Theil der StaatsTerwaltung an »ich
zogen und nach dem Becht des Freistaats regierten. Es war möglich,
dass ein erstarkendes Konigthum die alten Zahlengruppen zu seinen
Begierungsbezirken umbildete, und es konnte endlich geschehen, dass,
während die Monarchie mit der Erwerbung und Gestaltung ihres Bechts
über die Gesammtheit beschäftigt war, jene kleinen Verbände ihren
Zusammenhang mit dem Monarchen yerloren. Man darf, wie Erhardt
in ▼. Sybels Zeitschrift XLYI, 485 bemerkt hat, diesen Zahlenordnungen
in der That einen gemeingermanischen constitutiven Einfluss auf die
Staatsbildung nicht zuschreiben, man wird auch Zimmer, Altindisches
Leben 1879 S. 174 nicht zugeben dürfen, dass die Tauseudschaften
allgemein Versammlungen hielten, es wird vielmehr die Urzeit auf
diesem Gebiete nur bei wenigen Völkern weiter gelangt sein als zu
einer Anfangsstufe oder zu einer entwickelteren Organisation für einen
einzelnen Zweck, so dass von diesem Funkte aus der Monarchie ein
mächtiger oder nachhaltiger Widerstand noch nicht zu leisten war.
n. Freistaatliche Reformen.
Unter dieser Ueberschrift fasse ich Einrichtungen zusammen, welche
durch eine fortgesetzte politische Selbstthätigkeit der Volksleute dem
neuen Staate angepasst und schliesslich seinem Wesen gemäss um-
gewandelt sind. Zeit und äusserer Hergang der Beform lässt sich selten
und nur mit ungefährer Bichtigkeit bestimmen. Es bleibt zuweilen
zweifelhaft, ob die Neuerungen bereits in dem Urstaate begonnen
haben. Denn so fest waren die Grundzüge der Urverfassung, so vor-
gezöichnet der nächste Verlauf, und so getreu wurde das Abbild des
vorausgegangenen Staates von allen wiederholt, dass gleichartige Be-
formzustände nicht auf Ererbung der Beform vom Urstaate her schliessen
lassen. Es leuchtet femer ein, dass eine Aenderung, welche durch
modificirende Anwendung der Volksmacht vor sich geht, weder bei
allen Völkern zu derselben Zeit erfolgen noch der äusserlichen Ge-
staltung nach zu voller Uebereinstimmung führen wird. Es. ist aber
auch an dieser Stelle nothwendig zu beachten, dass Anfangsstadien
und Schlussresultate, Jugend und Alter einer Institution nicht für ihr
Wesen genommen werden dürfen und dass, wenn eine begonnene Ent-
wicklung bei dem einen Volke unvollendet abgebrochen wird, während
ihr in anderen Landern vergönnt ist ihr Dasein auszuleben, die Be-
griffsbestimmung .nur nach den Staaten zu bilden ist, in denen die
Institution zu ihrer Beife gelangt ist, ohne dass hierbei zur Erwägung
kommt, ob die Staaten der erstgenannten Art berühmter geworden
Zur gemuuuaohen VerfeiBimgBgeBdiichte. 23
sind als die der zweiten. Es ist ein Unterschied, ob die Geschichte
eines einzelnen germanischen Yolksrechts oder die Geschichte des alt-
germanischen Rechts dargestellt werden soll.
1. Die Volksftihrer.
Unter den Einrichtungen der Urzeit, welche früh und allgemein
durch die Bethätigung der Yolksgemeinde modificirt worden sind, über-
trifft die Yolksf&hrang alle an Wichtigkeit. Der Ursprung der Führung
ist der AdeL Auch ihn hat Jacob Grimm, BA. 268 f. 272 schon
richtig erkannt, und Erhardt hat in den ^öttingischen Gelehrten An-
zeigen 1882 S. 1248 — 1253 sein politisches Wesen gut charakterisirt.
Die Grundlage auch des Adels ist die Yolksfreiheit. Die Freien waren
früher als die Adligen, die Adligen waren die Besten und Edelsten
der Freien. Ohne sich yon dem gemeinsamen Grunde der Yolks-
genossenschaft abzulösen, erheben sich innerhalb der Yolksfreien Ge-
schlechter, deren wehrhafte Mitglieder in der Yorzeit geherrscht haben,
in der Gegenwart herrschen und in der Zukunft herrschen werden.
Der Starke ist gewillt über den Schwachen zu herrschen und der
Schwache sehnt sich nach einem Herrscher; der Tapfere wird anführen,
der Bechtserfahrene und Angesehene richten und vermitteln and die
weniger Muthigen und Geehrten werden ihrer Leitung und Entscheidung
folgen. In einem Zeitalter, wo die Stellung, welche der Einzelne ein-
nahm, noch auf den engsten Yerband« dem er angehorte, bezogen
wurde, entstanden durch die Yerdienste ihrer Mitglieder die Tornehmen,
adligen Geschlechter ^). Sie losten mittelst ihrer natürlichen Macht-
Tertheilung die Herrschaft in gewissem Sinne von der zufalligen Per-
sönlichkeit ab, indem sie diejenigen Männer bestimmten, denen die
Führung der Yolksgemeinde zukam. Die MachtfÜUe solcher Männer
lasst sich nicht in einzelne Bestandtheile zerlegen; es ist eine Ein-
heitlichkeit ihrer Functionen, ihrer Führerstellung vorhanden, welche
treffend durch princeps^ wiederg^eben ist
Es ist kein Anhaltspunkt geboten um zu entscheiden, ob die Ge-
meinde schon im Urstaat ihre passive Haltung diesen geborenen Führern
gegenüber angegeben hat. Eine Gemeinde, die sich selbst rqpert,
kann nicht anf Dauer ihre Führer dem Zufall der Geburt verdanken.
Wie sie einzelne Yorschlage derselben verwirft, so wird sie schliess-
lich sie selbst verwerfen; so wenig als alles, was sie thun, g^t be-
t) Bänke, WdtgeKhichte m, 1,S9 £ m, 2,878 £ hat eine Entteheidimg
über den Uiadd abgelehnt, gibt jedoeh so« dasB die Hachkomnien eines Pkineeps
be?onngi wurden; adagnint Itai adi aber niebt aof die Zukonft beoefaen«
<) Vg^ Th. Mommien, BOnuschei Sfawtoecht 2 Anfl. n, 2, 750 IL
24 Sickel.
fanden, und was sie wünschen, gebilligt wird, so wenig kann ein
Missliebiger wirksamer Volkslenker bleiben. Allein die erste Neuerang
war offenbar nicht tiefgreifend; das Verhalten der Gemeinde zu ihren
alten Häuptlingsgeschlechtern konnte nicht plötzlich ein völlig anderes
werden; sie entwöhnte sich noch nicht von ihrer Leitung, aber sie
folgte nicht mehr jedem wehrhaften Mitgliede derselben und erkannte
den Mann ihres Vertrauens ausdrücklich an. Will man nicht einen
Ausdruck gebrauchen, der unrichtige Vorstellungen erwecken muss,
so wird man das Wort Wahl zu vermeiden haben, da der Volksact
ursprünglich kein Wahlact war, sondern den Mann anerkannte, der
sich in der vorwaltenden Stellung befand. Was ist dies für ein Ver^
hältnissP Ist es ein Bechtsverhältniss? Es ist ein factisches, durch
das Becht nicht bestimmtes Verhältniss. Es ist kein Volksamt,
weil es kein Gemeinderecht enthält, es ist aber auch kein Herrscher-
recht, weil es kein Becht enthält Es ist derselbe Wirkungskreis, der
vor dem Volksact bestanden hatte, nur der Kreis der Wirkenden war
vermindert, und es ist die alleinberechtigte Gemeinde vorher wie
nachher vorhanden. Prüft man sämmtliche Quellenstellen auf diesen
Gesichtspunkt hin, so wird man weder ein Becht des Volkes auf amt-
liche Dienstleistungen des princeps noch eine rechtliche Macht des
princeps über die Volksgemeinde entdecken, vielmehr ist die Thätig-
keit der Führer eben deshalb eine regellose, schwankende, persönlich
bedingte, weil sie eine sociale ist: die Natur der socialen Macht äussert
sich in ihrem Thun. Nur das Becht verwirklicht sich gleichmässig,
nur das Becht gibt eine andere als eine factische Grenze. Hier aber
in dem alten Germanenthum verleihen persönliche Eigenschaften Macht
über die Menschen, Germania c. 11. 13, welche bald stärker, bald
schwächer, Germania c. 43, stets thatsächlich beschränkt, das. c. 7.
43 und ohnmächtig ist gegen den Willen des Volkes ^). Es ist eine
Führung, ex voluntate parentium constans, Velleius 11, 108, 1, ein
precarium, Germania c. 44. Obwohl auf unbegrenzte Zeit gewollt, ist
dieser Stellung nicht lebenslängliche Dauer sondern nur die Absicht
auf unbestimmte Dauer wesentlich. Wer das Vertrauen und den mass-
gebenden Einfluss verliert, wird verlassen, aber nicht rechtlich abge-
setzt; so wurde Marobod, unbeliebt (Tacitus, annal. 11, 44) und kürz-
lich durch Abfall geschwächt und im Kriege unglücklich (das. II, 45.
46), verlassen, das. II, 63, verfassungsmässig jedoch konnte ihm seine
Stellung nicht genommen werden. Diese Stimmung hat in den Völkern
^) Gfisar, bell. Qall. IV, 18. Tadtus, annal. 1,56 vgl 67. 58. 68; histor.lV, 76.
Adam Brem. IV, 82.
Zur germaniidheii VerftarnngsgeMhichte. 25
noch laDge gelebt, als bereits die Könige Beohtsinhaber waren ^), und
ftos dem precarinm kann mit der Entstehung eines ESnigreiches ein
Absetznngsrecht hervorgehen, Ammian XX Y 111, 5, 14 Vgl. Ghron.
Eriei, Langebek I, 150.
Aus dem Vorigen folgt, dass es eine factische Frage ist, ob ein
Adliger oder ein ünadliger Führer wird. Die Entscheidung ist nicht an
ein Becht, sondern an Vorgänge innerhalb der Gesellschaft gebunden.
Der Adel als solcher hat keine andere als eine thatsachliche Beziehung
va der Ffihrerstellung. Gelingt es einem unadligen Mann einer der
gewichtigsten und einflussreichsten Männer des Volkes zu werden, so
kann er zum Führer berufen werden. Es war hiermit nicht neues Becht
eingefl&hrt, sondern das alte Becht der Volksgemeinde ihre Leiter zu be-
stimmen neu angewendet. Als auf dem Gefilde bei Begeta Vitigis zum
EQnig erkoren wurde oder als nach langobardischer Sage (Paulus Diaoonas
I, 15. 17) ein Mann dunkler Herkunft König ward, wurde nicht der
Staat und nicht einmal der Volksact ein anderer, sondern ein Nicht-
adliger galt f&r besser als die Adligen. Je mehr die Volksthatigkeit
zunimmt, um so eher wird das Adelsmoment im Vergleich mit anderen
personlichen Eigenschaften zurückgedrängt werden; so lange der Adel
allein die Gemeinde lenkt, ist das innere Wesen der Gemeindehandlung
noch nicht zu voller Entfaltung gekommen. Es ist nun kein Zweifel,
dass im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechung der Adel vorgeherrscht
hat Wie unter Varus oüvs icp&roi tffi icpöodsv Sbvootsiac ifiiiisvoi Gassius
Dio LVI, 18, 4 die Adligen waren, so treffen wir noch längere Zeit
nur adlige Führer der Gemeinde und auch noch adlige Anführer des
Yolksheeres '). Es ist diese Thatsache deshalb von hohem Werthe, weil
wir aus ihr lernen können, wie wenig noch die Gonsequenzen des
Gemeindewillens auf diesem bedeutenden Gebiete gezogen waren. Die
Anlage ist g^eben, ist sie aber z. B. bei Gothen, Burgundern,
Thüringern, Franken jemals zur Ausbildung gelangt? Ist ihren Vor-
stehern jemals ihre Würde als Volksamt verliehen?
<) Vgl Tacitiu, ami. II, 62 f. XI, 17. GasduiB Dio LXXI, 18, 8. MaxcellinuB
oomes, Boncallius ll 824. Jordanes o. SO, Romana 8. 49. Prooop, bell. Gothic. 1, 11.
H 80; belL Yandal. I, 9. Qregor U, 18. III, 11. IV, 61. Fred^^r c. 50. 89. Vita
Zacbariae c 17, Vignolius II, 78. ■) Germania c. 88 macht einen Gegen»tz
Zwilchen Snebomm ingenni und prindpes, jedoch lind die Adligen die Trftger
des Haanchmuoks, mid es ist ongenao, wenn Blnhme, Die gens Langobardorom
I8S8 S. 14 den Haanchmuck die »älteste Unitem« nennt. Vgl fllr den Adel
PtiMitt, Dindorf 1, 889. Agatbias 1, 8. Gregor III, 18 und ZeitKhiifb fllr deatsohefl
Atterttmm XII, 847, Ar die Fieieii Edict Theodexioi a 145. Ossriodor, Var. IV, 49.
Joidaiiei a 11.
26 Siokel.
Die Anzahl der FQhrer eines Volkes ist f&r das Wesen der Führung
nicht von Bedeutang. Der Eiiaherrscher ist vielmehr den Yielherrschem
gleich, und was von den einen gemeldet wird, hat für die anderen
zu gelten, sofern nicht aus besonderen Gründen die ünanwendbarkeit
der Nachricht dargethan wird. Allein für die Frage, ob der Volks-
Staat vor der Wanderung zu einer hohen Stufe der Entwicklung ge-
langt sei, ist die Untersuchung der Anzahl von ausserordentlichem
Werthe. Es ist im voraus zu sagen, dass die Einheit der Führung
allein dem einheitlichen Yolksstaat entspricht, dass, je mehr der Inhalt
der Yolkshandlung zu Bewusstsein kommt, um so mehr der Nutzen
des Volkes über die Interessen der ersten Männer siegen und dass
die Entwicklung der Volksführung ihren Abschluss finden wird in einem
einzigen Führer. Es ist nicht bloss die Abnahme der Adelsgeschlechter,
welche durch die Polygamie nur wenig aufgehalten werden mochte,
es ist nicht bloss die höhere Geltung des Unadligen im socialen Leben,
sondern mehr als alles dies hat das Wesen des Volksstaats gewirkt,
um die Einheit der Führung herzustellen. Der Gegensatz der Ein-
herrschaft und der Vielherrschaft ^) hat die germanischen Völker in
den ersten Jahrhunderten bewegt. Wann war der erste Einherrscher
und wann die letzten Vielhefrscher? Können wir aus der Antwort
auf diese Fragen den Grad der freistaatlichen Entwicklung ermessen
lernen, so haben wir ihnen unsere Aufmerksamkeit zu widmen.
Dei^ erste Einherrscher hat vor dem Beginn unserer Zeitrechnung
gelebt, das ist alles, was wir zu ermitteln im Stande sind. Den Nach-
weis erbringt Tacitus, ann. XI, 16 stirps regia; auch Civilis stammte
aus einem Geschlecht, das einst dem Volke den Alleinherrscher ge-
geben hatte, Tacitus, histor. I, 59. IV, 13. Durch die römisch-germa-
nischen Kriege waren mehrere Königreiche d. h. Völker unter einem
einzigen Führer den Bömem bekannt geworden, Germania c. 1, und
es ist gewiss, dass ihre Anzahl keine geringe war. Cäsar hat sich über
diesen Funkt nicht ausgesprochen, und wer seine principes der pagi
als Einzelherrscher ausgibt, denkt die Hauptsache selbst hinzu. Ariovist
jedoch wird als König anzusehen sein; er hatte sich im Jahre 695
nach römischer Zeitrechnung unter die den Körnern befreundeten Könige
aufnehmen lassen, Cäsar, bell Gallic. I, 85. 40. 44. Plutarch, Cäsar
c. 19, weil er hierdurch seine Stellung im Keltenlande zu sichern
') Ich habe diese allein gute Beseidhnung des Gegensatzes zwischen prin-
dpee und rez in taciteischem Sinn aus GfrCrer, Gregor VIL II, 586. IH, 1 entlehnt.
£. Maurers Uatexscheidiuig in der Jenaer litezatoxaeitang 1875 S. 84 f. gibt die
Annahme einer wesentlichen Verschiedenheit tmt
Zur germaniflchea yer&nangsgeschiehte. 27
glaubte; er befand sich also damals allein in dauernder Stellang an
der Spitze seines Volkes, und Cäsar 1, 81 hat ihn daher rex Germanorum,
Plinius, bist, nai II, 67, 170 genauer aber noch nicht genau genug
rex Sueborum genannt. Die Yielherrscher hat Tacitus bald allein, bald
mit dem Einherrscher aufgeführt, Oermania c. 11. 12 |q. s. w., aber
die unbeständige Anzahl konnte er natürlich nicht angeben, und es
bleibt uns nichts übrig als aus Berichten über einzelne Völker eine
ungefähre Vorstellung von der Anzahl 2u gewinnen. Es ist unmöglich
hier genau zu sein, weil die Erwähnung mehrerer Führer nicht immer
eine yollständige Aufzählung der yorhandenen Fübrer bedeuten wird.
Von den Chatten sind aus dem Anfang des 1. Jahrhunderts drei Volks-
leiter bekannt, Tacitus, annal. II, 7. 88. XI, 16, etwa ebenso viele waren
nm dieselbe Zeit bei den Cheruskern den beiden Adelsgeschlechtem
entnommen, Strabo VII, 1, 4. Tacitus, annal. I, 55. 68. 71. Bei den
WanderYÖlkem begqpien wir fast nur noch zwei Fübrem ^). Diese Zahl
wird beweisen, dass hier nicht Abtheilungsvorsteher aufiareten, auch
wenn wir nicht aus Tacitus den alten starken Einheitsstaat kennen
gelernt haben. Es ist nun von hervorragender Wichtigkeit über die
Fortdauer der Vielherrschaft bei den fränkischen Völkern, den Gründern
der deutschen mittelalterlichen Monarchie, Untersuchungen anzustellen,
weil, wenn wir frühe Einherrschaft antreffen, der grosse Zeitraum das
Auisteigen der königlichen Macht leichter erklärt, als wenn in kurzer
Zeit an Stelle der Vielherrschaft die Einherrschaft und an deren Stelle
die Monarchie getreten wäre. Gregor 11, 9 ist unsere beste Quelle.
Gregor berichtet, dass salische Völker in mehreren Königreichen lebten,
dass der König von seinem Volke aus dem Königsgeschlecht gewählt
wurde und dass diese Familien zu demselben Adelsgeschlecht gehörten.
Auf die Verwandtschaft nimmt der Schriftsteller schon hier und mehr-
fiaush später z. B. II, 10. 42 Bezug. Diese Verwandtschaft hat manchen
ErklamngsTersuch veranlasst, v. Sybel, Königthum S. 163 ff. will sie
hinwegdeuten, Erhardt, Staatenbildung 1879 S. 56 und Göttingische
gelehrte Anzeigen 1882 S. 1255 die Angabe so verstehen, dass jeder
Staat sein besonderes Königsgeschlecht besessen habe. Allein keine
dieser Erklärungen wird mit Gregors Erzählung vereinbar sein. Wir
gewinnen ein Verständniss der glaubwürdigen Thatsache, dass die
*) Gudua Dio LXXI, 12, 1. Dezippus, Dindorf 1, 197. Joidanet c 21. 44. 54.
Origo gentis Langobardomiii c. 1. Panlos Diaconua I, 8. 7. 14. Icli berufe micb
wegen der Eigenthümlichkeit der islftudiachen Yerfaasuxigsgescbiclite nicht auf
die zwei mächtigen H&aptlinge eines Bezirks, welche Ganlang Omutongasaga, bei
P. £. MtOler, St^bibliothek I, 62. 68 mit Namen nennt
28 BickeL
Dynastien in souveränen Wahlkönigreichen sämmüich aus einem
einzigen Geschlecht entnommen waren, nur durch Berücksichtigung
der ehemaligen Yielherrschaft und die Annahme, dass sich der viel-
herrschaftliche Einheitsstaat in mehrere Königreiche aufgelöst hat Was
das Volk veranlasst hat sich in Königreiche zu theilen, da doch, wie
die Wahl zeigt, noch kein durch Erbrecht theilbares Königreich be-
stand, entzieht sich unserer Kunde, aber wir wissen, dass die Ein-
herrschaft viele Generationen vor Ghlodovech aufgekommen war. Ein
salisches Königreich hat auch Zosimus III, 6 überliefert. Was Gregor
aus Sulpitius Alexander ausschrieb, hat er, wie schon Dahn, Urge-
schichte n, 394. 896 ff ausgeführt hat, nicht recht verstanden, aber
soviel ist wohl daraus zu entnehmen, dass ein frankisches Volk am
Ende des 4. Jahrhunderts noch unter mehreren Häuptlingen lebte,
von denen zwei auch Gl. Claudianus XXI, 241 ff. aufgeführt hat. Eine
andere 'Gesammtauffassung hat diese Mittheilung anders auszulegen
und Dahn a. a. 0. II, 394. 398. 399 ist nicht mehr als folgerichtig.
Bei dem Uebergang von der Yielherrschaft zur Einherrschaft ver-
dient Beachtung, dass die Einherrschaft in ihren Anfangen keine In-
stitution ist, sondern dass sie mit einem alleinherrschenden Manne
entsteht und untei^eht. War ein Häuptling validior apud populäres,
Tacitus, annal. I, 57, mächtiger in seinem Volke als seine Mithäupt-
linge, so mochte er hoffen Alleinherrscher zu werden; so Arminius,
nachdem er zwöf Jahre die Hauptführung besessen hatte, Tacitus, annal.
II, 88. Man sieht, die persönliche Stellung bereitet die Entstehung
des Königthums vor. Es kann leicht geschehen und ist öfters ge-
schehen, dass nach der Einherrschaft die Yielherrschaft wiederkehrt
Ist der Staat bereits territorial geworden, so werden sich die Viel-
herrscher territorienweise festsetzen, vgl. Paulus Diaconus II, 32. m,
16. Beda lY, 12. Saxo Grammaticus S. 350. Chron. Erici, Langebek
I, 154. Dieser Gefahr, welche die Dauer der Einherrschaft bedroht,
begegnet die Yolkswahl. Man kann nicht sagen, dass sie für das frei-
staatliche Königthum wesentlich sei, aber lange Zeit ist sie für die
Bewahrung der Einherrschaft unentbehrlich gewesen und sie hat daher
bis in Zeiten bestanden, denen sie nicht mehr angemessen war *).
Es kann nicht zweifelhaft sein, dass der Kreis, über den die Yolks-
*) Man vergleiche z, 6. Jtdius Capitolinus, 11 Antonin. Philos.XIV, S.PiiuluB
Diaeonns IV, 4i. 51. V, 88. Origo gentis Langobardornm ; PaulnB, Oontin. Born,
c. 2; Andreas Bergom. c. 8, Scriptores rerum Langobard. 1878. S. 5. 201. 828.
Johannes Bid., Roncallius IT, 890. Joidanes c. 41. Prooop, beU. Gothic. I, 11. II, 80.
in, 25. CasBiodor, Var. X, 81. OioeiuB YII, 48, 9 f. ZangemdBter. HiBtoria Wambae,
Bouquet II, 707. Beovulf 1851 f.
Zur germaniaohen VerfMeangsgesohiohte. 29
f&hrer, sowohl die YielherrBcher als der Einherrscher, gewaltet haben,
die gesammte Volksgemeinde gewesen ist Es ist beweisend das in
der Yolksyersammlung sich verkQndende und bethätigende einheit-
liche Wesen des Freistaats, es ist beweisend die Thatsache, dass die
Gesammtgemeinde sowohl die Mehreren wie den Einen bestimmte. Es
ist daran za erinnern, dass Tacitos an keiner Stelle einen Districts-
Yorsteher andeutet, sondern dass er von dem princeps einer gens, annal.
I9 55, von mehr als einem princeps Ghattorum spricht, vorher S. 27,
den Führern eines nach Germania c. 38 einheitlichen Volkes; so
haben auch Velleius II, 118, 2 princeps gentis und Strabo VII, 1. 4
X7]po6<3Xiov, Xdttmv i^s(i&v gesagt Es ist femer beweisend die Unbe-
ständigkeit der Zahl und der leichte üebergang von der Vielherr-
schaft zur Einherrschaft, von der Einherrschaft zur Vielherrschaft, ^)
welchen die Sage überliefert und die Geschichte bezeugt Es ist von
Gewicht, dass die Anzahl der Führer eine so geringe war, dass sie
weder den Tausendschaften noch den Hundertschaften entsprechen
kaiuL Es ist endlich überzeugend, dass aus den principes einzelne für
die Abhaltung der Gerichte erkoren wurden, weil sich hieraus ergibt,
dasB die Volksabtheilungen ohne Vorsteher waren.
Es ist nothwendig noch einige Seiten der Einherrschaft zu be-
trachten. Zunächst ersehen wir aus der Entstehung des altgermanischen
Eonigthums, dass der König dem besten Adel angehörte, vgl. Jordanea
c 21 £ Cassiodor, Var. VUI, 2. Paulus Diaconus I, 14, Beovulf 1871.
Hieraus und aus der alleinigen Führung der Gemeinde folgt, dass der
König mächtiger war als der einzelne Vielherrscher. Dies haben schon
die Bomer bemerkt und hervorgehoben, vgl. Tacitus, Germania c. 25,
43, und sie haben wohl deshalb Könige eingesetzt, weil sie auf deren
beständigen Einfluss und festere Treue mehr rechnen durften als auf
Geltung und Gesinnung der Vielherrscher, die allzu leicht in innerem
Zwiespalt sich befehdeten, vgl Tacitus, Germania c. 42, annaL XII,
29. Cassius Dio LXXI, 13, 3. Gl Claudianus XXI, 237. Spartianus,
Hadrian. XTT, 7. Der Volkswille war seiner Natur nach immer unzu-
verlässig, und die Gemeindebeschlüsse werden viel dazu beigetragen
haben, dass die Germanen in ihrer auswärtigen Politik für treulos
*) Dieser Grand wird in dem lehrreicliBten Ck>mmentar der Germania, dem
T(m Schweizer-Sidler, mit Recht hervorgehoben, zu Gap. 7. Vgl. Jordanes 0. 48.
Wenn ein VolJc nach dem Tode des Königs politisch handelt, Paulus Diaconus
III, 85, allerdings unzuverUwig vgl. Gregor X, 8, und Ammian XVI, 12, 17. XXXI,
10, 10. 17, ehe es zu einer Neuwahl schreitet, so ist freilich während des Inter-
regnums keine freistaatliche Vielherrschaft vorhanden, indessen ist die Handlungs-
ffihigkeit der Gemeinde bemerkenswerth.
30 SickeL
galten ^). Königen hat Tacitus das Anerkenntniss der Treue gezollt,
annal. XII, 30; bist. III, 5, ygl. das Selbstlob annal. XUI, 54. Die
Einheit und die durch sie begrQndete Starke und Erstarkung der
königlichen Führung erklaren yoUkommen, dass die Könige mehr
und mehr als die Leiter der auswärtigen Politik heryortreten, wenn
auch die Kürze unserer Nachrichten oft die Mitthatigkeit der Gemeinde
yerschweigen wird« War die Gemeinde auf keinem Gebiete weniger
zu eigenem Handeln geeignet, so mochte sie sich hier mehr als sonst
auf Annahme oder Verwerfung der Vorschlage beschränken ^). Es lässt
sich an dem rechtlichen Schicksal der Gefangenen in lehrreicher Weise
yerfolgen, wie der König allmälig als die kriegführende Macht er-
scheint, eine ausführliche Erörterung dieses Gegenstandes ist jedoch
nicht dieses Orts '). Hierbei ist zu b^bchten, wie früh Friedensyerträge
die Auslieferung der Kriegsge&ngenen ausbedingen ^), und in welcher
Weise sich das Recht an den Gefangenen yon dem Becht an erbeuteten
Sachen zu unterscheiden begann, ygL z. B. Tacitus, ann. I, 57; histor.
IV, 64. Victor Vitensis I, 4, 12. Saxo Grammaticus S. 254. Auch die
Einzeluntemehmungen, die nicht Gemeindeangelegenheit sind, charakte-
ristisch fQr den alten Staat ^), yerschwinden nach und nach unter
*) Gasriui Dio LXXVn, 20, 2. SalyianuB, de gabern. dei IV, 14, 67 1. VII, 15,
64. Gl. Clandianns XXVL 878. XXVIII, 204 iL RutiliuB Namatianua 1, 142. Idatius,
Roncslliud 11, 42. EunapiuB, Dindoif 1, 289. Prooop, bell. Goth. II, 22 ; bell. VandaL
I, 8. II, 4. Gregor 11, 9. •) Vgl. GBsar, beU. Gallia I, 86. Cauius Dio LXyn,5, l.
Anunian XIV, 10, 10. XVI, 8, 2. XVII, 1, 18; 10, 9. XVni, 2, 6. 15. 17. 19.
XXXI, 12, 14. Gregor ni, 4. P&ulus DiaconuB IV, 12. 24. 85. Menander, Dindorf
II, 56 f. PriflcuB, Dindorf l^ 885. 848. 849. MarceUinna comes, RoncalliuB II, 268.
Agathias I, 1. Piooop, bell. Gothic. I, 18. III, 2]. 89. IV, 24. 26. 88. 84; bell.
VandaL H, 14; belL Persio. II, 2. Jordanes c. 18. Casdodor, Var. III, 8. Zoaimua
V, 6. 40 f. Vita Wilfridi c. 26, Gale, bist Brii «cript. I, 64 mit Etmapius, Din-
dorf I, 218'~281. Thenustiufled. Dindorf 1882 S. 160. Malchtu, Dindorf I, 409.416.
419 £ libaniuB, or. reo. Reiske I, 547. Jordanea c 86. Prooop, bell. Goth. I, 11.
II, 12. 22. 29. 80. m, 2. Johannes Biclar., Bonoallius II, 887 f. Paulinus Pell.
Eucharistia 851 f. Saxo GrammaticaB S. 604 ygl. 581. 586.
•) Vgl. Malohiu, Dindorf I, 889 £ Prooop, bell Vandal. 1, 4. lädor, h. Goth.
0. 61, Areyalo VII, 127. Paulas Diaoonus IV, 1. VI, 27. Gregor M , dial. III, 1. 87.,
Soriptor. rer. Langobard. 1878 S. 580. 688. Vita Zachariae a 9, Vignolios II, 65.
Vita Johannis VI. a 2, das. 1,816. Ayitos, Bouquet IV, 50. Mansi VIII, 846.
Vita Eusidi, Bouquet III, 429. 480. Vita Eptadü, Acta Sanotoram, August VI,
779. Gregor III, 18. IV, 42. VI, 81. X, ^ 11; yit patr. V, 2. Boäkre 781. Lex
Baiuwar.XVI, 11. BedaIV,22. ^jCassius Dio LXXI, 12, LXXII, 2, 2. Petrus Patri-
dus, Dindorf I, 428. Ammian XVII, 10, 4. 7. 8. XVni, 2, 19. libanius, orai reo.
Reiske I, 547. Zosimus 1, 67. III, 4. >) OBsar, bell. Gallio. VI, 28, hier wohl nur
ausserhalb einer Volkergruppe geziemend; Tbcitus, Germania a 14. PUnius,
bist, nat XVI, 76, 208. Ammian XVII, 2, l. XXVIII, 5, 1. 7. XXX, 6, 1 £
Zur germaniachea Ver&iningageschi^hte. 31
dem ESnigtham und Oesandschaft^n %cfx& y^vii), Cassius Dio LXXI,
11, hören aas demselben Oninde auf.
Während derartige Vorgänge auf dem allmäligen Anwachsen der
königlichen Macht und dem Auftreten von Königsrechten beruhen,
wodurch die ursprüngliche quantitative Machtverschiedenheit zwischen
mehreren und einem Yolksführer zu einer qualitativen wurde, wich
die Stellung des Einzelherrschers von der der Yielherrscher von An-
fang an in einem sehr bedeutenden Funkte ab. So lange mehrere
Häuptlinge das Volk leiteten, war es nothwendig Befehlshaber f&r
das Volksheer zu wählen; seit aber nur ein Mann Oberhaupt war,
stand diesem kraft seiner Gesammtstellung die FQhrung des Volks-
heeres zu *). Er erbte demnach die ganze Kraft, welche das Feldherm-
amt von der Häuptlingswürde überkommen und hinzu erworben hatte
diese Function war ein Bestandtheil seiner einheitlichen Macht. Nun
hatten nicht blos die Yolksleute seinen militärischen Befehl zu achten,
vgl Tacitos, Germania c. SO; annal. II, 45, sondern auch volksthüm-
liehe Kriegsbeamte sollten ihm gehorchen, nach Analogie von Tacitus,
annal. II, 45, und Dexippus, Dindorf I, 198. Durch diesen Verlauf
wird die Annahme von Oanpp, Ansiedelungen 1844 S. 118, Sybel,
Eönigthum 1. Aufl. S. 152, Gemeiner, Gentenen 1855 S. 151 f. vgl.
Watterich, de nobilitate 1853 S. 33 bestätigt, dass die Anführer bis
zur Entstellung des Konigthums herkömmlich aus den Häuptlingen
erkoren wurden. Denn nnr die Unselbständigkeit der Würde wird die
allgemeine Yereinigung derselben mit dem Königihum hinreichend
erklären. Demnach hört mit dem Konigthum das Feldhermamt auf
ein selbständiger Factor der YerfiEMsungsgeschichte zu sein. Die Ober-
befehlshaberschaft über verbündete Yölker kommt als rechtsbildender
Factor nicht in Betracht
Diese Thatsache ist von ganz anderem Gewicht als der Theil der
Composition, welcher später dem König gebührt Diese Theilong der
Sühnschuld geht nicht aus der Entwicklungsstufe des älteren Frei-
staats herror noch entspringt der Antbeil des Königs aus dem inneren
Wesen des Konigthums. Ist in einem Königreich neben dem Fehde-
geld kein Friedensgeld des Königs yorhanden, so wird doch die Natur
des Konigthums nicht hierdurch verändert Für die Begründung des
Eonigsfriedens ist ein Gompositionsantheil weder erforderlich noch
genügend, yielmehr entsteht jener Friede durch fortgesetzte Friedens-
>) YgL s. B. TaeitoB, annal. IL 68. 45. XII, 29; bitt III, 21. lY, 76. Am-
mian XVI, 12, 2«. XVI, 15, 18. XXXI, 6, 4. 5. XXXI, 7, 7 f. BeoTulf 1827 ff.
Prooop, bell. Gothic. II, 12. 14. Adam IV, 22. Grimm, RA. 504. K0pkel859S. 11.
32 Siokel
bewahruüg mittelst der königlichen Macht und daher befindet er sich
wie jedes Eönigsrecht ausserhalb des Yolksrechts. Aus diesem Grunde
steht es im freien Ermessen des Königs, wen er in seinen Frieden
aufnehmen oder aus demselben setzen will ^).
Dass die Könige der Germanen vor den Wanderungen nicht zu
Beamten geworden waren, durch welche die Gemeinde ihre Bechte
ausübte, lehrt das durch Erbrecht theilbare Königreich der Thüringer,
Ton dem Niemand behaupten wird, dass es unter dem Einfluss und
nach dem Vorbild des römischen Staats entwickelt sei, oben S. 13. Es
ist dieselbe Auffassung, welche das Königreich als Sthel des Königs-
geschlechts bezeichnen lässt, Beovulf 914. 1961. Jedoch ist nur
noch ungefähr zu erkennen, wie Jndividualsuccession, Yielherrschafk,
Beichserbtheilung unter einander streiten, wie die Auseinandersetzung
unter gleich nahen Erben eine interne Angelegenheit der Erben oder
des Geschlechts ist, welche nach Willkür und später unter dem Ein-
fluss eines Familienherkommens behandelt wird ^).
2. Das Yolksgericht.
Das Yolksgericht ist weder im Becht des Urstaats begründet
noch Yon der Yolksgemeinde eingesetzt, sondern es ist von einzelnen
Yölkem durch die gerichtliche Thätigkeit ihrer Yolksleute in unteren
Kreisen hervorgebracht. Wir können drei Stadien unterscheiden. Das
erste, dem eigentlichen Yolksgericht vorausgehende Stadium fallt noch
in die Zeit des Urstaats. Es ist die Bechtsentscheidung der Yolks-
führer, die Function, welche Cäsar, bell. Gall. YI, 23, 5 mit den Worten
bezeichnet hat: die principes des Yolkes jus dicunt controversiasque
minuuni Demnach hat eine Gerichtsgemeinde noch nicht die vor-
waltende Stellung eingenommen. Auch ohne Cäsars Mittheilung würden
wir dasselbe annehmen müssen. Die germanischen Yölker, deren Könige
selbst oder durch ihre Beamten Processe entschieden, lassen auf einen
1) Die gewaltaame Eigenmaoht ip&terer Könige (b. B. ICariuB Avent., Arndt
S. 80. Victor Vitenais 11,12—16. Johannes Bicl., Roncallius II, 898) entsprich
wohl der Selbsthülfe der Vorzeit, kann aber freilich nicht als Zeugniss für diet
selbe gelten. *) Man vergleiche z. B. für und gegen Tbeilung, Mitregierong, Ab-
findong, Statthalterschaft Prooop, bell. Goth. 1, 7. Jordanes, Bomana S. 44-
Getioa o. 88. 48. 52. 54—56. Eugippius, Vita Severini XLl!, 1. Olympiodor
Müller fragm. IV, 61. Prosper, Ronoallius II, 694. Ennodius, vita Epiphani, opera
rea Hartel 1882 S. 876. Ammian. XXVIII, 5, 10. 18 f. Apollinaris Sidonius epist.
V, 11 ^ Baret 1879 S. 825. Jordanes c 44. Beovulf 2488. 2926.2992. Gregor II, 42.
VI, 8. 6. 27. 88. VII, 6. IX. 20. Saxo Grammaticus S. 80 Müller. Ynglinga saga
c. 28. 24. 40. Sagan af Haraldi gräfeld. c. 1 £, in üngers Heimskringlaausgabe
8. 18. 81. 111 £
Zur gennaniBcheii Verfassungsgeachichte. 33
ürsoBtaiid zorückschliesseu, in welchem die Volksführer, soweit ihr
Wesen es gestattete, analog fungirt haben. Ostgotheu, Westgothen,
Burgunder und Langobarden kennen nur das Urtheil eines Beamten,
den der König kraft seiner Amtshoheit ernennt, und es ist keine
Spar Ton einer juristisch mitwirkenden Gerichtsgemeinde sichtbar ^).
Die zweite Stufe ist durdi die Selbstbethätigung Ton Yolksleuten er-
stiegen. Der Führer handelte öffentlich; um ihn versammelten sich
Yolksleute, zuerst um zu sehen und zu hören, die Abhaltung eines
Gerichts ist somit eine Zusammenkunft Vieler, Betheiligter und Un-
betheiligter. Daher hat ülfilas gaqumths Matth. Y, 22. VI. 2 für Gericht
and Versammlung gebraucht, ed. Bothar. 343 und Batchis 5 bestätigen
diese Sitte. Allein in der Zeit des Freistaats haben die Männer, die
sich hier zusammenfanden, ebenso wenig in unthatiger Anwesenheit
Terharrt wie die versammelte Volksgemeinde. Sie beginnen sich activ
zu betheiligei, sich über den Spruch des Führers zu äussern, ihn zu
billigen oder zu tadeln. Wird ihre Betheiligung regelmässig, so wird
die übliche Theilnahme zur Pflicht; wird ihre Handlung gleichmässig,
80 wird sie zur juristischen Mitwirkung. Hier entsteht ursprünglich
nicht eine zweite Volksversammlung, sondern lediglich eine Gerichts-
Versammlung. Schon Tacitus weiss, dass solche Einrichtungen ver-
breitet waren. Er nennt ein Volksgericht, zu dem alle Verbands-
mitgliederkommen, sein Gerichtsvolk ist die Hundertschaft, über andere
Gerichtsgemeinden gewährt erst die spatere Zeit Aufschluss. Was der
Schriftsteller jedoch über die Theilung der Gerichtsthätigkeit andeutet,
ist nicht bestimmt genug, um ein erschöpfendes Urtheil über das gegen-
seitige rechtliche Verhältniss des Führers und der Gerichtsgemeinde zu
ermöglichen. Wenn der Führer Bath von seinem Gerichtsvolk erhält,
so macht er diesem wohl keinen Urtheilsvorschlag; ist ^ber die Hand-
lung der Gemeinde auctoritas, so ist sie wohl rechtlich nothwendig.
Es ist wissenschaftlich unerlaubt, nach späteren Gerichtsverfassungen
den Bericht des Tacitus auszulegen, als ob hinfort keine Fortbildung
des Gerichtswesens mehr eingetreten wäre. Allerdings ist das Urtheil
der Geriehtsgemeinde Jahrhunderte spater ausser Zweifel^).
*) Vgl Gasaiodor, Var. VII, 8. Lex Wisigoth. II, 1, 28. II, 2, 2. Lex Borgund.
pzaet 860. und 81. 91, ferner das 583 iQr Burgond erlassene Gesetz bei Boretius,
Capit I, 12. Ed. Bothar. 187. liutp. 25. 28. Ratohis 1. 5. 10. Ahistalf prol. 10.
Fkker, Fonehimgen III, 181 ff. 196 ff. 210 ff.
') Vgl« FonnnL Toron. 82 Zeumer, wonach das Gemeindenrtbeil von den
Fkaaken auf Romanen übergegangen ist. Rozi^re 474. Meiobelbeck 470, 472
8. 247, 249* Edgar I, 8. OestgOtalagen, Kristnu b. XIX; Bjgda b.YIU, 8. XXXIII,
CoUin och Schlüter II, 18. 198, 221, vgl. das. Band IX S. 628. Diplomatarium
Sueeanom I 8. 246 t
Süttheilaoffon. ErfftnzuDfsbd. I 3
34 Sickel.
Bisher haben wir die Thätigkeit der Yolksgemeinde nicht bemerkt.
Es iat nur eine alte Nachricht, die sie, indem sie dieselbe bezeugt,
auch feststellt. Nach Tacitus wählte die Gemeinde aus den Yolks-
führern diejenigen aus, welche Gericht halten. Es wird nicht zu be-
zweifeln sein, dasa sie sich an das Herkommen auschloss und dass
sie Gerichtsgemeinden, welche bereits autonom entstanden waren, durch
ihre Thätigkeit befestigte, modificirte oder verbreitete. Hatte sie bereits
aus den Häuptlingen diejenigen zu Anführern gewählt, von welchen
sie glaubte, dass sie gut anführen würden, so mochte sie nach diesem
Vorgang auch diejenigen zu Bichtem bestellen, denen sie in dieser
Hinsicht vertraute. Tacitus freilich sagt nichts von der Absicht, er
meldet nur die Thatsache. Wie hätte aber eine Thätigkeit, die in so
hohem Grade das Interesse der Yolksleute erregt hatte, der Versamm-
lung fremd bleiben können? Ich behaupte jedoch nicht, dass dieser
Durchgang des Volksgerichts durch die ordnende Thätigkeit der Volks-
versammlung überall vorgekommen sei, es ist sehr wohl möglich und
wahrscheinlich, dass hier oder dort die ganze Entwicklung autonom
geblieben ist. Unbestimmbar ist der Gerichtsbezirk. Der Ausdruck per
pugos vicosque enthält keine fassbare Gebietsangabe; die Hundertschaft
bezieht sich nur auf die Art der Ausübung der Gerichtsthätigeit ohne
anzudeuten, wie viele Hundertschaften derselbe Mann bereist hat.
Noch einmal finden wir einen Häuptling als Bichter wieder, man
bemerkt, dass sich die Titel geschieden hatten. Atbanarich der Gothen-
häuptling, ein Vielherrscher, s. z. B. Themistius, orat ed. Dindorf 1832
S. 158. 174, war stolz darauf, dass er nicht bloss Häuptling, sondern
zugleich auch ein richtender Häuptling war. Die wichtige, glaub-
hafte und unzweideutige Mittheilung lautet; oSvco fouv r^v t^^v cou
ßaoiXd(i>c £ico>vr>(jiav aico^iot, Tjjy xoo SixaoTOö Sk ce^an^^ d>c ixeivo (liv
§ovd(ua)c acpöopTipüa, xö Se ao^iaci Themistius, ed. Dindorf S. 160.
Mehrere Schriftsteller nennen diesen Häuptling daher schlechthin
judex *).
Das dritte Stadium des germanischen Volksgerichts ist die Tren-
nung der Function des Häuptlings ^) von der des Bichters, durch welche
wahre Gerichtsämter entstehen. Zu welcher Zeit und auf welche
Weise diese Differenzirung vor sich gegangen sei, ist nicht einmal
>) Auzentiufi bei Bernhardt, Yulfila 1875 S. XVI; Ammian XXVil, 5,6.
XXZI, 8, 4 ; vgl. Waitz in den Forschungen XXI, 227 gegen Dahn das. XXI,
225—27. Die quadischenjudices variis populis praesidentes, Ammian XVII, 12, 31
kommen f&r die Geschichte der germanischen Gerichtsverfassung nicht mehr in
Betracht, nachdem Dahn bemerkt hat, dass Ammian XXiX, 4, 5, wohl auch
XXXI, 2, 25 judex iür Befehlshaber gebraucht. *) Vgl. ]Nitz&ch, GebchichteLGT.
Znr germanischen Yerfasaungsgeschichte. 53
ZU yenuuthen. Eanii jedoch die Entstehung des Gerichtsvolks nicht
auf ein organisatorisches Gesetz der Yolksgemeinde zurückgeführt
werden, sondern ist sie von originärer Herkunft, so werden wir auch
anzunehmen haben, dass die Gerichtsgemeinde durch fortgesetzte Thätig-
keit ihre selbständige Gerichtsverfassung erworben hat.
Von unten her begonnen, eine Zeit laag in eine nur lose Ver-
bindung mit der Yolksgemeinde gesetzt, dann sich auf ihren engeren
Kreis zuweilen wieder einschränkend, eine solche Gerichtsverfassung
kann für die Erhaltung des Freistaats nicht leicht von Nutzen sein.
Dieses Gericht, das seinem Ursprung nach nicht im Namen des Staats
fungirte, das sich gegen das übrige Gemeinleben ursprünglich ab-
grenzte und kein Organ der Staatsregierung war, vermochte die Ge-
richtspflicht von der ünterthanenpflicht und das Gericht von der
Staatsgewalt zu trennen. Die fränkische Monarchie hatte dergestalt
die Aufgabe erhalten Gerichtsverfassung und Staatsverfassung in Ver-
bindung zu bringen, hat sie aber eine volle innere Vereinigung
erreicht?
3. Der Volksfriede.
Ich will nicht Geschichte und Wesen des öffentlichen Strafrechts'
für Individoalvergehen untersuchen, sondern nur zeigen, dass wir
keine Ursache haben, den Ursprung in den Urstaat zurQckzuverlegen.
Wir gehen von der Voraussetzung aus, dass der Volksfiriede nicht
mit Volksgemeinde und Volksversammlung gegeben war, sondern
erst durch eine fortgesetzte, diesem Zwecke dienende Thätigkeit
der Volksleute erworben werden musste. Wann ist nun eine der-
artige Bethätigung begonnen? Cäsar schweigt von ihr. Die Volks-,
fthier, so erzählt er, verringern die Streitigkeiten, sie werden Fehdende
versöhnt, den Ausbruch von Fehden verhindert haben, indem sie die
feindlichen Geschlechter durch ihre erbetene oder anerbetene Inter-
vention veranlassten Frieden zu schliessen. Eine solche Function des
Führers ist nicht dem Bechtsgedanken des Volks&iedens sondern der
Machtäusserung des Führers entsprungen. Bald hernach erfahren wir,
dass die Geschlechter nicht selten ihren Unfrieden durch ein Fehde-
geld in Güte beseitigen. Diese Zahlungen müssen bereits sehr häufig
sein, denn die Summen für die einzelnen Uebelthaten sind fixirt und
selbst der Mord ist schon sühnbar. Femer haben viele ein Interesse
solche Zwistigkeiten beizulegen. Wo Männer zusammenkommen, auf
Gastmahlen und Gelagen, wird über friedliche Austragung der Fehden
verhandelt, ein Vergleich versucht, die Sühne gelobt. Es wird nur
darauf ankommen, das eine Geschlecht zur Zahlung, das andere zur
3*
36 Sickel.
Annahme des herkömmlichen Fehdegeldea zu bestimmen. Von einer
Strafe kann nicht die Bede sein, und der Germane würde es nicht
verstehen, wenn er für einen Mord die Todesstrafe erleiden soll, vgl.
Tacitus, Germania c. 21. 22, anual. 1,59. In der That zeigt sich bisher
von einem Yolksfrieden keine Spur. Allein Tacitus hat mit fünf
Worten uns ein Bäthsel aufgegeben, das oft dahin gelöst ist, es habe
ein Yolksfriede nach altgermanischem Bechte gegolten. Von dem
Zweck der Yiehbusse, welche der Gemeinde entrichtet wurde, deutet
unser Schriftsteller nicht das Mindeste an. Wir haben also wieder
sachliche Gründe zu suchen, um den Sinn der von ihm bezeugten
Thatsache wo möglich zu ermitteln. Wir wissen, dass die Fehde '
fortdauert, dass private Beilegung und Abfindung nach wie vor er-
laubt sind, dass die üebelthat als solche ohne öffentliche Strafe bleibt.
Jenes angebliche Friedensgeld wird als eine von der Hauptforderung
des Geschlechts abhängige Nebenschuld behandelt, welche nur zu be-
zahlen ist, nachdem die Hauptschuld geleistet war. Später, allerdings
sieben Jahrhunderte später, wird uns als altes Sachsenrecht über-
liefert, dass die Gerichtsgemeinde zwölf Schillinge von dem Schuldigen
erhielt, wenn durch sie eine Sache pacificata fiierit. Es wird hinzu-
gefügt: pro districtione et pro wargida, quae juxta consuetudinem
eorum solebant facere, also nicht auf Grund der Yerurtheilung war
zu zahlen, denn die Yerurtheiluug ist noch nicht Pacification,
sondern für die. Friedensstiftung. Hat die Gemeinde den Frieden
nicht hergestellt, — man erinnere sich auch an die volksrechtliche
Zulässigkeit der Fehde — so erhält sie auch jene Geldsumme nicht.
Ob vormals der Yorsteher des pagus Antheil an dem Gelde hatte,
ist für uns gleichgültig, da weder durch eine bejahende noch durch
eine verneinende Beantwortung der Frage das Wesen der Zahlung
aufgehellt werden würde ').
Diesen Thatsacheu gegenüber wird nicht mit Grund behauptet
werden dürfen, dass die taciteische Yiehbusse ein öffentliches Straf-
recht beweise. Will oder kann ein Führer nicht vermitteln, ist Hoff^-
nung auf wirksame Unterstützung der Gemeinde, so wird in der
Yolksversammlaug das Fehdegeld eingefordert oder angeboten und
in beiden Fällen die Herstellung des Friedens unter den Geschlechtern
bezweckt werden. Die Gemeinde hat Mühe, sie wird aufgehalten, in
*} Vgl. Marculf II, 18. Lex Salioa 47. 50, 4. 5S, 2, 54, 4. Lex Ribaaria 89.
Lex Frifiion. £1, 2. 8. 5—8 vgl. mit Richthofen, Rechtaquellen S. 24. Lex Saxon.
18 vgl. mit Capitulare Saxonicum c. 4. Ausserdem allenfalls Ed. Rothar. 45. 74.
148. 162. Liutpr. U». 1S5. Edmund 11, 7.
Zur germanischen Verfmnngsgesohiohte. 37
Ansprach genommen, nicht für den Natzen des Volkes, sondern fdr
PriTatinteressen. Was natürhcher, als dass sie wenigstens einen Bei-
trag fQr ihre Speisnng Ton dem erhält, za dessen Yortheil sie thätig
wird? Jacob Grimm, RA. 648, vgl. jedoch zu Thomas, Oberhof 1841
S. lY, hat sich nur negatiy gegen den Strafcharakter der Yolksschuld
ansgesprochen, v. Bar, Handbuch des deutschen Strafrechts, I, 1882,
S. 54 ff. ist mit Energie f&r die Oebührennatur der Yiehbusse ein-
getreten, eine Ansicht, welche auch ünger, Gerichtsverfassung 1842
S. 32 geäussert hat. Und so lange Fehde und private Composition
die Begel, Klage vor der Yolksversammlung die Ausnahme bildet,
also noch damals, als Yelleius und Tacitus schrieben, ist die Ent-
stehung eines öffentlichen Strafrechts für Individualvergehen entweder
in ihren Anfangen begriffen oder noch gar nicht begonnen. Es ist
zu beachten, dass die Gothen jene volksrechÜiche Zerlegung des
Strafgeldes nicht gekaant haben, und es ist ferner bemerkenswerth,
wie leicht der Eönigsfriede die Grundlage des Staatsiriedens zu
werden vermochte, vgl. z. B. Edward II, 1 pr. Wir sind nicht mehr
im Stande die Fortschritte der strafenden Function der Yolksgemeinde
vor der Wanderzeit und bald nach derselben festzustellen, aber wir
werden vermuthen dürfen, dass, wenn das Eönigthum an Macht zu^
nahm, auch seine Friedensbewahrung sich vermehrte und verstärkte
und die Entwicklung des Yolksfriedens nach einer Bichtung hin.
die dem Wesen des monarchischen Eönigthums widersprach, leicht
aufgehalten und verhütet werden konnte. Ich leugne nicht, dass die
volksrechtliche Yiehbusse der alten Zeit sich zu einer wahren öffent-
lichen Sirafe umgebildet hat, aber ich bestreite, dass dieses Strafen-
system geeignet war, der Entstehung der ältesten germanischen Mo-
narchien und insbesondere der Herstellung des für sie unentbehrlichen
Königsfiriedens erhebliche Schwierigkeiten ber^jiten. Der Unzeit is^
die Auffassung, dass die Yerletzung eines individuellen Rechts eine
öffentliche Bestrafung zur Bechtsfolge haben müsse, nach unseren
reberlieferungen unbekannt gewesen. Der Antrag auf Herstellung
des Fried-irns mit einem feindlichen Geschlecht, die Einforderung des
Fehdegeldes unter Anrufung der staatlichen Hülfe, die Unterstützung
einer solchen Bitte seitens der Häuptlinge, um ihre Macht zu bf.-
thätigen, seitens der geringeren Yolksleute aus socialem Instinct, diese
und ahnliche Acte mussten eine lange Zeit sich wiederholen und zu
einem ui d demselben Zweck zusammenwirken , ehe der schwere
Gedanke des Yolksfriedens erworben ward. War er nicht eine
{"'ehöpfong vieler -Schwachen und der Köu'gsfriede eine Schöpfung
eines Starken, und war schon aus diesem Grunde der Königs-
38 Sickel.
friede nicht leichter, entwicklungsfähiger, mächtiger als der Volks*
friede*)?
IIL Unfreistaatliche Einrichtungen.
Es gibt Einrichtungen, in denen ein freistaatlicher Bestandtheil
nichi; nachweisbar oder nachweisbar nicht vorhanden ist. Es ist
möglich, dass sie in späterer Zeit von dem staatlichen Gemeindeleben
ergriffen und seinem Wesen gemäss oder angemessener gestaltet sind.
Wir beschäftigen uns auch hier Tomehmlich mit dem Zeitalter vor
der Entstehung der germanischen Monarchien in Mittel- und Süd-
Europa.
1. Zusammenkünfte der Vielherrscher.
Die Versammlung und die gemeinsame Thätigkeit der Vielherrscher
ist nichts anderes als die Thätigkeit eines jeden einzelnen Führers
in einer besonderen Lage, im Verhältniss zu seinen Mithäuptlingen.
Hieraus folgt, dass, da, wie wir wissen, der Wirkungskreis des Häupt-
lings von der Gemeinde nicht normirt war, die Thätigkeit der Häupt-
linge auf einer Zusammenkunft rechtlich unbestimmbar ist Dieser
Zustand würde gänzlich verkannt oder verdunkelt werden, wenn die
Versammlung als ein ebenbürtiges Glied neben die Gemeinde und
ihre Führer gestellt würde. Von anderen politisch thätigen Zusammen-
künften einzelner Volksleute unterscheiden sich die Häuptlingsver-
sammlungen nur durch den Umstand, dass die anerkannten VolksfÜhrer
es sind, welche zusammentreten, berathen und beschliessen. Allerdings
waren ihre Versammlungen herkömmlich, aber der Ausdruck senatus
wird doch Niemanden über ihre Natur täuschen. Ohne Organisation,
ohne Becht, willkürlich nach Zeit und Ort, schwankend in der Theil-
nahme, wechselnd in ihrem politischen Einfluss, unbeständig in den
zur Erwägung und Beschlussfassung gelangenden Angelegenheiten, so
spiegelt diese Versammlung das sociale Wesen ihrer Mitglieder wieder ^).
^) Der ältere Freistaat mit dem rechtloHen aber machtreichen KOnigtham
kennt folgeweiae nicht ein Rechtsinstitat des Eönigefriedens, sondern eine iieu^sche
Friedensbewahrang des KOnigs — wie jedes YolksfClhrers. Dass der Einzelherr-
scher die Yiehbusse in Empüsuig nahm, ist wohl so za erkifiren, dass die Ge-
meinde keinen besonderen Beamten besass, der ihre Einkfinfle ein2sonehmen und
aufeabewahien hatte, und wer sollte hier eher an ihrer Statt fongiren als ihr
König? Die Gabe selbst kam wohl als Opferschmaus an das Volk zurQok und
auch hierbei mochte der König Ordner sein.
*) Die Zusammenknnft ergibt sich ans Tadtus, Germania c U in Verbin-
dung mit GSsar, belL Gallic. IV, 11 und der Mittheilong annal. XI, 19, dass
Corbnlo senatus, magistratus, leges imposuit. Hier wird niöht eine neue Em-
richtung, sondern eine allgemein germanische bei einem Volke durch fremden
Zur germftnischen yerfasBrmgngeflcliichte. 39
Kein Gegenstand, über welchen die G-emeinde entscheiden will, muss
dort Torberathen oder von dort her begutachtet werden *), kein Volks-
führer von den Häuptlingen nach gemeinsamem Beschluss vorgeschlagen,
kein YoDrsbeschluss von ihnen genehmigt werden. Mit einem Wort,
es war keine verfassungsmässige Versammlung. Wenn die Gemeinde
einen Antrag annahm, weil er von ihren Führern gutgeheissen war,
80 bestätigte sie nicht denselben, sondern fasste sie einen materiell
übereinstimmenden Beschluss. Der Einfluss der Volksthätigkeit auf
diese Hänptlingsgemeinschaft hat nicht weiter gereicht, als dass er
die Personen in Folge der Anerkennung näher bestimmt hatte, eine
Wirkung, die nicht an sich beabsichtigt war. Es ist vielmehr die Un-
thätigkeit der Gemeinde auf diesem Gebiete aus der Thatsache er-
sichtlich, dass sich aus der gemeinsamen Thätigkeit der Häuptlinge
keine besondere Beamtenklasse abgezweigt hat, deren Aufgabe es ge-
wesen wäre Bathmänner der Gemeinde zu sein. Weil diese Function
unzertrennlich in der Häuptlingswürde beschlossen geblieben ist, hat
sie mit dieser für immer aufhören können.
Nichts kann gewisser sein, als dass der Eönigsrath mit den an-
geführten Zusammenkünften der Vielherrscher in keinem Zusammen-
hange steht. Speciell auf das Königthum angewendet würde Germania
c. 11 lauten: de minoribus rebus rex consultat, de maioribus omnes,
ita tamen ut ea quoque, quorum penes plebem arbitrium est, apud
regem pertractentur. Weil der König der alleinige Frinceps ist, hat
er allein diese Thätigkeit Ein Volksrath, ein Gemeinderath steht ihm
nicht zur Seite, weil wie erwähnt eine Differenzirung der Häuptlings-
function in dieser Hinsicht nicht begonnen war. Ein solches aus-
schliessliches und unmittelbares Verhältniss des Königs zu der Ge-
meinde ist dem Königthum günstig. Der Einzelherrscher wird mit
Vertrauten berathen, die nur sein Interesse wollen, vgl. Germania c. 25 ;
er wird Vornehme berufen, um ihren Rath oder ihre politische Unter-
stützung zu erhalten; er wird, wenn sie ihm ungefragt ihre Meinung
erklären, oft wohlthun, sich ihrem Wunsche zu fügen. Allein diese
Einzelnen stehen hier in keinem juristischen Verhältniss zu der Ge-
meinde; sie treten vereinzelt und in spontanen Actionen auf; ihr Wille
ist auf thatsächliche Bestimmung des königlichen Willens, nicht auf
WiUni eingeführt. Auch ist der Vörflcblag Grermania c. 11 stets eine Indiyi-
dtialhandhrog, bald mit, bald ohne thatsächlichen Rückhali Vgl. femer für
die seUbst&ndige Handlmig des einzehien Führer« Tacitus, azm. I, 59 f.
') Das Gegenthdl nimmt Palgrave, Commonwealth 1, 1882, S. 87 an; die
richtige Ansiebt hat Dahn, Bausteine II, 185.
40 • Sickcl.
Geltendmachung eines eigenen Bechts gerichtet '). Vielleicht kann auch
eine solche Versammlung «das Reich* heissen, vgl. BeoYulf 172 f:
monig oft gesät rice to rüne, entsprechend Lex Salica, epil. 1: der
König cum rignum suum pertractayit, aber über das Becht der Ver-
sammlung sagt freilich dieses Wort nichts aus.
Fassen wir zusammen. Die Volksgemeinde entwickelt keine Volks-
Tcrtretung. Der Königsrath bildet sich neu aus königlichen Dienern
oder aus Mitgliedern der ersten Gesellschaftsklassen. Weder der Diener,
der auf Grund ' seiner Dienstpflicht, noch der vornehme Mann, der
kraft; seiner socialen Stellung handelt, kann die alte Verfassung be-
wahren wollen. Beiden fehlt der Gemeinsinn, den einen wegen ihrer
persönlichen Verpflichtung, den anderen wegen der Gesellschaftsmacht,
die sie beruft. Dort kann Dienstrecht, hier kann Eigenrecht entstehen,
aber aus keiner dieser Gruppen kann eine Volksvertretung hervorgeben
und keine wird daher die alte Verfassung gegen das neue KSnigthum
beschützen.
2. Das Volksland.
Hanssens Untersuchungen haben das Verstandniss der altdeutschen
Landwirthschaft eröffnet ^). Für unsere Aufgabe genügt es jetzt auf we-
nige Punkte auiinerksam zu machen.
Jacob Grimm, BA. 246 hat den Gesichtspunkt hervorgehoben,
der für die Entstehung des Volkslandes entscheidend ist, es ist die
Eroberung durch die Volksleute. Hiermit ist mit Nothwendigkeit das
ursprüngliche Volksland gegeben. Die Fortdauer des Gemeindeeigen-
thums entnehmen wir aus Cäsar. Die Volksführer vertheilen das Land
an die Geschlechter, — an den Ordnern und den Empfängern lernen
wir den Eigenthümer des Bodens kennen. Derselbe Schriftsteller führt
ferner an, dass die Geschlechter ') ihren Acker weder auf Dauer noch
nach einem festen Masse erhalten, sondern dass ihnen von Jahr zu
Jahr ein neues von den Volksführem bemessenes Feld zur Benutzung
angewiesen wird. Begeln nun die Volksleiter die Landnahme auf Grund
eines Gemeindebeschlusses? Haussen, Abhandlungen S. 86 f. bejaht
«) Vgl. Casaiodor, Vair. III, 22. 2S. V, 41. Pwoop, belL Gothic I, 2. 7. II, 22 .
28. IV, 27; bell. Vandal. L 22. Jordanes c. 59. Victor VitensiB I,5,18. I, 6, 19.
Widukind T, 9, auch die VetBammlung nach altgermaiiischer Mondzeit Sidonius
ApollinariB, carmin. IV, 462 f. 458. 486 6ä. Baret. *) Vgl. Hanssen, Agrarhisto-
risohe Abhandlungen 1880 S. 2. 9. 11. 29 f. 77 f. 8S ff. 87 ff. 92 f. 101. 111. 128 ff.
und in der Zeitachrift; fQr die gesaxnmte StaatswisBenschaft XXXVI, 407 t 412.
418; XXXVIII, 452. 455. 459. 467. 468. 470. 472. 476. 50S f. 505 f. •) Die Va-
rianten bell. Gallic. Vi, 22, 2 rec. Holder 1882 sind bedeutungsloe.
Zttr geniiADiBcheB Yerfassuags^Bchicht«. 41
die Frage, wie mir scheint, ohne Grand. Was sollte das Yolk be-
schlieseen? die Yertheilang? Sie verstand sich ?on selbst. Die Aus-*
f&hrong der Yertheilang erfolgte freilich nicht nach freier Willkür,
aber wie hätte die Gemeinde sie im einzelnen feststellen sollen? Die
eroberndem Volker haben ihre Könige den Boden aastheilen lassen,
s. B. Paolas Diaconas V, 29. Lex Burgund. 54.
In der alten Zeit erhielten die Geschlechter, nicht die Yolksleate
als solche, das Ackergnt. Dieser Widersprach mit der Yerfassang
hat offenbar seinen sachlichen, wirthschaftlichen Grand gehabt. Man
bat mit Becht vermathet, dass die Geschlechter den Acker gemeinsam
bebaut und den Ertrag der Ernte unter ihre Glieder yertheilt haben.
Allerdings lässt sich diese Annahme nicht positiv beweisen. Es liesse
sich etwa anf&hren, dass die suebischen Contingente, welche durch
die Heerfifthrt verhindert waren den Acker zu bestellen, die Ernte der
Bebauer mit verzehrten und dass eine künstliche Begelung dieser Yer-
haltnisse unwahrscheinlich ist, Cäsar, bell. GFallic. lY, 1.
Ist nach dem Gesagten das Yolksland ursprünglich nicht nach
der Bechtsconsequenz des Freistaats geordnet, so ist doch die Land-
ordnung, welche später die allgemeinste war, nur weiter von der
Yerwirklichung des Yolksstaats abgegangen. Jetzt befindet sich das
Ackerland im Besitz von Agrarverbanden , deren Mitglieder nicht
mehr die Yolksleute als solche sind. Die Markgenossenschaft vertheilt
ihre Felder nur an ihre Genossen; die Benutzer bleiben dieselben;
ihre Gesammtlieit nimmt von Zeit zu Zeit ein anderes Stück des Acker-
bodens in Bewirthschaftung und das einzelne Mitglied bestellt keinen
Acker zwei Jahre nach einander. Innerhalb des Yerbandes werden die
Astheile verschieden bemessen, so dass es Reiche und Arme gibt,
Plinius, bist, nai XXYIII, 35, 138. Tacitus, Germania c. 17. 19, und
Civilis agros villasque besass, Tacitus, bist. Y, 23. Aber nicht das
Yolksrecht ist es, welches die Antheilsrechte nicht gleichmässig normirt,
sondern innerhalb der einzelnen Landgemeinden ist nach ihrem Be*
scUuss ungleich getheilt ^).
Hiermit ist das Yolksland mindestens zum besten Theil aufgehoben.
Wahrend ursprünglich die politische und die agrarische Gemeinde nicht
>) Dan ein späterer Stand, der Stand der Liten, nicht selten eine feste
Quote des Ackermasses der Freien erbalten hat, Wilmans. Kaisemrlfunden I S. 147.
Schmidt, Halberst Urkb. I S. 588. Heinemann, Cod. dipl. Anhaltin. II 8. 247
▼gl Laoomblet, ürkb. I S. 6 nnd fftr die Freienhufe s. B. Mon. Boica YI, 20.
Oberbayerieches Arohiy XXXIV, 297, kann für die Aufklärung der Urzeit nichts
aostragen.
42 • Sickel.
selbständig für sich zu denken waren, gab es jetzt eine Eigenthümerin
des Ackerlandes, welche keine politische Gemeinde war. Wenn das
Territorium der Markmänner mit dem der Hundertschaftsmänner zu*
sammenfällt, so bewohnen sie denselben Baum, aber- juristisch yer-
bunden sind sie hierdurch noch nicht. Sind nun diese Entwicklungen
durch die Praxis und die Sitte einzelner Landschaften Tor sich ge-
gangen, so sind sie auch ungleichzeitig erfolgt und haben sie zu ver-
schiedenen Besultaten geführt. Es ist glaubhaft, dass in einzelnen Gegenden
noch lange die Geschlechter gemeinsame Felder besessen haben, wie
es z. B. Lex Alamann. 87, die contribules, die sich yersammeln. Wart-
mann, ürkb. II, 395 und die Uebersetzung des Wortes contribules
mit gipurun, mitkibuorun, chunnilingun, cunnin, Steinmeyer und Sievers,
die altdeutschen Glossen I, 402. 411. 700. 735. II, 11 und die Ge-
schlcchterdorfer der Dithmarschen, Nitzsch, das alte Dithmarschen 1862
S. 11 beweisen werden. Es wird nicht zu bezweifeln sein, dass das
Yolksland während der neuen Ansiedelungen der Völker in den ersten
Jahrhunderten mehrfach wieder aufgewacht ist; es ist sehr wohl mög-
lich, dass auch das aus der Feldgemeinschaft ausgeschiedene Privat^
land sich bereits vor den grossen Wanderungen gezeigt hat, und
endlich werden politische Gemeinden und Markgemeinden hier oder
dort eine innere Verbindung bewahrt oder einen neuen Anschluss ge-
funden haben. Es ist jedoch nicht richtig, die eine oder die andere
Annahme mit y. Sjbel, Königthum 2. Aufl. S. 20 ff, Dahn, Urgeschichte
1, 70. 72, Erhardt in den Gottingischen gelehrten Anzeigen 1882 S. 1220 bis
1235, und Nitzsch, Geschichte 1, 56. 61 ff. vgl. Knies, Politische Oekonomie
Yom geschichtlichen Standpunkt. 2. Aufl. 1881 S. 192 — 194 in den Bericht
des Tacitus hineinzulesen. Lamprecht in der Zeitschrift des Bergischen
Geschichtsvereins XVI, 173ff. hat die Fragen richtiger erörtert Tacitus
erzählt nicht Ton allem, was vorhanden war; was er mittheilt, ist
eben dasjenige, i?ias er ßlr das Allgemeinere, Verbreitere, Charakter
ristischere gehalten hat. Da wir seinem Zeugniss um so mehr zu
glauben haben, als dasselbe]durch die'^späteren Zuständejbestätigt wird,
so ist vielleicht schon im ersten Jahrhundert die unpolitische Mark-
genossenschaft die Begel gewesen *).
So hat die privatwirthschaftliche Nutzbarkeit des Volkseigenthums
in früher Zeit über das alte Recht gesiegt. Nachdem zuerst der Acker-
*) Der Ackerwechsel geht fauch aus! einer langobardiBchen, von Schupfer
in den Wiener Sitzungsberichten XXXV, 4SS f. erörterten Urkunde ▼. J, 780
hervor. Werthloe hingegen ist eine Redensart von Caasiodor, Var. If , 16 und für
den Geschlechteracker imverwerthbar die Eingehang einer Societät durch Anbrüde-
rang, 754 Regesto di Farfa II S. 46.
Ztur germaniflohe^ Verfiittuiif^flreflcluohtii. 43
boden an Einheiten aasgetheilt war, die fQr den Staat keine Einheiten
waren, konnten an Stelle der Geschlechter leicht unpolitische land-
wirthschafÜiche Verbände treten. Hatte in der Oeschleehterzeit noch
jeder Yolksmann Ton den Aeckern Ertrag besogen, so wurde er nach
dem üebergang des Feldes auf die Markgenossenschaften nicht mehr
als solcher Theilhaber am Besitz oder an den Früchten. Diejenigen
aber, welche das Yolksland fBr sich verwertheten, gaben den Yolks-
lenten, welche sie von der Nutzung des Bodens ausschlössen, keine
Entschädigung. Anstatt dass das Yolksland ein fester Unterbau für
die gerechte Yertheilung der Staatslasten geworden wäre, hat es mit
seinem Untergang eine neue Gesellschaftsbildung entstehen lassen,
welche den Freistaat unhaltbar und die Monarchie nothwendig ge-
macht hat. Nicht erst die Wanderung oder das Eindringen der Wirth-
schaftsveFbältnisse der römischen Welt haben das deutsche Yolksland
zerstört, sie haben nur eine begonnene Entwicklung befruchtet, be-
schleunigt und modificirt.
3. Der Priester.
Die Sprachwissenschaft hat die Yerbindnng des Friesterthuras mit
dem Adel entdeckt. Wir wissen jetzt durch MüUenhoff, dass der Priester
bei den Naharvalen dem vandalischen Adelsgeschlecht der Astinge
angehört hat, Zeitschrift ftlr deutsches Alterthum X, 556 f. XII, 347.
Wenn nun ferner anzunehmen ist, dass der Adel älter war als das
Priesterthum, — so fasst es noch Jordanes c. 11 auf — so er-
achlieesen wir, dass in der Yorzoit die adligen YolksfÖhrer auch den
Yerkehr der Gemeinde mit den Göttern leiteten, die Opfer ordneten
and etwa die heiligen Zeichen des Gottes in die Schlacht trugen. Sie
waren nicht Priester ^), aber sie übten Functionen, aus denen sich ein
Priesterthum abzweigen konnte. Es hat sich abgezweigt. Der Führer
oder sein Geschlecht hat einen Mann aus der Yerwandtschaft mit der
Wahrnehmung der priesterlichen Functionen betraut. Seitdem, als die
sacralen Functionen sich selbständig constituirten, hat die Geschichte
des Priesterthums begonnen. Der Inhaber der Würde ist nicht Diener,
«technischer Hülfsbeamter der reges und der principes*, wie K. Maurer,
Island 1874 S. 44 erklärt, noch ist er ein Häuptling, der, während
andere zur Anführung des Heeres und zur Abhaltung der Gerichte
auserkoren wurden, die Aufgabe empfangt die priesterliche Thätigkeit
auszuüben, wie Weinhold, die deutschen Frauen. 2. Aufl« 1882.1, 61 f.
*) So Gnmm, RA. 24S, aber der Gebrauch dieses Ausdrucks fUhrt in die Irre«
weil vormals die Machtftille des Führers eine einheitliche war.
44 Sickel.
sagt ^). Tacitus hat das Amt des Priesters als ein selbständiges dar-
gestellt. Einmal eingesetzt, hat es die Führer von den bisherigen
priesterähnlichen Functionen wie von den nachmals von der Priester-
schaft hinzu erworbenen Rechten ausgeschlossen, obgleich eine Wieder-
vereinigung der beiden Würden ursprünglich noch möglich war.
Ist nun dieses Amt, das sich zuerst aus der Machtf&Ue des Yolks-
führers abgetrennt hat, in der Urzeit mit der Gemeinde in Yerbindung
gesetzt worden? Ich finde keine Andeutung, dass es zum Yolksamt
geworden oder dass wenigstens die Wahl des Priesters durch die Ge-
meinde erfolgt sei. Wenn Cäsar, bell. Gall. VI, 21 vielleicht ein Zeugniss
gegen den priesterlichen Geburtsstand ablegt, bietet andererseits der
Ausdruck sacerdos civitatis, Germania c. 10 keinen Grund für die An-
nahme, dass die Volksversammlung die Würde verliehen habe. Grimm,
Mythologie, 4. Ausg. I, 74. 76. If, 926. TU, 40 vermuthet Vererbung.
Wenn an die Stelle des ursprünglichen Einzelpriesters, Germania c.
10. 40. 43 in späterer Zeit mehrere Priester getreten sind, Eunapins,
Dindorf I, 248. Ammian XXVIII, 5, 14, so wird diese Thatsache ver-
schieden erklärt werden können. Erscheint nun nach dem Vorigen
und nach den Zeugnissen, welche vorliegen, die Ansicht unbegründet,
dass der altgermanische Priester von dem Volke, über das ihm sein
Beruf Macht verlieh, ernannt worden sei, obwohl bei der Unzuläng-
lichkeit unserer Nachrichten auch nicht mit Sicherheit behauptet
werden darf, dass das Priesteramt in der Urzeit des Freistaats niemals
unter Zustimmung oder durch den Willen der Gemeinde übertragen
sei, so werden wir wohl eine starke volksthümliche Entwicklung auf
dem sacralen Gebiete in Abrede stellen dürfen. Es würde dies er-
klärlicher sein, wenn der Priester als ewart nur das sacrale Hecht
behütet hätte und wenn nur dieses Recht es gewesen wäre, das er
vielleicht als asega verkündete, vgl. Grimm, Mythologie I, 72 f. III,
38 und Bechtsalterthümer 781, ab^r auch v. d, Bergh, Proeve van
een kritisch woordenboek der nederlandsche mythologie 1846 S. 252.
Vorträge des Priesters über das Volksrecht und Rechtsprechung in
weltlichen Sachen werden weder durch jene Ausdrücke noch durch
*) Ana der Thatsache, dass ein adliger Cherasler eine römische Prieeterstelle
angenommen hatte, kann kaum gefolgert werden, da« die germaniflchen Prieeter
ans dem Adel hervorgingen. Dass Segimnndns nicht deutscher Priester war, haben
zuletzt Düntzer in der Monatsschritt tOr die Geschichte Westdeutschlands VI, 1880,
S. 46 S ff. nnd Th. Bergk, Zur Geschichte und Topographie der Rheinlande 1882
S. 188. 189. 140 nachgewiesen. Vgl. auch Hegel, Yerfossungsgeschichte yon
Köln 1877 8. I.
Zur germaniBchea Verfsunungsgeschickte. 45
sachliche Gründe beglaubigt sein, aber der Priester ist ?ielleicht der
Vorlaufer des Bechtsprechers gewesen ^).
Die spätere Geschichte der deutschen und der gothischen Völker
gibt über den Verlauf des Friesterthums keinen Aufschluss ^). Es
wird weder die Verbindung des Adels mit dem Priesterthum noch
eine besondere Beziehung des Volksführers zu dem Volksglauben *)
dargethan, wenn VolksfUfarer oder Monarchen Missionaren erlauben
KU predigen und zu taufen, Beda 1,25. Vita Wilfridi e. 25, Gale,
bist Brit. script. I, 64; wenn die Bekehrung der Machthaber folgen-
reicher ist als die eines anderen Mannes, Beda, II, 9. 12. 13 oder
wenn von ihnen eine Aufforderung zum Uebertritt ausgeht, Socrates
IV, 33, 4 vgl Theodoret IV, 37 uud Siseb. ep., Migne LXXX, 373 ;
wenn sie selbst der Bekehrung widerstehen, aber den Volksleuten
nicht verwehren ihren Glauben zu ändern, Vita Vulfranni c. 1, Acta
Sanctorum, März III, 146; c. 9, Mabillon III, 1,361; wenn sie be-
sorgt sind, ihre Abwendung von dem Glauben der Väter werde dem
Volke missfalleu, Gregor 11,31; wenn ein Friesenkönig suorum iniu-
ram deorum ulcisci cogitabat, Vita Willibrordi c. 11, Jaffe VI, 48
und einen zum Opfer bestimmten Knaben dem Missionar nicht aus-
antwortete, weil die Volksleute widersprachen, Jonas, Vita Vulfranni
c. 5, Acta Sanctorum, März III, 145, (ausgeschmückt von der Redaction
bei Mabillon III, 1, 359), die auch sonst ihren Willen äusserten, Vita
Willehadi c. 3, SS. II, 380 f. Wir sehen in diesen Handlungen
nichts als den Einfluss des höchstgestellten Mannes. Die germanischen
Nationen, sagt Rosseeuw St. Hilaire, histoire d*Espagne I, 244. folgten
dem Führer ebenso bereitwillig ä la messe qu^au combat; sur un ordre
de ce chef elles quittent avec une egale insoucience Tidolätrie pour le
christianisme. Vita Anskarii c. 11, 24 SS. II, 697. 709 beschreibt den
&ctischen Hergang, c. 26—28 S. 712 f. jedoch tritt der Staat recht-»
lieh in Thätigkeit Erst das Monarchenrecht hat die altgermanische
Freiheit des Glaubens, wie für das fränkische Reich Löning, Earchen-
fecht II, 57 ff. ausführlich darlegt • aufgehoben, eine Freiheit, die
allerdings nicht ein ver£Etösungsmässiges Unterthanenrecht gewesen,
soadem vielmehr aus dem Umstände hervorgegangen war, dass ein
bestimmter Glaube nicht zu den ünterthanenpflichten gehört hatte.
Religion und Priesterthum haben demnach die Monarchie we«ler er-»
Schwert noch erleichtert.
>) Anderer Meinung ist v. Richthofen, Untersachongen II S. V. 456 f. 492 ff.
*) Dass der Priester keine Waffen trag, Beda 11, 18, wird daraus folgen, dass
das Heüigthum unbewaffnet zu betreten Wiur, vgl. Tadtus, Germania c 89; annaLI,
51. K. Maurer, Germania XVI, SSI f. >) Wie Dahn, Bausteine T, öS? f. annimmt.
46 Sickel.
4. Das Gefolge.
Der Gefolgschaftsvertrag ist ein privates Bechtsgeschäfi Er
würde diese Beschaffenheit auch in dem Fall nicht verlieren, wenn
die Annahme begründet wäre, dass nur die YolksfÜhrer berechtigt
waren, solche Dienstleute anzunehmen, wie Sachsse» Grundlagen 1844
S. 442. Pertile, diritto italiano I, 29. Erhardt, Staatenbildung 1879
S. 48 u. A. behaupten. Da jedoch diese Auffassung das ursprüng-
liche und Bechtliche mit dem üeblichen und späteren Rechten ver-
wechselt *), 80 fehlt dem alten Gefolge jeder Schein einer publicisti-
schen Natur. Es ist nun eine sehr beachtenswerthe Thatsache, dass
dieser private Dienstvertrag die Ordnung des Volksheeres durchbricht
und den Gefolgsmann an die Seite seines Dienstherm versetzt. Es
ist ein Widerspruch gegen die militärische Gliederung der Yolksleute.
Es ist ferner volksheer widrig, dass der Dienstmann nur für seinen^
Herren streitet^). Nicht dass die urgermanische Wehrpflicht des
ünterthans durch seinen Privatdienst aufgehoben würde, aber er
kämpft doch nicht mehr für sein Volk. Liesse sich nachweisen, dass
schon in der Zeit des Freistaats private Freigelassene oder Ausländer,
die nicht Unterthanen geworden waren, in das Gefolge eintreten
durften, so würde eine noch erheblichere Abweichung von der Volks-
verfassung dargethan sein. Der urgermanische Staatsgedanke schliesst
den privaten Freigelassenen und den Fremden von dem Volksrecht
aus, und wenn nun ein .Rechtloser als Dienstmann eines Volkskrie-
gers mit den Volksleuten kämpft, so würde die staatliche Auffassung
des Heerdienstes eine sehr bedeutende Inconsequenz und Schwäche
offenbaren. Die Berichte aus der monarchischen Zeit sind jedoch
nicht beweiskräftig. Dass später Fremde Dienstmannen des Königs
werden, geht wohl aus Ed. Bothar. 367. Lex Ghamavorum c. 9 vgl
Mömoires de l'academie de Petersbourg VII® serie. Tome XXIII. 1879
S. 247 ff. hervor. Dass einheimische Nichtunterthanen Gefolgsleute
wurden, ergibt Becapitulatio legis Salicae c. 30, Behrend S. 133;
c. 33 S. 134. Es ist bemerkenswerth, dass das Gefolge nach salischem
Becht unter dem Heerfrieden des Volksrechts steht '). Derartige
>) So auch M^'er, Urverfassung 1798 8. 190. 194. E. Maurer, Adel 1846 S. 205.
Landau, Territorien 1854 iS. 245. Dahn, Bausteine II, 161. v. Wietersheim-Dahn
I, 89. 57. 547. ') Dass er zu Pferde kämpft, Tacitus, Germania c 14, wie der
Anführer des Volksheeres, annal. II, 11. 17. 45; histor. lY, 84. V, 21 ist hierausser
Acht zu lassen. >) Lex Salica 68. v. Sybels Einwendungen, Eönlgthum 1881
ä. 406 i. gegen Sohm sind begründet, aber mit Unrecht leugnet er den Volks-
frieden. Die Ausschliesslichkeit des Herrendienstes charakterisiren bereits Tadtus
Germania c. 18 f. und- Ammian XVI, 12, 60. Für die spätere Zeit ist lehrreich
Lex Wisigoth. V, T, 20. IX, 2, 9.
Zur germaniscben VerfaBSuiigBgeaoliichte. 47
Bechtfibilduagen reichen wohl in das AlterUmm zurttck. Allein wer
diese Yermuthung zurückweist, wird doch eingestehen müssen, dass
die zuerst erwähnte Bechtsfolge des Dienstverhältnisses bereits eine
Kraft des Dienstrechts bewahrt, welche uns lehren kann, dass der
Staatssinn selbst im Heerwesen nocb nicht herrschend geworden war.
Wurde hier während der Zeit des Freistaats, als die alte yolksfreie
Gesellschaft bestind, Volksrecht durch Dienstrecht aufgehoben, wie
schwer vermochte später die Yolksheerverfassung einer monarchischen
Heerverfassung zu widerstehen?
Schlussbetrachtung.
Die zusammengestellten Thatsachen geaügen um ein ürtheil über
den altgermanischen Staat zu ermöglichen.
Die Yolksgemeinde war der Souverän und das Organ ihrer staat-
lichen Thätigkeit war die Versammlung der Yolksleute. Wir haben
keinen Fortschritt ihrer Organisation wahrgenommen. So wie sich
diese Versammlung in dem ürstaat formiren mochte, so hat sie wohl
noch Kriege gegen das römische Beich beschlossen. Es ist als ob die
germanische Kraft eine Organisation nicht zu ertragen vermochte.
Obwohl nun dieser allmächtige Souverän nichts gethan hat, um seine
ttgene Dauer zu gewährleisten, so hat er doch mehr als einen Fort*
schritt des politischen Daseins bewirkt oder gefordert. Es war ein
Fortschritt, dass die geborenen Führer durch anerkannte ersetzt wurden,
und es war eine Fortsetzung des Sieges der Gemeinde über den Adel,
dass die Vielherrschaft zur Einherrschaft fortgebildet wurde: in diesen
Acten steckte das Gefühl des staatlichen Zusammenhangs. Es war
ferner ein Fortschritt, dass sich aus der Machtfülle des Führers nach
und nach, bald mit, bald ohne die Theilnahme der Gemeinde, einzelne
Functionen zu selbständigen Aemtern absonderten; es schieden aus das
priesterliche, das militärische und das gerichtliche Amt. Es war endlich
ein Fortschritt, dass sich die Aussicht auf einen Volksfrieden eröffnete^
Vollendet war der Freistaat aber noch nicht. Das Volksland fand
kein Gewähr für seinen Bestand; der Gefolgsmann verliess seinen
Platz im Volksheer, um neben seinem Dienstherrn zu kämpfen. Das
Amt der Priesters war schwerlich mit der Gemeinde in rechtliche
Verbindung gesetzt. Die Beamten standen ohne Bechtsverhältniss
neben einander. Der Priester übte keine Aufsicht über die weltlichen
Würden, der König besass keine Controle über den Volksrichter, das
Volksgericht beschränkte nicht den Volksführer. Der Gemeinsinn der
Verwandten hatte sich zu einer Stärke entwickelt, welche einen raschen
Fortschritt und eine umfassende Ausdehnung des staatlichen Gemeinsinns
hemmen musste und insbesondere den Volksfrieden nur langsam zur
48 äiekel.
YerwirklichuBg gelangen liess. Vor allem aber war die Fühmng noch
nicht ein von der Gemeinde ttbertr^eues Amt, mithin nicht ausge-
stattet mit Begierungsrechten des Staats, nach Inhalt und Dauer nicht
rechtlich normirt, sondern sie war noch immer eine sociale Macht-
stellung wie in der Urzeit, unverändert in ihrem urprünglichen Wesen,
thatsächlich noch immer den Adligen vorbehalten. Es ist wahr, das
politische Bewusstseiu war auf eine höhere Stufe der Entwicklung ge-
treten, als die Gemeinde ihre Führer bestimmte, aber diese Stufe war
eine üebergangsstufe. Es war ein innerer Widerspruch, dass diejenigen,
welche das Recht besassen, eines YolksfElhrers bedurften, und die, welche
führten, ohne Becht waren. Dieser Widerspruch musste sich lösen.
An diesem Funkte scheiden sich die Yerfassungsgeschichten der
germanischen Völker.
Zwei Wege waren möglich. Entweder stieg der staatliche Sinn
der Gemeinde bis zu dem Grade, dass der Führer zu einem Beamten
wurde, welchen der Souverän mit der Ausübung seiner Befugnisse
betraute, oder der Führer erwarb sich mittelst seines eigenen fort-
gesetzten Herrschens Bechte, deren Einheit zum Monarchenrecht werden
konnte. Welche von diesen zwei Seiten der Führung zur Ausbildung
gelangen sollte, ob der volksthümliche Beruf oder das eigenmächtige
Walten, ist durch ein Ereigniss entschieden, welches von innen her
kam : durch die Geschichte der Gesellschaft. Die Gesellschaft beherrscht
den Fortgang der germanischen Verfassungsgeschichte. Da wo die
alte volksfreie Gesellschaft sich lange behauptet, wo der geringe Volks-
mann ökonomische Unabhängigkeit bewahrt und mit ihr seine persön-
liche Selbständigkeit erhält, schreitet die Entwicklung zu folgerichtigerer
Entfaltung der freistaatlichen Anlagen vor. Wo die Gleichartigkeit
der Volksleute aufhört, Beiche und Arme, Gebildete und Ungebildete,
Kirchenleute und Weltleute entstehen, und hiermit das WerthgefÜhl
der Freiheit abstirbt; wo ein beträchtlicher Theil der Bevölkerung in
seiner wirthschaftlichen Noth sich nur nach friedlicher Arbeit sehnt
und die wirthschaftliche Macht keine Schranke findet, welche sie
zwingt auf wirthschaftlichem Gebiete stehen zu bleiben ; wo auf solche
Weise die Gesellschaft sich zersetzt und Buha und Sicherheit und das
Vertrauen zu sich selbst verliert, — bei diesem Volke ist die Zeit der
Monarchie gekommen. Hat vor dieser Stunde der Freistaat Zeit gehabt
seine Entwicklung fortzuführen, so kann er auf die Gestaltung der
Monarchie normirend wirken; sind jene socialen Umwälzungen früK
und rasch erfolgt, so wird die fireistaatliche Verfassung vielleicht unter-
gehen, ohne ein Institut oder ein Becht zu hinterlassen, das ihr die
Entstehung verdankt. Diejenigen germauiächen Nationen, die in den
Zur germanischen VarfMsungsge schichte. 49
Verein der Völker aufgenommen wurden, welche die alte Kultur
Snropas besassen, haben die ersten Monarchien gegr.ündet, weil ihre
ursprüngliche Gesellschaftsordnung am frühesten geendet hat. Wenn
wir aber das durch Erbrecht theilbare Königreich der Thüringer oder
die öfientlich-rechtlichen Zustande des sächsischen Stammes, die Trennung
seiner Stande, die Ergebung Freier unter die Gewalt anderer ünter-
fhanen, die Verloosung des Feldherrnamts unter den Häuptlingen be-
trachten, so bemerken wir, dass auch hier im Inneren Deutschlands,
entfernt von den Einflüssen des Auslandes, der Freistaat nicht zu
höherer Vollkommenheit gelangt ist, sondern dass der Staat sich der Ge-
sammtbewegung der germanischen Verfassungen angeschlossen hat.
Als die germanischen Völker das Königthum einführten, haben
sie die Einheitlichkeit der Volksführung mit der Aufopferung des Feld-
hermamts erkauft. Die Aemter, die sich aus der MachtfÜUe des Häupt-
lings abgelöst hatten, waren nicht geschaffen, um die Kraft des Führers
abzuschwächen. Die einzelne Thätigkeit, die als besondere Function
denkbar und abtrennbar geworde n war, vereinigte sich wieder mit der
alleinigen Führung des Königs. Der Einzelherrscher hatte in seiner
Eigenschaft als VolksfÜhrer wie jeder andere kraft seiner socialen Macht
res minores, um den Ausdruck des Tacitus zu gebrauchen, erledigt.
Welche Angelegenheiten er entscheiden durfte, hatte nicht die Ver-
fassung bestimmt. Jede Steigerung seines Einflusses enthielt eine that-
sichliche Erweiterung der res minores, jede Minderung seiner Macht
Terengerte ihren Kreis. Durch fortgesetzte factische Ausübung eines
Machtinhalts, welcher als Bechtsmacht denkbar war, erwarb er ein
Bechi Mit dem ersten Recht, das er erwarb, durchbrach er die alte
Ordnung. Jedes Recht, das er sich aneignete, war ein originärer Er-
werb; keines leitete er von der Gemeinde ab. Er organisirte die Aus-
übung seiner Rechte und vervielfältigte hierdurch seine Macht Aus
seiner Führung wurde eine formell schrankenlose Herrschaft. Aber
nach alter germanischer Weise wusste er von keiner Theorie. Sein
Recht war ein coneret-historisches Gebilde, innerhalb einer Rechts-
gemeinschafli entstanden, welche concreto Bedürfnisse hatte, durch einen
Herrscherwillen hervorgebracht, der nicht auf Dauer und mit recht-
lichem Erfolge auf ein unbegrenztes Recht gerichtet war. So entstand
das inhaltlich beschränkte, das verfsissungsmässige Monarchenrecht.
Wahrend des üebergangs der republikanischen Verfassung in eine
monarchische bestanden neben einander eine Gemeindegewalt und eine
königliche Gewalt Der Dualismus wird überwunden durch den König,
welcher die Nebengewalt entwerthet, ersetzt, überwältigt Der Fort-
schritt des Staats war jetzt der Sieg der Monarchie. n
Mittheilaiic«!!. Erg&nsuDrsbd. I. 4
50 SiokeL
Seitdem war der VollcBSianit ünterthan eines Monarchen. Weil
das Monarchenrecht eine jaristiache Einheit bilUetei, war auch die ünter-
thanenpflicht einheitlich zu denken. Der Auadrack dieses Bechtsver-
haltnissee ifit die ünterthanentrene. Wie die königliche. Gewalt die
allgemeinste Gewalt ist, die das öffentliche Becht kennt, so ist die
juristische Unterworfenheit des ünterthans die allgemeinste Unter-
worfenheit des öffentlichen Bechts. Weil der Monarch die Mittel her
stimmt, durch welche er seine Befugnisse ausübt und Vorkehrungen
gegen ihre Verletzung veranstaltet, ist er berechtigt dem Ünterthan
zu befehlen, dass er ihm die Erfüllung seiner Pflicht eidlich versichera
Das ist der Treueid des Ünterthans. Er begründet nicht die Pflicht
und er modificirt sie nicht, sondern er verstärkt die Gewissheit oder
Zuversicht des Begenten, dass der Ünterthan seinen Obliegenheiten
so gut nachkommen werde, ab ihm Wissen und Können ermöglichen.
Es ist nicht eine abstracte Treue, die an sich Inhalt einies Bechts-
geschäfts sein könnte, oder eine Treue, welche gleichwirkend in ver-
schiedenen Bechtsverhältnissen voihanden wäre, sondern die Treue in
einem bestimmten Pflichtverhaltniss, in der Unterworfenheit unter die
königliche (Gewalt Daher ist diese Treue, welche aus dem germa-
nischen Eönigsrecht hervoigeht, in den Monarchien so gleichartig wie
das Monarchenrecht selbst. Der Ünterthan ist ein «Getreuer* auch in
den Königreichen, in welchen eine Huldigung^nicht gebräuchlich war ^).
Wenn König Edmund um das Jahr 943 beschloss seine Unterthanen
zu vereidigen, so hat er von seinem Monarchenrecht nur eine neue
i^nwendung gemacht, Stubbs, Charters ed. 3 S. 67. Wenn Liutprand
in einem einzelnen Fall auf den Treuschwur Bezag nahm, so zog er
nur eine rechtliche Consequenz der Unterthanenpflicht, Leges IV,
182. Auch der germanische Monarch kann der Gesammtheit der
Unterthanen ein Versprechen ablegen, er kann beschwören, das^ er
die Grenze seines Herrscherrechts einhalten werde. Verpflichtete er sich
juristisch zu einer bestimmten Ausübung seines Bechts, so würde ^r
hiemit die ursprüngliche Stufe der Monarchie überschreiten.
Die innere Verwandtschaft der germanischen Monarchien ist ein
Vermächtniss der Urzeit. Diese Staaten haben denselben Schöpfer und
dieselbe Ursache ihrer Entstehung: die altadlige Führung der Völker
hat einen unvollendeten Freistaat vernichtet, als diesem die gesell-
scbafiJiche Grundlage seines Daaeins entzogen ward.
I) Vgl. Fudeasua. IHpL I 8. 70. Oudodor, Var, Ol, 84. Ueber die Ver-
eidigung vgl. lex Wisigothor. II, 1, S4 (V, 1, 19).
Die Verträge der Kaiser mit Venedig
bis zum Jahre 983.
Adolf Fanta.
Di6 Yertrf^ der Kaiser mit den Venetianera dind eine der TorzQg-
liebsten Quellen f&r die altere (}eechiclite des Inseletaatee, der sieb echon
firtlhxeitig zu dem bedeutendsten Handelsplatss Italiens und des Westens
überbaupt aufgescbwungen batte* Gerade im 9. und im 10. Jabrb«
worden die Orundlagen Ar die künftige Handeli^rösse dieser Stadt
gel^ Did ganze Entwicklung Venedigs rim den kleinen und un-
bedeutenden Anfingen bis zur Zeit, in der es als das gewaltigste
Hasidelsemportum Europa^s dastebt, bleibt aber unverst&udlicb obne
genaue Berüdcsicbtigung jener VertriSge, welobe den Zweck batten
ttop den Tenetianiscben Handel ein grosses und bedeutendes Absatz-
gebiet au Bcbaffen und zu erbalten. In diesem Sinne also können
wir die Tenetianisehen Pacta als Handelsyertrage bezeicbnen. Man
kann aber gerade nicbt bebaupten^ dass sie bisher eine ibrer grossen
Bedeutung entsprecbende Berücksicbtigung und Yerwerthung gefunden
baben. Von den altern Darstellern venetianiscber Gesebicbte hat
Le Bret eine nur unrollständige Eenntniss yon ihnen. Freilich haben
schon Marin ^) und ToUends Bomanin ^) von allen diesen Verträgen
Notiz genommen. Beide aber beschranken sich darauf den wesentlichen
Inbalt der ältesten dieser Vertrage anzuführen, um sich weiterhin
gewöhnlich mit der einfachen Anmerkung zu begnügen, dass der
Vertrag ton diesem oder jenem Hertscher bestätigt worden sei Ist
aber schon die Deutung, welche die einzelnen Bestimmungen durch
^) Storia oinle e politioa del oonuneroio det VeofiBiaiii, Bd. 8, 85^ 45. 68,
s», 101 U 119 f., 164 t 197. *) storia dooiunentata di Venesia Bd. 1,174£
17 t 201, 208, 2S5, 240, 246, 967, 269.
4*
52 Fanta.
Marin oder Bomanin gefunden haben, nicht immer die richtige, so
yermissen wir vollends einen Hinweis darauf, wodurch sich denn die
einzelnen Verträge Ton einander unterscheiden, worin ihr Fortschritt
liege und in wie weit sie sich verändert haben ^). Freilich stimmen
die Verträge grösstentheils wörtlich mit einander überein. Durch Aus-
lassungen aber oder kleine Zusätze wurde oft eine neue Situation
geschidSFen, bekam dfis eine oder das andere der Capitel eine ganz
andere Bedeutung. In solchen Zusätzen und kleinen Aenderungen
prägt sich die fortschreitende Entwicklung der Verträge immer mehr
zu Gunsten der Venetianer aus, die es verstanden haben, den ur-
sprünglich nur für ein kleines Qebiet geltenden Vertrag auf ganz
Italien zu erstrecken, die sich ihre Handelsfreiheit immer mehr zu sichern
wussten, die es erwirken konnten, dass den kaiserlichen ünterthanen
der Handel auf dem Meere nur insoweit gestattet wurde, als er über
Venedig ging, für sich aber einen festen für alle Zollstätten gelten-
den Ansatz des Bipaticums erreicht haben. Mit Recht also nennt
Bomanin diese Verträge das älteste Zeugniss venetianischer Diplomatie.
Doch wird es nicht meine Aufgabe sein den Inhalt der Verträge
selbst zu untersuchen und zu erläutern, wenn ich auch im Laufe der
Arbeit genöthigt sein werde auf den Inhalt einzelner Bestimmungen
näher einzugehen. Auch soll sie sich nicht über die ganze Beihe
dieser Verträge von Lothar L bis Friedrich ET. erstrecken. Ich werde
mein Hauptaugenmerk auf die formelle Seite der Verträge zu richten,
ihre üeberlieferung, Entstehung und ihre besondere Fassung zu er-
örtern haben. Neben diesen Verträgen geht eine zweite Urkunden-
reihe einher, welche ich nach ihrem Hauptinhalte zum Unterschiede
von den Facta als die Besitzbestätigungen bezeichnen werde. Da in
diese Urkunden mit der Zeit Bestimmungen aufgenommen wurden,
die wir sonst in den Pacta lesen, so werde ich auch diese gelegent-
lich zu erwähnen haben, wenn auch ihre formelle Beschaffenheit, die
sich ganz mit der in den Präcepten deckt, keiner besondern Betrach-
tung bedarf. Ich werde mich auf die Verträge bis Otto II. be-
schränken und nur gelegentlich darüber hinausgehen. Denn unter
diesem Herrscher wurde das Pactum mit der Besitzbestätigung ver-
einigt und einer gründlichen Umarbeitung unterzogen, die die Grund-
lage für alle spätem Bestätigungen bildete. Die eigentlichen Sehwie-
*) 0. Eohlschütter, Venedig unter dem Herzog Peter II. Orseolo 991 bis
1009, Göttingen 1868 S. 75 £ gibt eine Erläuterung der einzelnen Bestimmungen
aller Verträge bis Otto IL, die richtiger ist als die bei Marin und Romanin;
den Inhalt des Vertrages Lothars erläutert Mühlbacher Reg. E. 1088.
Die Vertrfige der Kauer mit Venedig bis zum Jahre 988. 53
«
rigkeiten li^n gerade in den altem Yertragen und sind diese er-
klärt, 80 kann ancli die Erklärung der spätem Vertrage auf keine
Schwierigkeiten stossen ^).
Von den Zweifeln an der Echtheit der yenetianischen Verträge
können wir heute füglich absehen; sie wurden zu einer Zeit ausge-
sprochen als die grosse mit dem Pactum Lothars beginnende und bis
Friedrich IL reichende Beihe der yenetianischen Verträge noch nicht
yorlag und man über die TTeberlieferung derselben noch nicht klar
war. Ich kann mich darauf beschränken auf die Widerlegung, die
diese Bedenken durch Bomanin 1,851 und in den Sitzungsberichten
der Wiener Akademie 11,711 gefunden haben« hinzuweisen.
Die üeberliefemng, in der uns die yenetianischen Verträge des
9. und 10. Jahrb. erhalten sind, ist gerade keine günstige zu nennen.
Der älteste derselben der Lothars yon 840 liegt uns erst in einer
Copie des 14. Jahrb. im Liber^blancus und in einer aus dem Anfange
des 16. Jahrb. in Codex Triyisanus yor. Dasselbe gilt yon dem
Pactum Berengar L Noch schlechter steht es mit der Üeberlieferung
des Vertrages Karl III., der uns nur im Codex Trivisanus erhalten
ist. Bei den beiden Ottonischen Verträgen sind wir insofern in einer
bessern Lage als uns ausser den Copien im Liber blancus und Codex
TriyisanoB noch eine dritte Copie zu Gebote sieht, die wohl noch
dem 10. Jahrb. angehört — also fast gleichzeitig ist. Gerade aber
bei den beiden Ottonischen Pacta bieten die Copien so grosse und
filr den ganzen Inhalt der Urkunden bedeutsame Abweichungen, dass
man nur nach genauester Feststellung des handschriftlichen Ver-
*) Ich dtire hier ein fflr^alle Hai die in Betracht kommenden Urkunden.
Es lind dies folgende Pacta: Lothar^^I. (Payia 840 Februar 22) MQhlbacher Reg.
K. lOSd, Karl IIL (Bayenna 880 Januar 11) Mühlbaoher Urkunden Karl BI.
Sitsongsb. der Wiener Akademie n. 20, das icbfim Anhange zu meiner Abhand-
lung aus dem Apparate der Mon. Germ, abdrucken lasse; Berengar L (Olona 888
Mai 7, Sala Mai 11) in den Forschungen 10,279 n. 4; Otto I (Rom 967 Dec. 2)
DO. «50= Stumpf Reg. 486; Otto IL (Verona 988 Juni 7) Stumpf Reg. 846. —
Von den Besitzbestfttigungen sind folgende erhalten: Lothar I. (Thionyille
841 Sept 1) Mfihlbacher Reg. K. 1064 ; ;Karl IIL {Mantua 888 Mai 10) Böhmer
Reg. K. 957, wo die Drucke bei Lfinig CD. Ital. 4, 1517 und Romanin 1, 868 n. 6
noch nicht verzeichnet sind; Wido (Pavia 891 Juni 20) Böhmer Reg. K. 1278
bei Romanin 1,866 n. 6; Rudolf (Pavia 924 Febr. 29) Böhmer Reg. K. 1498
in den M6moires de Suisse Romande 19, 547 ; Hugo (Pavia 927 Febr. 25)
Böhmer Reg. K. 1878 in den Forschungen 10, 292 n. 9; die letzte ist die Otto L
(967 Dec. 2) DO 851 = Stumpf Reg. 486 Erhalten aber noch nicht publldrt
ist die Besitzbestätigimg Ludwig Q. (Mantua 856 März 28) Mühlbacher Reg*
t 1171.
54 Fanta.
hSltnisseB die Frage, wo und ob uns überhaupt die ecbie XJeberliefe-
nmg erhalten ist, wird entscheiden können ^).
Ich will vorerst das Pactum Otto I. in Bezug darauf untersuchen.
Yergleiciien wir die Copie des 10. Jahrhunderts (B) mit der Abschrift
des Liber blancus (C), so fallen uns eine Beihe correcterer grammi^
^) Eine korse Beschreibung und Inhaltaangabe des Liber blanoos gab P«c(s
im Arcbiy 8, 556 ff., 578 f. 598 S. 612 fP. Der Index desselben ist abgedruckt bei
TaM und Thomas in den Abb. der bayr. Akademie, bist. Elaase 8,47. Mit-
theilungen darüber auch bei Bluhme Iter ital. 1,204 £, 4,169, der bemerkt,
dass ausser dem im L. b. befindficben Index ein zweiter mit grosser Pracht ge-
schriebener sich im Tenetianisohen Archive befinde. Aus der Vorrede snim L. b.
er&hren wir, dass er auf Befehl des Dogen Andrea Dandulo (1848—1858) ange-
legt wurde, aber nicht schon 1844, wie Tafel und Thomaa angeben (a. a. 0. 28),
sondern erst wie die Vorrede salgt post compüationem sexti libri statutorumf also
erst nach 1846 (Simonsfeld Andrea Dandulo und seine Geschichtswerke, München
1868 S. 18). Die Vorrede ist gedruckt Archiy 6,492 und Romanin 1,854 aus
dem L. b. und bei Tafel und Thomas S. 24 mit Angabe der Varianten desLiberalbus. —
Der Codex Trivisanus (beschrieben im Giomaledi Padova 1807) be&nd «icheuEndedes
17. Jahrh. im Besitze deePatriciers Bemardo Trivisani, nach welchem er benannt wurde.
Salvioli Ann. Bologn. Ib, 58 n. 88 gibt an, dass er sich bei G. Verd (VerfiMser der
Storia della marca Trivigiana) befinde. Schon einige Jahre später konnte ihn aber
Marin wahrscheinlich im yenetianischen Archive benutzen (Storia cIt. e poHtica
dei Veneziani 2, 175), wo er sich nach Aussage Ton Fantozn Mon. Rar. 6,868 n.
98 schon 1808 befindet. Nach den Angaben von Pertzund Blujmie ist er um 1500 ge-
schrieben, benützt sind wie Pertz (Archiv 4, 172, 208) und Bluhme bemerken die Libri
dei Patti und Gommemoriali, da diese oft am Rande vermerkt werden, um dies
sicher zu oonstatiren wäre freilich die CoUation einiger Stücke nüthig. Denn
diese Bemerkungen könnten nachgetragen sein. Bomanin 1,858 bemerkt, dass
an den Rand des Trivisanus certi numeri arabi e romani con un T o piuttosto
F (fasdo) e col nome talora dei Dandolo eingetragen seien. Er bezieht diese Zahl-
eichen auf den über blancus ^ so viel ich sehe mit Unredit ; denn die Quittung
der Waltrada, von der Marin 2, 175 die Ueberschrift im Codex Trivisanus gibt,
nimmt mit diesen Zahlzeichen auf die betreffende Stelle in der Chronik des
Dandulo Bezug (de qua Dandulus in (Jhronico P. V. Gap. XV Lib. VHI = Mura-
tori SS. 12,812). Auch heim Pactum Berengars ist mit den Worten Dandulo in
Olone auf eine Stellein der Chronik (Vm, 11,9) verwiesen (vgl. Muratori 88. 12, 204) .
Die Meinung Romanins, dass damit auf den über blancus verwiesen werde, ist
Silso eine unrichtige. Mir stehen aus dem Apparate der Mon. (3erm. zu Gebote
vom Pactum Lothars die Abschrift von Pertz aus dem über blancus collationirt
mit Codex Trivisanus; vom Pactum Otto L die Abschrift der Copie saec. X (Venedig
Arch. di Stato Pacta 16) im Staatsarohiv zu Venedig aus dem neuen Apparate
der Mon. Germ., die Abschrift von Pertz aus dem über blancus und CoUationen
mit dem über blancus und Codex Trivisanus; beim Pactum Otto IL die Ab-
schrift von Pertz aus dem über blancus mit genauen Gollationen des Codex
Trivisanus und der Copie saec. X ; das Pactum Karl in. in der Abschrift von
Pertz aus dem Codex Trivisanus ; und endlich die Abschriften und CoUationen der
Beeitzbeet&tigungen von Ludwig IL, Wido, Hugo und Otto L
Die VertrSge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre
55
iikaliscber Formen in'C auf. Dies würde freilich noch nicht aus-
schliessen, dass G auf B zurückgeht, da m^n annehmen könnte, daes
der Schreiber yon C bestrebt sei seine Vorkge zu yerbessemi Da
^ber eine ganze Beihe dieser Lesarten durch die Yorurkunden be-
stätigt wird, und wir andererseits schlechtere grammatikalische Formen
in C finden, so werden wir ein solches Bestreben in C nicht anzu-
nehmen haben. Dies Yerhaltniss weist vielmehr auf eine Unabhän-
gigkeit der Abschrift des Liber blancus von der Copie des 10. Jahrh.
hin ^). Dies aber wird zur Gewissheit bei der Betrachtung von drei
grossem Abweichungen. Die erste derselben Isreffen wir in dem Yer-
zeichniss der italienischen Städte an, auf die sich dieser Yertrag mit
Yenedig beziehen solL
B C
. . . Picnenses qui in his locis yel
presenti tempore constituti sunt
. . Picnenses etiame ttotiusregni
nostri in quibus locis quicumque
vel presenti tempore constituti sunt
Während also nach der einen Fassung der Yertrag nur auf eine be-
stimmte Anzahl genannter Städte sich erstrecken soll, soll er nach C nicht
nur f&r diese, sondern überhaupt ftür ganz Italien gelten. Man könnte
einen Augenblick daran denken, dass C die richtigere Fassung bietet,
dass in B lediglich die Worte etiam et toüus regni nostri durch
Unachtsamkeit des Schreibers uosgefallen sind. Das ist aber abg^esehen
Ton der Yerschiedenheit der stilistischen Fassung schon deshalb nicht
anzunehmen, weil B wörtlich mit der Yorurkunde Lothars übereimstimuftt^
C aber mit den Pacta Karl III. und Berengar I.
0 Ich siefie hier folgende Lesarten srasammen :
B
ciTitttte Roma
F^tro Uenetiarom
has oonstitutionibus
inter eoe peneyeret
ooufltitQtionem
etiam Omnibus (yerlesen)
in Caput
poeiquam pactum anterius peractom
Bauenna (Auslafisung).
Si enim inter partes furtum (yer-
stellt).
dyitatem Bomam
proyintiarum (Yerlesung)
his oonstitutionibus (= Vorarkunden)
inter illos perseyeret (=r Yorurkunden)
conBtitutionum (= Yorurkunden)
et cum Omnibus (*» Yorurkuüden)
in capite (= Yorurkonden'.und OttoII.)
postquam pactum anterius peractum
fuit Rayenne (=s Yorurkunden)
Si enim furtum inter partes (:= Yor-
urkunden und Otto IL)
C bat also nicht n^r bisweilen bessere durch Yorurkunden bestätigte Lesearten
als B, sondern wir finden auch die offenbaren Lesefehler yon B nicht, ebenso
wenig als AuslaBsungen oder Yerstellungen einzebier Worte. G ist also jeden-
MIs unabhängig yon B.
56 Fanta.
Eine zweite Abweichang, die ebenfalls nicht ohne Bedeutung ist
finden wir in dem Yerzeichniss der yenetianischen Gemeinden«
B C
Laureto et cum (etiam B) omnibus
in eiusdem locis babitantibus tarn
episcopis bac sacerdotibus.
Laureto et cum omnibus in eius-
dem locis habitantibus yestre po-
testatis tarn cum(tantumG) ve stro
patriarchatu seu episcopis ac
sacerdotibus.
Auch hier stimmt die Fassung B, welche das Patriarchat nicht
aufühit wortlich mit der Yorurkunde Lothars, die von C mit den
Pacta Karl III. und Berengars überein.
Anders steht es mit einer dritten Abweichung bei der Bestim-
mung über den Handel der kaiserlichen ünterthanexL
B C
et aimiliter nostri homines item-
que ambulandi ad negociandum.
et similiter nostri homines per
▼ estras aquas itemque ambu-
landi ad negociandum.
An dieser Stelle haben die frühern Pacta eine etwas yerschie-
dene Fassung, indem bestimmt wird: similiter et homines nostri per
mare (scilicet: licentiam habeant ambulandi). Es muss auffallen, dass
in B die Worte per mare fehlen. Denn die Bestimmung, dAss es
den kaiserlichen ünterthanen gestattet sein soll auf dem Meere
ihren Handel ungestört treiben zu dürfen, entspricht in den frühern
Vertragen dem den Yenetianern eingeräumten Rechte ihren Handel z u
Lande und auf den Flüssen zu betreiben. Aber^auch die Worte per
aquasvestrasin der Fassung von C sind verdächtig ; denn wir finden
diesen Ausdruck in keiner Yorurkunde, und auch in keiner einzigen Nach-
urkunde, was bei dem Umstände, als der Inhalt grosstentheils wortlich
von einer Urkunde in die andere übergeht, gewiss auffallig ist. Ausserdem
entspricht der Ausdruck per aquas vestras durchaus nicht dem, was
sonst mit per mare ausgedrückt wird, da darunter wohl nur die La-
gunen verstanden werden können.
Die vierte grosse Abweichung betrifft den ganzen Schluss der
Urkunde. Auf den ersten Blick macht es den Eindruck, als ob der
Schluss, wie er in C erhalten ist, ein Auszug aus den Bestimmungen
wäre, die wir in vollständiger Fassung in B lesen. Nun ist uns
aber gerade der Schluss der Urkunde in B. gewiss in der echten und
ursprünglichen Fassung erhalten, da wir ihn in derselben Anordnung
wörtlich im Pactum Otto IL wiederfinden. Ein näheres Eingehen
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98S.
57
aber auf die Fassimg des ScUusses in G zeigt, dass die hier er-
scheinenden BestimmangeQ dorcliaus nicht der Urkunde Otto I. ent-
sprechen, sie sind yiehnehr grSsstentheils wörtlich aus dem Pactum
Karl IIL oder dem Berengar I. herübergenommen ^). Bei dieser einen
Stelle also können wir mit Sicherheit constatiren, dass die Fassung
ton B die ursprüngliche und echte ist, da sie auch im Pactum Otto ü.
ebenso wiederkehrt
Dass diese Aenderungen von principieller Bedeutung sind und
den ganzen Vertrag wesentlich zu Ounsten der Venetianer gestalten,
habe ich schon bemerkt. Ist es nun an sich schon wenig wahrschein-
lich, dass man in Venedig noch zur Zeit Andrea Dandulo*s ein Interesse
an der Verunechtung eines durch eine ganze jßeihe späterer Vertrage
bereits gegenstandlos gewordenen alten Pactums hatte, so werden
wir diese Annahme vollends zurückweisen müssen, wenn wir das Yer-
haltniss yon C zu D ins Auge fassen. Eine Verwandtschaft zwischen
beiden Gopien ist freilich nicht zu verkennen. Bei den oben angeführten
Abweichungen der C!opie B von G stimmt D durchwegs mit G. In D
findet sich auch der eigenthümliche der Ottonischen Urkunde gar
nicht angehörige Schluss. Trotz der Verwandtschaft aber geht D nicht
direkt auf G zurück. Denn D bringt unzweilfelhaft oft bessere Les-
arten als G und stimmt hier oft mit B überein. Dort wo G Verlesungen
aufweist, bietet D wieder das richtige, ja selbst in solchen Fällen wo
wir nicht annehmen können, der Schreiber von D habe hier den Fehler
O Zur VerdeaÜichnng dieses
Schlosses her:
Verhältnisses stelle ich einen Theil dieses
Karl m.
De finibns autem Civitatis
noTQ statoimus . . . peculia-
rrnnque veetramm partium
gregem pasoere debeat cum
lecaritate . . . Gaprisani vero
in süva ubi capulavenmt in
fines Foroinlianoe semper &•
ciant reditom et ea deca-
polent sicnt aatea capala-
▼eroni £t etetit at de Gra-
dendcivitatesecondum anti-
qTUun consuetudinem debeat
daie et capulas facere ubi
antea fecenmt in fine Foro-
iuliaao sicat antiquitus fe-
eiitit.
Otto I. (C)
De finibuB autem Civitatis
nove ita capulent (caput C)
sicut ab antiquitus feoerunt.
Oapxisani vero in silva ubi ca-
pulavemnt in fine Foroiu-
liane semper fadat redito et
capulent sicut et antea capu-
laverunt. De Gradensinm
vero secundum antiquam
consuetudinem debeant dare
et capnlare, similiter feusiant
ubi antea feoerunt, in fine
Foroiuliana sicut ab anti-
quitus ieceruni
Ottol. (B) = Otton.
De finibus Ciuitatis noue
statuimus . . . peculianim
quoque greges com seoo-
ritate pasoere. [Caprisani]
vero in silva Foroioliana
ubi semper capulaveront
capolare debeant. Similiter
Gfradenses secundum anti-
quam consuetodinem in
silvis Foriiolii capolum
fiudant.
58 Fanta.
seiner Vorlage glficklich emeadirt ^. Bei diesem Verhältnisse müssen
wir annehmen das C und D auf eine gemeinsame aber von B unab-
hängige Quelle zurückgehen; das Verhältniss der drei Oopien zu einander
stellt sich also folgendermassen dar:
Original
C D
Aus diesem Verhältnisse ersehen wir aber, dass man C und D
nur als eine Autorität B gegenüber gelten lassen kann.
Es erhebt sich nun die Frage, ob wir bei den angeführten Ab-
weichungen die l)eber]|^^ferung in B oder die in C und D flir die
richtige halten sollen. Da auf die Urkunde Otto L neben einer Fas-
sung, die dem Pactum Lothar L entsprach, noch eine zweite der Be-
rengarischen Urkunde entsprechende Fassung eingewirkt hat, so ist
eine Entscheidung aus den Vorurkunden allein nicht möglich. Bei
den drei ersten Abweichungen lassen uns auch die Nachurkunden im
Stiche, da sich die beiden ersten an einer Stelle befinden, die unter
Otto II. ganz umgearbeitet wurde, die dritte aber, welche die Be-
stimmungen über den Handel enthält, auch im Pactum Otto IL in
zweierlei Fassungen überliefert ist. Unzweifelhaft ist aber, wie schon
bemerkt, der Schluss der Urkunde Otto I. in echter Fassung nur in
B erhalten. Wenn nun. bei diesem Schlüsse C und D nachweisbar
nicht der Urkunde Otto I. folgen, wenn sie sich hier von der echten
Fassung emancipiren und einen Auszug aus den ausführlichem Be-
stimmungen Berengars L oder Earl HI. bringen, so ist es klar,
dass sie auch bei den beiden ersten Fallen absichtlich Ton der
echten Fassung abweichen und hier die für Venedig günstigere Fas-
sung der Urkunde Berengars adopüren. Man hat es in Venedig
gewiss ds einen Mangel empfunden, dass der Vertrag Otto L sich
nicht auf ganz Italien erstreckt hat, dass das Patriarchat nicht aus-
drücklich in den Vertrag aufgenommen war; und wenn derjenige,
welcher die Verunechtung der Urkunde Otto L Torgenommen hat,
> C D
provinciarum (Lesefehler) Petro Venetiooram
Centenses Cenetenees (= B)
tantoni vestro patriarchatu, tarn cum yestro patriarcbata (richtig)
et persona ipia aut persona ipsa (= B und Vorurkunden)
si in sacerdotibus 8icumsaoerdotibus(=VorurkundenimdOttoII.),
sttum sacerdotibus hat B.
Diese und mAnche andere Lesarten zeigen zur Genüge, dass D auf C nicht zurück-
gehen kann. '
\
Die Vertrftge der Kaiaer mit Venedig bia zum Jahie 988. 59
auch in den ScUasssalzen der Urkunde Berengars folgte, so that er
es woU desludb, weil die Bestimmongen derselben hier ansf&krlicher
waren, als die Otto L, und weil da aosserdem der Tribut nur auf
25 Pfund Pfennige angesetzt wird, wahrend im Pactum Otto I. die
Entrichtung von 50 Pfund und eines Palliums festgesetat wird. Wie
es sich aber mit dem Zusatae per yestras aquas yerhSlt, werden wir
noch sehen. Alle diese Yerunechtungen aber dürfen wir nicht dem
Schreiber des Liher blancus zur Last legen; sie Sauden sich rielmehr
bereits in seiner auch von dem Codex TriTisanus benutzten Quelle.
AehnUche Schwierigkeiten bietet das Pactum Otto II. Auch hier
atimmen C und D miteinander überein, während B eine in manchen
Ponkten etwas abweichende Textierung zeigt. C und D also können
nicht auf B zurückgehen, umsomehr als uns in beiden die Subscriptio
regia und die Eanzleiunterschrift erhalten sind, die in B fehlen. Eine
Verwandtschaft von C und D tritt auch hier hervor; denn bei beiden
fehlt die Angabe indictione undecima und bei der Bestimmung über
den Tribut das durch die Yorurkunde Otto L verbürgte et pallium
unam. Dass aber D nicht direkt aus C geflossen ist, folgt daraus«
dass fast alle abweichenden Lesarten von D durch B bestätigt werden ^).
Das Yerhältniss der Copien zu einander ist also dasselbe wie beim
Pactum Otto I. Die wichtigste Abweichung finden wir an folgender Stelle:
B
De ripatioo yero placuit ut secun-
dum consuetudinem antiquam per-
solyatur ita ut nuUum gravamenaut
Tiolentiam aliquis sustineat Quod si
factum fuerit statim emendetur ne am-
plinsfiai Et licentiam habeant homi-
nes ipsius ducis ambulandi per terram
sive per flnmina tooius regni nostri*
similiter et nostri per mare ad yos.
C und D
De ripaticum (ripatico D) autem :
secnndum antiquam consaetudinem
pars parti obsery eturomnem (omne D)
quadragesimum; et licentiam ha-
beant homines ipsius ducis ambu-
landi per terram sive per flumina to-
cius regni uostri; similiter et nostri
per mare ad tos.
«)Idi Ifihxe einige an:
C
B
D
nequaqaam
ne qua
=« B
iurgie
iurgia
= B
utroeque
=- B
oopiosior aadt (ventellt)
assit oopiorior
= B
remodone oontradictaone, remota omni contradiotione, remota oontradictione.
Dageges haben 0 xmd D Bxmer den oben angeführten noch manche Fehler gemein ;
w obwmandum heo aeries statt obser?anti hec series ; sie haben richtig si qua . . .
emteutk) ortajfuerit gegenüber dem ihoia in B, das aueh bei Otto I. in B e^
Kheint, ete.
60 Fanta.
Auf die Fassung in B hat unrerkennbar die analoge Bestimmung
in einem der Pacta yon Lothar I. bis Berengar I. eingewirkt. Doch
finden wir auch eine Wendung (statim emendetur ne amplius fiat)
die wir in diesem Zusammenhange in keiner der Vor- oder Nach-
urkuuden treffen. Aus der Bestätigung des Pactums durch Otto IIL
von 992 Juli 13 kann die Frage nicht entschieden werden, da hier
Qur ganz allgemein auf diese Bestimmung Bezug genommen, sonst
aber auf das Pactum Otto 11. verwiesen wird i). Die Fassung in C
und D aber stimmt nicllit nur wörtlich mit der Yorurkunde Otto I.,
sondern auch mit der dem Pactum Ofcto E. wörtlich nachgeschrie-
benen Urkunde Heinrich IV. 2), dem ersten uns erhaltenen vollstän-
digem Pactum seit Otto IL Die Fassung in G ist also entschieden die
richtige.
Was mochte aber wohl den Oopisten des 10. Jahrh. bewogen
haben in dem Artikel über das Bipaticum von der echten Fassung
abzuweichen? Der bestimmte Ansatz der Quadragesima» die zuerst
unter Bereugar I. auftaucht, musste ja ftlr die Yenetianer vortheil-
hafter sein als die Bestimmung, dass das Bipaticum secundum anti-
quam consuetudinem entrichtet werden soll. Wir haben freilich zu
beachten, dass in den drei ersten Yerträgen in diesem Capitel eine
Yerpflichtung nur von Seite der kaiserlichen Partei eingegangen wird
und dass erst unter Otto I. die Yerpflichtung als eine gegenseitige
gefasst wird. In der Hinsicht könnte also die ältere Fassung für
*) Stampf Reg. 970 (Romanin a. a. 0. 1, 888 n. 14) heisst es mit Bezug auf das
Ripatioam: videlioet in obBervandis riparum legibus in trannturiB, ut nulla
nova oonsuetndo eis imponatnr, sed secondum antiquam consuetudinem et ius-
sionem paoti patris noetri, eis pacifioe lioeat vivere.
>) Stumpf Reg. 2924 bei Stampf Aoia ined. 88 n. 79 ebenso in den Pacta
Heinrich Y. von 1111 Mai 22 (Stumpf Reg. 8062 bei Lfinig CD. Ital. 2, 1951),
Lotbar IIL von 1186 October 8 (Stumpf Reg. 8882 bei Stampf Acta ined. 117
n. 101) and Friedrich L von 1151 Dea 22 (Stumpf Reg. 8702 bei Stampf
Acta ined. 156 n. 125). Erst unter Heinrich VL (Stumpf Reg. 5066 bei Stumpf
Acta ined. 285 n. 205) veränderte sich dies Oapitel wieder zu Gunsten der Yene-
tianer, indem daraus eine nur die Unterthanen des Kaisers bindende Verpflich-
tung gemacht wurde; die Yenetianer aber sind nun ab onmi ezaotione et da-
tione befreit. Daran hielt man auch unter Otto lY. (Ficker Reg. 295 bei Böhmer
Acta imp. 210 n. 285) und Friedrich IL (Ficker Reg. 1168 bei Hoillard Hist.
dipLFrid. 1,886) fest. — Yon diesen SU unterscheiden ist die Urkunde Friedrich IL
vom März 1282 (Ficker Reg. 1974), da diese auf die Yerleihungen des sicilisohen
KOnigs Wilhelm IL von 1175 (Fontes rerum aust U, 12, 172 n. 65 und 174 n. 66)
zurfiokgeht. Dasselbe gilt von der Urkunde Manfreds von 1257 Sept (Ficker 4665)
und von 1259 Juli (Ficker Reg. 4704).
Die VerMge der Euser mit Venedig bis zum Jahre 988. gl
Venedig günstiger erscheinen. In B tritt dies aber durchaus nicht
scharf herror; es ist nicht ausgeschlossen, dass der Copist, der diese
Veränderung Yomahm, die Verpflichtung als eine gegenseitige er-
scheinen lassen wollte. Ich glaube yielmehr den Grund zu . dieser
Veränderung der echten Fassung anderswo suchen zu müssen. Das
Capitel mit dem festen Ansatz der Quadragesima hatte der Gopist
von B schon bei dem Pactun; Otto L niedergeschrieben; es mochte
ihm nun wünscbenswerth erscheinen beim Pactum Otto U. dies von
ihm schon früher niedergeschriebene Capitel nicht einfach zu wioder-
holeUf sondern durch ein anderes den altern Vertragen entsprechendes
zu ersetzen und dies umsomehr als er hier die Bestimmung fand,
dass jede Verletzung dieses Artikels wieder gut gemacht werden solle,
was er in den Verträgen Otto I. und Otto IL vennisste. Dass dies
der ausschlaggebende Orund fOr diese Veränderung gewesen ist, möchte
ich daraus schliessen, dass der Satz, welcher die Wiedergutmachung
des Schadens festsetzt, in B bestimmter gefasst ist als in den altern
Verträgen.
Auch in einem zweiten Punkte werden wir der üeberlieferung
von C und D den Vorzug geben. Bei der Erwähnung der alten unter
Liutprand Torgenommenen Grenzbestimmung hat schon Otto I. die
Worte que est terminus vel proprietas yestra weggelassen; im Factum
Otto II bringt nun B die Worte mit einer kleinen Aenderung wieder :
que est terminus de yestra proprietas. Da aber diese Worte in der
Vorurkunde Otto I. und in der Nachurkunde Heinrich V. (im Pactum
Heinrich IV. fehlt der ganze Passus) nicht yorhanden sind, so können
sie auch in C und D nicht zufällig fehlen. Sie sind yielmehr ein
freier Zusatz des Copisten yon B. Der Grund dieses Zusatzes ist
leicht einzusehen. Der Oopist des 10. Jahrb. war jedenfalls ein Zeit-
genosse jener Grenzstreitigkeiten, die zwischen Peter U. Orseolo und
und dem Bischöfe yon Belluno entbrannt waren und bei denen jene
Grenzbestimmung eine grosse Bolle spielte ^).
Aber auch G und D weisen eine, wie es scheint, wohl nicht rein
zufällige Auslassung auf, wenn sie in dem Capitel über den yon
Venedig zu leistenden Tribut wohl die 50 Pfund Pfennige erwähnen, die
Worte et pallium unum, die durch die Vorurkunde Otto I. yerbürgt
werden, übergehen. Von der Entrichtung des Palliums wurden die
Venetianer erst durch Otto m. be&eit (St. 1295).
<) Vgl. über di^ben Grenzstreit Kohlschütter a. a. 0. 28 £ und F. Pelle-
grini Rioerche sulIe condizione di Belluno e specialmente del yescoyo Giovanni II.
{Bellüno 1670) 21 ff.
62 Fanta.
Mit der Deberlieferung der Verträge Lothar L und Bereii|^ L
steht es insofern schlechter als uns eine dritte ron C und D unab-
hängige Quelle nicht £a Gebote steht. Doch auch hier geht der Codet
Trivisanus nicht direkt auf den Liber blancus zurück. Denn es ist
geradezu unmöglich anzunehmen, dass der Gopist des 16. Jahrh. eine
Reihe starker Verlesungen von 0 glücklich emendirt habe, und die
Unabhängigkeit beider geht sicher daraus hervor, dass G hie und
da Worte ausgelassen hat, welche D bietet ^). Dass aber auch
hier beide Ueberlieferungen auf dieselbe Quelle zurückgehen, folgt
daraus, dass im Factum Lothars sowohl 0 als auch D dasselbe fri-
sche Begierungsjahr angeben, das wohl auf einen Fehler ihrer ge-
meinsamen Vorlage zurückgeht, dass auch in dem Factum Berengar L
in der Datierung am Schlüsse der Urkunde G und D das falsche In-
camationqahr DGOGG LOA statt DGGG LXXXVm bieten, dass endlich
das P^tum Berengars in beiden Ueberlieferungen eine Beihe yon
AuslEissungen aufweist, die wir nur der Unachtsamkeit des Schreibers
der G und D gemeinsameil Vorlage zur Last legen können.
Bei solchen Umstanden könnten wir der Ueberlieferung der beiden
zuletzt genannten Verträge wenig vertrauen. Denn es fehlt uns ein
Mittel an einer dritten unabhängigen Handschrift zu prüfen, in wie
weit uns die einzelnen Gapitel in echter Fassung überliefert sind und
in wie weit absichtliche Auslassungen stattgefunden haben. Eine
solche können wir wenigstens bei dem Pactum Lothars mit voller
Sicherheit annehmen, wenn hier eiaes Tributes keine Erwähnung gethan
wird. Denn die Venetianern haben einen solchen seit dem Jahre 810
immer entrichtet und wir werden später zeigen, dass ein Gapitel über den
von den Venetianer zu leistenden Tribut schon in den Verträgen vor
840 gestanden hat Freilich ist uns der Schluss der Urkunde Lothar I.
nicht erhalten. Da aber diese Bestimmung in den spätem Verträgen
*) Pactom Lothars.
C
pro glorioBO (verleaen)
SosGionefl (verlflsen)
confugium fecerit parti (AuBlaasungl
D
Fetro gknioso
Fosaiones
oonfiigium feoerit cam rebus eorum
partL
Pactum Berengars.
C
Vidni Yeeo Veaetiorum est^
cum noetio patriarchato (verlesen)
anteposita fossa ubi (Auslassung)
D
Vicini vero Venetioorum sunt
cum vestro patriarchatu
ante,posita fossa Gentionis ubi.
Die Yertrftge der Kaiser mit Venedig bis sum Jahre 988. 63
immer unmittelbar nach dem Satze steht, welcher vom Holzungsrechte
der Bewohner von Grado spricht, so können wir an eine zufällige
Auslassung nicht denken. Dieser Theil der Urkunde Lothars ist uns
noch erhalten und der Vergleich mit den spatem Verträgen zeigt,
dass hier nur die Worte soli sine electis und vielleicht noch de cfiutio-
nibus sinuliter und das EschatokoU fehlen können. Da aber die Ur-
kunde Lothars wörtlich und mit nur wenigen Auslassungen in die
folgenden Pacta übergegangen und besonders noch in dem Karl IIL
und Berengar L fast ganz unverändert geblieben ist, so wird hier der '
Mangel einer dritten unabhängigen Handschrift durch die Nachurkunden
aufgewogen. Das Besultat einer solchen Vergleichung ist, dass man
mit Ausnahme der absichtlichen Auslassung des Gapitels über die
Tribntleistung in den Verträgen Lothars und Karl III. eine weitere
Venmechtung dieser drei Pacta des neunten Jahrh. nicht anzu-
nehmen hat.
Die Verträge waren wohl schon frühzeitig in Venedig in vielen
Abschriften verbreitet. Denn ihr Inhalt ist ein solcher wie er dem
ganzen handeltreibenden Volke bekannt sein musste, da sie ja die
Normen des Verkehrs zwischen Venedig und den italienischen Städten
enthalten. Eine solche Abschrift für den Privatgebrauch scheint auch
die Copie des 10. Jahrh. zu sein, welche die Vertrage der beiden
ersten Ottonen enthält In solchen Abschriften mochte man die Be-
stimmungen über den Tribut, die den Privaten weiter nicht angiengen,
weggelassen haben, oder es konnte für den Privatgebrauch zweck-
mässig erscheinen mancherlei aus den frühern Verträgen in ein spä-
teres Pactum aufzunehmen, wie wir dies bei dem Vertrage Otto I.
in der Copie des Liber blancus und Codex Trivisanus haben beob-
achten können. Doch unterlagen solchen Veränderungen nur ein-
zelne Theile der Urkunden und wir sind überall in der Lage, die
echte Fassung wieder herzustellen.
Es möge hier kurz bemerkt werden, dass sich auch bei den Be-
sitzbestätigungen dasselbe Verhältniss zwischen dem Liber blancus
und dem Codex Trivisanus zeigt, so bei der Otto L, wie die unter
den Text von DO. 351 gesetzten Lesarten zur Genüge zeigen *), oder
bei denen Ludwig 11., Hugo's und Wido^s, wo D gewöhnlich das
richtige bietet und durch die Verlesungen und Auslassungen des liber
blancus nicht beeinflusst erscheint. — Wie es bei den Besitzbestäti-
gungen Lothars und ¥ax\ HL steht, kann ich nicht sagen, da hier
>) Ifie Abtohrift dieser Urkunde im Cod. FOntanini B 78 p. 451 der biblio-
theoa eommonale zo S. Daniele ist als lediglich aus D gefloasen nicht weiter zu
teacknchtigen.
64 Fanta.
die Abschriften und OoUationen von Feriz nicht genügen. — Doch
dürfte sich auch bei den Oopien dieser Urkunden, soweit sie im Liber
Biancas und Codex Trivisanus vorliegen, das Yerhältniss kaum anders ge-
stalten. Die Besitzbestätigung Earl in. ist aber ausserdem noch in denLibri
Factorum erhalten ^), und in einem Transsumpte vom Jahre 1382 ').
Natürlich sind bei den Besitzbestätigungen Lothars und Karl IQ. auch
die Handschriften der Annalen Dandulo's zu berücksichtigen. —
Wichtigere etwa auf Yerunechtung beruhende Abweichungen sind hier
nicht zu besprechen.
Eine andere Yerunechtung oder Yerfälschung des Yertrages
Otto n. glaubt Pertz ') annehmen zu müssen, da hier das Capitel
über den Areien Handel durch einen kleinen Zusatz einen wesentlich
andern Inhalt bekommen hat. Zur Yerdeutlichung stelle ich dies
Capitel wie es im Pactum Lothars erscheint, neben dem Otto IL:
Lothar.
Et homines vestri licentiam ha-
beant per terram ambulandi Tel
fiumina transeundi, ubi yoluerint;
similiter et homines nostri per
mare.
Otto n.
Et licentiam habeant homines
ipsius ducis ambulandi per terram
sive per flaminatotius regni nostri;
similiter et nostri per mare ad yos.
i
Während also im Factum Lothar L und ebenso in den beiden fol-
genden den kaiserlichen ünterthaoen das Becht gewahrt wird auf dem
Meere überhaupt ihrenHandelzubetreiben, ist derselbe im Yertrage
Otto n. bloss auf den Seeverkehr zwischen Yenedig und den kaiser-
lichen Unterthanen beschränkt. Dass die Yenetianer aber gerade
unter Otto II«, zu welchem sie fortwährend in gespanntem oder gar
feindseligem Yerhältnisse standen, eine so günstige Abänderung der
alten Yerträge erreicht hätten, ist sehr unwahrscheinlich. Fertz ver-
muthet also, dass die beiden Wörtchen ad yos in Folge einer Yer-
fälschung des Yertrages später hinzugefCLgt worden sind. In der
Copie des 10. Jahrh. wurden diese beiden Worte mit schwärzerer
Tinte in einen engen Baum nachgetragen und Fertz sieht hier die
Hand des Fälschers, der jene Yeränderung zu dem Zwecke vorge-
nommen habe, um eine für Yenedig günstigere Fassung dieses Capi-
^els in dem Yerträge mit Heinrich lY. zu erzielen. Nachdem wir aber
gezeigt haben, dass C und D von B unabhängig sind, und der Zusatz
ad yos auch in diesen beiden Copien anzutreffen ist, so hat er gewiss
>) Abh. der bayr. Akad. 8, 57. «) Daraus bei Homutyr Getoli. TirolB Ib, 88 n. 1.
9) Archiv 8, 599 f. ; den Aasf&hrangen von Pertz schliesst sich Stumpf in Reg.
845 an.
Die Verirftge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 65
auch schon in dem Pactum Otto ü. gestanden. Im übrigen bat bei
der Bestätigung Heinrieb IV. gewiss das Original und nicbt eine
ganz unbeglaubigte Copie vorgelegen. Dass der Zusatz ad vos die
analoge Bestimmung der frübern Vertrage wesentlicb alterirt, ist
nicbt zu leugnen. leb aber glaube, dass man damit ursprünglich
etwas ganz anderes als eine Beschränkung der Schi&brt der kaiser-
lichen Untertbauen beabsichtigte. Wir wissen aus Johannes Diaconus,
dass Otto II. in seinen Feindseligkeiten mit Venedig den Venetianern
den Verkehr in ganz Italien untersagte und zugleich das Verbot er-
liess, dass irgend einer seiner untertbauen sich nach Venedig be-
gebe *). Bei dem Frieden zwischen Venedig und dem Kaiser, der in
Verona abgeschlossen wurde, musste es natürlich die erste Sorge der
Venetianer sein, die Zurücknahme dieses Verbotes zu erwirken. Dies
geschah am 7. Juni 983 Tor dem yersammelten Beichstage, wo der
Kaiser den Venetianern zugestand, ut liberi et securi absque uUa le-
sione per totum suum imperium habirent . . . ut maiores et minores
illius Venetie populi patrie per suum imperium . . . libere et secure
ambnlent ^). In dem darauf ausgestellten Präcepte Otto EL ') heisst
es, dass zwischen dem Kaiser und den Venetianern Feindseeligkeiten
bestanden haben (orta fuit dissensio inter nos et Veneticos) und dass
er auf Bitten des hartbedrängten Volkes den Frieden eingebe (preci-
busque paupemm ipsius gentis sedati). Dass also die Handelssperre
schon Tor dem 7. Juni 983 bestanden hat, geht aus diesen Zeugnissen
mit voller Sicherheit heryor. Aber auch das Pactum Otto II. ist vom
7. Juni 983 datirt. Der Zusatz ad tos also entspricht den dama-
ligen besondern Verbältnissen. Der Kaiser hatte seinen untertbauen
den Handel nach Venedig untersagt, wenn es nun nach Zurücknahme
dieses Verbotes im Vertrage heisst, dass es den kaiserlichen
Untertbauen gestattet sei nach Venedig zu verkehren
so soll damit offenbar das frühere Verbot des Kaisers zurückgenom-
men werden. Es ist interessant, die Veränderung, welche dieses Ca-
pitel dadurch erlitten hat, näher zu verfolgen. In den Verträgen von
Lothar bis Otto I. gewährt der Kaiser den Venetianern den freien
Handel in seinen Ländern; dies Zugeständniss recompensiren die
Venetianer dadurch, dass sie den kaiserlichen untertbauen den freien
*) . . . imperator uni?eriii buo Boeptrai adiacentibus edictum et ineyitabile
intolit pxeoeptum, ut nemo aliqna praesumptione fultas ddnoeps quemlibet Vene-
ticum in aüqiiam Btd imperii partem permitteret ezire, neqne aliquis Buorum
in Yenetiam änderet intrare. Johannis Ghron.Ven6t. Mon. Germ. SS. 7,28.
<) Stampf Reg. 847 in Mon. Qerm. LL. 2, 85. ') Stumpf Reg. 846 in Mon. Germ.
LL. 2,S5.
Mittheilungen* Ergftnzungsbd. !• 5
66 Fanta.
HandelsYerkehr auf dem Meere sasagen. Das Capitel also setzt ge-
genseitige Yerpflichtungen fest. Ganz anders ist dies nun unter
Otto n.; beide Begünstigungen gehen nun yon dem
Kaiser aus und kommen den Yenetianern zu Oute. Die
kaiserlichen Onterthanen sind aber nun in so fern im Nachtheil als
eine Bestimmung, die ihre Haudels&eiheit auf dem Meere festsetzt, in
den Verträgen nicht mehr Yorhanden ist Anfangs mochte man diese
nicht weiter bestritten haben. Sobald aber einmal das Bewusstsein
von der Bedeutung dieser Bestimmung geschwunden war, konnte sie
leicht dahin gedeutet werden, dass den kaiserlichen Unterthanen über-
haupt kein weiterer Handelsverkehr als bis Venedig gestattet sein
soll Die Auffassung drang mit der Zeit wirklich durch; denn schon
in dem Vertrage Heinrich IV. heisst es mit einem weitern kleinen
aber bedeutungsYoUen Zusätze: similiter et nostri per mare us,qae
ad Yos et non amplius. Einen ungeschickten Zusatz des Dicta-
tors der Urkunde Otto ü. wussten also die Venetianer gar bald gut
auszunützen.
Eohlschütter ^) freilich bestreitet gegen das ausdrückliche Zeugniss
der Urkunden, dass die Handelssperre schon Yor dem 7. Juni 983 er-
folgt sei, und dass sich die Verträge zwischen Venedig und Otto II.
Yom Jahre 983 auf die Aufhebung dieser Sperre beziehen. Er glaubt
vielmehr, dass das Verbot, welches den Verkehr mit Venedig unter-
sagte, erst mit Abschluss der Verträge und nach der Ankunft der aus
Venedig vertriebenen Ealopriner bei Otto II. in Verona erfolgt sei.
Er stützt sich hiebe! auf den Bericht des Johannes Diaconus, der die
Feindseeligkeiten mit Venedig bis nach Otto's Tode fortdauern läset
Doch ist der Bericht des Johannes Diaconus gerade bei der Erzählung
dieser Ereignisse ein ganz verwirrter. Nach ihm kommt Otto II. nach
Italien und schliesst den Vertrag mit dem Dogen zu Verona ab; er
meint also jedenfalls das Pactum von 983, denn 981 und 982 ist
ein Aufenthalt des Kaisers in Verona nicht nachweisbar. Von Verona
aus lässt er den Kaiser über Bavenna nach Bom und von da zur
Bekämpfung der Sarracenen ziehen ^). Er erzählt also Ereignisse des
Jahres 982, irrt aber darin, dass er den Kaiser von Verona über
Bavenna reisen lässt, da Otto, so viel wir wissen, von Favia nach
Bavenna zog. Nun lässt er den Kaiser wieder nach Verona zurück-
^) a. a. 0. S. 8. So auch im wesentliöhen schon W. Giesebrecht in Ranke^s
Jahrbüchern des deutschen Reichs II, 1, 88 und Deutsche Qe8oh.4. Auflage 1, 608 fif.
>) Dehino (d. h. von Verona) Ravennam pertransiens» Romain adire festlnavit^ ubi
didicit Sarraoenorum formidolosam gentem Calabritana invasisse loca . . (Mon.
Germ. 88 7, 27).
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 67
kehren und hier nach Ankunft der Ealopriner das Verbot erlassen
mit den Venetianem zu verkehren. Offenbar yerwechselt Johannes das
Itinerar des Jahres 983, fQr welches seine Angaben passen, mit dem
des Jahres 981/982. Der Bericht ist also, was die Zeitangaben be-
trifft, ganz unzuverlässig. Im übrigen folgt auch aus Johannes Dia-
conus, dass die Handelssperre schon vor dem 7. Juni 983 bestanden
hat Denn eben mit Bezug darauf sagt Johannes beim Tode des
Kaisers: Venecia namque per biennium tali perpessa infor-
tanio divinitate propicia liberata est. Dies weist uns auf das Ende
des Jahres 981 als den Beginn der Feindseligkeiten hin. Die Handels-
sperre wurde also gleich nach der Ankunft Otto*s in Italien verfügt
Wir müssen dann freilich annehmen, dass nach dem Abschlüsse des
Vertrages vom 7. Juni und der Ankunft der Ealopriner in Verona,
als die Feindseeligkeiten zwischen Otto und Venedig wieder aus-
brachen, die Handelssperre erneuert wurde. Doch auch darauf weist
ans der Bericht des Johannes Diaconus hin, wenn es heisst, dass
Otto sein Verbot erneuert habe ^). Der Bericht des Johannes ist überdies
öin tendenziöser. Er erzählt von dem Unglücke, das Venedig durch die
Handelssperre erlitten, erst nach der Flucht der Ealopriner, um den
Verrath, den dies Geschlecht begangen, greller hervortreten zu lassen ^).
Jetzt können wir auch den Zusatz per aquas vestras, der sich
in dem Capitel über den freien Handel in der Urkunde Otto I. findet,
erklaren. Es soll dadorch dasselbe ausgedrückt werden, was in dem
Pactum Otto II. durch den Zusatz ad vos beabsichtigt wurde. Die
Worte per aquas vestras also in der Urkunde Otto L, wie diese uns im
Liber Blancus und Codex Trivisanus erhalten ist, anticipiren spätere
erst durch die Beziehungen Otto EL zu Venedig geschaffene Zustände
und sind also gewiss ein freier Zusatz desjenigen, der dieses Pactum
auch sonst durch Herübernahme von Sätzen aus der Urkunde Berengar L
verunechtet hat
Es muss auffallen, dass bei allen 5 Verträgen der Codex Trivi-
sanus auf dieselbe Quelle zurückgeht, die auch dem Liber Blancus
Yorgelegen hat Dass diese Quelle nicht die Originalurkunden sein
können, ist klar. Denn der Codex Trivisanus bemerkt dort, wo
er kein EschatokoU bringt, ausdrücklich, dass der Schluss fehle:
Beliqua desunt Da man nun kaum annehmen kann, dass beide
') Sed Omnibus suam iterum preoeptum imposnit at nulli in aliqua sui
imperii parte pervento Venetioo paroere änderet (Mon. Germ. SS. 7, 28).
*) Jobannes, der wabrsobeinlioh dem Geschlecbte der Orseoler angebOrte oder
üun wenigstenB treu anbing, bat die Kalopriner als Todfsinde der mit den Or*
Koli vencbwagerten liaorooener wobl niobt bloss ibres Verrathes wegen gebasst
6*
68 Fanta.
zafallig dieselben Einzelcopien benützen, so ergiebt sich der Schluss,
dass beide auf ein und dieselbe Sammlung venetianischer
Staatsverträge zurückgeben. Auf eine solche Sammlung weisen
die Worte eines Transsumptes der Besitzbestätigung Earl 111. vom
Jahre 1382 hin ^) : Hoc est exemplum cuiusdam privilegii quod re-
peritur in archiyo publico seu cancellaria communis Yeneciarum in
quodam libro autentico et antiquo in quo privilegia et scripture
autentice conscripta sunt. Unter dem Liber autenticus kann nicht der
erste Band der libri pactorum verstanden sein, obwohl sich hier die Ur-
kunde Earl III. findet. Denn dieselbe Bemerkung befindet sich auch in
einem ebenfalls 1882 angefertigten Transsumpt von Stumpf Beg. 540
(Arch. di Stato zu Venedig, pacta n. 100), welche Urkunde zwar auch im
Liber pactorum I f. 111 anzutreffen ist, aber erst in einer Abschrift des
15. Jahrh. nach einem 1419 Mai 13 angelegten Transsumpt ^). Der liber
autenticus ist also ein schon lange Tor 1382 angelegtes Chartular. Ueber
die Zeit, in welcher diese Sammlung angelegt wurde. Über den Charakter
dieser uns yerlornen Sammlung kann ich mich nicht aussprechen.
Man müsste den ganzen Inhalt des Codex Triyisanus mit dem des
Liber Blancus vergleichen, die beiden gemeinsamen Urkunden in Bezug
auf ihre Provenienz untersuchen, man müsste endlich dies ausscheiden^
was der Codex Trivisanus den Libri pactorum oder andern Quellen
entnommen hat. Auch ein Vergleich mit dem Liber Albus wäre nicht
zu umgehen. Zu einer solchen Untersuchung steht mir das Material
nicht zu Gebote.
IL
Der älteste der uns erhaltenen Verl rage ist der Lothars von 840
Wir können aber keinen Augenblick darüber im Zweifel sein^ dass
diesem schon mehrere andere vorausgegangen sind und dass von den
nach 840 fallenden Verträgen nur ein Theil erhalten ist. Da diese
Pacta bis auf die Zeit Otto L, welcher ewige Geltung seines Ver-
trages bestimmte, nur auf einen Zeitraum von fünf Jahren abge-
schlossen wurden, so ist die Annahme einer oftem Wiederholung
derselben nicht zurückzuweisen. Schon der Vertrag von 840 nimmt
auf ein früheres Pactum Bezug, das nicht gar lange Zeit zuvor ab-
geschlossen worden ist. Denn Lothar verpflichtet sich alle Vene-
tiauer auszuliefern, welche seit dem Abschlüsse eines frühern zu Ba-
venna abgeschlossenen Vertrages flüchtig geworden sind 3) ; weiterhin
0 Hormayr Gesch. Tirols Ib, 38 n. 1. >) Da St 540 wohl im TrivisanuB,
nicht aber auch im Liber blancus erhalten ist, so kann der L. b. nicht dem Liber
autenticus et antiquus gleichgesetzt werden. *) postquam pactum anterius &ctutu
fuit Ravennae.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 69
wird von der Er neuer ang dieses Vertrages gesprochen ^) und einmal
wird sogar auf die ausf&hrlichern Bestimmungen de quibus in ante-
riori pacto continetur Bezug genommen. Diese Beziehungen auf ein
firdheres Factum sind dann auch in die spatern Verträge übergangen
und zwar so, dass in der zuerst angezogenen Stelle der Ortsname
immer entsprechend verändert wird. Wenn aber Earl III. alle seit
dem 9 frohem ' zu Pavia abgeschlossenen Vertrage flüchtig gewordenen
Venetianer auszuliefern verspricht, so dürfte hier wohl nicht auf das
40 Jahre zuvor abgeschlossene Factum Lothars Bezug genommen sein,
obwohl dieses zu Favia ausgestellt ist. Da der Vertrag Lothars schon
845 abgelaufen war, so hat man es in Venedig gewiss nicht ver-
säumt, denselben wieder zu erneuem. Da in dieser Zeit Pactum und
Besitzbestätigung noch nicht vereinigt sind, so ist es wahr-
scheinlich, dass die Venetianer mit der Erneuerung einer Besitz-
bestAtigung auch die des Factums erlangt haben. Von Ludwig ü.
ist ein Factum nicht erhalten, wohl aber eine bis jetzt noch
nicht publicirte Besitzbestätigung von 856 März 23. Die Geltung
des Vertrages wird schon in einer Urkunde Ludwigs für Cremona
von 852 vorausgesetzt ^), in welcher den Venetianem das Becht vorbe-
halten wird, die Hafenabgaben nach alter Gewohnheit zu bezahlen.
Hier kann natürlich nicht der schon längst abgelaufene Vertrag von
840 gemeint sein, sondern ein Pactum, das etwa 847 — 851 ab-
geschlossen worden ist Der Vertrag wurde dann bei der Zusammen-
kunft Ludwigs mit den Dogen Petrus und Johannes Tradonicus in
Brondolo erneuert ^). Schon in der Besitzbestätigung Karls aber wird
den Venetianem auch der freie Handelsverkehr und die Bestimmungen
über das Bipaticum bestätigt, die wir sonst nur in den Pacta an-
treffen, ja es wird sogar ausdrücklich auf die Bestimmungen des
Factums Bücksicht genommen ^). Dies übergeht dann auch in die
zunächst folgenden Besitzbestätigungen. Wido nimmt eine weitere
<) nt quicumque poet renovatiomem huiiis pacti confugium fedt parti
▼estrae reddantur. Eoblsohütter S. 81 versteht unter dem zu Bavenna ab-
geschloflsenen paotnm anterios den Vertrag swischen Paulatins und Liutprand.
Lothar kann sich aber doch nicht zur Auslieferung von Leuten verpflichten, die
vor etwa 120 Jahren flüchtig geworden sind. Romanin 1,175 glaubt darunter
einen Vertrag von 828 verstehen zu müssen; doch Iftsst sich dies nicht begründen.
•) Böhmer Reg. Kar. 629 und CD. Langob. 297 n. 175. ') Johannis
Ghxon. Venetnm S. 18; die Worte dileetionis ac pads vincnlum bezeichnen
bei Johannes wie überhaupt bei den Schriftstellern des 9. und 10. Jahrhunderts
den Absohluss eines Pactums. Dandulo col. 180 folgt hi^lr dem Johannes. ^)Der
Stenog und sein Volk soüen nicht belfistigt werden in finibus Civitatis nove vel
Meledisse dve in viUa que dioityr Caput argeris . . . aut in ceteris locisde quibus
70 Fanta.
Bestimmung der Facta in die Besitzbestätigung auf, indem er ver-
ordnet, dass bei Streitigkeiten über die Besitzungen der Dogen nach
den Bestimmungen des Pactums verfabren werden sollte ^). In die
Besitzbestätigungen Budolfs und Hugo's dringt dann aus den Ver-
trägen hocb die Bestimmung über den von den Yenetianern zu leis-
tenden Tribut ein. Es ist also sebr wabrscbeinlicb, dass von Wido,
Budolf und Hugo besondere Pacta nicht ausgestellt wurden, dass man
sich damit begnügte, die wichtigsten Bestimmungen der Verträge in
die Besitzbestätigungen aufzunehmen. Dies bezeichnet einen Erfolg
der Venetianer insofern, als ihnen eine Beihe der durch die Pacta
nur für einen beschränkten Zeitraum zugestandenen Bechte nun für
immer verliehen werden; und während noch das Pactum Berengar I.
nur eine Geltung von fünf Jahren haben soll, wurde unter Otto I.
der Vertrag für ewige Zeiten abgeschlossen. Doch scheint schon
Berengar n. ein Pactum ausgestellt zu haben, da unter Otto L auf
auf einen zu Bavenna abgeschlossenen Vertrag Bezug genommen wird.
Das Pactum Earl UL kann natürlich nicht gemeint sein, da es ja
keinen Sinn hätte anzunehmen, dass Otto sich verpflichtet habe
Flüchtlinge auszuliefern, die vor &st neunzig Jahren aus Venedig ge-
flohen sind. Unter Otto I. sind Pactum und Besitzbestätigung von
einander getrennt ausgestellt worden und letztere erscheint deshalb
wieder in der altern Fassung wie sie auch die Urkunde Lothars bietet,
hat also nicht die übrigen erst unter Lothars Nachfolgern gemachten
umfangreichen Zusätze, die den Pacta entnommen sind, theilweise aber
auch neue Verleihungen enthalten. Doch schon unter Otto II. ver-
einigte man die beiden Urkundenserien wieder, aber nicht wie früher
in der Besitzbestätigung, sondern so, dass das erste Capitel des Pactums
den wesentlichen Inhalt der Besitzbestätigung wiederholt. Dabei ist
es fortan geblieben: besondere Besitzbestätigimgsurkunden nach dem
in eorum pacto relegitur, d. h. in denjenigen Ortschaften, die in den Pacta als
VertragsohliesBende von venetianisoher Seite genannt werden.
*) T7t fli de eis aliqua contentio orta faerit et ad inramentum causa perve-
nerit, secundum seriem paoti definiatur per electOB duodecim iuratores; man
Vergleiche die pfondrecbtlichen Bestimmungen des Paotams : bei Requizirung
flüchtiger Sclaven pzebeat saoramentam duodecim electi quod ibi nee susoepti
ftieiint eta; wird der Eid verweigert, so tritt die Pftndung ein; bei Redhti-
händeln, die den Werth von zwölf venetianischen Pfund erreichen oder übersteigen,
ist der Eid von zwOlf Erwählten zu leisten: per duodecim electos inratores per-
veniat . . . nam d ultra duodecim librarum questio luerit, inratores ultra duo-
decim non ezcedftnt. Mit diesen Beziehungen auf ein Pactum sind alao die nna
bekannten Verträge gemeint, nicht aber, wie Simson Jahrb. des frfiak. ReiehB anter
Karl dem Grossen S. 600 annehmen mOohte, der Vertrag mit liutprand.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 71
Muster der von Lothar L treffen wir nicht mehr an. Unter Otto IL
wurde aber noch yor dem Jabre 983 bald nach dem Begierungsan-
tritte des Dogen Vitalis Candiano (978 — 979) ein Vertrag abge-
schlossen, von dem wir aber nur eine kurze Notiz bei Johannes
Diaconus haben ^). Es ist gewiss ganz unrichtig, wenn Bomanin die
Urkunde in der Otto ü. den Venetianem freies Geleit zusichert, für
diesen Vertrag hält. Der uns noch erhaltene Akt über die Yom Kaiser
Torgenommene Handlung weist dieselbe unzweifelhaft erst dem Juni
983 zu; sie ist wie wir bereits ausgef&hrt haben, die ZnrQcknahme
der von dem Kaiser anbefohlenen Handelssperre.
Ich werde nun die Frage zu erörtern haben, in welche Zeit der
erste Abschluss des Vertrages zu setzen ist; ich habe dabei immer
einen Vertrag im Auge, der im wesentlichen denselben Inhalt hat
wie das Pactum Lothmrs von 840. Die italienische Stadteliste, die
wir im Vertrage Lothars lesen, ist gewiss erst in karolingischer Zeit
festgestellt worden. Denn es ist wenig wahrscheinlich, dass Co-
machio, Barenna, Cesena, Bimini, Pesaro, Fano, Sinigaglia, Ancona,
Umana, Fermo und Citta di Penne von Liutprand oder Aistulf
in einen Vertrag mit Venedig aufgenommen wurden. Die Erobe-
rungen Liutprands erstreckten sich lange nicht Ober den ganzen
Ezarchat und die Pentapolis und waren zum grossen Theile nur
vorübergehende. Auch unter Aistulf war die Herrschaft der Lango-
barden in diesen Gegenden viel zn umstritten und die Hoffnung auf
einen Wiedergewinn dieser Landschaften durch die Griechen noch
nicht ausgeschlossen« Im übrigen fSllt die Eroberung des Exarchats
durch Aistulf erst in das Jahr 751 ^) und schon 754 wurde er durch
Pippin zu einem Vertrage gezwungen, in welchem er sich zur Aus-
lieferung Bayennascum aliis diversis civitatibusyerpflichten musste. Im
J. 756 befindet sich bereits ein Theil der in den Vertragen mit Venedig
genannten Städte in den Händen des Papstes (Comachio, Bavenna
Cesena, Bimini, Fano, Sinigaglia) und 757 lieferte Desiderius Gayello,
Ancona und Umana aus ^. Ueber Gittä di Penne scheint sich die
Herrschaft der langobardischen Konige überhaupt nicht erstreckt zu
haben. Da aber auch die Bewohner yon Istrien, die frühestens 788
der frankischen Herrschaft unterworfen wurden ^) in dieser Liste er-
I) Hon. Qenn. 88. 1,21: Qni (loilicet Vitalis patriarcha) a doce inter.
peUatos com tuis nonÜia ad paoem inter impeEatorem et Venetioos consolidan-
dsm Teutonieam petiit regionem, qoeniam duciB Petri interfectione ammodum
iilot eiecrabiles ezoeosque habebat; firmato antem federe ad propria reyersos est
*) Abel, Der Untecgang des Longobaidenreidis 28 ff. *) Härtens, Die rOmisohe
tage (Stattgart ISSI) 49, 6S, 61. «) Dflmmler, Ueber die titeete Gesck. der
SlftTen in Dalmatiea, Sitzungsberiobte der Wieaar Akademie 20, S88.
72 Fanta.
scheinen, so kann das Yerzeichniss der italienischen Städte so wie es
uns im Pacfcam Lothars vorliegt erst unter Karl dem Grossen ent-
standen sein. Vor Karl können also von den im Vertrage Lothars
stehenden Städten nur die Bewohner von Giyidale del Friuli, Geneda,
Treyiso, Yicenza und Monteselice in einen Vertrag mit Venedig auf-
genommen worden sein. Padua, Ferrara, Verona, Fayia, Mailand und
Gremona, von welchen die beiden erstem erst unter Karl IIL, die an-
dern erst unter Otto ü. als mit Venedig in Vertrag stehend bezeichnet
werden, haben wir dabei nicht weiter zu berücksichtigen. Es sind
das Begünstigungen, die die Venetianer erst später erlangt haben.
Bei den vier zuletzt genannten Städten kann dies nicht zweifelhaft
sein, da sie in allen Verträgen bis auf Otto IL fehlen; aber auch bei
Padua und Ferrara kann man nicht annehmen, dass wir sie in Folge
der schlechten üeberlieferung im Pactum Lothars nicht lesen. Denn
sie fehlen auch in der Urkunde Otto L, die hier dem lotharischen
Pactum zu folgen scheint. Ein Vertrag eines langobardischen Herr-
schers mit Venedig konnte sich also nur auf wenige dem Inselstaate
benachbarte Landstädte erstreckt haben und hat desshalb wohl kaum
die Bestimmung über den Seeyerkehr der italienischen Städte ent-
halten. Eine solche Bestimmung konnte erst eingeführt werden, als
eine Anzahl yon Seestädten wie Gomachio, Bayenna und andere in
den Vertrag eingeschlossen wurden.
Vor dem Jahre 788 stand aber Karl der Grosse gewiss noch in
keinem . Vertrage mit Venedig. Denn auf königlichen Befehl wurde
den yenetianischen Eaufleuten der Handel im Exarchate und der Pen-
tapolis untersagt und sie selbst aus den Besitzungen, die sie in diesen
Landschaften hatten, yertrieben ^). Solche feindliche Massregeln gegen
die Venetianer, welche als ünterthanen des griechischen Beiches galten,
häogen jedenfalls mit den Feindseeligkeiten zusammen, die seit 887
zwischen Karl und den Griechen ausbrachen 2). Die Sperre musste
den handeltreibenden Inselstaat schwer schädigen. Dazu kam, dass
durch die Eroberung Istriens'^und die Erwerbung Dalmatiens die Ve-
<) Papst Hadrian schreibt an Karl : Ad aures dementissimae regalis excel*
lentiaeTyestrae intimantes inootescimus : quia, dum yestra regalis in triumpbis
Victoria predpiendum emisit, ut a partibus Ravennae seu Pentapolüs ezpelle-
rentur Venetid 'ad negotiandum, nos illioo partibus illis emisiiniis, yestram adim-
plentee regalem voluntatem. Insuperetad ardiiepisoopum praedpiendum direximuB,
ut in quolibet territorio nostro iure sanctae Rayennate eodesiae ipsi Venetid preddia
atque possesdones haberent, omnino eos eiinde expdleret. (Jaff(§ Mon. Carolina
276 n. 94 yerlegt den Brief zwischen 784—791. Dass er nidit vor 787 gesetzt
werden kann, bemerkt Hamack Das karol. und bjz. Rdoh S. 82 f. *) Abel, Jahrb.
des frSnkisdien Rdohs unter Karl dem Grossea 1,471.
Die Vertrfige der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 73
netianer ganz vom fränkischen Gebiete eingeschlossen waren, für
welches die Handelssperre wohl ebenso galt wie im E^archate und
der Pentapolis, über welche Gebiete wir zufällig durch einen Brief
des Papstes unterrichtet sind. Die Zukunft Venedigs konnte nur
durch ein friedliches Verhältniss des griechischen Beiches zur Mo-
narchie Karls gesichert werden. Als nun die Friedensverhandlungen
mit den Griechen im Jahre 803 gescheitert waren, entschloss man
sich in Venedig nach vielen innern Kämpfen und Unruhen ^) zu einer
Unterwerfung unter das fränkische Beich, wohl desshalb, um auf
diese Weise sich den Folgen der Handelssperre zu entziehen. Karl
erreichte das was Otto IL durch dieselben Mittel fast zweihundert
Jahre später vergebens anstrebte. Bald nach Weihnachten 805 er-
schienen Obelierius und Beatus die Dogen von Venedig mit Abge-
sandten der damals gleichfalls unter griechischer Herrschaft; ste-
henden Seestädte Dalmatiens am Hofe Karls zu Diedenhofen, um unter
üeberreichung glänzender Geschenke ihre Unterwerfung anzukündigen ^).
Dass Jamals wirklich eine Unterwerfung erfolgte, ersieht man daraus,
dass Einhard später die Venetianer der Untreue beschuldigt und dass
Karl in dem mit den Griechen 812 abgeschlossenen Frieden Venedig
und die dalmatinischen Seestädte an die Griechen abtrat. Nach dem
Berichte Einhards wurde damals auch das Verhältniss Venedigs zum
fränkischen Beiche geordnet. Worin diese ordinatio bestand, erfahren
wir zwar nicht; doch kann es nicht zweifelhaft sein, dass es den
Venetianern in erster Linie daran gelegen sein musste die Zurück*
nähme jener Massregeln zu erwirken, welche ihren Handel im Exar-
chate und der Pentapolis unmöglich machten. Eine Anzahl Bestim-
mungen aber in den venetianischen Verträgen sind derart, dass sie
ganz gut als eine Zurücknahme der frühem feindseligen Massregeln
sich darstellen, so insbesondere das Capitel über den gegenseitigen
freien Handelsverkehr. Wenn endlich von den im Vertrage genannten
Städten zwei Drittel dem Exarchate und der Pentapolis angehören,
so konnte das ein Hinweis daraufsein, [dass durch die ordinatio eben jenes
ftlr diese beiden Gebiete erlassene Verbot widerrufen werden soll
*) Vgl. darüber und über d^,8 VerhSltniss Karls zu dem vertriebenen Patri arcben
FortunatoB von Grado Bomanin und 8. Dellagiacoma Fortunato da Trleste patriarca
di tSiadoim ArcbeografoTriestino, Nuova Serie III 849 £, Hamack 45 ff. ') Einhard
Ann.z. J. 806(Mon.Germ.SS. 1, 195): Statim postnatalem Domini venerunt Willeri
etBeatns, dnoea Venetiae, nee non et Paulus dux Jaderae atque Donatus eiuadem
dvitatis episcopus, legati Dalmatarum, ad praesentiam imperatoris cum magnis
donis. £t facta est ibi ordinatio ab imperatore de ducibus et po-
polid tarn Venetiae quam Balmatiae. Vgl. Dümmler a. a. 0. 885 und
Sinuon Jahrb. des fränkischen. Reichs unter Karl dem Grossen 2,8SS ff,
74 Fanta.
Von den einzelnen Bestimmungen des Vertrages sind mir zwei
aufgefallen, die fQr das Jahr 840 nicht mehr zu passen scheinen.
In einem Gapitel wird festgesetzt ut quandocumque mandatum do-
mini imperatoris . . . nohis nuntiatum fiierit, inter utrasque partes ad
vestram solatium contra generationes Sclayorum inimicos scilicet
yestros in quo potuerimus solatium praestare debeamus: zugleich
verpflichten sich dieselben keine Feinde zu unterstützen, qui contra
yosvestrasque partes sunt. Da der Kaiser hier in dritter Person erscheint,
so fragt es sich, wer unter der ersten und wer unter der zweiten
Person zu verstehen sei. Da sich gleich im ersten und sechsten Gapitel
die kaiserliche Partei verpflichtet darauf zu achten, dass keine feind-
lichen Einfalle in venetianisches Gebiet gemacht werden, so hätte es
keinen Sinn anzunehmen, dass sich die kaiserliche Partei auch ver-
pflichte keinen Feind gegen Venedig zu unterstützen. Beide Bestim-
mungen enthalten ja im wesentlichen dasselbe, und wenn sie sich
nicht ganz decken, indem hier von excursus dort von inimici die
Bede ist, so ist doch so viel klar, dass in dem zweiten Falle die Ve-
netianer eine Verpflichtung übernehmen und so ein ihnen um einige
Gapitel früher eingeräumtes Becht recompensiren. Dann müssen
wir aber auch annehmen, dass nicht die kaiserlichen ünterthanen, .
sondern die Venetianer sich zur Hilfeleistung gegen die Slaven ver-
pflichten. Wir werden später sehen, dass sich dies Gapitel in einem
Theile der Urkunde befindet, welcher auch andere Verpflichtungen
der Venetianer enthält ^). Die Venetianer also verpflichten sich auf
Befehl des Kaisers die mit ihnen in Vertrag stehenden Städte mit
einer Flotte gegen die Slaven zu unterstützen. Unter diesen Slaven
werden wir wohl vorzüglich die seeräuberischen Narentaner zu ver-
stehen haben. Um 840 aber war gerade Venedig mit der Bekämpfung
der Slaven vollauf beschäftigt. Schon 823 schliesst der Doge Jo-
hannes Partecipatius einen Frieden mit den seeräuberischen Naren-
tanern und Petrus Tradonicus hat 839 also gerade ein Jahr vor dem
Abschluss des Pactums mit Lothar die Kroaten und Narentaner zu
bekämpfen. Noch häufiger werden die Kämpfe in späterer Zeit; 846
bedrohen die Kroaten sogar Venedig und zerstören Caorle^). Wir
würden also für das Jahr 840 eine Fassung des Gapitels erwarten, in
welcher beide Parteien zu gegenseitiger Unterstützung auf gleich-
massige Weise verpflichtet werden, nicht aber eine Fassung, die nur
M Romanin 1,175 und Marin 2, 85 sehen in dieeem Gapitel Verpfliphtungen
der kaiserlichen Partei. *) Dümmler, SitEungsbenehte der Wiener Akademie 20,
876, 898 f; 400.
Die 7ertrftge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98 S. 75
eine Hilfeleistang der Venetianer in Aussicht nimmt Aber auch in-
sofern mu88 diese Fassung für das Jahr 840 Bedenken erregen, als
sie eine Gefahr fQr die yenetianische Selbständigkeit enthalt, da sie
dem Kaiser ein Mittel in die Hand gibt bei gewissen Gelegenheiten
die Venetianer zur Heeresfolge zu verpflichten. Die Fassung dieses
Capitels scheint demnach auf eine Zeit zurückzugehen, in der die
Venetianer sich dem Einflüsse des frankischen Beiches nicht ohne
GefiJir entziehen konnten, also entweder auf die ordinatio des Jahres
805, oder aber auf die Zeit unmittelbar nach dem Kriege Fippins
gegen Venedig yom Jahre 810, nach welchem die Venetianer sich
auch zur Leistung eines Tributes verpflichten mussten ^). So viel wir
wissen, gelangte die Bestimmung dieses Capitels nie zur praktischen
Ausf&hmng. Ja es scheint, dass man schon im 9. Jahrk damit nichts
rechtes anzufangen wusste. unter Berengar I. hat man durch einen
kleinen Zusatz das ganze Gapitel wesentlich zu Gunsten der Vene-
tianer verändert Denn während nach den frühern Verträgen die
Hilfe zu leisten ist, ist contra generationes Sclavorum inimicos sci-
licet vestros, soll sie nach dem Factum Berengars contra gentes
Sclavorum inimicos scilicet nostr os vestrosque erfolgen. Dieser Zusatz
leigt deutlich, dasa man auch zur Zeit Berengars in diesem Capitel der
frühem Vertrage eine einseitige Verpflichtung der Venetianer erblickte.
Sie wurde aber jetzt dahin verändert, dass die Venetianer nur gegen
einen gemeinsamen Feind zur Hilfe verpflichtet sind. Nur tritt eine
gemeinsame Operation auch jetzt erst auf Befehl des Königs ein. Sie
hätte also für die Venetianer nur dann von Vortheil sein können,
wenn auch Berengar ein Interesse an der Bekämpfung der Slaven
an der dalmatinischen Küste gehabt hätte. Auch Dandulo bemerkt
^ Ich ziehe nur aus der eigenthümlichen Fassung dieses GapitelB meine
Schlüsse. Im übrigen könnte es auch auffallen, dass hier wohl eine Be-
kSmpfong der seerftuberisohen Slaven in Aussicht genommen wird, nicht aber
die der Saracenen, die mindestens seit 840 auch die Küsten der Adria zu plündern
anfingen (Dümmler a. & 0. 898 f.). Hier trafen die Interessen des Kaisers mit
denen der Venetianer zusammen. Die Bekämpfung der Saracenen mit Hilfe der
Venetianer wurde schon 846 in Aussicht genommen (vgl. das von Maassen
mitgetheilte Oapitolar in den Sitzungsb. der Wiener Akademie 46,7 S. 71).
Warum also erscheinen nur die Slaven in diesem Capitel, wenn auch die Sara-
cenen Seerftuberei in der Adiia betrieben und von den Venetianem und dem
Kaiser gewiss mehr gefürchtet waren als die Narentaner oder die Kroaten? Auch
daraos enieht man, dass dies Capitel nicht erst 840 festgestellt sein kann, son-
dem SU einer Zeit als die Saracenen wenigstens für die Adria noch nicht geffihr»
lieh waren, also wohl vor 887, in welchem Jahre sie mit der Kroberong Sioiliens
begannen. (Vgl. Dümmler a« a^ 0. S98).
7G Fanta.
^en yeränderteu Charakter des Capitela aber die Slayenhilfe. Er irrt
aber, wenn er diese Veränderung schon dem Factum Karl 111. zu-
schreibt, da es hier noch denselben Wortlaut hat wie im Factum
Lothar L Konnte den Yenetianern auch die neue Fassung dieses Capi-
tels kaum praktischen Vortheil bieten, so hatten sie doch so viel er-
reicht, dass eine Bestimmung geändert wurde, die leicht dazu hätte
benützt werden können, dem Inselstaate lästige Verpflichtungen zu
Gunsten der kaiserlichen Unterthanen aufzubürden. Nachdem es diese
Wandlung durchgemacht hatte, konnte dasselbe ohne Nachtheil für
beide Farteien einfach fallen gelassen werden. Das geschah unter
Otto L
Aber auch ein zweiter Satz hat für das Jahr 840 keinen Sinn.
Es wird nämlich bestimmt, dass die Bewohner von Ghioggia in ihre
Heimath zurückkehren und dort wieder wohnen dürfen. Es wird also
vorausgesetzt, dass die Bewohner von Ghioggia vertrieben waren und
dass der Kaiser sie an der Bückkehr hätte verhindern können. Dies
kann sich nur auf ein Ereigniss beziehen, das mit dem Kriege Fip-
pins gegen Venedig vom Jahre 810 in Zusammenhang steht. Pippin
griff Venedig von Süden aus an. Er eroberte Brondolo, Ghioggia
und Falestrina und drang bis Albiola vor ^). Die von den Bewohnern
verlassenen Städte wurden von Fippin zerstört. Dandulo, dem wir
diese Nachrichten verdanken, berichtet auch unmittelbar nach der Er-
zählung von dem zwischen Karl und den Griechen abgeschlossenen
Frieden zum Jahre 812 oder 813, dass die Bewohner von Ghioggia
in ihre von Fippin zerstörten Städte wieder zurückkehrten und sie
aufbauten ^),
Ich glaube also, dass es keinem Zweifel unterliegen kann, dass
die angezogene Stelle im Factum Lothars sich auf diese von Dandulo
berichtete Bückkehr der Ghioggioten bezieht. Es ist natürlich, dass
man an diese Bestimmung nicht erst 840 gedacht hat, als die Ghiog-
gioten längst wieder in ihre Heimath zurückgekehrt waren, sondern
dass die Stelle aus einem Vertrage stammt, der bald nach jenem
venetianischen Kriege erfolgt sein mu^s. Dass aber der Vertrag schon
mit Obelierius und Beatus abgeschlossen wurd*^, halte ich nicht für
wahrscheinlich s). Karl musste die beiden Dogen nach der ünter-
') Pagatis Brondulensibos, ClugensibuB et Palaefitrinensibus ad locum quen-
dam qui Albiola vocatar in ripa Mathemattoeiuds portus aitoatum tandem per-
venit. Muratori 88. 12,168. ') Clugieasee autem et ceteri, qui Francorum metu
litoralia domidlia sna reliquerant, repatriantes urbea suas in soUtudinem redactas
renovare coeperunt (a. a. 0. 168). ') So auch Simonsfeld im Archivio Veneto
21 —freilich aus andern Grfinden, denen ich nicht zuBtimmen kann. Simaon,
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jiibre 98S. 77
werfung von 805 als Bebellen betrachten. Schon 807 beim Er-
scheinen der Flotte des Nicetas erfolgte der Abfall Venedigs und
offenbar warde er im Jahre 809, als Paulus mit seiner Flotte vor
Venedig lag. Damals hinterlrieben sie die Friedensverhandlungen
zwischen Fippin and dem griechischen FlottenfQhrer. Als nun die
Unterhandlungon des Jahres 810 und 811 wirklich zu einer Verstan*
digung zwischen Karl und dem griechischen Reiche fQhrten, wurden
die beiden Dogen ihrer Würde entsetzt und nach Konstantinopel ge-
bracht ^). Ihro Absetzung erscheint demnach als eine von den Griechen
an Karl gemachte Concession. Wir verlegen den ersten Abschluss
des Vertrages wohl am besten in das Jahr 812 oder 813 nach der
Batificirung des Friedens mit den Griechen durch Karl in den Anfang
der Begierung des Dogen Agnellus Participatius. Damals erfolgte
auch die üebertragung des Begierungssitzes nach dem Bialto^), der
im Pactum Lothars an der Spitze der venetianischen Gemeinden steht.
Eine Urkunde mit theilweise ähnlichen Bestimmungen hatte Karl
schon früher zu Gunsten der Bewohner von Comachio ausgestellt ^).
Die Bestimmung ein über die Gerichtsbarkeit erinnern an die der vene-
tianischen Pacta; doch ist eine directe Einflussnahme auf die vene-
idanischen Pacta nicht anzunehmen. Da der Vertrag von 840 wörtlich
mit wenigen Auslassungen, Zusätzen oder Abänderungen in alle fol-
genden übergangen ist, so wird wohl auch der Vertrag von 812/13
im wesentlichen denselben Inhalt und Wortlaut aufgewiesen haben.
Der Umstand, dass bereits für 840 antiquirte Bestimmungen anzu*
treffen sind und die Beziehung auf die ausführlichem Bestimmungen
eines altem Vertrages weisen gleichfalls darauf hin, dass der Vertrag
▼on 840 den altern Verträgen einfach nachgeschrieben ist Ausser
der ordinatio von 805 haben aber im Vertrage von 812 jene Ver-
sprechungen Berücksichtigung gefunden, die die Venetianer nach dem
Kri^e von 810 an Pippin gemacht haben — also so viel wir wissen,
auch die Leistung des Tributes ^).
Jahrb. des fränk. Reichs unter Karl d. Grossen 8. 422 bemerkt, dass ein Friedens-
vertrag mit Venedig erst nach Abtrennung desselben vom Frankenrdohe
miZ^lich w&r.
1) Einhard Ann. zu den Jahren 806, 807, 809—811. Vgl. Simsen a. a. 0.
S5S £, 877 £, S94 ff. >) Johannis Chron. Ven. 8. 15, Simsen a. a. 0. 464.
'} Sickel, Acta Earolinorum E. 79, Mühlbachers Reg. Ear. 226 vom J. 781 März 15.
*) Cönstantinus Porphyrogenitus De administr. imperii ed. Becker im Corpus
SS. Byzant S, 124. tiimson in den Jahrb. des fränk. Reichs unter Karl dem Ghrossen
2,445 bezweifelt die Nachricht, dass sich die Venetianer schon 810 zu einem
Tribute verpflichtet hätten, weil eines solchen erst im Pactum Berengars Erwäh-
nung gcscbieht. Doch haben wir schon oben bemerkt, dass dies Capitel in den
78 Fanta.
Eine direkte Nacliricht, dass dieser Vertrag schon unter Efirl
dem Grossen abgeschlossen worden sei, hat sich im achten Buche
des Chronicon Altiuate ^) erhalten. Der Inhalt desselben zerfiUt in
drei deutlich von einander gesonderte Bestandtheile — in eine Ge-
nealogie der Frankenkönige, in einen Bericht über ein Factum Karls
und eine ganz sagenhafte Erzählung über den Krieg der Franken
gegen Venedig im Jahre 810 ^). Auffallen muss es, dass der Bericht
über das Factum dieser sagenhaften Erzählung yorangestellt ist, wäh-
rend wir ihn doch erst an der Stelle erwarten würden, welche uns
von dem Abschlüsse des Vertrages berichtet. Dies dürfte ein Hinweis
darauf sein, dass der Verfasser des achten Buches sich eben zu strenge
an drei von einander ursprünglich getrennte Vorlagen gehalten hat.
Im Gegensatze zu der ganzen sagenhaften Erzählung enthält dieser
zweite Theil so weit wir sehen die genauesten Nachrichten.
Zuerst wird erzählt, dass Karl alle Besitzungen des Herzogs und
der antiquiores unter den Venetianern so weit sie in Italien gelten
waren in seinen Schutz genommen habe. Es ist damit unverkennbar
eine Urkunde gemeint, wie sie uns zuerst in der Besitzbestätigung
Lothars von 841 entgegentritt Hier wird den Venetianern der un-
gestörte Besitz aller innerhalb des Beiches gelegenen Güter bestätigt
quemadmodum temporibus avi nostri per decretum cum Grecis san-
citum possederunt. Unter den antiquiores des Chronicon Altinate
sind der Fatriarch und die Bischöfe zu verstehen, die in der Besitz-
bestätigung von 841 neben dem ganzen Volke erwähnt werden. Dass
die Venetianer für den Schutz einen census pensionis in omnique
anno zu bezahlen hatten, davon ist freilich in der Besitzbestätigung
Lothars nicht die Bede. Doch wird dieser census jedenfalls dem gleich
darauf erwähnten tributum gleichzusetzen sein, der ein besonderes
Gapitel in den Facta bildet. Dass diese Nachricht direkt auf das
Pactum Karls des Grossen zurückgeht, ist sicher, denn das Ghron.
Altinate hat noch einige wörtliche Anklänge an das betreffende Gapitel
der Facta aufzuweisen ^).
Yertzägen Lothars und Karl III. wohl absichtlich weggelassen wurde. Aiuserdem
ist es wenig wahrscheinlich, dass sich die Venetianer za einer so weitgehenden
Conoession gerade Berengar L gegenüber zuerst herbeigelassen hätten.
t) Im Archivio stör. it. 8, 220 f. und im Andreas Dandulo 89 ; vgl. 8imson
a, a. 0. 594 & ') VgL darüber Simonsfeld im Archivio Veneto 2], 167 ff.
') Ich citire das Gapitel aus dem Pactum Otto I., da es in den Pacta Karl IIL
und Lothars fehlt, das Pactum Berengars aber die Höhe des Tributs nur auf 85
Pfund festsetzt. Otto L scheint wieder auf den altem Ansatz zurückgegriffen zu
haben, nachdem seit Berengar L die von Gonstantin erwähnte Verminderung der
uisprOnglichen Höhe des Tributes eingetreten war.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 79
Chron. Alt S. 220. Pactum Otto I.
Tarn autem ad dux ^) confirmatum Et promisit nobis cunctusdu-
et ad omni populo Yeneticae catus Yeneticorum et succes-
constabilitum et coUaudatum est, soribas nostris pro huiua pacti
ut in qninquaginta denario- foedere annualiter ... persol-
rnm^) Yeneticorum libras in yere libras suorum dena-
tributumomniqueregorumpersol- riorum quinquaginta.
yendum fuisset per hoc pacti
preceptum.
Hierauf werden die Bestimmungen über den Handel und das
Bipaticum erwähnt auch hier mit einem wörtlichen Anklang an die
uns bekannten Yertrage:
Chron. Alt. S. 221. Lothar.
Karolus iste imperator confirma- Negotii autem inter partes
yit inter Italiae et Yeneticae re- lieeut dare . . . De ripatico yero . . .
gionis omnia per ordinem con- stetit, ut secundum antiquam
snetudinis marcbae dare et consuetudinem debeamustol-
negotium habere. lere . . .
Auch zwei Elöster konnten sich der Ounst Karls erfreuen ; worin
diese bestand, geht aus dem unklaren Berichte des Chronicon nicht
heryor. Das eine dieser Klöster ist das in Brondolo mit einer dem
Bnsengel Michael und einer zweiten der heiligen Dreifaltigkeit ge-
weihten Kirche. In den spätem Facta und Besitzbestätigungen wird
dieses Klosters nicht erwähnt. In einer Urkunde Friedrich I. aber
yon 1177 August 3 (St. 4207) wird dem Bischöfe Leonhard von Tor-
eello iuzta . . . Garoli yidelicet et Lotharii . . . decreta unter anderm
bestätigt sancti Michaelis ecclesia . . . cum territorio suo et fossato
quo statutus est terminus tempore Garoli inter Yeueticos et Lange-
bardos unum caput exiens in fluyio Scilae et aliud in fluyio Jario
diseurrente yero Seile per meginas usque Senegiam et discurrente
Jario usque Altinum. Die Urkunde Friedrichs folgt hier wohl einer dem
Kloster von Karl ausgestellten Besitzbestätigung fQr die Michaelskirche
in der zugleich die Grenzen der Besitzungen angegebe n waren ^).
>) ad dnx nach der Dresdener Handflcbrift (ygL Simonsfeld a. a. 0.); das
aorioe der Ausgabe ist wohl yerlesen. *) Die Ausgabe hat de numorum offenbar
in Folge eines Lesefehlers. *) Das ä. Michaelskloster in Brondolo — denn dieses
ist hier gemeint — erlitt im Kriege von 810 empfindlichen Scüaden. Dandulo
ooL 168 meldet zum J. 818: Eodem tempore abbas monasterii sanctae Trinitatis
Mu sancti Michaelis de Brondolo, de desolatione sui monasterii multo oonster-
natos ingemuit etc. — Von der angezogenen Urkunde ist der Druck bei Marin
1,279 dem bei Muratori vorzuziehen.
80 Fanta.
Das zweite Kloster, für welches Karl geurkundet haben soll, ist
das des h. Hilarius auf dem Festlande. Simonsfeld meint, dass ge-
rade diese Nachricht zeige, wie wenig glaubwürdig der Bericht sei
Denn vor dem Jahre 819 bestand nur «ine Hilariuskirche, welche
damals von den Dogen Agnellus und Justinianus Partecipatius dem
Abte Ton S. Servolo zur Einrichtung eines Klosters übergeben wurde ^).
Aber es ist noch nicht ausgeschlossen, dass Karl eine Schenkung der
Hilariuskirche gemacht hat. Dass das Chronicon Altinate von einem
monasterium spricht, ist Anticipation späterer Verhältnisse. Und
wirklich wird in einer Urkunde Karl III. von 883 Mai 10 für S. Ilario
und Benedetto (Mühlbacher Urkunden Karl III. n. 80) auf eine dieser
Kirche durch Karl den Grossen gemachte Schenkung Bezug ge-
nommen 2). ,
Wir sehen also, dass der Bericht des Chronicon Altinate, gegen
den man sich, weil er im Zusammenhange mit einer sagenhaften^^Er-
zählung erscheint, misstrauisch verhielt, ein so weit wir ihn controlliren
können durchaus genauer und glaubwürdiger ist. Nur der letzte
Satz dieses Urkundenberichtes kann Bedenken erregen Damach be-
stätigt Karl den Yenetianern auch ihre Besitzungen in den Städten
Dalmatiens und die in Fannonien, Die Sache selbst finde ich nicht
bedenklich; denn da Lothar den Yenetianern ihre Besitzungen im
ganzen Reiche bestätigt — so wird wohl auch die Besitzbestätigung
Karls sich nicht bloss auf Italien beschränkt haben. Hat also
Karl die venetianischen Besitzungen infra ditionem imperii bestätigt,
so waren die in Dalmatien und Fannonieji auch eingeschlossen. Be-
denken kann aber die besondere Hervorhebung beider Provinzen er-
regen und dann der Umstand, dass dieser Satz getrennt von einer
ihm analogen Bestimmung steht. Da wir denselben überdies am Schlüsse
des Urkandenberichtes lesen, so scheint er ein Zusatz zu sein, den
der Yerfasser des achten Buches dem Urkundenberichte hinzu-
gefügt hat 3).
') Urkunde der beiden Dogen Agnello und Giustiniano (Partecipazio) vom
Mai 819 bei Dandulo in Muratori 68. 12, 165 und Gloria CD. Padovauo 6 n. 5.
') . . qualiter . . . abbas . . . sanctarum dei eoclesiarum Ylarii et Benedict! de
parübus Venecie . . . misit legatos . . . deprecantes, quatenus nos pro dei amore . . .
preoeptum . . . confirmare dignaremurquod a temporibus Earoli bisavi nostri . . .
tenuerunt. Ipd etiam ülustres legati id ipsum preoeptum ante nostram detulerunt
presentiatn ia quo continebatur . . . CO. Padovano 82 n. 16.
') Der Verfasser spricht von Dalmatiae ciyitates ab sede autem oompren-
hensae autiquae Venetiae. Unter antiqua Venetia im Gegensatz zu nova Venetia
ist das benachbarte Festland — also Friaul zu verstehen. Der Markgraf von
Friaul gebot aber wirklich zur Zeit Karls und Ludwigs auch über Dalmatien
Die Vertrfi^ der Kaiier mit Venedig bis zum Jahre 988. 81
Wir sehen ferner, dass unser Bericht die Verleihungen Karls
nach einer gewissen Ordnung aufführt. Er spricht zuerst von der
Bestätigung der yenetianischen Besitzungen und wir finden hier die
Bestimmungen der von den Pacta zu unterscheidenden Besitzbestäti-
gungen. Hierauf folgen zwei Bestimmungen, die wir auch in den
uns erhaltenen Facta lesen, zuletzt werden Gnadenverleihungen an
zwei Klöster erwähnt, worunter andere selbständige für diese
Kirchen ausgestellte Urkunden zu verstehen sind. Wie uns der
Bericht in der Bearbeitung des Chron. Altinate vorliegt, bekommen
wir freilich den Eindruck, als ob wir es bei allen diesen Bestim-
mungen mit einer einzigen Urkunde, mit einem pactum firmatum
oder gar einem pactum preceptum firmatum zu thun haben. Doch
ist dies wohl ein Verschulden des Verfassers des achten Buches un-
seres Ghronicons, der überhaupt die bestimmtere sich an den Wort-
laut der Urkunden anschliessende ursprüngliche Fassung sehr ver-
wischt zu haben scheint. Dass die sagenhafte Erzählung den Vertrag
unmittelbar nach dem Kriege also noch 810 abgeschlossen werden
lässt, kann natürlich gar nicht ins Gewicht fallen.
Dass das Factum schon unter Karl dem Grossen abgeschlossen
wurde, ist die gewöhnliche Annahme ^). Mit den bisher dafür gel-
tend gemachten Gründen, kann ich mich aber nicht einverstanden
erklären. Man legte das Hauptgewicht auf jene Stelle in der Besitz-
bestätigung Lothars, in welcher es heisst, dass den Venetianern der
angestörte Besitz ihrer Güter von Karl in dem decretum cum Grecis
sancitum zugesichert wurde. Das gibt uns aber nur das Becht den
Inhalt der Besitzbestätigungen auf dies decretum zurückzuführen; der
Inhalt der Facta ist hier nicht gemeint. Es kann keine Frage sein,
dass mit dem decretum der im Jahre 812 zwischen Karl und den
Griechen abgeschlossene Friede gemeint ist. Eine weitere Nachricht über
diesenFrieden,soweit er Venedig betrifft, haben wir bei Einhard,
(Dünimler, SüdZtetlicbe Marken des fr&ikiBcheii Reiches S. 16). Das Chronioon
ist also aacb hier gut unterrichtet.
*) Pertz im Archiv 8, 579, Romanin U 185, Gfrörer Bjzantin. Gesch. 1, 118 E
Koblflchütter 8. 78, Dümmler, Jahrb. der deutaohen Geschichte unter Otto dem
Groasen 428, Simonsfeld im Archivio Veneto 167 ff., welche sich dabei auf den
Satz der Bedtzbestätigongen quemadmodum temporibus Earoli per decretum cum
Grecis saiicitam possidemnt berofen. Waitz, Verfassungsgesch. 4, 88 begnügt
lieh mit dem Hinweis auf Constantinus Porphjrogenitus der ja auch elp-rjvtxdc^
3sovdJ(^ der Venetianer mit Pippin erwähnt. — Schon Mühlbacher Reg. Ear.S. 188
mud darauf Simson S. 602 bemerken mit Recht, dass zwar die Besitzbestätigung,
nicht aber auch das Pactum auf den Frieden mit den Griechen zurückgehen kann.
YgL auch Harnack Das karol. und bjzant. Reich (GOttingen 1880) 54 f.
MitttMilaDgen. ErvAiuangsbcl. I. 6
82 Fanta.
welcher erzählt, dass Karl Venedig au die Griechen abtrat. Jeden-
falls aber ist es ganz unstatthaft mit Pertz anzunehmen, dass die
Capitel des Vertrages mit den Venetianem aas dem zwischen Karl
und den Griechen abgeschlossenen Frieden herQbergenommen sind.
Dass der Abschluss des Friedens mit den Griechen Veranlassung ge-
geben hat, auch das Factum mit den Venetianem abzuschliessen, ist
wie oben angedeutet wurde wahrscheinlich. Die Bestimmungen aber
des venetianischen Vertrages sind gewiss von denen des Friedens mit
den Griechen ganz unabhängig. Dass aber schon Earl auch eine Besitz-
bestätigung ausgestellt, also den Venetianem einen Artikel des Frie-
densvertrages mit den Griechen in besonderer Urkunde bestätigt hat,
folgerten wir aus dem Bericht des Chronicon Altinate.
üeber den Frieden mit den Griechen berichtet Dandulo zum
Jahre 803 und 812 '). Da in Wirklichheit nur ein Friede abge-
schlossen wurde, so müssen wir beide Angaben auf den Frieden von
812 beziehen *). Wenn er nun erzählt, dass Karl auf Venedig ver-
zichtete, so geht er hier wenn auch nicht direkt auf Einhard zur&ck.
Die Nachricht, dass Karl den Venetianem den Besitz ihrer Güter im
ganzen Beiche zusicherte hat er ohne Zweifel aus den ihm wohlbe-
kannten Besitzbestätigungen, die er ja im Liber blancus eintragen
liess und von denen er die Lothars und Karl III. yoUständig in sein
Annalenwerk aufgenommen hat. Freilich berichtet Dandulo auch,
dass Karl in diesem Frieden den Venetianem jene Vorrechte ein-
räumte, die sie unter der Weltmonarchie der Griechen besessen. Dass
Dandulo hier eine bestimmte Nachricht vorlag, ist aber nicht anzu-
nehmen. Er legt sich die ganze Sache mit dem auch uns zu Gebote
stehenden Material . zurecht. Er berichtet aber auch, dass Yat\ sich
verpflichtet habe, Venedig nicht zu verletzen oder anzugreifen ; es ist
zwar wahrscheinlich, dass damals eine solche Verpflichtung einge-
gangen wurde, eine Nachricht darüber aber haben wir nicht. Ja
man bekommt fast den Eindruck, als ob Dandulo noch mehr wisse,
als er sage. Denn es heisst: in hoc foedere seu decreto nomin atim
firmatum est. Alle diese Begünstigungen aber sollen nicht nur den
Venetianem, sondern auch den dalmatinischen Seestädten zu Gute
gekommen sein. Der Bericht Dandulo's scheint also über diesen
Frieden mehr als unsere sonstigen Quellen zu wissen und man hat
') Muratori SS. 12, 151 und 168. *) Im J. 808 wurde ein Frieden noch
nicht abgeschlossen (vgl. Mühlbacher Reg. Kar. 890b und Hamack S. 44), sondern nur
Verhandlungen gepflogen, die zu keinem Resultate ffthrten. Romanin, Eohlschütler
u. a. sprechen also mit Unrecht von zwei Friedensverträgen, verleitet durch die un
richtigen Angaben Dandulo's.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988.
83
deshalb die Nachrichten wohl auch als eine Ergänzung des Berichtes
Einhards yerwerthet Nun aber können wir für diese scheinbar ori-
ginellen Nachrichten die Quelle nachweisen. Dandulo benützte neben
den uns bekannten Besitzbestatigungen auch das Factum Otto IL,
mit dem wie oben bemerkt die Besitzbestätigung vereinigt wurde.
Doch enthält gerade hier der Vertrag Otto IL einen Zusatz, der sich
wieder aus den besondern Verhältnissen des Jahres 983 erklärt. Otto
▼erpfliehtet sich nämlich Venedig weder zu verletzen noch an-
zugreifen. Da Dandulo in den frühern Besitzbestätigungen diese Be-
stimmung nicht fand und sie ausserdem ganz gut f&r die Verhält-
nisse von 812 zu passen schien, so nahm er sie im guten Glauben
auch für eine Bestimmung des decretum cum Grecis sancitum. Ich
stelle zur Verdeutlichung die Bestimmungen im Factum Otto IL neben
den Bericht Dandulo^s.
Dandulo coL 151.
In hoc foedere seu decreto no-
minatim firmatum est, quod
Venetiae urbes et maritimae
civitates Dalmatiae, quae in devo-
tione imperii ilUbatae perstiterant,
ab ünperio occidentali nequaquam
debeant molestari invadi Tel
minorari et quod Veneti pos-
sessionibus libertatibus et im-
mnnitatibus, quas soUti sunt habere
in Italico regno, pacifice per-
fraantur.
Otto IL
Confirmamus Venetiarum fines a
nemine nostrorum inquietariinyadi
Tel miuorari; . . proprietates Tero . .
que habere yidentur sive in campis
... et ceteris alüs possessionibus . . .
in quiete liceat . . . frui.
Vgl. Besitzbestätigung Lothars.
. . . decrevimus ut nuUus in terri-
torüs ... et reliquis possessionibus,
quae infra potestatem regni nostri
sitae esse noscuntur iniquam inge«
rere presumat inquietudinem dimi-
norationem seu calumniosam contra-
dictionem aut subtractionem nefan-
dam, sed liceat eos ... quiete . . .
iure gubernareetgubernanda prout
liquidius in presignato decreto con-
tinetur, legaliter possidere.
Dandulo auch die dalmatinischen Städte an diesen Vor-
theilen participiren lässt, erklärt sich daraus, dass diese wie er selbst
nach Einhard meldet, zugleich mit Venetien an die Griechen abge-
treten wurden ^). Selbst das nominatim firmatum est ist nichts weiter
') Postquam . . . Istriam quoqne et Liburniam atque Dalmatiam exceptis maritimii
ciTitatibas, quas ob amidtiam et iuictameQmeofi)edu8Nicepliornm Conatantioo-
politairam imperatoiem habere permisit, aoquisierat. Die ^Quelle dafür ist Einbard Vita
Ouoli e. 15. Doch ist hier Kinhard wie Simson 2, 290 zeigt falsch interpretirt. Statt
6*
84 Fanta.
als eine Umschreibung des Satzes in den Besitzbestatigangen prout
liquidius in presignato decreto continetur. Dieser Satz soll wohl be-
sagen, dass in dem Friedensverträge mit den Griechen das den Vene-
tianem zugestandene Becht näher präcisirt ist. Dandulo machte also
aus dem liquidius ein nominatim. Dandulo spricht ausserdem auch
von , Freiheiten und Immunitäten % welche den Yenetianern durch den
Frieden eingeräumt wurden, die sie aber schon früher besessen hätten
(quas Boliti sunt habere in Italico regno) Wir wissen, dass die
Besitzbestätigung schon unter Earl III. durch Aufnahme einzelner
Bestimmungen aus den Facta, aber auch durch die Verleihung neuer
Rechte erweitert wurde. So yerleiht Karl III. dem Dogen und
seinen Erben für ihre Person Freiheit yon allen Zollgebühren and
der Kirche von Grado das Inquisitionsrecht Weitere Rechte erwerben
die Dogen durch Wido, Rudolf und Hugo. Natürlich sind die spä-
tem Zusätze, die sich an den ursprünglichen Grundstock ansetzen
neue Verleihungen. Da Dandulo aber auch in den spätem Urkunden
die Worte per decretum cum Grecis sancitum las, so bezog er auch
die Verleihung dieser Rechte auf den Frieden mit den Griechen. Dazu
kam die Nachricht des Johannes, welche besagt, dass die Vertrags-
bestimmungen quae nunc inter Veneticorum et Langobardorum po-
pulum manent schon auf einen Vertrag des ersten Dogen Paulutius
mit König Liutprand zurückgehen. Johannes ist ausserdem der Mei-
nung, dass dieser Vertrag auch Yon den karolingischen Herrschern
hätte beobachtet werden sollen. Denn dadurch, dass Pippin Venedig
mit Krieg überzog, brach er, wie Johannes glaubt, den alten Vertrag
mit Liutprand ^). Wir werden noch sehen, dass diese Nachrichten
bei Johannes nicht ganz begründet sind. Da Dandulo nun bei
Nicephoros stehen nSjulich bei Einhard die Worte Constantiiiopolitanum imperatorem.
Da aber Einhard im c 16 erzählt, daas Nicephorus, Michael und Leo die Freund«
Schaft Karls suchten und Gesandte schickten und Dandulo im Hugo yon Fleury,
der Einhard eben&lls missverstand, die Nachricht fand, dass Earl mit Nicephorus
einen Frieden abgeschlossen, so glaubte sich Dandulo bestimm cer fassen zu können.
Ich verweise hier auf die nähere Darlegung bei Simson, der aber die Benützung
der Urkunden nicht in Betracht zieht.
^) Johannis Chron. Yen. S. 1 1 : Cum liuprando vero rege inconvulsae pacis yincu-
lum confirmavit, apud quem pacti statuta, quae nunc inter Veneticorum et Lango-
bardorum populnm manent, impetravit. Fines etiam Civitatis novae quae actenusa
Veneticis possidentur iste cum eodem rege instituit, id est a Plave maiore secun-
dum quod designata loca disoemuntur usque in Plavisellam; und später S. 14:
Interea foedus quod Veneticorum populus olym cum Italico rege habebat . . .
Pipino agente rege disruptum est. . . Dass Dandulo den Vertrag zwischen Paulu-
tius und Liutprand mit dem von 803 oonfundirt, bemerkt auch Simson a. a. 0.
2, 290 und 608.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98 S. 85
Johannes las, dass die Bestimmungen der spätem yenetianischen Ver-
trage schon in dem Pactum Liutprands enthalten waren, so erklärt
es sich auch, dass er von .Freiheiten und Immunitäten* sprechen
konnte, deren sich die Yenetianer schon früher erfreut hätten, oder
die sie schon unter der Weltherrschaft der Griechen besessen hätten.
Nahen diesen Urkunden und Johannes benützte Dandulo noch Ein-
hards Yita Garoli und Hugo von Fleury.
Aus dem Berichte Dandulo's kann man also nicht folgern,
dass die Bestimmungen des Pactums in dem Vertrage mit den
Griechen aufgestellt wurden. Sie sind vielmehr ganz unabhängig von
diesem Friedensvertrage und stellen sich, wie wir sehen werden, auch
formell als das Ergebniss direkt.er Unterhandlung zwischen Venedig
und einer Anzahl italienischer Städte dar. So viel wir wissen, wurde
in dem Friedensvertrage mit den Griechen den Venetianern der un-
gestörte Besitz ihrer Besitzungen innerhalb des Reiches unter nähern
uns unbekannten Bestimmungen gewährleistet und hat schon Earl
der Grosse diesen Artikel des Friedensvertrages den Venetianern in
besonderer Urkunde gewährleistet.
Schon mit den langobardischen Herrschern aber haben sich die
Yenetianer auseinandersetzen müssen. So lange der venetianische
Handel noch nicht bedeutend war und er sich in den von den Griechen
beherrschten Theilen Italiens frei und ungestört entwickeln konnte,
mochte ein vertragsmässiges Uebereinkommen mit den Langobarden
entbehrlich erscheinen. Selbst in der unmittelbaren Nachbarschaft Vene-
digs stand ein grosser Theildes Festlandes noch immer unter griechischer
Herrschaft. Die Yerhältnisse änderten sich aber, als Agilulf erobernd vor-
drang und Padua und Monteselice den Griechen entriss. Später ge-
lang dem Könige Bothari auch die Eroberung von Oderzo i). So waren
die Langobarden die unmittelbaren Nachbarn Venedigs geworden und
leicht konnte es dem nächsten Verstösse dieses Volkes zum Opfer
fallen. Besonders gefährdet waren aber die venetianischen Besitzungen
bei Gittä nuova auf dem Festlande. Die älteste Nachricht von einem
solchen Uebereinkommen haben wir im Pactum Lothars, wo bestimmt
wird, dass die Grenzen von Citta nuova dieselben bleiben sollen sicut
a tempore Liutprandi regis terminatio facta est inter Paulucionem
ducem et Marcellum magistro milite . . . secundum quod Aistulfus
ad vos Givitatinos novos largitus est. Wenige Zeilen später wird
den Bewohnern von Cittä nuova zugestanden peculiarum . . . grege
0 Ozigo gentis Lang, a 6, Pauli Hiai Lang. IV c. 28, 25, 28 (Mon. Germ.
SS. xer. Lang.)
86 Fanta.
pascere . . . usque in termmum quem posuit Paulatius dux cum Givi-
tatinis novos sicut in pacto legitar de Plane maiore usque in Plane
sicca, quod est terminus yel proprietas Testra. Diese Stelle finden
wir auch in den spätern Verträgen .mehr oder weniger yerkttrzi
Nach diesen Angaben wnrde zur Zeit des Dogen Paulutius ein Pactum
in Bezug auf die Grenzen von Gittil nuova abgeschlossen. Wenn wir
uns streng an den Wortlaut der citirten Stelle halten wollten, so wäre
dies Pactum abgeschlossen zwischen dem Dogen Paulutius und dem
magister militum Marcellus zur Zeit des König Liutprand. Eohlschütter
meint, Marcellus wäre der magister militum Liutprands; die Er-
klärung würde freilich über die Schwierigkeit hinweghelfen, sie ist
aber wie Simonsfeld ^) bemerkt unrichtig. Bei den Langobarden gab
es keinen magister militum; es ist dies aber ein Amt, das wir in
den griechischen Städten Italiens und speciell aach in Venedig an-
treffen. Dass also Marcellus ein yenetianischer magister militum ist,
daran ist nicht zu zweifeln; er ist, wie schon Bomanin bemerkt,
wahrscheinlich mit dem nach dem Tode des Paulutius erwählten Dogen
identisch. Simonsfeld glaubt an der wörtlichen Auslegung dieser Stelle
festhalten zu müssen und meint, dass der griechische Kaiser durch
seinen magister militum dem dux ein kleines Gebiet zuweisen liess,
das dann später von Liutprand bestätigt wurde. Aber abgesehen
davon, dass diese Erklärung sich auf gar nichts stützt, kann sie die
Schwierigkeiten durchaus nicht lösen. Denn der Vertrag betrifft ja
die Feststellung der Grenzen gegen das Langobardenreich. In einer
Urkunde Otto III. fBr Peter 11. Orseolo ^) wird dies Pactum in einem
andern Zusammenhange erwähnt. Es wird dem Bischöfe von Cittk
nuova der Zehent bestätigt a terminatione, quae facta est tempore
Liutprandi regis, inter Paulucionem ducem et Marcellum magistrum
militum. Bei der wörtlichen üebereinstimmung dieser Worte mit
unserm Pactum ist aber nur dieses und keine andere Urkunde als
Quelle anzunehmen. Nach einer zweiten Urkunde Otto III. ') bitten
die Venetianer den Kaiser terminacionem Civitatis novae . . . sicut
facta est tempore Liutprandi regis inter Pollitionem ducem et Mar-
cellum magistrum militum zu bestätigen. Nach diesen Worten
zu urtheilen, hat hier ebenfalls die betreffende Stelle der Pacta vor-
gelegen. Die nun folgende Grenzbeschreibung ist freilich eine viel aus-
fbhrlichere und genauere als die, welche wir im Pactum Lothars lesen.
^) Andrea Dandulo 8. 69. *) Stumpf Beg. 970 bei Romanin 1, 888 n. 14.
9) Stumpf Beg. 10S8 bei Eohlsobütter S. 84 und Pellegrini S. 47. Als Kaiser
lieBB Otto III. diese Urkunde noch einmal ausstellen (Stumpf Reg. 1172 bei Stumpf
Acta inedita 87 n. 80).
Die VertrUge der Kaiser mit Venedig bis zum Jabre 98 S. g7
.i 18t aoer Kaum zu Terkennen, dass diese ausführlichere Grenzbe-
scDreibung nicht auf das « zur Zeit Liutprands * abgeschlossene Pactum
zurückgeht, sondern dass sie deshalb genauer fi^efasst wurde, weil
Venedifif damals iu Grenzstreitigkeiten mit dem Bischöfe von Belluno
verwickelt war. Man ging deshalb auf den Besitzstand zurück sicut
Petrus dux Candianus tenuit. Auch hier also hat nur die betreffende
Stelle aus den yenetianischen Pacta vorgelegen ; sie wurde aber durch
eine genauere Grenzbeschreibung erweitert, die speciell den Besitz-
stand unter Petrus IV. Candiano J(959 — 976) markiren soll. Die
Grenzbestätigung der Urkunde Otto III. ging dann wörtlich in das
Placitum Yom 3. Mai 998 über, doch ergab sich damals schon die
Noihwendigkeit die Grenze auch nach einer andern Seite hin genauer
zu bestimmen. Wenn aber trotzdem die Grenze bezeichnet wird als
terminacio quae facta est tempore Liutprandi regis, so erklärt sich
dies aus der Benützung der Urkunde Otto III. Diese erweitert« Re-
daction der Grenzbeschreibung weist auch das Placitum vom 18. Juli
998 auf. Wenn es also überall von der Grenzbestätigung heisst .
&cta est tempore Liutprandi regis inter Paulutionem ducem et Mar-
cellum magistrum militum, so geht diese stilistische Wendung
überall auch auf dieselbe Quelle zurück. Auf das zähe Festhalten
an dieser Wendung darf man also kein allzu grosses Gewicht legen ^).
Einen solchen Vertrag über die Grenzen von Cittä nuova gegen das
Langobardenreich konnten ja nicht zwei Venetianer unter sich ab-
schliessen. Die Stelle in dem Pactum Lothars ist also ungenau ge-
&sst und wohl durch das Protokoll der Liuiprand'schen Urkunde be-
einflusst ^). Wir haben es hier mit einem Grenzvertrag zu thun, der
zwischen Paulutius und Liutprand abgeschlossen wurde. In keiner
der obeu angeführten Urkunden wird je gesagt, dass das Yertrags-
instrument wirklich noch erhalten sei ; und doch wäre gerade bei den
Grenzstreitigkeiten mit dem Bischöfe von Belluno die besondere Her-
*) Die beiden Pladta bei Kohlschtttter S. 87, 90. Im Placitum von 23.
März 996 bei Eohlschütter 8. 84 wird fibrigeiu von einem pactum ge-
sprochen quod dominus .Liutprandus rez tempore Pauludonis ducis et Mar-
celH magistri militum ipsis confirmavit *) Man vergleiche die merkwür-
dige Urkunde für Comachio im CD. Lang. 17 n. 6 (Bethmann und Holder-Egger
Lang. B^. 96 im Neuen Archiv 8, 254). Es bezeichnet sich selbst als capitulare
und berührt sich vielfeush mit den yenetianischen Pacta. Das Protokoll lautet:
nomine domini dei salvatoris nostri Jheeu Christi, die decima menns magü, indictione
tertia decima; Tidno. Tempore Lihutprandi regis capitolare porrecto a
nobis cunctis populi Longobardorum, vobis Lupicino yiro yenerabili simulque Ber-
tarene magistro militi ... et pro yobis cunctis habitatoribus Comaclo. Dies
»Capitolare* wurde von Karl dem Grossen bestätigt (Mühlbacher Reg. K. 226).
gg Fanta.
YorhebuQg dieses ümstandes zu erwarten. Da man sich nur auf die
Urkunde Otto III., die eine Bestätigung des Liutprandisclien Ver-
trages entlialte, beruft, so war wohl schon damals der Vertrag ver-
loren. Er ging wahrscheinlich bei dem Brande des herzoglichen Pa-
lastes zur Zeit der Empörung gegen Feter IV. Gandiano (976) zu
Grunde. Damals yerbrannte auch das Pactum Venedigs mit Capo-
distria und alle andern Urkunden des Dogenarchivs ^). Denn nur
daraus erklart es sich, dass diese schon Ton den Venetianem des 10.
Jahrhunderts so sehr geschätzte Urkunde weder im Liber blancns
noch sonst erhalten ist.
Um so werthyoUer könnte demnach die Nachricht des Johannes
Diaconus Ton dem Vertrage mit Liutprand erscheinen, da es wohl möglich
ist, dass sie auf eine Quelle zurückgeht, die von der betreffenden Er-
wähnung in den uns bekannten Pacta unabhängig ist. Darnach soll
Liutprand einen Vertrag mit Paulutius abgeschlossen haben, der neben
der oben erwähnten Grenzregulirung Bestimmungen erhalten habe,
die noch zu seiner Zeit zwischen den Venetianem und den Lango-
barden bestehen^). Johannes meint offenbar, dass schon der Ver-
trag mit Liutprand im wesentlichen denselben Inhalt gehabt habe,
wie die spätem Verträge, und Bomanin glaubt die Bestimmungen
über den Handel und Verkehr der Venetianer in Italien und die über
die Weide- und Holzgerechtigheiten der einzelnen venetianischen Ge-
meinden diesem ältesten Vertrage zuweisen zu sollen. Ja er glaubt,
dass sich die Venetianer schon zur Zeit Liutprands zur Zahlung eines
jährlichen Tributes yerpflichtet hätten. Auch Kohlschütter behauptet,
dass schon die Urkuade Liutprands ,im wesentlichen^ den Inhalt der
spätem Verträge gehabt habe. Er beruft sich dabei auf eine Urkunde
Ludwig II. für den Bischof Yon Cremona von 852 '), in der sich die
Bestimmung findet, dass die Venetianer die Hafenabgaben nach alter
Gewohnheit zahlen sollen. Damit ist aber gewiss nicht auf die Liut-
prandische Urkunde, sondern auf die uns bekannten Pacta mit den
Venetianem Bezug genommen. Freilich 'wird in diesem Diplome auch
eine Urkunde Liutprands erwähnt; es ist dies aber nicht der Vertrag
mit Paulutius, sondern der zwischen Liutprand und Comachio. Das
Capitel aber über die Tributleistung ist, so viel wir wissen, erst durch
^) Vertrag mit Justinopolis von 976 Oct. 12 (bei Romanin 1, 876): poet de-
oessum antecessoris Petri Candiani duds cum cunctae essent cartcdae ab igne
orematae tam yestras quam similiter et nostras etc. ') Chron. Ven. S. 11 ; Dan-
dulo col. 180 verbindet die Nachricht des Johannes mit der besprochenen Stelle
der Pacta, kommt also nicht in Betracht. ^ Böhmer Reg. Kar. 629 und CD .
Langob. 297 n. 175.
Die Vertrftge der Eauer mit Venedig über das Jahr 988. 89
die Verhältnisse des Jahres 810 geschaffen worden, hat also in
dem Pactum mit Liutprand wohl nicht gestanden. Wir haben ferner
schon früher darauf hingewiesen, dass die Städte des Ezarchats und
der Pentapolis sowie Istrien in einem solchen Vertrage frühestens
seit 788 erscheinen konnten, dass sich demnach derselbe nur auf we-
nige Venedig benachbarte Landstädte erstreckt haben kann und die
Bestimmung über den Handelsyerkehr auf dem Meere mithin kaum
enthalten haben dürfte. Natürlich können auch die Gapitel über die
gegen die Slaven zu leistende Hilfe und über die Bückkehr der Ghiog-
gioten in einem Vertrage mit Liutprand nicht vorhanden gewesen
sein. Wir werden aber noch eine ganze Anzahl anderer Gapitel aus
dem Vertrage mit Liutprand ausscheiden, wenn wir die Zeit in der
dieser Vertrag abgeschlossen wurde, fixiren ^). Da Paulutius nach der
Angabe Dandulos Ton 697-- 717 geherrscht hat, so kann der Vertrag
mit Liutprand nur in den Jahren 7 14 bis 7 17 abgeschlossen worden sein ^).
Nun aber zeigen viele Bestimmungen des Vertrages den Einfluss
der langobardischen Gesetze. Wir können nicht nur die Benützung
des Ediktes Botharis, sondern auch die jener Gesetze Liutprands con-
statiren, die nach 720 entlassen wurden. Alle die Gapitel also, die
den Einfluss der Liutprand'schen Gesetzgebung zeigen, können nicht
in einem Vertrage gestanden haben, der spätesten 717 abgeschlossen
worden isi
Schon Eohlschütter hat bei Erläuterung des Inhaltes der Ver-
träge auf ähnliche oder verschiedene Bestimmungen im Edikte Bo-
tharis und in den Gesetzen Liutprands hingewiesen. Wir können
*} AuehSimBOnS. 602 8ch]ie88t sich hierKoblBÖhfitteran. Dass das im Vertrage
Lothars erwähnte zu Ravenna abgeschloesene Pactam anterius nicht der Vertrag
mit Liutprand sein kann, haben wir bereits bemerkt. <) Johannes S. 1 1 l&sst Paulutius
dieBegiemng antreten temporibusnempeimperatoris Anastaaiiet Liuprandi Lange-
bardorum regis, also zwischen 7U und 716, wie es soheHit beeinflusst durch die
Vita Gregorii IL (Muratori SS. 8, 156); da er ihn aber 20 Jahre und 6 Monate
hemchen Iftsst, so mflsste sein Tod in die Jahre 784—786 fiülen und da Mar-
oeUus nach den fibereinstimmenden Angaben des Chron. Alt. (Aroh. stör, it 8, 20),
Dandulo's und des Dogencatalogs im Chron. Yen. 8. S4 neun Jahre geherrscht
hat, so würde der Begiernngsantritt des dritten Dogen ürsus in die Jahre 742—744
fidlen. Dooh steht Johannes mit sich selbst im Widerspruche, da er 727 als das
Todeqahr des Paulutius angibt. Aber auch dieses Jahr üt unmöglich ; denn dann
mfisste Marcellus 786 gestorben sein und Ursus erst in diesem Jahre die Regierung
angetreten haben. Da aber Marcellus schon 72$ regierte (JafflS Reg. 1660), Ursus
aber schon vor 729 die Regierung angetreten hat (Jafif<§ Reg. 1670), so muss der
B^erungsantritt des Marcellus und der Tod des Paulutius jedenfidls schon zwei
oder 8 Jahre Tor 720 erfolgt sein. Andere imrichtige Ans&tze bieten zwei Re-
censionen der kleinen Chronik Dandulo*s (Simonsfeld S. 42, 45).
90
Fanta.
hie und da selbst kleinere wörtliche Uebereiustiinmangen cctnst^tiren
und wenn aach inhaltlich die Bestimmungen vielfach von einander
abweichen, so tritt uns doch aus diesen Vertragen die ganze Bechta-
anschauung der langobardischen Gesetze hervor. Dass sie in einem
Vertrage mit einem unabhängigen Staate vielfach geändert, die ein-
zelnen Strafansätze bald gemindert bald verschärft werden mnssten,
ist natürlich. Wir können sagen, dass uns in den venetianischen
Verträgen ein gelungener Versuch vorliegt, die Grundsätze des lango-
bardischen Bechtes auf den internationalen Verkehr auszudehnen und
darnach umzugestalten. Auf einige dieser Bestimmungen wollen wir
hier näher eingehen.
Im Pactnm Lothars wird bestinmit, dass Sclaven mit allen Sachen,
die sie als Flüchtlinge mit sich f&hren, von den betreffenden ludices
ausgeliefert werden sollen, dass diese für jeden Sclaven nur einen
solidus zu fordern, Mehrforderungen aber eidlich zu bekräftigen haben.
Wird die Auslieferung verweigert und gelingt es dem Sclaven zu ent-
fliehen, so hat der Judex den Schaden mit 72 solidi zu ersetzen, oder
durch einen Eid fünf (später zwölf) Erwählter zu beschwören, dass
die Flüchtlinge sich im Orte nicht aufhalten. Auf dies Capitel hat
Ed. Roth. 264 eingewirkt, welches bestimmt, dass der Iudex flüchtige
Sclaven einzufangen, ihre Sachen zu bewahren und dann an den Iudex
des Ortes auszuliefern habe, aus dessen Gebiet die Sclaven entlaufen
sind. Doch wird hier die Gebühr die dem Iudex von der requirivenden
Partei zu bezahlen ist, auf zwei solidi festgesetzt. Der Preis aber
von 72 solidi filr einen Sclaven ist höher als ihn Ed. Both. 130 an-
setzt. Wir finden also in unserem Factum eine Milderung und eine
Verschärfung der Bestimmung von Ed. Both. 264, beides aber zu
Gunsten des internationalen Verkehrs. Dass also das citirte Capitel
des Ediktes auf unser Ptvctum eingewirkt hat, kann um so weniger
zweifelhaft sein, als wir selbst theilweise wörtliche üebereiustimmung
Gonstatiren können ^). Dass der Iudex dazu verhalten werden kann,
der reqnirirenden Partei den Schaden zu ersetzen, ist dem Edikte
Both. noch fremd. Schon aber bei Liutprand 44 (vom Jahre 723)
finden sich Strafen festgesetzt, wenn Judices, Saltarii und andere
Beamte bei der Auslieferung von Sclaven ihre Pflichten nicht er-
1) Ed. Both. 264.
8i liber aut servos vellit foris pro-
vinoia fugixe et iudex . . . enm prae-
serit . . . et dit pro uno fugaoe solidos
duo, ita ut cum rebus qua» seourn detu-
lerit reddatur.
Pactum Lothars.
Si servi aut ancillae . . . inter
partes confugerit cum Omnibus rebus
quas detulerint secum reddan-
tur et iudex . . . pro unoquoque
singuloB aiwi solidos recipiat.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98S. 91
fallen — Stra%elder, die zur Hälfte an den König, ssur Hälfte an die
reqnirirende Partei zu bezahlen sind, wenn sie auch lange nicht die
Höhe Ton 72 solidi erreichen. Aach dies Capitel bietet wörtliche
Anklänge an unser Pactum ^).
Der Einfluss tritt auch bei den pfandrechtlichen Bestimmungen
henror. Während aber Ed. Roth. 245 erst nach dreimaliger Auffor«
derung eine Pfändung gestattet, wird diese Bestimmung im inter-
nationalen Verkehr gemildert: Eine Pfändung darf nach unserem
Pactum schon nach zweimaliger contestatio Yorgenommen werden.
Doch ist nach dem Pactum die reqnirirende Partei dazu Terhalten,
die Sache binnen sechs Monaten gerichtlich entscheiden zu lassen,
oder aber das PCand doppelt zu ersetzen. Hier also haben wir wieder
eine mildere Fassung des Gesetzes zu Gunsten des internationalen
Verkehrs Tor uns; denn Ed. Both. 248 Terpflichtet zum Ersätze des
Neunfachen, des Actogild.
Bei den Bestimmungen über die schnelle Justiz hat Liutp. 27
(Tom J. 721) als Vorbild gedient. Während hier aber der Termin»
innerhalb dessen der klagenden Partei Becht gesprochen werden soll,
auf acht Tage festgesetzt wird, soll eine Entscheidung nach dem Pactum
innerhalb yierzehn Tage erfolgen. ' Bei Bechtsverweigerung soll es
nach dem Pactum der Partei schon nach acht Tagen erlaubt sein,
den Iudex zu pfänden oder statt des Pfandes zwölf solidi zu bean-
spruchen; doch soll das Pfand bis zum Ablauf der rierzehntägigen
Frist bewahrt bleiben. Von der Pföndung des iudex ist bei Liutprand
nicht die Bede; er wird bloss zu einer Strafsumme verhalten. Auch
hier stimmt das Pactum theilweise wörtlich mit Liutpr. 27 '). Das
Verbot weibliche Sclaren oder Pferde und Schweine in Herden zu
pfänden ist analog den Bestimmungen in Both. 249, 250.
Nach dem Pactum sind die bei einem Morde betheiligten ge-
bunden auszuliefern oder für jeden einzelnen dreihundert solidi zu
bezahlen, welche Summe auch bei Todsehlag eines Freien festgesetzt
wird. Sie entspricht dem höchsten Ansätze des Wehrgeldes in Liuip.
62 und die ffinfzig solidi fär Tödtung eines Sclaven gehen auf
0 Hier freilich nur ganz allgemeiner Natur, so 8i yero hoc faoere diitu-
lerit oonpOBat
*) Liutpr. 27.
8i quis . . . cauflam habuerit, yadat cum
epifltola de indioe suo ad iudioem qui in
looD est Et ri ipee iudex ei iusütia
iatraoeto diesmenime faoere distrinxmrit,
. . . oonponat illi qui causam eio.
Pactum Lothars.
Si quis inter partes causas ha*
buerit, yadat semeletbis cumepi-
stola iudiois sui et sieiiustitia
minime facta foerit infra dies
quataordedm etc.
92 Fanta.
Roth. 130 zurack. Dagegen sind die fOr Misshandlang ausgesetzten
Strafen bedeutend höher als die im Edikte Botharis.
Die Bestimmungen über die Zahl der sacramentales nach der
Grösse der Summe, um die es sich handelt, sind dem Capitel in Both.
359 nachgebildet Langobardische Bechtsanschauung tritt hervor,
wenn den Yenetianern das Holzungs- und Weiderecht in Gegenden
gestattet wird, in denen sie es seit 30 Jahren ausübten (Grim. 4,
Liutp. 54), oder wenn das Fällen fruchttragender Baume verboten
wird (Both. 300—802).
Bemerkenswerth ist die Fassung des Capitels de cautionibus sive
de quibuslibet eommendationibus. Was hierin einzuhalten sei, wird
gar nicht gesagt; wir lesen nur ut secundum legem et iustitiam in-
cedat iudicium. Es wird also hier die Geltung von Liutp. 16 (vom
J. 720) und 67 (vom J. 725) vorausgesetzt, die in den vor 840 &!•
lenden Vertragen wohl ausführlicher angeführt waren, da zugleich
auf die ausführlichem Bestimmungen des irühern Pactums hinge-
wiesen wird *).
Wir können aber nicht annehmen, dass jene Capitel, wo sich
der Einfluss der Liutprandischen Gesetze zeigt, erst später hinzuge-
kommen seien, und dass wir dem Vertrage mit Paulutius jene Ca-
pitel zuweisen können, in welchen nur der Einfluss des Ediktes Botharis
hervortritt. Denn sie sind mit denen des Ediktes bisweilen so innig
verflochten, dass eine solche Scheidung der Capitel oft gar nicht
möglich ist. Von der überwiegenden Anzahl der Capitel haben wir
also nachweisen können, dass sie in einem Vertrage mit Liutprand
nicht vorhanden gewesen sein konnten. Freilich wären sie schon
für die Urkunde Aistulfs möglich. Aber nach der kurzen Notiz in
unserm Pactum war diese wohl nichts mehr als eine einfache Be-
stätigung der Urkunde Liutprands, welche demnach neben der Grenz-
regulirung noch die Bestimmungen und die Holz- und Weidegerech-
tigkeiten der Venetianer, die sich ja bis zu den angeführten Grenzen
erstrecken sollen, enthalten haben mag, und nur in so weit können
wir der Nachricht bei Johannes Glauben schenken. Mit unserem
Besultate stimmt auch der Umstand, dass der Vertrag mit Liutprand
nur gelegentlich gegen den Schluss der Urkunde und nur bei einer
einzelnen Bestimmung erwähnt wird während sonst bei Confir-
mationen, die sich wesentlich an den Inhalt der Vorurkunden an-
') Trotzdem man sich 840 nur mit einem allgemeinen Hinweis auf diese
Bestimmung begütigte, sind die Worte de cautionibus (nicht causationibus) und
BolidoB mutuaverit yon Liutp» 16 doch stehen geblieben.
Die Verträge der Eauer mit Venedig bis zum Jahre 98 S. 93
schliessen, diese gleich zu Aa&ng als solche genanat werden, die be*
statigt werden sollen.
In diesem Zusammenhange will ich auch auf den Vertrag Sicards mit
den Neapolitanern vom J. 836 *) hinweisen. Neben der formalen Aehnlich-
keit mit den yenetianischen Pacta berühren sich diese Verträge auch
hierin, dass sie grosse ntheils denselben Inhalt haben. Wie die Vene-
tianer so suchten auc h die Neapolitaner mit ihren mächtigern Nach-
barn ein friedliches Uebereinkommen. Schon der Vorgänger Sicards
Sico ging mit den Neapolitanern einen Vertrag ein*''), der uns aber
nicht erhalten ist. Die Uebereinstimmung zwischen den yenetiani-
sehen Verträgen und dem Pactum Sicards ist bisweilen eine so grosse,
dass wir eine directe Einflussnahme der erstem auf das letztere an-
nehmen müssen; bei den wortlichen Uebereinstimmungen ist ein an-
deres Verhältniss nicht denkbar. Denn obwohl im Pactum Sicards
die einzelnen Bestimmungen oft klarer oder bestimmter gefasst sind,
so hat man sich doch selbst dort, wo man Abänderungen treffen
musste, doch yiel&ch so eng als möglich an den Wortlaut der vene-
tianischen Verträge ausgeschlossen.
Sicard c. 1.
Et hoc promittimus, ut si quis
hostis aut scamaras per nosi-
ros fines ad laesionemcontra
TOS venire temptayerint et
ad nostram pervenerit no-
titiam, nos secundum possibili-
tatem nostram yobiseos laederenon
permictimus. Etsicognoyerimus . . .
yobis nnnciamus.
Aehnliche uebereinstimmungen treffen wir in dem Capitel an,
welches das Verbot des Menschenhandels enthält. Doch da hier das
Pactum Sicards mehrfache Veränderungen traf, ist die wörtliche
Uebereinstimmung geringer. Bei dem Capitel aber über flüchtige
Sclaven tritt die wörtliche Benützung stark heryor, trotzdem auch
hier die Bestimmungen mehrfach verändert worden.
Sicard 6.
Pactum Lothars.
Si autem aliquam scamera aut
hostis yel qualiscumque persona
per fines nostros contra yos ad
yestram lesionem yel ad yestra loca
yenire temptaverit et ad nostram
pervenerit notitiam, mox sine aliqua
tarditate vobis nunciamus.
Servi vero etancillae si a
partibus fugerint a praesenti
die reddantur dominis suis cum
Pactum Lothars.
Si ser^i aut ancillae . . . inter
partes confugerit cum omnibus re-
bus quas detulerint secum red-
>) Hon. Germ. LL. 4,216. ') Chron. Salemitanum c. 67 in den Mon. Germ.
3. 3,497 ; YgLJobannis gesta ep. Neap. c. 58 in den Mon. Germ. 8S. rer. Lang. 429.
94 Fanta.
rebus . . . quae secam detu-
lerunt, accipiente iudice loci
per anamquamque personam
auri aolidum unum; . . . si
autem praesumpserit a m p 1 i a 8 ac-
cipere, reddat quod tulit in daplum.
Si . . .noluerit eam reddere
iudex loci et fugierit . . . det
pretium eius solidos 24 . . .
dantor et iudex qui ipsos fugitiTOs
reddiderit pro unoquoque singulos
auri solidos recipiat, sie tarnen [ut] si
amplius requiritur, persacramentum
idoneum domin is illorum satisiactum
fiat Si vero iudex . . . eoe red-
dere negaverit et exinde aliumcon-
fagium fecerint pro unoquoque fu-
gitiro auri solidos septuaginta duo
componantur.
Solche wörtliche tJebereinstimmungen finden wir auch in den
Bestimmungen über die schnelle Justiz (Sicard c. 8) oder bei denen
über Pfändung (Sicard c. 17). Stark abgeändert aber doch mit
einigen wortlichen Anklängen an die yenetianischen Verträge sind
die Capitel über Todschlag und Misshandlung (Sicard 7 und 9) oder
die über den freien Handel (Sicard 5 und 13). Besonders bei den
letzteren machen sich die localen Verhältnisse geltend. So wie das
Pactum Lothars ist auch der Vertrag Sicards auf fbnf Jahre abge-
schlossen worden.
m.
Ich will nun die besondere Fassung der Urkunde besprechen.
Von den in der kaiserlichen Eanzlei für die Fräcepte üblichen Formen
weicht unser Pactum durchaus ab. Schon der Inhalt ist ein ganz
beson derer und konnte dafür das den Fräcepten eigenthümliche Dictat
nicht Tcrwendet werden. Man hat es yielmehr vorgezogen den ganzen
Context in Capitel zu gliedern, die sich scharf yon einander abheben
und sich durch gewisse stereotype Eingangsworte kenntlich machen,
die wir auch in den Capitularien wieder finden. Auch an die Ein-
gangsworte der Capitel in den Leges Langobardorum, welche, wie
oben ausgeführt wurde, für den Inhalt einzelner Capitel massgebend
waren, werden wir erinnert. Diese einzelnen Abschnitte bezeichnet
das Factum selbst ebenso wie die Gesetze und Capitularien als ca-
pitula. Doch scheint es, dass man sich in dieser stilistischen Frage
nicht an die Leges, sondern an die zur Zeit der Entstehung des
Factums, auch in Italieu erlassenen Capitularien angeschlossen hat.
Denn so manche dieser stereotypen Eingangsworte finden wir in den
Leges Langobard orum entweder gar nicht, oder doch nur äusserst
selten vertreten, können sie aber alle in den Capitularien nach-
weisen ^). Aber auch das Protokoll ist ein ganz eigenthümliches
^) Im Edikt« Roth, beginnen die Capitel gewöhnlich mit ener oonditiona-
len Wendnng (si quis etc.) und wenige mit de (de feritfus etc.) Yon dieser Begel
Die Yertrfige der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 95
und hier liesse sich eine Abweichung von deu der Kanzlei eigen-
thOmlichen Formen gewiss schwerer rechtfertigen, wenn wir Pacta
aad Pracepte als eine Ürkundenart zu betrachten hättea.
In seiner Abhandlung Über das FriYilegium Otto I. hat aber
Sickel dargelegt, dass fflr die Pacta du rcbaus nicht die Segeln mass-
gebend waren, die wir bei dea Präcepten beobachtet finden, dass
einerseits der besondere Inhalt derselben zu Abweichungen von dem
kanzleigemässen Dictate führen musste, andererseits auch eine beson«
dere Fassung des Protokolls hervortritt *). Gerade das, was Sickel
als eine Eigenthümlichkeit der Facta Bomana bezeichnet, finden wir
zum Theile in den Verträgen mit den Yenetianem wieder. Stehen
dort aber Invocation und Name und Titel an der Spitze, die Dati-
rang aber am Ende der ürkonde, so finden wir im Factum Lothars
eine verbale dem damaligen Eanzleigebrauche entsprechende Invo-
cation; unmittelber daran schliesst sich das Incamaiionsjahr; es folgen
Namen und Titel des Kaisers in kanzleigemässer Fassung, die An-
gabe des Begierungajahres das Tagesdatum und Actum. In dieser
Aufeinanderfolge der einzelnen Theile bekommt das ganze Protokoll
den Character einer Datiru ng und erinnert dadurch an das Protokoll
der Frivaturkunden, deckt sich aber mit demselben besonders in den
kanzleigemässen Theilen durchaus nicht Am nächsten liegt der Ver-
gleich mit den gleichzeitigen langobardischen Privaturkunden. Die
la?ocation derselben deckt sich zwar nicht mit der in den I^racepten
Lothars gebräuchlichen (In nomine domini nostri Jesu Christi dei
etemi), die wir auch im Factum wiederfinden, ist ihr aber oft sehr
ähnlich (In nomine domini (dei) et salvatoris nostri Jesu Christi
oder In nomine domini nostri Jesu Christi). Name und Titel aber
finden wir auch in den gleichzeitigen Privaturkunden meistens in
kanzleigemässer Fassung und ebenso wie im Factum Lothars in Ver-
bindung mit dem Begierungsjahre und dem Tagesdatum. Zum Unter-
schiede aber von unserm Pactum finden wir nie die Angabe des In-
fiaden wir nur 24 Aosnahmen. Die Wendungen des Pactums wie et hoc sponde.
mufl, aed et hoc convenit, volumus, limiliter repromittimus, addimus etenim und
besonders et hoc stetit kommen nie vor; nur einmal £d. Roth. 888 finde ich et
boe addimus. Aehnlich steht bei den Gesetzen Liatprands und den folgenden,
wo uns solche Eiug&nge nur äusserst selten begegnen. Dagegen finden wir
diese stereotypen Eingangsworte in den Capitularien häufig wieder (vgl. beispiels.
wdae bei Boretius Mon. Germ. LL. Sectio 11, 1 n. 92—94, wo wir auch stetit nobis
nachweisen können, das dem im Pactum oft gebrauchten et hoc stetit und ähn-
lichen Wendungen entspricht.
*) Sickel, Privilegium Otto I. (Innsbruck 1888), 85.
96 Fanta.
carnationsjahres und steht das Actom immer am Schlüsse der Urkunde.
Ist also bei einer solchen Fassung das Vorbild der gleichzeitigen
PriTaturkunden unverkennbar, so ist es auch wahrscheinlich, dass die
Urkunde von einem ausserhalb der kaiserlichen Kanzlei stehenden
Manne geschrieben wurde, dem eben die Formen der Frivaturkunden
geläufiger gewesen sind. Es ist aber nicht anzunehmen, dass dies
unregelroässige Protokoll schon seit dem Vertrage von 812 unver-
ändert in alle folgenden Urkunden übernommen wurde, wenn es
auch wahrscheinlich ist, dass schon das Factum Karls sich in den
Frotokolltheilen an die Frivaturkunden angeschlossen hat. Wir können
dies aus den für die Zeit Lothars kanzleigemässen Theilen und aus
dem Umstände entnehmen, dass auch in den langobardischen Frivat-
urkunden etwa seit dem Jahre 820 eine Veränderung des Frotokolls
eintritt. Vor dem Jahre 820 ist nämlich in den langobardischen
Frivatarkunden (ich sehe von der notitia ab) eine verbale Invo-
cation sehr selten und dort, wo sie sich findet, ganz kurz gehalten
(In nomine domini. In Christi nomine). Unmittelbar darauf folgt
dann die Angabe des Begierungsjahres mit Regnante domnis nostris . . .
veris excellentissimis ... in Aetalia anno eorum . . . mit Tagesdatum
und Indiction ^).
Seit 820 nun tritt eine Aenderung insofern ein, als die verbale
Invocation sich nun regelmässig findet und wie bereits erwähnt, in
einer der kaiserlichen ähnlichen Fassung. Nur wenige Urkunden
halten sich noch an den alten Gebrauch und leiten den nun fol-
genden Satz mit imperante domno nostro ein. Als Begel ist viel-
mehr die Sitte durchgedrungen gleich Name und Titel in kanzleige-
mässer Fassung folgen zu lassen, so dass die Einführung mit regnante
1) AIb Beispiele fiihie ich an die Urkunden in CD. Lang. p. 9 ff. und zwar:
n.2— 4,9-11,18,21— 28,25, 28, 88, 85—40, 48,49, 51, 54, 55, 57, 59,60, 68, 66,
67, 69, 70, 72, 76, 78, 80, 88, 84, 86, 90, welche alle ohne Invocation sind und n. 6, 14
16, 29, 84, 46, 58, 56, 61, 81, 88,85, 89; vgl. noch n. 96, 97 (von 822), welche im
Protokoll gleichlautend ausserdem eine verbale Inyocation aufweisen (gewöhnlich
in Christi nomine oder in nomine domini). Das neue Protokoll vollkommen durch-
gebildet finde ich zuerst in einer Urkunde vom Jahre 828 (CD. Lang n. 100): In
nomine domini nostri Jesu Christi. Hluduvicus et Hlutharius divina ordinante
Providentia imperatoribus, anno impeni eorum dedmo et quarto, tertio die mensi
iunü, indictione prima und es bleibt von da das herrschende. Die Neuerung tritt
so plötzlich ein, dass man annehmen muss, sie gehe auf einen Befehl der Kaiser
zurück. YgL Mon. Germ. LL. 2, 282 die Verordnung Lothars von 822 oder 82. n
ut cancellarii electi et veraces publicas Chartas consciibant. Mfihlbacher Sitzungsb
85, 469 zeigt, dass die conventionelle Epoche Lothars von 820, die auch in Privat^
Urkunden hervortritt, so allgemein auftritt, dass man auch hier an eine Verord-
nung des Kaisers denken muss.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98 S. 97
und imperante mit der Zeit so gut wie ganz yerscliwindet. Ebenso
finden wir den langobardischen noch unter Earl in den Priyat-
arkunden fiblichen Titel vir excelleutissimus fortan nicht mehr.
Taucht freilich hie und da noch die Anftihrung der Begierungs-
jahre mit regnante und imperante auf, so erklärt sich dies daraus,
dass man in manchen Gebieten wenigstens theilweise zäh an der
altern Form festgehalten hat, so in Bergamo und Padua, wo regnante
oder imperante nie fehlt, wie die bei Lupi und Gloria gesammelten
Urkunden zeigen. Auch in Venedig und Istrien scheint man an der
Einleitung mit regnante oder imperante festgehalten zu haben ^),
ebenso in Bologna, wie aus den freilich spärlichen Beispielen bei
Savioli^) her frorgeht. Ein Einflass des Protokolls der Urkunden im
Exarchate und der Pentapolis ist nicht anzunehmen. Es ist also nur
die Einflussnahme der Formel zu constatiren, welche in dem grössten
Theile des langobardischen ürkundengebietes herrschte und nur hie
und da den localen Gewohnheiten weichen musste. Mir genügt der
allgemeine Hinweis auf diese Thatsache, um die Behauptung zu recht-
fertigen, dass das Protokoll im Pactum Lothars ganz zeitgemäss ist,
wenu es auch von den in den Präcepten üblichen Formen hier so
wie bei den Facta Romana abweicht.
Haben wir in Bezug auf die allgemeine Disposition der Urkunde
auf die Gesetze und Capitularien hinweisen können, so ist es sehr
wahrscheinlich, dass diese neben der langobardischen Privaturkunde
ihren Einfluss auf das Protokoll ausübten. Die langobardischen Ge-
setze weisen ein Incarnationsjahr nicht auf, wohl aber treffen wir
es schon in den Capitularien ') in Verbindung mit dem Begierungs-
jahre und bisweilen der Indiction. In allen den citirten Fällen steht
die Datirung auch an der Spitze des Capitulars, oder sie ist in die
arengenartigen Einleitungen verwebt. An der Spitze steht die Dati-
rang auch sonst in den Leges, so beim Edikte Botharis und in den
Gesetzen Liutprands.
In den folgenden Pacta erfuhr das Protokoll manche Verände-
rung. Die InYOcatioQ bekam schon unter Karl III. die damals kanzlei-
gemässe Fassung (in nomine sanctae et individuae trinitatis) und ent-
sprechend wurden auch Namen und Titel behandelt, unter Otto I.
hat man den kanzleigemässen Titel fallen lassen und den Namen des
Kaisers nur mehr unter dem Begierungsjahre erwähnt Eine weitere
<) Vgl. die wenigen Beispiele bei (Gloria) CD. Padovano und Fontes rerum
aust. II, 12 n. 10 ff. ') Ann^ BologD. ib n. 1 ff. •) Mon. Germ. LL. sect li
n. 10, 12, 2S, 27, 98 und LL. 1, 198, 201, 228 etc.
MitthpiluDflTon* Erfir&nzuof^sbd. I. 7
98 Panta.
Veräuderung hat das Protokoll unter Otto II. erfahren; Namen und
Titel erseheinen zwar wieder, aber ganz getrennt von der Datirung
mitten in dem arengenartigen Eingange der Urkunde. Otto III. hat
zum ersten Male das Pactum in der Form eines gewohnlichen Prä-
ceptes bestätigt, doch nur in der Weise, dass auf den Inhalt des aus*
fübrlichen Vertrages Otto II. hingewiesen wird. Als daher Heinrich IV.
wieder ein vollständiges Pactum ausstellte, wird der Vertrag mit dem
kanzleigemässen Protokoll der Präcepte versehen. Einer besondern
Erklärung für das Protokoll der Pacta von Karl III. bis auf Otto II.
bedarf es nicht. Es erklärt sich überall aus dem engen Anschlnss
an die altern Vorlagen. Ich lege ein besonderes Gewicht darauf, dass
das älteste Pactum das freilich durch einen andern Einfluss etwas
modificirte Protokoll einer Privaturkunde zeigt, da, wie wir sehen
werden, dies mit der besondern Entstehungsart des Vertrages innig
zusammenhängt ^).
Ein Schlussprotokoll ist uns in den Urkunden Lothars und Karl III.
nicht erhalten. Erst im Pactum Berengar I. finden wir eine Kanzler-
Unterschrift und eine -zweite am Schlüsse der Urkunde stehende kanzlei-
gemasse Datirung. Wir können mit ziemlicher Bestimmtheit an-
nehmen, dass die Quelle des Liber blancus und des Codex Trivisanos
die Urkunde vollständig geben wollte. Im Contexte finden wir freilich
einige Auslassungen; doch sind diese nicht absichtliche, sondern
in Folge der Unachtsamkeit des Abschreibers erfolgt Wenn femer
diese Quelle sich eine Kürzung des Schlussprotokolls hätte erlauben
wollen, so hätte sie gewiss nicht die immer als wichtiger geltende
Subscriptio regis, sondern eher die Kanzleiunterschrift oder die zweite
am Schlüsse stehende Datirung weggelassen. Dass also auch die
Schlussformeln des Contextes, die Foen und die Corroboratio, schon
dem Originale der Berengarischen Urkunde fehlten, ist sehr wahr-
scheinlich. Diese Annahme aber erhebt sich zur Oewissheit, wenn
wir auf die Ueberlieferung der Schlussformeln in den spätem Pacta
eingehen. Schon im Pactum Otto I. ist eine kanzleigemässe Poen
und Corroboratio vorhanden; dasselbe gilt von dem Pactum Otto II.
und allen folgenden Verträgen. Wenn also hier bei ganz gleicher
Art der Ueberlieferung diese Formeln sich erhalten haben, so ist es
gewiss nicht zufällig, dass sie gerade in den drei ersten Vertragen
fehlen. Mit der Corroboratio aber hat sich in den spätem Ver-
<) Vgl. das, was Sickel Privilegium Otto I. S. 98 und 106 über das un-
regelmässige Protokoll der Pacta Romana bemerkt, wo gleichfolls versohiedene
Einflüsse zusammenwirken.
Die Verti-äge der Kaiser mit Venedig bis zum Jalire 98C. QC)
tragen meist das ganze oder doch ein Theil des EschatokoUs er-
halten. Nur im Vertrage Otto L fehlt jetzt Sabscriptio regis und
Kanzleiunterschrift. Da aber in der Corroboratio das Handmal an-
gekündigt wird, so war das Original gewiss auch mit dem Signum
des Kaisers und wohl auch mit der Kanzlerunterschrift versehen, die
ja auch in dem nur um wenige Jahre später ausgestellten Pactum
Otto II. vorhanden war. Wir werden es also wieder nicht als zu-
fallig betrachten können, wenn mit dem Fehlen der Gorroboration in
den drei ersten Facta auch eine Subscriptio regis nicht erhalten ist
Wir gelangen daher zu dem Schlüsse, dass die drei ersten Verträge,
wenn sie vielleicht auch wie das Factum Berengars eine Eanzler-
anterschrift hatten, mit dem Handmal des Königs nicht versehen
waren. Wenn aber die Corroborationsformel, die neben der Erwäh-
nung des Handmals auch die Ankündigung der Besieglung enthält,
schon den Originalen der drei ersten Facta abging, so geht uns auch
jede Bürgschaft für die Annahme ab, dass die Originale der ersten
Pacta je besiegelt waren. Bei dem unverkennbaren Einflüsse, den
das Protokoll der gleichzeitigen Frivaturkunden auf den ältesten der
ans erhaltenen Verträge ausgeübt hat, ist es auch wahrscheinlich,
dass man nach dem Vorbilde der gleichzeitigen römischen und lango-
bardischen Frivaturkunde von der Besieglung der ersten Verträge
Umgang genommen hat.
Ich habe es versucht für die venetianischen Verträge das nach-
zuweisen, was Sickel für die altern Facta Bomana dargethan hat Der
Vertrag Ludwig des Frommen mit Papst Paschalis von 817 war nie
besiegelt — und hier macht sich der Einfluss der neurömischen Ur-
kunde geltend. Erst in den nach 817 fallenden Beurkundungen drang
der Brauch durch, die für die römische Kirche ausgestellten Pacta
auch zu besiegeln, und unter Otto I. wurde daher ebenso wie das
venetianische Pactum auch die für Papst Johann XII. ausgestellte
Urkunde besiegelt i). Wir mussten aber annehmen, dass den altern
Tenetianischen Verträgen auch das Handmal des Königs abging und
dass sie nur mit der Unterschrift des Kanzlers versehen waren. Denn
obwohl diese erst in dem Pactum Berengars erhalten ist, so werden
wir sie wohl auch für die vorhergehenden Verträge annehmen können.
Galt ja doch auch für die neurömische und langobardische Urkunde
die Vollziehungsformel für unbedingt nothwendig^) — und in den
1) SickeU Privilegium Otto I. 8. 85 und 98. *) Brnnner, Zur Rechtsgescb.
der römischen und germanischen Urkunde 8. 66 f.
100 tantft.
venetiauischen Pacten ersetzt die Becoguition die Complötio der gleich-
zeitigen Privaturkanden. In diesem Punkte also wurde es bei den
venetianiscben Verträgen anders gehalten als im Pactum Ludwigs
von 817. Letzteres enthält die Ankündigung des Handmals, das
wahrscheinlich von der eigenhändigen Unterschrift des Königs be-
gleitet war 1). Dieser Unterschied zwischen den altem römischen
und den venetianiscben Verträgen erklärt sich aber aus dem beson-
dem Charakter der letztern. Denn nach dem Eingange der
Urkunde ist es nicht der Kaiser, der d'en Vertrag mit
den Venetianern eingeht; er ist nur derjenige, der dien Vertrag
zwischen den Venetianern und einer Anzahl ihm unterthäniger Städte
feststellt (hoc pactum . . • inter Ueneticos et vicinos eorum . . . con-
stituit ac describere iussit). An die Beobachtung der einzelnen Be-
stimmungen sind die Venetianer und die den Vertrag eingehenden
kaiserlichen Unterthanen, nicht der Kaiser selbst, gebunden. Der
Vertrag soll daher nur von den beiden contrahirenden Parteien be-
schworen werden und nur diese werden verpflichtet einen Vertrags-
bruch wieder gut zu machen. Der Kaiser ist also nach den Worten
dieses Einganges bei den nun folgenden Bestimmungen nicht weiter
verpflichtet. War es also bei den Pacta Bomana das Bestreben, die
persönliche Verpflichtung, die Promissio des Kaisers, scharf zum Aus-
drucke zu bringen und fand dies in der Unterschrift seinen Aus-
druck, so fiel gerade dieser Grund bei den venetianiscben Verträgen
weg. Man begnügte sich damit, dass der Kaiser wie in den Privat-
urkunden in der Datirung genannt war und dass er im Eingange
der Urkunde ebenso wie bei den Leges und Capitularien als derje-
nige bezeichnet war, der den Vertrag festgestellt hat. Auch die
Capitularien entbehrten für gewöhnlich der königlichen Unter-
schrift; freilich ist auch die Becognition durch den Kanzler, welcher
die Ausfertigungen der Capitularien an die Bischöfe und Vornehmen
auszufolgen hatte, nur äusserst selten bezeugt ^).
Nahem sich durch das Eindringen einer ganz kanzleigemässen
Poen und Corroboratio und durch die Aufnahme des den Präcepten
eigenthümlichen EschatokoUs schon die Urkunden der beiden Ottonen
den gewöhnlichen Diplomen, so hat man seit Heinrich lY. auch das
eigenthümliche Protokoll fallen lassen und die Pacta auch hier ganz
nach dem Muster der Präcepte gestaltet Wie sehr aber auch der
Inhalt mit der Zeit den ursprünglichen rein vertragsmässigen Cha-
rakter eingebüsst hat, werden wir später sehen.
*) Sickel a. a. 0. S. 98. «) Sickel Acta Karolinorum 1, 409, 414.
Die Verfnlge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 08 S. 101
Ich wende mich zu der Datirung. Beim Pactum Berengar I.
bezieht sich die erste Datirung auf das Actum, die Zeitangaben am
Schlüsse auf das Datum. Ein Auseinander fallen von Actum und
Datum haben wir auch bei der Urkunde Otto II. anzunehmen. Der
ans noch erhaltene Act vom 7. Juni 983 (Stumpf Reg. 847) besagt,
dass der Kaiser an diesem Tage die früher besprochene Handelssperre
aufgehoben und darüber die Anfertigung eines Fraceptes geboten habe.
Es ist damit freilich nicht das Pactum selbst, sondern das Präcept
gemeint, worin den Venetianern freies Geleit zugesichert wird (Stumpf
Reg. 846 ^). Von der Gewährung dieser Bitte ist aber auch die Aus-
stellung des Pactums abhängig; denn vor der Aufhebung der Handels-
sperre konnte keine Bestätigung des Pactums stattfinden. Nun ist
aber auch das Pactum vom 7. Juni datiert. Dass aber an einem und
demselben Tage Bitte und Ausfertigung erfolgt sei, ist unmöglich.
Denn im Pactum von 983 wurden die frühern Verträge ganz umge-
arbeitet und mit manchen den besondern Verhältnissen dieser Zeit
entsprechenden Zusätzen versehen, und es zeichnet sich vor den
frühern Verträgen durch vorsichtiges Abwägen der einzelnen Be-
stimmungen aus. Es ist also unwahrscheinlich, dass die Eanzlei
Otto IL schon an demselben Tage mit dem Dictate und der Mun-
dierung eines so umfangreichen Stückes fertig geworden sei. Die
Ausstellung der Urkunde ist wohl erst einige Tage nach dem 7. Juni
erfolgt; die Zeitangabe bezieht sich demnach nur auf das Actum
und nicht auf die Ausstellung
Auf das Actum scheint sich die Datierung auch im Pactum Otto I. zu
beziehen. Denn da Otto noch am 25. November zu Bavenna geurkundet
hat, so konnte er unmöglich schon am 2. Dec. 967 zu Bom das Factum
für Venedig ausstellen. Nachdem Annalista SaxoistOttoerstam21. Dec.
vor Bom eingetroffen. Mit dieser Nachricht verträgt sich freilich das
Datum einer andern Urkunde, die am 7. December zu Hostia ausge-
stellt sein soll, nicht, falls wir darunter den bei Bom gelegenen Ort
verstehen wollen 2). Doch wie wir auch letztern Widerspruch er-
klaren wollen, so viel steht fest, dass Otto am 2. December noch
nicht zu Bom geurkundet haben kann. In der einleitenden Bemer-
kung zu DO. 350 macht Sickel darauf aufmerksam, dass die in DO.
351 genannten Gesandten Johannes Diaconus und Johannes Conta-
renos sich wirklich zu Anfangjdes Jahres 968 in Bom befiänden. In
*) VgL Ficker zur L'rkundenlehre 1,S4 9 f. «) Dümmler Jahrb. des deutschen
Reichs unter Otto dem Grossen 428 Anm. 1 ; vgl. AYaitz bei DOnniges in Ranke^s
Jahrb. Ic, 121.
102 Fanta.
einer Urkunde Otto IL fär Grado i) wird nämlich ein Präcept Otto L
erwähnt, das von Born 967 Janaar 2 datirt ist und dieselben Ge-
sandten nennt, die auch in DO. 351 als Fürbitter erscheinen. Freilich
ist, wie Sickel bemerkt, die Urkunde Otto U, für Grado eine in Ve-
nedig entstandene Aufzeichnung, der aber ein Diplom Otto I. wirklich
vorgelegen hat. Von einem solchen hatte auch Dandulo ^) Eenntniss,
bei dem wir einen ausführlichen, wie es scheint, theilweise wortlich
an die Urkunde sich anlehnenden Extrakt lesen. Das in jener ve-
netianischen Aufzeichnung zum 2. Jänner 967 angeführte Diplom
müssen wir aber in das Jahr 968 verlegen, worauf die Angabe des
6. Kaiserjahres und der 11. Indiction hinweist. Auch Dandulo be-
richtet über diese Urkunde zum Jahre 967; die Angabe aber des
neunten Begierungsjahres des Herzogs Feter IV. Candiano weist uns
auf 968 hin. Es ist demnach wahrscheinlich, dass die Unterhand-
lungen schon am 2. December etwa zu Bavenna zum Abschlüsse ge-
diehen waren, dass die Ausstellung aber erst in Bom erfolgte, wohin
die venetianischen Gesandten den Kaiser wohl deshalb begleiteten,
weil für das von ihnen für Grado zu erwirkende Fräcept eine Bück-
sprache mit dem Papste nothwendig erscheinen mochte ^). In der
Datirung des Vertrages wird also Actum und Datum berück-
sichtigt.
Auch die Urkunde Karls von Bavenna 880 Jänner 11 lässt^sich
nicht leicht in das Itinerar einfügen, da nach Böhmer Beg. Kar. 909
der König noch am 8. Jänner 880 zu Pavia urkundet. Ich nehme also
an, dass die Unterhandlungen am 11. Jänner in Pavia zum Abschlüsse
gebracht wurden und dass die Ausstellung des Factums auf dem
Beichstage zu Bavenna erfolgt sei. In wie weit bei der Urkunde
Lothars auf das Actum Bücksicht genommen wurde, entzieht sich jeder
Untersuchung ^).
^) Stumpf Reg. 619 bei Savioli Ann. Bologn. ib 58 n. S8. *) Muratori
88. 12,209. <) Darauf weisen in der Datirung die Worte sub Joanne papa und
der Inhalt des Prficeptes hin.
*) DQmmler Gesch. des ostfränkischen Reichs 2, 1 1 1 nimmt an. dass die
Unterhandlungen zu Ravenna stattfanden, die Ausfertigung aber nach Pavia
falle. Diese Erklärung gründet sich aber auf die Annahme, dass Karl schon vor
dem Jänner 880 sich in Ravenna aufgehalten habe. Da aber der von Dümmler
in den November 879 verlegte Reichstag von Ravenna, wie Mühlbacher Die Ur-
kunden Karl IIL in den Sitzungsb. der Wiener Akademie 92, 874 f. zeigt, nicht
damals, sondern beträchtlich später stattgefunden hat und Earl nach Böhmer
Reg. Kar. 909 sich noch am 8. Jänner 880 zu Pavia aufhielt, so nehme ich an, dass der
Reichstag erst in der zweiten Hälfte des Jänner abgehalten wurde. Mühlbacher meint,
dass Karl schon am 11. Jäuner sich zu Ravenna aufhielt und filr Böhmer 90 u
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 983. 10 J
Es lag nahe bei Verträgen die eiuzelnea Fhasea der Benrkundang
aaseinander zu halten und &uf das Actum ein besonderes Gewicht zu
legen. Bei den venetianischeu Verträgen konnt-en die Zeitangaben
unter umständen von grosser Wichtigkeit werden. Die ersten Ver-
träge wurden nur auf einen Zeitraum von f&nf Jahren abgeschlossen
und in den Pacta selbst wird die Zeit des Abschlusses des unmittelbar
Yorhergehenden oder des jetzigen Vertrages als Termin für das in
Kraft treten einzelner Bestimmungen angesetzt. Unser Vertrag
ist nicht wie die Präeepte eine Gnadenyerleihung; wie Leges und
Capitularien stellt er gesetzliche Bestimmungen auf. Und so, wie in
den Gesetzen Liutprands oder in den Capitularien der fränkischen
Herrscher die Datirnng sich nicht auf die Ausstellung des Gesetzes,
sondern regelmässig auf den eigentlich entscheidenden Akt — auf
die Berathung und Feststellung der Gesetze bezieht, so haben wir
auch in den Verträgen nachweisen können, dass man gewöhnlich auf
das Actum Bezug nahm ^).
Ich gehe auf den Context der Verträge ein. Der ganze Ein*
gang der Urkunde — ich habe hier und im folgenden vorderhand
nur die Lothars im Auge — ist vom Standpunkte des Kaisers ob-
jectiY und unpersönlich gehalten. Eine Arenga oder Pnblications*
formel fehlt. Er stellt sich somit als ein Akt Qber die vom Kaiser
vorgenommene Handlung dar ^). Das finden wir auch häufig in den
Capitularien wieder. Neben vielen vom Standpunkte des Königs sub-
jectiv gehaltenen Eingängen, finden wir andere, wo seiner nur in
dritter Person gedacht wird, ohne Bücksicht darauf, ob die einzelnen
Cupitel subjective oder objective Fassung haben, so dass einem ob-
jectiv gehaltenen Eingange oft ein subjectiv gehaltenes Capitulare
entspricht ^), gerade wie bei unsern Pacten, wo auf den objectiven
Eingang die Capitel in subjectiver Fassung folgen.
ein Auseinandt^rßdlen von Datum und Actum vorliege. Das 26. Regierung^ahr
Lothars suchte Romanin in den Sitzungsb. der Wiener Akademie 11,718 und
Storia di Venetia 1, So! durch die Annahme einer Kpochevon 815 zu erklären. Nach
einer solchen hat man aber nie gerechnet. Es ist also .wohl aus XX[ oder XXII [
verderbt ; vgl Mühlbacher Die Datirung der Urkunden Lothar L Sitzungsb. 85, 498 f.
*) Das Datum bezieht sich auf den Zeitpunkt der Versammlung, in der die
Ga^tolarien berathen wurden, in Mon. Germ. LL. seci II n. le, 11, 20, 27, 28
74 und Mon. Germ. LL. l, 198, 201, 22S, 282, 248 u. s. w. Man vgL auch LL.
sect II n. 28, wo Actum und Datum auseinander gehalten werden. Bezugnahme
auf die Ausstellung findet sich nur sehr selten, so vielleicht LL. sect. II n. 90
und 98. Auch in den Gesetzen Liutprands und seiner Nachfolger treffen wir,
auf dieselbe Erscheinung. *) Fioker Beitrüge r, C50. ^) Man vgl. Mon. Germ.
LL. sect. II n. 20, 24, 74 und LL. 1,201,860 und andere.
104 Fanta.
Die Fassang aber der einzeluea Capitel ist nicht subjectiv vom
Standpunkte einer einzigen Partei, sondern es treten in subjectiver
Fassung bald die Venetianer bald die kaiserliche Partei auf. Begellos
ist dieser Wechsel nicht; wir gewinnen den Eindruck, dass man be-
strebt war die sich verpfliphtende Partei in erster Person erscheinen
zu lassen, die Partei aber, der gegenüber die Verpflichtung geschieht,
in zweiter, gerade wie bei den Placita, wo die eine Person als die
sprechende in erster, die andere als die angesprochene in zweiter
Person erscheint. Welche von den beiden Parteien als die ange-
sprochene erscheint, ist nicht immer ganz klar und man kann oft
im Zweifel darüber sein, von welcher der beiden Parteien die Ver-
pflichtung übernommen wird. In der Verkennung dieser Thatsache
liegt der Grund, dass Marin und Bomanin einzelne Bestimmungen
falsch gedeutet haben, dass sie so ziemlich alle Begünstigungen der
Verträge auf die Venetianer bezogen haben, während man doch wenig-
stens bei dem ältesten Pactum nicht recht weiss, welche Partei durch
dasselbe grössere Vortheile erlangt. Erst nach Feststellung der Dispo-
sition der Urkunde kann man mit ziemlicher Bestimmtheit die sich
verpflichtende Partei in den einzelnen Capiteln constatiren.
Bei dem ersten Capitel können wir nicht im Zweifel sein, dass
die kaiserliche Partei als die sich verpflichtende in erster Person er-
scheint, die Venetianer also in zweiter Person auftreten. Erst mit
dem Ansätze des dritten Capitels (similiter repromittimus vobis ut
homines christianos) tritt ein Wechsel der Person ein. Die Vene-
tianer als die sich verpflichtenden erscheinen in erster Person, der
Kaiser — nicht seine ünterthanen — in zweiter. Ebenso treten die
Venetianer als die sich verpflichtenden in erster Person in dem 4.
Capitel (De captivis vero) auf und auch in den 5. Capitel (Et hoc
spondemus) möchte ich noch immer die Venetianer unter der
ersten Person verstehen. Denn dies Capitel enthält die Be-
stimmung, dass alle seit Abschluss des gegenwärtigen Ver-
trages Flüchtigen ausgeliefert werden sollen. Nun wird aber den
Venetianern schon in einem Mhern Capitel das Zugeständniss ge-
macht, dass ihnen alle seit dem Abschluss des vorigen Vertrages
flüchtig gewordenen ausgeliefert werden sollen. Bezieht man beide
Begünstigungen auf die Venetianer, so wird dadurch ein Widerspruch
geschaflfen. Verstehen wir aber die Venetianer unter der ersten Person,
so ist dieser Widerspruch nicht vorhanden: die Venetianer recompen-
sieren durch dies Zugeständniss ein analoges ihnen zugestandenes
und viel weiter gehendes Becht. In dem 6. Capitel (Si autem) verpflichten
sich die italienischen Städte durch ihr Gebiet keinen Feind zu den
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre OöS. 105
Yenetianem gelangen zu lassen. Diese VerpflichtuDg recompeusiereu
die Yenetianer durch die im 7. und 8. Capitel gemachten Zuge-
ständiiisse. Diese ersten acht Capitel tragen durchwegs einen völker-
rechtlichen Charakter an sich; sie bilden den ersten Theil des Pactums
und zerfallen in zwei Unterabtheilungen, in Verpflichtungen der kaiser-
lichen Partei (C. 1, 2, 6) und in solche der Venetianer (C. 3, 4, 5, 7, 8).
Jedes dieser Capitel setzt nur einseitige Verpflichtungen fest.
Der zweite Theil (C. 9— 24), vonSienim furtum angefangen, enthält
privatrechtliche Bestimmungen. Nur das Capitel über den freien Handel
unA das Bipaticum würden wir voo unserm Standpunkte aus besser
in den ersten Theil einreihen. Für den Dictator unserer Urkunde
konnte aber nicht der priyat- oder völkerrechtliche Charakter einen
ünterscheidungsgrund bilden. Er hatte in den ersten Theil alle
Capitel mit den einseitigen Verpflichtungen eingereiht, während er
in dem zweiten Theile die Capitel mit den gegenseitigen Verpflich-
tungen unterbrachte. Bei gegenseitigen Verpflichtungen empfahl sich
eine personliche Fassung nicht, da leicht Zweideutigkeiten entstehen
konnten. Es tritt deshalb das Bestreben hervor die einzelnen Bestim-
mangen objectiv und unpersönlich zu fassen. Durchweg ist dies nicht
gelungen ; hie und da schlägt die zweite oder die erste Person durch,
aach dort, wo kein Zweifel sein kann, dass die Verpflichtung als eine
gegenseitige gelten soll. War doch auch sonst die subjective Fassung
die geläufigere und es kam nicht selten vor, düss Schreiber aus der
objectiven Constmction in die subjective fielen ^). Bei dem Bipaticum
tritt im übrigen auch eine, wie es scheint, einseitige Verpflichtung
der kaiserlichen Partei hervor. Sie wurde hier wohl deshalb aufge-
nommen, weil sie von den Bestimmungen über den freien Handels-
verkehr schwer zu trennen war. Dass also die einseitigen von den
gegenseitigen Verpflichtungen getrennt wurden, erklärt sich aus den
praktischen Erfordernissen des Dictates.
Der dritte Theil des Pactums (von Et hoc stetit ut de capulo an)
ist wieder durchaus subjectiv vom Standpunkt der kaiserlichen Partei
und tnthält wie der erste einseitige Verpflichtungen. Er bildet aber
auch inhaltlich ein Ganzes für sich, da hier Bestimmungen über das
Holzungs- und Weide-Becht der Venetianer und über d?e Grenzen
von Citta nuova eingereiht sind; sie betreffen also die engere Heimath der
Venetianer selbst Aehnlich wie in dem zweiten Theile flnden wir
') Biunner a. a. 0. 1, 19. Ich bemerke, dass ich mich bei der Bezeichnung
der Fassung als objectiv, subjectiv, persönlich oder unpersönlich an die Erklärun-
gen bei Brunner S. 17 halte.
100 Fanta.
auch hier ein Capitel, das nicht recht in den Zusammenhang hineiu-
passt, indem es gegenseitige Verpflichtungen de causis ecclesiarum
enthält Hinten nach hinken zwei Capitel, von denen das eine Be-
stimmungen Oher Eunuchen, das andere über die Zahl der Geschwornen
nach der Grosse der strittigen Summe enthalt ^). Von kleinen Aus-
nahmen abgesehen finden wir also eine strenge Disposition der ein-
zelnen CapiteL
Wir können aber wohl die Frage aufwerfen, ob dort, wo die
kaiserliche Partei in erster oder in zweiter Person erscheint, der
Kaiser selbst oder aber die den Vertrag schliessenden kaiserlichen
Unterthanen gemeint sind. Dass der Kaiser selbst einmal in zweiter
Person erscheint, haben wir bemerkt. Diese Verpflichtung der Ve-
netianer aber fällt auch ganz aus dem Bahmen der sonstigen Be-
stimmungen, die sich nur auf den Verkehr zwischen Venedig und
den im Eingange der Urkunde genannten italienischen Städten beziehen
sollen. Denn hier wird die Verpflichtung übernommen keinen Sclaven-
handel zu treiben mit Leuten de potestate yel regno dominationis
vestre. Die Verpflichtung wird also hier ausnahmsweise auf ganz
Italien erstreckt. Auch bei der Grenzbestätigung von Citta nuova
werden wir unter der ersten Person wohl den Kaiser zu verstehen
haben. Ebenso bei manchen andern Capiteln, die mehr den Charakter
einer gesetzlichen Verfügung als den einer freien Uebereinkunft haben,
so gerade bei den beiden letzten ausser allem Zusammenhang ste-
henden Capiteln. Doch erscheinen unzweifelhaft auch die Städte in
zweiter Person, so wie oben bemerkt wurde in dem Capitel, welches
die von den Venetianern zu leistende Hilfe gegen die Slavcn fest-
setzt. Und wenn es in einem andern Capitel heisst: Placuit autem . . .
ut missi domini Lotharii imperatoris . . . pai*ati sint iustitias facere . . .
et ipsi miflsi ad partem domini nostri quicque fuerint recipiant, so
können hier, wo der Kaiser zweimal in dritter Person erscheint, unter
der ersten Person nur die Unterthanen des Kaisers gemeint sein.
Steht dieser Gebrauch aber in zwei Fällen fest, so hindert uns nichts
bei der grossen Mehrzahl der Bestimmungen unter der ersten oder
zweiten Person nicht den Kaiser, sondern seine Unterthanen zu ver-
stehen. Wir erinnern uns, in welchem Verhältnisse der Kaiser zu
1) Wahrscheinlich haben diese beiden Capitel in dem ursprünglichen Ver-
trage nicht gestanden und sind erst später hinzugekommen. Wenigstens würde
sich daraus ihre Stellung ausser dem Zusammenhang der ganzen Urkunde er-
klären. Beide Capitel tragen ausserdem nicht den Charakter einer freien Ueber>
einkunft an sieb wie alle übrigen, sondern den einer gesetzlichen Verfügung.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 107
diesem Vertrage stellt. Es ist anstreitig viel genauer gefasst, wenn
die Auslieferung der Flüchtigen an die kaiserlichen Ünterthauen er«
folgen (ad partem vestram reddamus), und die Wahl der fünf Qo^
schwomen nicht vom Kaiser, sondern von seinen TJnterthanen vorge-
nommen werden soll (quales pars vestra elegerit), oder wenn sich die
kaiserlichen TJnterthanen und nicht der Kaiser zu gewissen Straf-
summen verpflichten (et si ipsum duplum vobis non composuerimus
etc.) Für diese Auffassung spricht noch ein anderes Moment Von
yenetianischer Seite erscheint nicht der im Eingange der Urkunde
genannte Herzog, sondern unzweifelhaft das ganze Volk als die sich
verpflichtende Partei. Das zeigt der Ausdruck nos qui modo sumus
Tel qui fuerint, der in ähnlicher Weise vom ganzen Volke im Ein-
gange der Urkunde gebraucht wird.
Diese Frage hat nicht ein bloss formales Interesse; sie hängt
mit der ganzen weitern Entwicklung der Verträge auf das engste
zusammen. Beziehen wir nämlich die erste Person auf die kaiser-
lichen TJnterthanen, so kann nie ein Zweifel darüber entstehen, welche
Ausdehnung den einzelnen Bestimmungen gegeben ist. Es kann nie
fraglich sein, dass sich dieselben nur auf den Verkehr der Venetianer
mit einer bestimmten Anzahl genannter Städte beziehen. Sobald aber
einmal dies Bewusstsein geschwunden war, sobald man den Gebrauch
der ersten Person auf den Kaiser selbst bezog, wurde der ganze
Standpunkt des ursprünglichen Vertrages verschoben. Es kann eigentlich
schon zweifelhaft sein, welchen Standpunkt hier das Pactum Lothars
einnimmt Trotzdem finden wir aber durchwegs die Vorstellung ge-
wahrt, dass die einzelnen Bestimmungen nur insoweit gelten sollen,
als sie sich auf die im Eingange genannten Städte beziehen.
Schon in dem Pactum Karl IILaber stossen wir auf die Vorstellung,
dass unter der ersten Person der Kaiser zu verstehen sei. Obwohl hier
sonst das Pactum Lothars wörtlich und ziemlich gedankenlos abge-
schrieben ist, so finden wir doch einige charakteristische Aenderungen
und Zusätze. Es wird in den ganz objectiv gehaltenen Eingang ein Zusatz
sabjectiver Wendung hinzugefügt und die kaiserliche Partei einmal
aus der zweiten in die erste Person umgesetzt, so dass durch diese
Aenderung das ganze Capitel sinnlos entstellt wurde — trotzdem aber
in dieser sinnlosen Fassung auch in die Urkunde Berengar I. über-
gangen isi Diese kleinen Aenderungen zeigen deutlich, dass man
unter der ersten Person den Kaiser verstand. Auch unter Otto L hatte
man die Vorstellung, dass sich die erste Person auf den Kaiser und
nicht auf die TJnterthanen desselben zu beziehen habe. Ja man nahm
sogar Anstand, dass hier die Venetianer in erster Person erscheinen
108 Fanta.
und so hat man denn den zweiten Abschnitt im ersten Theile des
Lotharischen Pactum, welcher eben die Verpflichtungen der Yenetianer
in erster Person enthält, auf eine ganz merkwürdige Weise behan-
delt. Man hat ihn nämlich zum grössern Theile ausgelassen. Das
Capitel De captivis vero hat man zwar beibehalten, die Venetiauer
aber aus der ersten Person in die zweite umgesetzt. Das 6. Capitel Si
autem aliqua hostes aut scamara wurde als ein vom Kaiser gemachtes
Zugeständniss beibehalten. Alle andern einseitigen Verpflichtungen der
Venetianer flelen weg. Nur in dem kleinen Satze: Si autem homines
vestri in ducatibus nostris liegt noch eine Verpflichtung der Vene-
tianer und zwar in subjectiver Fassung vor. Unter Otto ü. hat man
auch die weggelassen, und so war man dabei angelangt, dass zum
Nachtheile der kaiserlichen ünterthanen alle einseitigen Verpflichtun-
gen der Venetianer ausgeschieden waren und in der Umarbeitung, die
dann das Pactum unter Otto IL fand, wurde diese subjective Fassung
vom Standpunkte des Kaisers strenge durchgeführt. Obwohl es nun
auch später immer heisst, dass der Vertrag zwischen Venedig und
den kaiserlichen Ünterthanen zu bestehen habe, so trägt er doch
fortan ganz den Charakter einer Gnadenverleihung von Seiten des
Kaisers und durchaus nicht mehr den einer freien Uebereinkunft an
sich. So konnte es denn kommen, dass Otto IL Nachfolger einfach
die Form eines Präceptes f&r die Bestätigung des Vertrages verwen-
deten. In dieser Form liegt uns der Vertrag bereits in den Bestäiiguu-
gen Otto in. und Heinrich IL vor. Freilich begnügten sich diese
beiden Herrscher bloss mit einer ganz allgemein gehaltenen Bestäti-
gung, die nur die wichtigsten Bestimmungen der Verträge hervorhob
und sich in Bezug auf die andern auf das Pactum Otto IL btirief.
Als man aber seit Heinrich IV. wieder auf die vollständige Fassung
zurückgrifip, behielt man das kanzleigemässe den Präcepten entspre-
chende Protokoll bei. Wir finden auch die Arenga die Publications-
formel, die Poena und Corroboratio, so dass also die nach Otto IL fal-
lenden Bestätigungen sich ganz mit den Präcepten decken. Sobald eiumal
die einseitigen Verpflichtungen der Venetianer ausgeschieden waren
und der Gebrauch der ersten Person überall sich auf den Kaiser bezog,
lag kein Grund mehr vor von den Präcepten abzuweichen. Es fragt
sich nur, ob die Urkunde auch in dieser Form noch als ein Pactum
galt. Diese Frage glaube ich wenigstens für die Urkunden von
Heinrich IV. an verneinen zu müssen. Aus den Arengen tritt uns
die Vorstellung, dass es sich hiebei wie bei den Präcepten um eine
von dem Kaiser ausgehende Gnadenverleihung handle, ganz bestimmt
hervor. Den ursprünglichen Charakter hat die Urkunde also jeden-
Die Veiträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98 S. 109
falls mit der Zeit eingebQsst. Es bandelt sich nicht mehr um die
Feststellung Yon rein vertragsmässigen Bestimmungen, bei welchen
sich beide Parteien ihren Vortheil zu wahren suchen, sondf^rn ein-
fach um Einräumung von Vorrechten an die Yenetianer. Nur der
Umstand, dass man im engen Anschluss an die alten Verträge eine
Anzahl von Bestimmungen noch immer als gegenseitige fasste, recht-
fertigt die Bezeichnung der Urkunde als Factum, welches Wort von
einer Urkunde in die andere übergieng. Natürlich aber bringt es
die immer mehr wachsende Bedeutung des venetianischen Handels
und Verkehrs mit sich, dass selbst die gegenseitigen Bestimmungen
sich allmählig zu einem Vorrecht der Venetianer entwickeln. — Be-
kanntlich ist die Entwicklung der Pacta Bomana eine ähnliche. Der
rein vertragsmässige Charakter der unter Pippin festgestellten Ur-
kunde geht auch in die Urkunden Ludwigs und Otto L über. Wie
die venetianische Verträge enthalten auch die für die römische Kirche
ausgestellten Urkunden nicht nur Bechte, sondern auch Pflichten des
Papstthums. Erst als die weitere Entwicklung der kirchlichen Ge-
walt die letzteren gegenstandslos machte, weisen die für die römische
Kirche ausgestellten Urkunden wohl die dem Papste eingeräumten
Bechte auf, aber keine von ihm übernommene Verpflichtungen.
Ich kehre wieder zum Ausgangspunkte zurück. Sobald ein-
mal unter der ersten Person der Kaiser verstanden wurde und er
als der sich verpflichtende erscheint, konnte man versucht sein den
einzelnen Bestimmungen eine grössere, ursprünglich nicht beabsich-
tigte Ausdehnung zu geben. Während früher nur eine kleine Anzahl
genannter Städte zur Auslieferung flüchtiger Sclaven verhalten war,
verpflichtete sich jetzt der Kaiser dazu und die Verpflichtung konnte
somit leicht auf ganz Italien bezogen werden; während früher die
Bestimmungen über Pfändung und schnelle Justiz nur für den Ver-
kehr zwischen Venedig und wenigen Städten festgestellt wurden,
konnten nun die Capitel auf ganz Italien ausgedehnt werden. Das-
selbe gilt von der den Venetianern eingeräunaten Handelsfreiheit und
manchen andern Bestimmungen. Diese Auflassung macht sich denn
auch wirklich geltend. Schon unter Karl IIL werden ausser den iu
in der Lotharischen Urkunde genannten Städte noch Padua und Fer-
rara und überhaupt die Bewohner von ganz Italien eingeschlossen
(etiam totius regni nostri). Diese Bestimmung wiederholt sich auch
in der Urkunde Berengar 1.; Otto I. dagegen beschränkt den Vertrag
wieder auf die in der Urkunde Lothars genannten Städte ; aber schon
Otto IL nimmt die unter Karl IIL festgestellte Städteliste, die er be-
trächtlich vermehrt, auf und dehnt den Vertrag wieder auf ganz
UÖ Panta.
Italien aus. Der Wechsel also der sich verpflicbtendeu Partei kam
den Yenetianern sehr zu statten.
Auch für diese besondere Fassung der Capitel in dem Factum
Lothars finden wir die Analogie in den Capitularien wieder. Im allge-
meinen kann man sagen, herrscht die subjective Fassuug vom Stand-
punkte des Königs in den Capitularien vor oder aber es wechselt
die subjective Fassung mit einer unpersönlichen. Oft aber ist die
Fa3sung eine vom Standpunkte des Königs objective. Ich gehe von
dem Capitular Karls des Grossen bei Boretius nr. 27 aus. Der Ein-
gang, in welchem von dem Könige in dritter Person die Bede ist,
berichtet, dass sich auf Befehl des Königs vornehme Sachsen und
Franken zu Aachen versammelt und die folgenden Capitel beschlossen
hätten (omaes unanimiter consenserunt et aptificaverunt). Die ein-
zelnen Capitel erscheinen nun wirklich als die Beschlüsse der ganzen
Versammlung, oder aber nur eines Theiles derselben, nämlich der
Franken oder Sachsen. Denn es heisst immer: omnes statuerunt, item
placuit Omnibus Saxonibus, hoc etiam statuerunt etc. Nur im achten
Capitel erscheint der König einmal in erster Person. Man denke
sich nun die ganz objective Fassuug dieses Capitulars in eine sub-
jective übertragen und wir könnten dann oft im Zweifel sein, ob
sich das statuimus,^ item placuit nobis etc. auf den König oder die
Versammelten und auf welchen Theil der Versammlung zu beziehen
habe. Doch wir treffen auch durchwegs subjectiv gefasste Capitu-
larien — subjectiv aber vom Standpunkte der berathenden Versamm-
lung und nicht dem des Königs, der hier vielmehr in dritter Person
erscheint Ich verweise auf das Capitulare cum episcopis Langobar-
dicis deliberatum bei Boretius nr. 89. Die Bischöfe erscheinen hier
durchwegs in erster Person, der Kaiser immer in dritter. Der Ge-
brauch der zweiten Person bezieht sich auf diejenigen, welche
dies Capitulare zur Kenntniss nehmen sollen. Gerade^ bei solchen
unter Herbeiziehung der Bischöfe beschlossenen Capiteln tritt die
subjective Fassung vom Standpunkte der berathenden Versammlung
sehr oft hervor. In solchen Capiteln ist natürlich des Königs ge-
wöhnlich in dritter Person gedacht, so in dem Concilium Vernense
(Boretius nr. 14). Hier ist zu bemerken, dass in den ersten 19 Capi-
teln die Bischöfe in erster, der König immer in dritter Person er-
scheint. Von Capitel 20 aber angefangen treten die Bischöfe zwar
noch immer erster Person, der König aber in zweiter Person her-
vor. Die Sache ist nicht zufallig. Sind die ersten 19 Capitel rein
kirchlichen Inhaltes, kann also hier die vom Standpunkte des Concils
subjective Fassung weiter keinen Anstoss erregen, so tragen die nun
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 9dS. 111
folgenden Bestimmungen einen ganz andern Charakter; sie betreffen
Verhältnisse der Bischöfe zu dem König oder treffen YerfQgungen,
welche die Bischöfe ohne Intervention des Königs gewiss nicht be-
schliessen konnten. Dieser letzte Theil also tragt den Charakter einer
dem Könige schriftlich eingereichten Froposition, in welcher natür-
lich die Bischöfe den König in zweiter Person ansprachen. Daraus
also erklart sich der Wechsel der Person in Bezug auf den König.
Besonders scharf tritt dies in den Acten der Synode von Bavenna
Yon 898 hervor ^). Den Kern derselben bildet ein Capitulare, das
mit einer praelocntio pontificis, einer responsio der versammelten
Bischöfe und einer Schlussrede des Papstes Johann IX. versehen ist,
aus welcher hervorgeht, dass die Bestimmungen des Capitulars von
der ganzen Synode genehmigt wurden. Im Capitulare selbst tritt im
zweiten und dritten Capitel unzweifelhaft der König in erster Person
hervor, vom vierten aber bis zum zehnten erscheint Lambert in zweiter,
der Papst aber in erster Person. Auch im ersten Capitel ist der
Kaiser unter der ersten Person zu verstehen. Das Capitulare also zer-
fallt ganz deutlich geschieden in zwei Theile, von welchen der erste
Propositionen Lamberts, der zweite die Vorschläge des Papstes ent-
hält Dadurch erklärt sich auch, dass eine Bestimmung sich wieder-
holt Lambert kam dem Papste entgegen, indem er versprach, ut
Privilegium sanctae Bomanae ecdesiae . . . a nobis firmetur. Dem
Papste aber genOgte diese Zusage nicht Er kam darauf in den Ca-
piteln 6 —8 zurück und fQhrt hier aus, was in der Bestätigung des
Factums besonders berücksichtigt werden soll. Auch auf den Vor-
schlag des Kaisers in Capitel 2 kommt der Papst im Capitel 5 zurück
and führt die einzelnen Bestimmungen näher aus. Pertz nahm an
der besondern Fassung dieses Capitulars Anstoss und er setzte daher
den Kaiser überall dort, wo er in erster Person erscheint, in die
zweite um ^). Denken wir uns dies Capitulare mit einem Eingange
verbehen, der es als Pactum bezeichnet, so haben wir hier einen den
venetianischen Verträgen ganz analogen Fall. Gesetzes-Propositionen
haben sich noch erhalten, sowohl solche, die von Seiten des Königs
ausgiengen (Boretius nr. 71 und 72), als auch eine andere von Seiten
eigens dazu bestimmter Priester (Boretius nr. 36). Es ist natürlich.
I) Mon. Germ. LL. 1,563. *) Darauf macht Siokel Privilegium Otto L
8. 164 aufmerksam. Richtig beurtheilt die Fassung dieses Capitulars Hefele Gon-
äliengeBchichte 4,569; nur ist hier das Verhältniss des Cap. 8 zu Cap. 6—8
nicht schärfer hervorgehoben. Uebcrdies erblickt Hefele auch im ersten Capitel
einen Vorschlag des Papstes.
112 I'anta.
dass bei erstem der König in erster Person erscheint, bei solchen
aber, die vou anderer Seite ausgiengfen, seiner in dritter oder in zweiter
Person gedacht} war. Und so ist denn auch das Capitulare cum episco-
pis Laugobardicis deliberatum nichts anderes als eine f&r das Capi-
tulare, wie es scheint, wörtlich aufgenommene Gesetzesproposition.
Dass solche Propositionen auch sonst vielfach auf die Fassung der
Capitularien eingewirkt haben, ist natürlich.
In Anwendung auf unser Pactum erkläre ich also den Wechsel
der ersten Person auf ähnliche Weise. Wir haben es hier mit Pro-
positionen der Venetianer und solchen der kaiserlichen ünterthanen
zu thun, oder, wie Ficker meint, mit Bestimmungen, welche anschei-
nend von Bevollmächtigten beider Parti*ien vorher festgestellt waren,
doch jedenfalls in der Absicht, dass sie von dem Kaiser genehmigt
werden sollen. . Weder aus dem Protokoll noch aus dem Eingange
der Urkunde können wir ersehen, dass es der Kaiser ist, der die-
selbe ausgestellt hat. Denn das den Privaturkunden entsprechende
Protokoll besagt nichts anderes, als dass der Vertrag zur Zeit des
betreffenden Kaisers festgestellt wurde, und ans dem Eingange ent-
nehmen wir nur, dass zwar der Kaiser den Vertrag , schreiben' (descri-
bere) liess, dass aber nicht er selbst der Vertragschliessende ist Es
sind also Vereinbarungen beider Parteien untereinander, in welchen
diese als Vertragschliessende in erster Person erscheinen und die ebenso
wie manche auf ähnliche Weise zu Stande gekommenen Capitularien mit
einem objectiven Eingange versehen wurden. Ob wir hier noch weiter
von einer Urkunde Lothars sprechen können, hängt davon ab, welche
Bedeutung wir dem dascribere beilegen wollen. Darauf kann ich
erst später eingehen. Nur das sei gleich hier bemerkt, dass wir
wenigstens seit Berengar und vollends seit Otto L, gewiss mit Ur-
kunden zu thun haben, die als vom Kaiser ausgestellt betrachtet
wurden. Das zeigt der Umstand, dass man nun die erste Person
auf den Kaiser bezog und die Kanzlerunterschrift und Subscriptio
regis einführte.
Es mochte auch sonst nahe liegen, die Verträge wie die
Gesetze, speciell wie die Capitularien zu fassen. Die Zustimmung
des Volkes zu den Gesetzen und auch zu einer besondern Art von
Capitularien galt ja als unbedingt nothweudig. In Folge dessen
stellt sich, wie Boretius ausführt, die Feststellung eines Gesetzes
als ein Vertrag zwischen den Volksgenossen oder aber auch
zwischen dem Gesetzgeber und dem Volke dar. Wird auch die Zu-
stimmung des Volkes gewöhnlich nur ein&ch erwähnt, so nahm
sie bisweilen auch Formen an, «welche nach dem Hechte der ein-
Die Verträge der Kaiser mit Ventnlig bis zum Jahre 08 S. Il3
zelueik Stämme bei Vertragsschliessung überhaupt beobachtet wurden*.
So wird in den Capitularien einmal erwähnt, dass es dem Volke zur
Eeontuiss gegeben uud Ton Volksgenossen unterschrieben wurde«
Oft tritt uns die Vorstellung entgegen, dass sowie das Volk auch der
Herrscher an die Beobachtung eines Gesetzes gebunden sei. Die äl-
teste Bedaction des salischen Gesetzes führt den Namen Pactus, es
stellt sich nach dem kürzern Prologe als ein Vertrag zwischen den
Franken und den Proceres derselben dar; dasselbe gilt von dem Pactus
Alamannorum (Mon. Germ. LL. III 34), von der Lex Alamannornm und
andern; ebenso von dem Edikte Botharis, das durch eine symbolische
Handlung, per gairethinx, bekräftigt wurde, welche den ernsten Willen
des Volkes kundgab, das Edikt für unwiderruflich und rechtsverbind-
lich anzuerkennen ^).
Es liegen uns nur wenige Verträge für die ältere Zeit vor. Der
älteste derselben ist der Pactus Childebertil et Chlotarii I (511 — ^558 ^).
Die Handschriften unterscheiden zwei Theile, von welchen der erste,
Capitel 1—8, gewöhnlich als Pactus beider Könige, der zweite Theil
als die Decretio Chlotarii regis bezeichnet wird. Boretius hat aber
nachgewiesen, dass sich die üeberschrift des ersten Theiles auf das
Ganze beziehe. Die Capitel 1 — 8 sind unstreitig ein Capitulare Chil-
debert L, die Capitel 9 — 15 aber enthalten Verordnungen Chlotars;
doch waren bei der Abfassung des zweiten Theiles die Capitel des
ersten jedenfalls bekannt. Denn Chlotar knüpft an die einzelnen
Capitel Childeberts an, erläutert sie näher und macht Zusätze zu den-
selben. Den Schluss des Ganzen bilden drei Capitel, welche besagen,
dass diese beide Capitularien zu einem Pactum zwischen beiden Königen
vereinigt wurden; die Könige verpflichten sich die Bestimmungen der-
selben einzuhalten (pro pacis tenore constituimus in perpetuum vo-
lumus custodire). Während die beiden Theile ganz uupersönlich ge-
&8st sind, treten in den Schlusscapiteln die beiden Compaciscenten
in erster Person hervor. Ein Datum oder irgend ein Protokoll fehlt,
üeber den Abschluss des Vertrages haben wir eine interessante Notiz
in dem Epilog zam salischen Gesetze. Darnach schickte Childebert
die von ihm gefassten Beschlüsse an Chlotar ein, der sie mit Zu-
sätzen versehen seinem Bruder zurücksandte ~ et ita inter eis con-
vinit ut sta omnia sicut anteriore constructa starent. Es scheint also,
als ob die so gefassten Beschlüsse, etwa bei einer Zusammenkunft
') Die Citate sind zusammengestellt bei A. Boretius, Beiträge zur Capitüla-
rienkritik Leipzig 1874 S. 11 ff. Ueber gairethinx Boretius Die Capitularien im
Langobardenreich Halle 1864 S. 5. *) Mon. Gterm. LL. sectio II 1,8 n. 8.
XittheilungOQ. Ergf&nxanflrsbd. (. o
114 Fanta.
der beitlea Köuige, a,U Pactum festgestellt wurden. Dies uns be-
kannte älteste Pactum tritt also nocb in ziemlich unbeholfener Form
auf. Die Aehulichkeit mit den venetianische a Verträgen liegt nicht
nur in der Eintheilung in Capitel, sondern auch darin, dass dieser
Vertrag, obue die zusammeDgehörigen Bestimmungen zusammenzu-
fassen, sie einfach neben einan(1er stellt, so wie sie von Childebert und
Cblothar vorgeschlagen wurden. Auch in den venetianischen Pacta,
wo die Ordnung freilich schon eine bessere ist und die Capitel
wenigstens nach geivissen Gesichtspunkten in drei grössere Theile
getheilt sind, treffen wir auf dieselbe Erscheinung. So ist beispiels-
weise das Capitel, in dem sich die Venetianer verpflichten Flücht-
linge auszuliefern, von der analogen Verpflichtung der kaiserlichen
Unterthanen durch mehrere Capitel getrennt, und wir. können die
Vermuthung aussprechen, dass der Grund darin liegen mag, dass
der Schreiber des Pactums sich an seine Vorlage gehalten hat, in
welcher solche Verpflichtungen natürlich getrennt von einander ge-
standen haben.
Der Vertrag zwischen Guntchram und Childebert II. *) eignet
sich zum Vergleiche mit unsern Pacta nur insofern, als auch hier
die Eintheilung nach Capiteln ziemlich scharf hervortritt. Sie be-
ginnen gewöhnlich mit simili modo oder similiter convenit und ahn*
liehen Verbindungen. Zum Unterschiede von den venetianischen Pacta
und dem Childeberts und Chlotar I. ist die Fassung eine streng ob-
jective. Das ganze Pactum stellt sich somit als ein Akt über die
zwischen beiden Königen getroffene Vereinbaruug dar. Es mag sein,
dass man sich gerade in älterer Zeit mit einer kurzen Aufzeichnung
der Vereinbarungen begnügt hat, ohne dieselben auch in die feste
subjective Form eines Pactums zu bringen. Denn sowohl hier als
auch in den venetianischen Pacta oder in den Verträgen süditalieni-
scher Fürsten mit Neapel oder untereinander ward regelmässig er-
wähnt, dass die Bestimmungen des Vertrages beschworen wurden
oder werden sollten. Und so mag man denn oft von der feierlichen
Ausstellung eines Pactums Umgang genommen haben, sobald es nur
beschworen und durch irgend welche symbolische Handlungen be-
kräftigt erschien. Doch scheint man schon im 9. Jahrh. grosses
Ge«vicht darauf gelegt zu haben, dass die sich verpflichtende Partei
auch in erster Person erscheine. Eben in den Verträgen der süd-
italienischen Fürsten tritt dies Bestreben unverkennbar hervor. Es
1) a. a. 0. 12 n. 6.
bie Verträge der Kaiser mit Venedig big zum Jahre 985. 115
i)
sind uns vier derselben erhalten ^}, alle in streng subjectiTer Fassung
und zwar nur vom Standpunkt einer sich yerpflichtenden Partei,
obwohl alle diese Verträge ebenso wie die yeaetianischen Pacta ge-
genseitige Verpflichtuagen enthalten. Die andere Partei erscheint
immer in zweiter Person, ohne Unterschied, ob sie diejenige ist,
welcher ein Secht eingeräumt wird oder die, welche eine Ver-
pflichtung eingeht Dadurch unterscheiden sich diese Pacta von den
venetianischen Verträgen, die den Wechsel der Parteien in der sub-
jecti?en Fassung aufvveisen, und die erst seit Otto II. eine den süd-
italienischen Pacta entsprechende Einheitlichkeit der subjectiyen Fas-
sung erhalten. Die Partei, welche in erster Person erscheint, ist
regelmässig diejenige, welche den weitaus grössern Theil der Ver-
pflichtungen übernimmt Man ist bestrebt die subjective Fassang
scharf hervortreten zu lassen durch häufige Anweaduag von ego oder
DOS, dem der Name folgt. Dies tritt auch in den streng subjectiy
gefessten Pacta Komana in der Anwendung von ego hervor 2),
in den venetianischen Verträgen aber erst seit Otto IL und auch
hier nur vereinzelt (igitur nos quidem Otto). Die neapolitanischen
Verträge sind ebenso wie die venetianischen in Capitel gegliedert,
und selbst bei den romischen Pacta tritt dies noch ziemlich scharf
hervor; obwohl es dem Dictator gelungen ist die einzelnen Bestim-
mungen zu einem Ganzen zu verarbeiten, so sind doch einzelne Ab-
schnitte zu erkennen, die mit item, similiter, nee non und andern
Wendungen eingeleitet werden. Hier sind freilich nicht die Capitu-
larien, sondern die römischen Urkunden Vorbild gewesen^).
Eine weitere Gruppe von altern Pacta liegt uns in den Ver
trägen der Venetianer mit Wintherius, dem Markgrafen von Istrien,
und den Einwohnern von Justinopolis vor ^}. Die Capiteleintheilung
tritt auch in diesen Verträgen bisweilen hervor, besonders in dem
Vertrage von 933, obwohl es jedenfalls das Bestreben war, den
*) Der Vertrag zwischen Arecbia und den Neapolitanern (Mon. Germ. LL.
4, 2 IS), der des Dux Johannes von Neapel mit Landolf und Atenolf (a. a. 0. 215),
der Vertrag Sicards mit den Neapolitanern (a. a. 0. 216) und der Vertrag zwi-
schen Radelgifi und Siginulf (a. a. 0. 221). *) Sickel a. a. 0. 89 und 95. ') Ebenda
S. 86 und 94. Das gilt nicht nur von den erhaltenen Pacta. Auch das Eugens
beruht auf capitulariter abgefasste Voractcn, die theilweise noch erhalten sind.
Die Acten der Synode von Ravenna von 898 enthalten die in Capiteln aufge-
»ichneten Verhandlungen über ein Pactum Lamberts (Sickel a.a.O. 160, 1C4).
Kbenso schickte Johann Vül. an Karlmann Gesandte cum pagina capitulariter
continente quae b. Petro . . . debetis concedere (Mansi 17,51 = Jaff6 2840).
*) Fontes rer. aust. IL 12 S. 5, 10, fl von 9S2, 9S8 und 976; vgL auch
Komanin l, S67, S76.
8*
116 Panta.
ganzeu Inhalt der Bestimmungec einheitlich zu gestalten. Die Fas-
sung ist auch hier durchwegs subjectiy und durch häufige Anwen-
dung 7on nos und ego scharf betont. Dass also verschiedene Par-
teien iu erster Person erscheinen, ist eine Eigenthümlichkeit der
venetianischen Verträge, die in den mir bekannten Pacta des 9. und
10. Jahrhunderts nicht anzutrefifen ist. Um so wahrscheinlicher wird
dadurch das, was über den Einfluss der Capitularien auf die vene-
tianischen Pacta bemerkt wurde.
Da aber fast alle oben angeführten Verträge gegenseitige Yer-
pflichtungen enthalten, so müssen wir wohl eine doppelte Ausferti-
gung derselben annehmen. Eine solche muss bei den venetianischen
Pacta wenigstens- so lange stattgefunden haben, als sie einen rein
vertragsmässigen Charakter tragen. Wir müssen annehmen, dass
eine Auswechslung nicht nur zwischen Kaiser und Yenetianern statt-
gefunden hat, sondern dass auch die den Vertrag eingehenden Städte
mindestens Abschriften dieser Verträge in Empfang genommen haben.
Den sichersten Anhaltspunkt gibt uns hier das Pactum Sicards. In
der Fassung, wie es uns vorliegt, ist es gewiss den Neapolitanern
übergeben worden; denn es ist vom Standpunkte Sicards subjectiv
gefasst und die Neapolitaner erscheinen in zweiter Person. Und
doch geht die uns erhaltene Urkunde gewiss nicht auf das den Neapo-
litanern übergebene Exemplar zurück. Denn das Pactum ist uns im
Cod. Vat. 5001 erhalten, welcher im 13. Jahrhundert in Salerno, dem
Sitze der Nachfolger Sicards, geschrieben wurde, und wir haben eine
ganz bestimmte Nachricht, welche besagt, dass dieser Vertrag im
Palatium von Salerno aufbewahrt wurde. Die Nachricht lässt sogar
keinen Zweifel darüber, dass die hier aufbewahrte Urkunde dieselbe
Fassung aufwies, wie das uns erhaltene Stück, dass sie also subjectiv
vom Standpunkte Sicards war ^). Es ist daher nicht zu bezweifeln
dass die uns erhaltene Copie eben auf die im Palatium von Salerno
aufbewahrte Urkunde zurückgeht. Sicard Hess demnach sein Pactum
zweimal ausfertigen; die eine Ausfertigung übergab er den Neapoli-
tanern und sie ist als das eigentliche Original zu betrachten; die zweite
gleichlautende Ausfertigung behielt er für sich. Ob auch die
Neapolitaner eine Urkunde ausgestellt haben, kann zweifelhaft bleiben ;
doch ist es mindestens sehr wahrscheinlich, da dieser Vertrag auch
Verpflichtungen der Neapolitaner enthält.
1) Ghron. Salernitanum in Mon. Germ. S, 849 ; darnach lautete der Eingang :
En ego Sicardus domini gratia principis concedo vobis Neapolitanis paoem et
firmiflnmam libertatem. Es ist dies kein wörtliches Incipit, sondern ein Regest
der einleitenden Sätze.
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 988. 117
Dass bei Verträgen beide pactirenden Parteien Urkunden aas-
wechselten, erfahren wir aus den Berichten über den Frieden Karls
mit den Griechen Yom J. 812. Karl schickte im Jahre 811 an den
griechischen Kaiser die Friedeusbedi ngungen ein und stellte 812,
nachdem dieselben in Konstantinopel angenommen waren, eine Ur-
kunde aus, welche die griechischen Gesandten in Empfang nahmen
(scriptum pacti ab eo in ecclesia suscipientes). Diese begaben sich
hierauf nach Born und empfingen hier vom Papste dieselbe Urkunde
tradirt (in basilica sancti Petri apostoli eundem pacti seu foederis
libellum a Leone papa denuo susceperunt). Im Jahre 813 schickte
Karl seine Gesandten nach Konstantinopel propter pacem cum Michaele
imperatore confirmandam. Diese kehrten erst nach Karls Tode mit
einer griechischen Gesandtschaft zurück und brachten descriptionem
pacti ac foederis. Derselbe Vorgang wiederholte sich bei der Neu-
abschliessung des Vertniges in den Jahren 814 und 815 (descriptio-
nem pacti quam Leo imperator eis dederat detulerunt ^). Der Be-
richt Einhards setzt das scriptum pacti Karls und die descriptio pacti
Michaelis in einen Gegensatz. Doch ist darauf weiter kein beson-
deres Gewicht zu legen ; denn in seinem Briefe an Michael bezeichnet
Karl auch die von ihm ausgefertigte Urkunde als pacti descriptio.
Descriptio soll hier nicht eine blosse Abschrift bezeichnen, sondern
ist gleichzusetzen mit conscriptio, ein Ausdruck, der ganz dem con-
scribere der gewöhnlichen Präcept entspricht Die Gegenurkunde
der Griechen lautete auf den Namen des Kaisers Michael, war also
wohl yom Standpunkte Michaels subjectiv gefasst, und so wie die
Urkunde Karls mit den Unterschriften der fränkischen Vornehmen
versehen war, so yerlangte Karl auch die Unterfertigung der in grie-
chischer Sprache aufgesetzten Urkunde durch vornehme Griechen.
*) Einhard Annalen zu den Jahren 810 -S15. Der Papst übergab den
Griechen, wie ausdrücklich von Einhard her?orgehoben wird, die YOn Karl aus-
gestellte Urkonde, die er gewiss ebenso wie das Reichstheilungsgesetz von 806
unterfertigt hat (vgl. £inhard zum Jahre 806 und Simson 483). Doch geht die
Mitwirkung des Papstes bei Abschliessung des Vertrages weiter; sie äussert sich
aoch darin, dass der Papst das von Karl aasgestellte und den griechischen Ge-
sandten in feierlicher l^raditio Qbergebene Pactum ebenfalls tradirt d. h. eine
Handlung vornimmt, die nur dem Aussteller der Urkunde zusteht (Brunner
Zur Bechtsgesch. der lömisch-germanischen Urkunde S. 86). Seine Mitwirkung
geht also weiter als die der irSokischen saoerdotes und proceres, welche die Ur-
kunde gleichfiüJs unterzeichneten : er gilt als Mitaussteller der Urkunde. Deshalb
wird von £inhard die Traditio als der ungleich wichtigere Akt hervorgehoben,
der ünterfertignng des Papstes aber nicht gedacht
118 Fantfu
Der Inhalt der Urkunden war aber ein im wesentlichen gleich-
lautender ^).
Auch bei Verträgen zwischen Papst und Kaiser war man darauf
bedacht mehrere Exemplare des zu Stande gekommenen Factums
anzufertigen. Nach dem Bericht der Yita Hadriani stellt Karl im
J. 774 eine Urkunde aus, die wir als das eigentliche Original zu be-
trachten haben (ascribi iussit per Etherium . . . notarium suum);
eine zweite gleichlautende Urkunde wurde bei den Eeliquien des h.
Petrus hinterlegt (apparem ipsius donationis per eundem Etherium
adscribi faciens . . . super corpus beati Petri . . . propriis suis ma-
nibus posuit). Doch empfieng Karl auch vom Papste mehrere Exem-
plare dieser Urkunde, die, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, nicht
von Hitherius, sondern von dem Scriniarius der römischen Kirche
angefertigt wurden (aliaque eiusdem donationis exempla per scrinia-
rum sanctae nostrae Bomanae ecclesiae ascripta, eine Lesart bietet
descripta ^). Ob wir hier an eine Gegenurkunde des Papstes zu
denken haben, bleibt zweifelhaft. Aus dem describere wenigstens
kann nicht auf eine blosse Abschrift schliessen.
Scribere ist der technische Ausdruck für die Ausstellung eines
Vertrages wenigstens im 9. und 10. Jahrhunderte gewesen. Schon
im Pactum Guntchrams und Childeberts schwören die beiden Parteien
quae a nobis . . . promissa et scripta sunt einzuhalten. In den ve-
netianischen Verträgen heisst es vom Kaiser: constituit ac descri-
bere iussit. Die Vita Stephani IL erzählt von dem Vertrage, der 754
zwischen Aistulf und Pippin abgeschlossen wurde: spopondit ipse
Aistulfus sub terribili et fortissimo sacramento atque in eodem pacti
foedere per scriptam paginam adfirmavit . . . ^) Perscriptam
pagin am terribili sacramento geht Desiderius Verpflichtungen gegen
den Papst ein *). Nach dem Berichte des Chronicon Salernitanum
') Epiid;. Carol. n. 40 : euRoipiendo a nobis pacti conscriptionem tarn nostra
propria quam et sacerdotum et procerum nostrorum subacriptione firmatam, ita
ut memorati legati nostri foederis oonscriptionem tuam, et sacerdotum patrido-
rumque ac procerum tuorum subscriptionibus roboratam a sacrosaneto altari tuae
manuB porrectione suscdpiant. Und wtiterhin: Quapropter rogamus . . . ut di
tibi illa quam nos fecimus . . . pacti descriptio placuerit, similem ilii —
Grecis litteris conscriptam et eo modo quo superius diximus roboratam —
missis nostris memoratis dare digneris. Bei den Friedensverhandlungen von SOS
empfiengen die griechischen Gesandten pactum iaciendae pads in scripto; vgl.
auch die conscriptio pacis der Ann. iSith. zum J. 808. *) Muratori SS. 8, 186.
Martens bezweifelt die Echtheit dieser Stelle in der Vita üadriani ; trotzdem kann
aber der Bericht fflr die Feststellung der Vorgänge bei Ausfertigung eines Pactums
verwerthet werden (vgl. Sickel Privileg um 25). ») Muratori SS. S, 170. *) Ebenda S. 1 72.
Die Verträge der Euser mit Venedig bis zum Jahre 98 o. HM
schliesst Sico von Benevent einen Vertrag mit den Neapolitanern sab
terribili fortissimoque sacramento . . . per scripLam paginam. Hier
wird freilich die Erzählung von dem Vertrage Aistulfs in der Vita
Stephani theilweise wörtlich benützt, aber auch der Vertrag Sicards
mit den Neapolitanern wird per scriptam paginam abgeschlossen ^).
Nehmen wir dazu alle die früher citirteu Stellen aus Einhard und
der Vita Hadriani, so können wir wohl sagen, dass scribere für Aus*
Stellung Yon Verträgen im 9. und 10. Jahrb. allgemein gebraucht war.
So wie bei den Frivaturkunden hielt man auch bei den Ver-
trägen der grossen Gewalten untereinander au der feierlichen Traditio
fest. Dies wird uns ausdrücklich von dem Pactum Karls mit den
Griechen von 812 berichtet, und sie war, wie Sickel ausführt, auch
bei den Pacta Somana Brauch. Jedoch begnügte man sich ni( ht mit
der förmlich tradirten Urkunde, sondern verlangte auch die eidliche
Bekräftigung der eingegangenen Verpflichtungen. In den oben an-
gefahrten Citaten werden Eid und schriftliche Ausstellung des Ver-
trages oft einander gegenübergestellt. Auch die venetianischen Ver-
trage sollen, wie ausdrücklich gesagt wird, von beiden Parteien
beschworen werden. In dem Vertrage des Dux Johannes mit Landulf
und Atenalf heisst es: Bepromittimus et iuramus et iurare faciemusv
nos Johannes etc. Dieser Vertrag soll also nicht nur von Jobannes
selbst, sondern auch von andern eidlich bekräftigt werden und man
ist bestrebt im Vertra'^e selbst das ganze Volk hervortreten zu lassen
als pars veatra Langobardorum und pars nostra Neapolitanorum. Wie
sehr dies Bestreben auch in den venetianischen Vertragen hervortritt,
haben wir gesehen. Sicard leistet sein Versprechen dem Erwählten
von Neapel und dem magister milituuL, aber auch dem ganzen Volke
( vel popalo vobis subiecto) und nicht er allein, sondern auch seine
iudices übernehmen die Verpflichtungen, da diese die einzelnen Ca-
pitel beschwören und den Vertrag onterzeichnen sollen. Den uns
nicht mehr erhaltenen Vertrag zwischen Sico und den Neapolitanern
bat nicht nor der dux, sondern alle seine Unterthanen beschworen.
Der Vertrag Sicards weist uns darauf hin, dass diejenigen, welche
den Vertrag unterzeichneten, anch den Schwur leisten mussten. Die
Zeugenreihe ist uns hier freilich nicht mehr erhalten, wohl aber noch
in dem Vertrage des Dux Johannes mit Landolf und Altenolf. Da
dieser Vertrag vom Standpunkte des Dux Johannes subjectiv ge-
>) Clmm. äalemitannm, Mon. Uerm. 3, 497. 499. Der Vertrag Sicards und
ond der xwiseliea Batdplctris und Sikenalf wird als foederis scriptnin bezeichnet
(a. a. 0. 511).
120 Fanta.
fasst ist, so erscheinen unter den Zeugen nur Neapolitauer. Denn
auch der an dritter Stelle genannte Landolf ist gewiss nicht der
Forst, mit welchen der Vertrag abgeschlossen wird, da sonst auch
Atenolf und andere Langobarden genannt sein müssten. Bei dem
Vertrage zwischen Badelchis und Sikenulf tritt freilich das ganze Volk
nicht bestimmt hervor. Es erklärt sich dies aus dem besondern Cha-
rakter des Vertrages. Aber dass dieser Vertrag beschworen werden
soll, wird oft hervorgehoben — von wem wird freilich nicht aus-
drücklich gesagt. In der uns erhaltenen Fassung lesen wir keine
Zeugenreihe, das Ghronicon Salernitanum aber zählt die Namen derjenigen,
die den Vertrag unterzeichnet haben, vollständig auf. Da der Ver-
trag subjectiv vom Standpunkte des Badelchis gefasst ist, so enthalt
die Zeugenreihe jedenfalls nur die Namen von ünterthanen dieses
Fürsten, da wohl Badelchis, aber nicht Sikenulf in den Unter-
schriften erscheint. In den Verträgen der Venetianer mit Justino-
polis und Winther sind uns die Zeugenreihen erhalten. Der älteste
dieser Verträge trägt die Unterschriften von nicht weniger als 58
Zeugen, die als consentientes ercheinen (Antho filius Johanni de Me-
linda consentiens). Dass consentieus vom 28. Namen angefangen
fehlt, ist wohl die Schuld des Schreibers des Liber albus. In der
Urkunde selbst aber werden 20 andere Personen angeführt, welche
den Vertrag cum consensu totius populi nostri abschliessen. Im
ganzen also werden nicht weniger als 78 Personen angeführt. Der
Vertrag mit Winther ist von diesem selbst und 18 Zeugen unter-
schrieben; die beiden Bischöfe als Schriftkundige unterzeichnen mit
Ego N. manu mea subscripsi, alle übrigen mit Signum manus N.
consentientis. Dass consentiens bei manchen Unterschriften fehlt,
ist ein Verschulden des Abschreibers, das signum meum aber geht
wohl auf falsche Lesung der Herausgeber zurück. Am Schlüsse der
Urkunde befindet sich aber noch eine Beihe von 21 Namen derje-
nigen Personen, welche den Vertrag beschwören sollen (De civitate
Pole iuret . . ). Hier werden also wolil diejenigen angeführt, welche
bei der Vertragsschliessung nicht zugegen waren, von welchen mau
aber die eidliche Bekräftigung des Vertrages wünschen mochte. Im
zweiten Vertrage mit Justinopolis finden wir 33 Unterschriften, alle
mit Signum manus N. testis subscripsi oder Signum manus N. testis.
Dass diese testes den Vertrag eidlich bekräftigt haben, kann wohl
nicht bezweifelt werden. Die Verträge sind subjectiv vom Stand-
punkte Winthers oder der Einwohner von Justinopolis ; es erscheinen
also die Venetianer in den Unterschriften nicht. Eine Zeugeareihe
hatte nach dem Bericht der Vita Hadriani auch die von Karl im
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98 S. 121
J. 774 ausgestellte Urkunde; zugleich wird auch der Eid Karls und
seiner iudices erwähnt ^). Als es im Jahre 817 zu einem neuen Vertrage
kam, wurde derselbe yon Ludwig und seinen Vornehmen nicht nur
unterfertigt, sondern auch eidlich bekräftigt^). Im Pactum von 962
wird eines Eides nicht gedacht, wohl aber wurde es ebenso wie die
frühem Vertrage von den Vornehmen des Kaisers unterfertigt und
die Bücksicht auf das ganze Volk tritt gerade hier in einem selb-
ständigen Zusätze hervor. Auch bei der Ordnung der römischen Ver-
hältnisse im J. 824 kam es zum Abschlüsse eines von Papst Eugen
ansgestellten Paciums. Der Papst musste einen Eid leisten, der dann
als Pactum schriftlich fixirt , wurde; aber auch das römische Volk
wurde zur Ablegung eines Eides verhalten, welcher ebenfalls im Pactum
berücksichtigt ward ').
Das den Griechen im Jahre 812 übergebene Pactum war mit
den Unterschriften Karls und seiner Grossen versehen und eine ebenso
ausgestattete Urkunde hatte der Kaiser Michael auszustellen. Eines
Eides wird hier nicht gedacht. Und doch erscheint der Eid bis-
weilen als das wesentlichste Moment* Bei dem Vertrage zwischen
Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen meldet Nithard von
einem schriftlichen Uebereinkommen nichts. Er führt aber den Schwur
beider Könige an und entsprechend dem, was wir bei andern Ver-
trägen finden, leistet auch das ganze Heer einen Eid. Es ist uns
ferner ein Vertrag zwischen Heinrich I. und Karl dem Einfaltigen
bekannt *). In der Form, wie er uns vorliegt, ist er kein Vertrags-
instrament, kein scriptum pacti, sondern eine Aufzeichnung über die
Verhandlungen. Nur der von beiden Königen geleistete Eid wird
angeführt und zuletzt werden die Namen der Bischöfe und vornehmen
Laien aufgezahlt, qui . . . firmitatem quam praenominati reges inter
') Factaque eadem donatione et propria sua manu . . . rex eam corrobo-
rana univenos episcopos, abbates, duces etiam et graphones in ea ascribi iecit:
und weiterhin: tarn ipae Franooram rex quainque eins iudioes beato Petro . . .
sub terribili sacramento . . . tradiderunt. *) Martens Die röm. Frage t2o2 hält
die Worte sub iure iurando in der Urkunde Ludwigs f&r Papst Paschalis von 817
far ein Einschiebsel eines spätem Fälschers und zwar aus dem Grunde, weil diese
Worte im Ottonianum fehlen. Dieser Grund reicht aber noch lange nicht aus
hier eine Fälschung zu erblicken. Die Erwähnung des Eides entspricht vielmehr
gerade dem, was wir sonst von Verträgen erfahren. ') Mon. Germ. LL. 1, 289 — 240.
Man legte Gewicht darauf, dass der Papst seine Versprechungen durch Pactum
and Eid bekräftige: tale sacramentum . . . quäle domnus Eugenius papa pro
conaervatione omnium factum habet per scriptum. Dass auch der Eid der Römer
ia das Pactum Eugens übergegangen ist, folgt aus dem Pactum Otto I. von 962
(Sickel Privilegium Otto I. 161). *) Mon. Germ. LL. 1, 567.
122 Kanta.
86 feceruiit coUaudando acceptarunt et mauibas suis sacramentum
firmaverunt. Es werden 15 Unterthanen Karls und 17 Heinrichs
genannt
Man sieht also, dass diese Zeagen in den Verträgen eine ganz
besondere Bedeutung haben. Sie sind nichb bloss Beurkundungs-
und Handlungszeugen, sie sind Garanten des Vertrages, an dessen
Einhaltung sie ebenso wie der Aussteller der Urkunde gebunden sind.
Dass auch die yenetianischen Verträge beschworen werden sollen,
wird außdrQcklich hervorgehoben. Eine Zeugenreihe ist uns aber nir-
gends erhalten. Dass sie wenigstens in dem ersten Vertrage Tor-
handen gewesen sein muss, dürfte aus den bisherigen Ausführungen
wohl mit Sicherheit zu folgern sein. Bei dem besondern Charakter
des Vertrages, in welchem beide Parteien in subjectiver Fassung auf-
treten, waren hier wohl Zeugen beider Parteien angeführt Sobald
man aber unter der ersten Person nur mehr den Kaiser verstand,
konnte die Zeugenreihe natürlich nicht mehr beide Parteien um-
fassen. Doch ist es möglich, dass man später davon überhaupt abge-
sehen hat.
Ich fasse nun das Resultat, das sich für die Entstehung der
venetianischen Verträge ergeben hat, kurz zusammen. Die Venc-
tianer schlössen schon mit Liutprand einen Vertrag ab, der aber nur
die Sicherung ihrer Grenzen bei Cittä nuova betraf und wahrschein-
lich auch Bestimmungen über die Weide- und Holzgerechtigkeiten
der Venetianer enthielt Die uns erhaltenen Verträge dagegen gehen
auf ein Capitulare zurück, das wahrscheinlich im Jahre 805 oder 806
am Hofe Karls wohl nach langem Vorverhandlungen erlassen wurde. Als
Vertrag wurde dies Capitulare bald nach dem Kriege von 810, wahr-
scheinlich im Jahre 812 festgestellt Wenn auch der Friede mit den
Griechen Veranlassung gab, die Verhältnisse zu Venedig endgiltig
zu ordnen, so sind doch die Bestimmungen dieses Vertrages nicht
mit den Griechen vereinbart worden. Doch bat Karl in dem den
Griechen übergebenen Vertrage den Venetianern den ungestörten
Besitz ihrer Güter innerhalb seines Reiches zugesagt und diesen
Artikel des Friedensvertrages den Venetianern in besonderer Urkunde
bestätigt Die besondere Entstehungsart des Vertrages prägt sich
noch deutlich in der Fassung aus, welche den Capitularien entspre-
chend den Wechsel der Personen in subjectiver Fassung aufweist
und ursprünglich die beiden pactirenden Parteien und nicht den
Kaiser als redend einführt Liegt in der Verkennung der ursprüng-
lichen Anlage ein wichtiges Moment für die weitere Entwicklung
der Verträge, tritt in Folge dessen der Kaiser als sich verpflichtende
Die Verträge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98 C. 123
Partei auf, so ist man auch bestrebt, den venetianischen Verträgen
nach dem Master der andern Pacta eine subjeetiv einheitliche Fas-
sung Yom Standpunkte des Kaisers zn geben. In dem ursprünglichen
Charakter des Vertrages dürfte es auch begründet sein, dass das
Pactum im Protokoll und in seinen änssern Merkmalen, soweit wir
sie noch verfolgen können, den Charakter einer Privaturkunde trägt,
dass es weder mit dem Signum des Königs und dem Siegel, noch
mit der Corroboratio und Poen versehen war. Das Protokoll trägt
trotz mancher kanzleigemässen Theile ganz den Charakter der
Datirang und besagt wohl noch unter Lothar nichts weiter, als dass
der Vertrag zur Zeit Kaiser Lothars stattgefunden, und der Eingang
spricht nnr davon, dass der Kaiser die Anfertigung eines Vertrages
zwischen beiden Contrahenten anbefohlen habe. Diese Eigenthüm-
lichkeiten zeichnen die venetianischen Pacta vor allen andern Ver-
trägen aus, mit denen sie aber eine ganze Reihe besonderer Merk-
male auch theilen, insofern letztere durch eine besondere Entstehungs-
art nicht beeinflusst sind.
Karl IIL erneuert den Vertrctg eeiner Varffänffer mit Venedig.
Havanna, 880 Januar 11.
Äbiehrift van G. H, PeriM im alten Appairat dmr Man, Germ» V»u< dem Codem
Trivitaime iV» i. Siaaisarekw zu Venedig (T). AU Vorurkunde C^^) betrachten
wir, da die andern Verträge nicht erhalten sind, den Vertrag Lothare von 840
(Muhlbaeher Reg. Kar, 1033). — IHeten eowie a^yeh den Vertrag Berengare ziehe
ich zugleich für manche Lesarten herbei.
In nomine sancte et individue trinitatis. Karolus divina favente
gratia rex, anno aut^m regni eius hie in Italia in dei nomine primo,
inditione tertia decima, tercio idus ianuarii; Bauenna urbe.
Hoc pactum sugerente ac suplicante TJrso üenetiooram duce inter Uene-
tieo8 ac vicinos eomm constitidt ac renovando describi et competenter ordinari
ioadt, ut ex utraque &) parte de obsenrandis bis constitutionibns sacramenta dentur
et postea per ohservationem hamm oonstitutionum paz firma inter illos perae-
veret Vidni yero Üeneticorum sunt ad quos huius pacti ratio pertinet Italicis '*) :
Istrienses, Foroiulienses, Cenetenses, Taruisianenses, Uincentinenses, Monterälicenses,
Patauienses Ferrarienses, CauaHenses, Comaclenses, Rauennates, Cesenetenses,
Ariininenses, Pisaurenses, Fanenses, SenegallienseB, Anconenses, Humanenses, Fir-
mensee et Quinensesc), etiam totius regni nostri, in quibus lods qui-
cumqne vel presenti tempore constitutus est, vel futuris temporibus consti-
a) nostra T b) erscheiDt auch im Vertrage ßerengar L Forschungen 10,279
doch hier von Dömmler mit Unrecht als Glossem ausgeschieden, c) Pinenses Vü.
124 Fanta.
tueiiB ^), tnaiores atque minores Qaod oonstituenmt ipse vero piissimus rex *
cum Urso duoe Ueneticorum et cum ipso populo Uenetioorum, idest cum habitato-
ribus Ritioalti, castri Oliuoli, Amorian^, Methamaucensis, Albiole, Clugi^ Brun-
duli, Fossioues, Laureti, Toroelli, Amioni, Burian^, Ciiiitatis nouQ, Finis, Equili,
Caprularnm, Gradus, Caput argeris et cum Omnibus habitatoribos, tarn episcopis
et saoerdotibuB quam et primatibus seu et reliquo populo et cuncta generaHtate
ad ducatnm Veneti^ pertinentibus. Hoc pactum obserTare debebunt per annos
oonstitutos numero quinque, ut nuUa malitia neo lesio inter partes factti prove-
niat ; et si. qaod absit, aliquid mali inter partes commissum fuerit, secunduuL,
pacti huius seriem emendaie et iustitiam conseryare ad invicem repromittant,
cuiuscumque gentis sit.
l. Quodd exoursus in finibus vestris Venetiarum iactus fuerit, persona ipsa
que in capite fuerit ad eandem malitiam &ciendam intra sexaginta dies parti
vestrQ tradatur e) et omnia quae fuerint ablata in duplnm restituantur ; quod
si ipsum dnplum vobis non composuerimus aut si personam ipsam yestris ma-
nibus non dederimus infra sexaginta dies, pro unaquaque persona qu^ ipsam ma-
litiam perpetraverit auri solidos quingentos oomponamnsO*
3. Et Yolumus ut omnes homines vestros, postquam pactum anterius factum
fuit PapiQ, quiad noe confugium feoerunt, si eos invenire potuerimus, ad partem
yestram restituamus 0-
8. Similiter repromisistis ?) uobis, ut homines chriatianos, qui liberi sint^
depotestate vel regno dominationis nostrQ sdenter non emamus nee venundamus
nee pro quolibet ingenio transponamus, ut captiTitatem patiantur aut >*) eos suus do-
minus perdat; sed neque aliquem christianum alicubi qualibet occasione trans-
ponamus, ad hoc ut propterea in potestate paganorum deveniat, et si invene-
rimus quod aliquis eos in ducatum nostrum adduzerit, modis omnibus ad partem
▼estram reddere debeamas, qui ipsa mandpia adduxerit christiana venundanda
et omnia quae seoum adduxerit, ipse qui eos adprehenderet habeat concessa sibi.
4. De captivis vero qui inventi fuerint in ducatibus nostris : utipsas personas quae
eosdeiD captivos transposuerint ') cum omnibus rebus et ^) familiis ad partem
vestram reddamus, et si hoc factum non fuerit, tunc prebeat sacramentum iudex
loci illius ubi ipsa mandpia requiruntur cum quinque ^) ellectis qua] es pars vestra
ellegerit, quod ea mandpia illuc suscepta non fuerint nee inde transposita.
5. Et hoc spondemus, ut quicumque post renovationem huius pacti ad nos con-
fugium fecerunt, cum omnibus rebus eorum parti yestr^ reddantur.
6. Si autem scamara aliqua vel hostis aut qualiscumque persona per fincs
nostros contra vos ad vestram lesionem vel ad vestra loca venire tentaverit et ad
d) T und Berengar 1., constituti sunt — constituti fuerint VU e) tra-
dantnr T f) oomponam, reetituam T g) repromidsti T h) ut T i) transposuerit T
k) fehlt in T 1) quinquaginta T.
Die Veriräge der Kaiser mit Venedig bis zum Jahre 98 S. 125
nostram notitiam pervenerit, moz sine aliqna tarditate vobis nondabimns, ita
ut per no8 nullam habeatis lesionem.
7.£thoc8taiuimuflat, qnandocamque mandatum domini imperatoris Caroli
clarissimi angusti yel miasorum eins nobis fuerit nunciatum, inter utrasque ])arte8
:ul vcdtram solatiam cnm narali exercita contra generationes Sclauornm, inimicos
scilicet TestroB, in quo potuerimns solatiam prestare debeamus absque nlla ocasiono.
8. Spondemns quoque, ut nullam inimiooram, qui oontra tos vestrasque partes
sant Tel qut fuerint, nos qni modo sumus Tel qui fnerint adiutorium ad vestram
iesionem faciendam pr^bere debeamus sab qnolibet ingenio intra hoc spatio pacti.
9. Si enim hirtnm inter partes factum fuerit, in quadruplum restituatur ■»}.
10 Si serTi aat ancille infra hoc spatiam inter partes confugerint, cum om»
nibos rebus quas detulerint secum reddantnr ; et iudex qui ipsos fugitiTOs reddi-
(ierit, pro unoquoque singuioa solides anri recipiat» sie tamen ut si amplius requi-
rituri'), per sacramentum idoneum dominis illorum satisfiactnm fiat. Si Tero iudex
ip30j fagitlTOs susceperit et eos negaTerit reddere et exinde aliud confugium ie-
oerint, pro unoquoque fogitiTO auri solidi septuaginta duo componantur.
11. £t hoc statnimus de fugitiTis de quibus constat ad quos iudices vel loca
ipsi ") fugitiTi fugerint : quod si dubium iiierit et denegayerit iudex vel actor
loci illius, in quo liberi Tel serri reqairuntur, tnnc prebeant sacramentum duo-
decim ellecti qnod ibi nee suscepti fuerint nee illos habeant nee in conscientia
eonun sit nee aliquas res illorum secum habuerint Si autem hoc distulerint
iacere, post primam et secnndam contestationem presentia testinm peraciam
per 0) inssionem indidsiB sui liceat eum pignorare hominem de ipso loco ubi
caiisa requiritur, ita tamen ut ipsum pignus post peractam iustitiam in integre
reddatur »).
12. Et nullatenus liceat alicui per alia loca pignus aodpere, nisi ubi fugitiTi
aut causa requiritur, — ibi pignoretur; et si pignoratio perTenerit, et pignus snum
redpiat: f'i autem infra sex menses proposueritp) ipse iudex aut aliqua persona,
qoae pignns tulit iudicium habere, post transaotos iUos sex menses in dupluui
index loci illius omnimodo ipea pignora reddat. Nam si quis de alio loco pignus
tollere presumpserit aut sine causa talerit Tel aliqaem pro pignore pignorare
presnmperit, in duplo quod tulerit restituai
18. 8i Tero equi Tel equae aut armentum aut aliqua quadrupedia fuerint ablata
ant semet ii)8a aberraTcrint >»), modis Omnibus parti Tostrae reddantnr« Quod si post
primam et secnndam contestationem minime reddita fuerint, tunc proToniat pigno-
ratio de loco ubi hoc requiritur, usque dum pars parti satisfaciat et post satis-
t&ctionem ipsa pignora reddantur.
14. Ethocstetit utsi fugitiTi sed res redditQ fuerint et per sacramentnm satis-
m) restituantur, habnerit, reddantur, aberraTCrit T n) Berengai* I; ad tos
i T. 1. ubi ipsi T o) presentiam per T, ergänzt nach Berengar I. p) wohl =
postposuerit.
j
126 t'antA.
fiustio adimpleta fuerit, modis omnibuB pars parti sive reddendi dye iorandi se-
curitatem fadat.
1 5. Si quis vero infra hoc spatium piguorare presumpserit, excepto memorato
capitalOf causam perdat et quod tulerit restituat.
16. Negodi autem inter partes liceat dare quod inter eos convenerit vel in ve-
nire potuerint sine aliqua yiolentia aut oootrarietate ezceptis ab aliis, ita ut Qqi.a
conditio utrarumqae partium negociatoribus, in quibuslibet fuerit, oonservetur.
17. De ripatico verO et transitaris fluminum stetit, ut secundum aniiquam
oonsuetudinem debeamus tollei^e per portus nostros et flumina et nullum gravamen
vel violentiam fadamus; et si fsustum fuerit et ad nostram notitiam pervenerit,
ab eis ÜEunamus eiinde iustitiam faoere ; et homines vestri lioentiam habeant per
terram ambulandi vel flumina transeundi ubi voluerinfc; similiter et homines
nostri per mare.
18. Sed et hoc convenit, ut si qua l^sio inter partes evenerit, legatarii non deti
neantur, sed securi ad propria redeant ; similiter e t epistolarii si detenti fuerint
relaxentur et componantur eis soldi trecenti. Et si, quod absit, occisi fuerint,
oomponantur parentibus eorum pro ipsis soldi mille et ipsa persona tradatur in
manibus eorum.
19. 8i quis inter partes causas habuerit, vadat semel vel bis cum epistola indids
sui et si d iustitia minime facta fuerit infra dies XIV, d ipse homo unde iustitia
requiritur infra ipsum locum fuerit, infra dies Septem licentiam habest pignorare
iudioemqui in ipso tempore ordinatus fuetrit infra ca&am<i) suam, quantum ipsum
debitum fuerit, et ipsum pignus salvum sit usque ad supra nominatas noctes ; et
d ipsum pignus antestetent, componantur soldi Xll causa manente, ut^) in antea
et iterum pignoratio non fiat, ubi potuerit, in fines ubi causa requiritur; de tarnen
ut ubi iudicium ambabus partibus denundatum fuerit, resedentes duo de utraque
parte de loco ubi causa requiritur — et quod ipd per evangelia determinaverint,
pars parti satisfadat.
20. Et hoc stetit, ut si quis homiddium perpetraverit staute pacto, modis
Omnibus partibus vestris Ugati tradantur, quanti in ipso homiddio mixti fuerint ;
et d distulerint eos tradere, pro unaquaque persona componant auri solides •)
trecentos.
21. Etsialiquis insilva pignorationem fiicere voluerit. de fiat dne homiddio;
et d, quodabdt, homiddium factum fuerit in libero homine, componat pro ipso
auri solidos trecentos et pro servo solides L; et d plaga peracta fuerit in Hbero
homine, componat solidos L et pro servo solidos XXX.
22. Et hoc stetit, utdefeminis ac mulieribus seu puellisvd gregibus equorum
vel gregibus porchorum indomitorum nulla pignoratio fieri debeat ; et d qua pars
facere presumpserit, componat solidos L et ipsa pignoratio salva restituatur.
q) causam T r), fehlt in T. s) oomponat a. solidi T.
Die Vertr&ge der Kaitier mit Venedig bis zum Jahre 08 S. 127
28. Similiter atetit, ut in rebus sanctorum eocledarumque dei nuUa pignoratio
fieri debeat, excepto si cum sacei-dotibus eodesiarum ipsamra causas habuerit; et
antea oompellatio fiat semel ant bis, postea fieri debeat pignoratio; nam qui
aliter fiaoere piesumpserit, duplum componat et ai nesciens pignoraverit, pr^beat
sacramentum et dt sollicitus, ut ipsum pignus salvum restituatur.
24'. Et boc stetit de caationibus sive de quibusUbet oommendationibuB, ut si
quis aliquid dederit ad negociandum are aliqua pignora posuaritet solidos mutoaverit,
ipse qui scriptam fidnciationis ant pignus habuerit ipse faciat iura-
mentam et tunc secundum legem et iustitiam inoedat iudidnm; et iustidam
faciat pars parti de bis et similibos cansiB de quibos in anteriori paoto continetur.
25. Et boc stetit ut decapolo quod Riuoaltenses, Oliuolenses, AmorianenseB,
Metbamancenses, AJbiolenses, Toroellenses Gommanensee fisoerunt ab hodie inannos
triginta ubi capolaverunt. babeant lioeniiam capulandi sicut snpradictoa annos
habuenmt consnetudinem, siye per flomina sive per mare ; et flumina quae a}>erta
babuerunt in fine Taruisiana ab hodie in annos triginta reaperiantur«).
26. Equilenses ver o capulare debent in ripa sancti Zenonis osque ad fossam
Methamauri et Oentionis secundum consuetndinem omnem arborem non por-
taatem et regere cum carro aut ad oo]1um aut quantum sibi placuerit, antepo-
siU fossa") Gentionis, ubi minime pr^snmat cum nave introire; et arbores non
portantes infra ipsoe fines designatos licentiam habeant, quantum sibi ad colIum
portare potuerit, lignamen faden dum non ad pectus trahendum nee amplius
per nullum capitulum arbores portantes delendum ; et qui presumpserit arbores
portantes delere, componat solidos C et d aliter introire pr^sumpeerit supra-
KriptQ subiaceat pQnq; et lioenti am habeat peculia vestra in ipsos fines pascere
et pabnlare.
27. De finib us autem Ciuitatis nouQ statuimus, ut sicut tempore Liuthprandi
regia terminatio facta est inter Paulutionem ducem et Marcelluro magistrum mili-
tum, ita permanere debeant [secundum] quod Aistulfus ad voe Ciuitatinos nouoe
largitus est
28. Placuit autem super h^omnia, ut missi dominiimperatoris ▼) Karoli omni
ia tempore parati sint iuetitias facere, ita ut unusquisque ex utraque parte suam
pleaiter redpiat iuntitiam; et ipsi missi ad partem*) domini nostri quioquid
iusaum fuerit redpiant').
29. Feculia[rum quoque partium] 7 ) gregem pascere debeat cum securitate
ogqae in terminum, quem posuit Paulutius dux cum Ciuitatinis novis, sicut in
pacto legitur, de Flaue maiore usque in Plaui racca, quod est terminus vel poprie-
tas vestra.
t) reperiantur T u) Berengar I, causa T und VU vj T im wörtlichen An-
aehluaa an die VU statt regis v) a parte T x) quicquid iussum f. redpiat in
Berengar I, quo usque f. recipiat T y) aus Berengar I ergänzt.
128 Panta.
80. Caprisani vero in silva nbi capulaverunt in fines l**oroinlianoB sempeir fä-
ciant reditum [et ea] decapulent sicnt antea capulaverunt.
8 1 . Et stetit ut de Gradensi civitate secundum antiquam consuetudinem de-
beat dare et oapulas facere ubi antea feoerunt in fine Foroiuliano sicut anti-
quitufi iedstis*).
'82. Reservamns ineodem pacto, ut parsparti de causis ecclesiarum et mona
stcriorum iustitias fadat &).
88. Et hoc stetit de Clugiensibue, ut revertantur per loca sua ad habitandum
84. De eunnchis verostatuimus, ut si quis eos abhincb) in antea facere pre-
suQipserit secundum inolitam consuetudinem, ut ipsam penam subetineat ipse aut
se de nobis rediinat et si hoc negaverit se fedsse, cum duodedm ellectis se incul-
pabilem reddat, sin autem penam sustineat.
85. Yolumus, ut pro sex mancusios solides ab uno bomine sacramentum reci<
piatur et si plus fuerit usque ad duodecim mancusos, duorum hominum iuramen-
tum sit satisfactum ; et ita usque ad duodecim libras Veneticorum semper adden-
dum per duodedm ellectos iuratores perveniat, ut quant^ sint libr^ tanti ^int
etiain iuratores; nam si ultra duodedm librarum questio fuerit, iuratores ultra
duodedm non ezoedant
86. Statuimus enim de pignoribos quQ inter partes posita fuennt, ut si qua
Gontentio de bis orta fuerit, illi tribuatur arbitrium iurandi qui pignus habuerit.
z) cessistis T. In den spätem Pacta folgt nun das Capitel über die Tribut-
leistung.
a) fadant T b) ab T.
Excurse zu Ottönischen Diplomen.
I.
DO. 263. Otto I. bestätigt dem Bistham Marsica den Besitz-
stand, die Immunität und das Inquisitiousrecht und schenkt dem
Bischof Albericus und dessen Nachfolger das Michaelkloster zu
Barrea; gegeben Paterno 19. Februar 964.
Diese bis zum J. 1879 unbekannt gebliebene Urkunde wurde
mir damals von dem H. Grafen Hans von Asseburg zur Beurtheilung
und zur Veröffentlichung in den Diplomata zugestellt. Bis zu einem
gewissen Funkte konnte ich sofort mit aller Sicherheit einen Aus-
sprach föllen; darüber hinaus war mir und ist mir auch heute nach
vielfacher Forschung und Erwägung alles unklar. In der Publica-
tion ist mir der sei. Stumpf zuvorgekommen; er druckte das Diplom
ia Acta ined. 714 n. 513 ab, wie er sagt, nach dem unbesiegelten
Original-Exemplar auf italienischem Pergament in dem Generalvica-
riatsarchiv zu Paderborn. Stumpf hat sich jedes Commentars ent-
halten, obwohl das absonderliche Stück eine ganze Beihe von Fragen
anregt.
Das Pergament gleicht dem von der damaligen italienischen
Kanzlei gebrauchten; Liniirung, Anordnung der Schrift und Faltung
sind die gewöhnlichen. Mundirt ist das Stück in allen seinen Theilen
und ohne erkennbaren Absatz von dem italienischen Notar It. G.,
welcher DO. 261 für das Kloster Barrea vom 12. Februar 964 und
DO. 262 für Montecassino vom 1 8. Februar ebenfalls geschrieben hat ^).
Das Protokoll ist in jedem Punkte kanzleigemäss. Wie das von It. 0.
copirte Concept entstanden ist, liegt auf der Hand. Um für die bi-
schofliche Kirche von Marsica eine Immunitätsbestätigung anzufertigen,
*) Da die neue Edition noch nicht in den Händen der Leeer ist, führe ich
hier die älteren Drucke der von mir am häufigsten zu erwähnenden Präcepte an:
DO. 261 =» Gattola 1, 76; DO. 262 == G. 1,71 ; DO. 860 = G. 1, 72 ; DO. 890
G. 1,73.
Mittheilaogeii. ErK&nzun^bd* L ^
130 SickeL
wählte man als Vorlagen die einst Barrea ertheilten Präcepte, von
denen auf uns nur das Diplom Berengars und Adalberts vom J. 953
(Böhmer BK. 1435) und dessen Nachbildung DO. 261 gekommen
sind. An passender Stelle und in durchaus correcter Formel wurde
die Schenkung des Klosters an die Bischöfe eingeflochten. Es lässt
sich an dieser Beinschrift von bekannter Hand nicht das geringste
aussetzen; dieselbe ist vielmehr so gut wie jede andere Original-
ausfertigung dieser Zeit verbürgt — nur fehlen zwei Merkmale der
Vollendung oder die zwei wesentlichen Kennzeichen der Vollziehung:
das Handmal ist nämlich ohne den Querbalken geblieben, durch
welchen dasselbe erst perfect wurde, und es ist zweitens nicht einmal
der Versuch gemacht worden, das Pergament mit dem Kreuzschnitt
zu versehen, durch welchen das Siegel aufgedrückt zu werden pflegte.
Kurz vor seinem Tode schrieb einmal Böhmer ') an Kopp: Seit
Sickels und Stumpfs Forschung nimmt man jetzt • überhaupt eine
grosse Anzahl von Urkunden für gefälscht, aber es sind viele Stufen
der Fälschung: diplomata refecta, interpolata etc., woraus schwer
herauszukommen ist. Der Altmeister hielt uns für Erfinder einer
Unterscheidung, welche schon Mabillon aufgestellt und dann D. Buinart
(Supplementum 16) ausführlich begründet hatte. Ja die Mauriner
bereits kennen auch die weiteren Abarten der Nachzeichnung, Neu-
ausfertigung u. s. w., welche als mehr oder minder unlautere Ueber-
lieferungsformen in der neueren Diplomatik eine grosse Bolle spielen ;
desgleichen die der normalen und perfecten Beurkundung vorausge-
gangenen und unter Umständen allein auf uns gekommenen officiellen
Aufzeichnungen, d. h. die Concepte und nicht vollzogenen Bein-
schritten. Die Annahme so zahlreicher Abstufungen würde, meine
ich, auch Böhmer schliesslich zugelassen haben, wenn ihm das Er-
gebniss schon vorgelegen hätte, nämlich, dass die Zahl der eigent-
lichen Fälschungen, d. h. der für unbrauchbar erklärten Urkunden,
durch solche Scheidung nicht gemehrt, sondern im Gegentheil ge-
mindert wird. Aber das ist Böhmer zuzugeben, dass da schwer heraus-
zukommen ist. Ich sehe davon ab, dass namentlich Stumpf in der Be-
urtheilung und Bezeichnung gewisser Stücke sehr geschwankt hat,
und auch davon, dass es z. B. langer Discussion zwischen Stumpf und
Bresslau, . Ficker und mir bedurft hat, bis wir uns über Begriff und
Definition von Concept verständigt haben. Die grössere Schwierig-
keit besteht darin, dass Anomalien um ihrer Mannigfaltigkeit willen
sich so schwer in Kategorien bringen lassen. Ich komme hierauf bei
der von mir DO. 263 gegebenen Bezeichnung zurück.
1) Leben u. Briefe S, 403.
Excurse zu Ottonificheu Diplomen. |3l
Versuchen wir zunächst den Werth von DO. 263 als urkund-
liches Zeugniss mit Hülfe anderer Nachrichten üher das Kloster
Barrea festzustellen. Dieses ist bis in das 10. Jahrh. hinein we-
nigstens zeitweise unabhängig gewesen. Das bezeugen das D. Be-
rcDgars und Adalberts vom J. 953 (Böhmer RK. 1435) und das diesem
ziemlich gleichlautende Originaldiplom Otto I. vom 12. Februar 964
(DO. 261), in welchem auch frühere Immunitätsverleihungen von Karl,
Lothar und Ludwig II. genannt werden. Aber schon sieben Tage
nach Ausstellung von DO. 261 soll nach unserer Urkunde Otto I,
Barrea dem Bisthum Marsica auf alle Zeiten zugesprochen haben.
Ißt eine solche Verfügung und zwar in rechtskräftiger Weise erfolgt,
so ist sie doch durch eine in DO. 396 vom J. 970 erwähnte prae-
ceptalis auctoritas (Actum deperditum) dahin abgeändert worden, dass
das Kloster nur auf Lebenszeit des Bischofs Albericus in dessen Besitz
sein, nach seinem Tode aber dauernd Montecassino gehören sollte.
Dass letzteres sein Becht den Bischöfen gegenüber noch vertheidi-
gen musste, werden wir gleich sehen. Zuvor verdient. Beachtung,
dass noch von anderen Seiten Ansprüche auf Barrea erhoben wurden.
In der Besitzbestätigung DO. 336 für Subiaco vom J. 967 erscheint
Barrea (licet a Sarracenis destructum) als dessen Zubehör. Des»
gleichen wird es unter den Besitzungen von S. Vincenzo am Volturno
genannt, nicht allein in einem Diplom vom J. 941 Böhmer BK. 1407,
sondern auch noch in DO. 359 von 968. Dies ist ein neuer Beleg
für das, was ich bei Erläuterung des Privilegiums für die römische
Kirche über die Bedeutung der damaligen Bestätigungsurkunden gesagt
habe: die Kaiser nehmen gleichsam nur Act von den von den Petenten
angemeldeten Bechtsansprüchen, ohne durch die Confirmation den
etwaigen Streit mehrerer Parteien um das gleiche Object austragen,
ja ohne der an bestimmte Formen gebundenen Entscheidung über
solchen Streit vorgreifen zu wollen. Ich kehre zu Montecassino
zurück. Auch in der dortigen von Leo geschriebenen Klosterchronik
(SS. 7,631) wird eingehend über die Erwerbung von Barrea berichtet
Nachdem von DDO. 262 und 360 die Bede gewesen ist, kommt DO.
396 an die Beihe, als Schenkung des monasterium s. Angeli de Bar-
regio . . . quod . . . eo tempore Albericus Marsorum episcopus in
tempus vitae suae per scriptum ab eodem retinebat imperatore. Also
wird unseres Diplomes hier nicht gedacht, dagegen jener nicht auf
ans gekommenen praeceptalis auctoritas. Barrea, i^hrt Leo fort, war
auch in der Bestätigungsurkunde Otto II. inbegriffen, d. h. in Stumpf
Beg. 801, im J. 981 zu Cerice am Fucinosee ') ausgestellt. Sed et
'j üiesebrccht 1, 598,
9*
1S2 Sickel.
Albericus ... in presentia eiusdem impefatons, qai tnnc apad Mar-
siam in monte yocabulo Cedici morabatur, cartalam refatationis Uli
de eodem Barregensi monasterio faciens quietum de caetero sab hoc
monasterio manere constituit (ich deute dies so: auf Grund der Ver-
zichtleistung liess er Barrea fortan unbehelligt unter der Leitung
von Montecassino bleiben), cum idem episcopus ante sex circiter annos
(also um 975) sua sponte s. Angeli monasterium per oblationis suae
cartulam beato Benedicto contulerit. De quo etiam monasterio cum
post aliquot annos Guinisius Marsorum episcopus, filius eiusdem Al-
berici, questionem movere voluisset, quod quasi ecclesia sua preceptum
imperatoris inde haberet, a monachis nostris in placito Marsorum
comitum conventus atque convictus tacere coactus est, atque huius-
modi occasione tria imperatorum praecepta quae de eodem monasterio
pat<*r eins adquiesierat, nobis reddita sunt Das von Guinisius gel-
tend gemachte Präcept konnte ftglich DO. 263 gewesen sein, und
dann würden unter den drei ausgelieferten Urkunden zu verstehen
sein DO. 261 (Original noch heute in Montecassino), DO. 263 (unser
Exemplar oder auch ein anderes) und jene uns nur aus DO. 396
bekannte Urkunde.
Steht DO. 263 in solchem Zusammenhange, so könnte es sich
auch erklären, dass es nicht perfect geworden ist. Falls nämlich Otto
auf etwaige Gegenvorstellungen hin seine ursprüngliche Absicht Barrea
der bischöflichen Kirche auf alle Zeiten zuzuweisen, sofort wieder
aufgegeben hätte, so könnte diese Aenderung seines Entschlusses
Anlass gegeben haben, die schon fertige Reinschrift weder mit dem
Vollziehungsstrich noch mit den Siegel zu versehen. Aber wenn sie
trotzdem neben einer neuen dem Bischöfe minder günstigen Urkunde
demselben ausgefolgt wurde, in späterer Zeit aber an Montecassino
ausgeliefert wurde, so fallt auf, dass Leo die Beschaffenheit dieses
Schriftstückes nicht betont. W')hl bemerkt er, dass Guinisius sich
auf ein angebliches Präcept zu Gunsten der bischöflichen Kirche be-
rufen habe, aber er hebt dessen so in die Augen fallende Mängel
nicht hervor. Sollte unser nicht vollzogenes DO. 263 doch als in
formeller Hinsicht giltig betrachtet worden sein?
Gewiss war die Begel in jenen Jahrhunderten, dass die Königs-
urkunden um rechtskräftig zu sein durch vollständiges Monogramm
und Siegel gefestigt sein sollten ^). Aber die Möglichkeit von Aus-
nahmen wird doch zumal in Zeiten schlechter Geschäftsführung, wie
*) Acta Earolinorum 1, 192. — Stumpf Wirzburger Immunitäten 1, 192. —
Foltz in Neues Archiv 8,28. — Uhlirz in Mitth. des österr. Instituts S,20S.
Ezcurse zu Ottonüchen Diplomen. 133
sie für die Zeit der Ottouen nicht mehr bezweifelt werden wird, ins
Aage gefasst werden müssen. Man vergegenwärtige sich namentlich,
dass die Ottonische Kanzlei oft zwischen Beginn und Abschluss der
Beurkandung geraume Zeit verstreichen liess; wie leicht konnte es
da geschehen, dass bei plötzlichem Aufbrach des stets auf der Wan-
derung begriffenen Hofes einer der letzten Akte der Ausfertigung
imterblieb und somit der ungeduldigen Partei ein nicht perfectes
Stack ausgehändigt wurde. So gut in DO. 38 unterlassen wurde, die
Datirungszeile hinzuzufügen oder in DO. 115 unterlassen wurde« deren
LQcken auszufüllen, kann auch einmal die rechte Vollziehung ver-
gessen worden sein. Jeder einzelne Fall, in welchem das eina oder
das andere Merkmal der Corroboration oder gar beide fehlen, wird
deshalb genau zu untersuchen sein, bevor wir über Giltigkeit oder
Uogiltigkeit einen Ausspruch fallen. Zuweilen freilich ist es gar
nicht am Platze eine solche Frage aufzuwerfen. Dass ein Exemplar
von DO. 21 des Striches im Handmal und des Siegels darbt und dass
ein Exemplar von DO. 83 unbesiegelt ist, erklärt sich sowohl aus
deren sonstiger Beschaffenheit als aus dem Umstände, dass in beiden
Fällen in aller Form beglaubigte Originalausfertigungen vorliegen,
so dass es der Corroboration der zweiten Exemplare gar nicht be-
dorfte. Nach Ausscheidung solcher Fälle handelt es sich bei Otto I.
etwa nur noch um folgende Stücke: DDO. 160, 263, 277, 410.
Sie drängen uns allerdings die Frage auf, ob es sich erweisen
oder mindestens wahrscheinlich machen lässt, dass die uns vorlie-
genden Exemplare trotz der Defecte einerseits von der Eanzlei und
andrerseits von den Empfangern anerkannt worden sind. DO. 160,
welchem lediglich der YoUziehungsstrich fehlt, ist unzweifelhaft von
der Kanzlei angefertigt und , wie die Provenienz lehrt ^), an die
Partei ausgeliefert worden: daraufhin habe ich es trotz des einen
Mangels in keiner Hinsicht beanstandet und als Originaldiplom be-
zeichnet. Ebenso beurtheile ich das des Siegels entbehrende DO. 410;
ist dieses nachträglich mit einer Bulle Otto III. geschmückt worden ^),
80 beweist das, dass man die Nichtbesiegelung später zu bemänteln
Buchte. Anders steht es mit DO. 277 für Beichenau, aus dessen
Archiv stammend, ohne vollständige Datirung, ohne ausgefülltes
Handmal, ohne Siegel. Die Anfertigung dieser Urkunde durch die
Kanzlei oder mit deren Wissen steht in Frage. Ist also möglicher
Weise DO. 277 etwa nur im Erlöster entstanden, so gilt das sichere
*) Mit Beeht betonte Stampf Wirzb. Imm. 1. o., dass in solchen Fällen Her-
kunil T2nd Ueberlieferung wohl zu beachten sind. ') Folts 1. c. 81.
134 Sickel.
Zeugniss der Herkunft aus dem Klosterarcbive nichts mehr und so
wird die Echtheit des Stückes sehr zweifelhaft. Umgekehrt verhält
es sich mit unserm unyoUzogeneu DO. 263. Während die Anfertigung
durch die Eanzlei verbürgt ist, weiss ich wenigstens nicht zu sagen,
welche Schicksale die Urkunde gehabt hat, um bis auf uns zu
kommen.
Dass dies Präcept dem Albericus ausgefolgt, dann aber durch
dessen Nachfolger an Montecassino gekommen sei, das sind doch nur
Yermuthungen, welche uns durch die Erzählung des Chronisten nahe
gelegt werden. Dazu kommt, dass sich nicht nachweisen lässt, wann
und wie diese alte Urkunde nach Paderborn verschlagen worden isi
Als ich darüber Aufklärung suchte, schrieb mir Herr Professor Giefers
folgendes: „Die Urkunde stammt aus dem ehemaligen Benedictiner-
Eloster Heimarshausen an der oberen Weser ^), aus welchem sie im
Anfange des 16. Jahrhunderts mit den meisten übrigen Urkunden
des Klosters von einem Mönche, welcher dadurch das Kloster der
katholischen Kirche erhalten zu können glaubte, nach Paderborn
gebracht worden war, wo sie noch jetzt im Archiv des bischöflichen
Generalvicariats aufbewahrt werden ". Ich habe Grund zu bezweifeln,
dass das D. sich je in dem 1540 aufgehobenen Heimarshausen be-
funden habe, will aber doch auf die Annahme der westfälischen Fach-
genossen vorläufig eingehen. Ich kann mir nicht vorstellen, durch
welchen Zufall dies Pergament aus dem Archive der Bischöfe von
Marsica oder aus dem von Montecassino im Mittelalter nach dem
hessischen Stifte gerathen sein sollte. Da möchte ich eher noch
einer andern Erklärung den Vorzug geben. Wenn etwa das Schrift-
stück gar nicht Albericus ausgehändigt, sondern in der Kanzlei ver-
blieben wäre, wenn es bei der Heimkehr des Kaisers im J. 965 mit
der Registratur nach Deutschland gekommen wäre ^), könnte es von
Hand zu Hand gewandert, endlich in Heimarshausen Zuflucht ge-
funden haben. Doch diese Annahme so wenig als die von Giefers
verträgt sich mit dem, was ich aus einer Dorsualnotiz herauslese.
Eine Archivsignatur ist nicht vorhanden. Wahrscheinlich schon
im 10. Jahrhundert wurde auf die Bückseite Otto geschrieben. Sonst
«) Vgl. Philipp! im Weetffil. ÜB. 2,22. «) Vgl. was ühlirz in Mitth. Z, 182
über dio Beziehungen zwischen den Notaren LF., It. C. und WC. gesagt bai^
und dazu, was ich im Privilegium fOr die röm. Kirche 116 Anm. 2 über LF.
bemerkt habe. — Nur der Transport italienischer Ausfertigungen in Form von
Conoepten oder Copien nach Deutschland vermag es zu erklären, dass die datnals
noch nicht in Italien gewesenen deutschen Notare sich allerlei Wendungen der
wSischen Notare angeeignet haben.
Excurse zu OtioniBchen Diplomen. 135
bietet diese nur hoch die Notiz: confirmatio libertatis et priTilegiorum
Marsicanae ecclesiae in civitate Marsicana ab imperatore Ottone de
anno 1464 (sie), und zwar Ton einer italienischen Hand der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts ^). Dadurch wird die Möglichkeit aus-
geschlossen, dass die Urkunde vor 1540 in Heimarshausen gewesen
und von da nach Paderborn gekommen sei. Die freundliche Mit-
theilung des H. Oiefers hat mich daher nicht in meiner früheren
Annahme irre machen können, dass bei dem Transport der Urkunde
aas Italien nach Deutschland etwa Bischof Ferdinand II. von Fürsten-
berg-im Spiele sei, und so habe ich in Italien weiteren Aufschluss
zu erhalten gesucht.
Die Stadt Marsica existirt schon seit vielen Jahrhunderten nicht
mehr; sie soll am Ostufer des Fucinosees in der Nähe des heutigen
S. Benedetto gestanden haben. Die ältere Geschichte des Bisthums
li^ im Dunkeln, wie in der Italia sacra offen bekannt wird. Erst
die neuere Zeit hat wieder einiges Material an den Tag gebracht,
mit Hülfe dessen die Angaben von XJghelli und dessen Fortsetzern
wesentlich yerToUständigt und berichtigt werden können. Die be-
treffenden Urkunden sind in verschiedenen Archiven aufgefunden
worden; von Besten eines bischöflichen Archivs dagegen wussten
auch italienische Forscher, welche ich um Aufklärung bat, nichts.
Also musste ich mich auf Anfragen in Montecassino beschränken.
Ich benutze die Gelegenheit über den Yorrath an Diplomen der
Ottonen in diesem Elosterarchive, welches ich 1876 besuchte, zu
berichten 2).
Ich fand dort noch drei Originaldiplome Otto L, zwei Otto II.
and eins Otto IIL Betreffs der andern Präcepte sind wir auf das
nach 1134 angelegte Begistrum Petri diaconi angewiesen. Von dessen
Handschrift fehlen am Schluss einige Blätter. Die Sammlung um-
fasst jetzt 641 Urkunden, während sie nach den Indices mindestens
648 enthalten haben muss. Dieser Indices habe ich drei kenneu
gelernt. Ein erstes gleichzeitiges Verzeichuiss findet sich f. V (inci-
piunt capitnla privilegiorum etc.), reicht aber nur bis n. 77 des Be-
gistrum. Ein zweites aus dem 13. Jahrh. zählt jedes Stück mit
Angabe der Blattzahl auf. Drittens entstand zu Anfang des 18. Jahrh.
ein alphabeticus registri Petri in quo nomina eorum qui monasterio
>) Irrelevant für unsere Frage ist, dass auf einem der Schriftseite rechta
unten aufgenähten Pergamentstreifen eine längere Inhaltsangabe steht, denn die
Schrift gehört dem 15. Jahrhundert an und kann ebenso gut einem Deutschen
ah einem Italiener beigelegt werden. ') Vgl. Archiv der Ges. f. ä. d. Geschichts-
künde 12,496 u. 511 und 88. 7,567.
136 Sickel.
Casinensi privilegia concesserant, ponuntur, in welchem nach den den
Urkunden nachträglich in arabischen Ziffern beigefügten Nummern
citirt wird: hier wird als n. 648 ein Ottonisches Diplom erwähnt,
das eben auf den jetzt verlorenen Blättern gestanden haben solL
Da einige Fräcepte doppelt in das Segistrum eingetragen worden
sind, handelt es sich vielleicht nur nm eine zweite Copie. In keinem
Falle kann an jener Stelle DO. 263 gestanden haben. Im J. 1708
nämlich, und damit hängt wohl die Anlage jenes jüngsten Verzeich-
nisses zusammen, begann der damalige scriba tabularii mit der An-
fertigung sehr sorgfaltiger und die graphischen Merkmale nach-
ahmender Copien zahlreicher Diplome. Auf Veranlassung von Gattola
wurden weitere Abschriften genommen, welche im J. 1780 mit jenen
zusammengebunden wurden. So entstand der moderne Codex diplo-
maticus Casinensis etc., in dem sich DO. 263 wiederum nicht einge-
tragen findet
Hat dieses je dem Archive angehört, so muss der Beweis in
anderer Weise erbracht werden. Ich sandte Facsimiles jener Inhalts-
angaben des 15. und des 16. Jahrh. nach Montecassino. Der seit
einigen Jahren dort weilende P. Heinrich Bickenbach aus Einsiedeln
hatte die Güte mir Antwort zu ertheilen, nachdem er mit dem jetzigen
Archivar D. Anselmo den reichen Urkunden vorrath daraufhin genau
geprüft hatte. Sie entdeckten Archivnotizen, welche in der Schrift
der des 15. Jahrh. auf dem aufgenähten Pergamentstreifen nahe,
aber nicht gleich kommen. Sie fanden dagegen nichts, was sich mit
der späteren Dorsualnotiz nur vergleichen Hesse. Sie bestätigten
endlich das von mir selbst gewonnene Ergebniss, dass sich im dor-
tigen Archiv keine Spur von DO. 263 nachweisen lässt. So bleibt
bislang alles unaufgeklärt, und wir können nicht entscheiden, ob
dieses unvoUzogene Diplom einst dem Bischof von Marsica ausge-
folgt ist oder nicht, noch auf welchen Wegen es auf uns gekommen
ist. Die Schreiber jener Inhaltsangaben haben freilich die Urkunde
als vollgiltig betrachtet: doch das beweist nicht, wie die Zeitge-
nossen des Ausstellers geurtheilt haben.
Indem diese unser Präcept gleich allen andern seiner Bestim-
mung gemäss anzuwenden hatten, hatten sie lediglich zu fragen, ob
demselben, unvollzogen wie es war, Rechtskraft innewohnte oder nicht.
Wir dagegen, welche die Diplome nicht mehr anwenden, sondern
lediglich für historische Zwecke benutzen wollen, sind znm Glück
darüber hinaus, uns bei jeder Urkunde solche Frage vorzulegen; ja
wir brauchen uns kaum noch, wie das unsern Vorgängern im 17. und
18. Jahrhundert oblag, das Verhältniss zwischen fides forensis und
Excurse zu Ottonbohen Diplomen. 137
fides historic» klar zu machen. In dem vorliegenden Falle jedoch
werden wir eine Ausnahme machen müssen. Dürfen wir überhaupt
and inwieweit dürfen wir DO. 263 als historisches Zeugniss ver-
werthen, falls demselben von den Zeitgenossen, wie wir der Sach-
hge nach als möglich annehmen müssen, keine Oiltigkeit zuerkannt
wurde? Mabillon stellte einst den CSaoon auf, dass die fides historica
immer die fides forensis in sich schliesse, und ich habe dem in Acta
KaroL 1,62 be^epflichtet Ich habe damals einen Fall wie diesen
nicht vorgesehen und sehe mich jetzt genothigt darzulegen, dass
jene Begel doch auch Ausnahmen erleidet. Ganz unabhängig davon,
ob unser Exemplar von DO. 263 seiner Zeit rechtskräftig war oder
nicht, ist das ürtheil über dessen historische Glaubwürdigkeit zu
fallen. Der uns bekannte kaiserliche Notar li G. hat dieses Stück
geschrieben und dabei sind alle damals bestehenden Normen beobachtet
worden bis zu dem letzten nicht zur Ausführung gekommenen Akte
der zweifachen Beglaubigung. Wollen wir nun nicht, und dazu
scheint mir doch jeder Anlass zu fehlen. It. G. der Absicht zu fälschen
zeihen oder gar annehmen, dass er blos zum Spasse sich der Arbeit
unterzogen habe, so werden wir auf Grund dieser Keinschrift als
Tollkommen verbürgt bezeichnen müssen, dass Otto I. in einem be-
stimmten Zeitpunkte Barrea dem Bischöfe Albericus und dessen Nach-
folgern zu schenken gewillt war und den Befehl ertheilt hat eine
dahin lautende Urkunde anzufertigen. Soweit kommt DO. 263 histo-
rische Glaubwürdigkeit zu. Nur was dann in dieser Angelegenheit
und zwar vor Ausstellung von DO. 396 weiter geschehen ist, ob die
Vollziehung in Folge einer andern Entschliessung des Kaisers oder
lediglich aus Versehen unterblieben ist, ob die nicht perfect gewor-
dene Reinschrift dem Bischöfe ausgehändigt worden ist oder nicht,
ob derselben Bechtskraft beigelegt worden ist oder nicht: das alles
lässt sich nicht entscheiden.
Dieser mein Ausspruch zu Gunsten von DO. 263 als historisches
Zeugniss gibt mir Anlass zum Schluss noch einige von mir für die
Edition der Dipfomata gewählte BeiKeichnungen zu erkläre n. DDG. 8, 94,
101, 108, 210 habe ich Diplome zweifelhafter Originalität genannt.
Ihre Glaubwürdigkeit halte ich durch die gesammten inneren Merk-
male für verbürgt Aber die graphischen Kennzeichen gestatteten
mir nicht von Originaldiplomen, d. h. von gleichzeitigen Kanzlei-
aasfertigungen zu reden. Den Ingrossator von DO. 8 kenne ich
zwar, aber erst 21 Jahre später fand ich ihn an der Eotnzleiarbeit
betheiligt, so dass er möglicher Weise erst später mit oder ohne
Wissen der Kauzlei eine Gopie der Urschrift vo^l J. 937 geliefert hat,
138 Sickel.
Die Schreiber der andern vier Stücke sind mir unbekannt, so dass
icli ihre Elaborate nicht mit Bestimmtheit als im Auftrage der Eanzlei
entstanden zu bezeichnen vermochte. Lasse ich also in diesen Fällen
dahin gestellt sein, ob wir Originaldiplome besitzen oder nicht, so
habe ich doch keinen Zweifel an der Echtheit aussprechen wollen.
Solchen Zweifeln habe ich bei denjenigen Stücken, die in den äus-
seren Merkmalen den Originalen mehr oder minder nahe kommen
und doch nicht bestimmt als Nachzeichnungen oder ziemlich gleich-
zeitige Copien zu erkennen sind, mit der Bezeichnung Diplom zwei-
felhafter Geltung Ausdruck gegeben: so z. B. DDO. 85, 263, 276, 277.
Allerdings hat es mit jeder dieser Urkunden seine eigene Bewandt-
niss, sowohl was die äusseren als was die inneren Merkmale betrifft.
Aber die Besonderheiten lassen sich eben nicht in eine kurze Be-
nennung zusammenfassen: um sie kenntlich zu machen und um den
Grad der Abweichung von den Normen ermessen zu lassen, bedarf es
einer ausführlichen Beschreibung und eines eingehenden Commentars.
Ich begnügte mich also mit einem Schlagworte, unter welches sich
nicht allein die mir bislang bekannten Fälle subsumiren lassen, son-
dern auch diejenigen, welche mir bei fortgesetzter Arbeit zweifels-
ohne noch aufstossen werden, ohne die graduellen Unterschiede wie
sie z. B. zwischen DO. 263 und DO. 277 bestehen, zu berücksich-
tigen. Ich habe dabei die Worte Geltung und zweifelhaft mit Vorbe-
dacht gewählt. Bei dem erstem soll unentschieden bleiben, ob es
sich um fides forensis oder um fides historica oder um beide handelt :
in den seltenen Fällen, in denen solche Unterscheidung noch Werth
hat, behalte ich mir die weitere Erklärung vor. Mit zweifelhaft will
ich mich nach einer anderen Seite hin verwahren. Ueberzeugt, dass
es mir gelungen ist-, ganz positive Kennzeichen der Echtheit oder
eventuell auch, was noch mehr besagen will, der Originalität ent-
deckt zu haben, trete ich in vielen Fällen mit voller Sicherheit für
meine diesbezüglichen Aussprüche als Diplomatiker ein. Um so mehr
trachte ich auch die Grenze genau zu bezeichnen, über die ich nicht
hinausgehen zu dürfen glaube. D%ch will ich mich auch nicht zu
Fällung absprechender Urtheile verleiten lassen. Betreffs einzelner
Urkunden lässt sich, wie ich das an DO. 263 darzulegen versucht
habe, das eine in Betracht kommende Moment sicher feststellen, das
andere dagegen nicht. Bei anderen Diplomen kommen wir in keiner
Beziehung über Vermuthungen und über eine Wahrscheinlichkeits-
berechnung hinaus. Darum allein so beschaffene Urkui^den als histo-
rische Zeugnisse verwerfen zu wollen, ist um so weniger gestattet,
da schon ein kleiner etwa nur mir entgangener Umstand oder auch
Excurse zu Ottonischen Diplomen. I39
ein erst durch neue Funde bekannt werdender Umstand das ganze
bisher gewonnene Ergebniss über den Haufen zu werfen vormag Ich
kann nur wünschen, dass fortgesetzte Untersuchung aller von mir
mit solchem Fragezeichen versehener Urkunden zu bestimmteren
Aussprüchen nach der einen oder der anderen Seite führen möge.
n.
DO. 364 = Stumpf 453. — Da dies D. von It. D. dictirt und
wahrscheinlich auch geschrieben ist>, darf man füglich annehmen,
dass der eine und andere uns in der einzigen Copie (Liber censualis
Barotii episcopi aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrb.) aufstossende
Fehler schon im Original gestanden habe, und dass in diesem auch
der Monatsname, der übrigens nicht zweifelhaft sein kann, ausge-
lassen worden sei. Doch es lässt sich in solchem Falle nie ermessen,
wie viele der unrichtigen Sprachformen auf, die Urschrift zurück-
gehen und wie viele von den Copisten verschuldet worden sind : des-
halb habe ich bei diesem wie bei andern analogen Stücken emendirt
oder nicht emendirt, je nachdem es mir um des leichteren Verständ-
nisses willen angezeigt erschien. Es lohnt sich nicht darüber zu
streiten, ob ich als Herausgeber da jedesmal das richtige getroffen
habe. Aber einer Stelle in der Abschrift gegenüber habe ich lange
geschwankt und habe schliesslich, nur weil ich musste, eine Ent-
scheidung getroffen, glaube also, da sich für die eine wie für die
andere Lesung eintreten lässt und da aus jeder nicht unwichtige
Folgerungen gezogen werden können, den Sachverhalt ausführlich
darlegen zu müssen. Im Eingange heisst es nämlich: Otto et Otto
divina fiävente dementia imperatores augusti, während dann in der
Corroboration nur manu propria roborantes gesagt wird und im Escha-
tokoll nur von dem einen Kaiser Otto I. die Bede ist. Stumpf gibt,
indem er sich an die ersten Worte hält ^), als Regest an: Otto I.
bewilligt mit seinem Sohne u. s. w. In meiner Schrift über das Pri-
vilegium für die römische Kirche 108 habe ich dagegen gesagt, dass
hier wohl ein Ueberlieferungsfehler im Spiele sei und dass das D.
*) Allerdings fQgt Lupi der Unterschrifksformel Signum domni Ottonis (M.)
inTictissimi imperatoris hinzu ut supra, woraus Finazzi in dem Stumpf damals
noch Dicht vorliegendem CD. Long. 1241 n. 712 macht: 8. d. (M.) 0. i. impera-
toris et item (M,) 0. filii eius invictissimi imperatoris auguati. Aber der Lib«
ceoflualis, welchen Finazzi als Quelle neben Lupi anführt, bietet nur die von Lupi
eingegebene Formel. Vielleicht ist auch Stumpf durch den mir unverständlichen
Zusatz ut supra irre geführt worden.
140 Sickel.
Otto L allein beizulegen sei. Dort konnte ich meine Yermathung
nicht weiter begründen : deshalb und weil ich nachträglich noch neue
Nebenumstände kennen gelernt habe, komme ioh auf diesen Fall
zurück.
In den letzten zwölf Jahren Otto I. hat auch sein Sohn Fra-
cepte ertheilt *), jedoch nicht stets in gleicher Stellung noch in gleicher
Weise, so dass wir genöthigt sind, einzelne Phasen zu unterscheiden.
Es genügt hier die Periode von der Eaiserkrönung des Sohnes zu
Ausgang des J. 967 bis zur Heimkehr des Hofes nach Deutschland
um die Mitte des J. 972 ins Auge zu fassen, in welche DDO. IL
17—23 fallen. Von diesen kommen DDO. II. 20 und 21 nicht in
Betracht, denn jenes (Ausstattung der Theophanu) steht nicht auf
gleicher Linie mit den Präcepteu und dieses liegt nur in unvoll-
ständiger und schlechter Abschrift vor. Den füuf anderen Stücken ist
gemeinsam, dass jedem derselben ein Diplom des Vaters entspricht,
so dass uns fünf Urkundenpaare vorliegen. Otto I. urkundet damals
oft für sich allein, wobei der Sohn als Intervenient genannt werden
kann. Dieser dagegen urkundet nur zugleich mit dem Vater und
zwar entweder unter gleichem Datum oder auch wie in DDO. IL 18,
19 um einen oder zwei Tage später. Im ersten Paare, das von der
italienischen Kanzlei für Hersfeld ausgestellt wurde, unterscheidet
sich DO. IL 17, abgesehen von geringfügigen Schreibfehlern, nur
darin von DO. 356, dass statt der kaiserlichen Jahre des Vaters in
letzterem in jenes solche Jahre des Sohnes eingetragen worden sind;
als durchaus gleich hebe ich besonders die Titulaturen hervor. Es
folgen zwei ürkundeupaare für Magdeburg, deren Entstehung zu be-
achten ist. Auf den Namen des Vaters lauten DDO. 361, 363 vom
2. Oktober 968 : das erstere wurde von LH. concipirt, worauf LG. die
Beinschrifb lieferte und nach DO. 361 auch das zweite Stück schrieb.
Obwohl nun DO. IL 18 eine Bestätigung von DO. 361 sein sollte,
fertigte LH. ein neues Dictat an und mundirte es selbst. Nach diesem
schrieb endlich LG. DO. IL 19, welches Confirmation von DO. 363
sein sollte. Natürlich differiren diese vier Ausfertigungen in den
kleiuen Details, welche LG. und LH. jeder nach seiner Art zu be-
handeln pflegten. Sonst aber wird für beide Ottonen das gleiche
Protokoll angewendet, ja in den Präcepten des Sohnes wird einfach
die Datirung von DDO. 361, 363 wiederholt, so dass in ihnen nur
nach Jahren des Vaters gezählt wird, was freilich vielleicht nur ein
Versehen des Dictators LH. war. Erst bei dem vierten Paare zweien
*) Vgl. Uhlirz in Mitth. 8, 198.
£xcnne za Ottoniscben IHplomen. 141
die beiden Ausfertigungen etwas mehr: der Sohn wird nämlich in
DO. n. 20 in den Formeln X u. XII als iunior bezeichnet und dem-
entsprechend finden sich seine königlichen und kaiserlichen Jahre
genannt. DO. II. 23 endlich weicht nur darin von DO. 411 ab, dass
wie in DDO. IL 17, 20 als anni domni Ottonis die des Sohnes an-
gesetzt worden sind. Oanz feste Normen l&r Anfertigung der Fra-
cepte Otto II. hat es also damals nicht gegeben, aber das scheint
TOrherrschender Brauch gewesen zu sein, dass in den J^ällen gemein-
samer Beurkundung zwei Stücke geschrieben wurden. Vorherrschender
sage ich, weil doch einmal in diesen Jahren ein anderer Vorgang
beliebt worden ist. DO. 410 für S. ApoUinaris (Classe) lautet nämlich
auf beider Ottonen Namen: sie stehen im Eingang und in der Sub-
scription mit zwiefachem Uandmal, zuvor heisst es propriis manibus
roborantes; in Formel XII sind kaiserliche Jahre des Vaters und des
Sohnes eingetragen; endlich wird an den drei betreffenden Stellen
mit Otto itemque Otto, Ottonis et item Ottonis die Gemeinsamkeit
betont Diese Form könnte natürlich auch schon vor DO. 410 vom
J. 972, somit auch schon 968 als Bergamo ein Präcept erhielt, an-
gewandt worden sein. Aber DO. 364, dessen Copie lediglich in
Formel II. beide Kaiser nennt, müsste um auf eire Linie mit DO. 410
gestellt zu werden, sehr schlecht überliefert sein, so schlecht, dass
es sich gar nicht mehr zur Vergleichung eignete. Wahrscheinlicher
ist doch, dass, wenn Bergamo durch Beurkundung von Vater und
Sohn ausgezeichnet werden sollte, dabei ebenso vorgegangen sei wie
in den f&nf zuvor besprochenen Fällen. Mit andern Worten, es wäre
neben DO. 364 ein gesondertes Präcept des Sohnes zu erwarten,
und dafür, dass ein solches einst existirt habe, liesse sich wohl das
in Stumpf Beg. 566 verzeichnete Stück geltend machen. Dieses liegt
uns in zwei ziemlich gleichlautenden notariellen Transsumten des
12. und 13. Jahrh. vor. Schon Lupi 2,315 hat es um des Inhalts
und der Fassung willen als Fälschung bezeichnet; so auch Bieger
Ital. Immunitäten 16, während Bethmann-HoUweg Civilprocess 2, 202
dasselbe anstandslos benutzt hat. War Lupi der Meinung, dass die
Urkunde mit Hülfe von DO. 364 fabricirt worden sei, so möchte ich
vielmehr annehmen, dass eine DO. 364 correspoudirende Ausfertigung
im Namen Otto IL von dem Fälscher benutzt worden sei. It. B.,
auf den der Titel in Formel IL divina ordinante Providentia impe-
rator augustus weist, war 968 noch in der Eanzlei beschäftigt und
kann nach DO. 364 das zweite Exemplar angefertigt haben. Im
Context mag wie in DDO. IL 18, 19 auf die Urkunde des Vaters hin-
gewiesen worden sein, woraus sich dann Otto IL als Aussteller ergab.
142 Sickel.
Das Eschatokoll aber mag wieder gleich DO. 364 gelautet haben, so gleich,
dass der Monatsname ebenfalls aasfiel, was ja aiic'n jene Fälschung
kennzeichnet. Kurz als Mittelglied zwischen DO. 364 und Stumpf
566 lässt sich sehr wohl ein actum deperditum Ottonis IL annehmen.
Wurde aber gleichzeitig mit DO. 364 ein Präcept des Sohnes er-
theilt, so erscheint der Doppelname in der Copie Ton DO. 364 um
80 auffallender. Dennoch lässt sich derselbe erklären, sowohl durch
einen Ueberliefernngsfehler als durch einen schon in die Urschrift
eingedrungenen Fehler des Ingrossators. Das begreiflich zu machen,
muss ich eingehender über die Ueberlieferung berichten. Den Wort-
laut von DO. 364 kennen wir freilich, wie ich im Eingange sagte,
nur aus einem Chartular des 15. Jahrh. Aber in zwei Aufzeich-
nungen des 12. Jahrh. wird dieselbe Urkunde ausdrücklich als von
beiden Ottonen ausgestellt erwähnt. Nur kurz in einem Indiculus
privilegiorum bei Lupi 1,1047. Ausführlicher dann in einer Process-
schrift vom J. 1187 (Lupi 1,725 und 2,289); es heisst da von dem
damals vorgelegten und offenbar als Original betrachteten Diplome
der beiden Ottonen; nee in eo sunt anni nisi unius imperatoris ncc
mensis nee dies. Dass der Tag als fehlend bezeichnet wird, muss
auf einem Missverständnisse beruhen. Sehen wir aber davon ab, so
ist offenbar das im J. 1187 angeführte Stück identisch mit dem im Liber
censualis copirten. Den Schreiber des Chartulars können wir also
nicht des Fehlers zeihen, zu dem einen Otto den zweiten hinzuge-
fügt und dementsprechend imperatores augusti gesetzt zu haben. Die
Uebereinstimmuug der drei Aussagen in dem betreffenden Punkte
legt vielmehr den Gedanken nahe, dass der Eingang durchaus richtig
überliefert sei. XJeberdies lässt sich auch von anderer Seite begreiflich
machen, dass trotz des zuvor von mir festgestellten Kanzleibraucbes
so in der Urschrift gestanden habe. Wurde den Notaren der Auf-
trag ertheilt, Doppelurkunden, wie wir sie zuvor kennen gelernt haben,
auszufertigen, so konnten sie leicht irre gemacht werden. Von Otto
et Otto, von Otto senior und Otto iunior (vgl. das spätere DO. II. 24)
wird unter den Hofgenossen oft genug die Rede gewesen sein, so
dass dergleichen Bezeichnungen den Notaren leicht in die Feder ge-
rathen mochten. Ich komme hier nochmals auf DO. 377 (s. Privi-
legium für die römische Kirche 108) zurück. Vielleicht ist damals
ebenfalls ein auf den Namen Otto IL lautendes Duplicat geschrieben,
was den Schreiber verleitete in DO. 377 zuerst Ottonis iunioris zu
setzen, wie es in DO. IL 20 an entsprechender Stelle heisst. Ein
ähnliches Versehen kann sich It. D., als er DO. 364 mundirte, haben
zu Schulden kommen lassen. Wir würden es somit mit einem argen
Czcune zn Ottonisclien Diplomen. 143
Fehler des Ingrossators zu thua haben, der durch alle üeberlieferang
festgehalten auch von uns für den Text beizubehalten wäre. Dem
steht aber eine andere Möglichkeit gegenüber. Der Znsammenhang,
in welchem im J. 1187 DO. 364 besprochen wird, ergibt, dass man
damals die ürschrifk vor sich zu haben meinte. Auf das ürtheil
der Männer von damals ist aber ebenso wenig Verlass, als auf die
Versicherung der fünf und wieder der acht Notare, welche die Trans-
sumte von Stumpf 566 als mit dem ihnen vorliegenden autenticum
cum sigillo cereo übereinstimmend beglaubigen. Falls zur Zeit jenes
Processes nur eine Copie von DO. 364 vorhanden gewesen wäre, so
wäre das 'dreifache Zeugniss sofort entkräftet, so könnte sich schon
in jene Copie jener Fehler eingeschlichen haben. Dazu kommt eine
andere Erwägung. Wenn einem Notare ein fast gleichlautendes Ür-
kundenpaar, nämlich DO. 364 und das correspondirende Präcept Ottoll.
abzuschreiben oblag, so konnte auch dieser auf den Gedanken ver-
lallen die beiden Stücke in eines zusammenzuziehen und die beiden
Aussteller mit Otto et Otto divina favente dementia imperatores
augusti kenntlich zu machen. Ein üeberlieferungsfehler ist folghch
ebenso denkbar, als ein schon von It. D. in der Urschrift gemachter
Fehler. Kurz in meinen Augen wiegt die eme Möglichkeit so schwer
als die andere. Es müssen mir noch neue Momente bekannt werden,
um der einen oder der anderen entschieden den Vorzug zu geben.
Aber eine Lesung kann ich nur in den Text aufnehmen. Da nun
Otto et Otto etc. sicher eine Anomalie ist, etwa der gleich, dass in
DO. 159 vom J. 952 noch coniunx nostra Edgida erscheint, oder der
gleich, dass in der Recognition ein Personenname oder in der Dati-
rung ein Ortsname genannt wird, die sich beide durchaus nicht in
den Zusammenhang fügen wollen, so verlange ich, um sie als ge-
sichert in den Text aufzunehmen, für sie das Zeugniss eines Origi-
nals. In Ermangelung eines solchen in unserem Falle habe ich den
Eingang von DO. 364 doch emendirt. Aber ich habe nicht ver-
schweigen wollen, wie der Sachverhalt ist, so dass jeder Benutzer
der Urkunde sie nach eigenem Ermessen Otto I. allein oder dem
Vater und dem Sohne beilegen mag. Th. Sickel.
III.
DO. 239 für Parma. Die Echtheit dieses leider nur durch Ughelli (Italia
Sacra ed. I, 2,199) überlieferten Diplomes wurde wegen^der in demselben
verliehenen Hechte schon von Aff6 in seiner Storia di Parma (1,241 ff.)
144 Ottenthal.
bezweifelt, ihm schlössen sich dann Bethmann-HoUweg (Der germa-
nisch-romanische Civilprocess 2, 204) und DQmmler (Jahrbuch Otto I.
336 Anm. 3) an. Am eingehendsten hat zuletzt Rieger in dem
Programm des Franz-Joseph Gymnasiums ^Die Immunitätsprivilegien
der Kaiser aus dem sächsischen Hause für die italienischen Bis-
thümer' (Wien 1881) diese Ansicht verfochten. Ich kann das Er-
gebniss seiner Untersuchung nicht als richtig anerkennen und will
hier die Gründe meiner gegentheiligen Ansicht ausfähren.
Ich glaube an der Echtheit dieses Diploms festhalten zu müssen, da
1) die hier verliehenen Rechte im allgemeinen den Verhältnissen der
augeblichen Entstehungszeit (962) entsprechen, 2) das D. als Ton
einem Notar der Ottonischen Eanzlei dictirt nachweisbar ist, 3) der
Inhalt dieses D. mit den uns über die Geschichte der Bischöfe Ton
Parma bekannten Thatsachen übereinstimmt, 4) endlich der An-
nahme einer Fälschung grössere Schwierigkeiten entgegenstehen, als
der umgekehrten.
1) Otto gewährt dem Bischof auf Grund seiner Bitte murum
ipsius civitatis et districtum et telonium et omnem publicam functionem
tarn infra civitatem quam extra . . . infra tria milliaria, deren Grenzen
angegeben werden, ferner, dass alle Bewohner desselben Gebietes für
ihren sowohl in der Parmenser wie in den anliegenden Grafschaften
liegenden Besitz jeglicher Art nullam exinde functionem alicui nostri
regni personae persolvant sivc alicuius placitum custodiant nisi Par-
mensis ecclesiae episcopi, sed habeat . . . episcopns licentiam tam-
quam nostri comes palatii distriugendi et defiaiendi vel deliberandi
omnes res et familias . . • dlericorum ... et omnium hominum habi-
tantium infra pr^dictam civitatem nee non et omnium residentium
supra praefatae ecclesiae terram . . •
Dem Bischof wird also Reichsgerichtsbarkeit (wie sie der Com-
petenz eines Eönigsboten entsprach) über deine Unterthanen und
alle Bewohner der Stadt und des angegebenen Weichbildes ver-
liehen. Dass solche Befugnisse damals überhaupt ertheilt wurden,
hat Ficker in den Ital. Forsch. 2, 15 ff. überzeugend dargelegt und
auch Bethmann-Hollweg a. a. Orte 204 anerkannt Es mag hier
speciell für die Zeit Otto I. das Privileg für Asti DO. 374 (St 467)
angeführt werden, das von Dümmler ohne Grund angezweifelt^
durch seine Uebereinstimmung mit DO. 239 sowol selbst verbürgt
wird, als auch jenes sichert;: Denique concedimus atque confirma-
mus ut omnis incola seu colonus atque habitator et residens ter-
rae .. . atque ullius castri . . . prenominate sedis a nuUo homine
per placitum aut per legem distringatur . . . nisi ante pretaxate ecclesie
Excone zu Ottoniaohaii Diplomen. 145
preralis saique missi presentiam, et talem legem ibi feciat, qualam
ante nostram aat nostri comitis palaeii presenciam facere debuerant.
Also aach in diesem von It D. yerfassten Diplom derselbe Umfang
der Gerichtsbarkeit über das Immunitatsgebiet, za dem die Stadt und
ein Weichbild von 4 Miglien gehört Wird in DO. 239 noch aas-
drucklich heryorgehoben, dass aach der Besitz der bischoflichen ho-
mines ausser dem geschlossenen Immanitatsgebiete inbegriffen sei,
80 entspricht das nur der Sachlage der Dinge (vgl. Bethmann-Holl-
weg L c. 200, 201 und speciell für Parma das im Or. erhaltene D.
Hagos Böhmer Eteg. 1886). Sowie die Verleihung eines bestimmten
Weichbildes ist auch die Aufnahme der Grenzbestimmung an sich
luiTerdachtig, sie findet sich in zeitlich ganz nahe stehenden Diplomen,
den Originalen DDO. 242 (Stumpf Heg. 307), 244 (St 310), in dem
abschriftlich überlieferten DO. 259 (St 331).
Weiter verleiht Otto dem Bischof potestatem eligendi sive ordi-
nandi sibi notarios qui causas ipsius episcopatus discutientes ubi-
cumque opportunum fuerit per praedictum episcopum scribant cartas
cuiuscumque voluerint testamenti, remota prohibitione yel conhro?ersia
comitatus siye comitis, ut sicut ex parte comitatus sunt harurr. rerum
exactores, ita ex parte episcopii noscra imperiali auctoritate . . . habe-
antar. Ich halte mich auch hier wieder an die Erörterungen Fickers
(ItaL ForscL 2,69 ff.), wonach ursprünglich die Notare nicht blos-
Tom Könige selbst, sondern auch von den Eönigsboten ernannt
werden, und neben den Eönigsnotaren auch solche für die einzelnen
Gra&chaf ten nachweisbar sind. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrh. treten
die letzteren immer mehr zurück, wir finden seitdem auch nur mehr
Bestätigungen, nicht mehr Neuverleihung dieses Privilegs; DO. 239
scheint das letzte dieser Art zu sein. Allerdings wird dann seit Ende
des 12. Jahrh. die Ernennung von Notaren gerade zum Vorrecht der
Pfalzgrafen, aber es hängt das nicht mit den missatischen Befugnissen
der altem Pfalzgrafen zusammen, und diese Palatinalnotare unter-
scheiden sich von den altem durch Eönigsboten ernannten vornehm-
lich dadurch, dass ihre Befugniss sich auf das ganze Beich erstreckt.
An diese letztere Entwicklungsstufe kann aber bei dem oben ange-
fahrten Passus von DO. 239 nicht gedacht werden, man beachte nur die
Entg^ensiellung der Grafschaftsnotare, die Betonung, dass ihre
Befugniss sich nur auf die causae episcopatus beziehe. Qanz ähnlich
lautet ein im Or. erhaltenes Privileg Hugos und Lothars fOr Beggio
aos dem J. 942 (Böhmer Beg. 1411): Goncedimus (episcopo) advo-
catos sive notarios quantos aut quales pontifices vel ministri eccle-
siae elegerint tam de suis quam de alienis liberis hominibus, qui
MütheUoDgen. Erg&nzuDgsbd* I« 10
146 Ottenthai.
eiusdem episcopü vel cauonicae seu omnium clericorum suorum rerum
utilitates exercere noscuutur . . . ut securius ac diligentius causas
ipsius episcopi perficere valeaat.
Endlich gewährt der Kaiser : Et si acciderit de praedietis rebus
et familiis sine pagna legaliter non possc definiri, per hanc nostri
praecepti paginam eoncedimus eidem episcopi yicedomino ut sit noster
missus et habeat potestatem deliberandi et definiendi atque diiudi-
candi tamquam noster comes palatii. Ich kenne nun allerdings aus
der Zeit Otto I. keine andere Verbriefung dieses Rechtes, aber diese
Vergünstigung ist unverdächtig schon aus dem Grunde, weil das
Recht des Kampfes wirklich ein missatisches ist; sie darf um so
weniger beanstandet werden, als wir in nicht viel späterer Zeit eine
Reihe tuscischer Bischöfe im Besitz dieses Rechtes sehen, die doch
nie jene ausgedehnten Hoheitsrechte wie ihre oberit^lieuischen Amts-
brüder erlangt hatten (s. Picker l. c. 2, 53 ff.).
Die dem Bischof von Parma in DO. 239 verliehenen Rechte ent-
sprechen somit durchweg der angeblichen Ausstelluugszeit.
2) DO. 239 ist von It. B. concipirt. Ich verweise zur Verglei-
chung im allgemeinen auf die andern DD., an deren Dictat dieser
Notar mehr oder minder betheiligt ist: DDO. 243, 339, 356, 357, 371,
373, 401, 407, 408, 410, 413, 429 (Stumpf Reg. 309, 419, 444, 445,464,
466, 495, 501, 502, 506, 509, 526). It. B. ist einer der charakteristi-
schen Dictatoren der italienischen Kauzlei unter Otto I.; mit dem
aus der deutschen Kanzlei dahin übergetretenen Liutolf P und dessen
Schüler It. C. hat er von vorneherein keine Verwandtschaft, er ist
offenbar in der Kanzlei der früheren nationalen Könige herangebildet,
hat sich da seinen Stil und seine Phraseologie erworben, und manche
Wendungen «nd Ausdrücke fast typisch gestaltet, so dassereinihm wol
besonders gelungen erscheinendes Dictamenwie ein Pormular wiederholt
benutzt. Er ist später stark beschäftigt, seine Dictate werden Muster f&r
jüngere Kanzleibeamte, die theilweise seine Concepte auszuführen und
zu mundiren hatten ; doch bleibt der Meister jederzeit leicht von seinen
Schülern zu unterscheiden.
Beim Protokoll sind wir, da die Eingangsformeln in unserer
Ueberlieferung fehlen, auf das Eschatokoll angewiesen, das vollständig
kanzlei- und von der Verderbung des Ausstellungsortes abgesehen
auch zeitgemäss ist. Soweit neben dem allgemeinen Kanzleibrauch
die Individualität des Notars hervortreten kann, entsprechen die Schluss-
formeln der Art des It. B., für die kaiserliche Unterschrift und die
Datimngsformel ist ein fast gleichlautender Beleg DO. 243 für dio
Canoniker von S. GiuHa in Orta. Der Schluss der Arenga (von uns
Excursc zn Ottonisohen Diplomen. 147
wie Tielea andere aus dem D. Heiarich II. Stumpf Reg. 1380 ergänzt,
was später begründet werden wird), plurimum nobis ad imperii nostri
stabilitatem et ad aeternae remuuerationis emolumentum proficere non
ambigimos. Quapropter, stimmt bis auf das Wortambigimus ebenfalls mit
DO. 243 überein. Für die Phrase Ad hoc nos ad imperiale culmen subli-
matos esse credimus, ut omnium, maxime ecclesiarum dei ntilitatibus
consulamus, verweise ich auf DO. 356: Ad hoc nos divina potentia
ad imperialia culmiuis provexit apicem, ut omnium, maxime locorum
diyino cultui mancipatorum frugibus consularous, sowie auf den Aus-
druck ad culmen sublimatos esse in DDO. 357, 401, 408. Und gerade
in der Arenga zeigt It B. eine gewisse Gleichmässigkeit des Aus-
druckes. Ebenso in der Corroborationsformel, welche sich (bis auf
das eingeklammerte) in der gleichen charakteristischen Form in DO.
243 wiederfindet: Qaod ut verius credatur diligentiusque ab omnibus
observetur (inyiolabiliterque custodiatur), manu propria roborantes annuli
nostri impressionem inferius affigi (praecepimus). In dem eigentlich
dispositiven Theil der Urkunde ist eine so starke Uebereinstimmung mit
andern DD. desselben Dictators überhaupt nicht möglich, aber ein-
zelne Ausdrücke weison immer wieder auf It. B. bestimmt genug hin.
In der Pönformel, die übrigens auch zum Theil nur aus der NU. zu
erganzen war, gebraucht er allerdings in den früheren Dictaten statt
sciat se compositurum, culpabilis solvat oder eine ähnliche Wendung,
aber später bedient auch er sich des allgemein gebräuchlichen Aus-
druckes, den unser D. hat. Ganz bezeichnend fQr It. B. ist dagegen
die Phrase magna remissaque persona statt magna (Tel) parvaque
persona, eine Wendung, die ich ausser hier nur in den beiden yon
uDserm Notar concipirten DDO. 356, 357 fand; als andere dem It. B.
geläufige Phrasen unseres Diploms führe ich noch an:penitu8 (DDO. 243,
339, 401), degentes in regno nosfcro (DO. 339), quae superius leguntur
(DO. 356), amodo iuantea (DDO. 356, 367) u. s. w. Ich glaube, dass
diese Zusanmienstellung genügt, um die Autorschaft des li B. am
Dictat von DO. 239 über jeden Zweifel sicherzustellen, also zu be*
weisen, dass It. B. ein Diplom wesentlich des Inhaltes wie unser
DO. 239 concipirt habe.
3) Man könnte nun sagen, es sei ein echtes D. Otto I. auf den
Namen des Bisthums Parma gefälscht worden, denn sowol ASb als
Rieger gehen wesentlich davon aus, dass der Inhalt dieses DO. mit
der spätem Geschichte des Bisthums sich nicht vereinen lasse.
Affölegtspeciell darauf Gewicht, dass die Grenzbeschreibung durch
eine wenig Jahre später ausgestellte Urkunde als unrichtig erwiesen
werde, indem Otto im J. 969 das 962 als zum Weichbild Parmas gehörig
10*
148 Ottenthai
genannte Vicoferduli dem Getreuen Ingo schenkt (DO. 371). Dieses
Argument beweist aber schon aus dem Umstände nichts, weil diese
Grenzbeschreibung in keiner nach dem J. 969 fallenden Urkunde wieder-
kehrt ; zudem ist es Hubert von Parma selbst, der dieses Privileg {ür
Ingo erwirkt, und nach dem Wortlaut der Urkunde ist es keineswegs
unbedingt ausgeschlossen, dass Hubert jenem dieses Gut verkauft,
vertauscht oder zu Lehen gegeben habe. Gewichtiger ist schon Afios
Wahrnehmung, dass diese angeblichen Grenzen des Weichbildes ungleich
weit von der Stadt entfernt seien, dass speciell Vicofertile in den
Statutenbüchern als 4 Miglion von der Stadt abliegend bezeichnet
werde (AflR> 1, 242). Damit würde nun höchstens die Grenzbeschrei-
bung als Interpolation erwiesen; aber auch erst sobald dargethan
wäre, dass damals nach allen Seiten Orte gerade 3 Miglien vor der
Stadt gelegen waren, und man nicht aus Mangel an solchen Fixir-
punkten oder aus herkömmlicher Sitte nur Beiläufigkeitsgrenzen
anführte.
Affö und eingehender Rieger haben sich namentlich darauf ge-
stützt, dass die Serie der späteren Eaiserurkunden für das Hochstift
unserem DO. den Boden entziehe. Folgen wir beiden Forschern in
dieser Beweisführung. Es ist namentlich auf die Erörterung Mühl-
bachers (Sitzungsber. d. Wiener Akademie 92, 481) hin allgemein aner-
kannt, dass das D. Earl HI. vom J. 880 Böhmer Beg. 911 eine Fälschung
sei; hier sind zuerst die Bechte wie in DO. 239 aufgeführt, aber viel
weitergehende und ganz unhaltbare; so besässe der Bischof damals
schon den Comitat von Parma und eine grosse Zahl weitabgele-
gener Besitzungen, bei denen nun immer wieder, und oft recht un- i
passend die in DO. 239 verliehenen Rechte eingeschaltet werden. i
Für die Earolingerzeit ist also der Besitz der fraglichen Rechte nicht i
zu erweisen; da die Bestätigung von B. 911 durch Otto HI. Stumpf Reg.
024 mit jenem D. Earl III. gleichlautend ist, verdient sie inhaltlich
ebenso wenig Glauben als ^ie Vorlage.
In dem Umfange wie in DO. 239 erfolgt eine Bestätigung erst
durch Heinrich IL Stumpf Reg. 1380. Rieger glaubt (a. a. 0. 32) auf Grund
eines ihm mitgetheilten Facsimile, dass zwar das EschatokoU von
Eanzleihand herrühre, die jetzige Contextschrift aber einer spätem
Zeit angehöre, der ursprüngliche Wortlaut behufs Fälschung ausra-
dirt worden sei. Er stellte die Durchzeichnung für die Zwecke der Mon.
Germ, liebenswürdig zur Verfügung, jedenfalls muss ich ihm im Nach-
weis der kanzleigemässen EschatokoUschrift beipflichten, dagegen
schien es mir nicht ausgemacht, ob die Contexthand so unbedingt als
FälschuDg bezeichnet werden könnte; Sickel, dem ich den Fall vor-
£xcur8e zu Otfconischen Diplomen. 149
legte, fand sie noch weniger bedenklich als ich, ich werde unten
(S. 154) noch Haltpunkte anzuführen haben, die eine Fälschung als
unwahrscheinlich erscheinen lassen.
Volle Klarheit wird da nur die Autopsie von St. 1380 bringen
können, bei der sich sofort ergeben wird, ob der Gontext auf Basur
steht oder nicht. Aber auch wenn B. darin nicht Becht behält,
kann er nach wie vor mit Aff5 darauf hinweisen, dass in den Bestäti-
gungen Otto IL und wieder in der Eonrad IL Stumpf Begg. 803, 1950
Yon den in DO. 239 und St. 1380 genannten Bechten nicht die Bede
ist Dieser Einwurf hat etwas bestechendes, prüfen wir aber seine
Stichhaltigkeit doch näher. Wenn Si 1380 echt ist, so muss dieser
Wechsel in den Bestätigungen ohnedies anders erklärt werden; und ich
glaube, dass wir doch auch sonst Analogien dieser Art finden. Ich habe
oben das Privileg fSr Asti DO. 374 angezogen, in welchem dem Bischof
missatische und pfalzgräfliche Befugnisse yerliehen werden. Otto III.
bestätigt dieses D. in St. 971, erweitert die Bechte theilweise, und
doch ist gerade von den oben genannten Befugnissen hier nicht die
Bede. Solcher Beispiele würden sich noch eine Beihe geltend machen
lassen. Je nach Gutdünken der Kanzlei oder nach Wunsch des
Petenten, aas Zufall oder je nach der speciellen Sachlage ist die
Bestätigung der Vorlage mehr oder minder congruent, ist das eine
oder das andere ältere Diplom als Vorlage benutzt worden. Wir können
aber nur in den seltensten Fällen Qrund und Veranlassung solchen
Vorganges noch erkennen. Auf etwas ähnliches können wir sogar
bei den ganz unbeanstandeten Urkunden unserer Gruppe hinweisen;
f&r das D. Otto IL St. 803 ist die Vorlage das D. Karl IIL Mühl-
bacher L c. nr. 116. In der Aufzählung der Besitzungen bleibt das
Ottonische D. darin zurück, dass die Abtei Berceto nicht genannt
wird, dagegen scheint doch beachtenswerth, dass anstatt des ambitus
murorum in circuitu, ambitus murorum cum integro suburbio
civitatis et omnia que de regio et augustali iure in eins
dominium et potestatem translata sunt, bestätigt wird. Die
Bestätigung Konrad IL ist wieder unmittelbar nach dem D. Karl IIL,
nicht nach dem Otto IL geschrieben, Berceto wieder genannt, das
Fehlen im D. Otto IL bedeutet also keinen Verlust dieses Klosters, es
steht wieder nur ambitus murorum in circuitu, das bedeutet keine Min-
derang der Bechte, denn es sind wie im D. Otto IE. die Privilegien der
Vorgänger — etquae reliqua (in praeceptis antecessorum) continentur —
smnmarisch mitbestätigt. Darin können doch auch die uns erhal-
tenen Privilegien Otto I. resp. im letzteren auch Heinrich IL mit-
inbegriffeu sein. Noch muss bei Besprechung dieses Einwurfes auf-
150 Ottenthal.
merksÄTn gemacht werden, dass DO. 239 wesentlich Verleihung
von Bechten, St. 803 wesentlich Besitzbestätigung ist, also
beide nicht streng in dieselbe Beihe gehören. Bieger sucht endlich
(S. 36) auch in einem Einzelfall den Beweis zu erbringen, dass die
Bischöfe von Parma damals noch nicht missatische Befugnisse besassen:
er führt an, dass in den Jahren 1046 und 1055 königliche Boten zu Parma
Gericht halten. Aber diese Beispiele sind ganz irrelevant, da es sich
dabei um wandernde Eönigsboten, in unserm und ähnlichen Pri-
vilegien aber um Verleihung der Bechte ständiger Eönigsboten
handelt, welche die Wirksamkeit der ersteren keineswegs ausschliessen
(Ficker Ital. Forsch. 2, 50, 122). — Ich wüsste aber so wenig als
Affö, Bieger und die andern Zweifler an der Echtheit dieses D. ein
mit den dort verliehenen Bechten wirklich in Widerspruch stehendes
Factum aus der Geschichte Parmas anzuführen.
4) Bieger denkt sich diese Fälschungen, zuerst St. 1380, danach
DO. 239, nicht viel später Böhmer Beg. Kar. 911 und St. 924 bald nach
dem zweiten Zug Friedrich I. nach Italien entstanden. In dieser Zeit
zwischen 1158 und 1174 sind beide Notare nachweisbar, welche die uns
erhaltenen Abschriften der beiden letztern Stücke beglaubigt haben;
die von Friedrich T. auf diesem Zuge nach Italien begonnene Beaction
zu Gunsten der alten Begierungsgewalten konnte leicht eine solche
Fälschung veranlassen, die denn zur Folge gehabt hätte, dass seit
dieser Zeit die Bischöfe von Parma wirklich missatische Befugnisse
ausübten bis ins 13. Jahrh. hinein (1. c. 36, 37).
Ich möchte dem nun zunächst eine allgemeine Erwägung ent-
gegenstellen, bei der ich wie Bieger von den Forschungen Fickers
ausgehe. Friedrich rechnete in seinem Bestreben die alten feudalen
Gewalten zu stärken, auch mit den rechtlichen Verhältnissen, er resti-
tuirte nur solche, welche früher schon gräfliche u. s. w. Bechte be*
sessen und ausgeübt hatten. Hier in Parma nun soll es durch eine
freche Fälschung gelungen sein, davon nicht bloss den Kaiser, sondern
auch die Commune zu überzeugen, so zwar, dass die Bürger einer
so mächtigen Stadt auch zur Zeit, als die Strenge des grossen Kaisers
nicht mehr zu fürchten war, ihrem Bischof die Ausübung einer Beihe
bedeutsamer missatischer Befugnisse zugestanden hätten? Ich glaube
nicht, dass man das wahrscheinlich finden wird.
Geht man näher aufs einzelne ein, so zeigt sich auch hier jenes
merkwürdige raffinirte Geschick verbunden mit beispiellosem Unge-
schick, wie es dem Fälscher oft zugetraut wird. Bei einer Fälschung aus
der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. kann es sich im gegebenen Falle nur
um den Gegensatz des Bischofs zur Stadt handeln, aber siehe da, in
Excurse zu Ottooisclien Diplomen. 151
ganz historischer Weise betont der Fälscher den Gegensatz, welcher
der angeblichen Entstehungszeit, dem 10. und Anfang des 11. Jahrh.
entspricht, den zum Grafen, berührt den Bestand eines stadtischen
Gemeinwesens mit den Fratensionen und Errungenschaften, wie sie
die oberitalienischen Communen damals besassen, auch nicht mit
einer Silbe. Er fordert für seinen Bischof Rechte mit Worten, wid
sie dem 10. Jahrh. entsprechen, unterlässt es die seinen Zeitgenossen
geläufigen «iura comitatus' oder «plena iurisdictio* zu gebrauchen, der
Fälscher oder sein Auftraggeber ist so bescheiden, die fraglichen Rechte
nur im Umkreis von 3 Miglien zu yerlangeu, keine Aspirationen auf
die Grafschaft Parma zu machen, die dem Bischof doch damals schon
seit einem Jahrhundert wenigstens rechtlich zustand, wenn er auch
möglicher Weise durch die Stadt oder grosse Lehensträger theilweise
in der Ausübung seines Amtes beschränkt sein mochte.
Ich halte mit Ficker (Ital. Forsch. 2, 33) und Bethmann-HoUweg
(a. a. 0. 205) daran fest, dass dem Bischof von Parma der ganze
Comitat übertragen worden war. Nach den erhaltenen Eaiserur-
kunden stellt sich die Sache so dar: 1029 verspricht Konrad II. dem
Bischof totum comitatum Parmensem tam infra urbem quam extra
per circuitum, secundum per priscos fines illius et descriptionis ter-
minos, prout hactenus moraliter habebatur, post decessum videlicet
Bernardi comitis Widonis, nisi forte de coniuge sua Ita nomine filium
habuerit masculinum, si autem filius eins legitimus caruerit masculiuo,
tanc comitatus dictus . . . dictae ecclesiae . . . concedat (Aff52, 302);
1035 verleiht er totum prorsus et in integrum tam infra muros
quam extra comitatum per suos certos fines et antiquae discre-
tionis limites, sicut illum sanctae Parmensi ecclesiae iam dudum
contulimus, videlicet quantum episcopatus ipsius comitatus distenditur
a Pado usque ad Alpes et a termino illo quo divisio est inter prae-
dictum episcopatam et episcopatum Placentinum usque ad terminum
illum quo divisio praefati Parmensis episcopatus et Begensis est
(Aff52, 310); 1036 couferimus et perpetua donatione . . . totum Parmen-
sem comitatum tam iutra urbem quam extra per circuitum secundum
priscos fines ipsius et discretionis terminos secundum quod hoc cou-
Buetudinaliter et localiter habebatur, largimur (Affö 2,311). Endlich
Heinrich III. bestätigt Parmensem comitatum tam infra urbem quam
extra totum per circuitum secundum priscos fines ipsius et discre-
tionis terminos (Affö 2,321). Also Eonrad II. verspricht 1029 dem
Bischof den Comitat von Parma, falls der regierende Graf (oder dessen
eventueller Sohn) keine ehelichen[männlichen Nachkommen besitzt. 1035
ist diese Yorausäetzuug bereite eingetroffen und dem Bischof die Graf-
152 Ottenthai.
schaft übertragen. Allerdings erregt das eine und andere dieser Dgcu-
mente Anstoss, besonders im ersten Frivileg, auch in der Bestäti-
gung Yon 1086 finden sich fast bis zur Sinnlosigkeit entstellte
Sätze. Aber es steht auch mit der üeberlieferung schlecht; nur die
Bestätigung Heinrich III. ist im Original erhalten, das erste D. Eoniads
nur im Druck bei üghelli; während nun dessen Inhalt, wie ich unten
zu erweisen hofie, glaubwürdig ist, wird man die Yerderbungen des
Textes hier und beim D. vom J. 1036 auf Ueberlieferungsfehler zurück-
zuführen haben. Sollte aber auch bei ersterem mit Bieger, der S. 35
Anm. 1 diese Verstösse scharfsinnig zergliedert, eine Interpolation
anzunehmen sein, so alterirt das die weiteren Folgerungen gar nicht,
da in allen übrigen Diplomen, auch in dem Heinrich HL ganz un-
zweideutig vom Comitat in der vollen Ausdehnung die Bede ist, man
beachte nur in dem auch von Bieger als unverdächtig bezeichneten
D. vom J. 1035 den Ausdruck totum comitatum, die dort angegebenen
Grenzen, die mit denen des Bisthums zusammenfallen, also gewiss
über das irühere Immunitätsgebiet der Kirche hinausreichen, während
die Grenzen der Grafschaften und Diöcesen im städte- und bischof-
reichen Italien wesentlich übereingestimmt haben werden. Es heisst
ferner in der Pönformel des im Original erhaltenen D. von 1047 und
in dem damit übereinstimmenden Privileg von 1036: Si quis • . de
praedicto beneficio a nobis sibi . . . dato, Farmensi videlicet comitatu
tam infra urbem quam extra ubicumque locorum ad districtum eiusdem
comitatus pertinentium . . . und so ist immer der Parmensis comi-
tatus hervorgehoben. Eine Beziehung nur auf das Immunitätsgebiet
der bischöflichen Kirche ist durch den Wortlaut wol unbedingt aus-
geschlossen; Bieger scheint nur dadurch zu dieser gezwungenen Er-
klärung gekommen zu sein, dass er das spätere Auftreten weltlicher
comites comitatus Parmensis nicht anders zu erklären wusste. Ficker
hält sie (L c. 2, 33) für Beamte des Bischofes, die als Sprossen des
alten Geschlechtes diesen Titel führen. Die entscheidende Beweis-
stelle für den Besitz der Grafschaft seitens der Bischöfe hat schon
Ficker (1. c. 2,34) aufgeführt^ was Bieger übersehen zu haben scheint:
im Jahre 1081 heisst Evrardus episcopus et praeses ipsius Parmensis
episcopii et comitatus ^). Ich glaube, jeder wird zugeben, dass wol
der Sprössling der alten Familie oder der im Namen des Bischofs
1) Analog ist es wol auch aufzaüosseii, wenn 1069 Cadalus praesul et prae-
sens i!) atque apostolicus electus s. Parmensis ecdesiae una cum Ingezo vicecomite
dem Gerichte über Streit wegen Grund und Boden yorsitzt und den Eönigsbann
verbfingt (AfR^ 2, S29).
£xcui-8e zu Ottonisclieii Diplomen. 153
die grafliche Gewalt aaslibeude Beamte diesen Titel nach altem Braach
föhren, nicht aber der Bischof, wenn er die Grafschaft nicht besass,
officiell so genannt werden konnte.
Was wir über die seit 1035 als comites Parmenses bezeichneten
Hanner wissen^ lässt sich wol damit vereinen. 1029 verspricht Konrad
dem Bischof die Grafschaft post decessum Bernardi comitis Widonis —
hier liegt offenbar ein Yerderbniss. Da Bernard schon 998 nach-
weisbar ist (Affo 1,374), wird Wido als der jüngere Sprössling, als
der Sohn Bernards zu betrachten sein ^), statt dessen wird uns 1051 und
1055 ein Arduinus comes comitatus Parmensis genannt (Affö2, 323. 325),
als dessen Vater Atto bezeichnet wird (1045 Gisla filia Ardoini fiL
qaoudam Attonis de' comitatu Parmensi, 1062 Ardoinus comes de
comitatu Parmensi et filius quondam Attonis Muratori 1. c. 1, 428, 423),
so dass also der bezügliche Passus im D. von 1029 thatsächlich be-
gründet erscheint. Arduin stammte aus einer alten edlen Parmeser-
familie, schon 958 ist ein Atto filio Attoni de comitatu Parmensi
erwähnt (Muratori 1. c. 1, 428). Nächste Yerwandschaft mit dem alten
Grafengeschlecht ist nach der Art der Bezeichnung und noch mehr
wegen der Verschiedenheit der Namen jedeiifalls zu bezweifeln. Noch
im 11. Jahrb. beginnen die Glieder dieser Familie sich Grafen von
Sabbioneta zu nennen, nach einem Hofe, den einst E. Rudolf 924
dem Bischof Aicard von Parma geschenkt hatte (Affö 1, 332). 1095
ist ein übertus comes filius quondam Ardoini comitis de comitatu
Parmensi erwähnt (Margarini Bullarium Cassinense 2, 119), 1099 Ubertus
comes de Sabloneta (ibid. 145). Da Ardoin massaricies de Sabloneo ver-
schenkt (Muratori Ant It 1, 423), kann an der Identität dieser beiden
Huberte wol kein Zweifel sein. Ist meine Vermuthung, dass die
Grafen von Sabbioneta mit dem Stamme Bernards nicht verwandt
waren, richtig, so hat Arduin und sein Sohn Hubert den Titel comes
comitatus Parmensis nur als bischoflicher Graf, als nach der Erlan-
gung der Grafschaft vom Bischof ernannter Beamter geführt (vgl.
auch Fickers Bemerkungen über die bischöflichen Vicecomites in
Parma L c. 2, 34), dazu passt auch die Stellung der Grafen von Sabbio-
neta als Vasallen der Kirche (wegen Sabbioneta); 1081 ist Boso
comes de Sabloneta vassus et signifer ipsius episcopi Parmensis (Affö
2,336)^. Wird Ende des 11. Jahrh. der Titel comes comitatus Par-
*) Ob die 1092 genannte Adelaxa filia ügoni comee et relicta quondam
Widonis de comitata Parmensiß (Muratori Ant It. 1,427) die Wittwe Widoe igt,
wage ich beim Yerderbniss obiger Stelle nicht zu entscheiden. ') Die Geschlechts-
genoesenschaft mit Hubert dem Sohn Ardoiss folgt aus einer Schenkung vom
J. 1098 (Muratori Ant. lt. 1,421), die Boso Parmensis archidiaconus, Albertus
154 Ottenthal.
mensis von dieser Familie nicht mehr geführt, so wird sie seit dieser
Zeit die Grafschaft Parma auch nicht einmal mehr als Amt be-
sessen haben.
Ans diesen Darlegungen ergibt sich, dass die Bischöfe seit 1035
und jedenfalls seit Ende des 11. Jahrh. in ganz freien Besitz des
comitatus Farmensis kamen. Die Fälschung von DO. 239 müsste also
vor diese Zeit fallen. Wir müssen aber noch viel weiter zurückgehen.
In DO. 239 und St. 1380 ist der Ffalzgraf als Stellvertreter des Königs
im Eönigsgericht genannt. Das trifft, wie Ficker (I.e. 1,315) über-
zeugend nachweist, im 10. Jahrh. und noch bis zum Jahre 1014 zu,
dann nicht mehr. Da die Annahme ausgeschlossen ist, dass ein
Fälscher des 12. (oder auch 11.) Jahrh. die gründlichen Forschungen
Fickers anticipirend oder durch einen Zufall im Gegensatz zu den
damals bestehenden Einrichtungen die der früheren Zeit tadellos
richtig erkannt, den Pfalzgrafen also als Richter, dagegen nicht bei
der Notarserneunung, wo er im 12. Jahrh. am Platz wäre, genannt
hätte, so müssen wir die Entstehung der , Fälschung* vor das J. 1014
setzen. Da für die von Bieger vermuthete Fälsc hung von Si 1380 eine echte
Urkunde vom J. 1004 benützt wurde, wäre also die erste Fälschung,
die den andern als Grundlage diente, zwischen 1004 und 1014 zu
setzen, womit freilich Biegers Ansicht, dass die Contextschrift auf
viel spätere Zeit weise, in unlöslichem Widerspruch stehi Eine solche
nahezu gleichzeitige Fälschung wird immer unwahrscheinlich und
nur durch die schwerwiegendsten Verstösse einer Urkunde zu be-
gründen sein.
Diese letztern fehlen beim D. Heinrich IL Von der Schrift habe
ich schon gesprochen. Die Bedenken Biegers gegen den Inhalt ba-
siren nur auf der Ansicht, es sei ,iauf einer durch Basur des Con-
textes einer echten Urkunde für Parma entstandenen charte blanche
mit Kanzleiunterfertigung St. 1380 zuerst gefälscht. Auf Grund
dieses St. 304 (^= DO. 239) durch Hinzufügung der verdächtigen
Grenzbestimmung gleichfalls mit Aufopferung einer echten Urkunde
fabricirt« (S. 37), also das D. Heinrich II. die Vorlage für DO. 239,
obwol er S. 33 nahe daran war, das richtige auszusprechen, dass
nämlich St 1380 auf DO. 239 zurückgelit. Auch ein äusseres
Merkmal beweist das. Während der Schreiber des Eschatokolls, und
coiue« et Ubertus frater eius, comes quoque Walfredus et uxor eins . . . neptis
eorum, Mathildis etiam ooniux b. m. Ugonis comitis et filii eorum errichten.
Bei der Unterschrift: firmayit Adalbertus comea, Boso archidiaconus ceterique
Bui parentes. 1091 Ego Ucho comes filius quondam Bosoni fiimiliter comitis
de loco qui dicitar Sabloneda (Mur. Ani It. 1,419).
Excurse zu Ottonipcbon Dii)lomcn. 155
soweit mir Facsimile zuganglich waren, auch die (ihrigen Schreiber der
italienischen Kanzlei unter Heinrich IL stets das in der deutsehen
übliche auf die Form eines C zurückgehende Chrismoü verwenden,
findet sich in St 1380 ein Kreuzchrismon ganz in der Weise, wie
es It B. gebraucht. — Die Fassung des Contextes von DH. II ent-
spricht dem Notar aus der Kanzlei Otto I. in solchem Grude, dass
ich nicht zu erklären wüsste, wie qin Notar unter Heinrich IL bei
freier Stilisirnng zu solcher Ueberei nstimmung gekommen wäre.
Wenn aber die Kanzlei Heinrich IL nach einer Vorlage aus der
Kaiserzeit Otto L arbeitete, so erklärt sich auch der von Rieger be-
anstandete Wechsel von imperialis und regalis, imperium und regnum.
Man kann deutlich genug verfolgen, wie der Dictator von St. 1380
zuerst sich Mühe gab, die Vorlage entsprechend umzugestalten, dann
aber schleuderisch DO. 239 wörtlich copirte ^). Dass dabei das Pro-
tokoll von DH. IL kanzleimässig umgestaltet wurde, entspricht der Begel.
Fehlt also, soweit ich sehe — Bieger äussert keine anderen Be-
denken gegen den Inhalt von St. 1380 — jeder Anhaltspunkt das
D. Heinrich H. zu verdächtigen, so wird das tro tz schlechterer Ueber-
lieferung auch bei der Vorlage DO. 239 der Fall sein, falls, wie ich
ZQ erweisen suchte, die Form kanzleigemäss ist, der Inhalt der be-
treffenden Zeit vollständig entspricht, kaum dass man, da allf.s andere
so gut verbürgt ist, noch ein Detai 1 der Grenzbeschreibung bean-
standen möchte. £. v. OttenthaL.
IV.
Zu DO. 336. Es sind uns nur drei ältere Kaiserurkunden ^) für
Subiaco erhalten; wir können aber mifc ziemliche r Bestimmtheit an-
nehmen, dass deren einst bedeutend mehr vorhanden waren. So lässt
sich schon aus der Urkunde Otto I. ein Actum deperditum Karls des
Grossen nachweisen, das dem Inhalte nach noch bestimmter in der
Schenkung des dux Caesarius, die mir nur im Auszuge desChronicon
Sublacense^) vorliegt erwähnt wird. Werden in DO. 336 noch Diplome
anderer Könige citirt, so ist uns von diesen nur das Hugos und Lotbars
von 941 (Böhmer Keg. K. 1405) bekannt, welches offenbar bei der
Aufzählung der Besitzungen dort, wo der Hof Sala und Garsoli er-
wähnt werden, benützt worden ist. Unter den nicht erhaltenen Königs-
*) Diese durchgängige üebereinstimmung des HeinridaniBchen Diploms mit
seiner Vorlage, soweit uns beide Texte vorliegen, gab uns auch die Berechtigung
üut alle Lücken in DO. 289 aus jenem zu ergänzen.
') Böhmer Reg. Kar. 1405, Stumpf Reg. 416, 1194. ') Murctori HB. 24, 958,
Ant. 4, 1061 ; vollständig bietet sie das Register.
156 Fanta.
Urkunden befand sicli auch eine, durch welche dem Abte Elias (von
Subiaco) das Kloster des h. Erzengel Michael zu Barrea am Sangro
verliehen wurde. Alle diese Präcepte konnten Otto I. noch vorgewiesen
werden. Als man aber wohl noch in der ersten Hälfte des 12. Jahr-
hundert nach dem Beispiele von Farfa, Monte Gassino und S. Yincenzo
am Volturno auch hier eine Urkundensammlung anlegte ^), waren nur
mehr die drei auch uns bekannten Präcepte erhalten, deren Originale
wie es scheint schon frühzeitig in Verlust gorathen sind. Auch Johannes
Aragonensis im Chronicon Sublaceuse, das wohl erst längere Zeit nach
1390 angelegt wurde, kennt nur diese drei Urkunden, von welchen
er mehr oder minder ausfahrliche Extracte gibt. Er beruft sich aber
dabei nicht auf die Originale, sondern auf einen liber antiquus — also
wohl unser Register — der wie er übertreibend berichtet multa privi-
legia regalia et imperialia enthalte ^). Ebenso geht das 1623 von
Cherubinus Mirtius angelegte Bullarium auf das Begistrum zurück und
der Catalog von 1752 zählt nur diese drei Urkunden nach dem Ee-
gister und Mirtius auf ^). Gleiches gilt von sämmtlichen Erwähnungen
der Urkunden für Subiaco durch die Forscher des 17. und 18. Jahr-
hunderts. Das von Mabillon ^) mitgetheilte Fragment stützt sich offenbar
auf eine Copie aus dem Begistrum während Oarampi ^), der auch ein
0 Die erste Anlage des Registrum Sablacense verlegt Bethmazm Arcbiv
1^, 486 in die Mitte des 12. Jahrh. Dantier Les monast^res Benedictins d*Italie
2,188 gibt das Jahr 11 SO an. Diesem Ansätze kann ich freilich nicht recht
vertrauen, da Dantier a. a. 0. 189 irrthümlicher Weise auch von einem Char-
tular des 10. Jahrh. spricht. Er meint damit offenbar das auch sonst bekannte
Register. — Bekanntlich hat die Societä Romana di Storia Patria die Veröffient-
lichang dieses reichhaltigen Chartulars veranlasst und mit dieser Aufgabe die
Herrn AUodi und Levi betraut. Ihrem freundlichen Entgegenkommen verdanken
wir es, dass unser Arbeitsgenosse Dr. v. Ottenthai sowohl die jetzt zu Editions-
zwecken in Rom befindliche Handschrift des dem Klosterarchiv von Santa Sco-
lastica gehörigen Registers, als auch die Aushängebogen der neuen Edition ein-
sehen konnte. Doch konnte v. Ottenthai zunächst nur die StQcke durchsehen,
deren Benützung in DO. SS6 von uns vermuthet wurde, also die Bullen und die
Privaturkunden nur soweit der Druck des Registrum gediehen war. Da erst mit
der Publicirung des Registers ein fester Grund für die bisher noch im Dunkel
liegende ältere Geschichte des Klosters geboten werden wird, so enthalte ich
mich auch jeder Vermuthung über die dem Abt Elias ausgestellte Urkunde. Auch
die von mir gemachten topographischen Bemerkungen dürften durch die Ur-
kunden der neuen Publication manche Berichtigung und Vervollständigung er-
fahren. Jannucelli's Mem. di Subiaco konnte ich leider nicht benützen.
«) MuratoriSS.24,9B4. ») Archiv 12,487. *) Ann. ed. I, 8,590. ») De nummo
argen teo Benedicti III (Rom 1749) 169 n. S. Gerade so steht es mit den päpstlichen
Bullen ; die altera sind uns nur aus dem Register bekannt und erst mit Paschal II.
beginnen die Oiiginale (v. Pflugk-Harttung Iter Italicum Stuttgaft 1888) 158.
Ezcni^ zu Ottonisohen Diplomen. 1(7
Brachstück der Urkande gibt, auf eine nach dem Begister angefertigte
Copie Ton D. Giorgi auf der Casanatensis zurückgeht. Auch der Abdruck
bei Muratori geht entweder direct auf das Begister oder aber auf
Mirtius zurück. Obwohl Muratori hie und da emendirt, so bietet sein
Abdruck doch manche kleinere Auslassung und einige Lesefehler, die
sich ausdenEigenthümlichkeiten der Schrift des Registers erklären. Eine
Abschrift aber, die sich in den schedae Zaccagni's im Cod. Beginae 378
f. 138' (aus dem Ende des 17. oder Anfang des 18. Jahrb.) befindet, muss
hier dochnäher erwähnt werden; denn trotz einer Unmasse falscher
Lesungen und Entstellungen weicht der hier gebotene Text in vielen
Punkten so sehr von dem des Registers ab, dass man ihn auf den
ersten Blick hin auf eine vom Begister unabhängige Quelle zurück-
fuhren mochte. Bei näherer Prüfung hat sie sich jedoch als eine
schlechte und willkürlich behandelte Copie aus dem Begistrum heraus-
gestellt Doch geht sie nicht direct auf das Begistrum zurück. Denn
zahlreiche Verlesungen erklären sich nur dadurch, dass man zwischen
Begister und Cod. Beg. eine flüchtig und undeutlich geschriebene Copie
des 17. oder 18. Jahrh. annimmt, und darauf weist uns wirklich
der Quellenvermerk am Baude der Urkunde in der Copie des Cod.
Beg. hin: Ex registro Sublucensi f. 32. Ex Margarini f. 32. Sie geht
also auf eine Copie Margarini^s zurück, die aus dem Begistrum Sub-
lacense geflossen ist Im Begister befindet sich freilich die Urkunde
auf f. 1 ; doch ist der Irrthum im Citate leicht zu erklären. Da dem
Schreiber des Cod. Beg. eine Sammlung von Abschriften Margarini's
Torlag, so wiederholte er den Quellenvermerk, den er hier fand, setzte
aber irrthümlich die dem Codex Margariui^s entsprecheude Folieuzahl
auch bei Erwähnung des Begisters ^).
Es würde zu weit führen auf die einzelnen zum Theile bedeuten-
den Abweichungen hier näher einzugehen. Nur soviel sei bemerkt,
dass der Abschreiber einzelne Sätze oft kürzte, andere, die ihm nicht
genug deutlich waren, im Anschlüsse an den Wortlaut der Urkunde
umschrieb. Hie und da scheint er auch eine erklärende Bandglosse
Margarini^s in den Text aufgenommen zu haben. An der Stelle liben-
tissime (annuentes) .hanc nostre auctoritatis etc. fehlt bei ihm ebenso
wie im Begister das in Klammern gesetzte Wort, während er in der
Pöenfonnel Si quis autem contra hanc nostram preceptionem presump-
serit den Ausfall eines Wortes bemerkte und durch facere ersetzte.
In der Kanzlerunterschrift bietet er wie das Begister die Namensform
Umberti und im Datum setzt er annus imperii XXXII statt Y d. h^
■) Es ist dies wahncheinlich der Cod. Vat 7157 (Collectio ez Margarini
HS.), aus dem Pflngk-Haittong a. a. 0. 1 8 1 nur die päpstlichen Ballen verzeichnet.
158 Fanta.
die den Königsjahren entsprechende Zahl. Für die Edition dieser Ur-
kunde in den DD. der Mon. Germ, waren also weder die altern Drucke
noch die Copie im Cod. Beg. herbeizuziehen, da alle diese üeber-
liefer ungen direct oder indirect auf das Begistrum zurückgehen.
Obwohl man auch in Subiaco vor Fälschungen nicht zurück-
scheute, so können wir doch der einzigen uns zu Gebote stehenden
üeberlieferung im Begistrum vertrauen. Die Urkunde zeigt dasDictat
des Jt. D., die Daten auf den 11. Jänner 967 — die Zeit, zu welcher
sich Otto nach DO. 337 wirklich in Born befand, wo er auch das von
der Urkunde erwähnte, aber auch anderweitig beglaubigte Concil ab-
hielt ^). Die Invocation ist freilich eine ungewöhnliche ; der erste
kanzleigemässe Thoil derselben (In nomine s. et individue trinitatis)
wurde mit einem Zusätze versehen scilicet patris et filii et Spiritus
sancti, den Jt. D. wohl aus der ihm vorliegenden Urkunde Karl des
Grossen entnommen hat ^).
Neben den erwähnten Eaiserurkunden haben auf das DO. jedenfalls
noch päpstliche Bullen eingewirkt. Eine ganze Beihe von Besitzungen
finden wir schon in der Bulle Nikolaus 1. 3), dann in der Johann X.
von 926 Jänner 18 (Beg. SubL p. 18) — Besitzungen, die auch in
der Bulle Leo VU. (JaflK 2753 und Beg. Suhl. p. 46) wiederkehren.
Besonders aber ist auf die Bulle Johann XII. von 958 Mai 10 (Jaffe
2826) zu verweisen. Freilich erscheinen in den Bullen die Besitzungen
in anderm Zusammenhange und in verschiedener Beihenfolge.
Daraus können wir also noch keinen Schluss auf die Benützung
derselben in DO. 336 ziehen, wir können nur constatiren, dass die
meisten in DO. erscheinenden Besitzungen sich schon in den altern
päpstlichen Bullen finden. Ihre Benützung wird aber dadurch un-
zweifelhaft, dass ganze Sätze des Ottonischen Diploms wörtlich an die
Bullen anklingen. So findet sich der Satz Confirmamus in integrum
castellum de Sublacum — Lateran ensi palatio (beidem ausdrücklich päpst-
liche Bullen citirt werden), abgesehen von den für das DO. selbst-
verständlichen Veränderungen wörtlich schon in der Bulle Johann XII.
Dasselbe ist bei Erwähnung der massa Juben9ana der Fall, bei der
auch auf die päpstlichen Bullen verwiesen wird; unverkennbar hat die
Bulle Johann XIL auch bei der Aufzählung der Besitzungen in und
um Bom eingewirkt und bei der Concipirung des Satzes casale in
quo idem monasterium est coUocatum — predicti abbatis eiusque
») DömiLler Otto I. 41 S. «) Sickel Acta Kar. 1,268. ») Von Jaff(§ nicht
verzeichnet; Allodi und Levi Reg. Subl. p. 18 wohl gleich der bei Muratori
Ant. 6,469, von der hier verrauthet wird, da« Hie erst Nikolaus IL angehört.
Von ihr zu unterscheiden ist Jaffe CCUXLIV.
Excurse zu Otionischen Diplomen. 150
suceessorum hat der Wortlaut der ürkande Nikolaus I. oder einer
andern ihr nachgebildeten als Muster gedient. Wenn aber auch der
Einfloss der päpstlichen Ballen nicht zu verkennen ist, so sind die
wortlichen üebereinstimmungen doch viel zu gering und unbedeutend,
um bei der Ausgabe in den Mon. Germ, durch besondem Druck hervor-
gehoben zn werden. Die Benützung der kaiserlichen Urkunden muss
vielmehr eine ganz freie und selbständige genannt werden. Ebenso
scheinen die Privaturkunden benützt worden zu sein; die Urkunde
Otto I. citirt Schenkungen des Bischofs von Rieti, solche eines ge-
wissen Burgo im Marsischen und die eines Caloleo im Tiburtinischen.
Doch sind alle diese Schenkungen mit so knappen Worten angeführt,
dass ausser Personen und Ortsnamen kaum etwas mehr mit den Privat-
urkanden stimmen kann *).
Die Besitzungen sind der geographischen Lage entsprechend in
mehrere Gruppen eingeordnet. Es wird der Ort genannt, auf dem sich
das Kloster der h. Scholastica und der Sagro Speco erheben, beide
in der Nähe des heutigen Subiaco.
Daran schliesst sich die Bestimmung, dass dem Kloster allein
daa Becht des Mühlenbetriebes auf dem Teverone bis zum Orte
Seminarium, den wir wohl nördlich von Agosta, am rechten Ufer
des Flusses zu suchen haben ^), zustehen soll. Dies Becht soll dem
Kloster auch auf den beiden vom Teverone gebildeten (künstlichen)
Seen, den alten Simbruina stagna ^) bei Subiaco zustehen. Als zweite
Gruppe erscheint das Castell von Subiaco mit allem zu dessen Terri-
torium gehörigen Besitzungen in Jenne (campus de Jauno), Cauterano,
Seminarium Agosta und Cervara. Denn alle diese Ortschaften bilden
das Territorium von Subiaco, das wohl bisweilen, wie aus der Bulle
Nikolaus I. hervorgeht, im weitern Sinne auch zum Territorium Tibur-
tinam gerechnet wurde ^). Die dritte Gruppe bilden die Besitzungen
') Mir stehen von Privatorkunden nur die wenigen AuBzQge bei Mnratori
Ant. 5, 769 znr Verfügung, die aber ftbr unsere Urkunde nichts ergeben. ') Denn
die Schenkung des duz Caesarius führt an urbem Ooloniam quae vocatar Semi-
naria . . . unacum monte qui vocatur Augusta. ') Die Urkunden des 9. und
10. Jafarh. kennen von den drei Seen des Alterthums (Tadtus Abezc XI IS, XIY 28,
PliniQs Hiflt. nat III 12) nur noch zwei, und auch die verschwanden im J. 1805.
^) Nach der Bulle Nikolaus I. lault die Grenzlinie von der Quelle des Teverone
(Petra imperatoris unde ipsum fiumen redundat) längs der am rechten Ufer des
Flusses streichenden monti Simbruini bis Pereto sQdlich von Carsoli (fossa . . .
Pereta), wendet sich, wie es scheint, von hier gegen Westen bis sie den rechten
ZuflnsB des Teverone, das Flüsschen Prate erreicht. Denn nur dieses kann unter
Ferraia verstanden sein, da sich an der Mtkndung desselben in den Teverone noch
heute eine Osteria della Ferrata befindet. Hier übersetzt die Urenzlinio d«n Te*
160 Fanta.
im territorium von fiieti und zwar im Thal des Turano, wo Carsoli
und der unweit davon gelegene Hof Sala ^) genannt werden. Die
Eingangsworte der vierten Gruppe nennen wieder Besitzungen im
Beatinisehen, in der Sabina und im Marsisehen, doch sind die be-
sonders aufgezählten Besitzungen, soviel ich constatiren konnte, alle
im Marsischen gelegen '^), obwohl ich bestimmt nur Trasacco am
südlichen Ufer des Lago di Celano nachweisen kann. Als Anhängsel
zu dieser Gruppe erscheint das Kloster des h. Michael zu Barrea am
Sangro, das von den sonstigen Besitzungen des Klosters getrennt
hier am besten angereiht werden konnte. Die bei weitem umfang-
reichste Gruppe enthält die Besitzungen im Territorium von Tivoli;
hier erscheint vorerst die massa Juben^ana, welche nach der Bulle
Johann Xll. Besitzungen zu Seminarium, Arsoli Oricolo und andern
Orten am rechten Ufer des Teverone umfasste ^) und sich gegen
Westen wahrscheinlich bis nach Vicovaro hinzog. An zweiter Stelle
erscheint Ilice, das ich mit Ciciliano identificire. Es sind hier Be-
verone und geht über den Monte Boffo (in Monte . . . Cropho) bei Saradnesoo
bis zum Flüsschen Trave (vielleicht der heutige Ohio, ein Zufluss der bei Rooca
Canterano in den Teverone mündenden Cona), geht dann die Cona aufwärts bis
zum Bagno (Baniolus), verfolgt diesen stromaufwärts und geht dann über die
Berge bis zum Teverone und endlich diesen aufwärts bis zur Quelle. Dies Gre-
biet bezeichnet Nikolaus I. als territorium Tiburtinum et Sublacianum, womit
wohl ausgedrückt werden soll, dass das Territorium Sublacianum einen Theil des
territorium Tiburtinum bilden soll. £2s kann also auch nicht aufiiallen, wenn
in DO. die nach dieser Grenzbeschreibung im nördlichen Theil des territorium
Sublacianum liegende Massa Juben9ana zum territorium Tiburtinum gezählt wird.
') Denn die Bulle Paschal IL nennt Sala civitas quae vocatur Carseolis
(Jaff6 4728). ') So Füimina nach DO. 459 spur; dann die oella s. Euticii, die
ausdrücklich als im Marsisehen gelegen bezeichnet wird; intrasaecum im Re-
gister ist im Druck mit in Trasaccum (= in Transaquis) wiederzugeben.
*) Massa bezeichnet nicht eine einzelne Besitzung, sondern gewöhnlich einen
ganzen Complex von Gütern; vgl. Du Gange Glossarium. Die Bulle Johann XU.
filhrt deshalb als Bestandtheile der massa que vocatur Jubenzana (Muratori hat
fälschlich Lubenzana) und Inter marana unter andern die obengenannten Be-
sitzungen an und ausserdem noch Canterano, Marano, Pisoiano etc. Ich denke,
dass man zur massa Jubenzana die Besitzungen nördlich vom linken Ufer des
Teverone, zur massa Intermarana die südlich vom rechten Ufer des Teverone
rechnete. Der Name Intermarana mag mit dem des Hauptortes Marano zusam-
menhängen. Doch geht auch aus der Bulle Johann XII. deutlich hervor, dass
man alle diese Besitzungen der Jubenzana und Intermarana als einen Complex
betrachtete. In dem inschriftlichen Güterverzeichniss von 1052 bei Dantier 2, 157
erscheint sie als Juventianum. -— Noch heute bewahrt ein Bach bei Vicovaro den
Namen Guivenzana (Mannert, Geographie der Griechen und Römer IX, 1,65 S).
Ob noch heute ein Local Giovenzana besteht, kann ich nicht constatiren. Amali
bietet nichts.
Gzcnne m Öttonisdien Diplomen. 161
sitsongen gemeiut, die zwischen Ciciliaao (Ilice), eiuem nicht näher
bestimmbaren Punkt an der Via Yaleria (colamna qae stat su fönte
Ilicis ioxta yiam) and dem mons Valturella, der bei Pisciano gesacht
werden muss, and dem Fiumicino liegen, und die auf Privatschenkungen
zaräckgefQhrt werden (quod eidem monasterio attinet definitum per
chartalarum series) ^).
Eine grossere Besitzung des Klosters war das Gasale Apolonii,
in andern Urkunden richtiger als Ampolloni bezeichnet Es ist das
heutige Ampiglione, das alte Empulum. Auch alle andern hier ange-
führten Be.iitzangen liegen sicher im Territorium von Tivoli, wie der
Vergleich mit den papstlichen Bullen deutlich zeigt. Doch fehlt es
mir an Material ihre Lage näher zu bestimmen. Die ganze Gruppe
zer&Ut in mehrere ünterabtheilungen, die durch item und simiUter
markirt werden. Als besondere Gruppe erscheinen die Besitzungen in
and um Tivoli und gleichsam als Anh ang eine Beihe von Besitzungen,
welche bald zum Territorium von Tivoli bald zu Palestrina gerechnet
wnrden ^).
Eine besondere Gruppe Ifir sich bilden die Besitzungen im terri-
tiorium Campaninum '): hier liegen Afile, Ponza, Boiate, Olevano, der
*) Der Flumioellos kt wohl Bicher der heutige Fiomidno (Zufiun des Teve-
rone). Nach dem Spurium Gregor L JaffiS CX^XXVI kann man die Lage der
andern hier genaanten Locale bestimmen. Denn hier wird Ampiglione begprenzt
durch den mons Vultmll% der nach dem ganien Znsammenhang s. 0. von Am-
glione xwischen diesem Orte und Pisciano liegen muss; sie geht von hier nach
Pisoiaoo und dann l&ngs des l^^iumicino bis zum Teverone. So erreioht sie die
Tia Tibmüna (in via llbnrtina ubi stat oolnmna). Bei der columna, welche
wohl der im DO. erwähnten gleichzusetzen ist, wendet sie sich wieder nach Süden
und zwar einen Bach anfwftrts und kehrt über verschiedene mir unbekannte
Locale znm Berge Vulturella zurück. — Nach der Begrenzung im Spur. Gregor I.
nnd freilidi auch die Besitzungen von llioe in die massa Apollonii miteinge-
reehnei. Doch soll durch solche Grenzbestimmungen nicht etwa das ganze inner-
halb der Grenzlinie liegende Gebiet als Besitz des Klosters bezeichnet werden*
Es wird dadurch nur ein Gebiet umschrieben, innerhalb dessen gewisse zu einer
massa gehörige Besitzungen liegen. Im übrigen kann in der Bulle Gregors un-
mSt^lioh die alte von Rom nach Tivoli führende via Tiburtina gemeint sein,
eondem der von Tivoli nach Osten führende Straaeenzug, die Via Yaleria, die
damals nach dem Hauptorte gleichfalls als Via Tiburtina ers^eint, wie der alte
Anio als flnmen Tiburtinnm.
*) Denn die Bulle Johann XII. nennt fundi in Panzi, Diruti liacroniano
nnd andern Orten positis in territorio Prenestino et Tiburtino. — Sie wurden
deshalb als besondere Gruppe gefeisst. ') So wird dies territorium auch in der
Bulle Johann Xil. genannt. Es lag südlich von den das territorium Sublaoense
im Süden begrenzenden l^lüsschen Cona und Bagno und s. 0. vom territorium
Tiburtinum.
MittheilunyeD. £rg&uzuue:Kbil. I. 11
162 i'antft,
Berg Civitella (das heutige Civitella), Casape (Casepacia), S. Vito und
andere Besitzungen, die ich nicht nachweisen kann. Als letzte Gruppe"
endlich erscheinen die Besitzungen in Rom und ausserhalb der Stadt
bei der Porta Maggiore und der aqua Claudia.
Aus dieser Anordnung in territoriale Gruppen ergab sich auch
das Verfahren bei der Interpunction. Confirmamus et corroboramus
nominatim et generaliter bezieht sich auf die ganze folgende Auf-
zählung; offerimus quoque et confirmamus wiederholt sich wieder bei
der zwei^«n Gruppe. Dadurch und durch die stereotypen Anfänge mit
item und similiter, ferner durch die Benennung eines Territoriums am
Anfange der so auch stilistisch gekennzeichneten Abschnitte heben sich
die einzelnen Territorien ziemlich scharf, wenn auch nicht ganz gleich-
massig von einander ab. Gewöhnlich schliesst ein die vorhergehende
Aufzählung zusammenfassende^ Satz die einzelne Gruppe ab ^).
Ein so streng und gut geordnetes Uüterverzeichniss aber kann
unmöglich das Werk eines mit den topographischen Verhältnissen gar
nicht vertrauten Kanzleibeamten sein. Es ist vielmehr gewiss, dass
dies GUterverzeichniss im Kloster selbst mit Benützung verschiedener
Urkunden aufgesetzt wurde.
An dies ihm vorgelegte, wohl den Territorien entsprechend nach
Capiteln gegliederte GUterverzeichniss, dürfte sich Jt. D. auch ziemlich
genau gehalten haben, und deshalb hat wohl schon das Original zahl-
reiche Jtalianismen enthalten.
*) Dadurch, dass wir auf die einselnen Gruppen geachtet haben, ergab sich
auch die Emendation id eet caaale campum de Jano statt item casale eta
Fauta.
Die Schlacht bei Mühldorf
und
über das Fragment einer österreichischen
Chronik.
Von
0. Dobeneeker.
Die ScUacIit bei Miilildorf.
Jahre schwerer Trübsal waren überSüddeutschland hereingebrochen,
seitdem nach vergeblichen Versuchen der Wahlfürsten eine einheitliche
Königswahl zu erzielen am 19. und 20. October 1314 Heinrichs VII.
Thron in Friedrich von Oesterreich, dem Haupte der habsburgischen,
und in Ludwig dem Baiern, dem CSandidaten der luxemburgischen
Partei, zwei Herren bekommen hatte. Bei dem eigenthümlichen Zu-
stande der deutschen Ver£Assung konnte die Entscheidung, da keiner
der Gewählten an den Papst, trotzdem dieser beide mehrmals zur güt-
lichen Beilegung des Streites aufforderte^), zu appellieren gedachte,
nur durch das Schwert gegeben werden. So wurde der Akt, durch
den Friede und Eintracht im Beiche gewahrt werden sollten, das Signal
zu einem langjährigen blutigen Kampfe, der erst im achten Jahre des
Doppelkonigthums in der Entscheidungsschlacht bei Mühldorf zum
Aastrag kommen sollte. — Die Macht beider Könige war Yon Anfang
an fast gleich, üebertraf auch Friedrich seinen Gegner durch den
*) Boehmer, Regesten Kaiser Ludwigs des Baiem und seiner Zeit S. 214.
W. Preger, Ueber die Anfänge des kircbenpoliüsclien Kampfes unter Ludwig d. B,
mit Auszügen aus Urkunden des vatikanischen Archivs v. 1815— 1824 in Abhandl.
der bist. Klasse der kdnigL bayer. Akademie der Wissensch. Bd. XVI Abth. 2,
8. 158.
164 1) obenecket.
Besitz einer grosseren Hausmacht, die in sich festgeeint von Osten
und Westen her zugleich das Baiernland bedrohte und durch die
Brücke der südlich von Baiern gelegenen Besitzungen seiner Bundes-
genossen, des Erzbischofe von Salzburg, des Herzogs yon Kärnten und
der Grafen von Görz, Tirol und Montfort in bequemster Verbindung stand,
und konnte er auch auf die Unterstützung seiner mächtigen Verwand-
ten, namentlich Ekrls von Ungarn und Roberts von Neapel rechnen,
so ward doch andrerseits das, was dem Witteisbacher an eigner Macht
abgieng, reichlich ersetzt durch die grössere Anzahl tüchtiger, in Politik
und Ejriegbwesen er£Eihrener Bundesgenossen, so dass der Baier, na-
mentlich seitdem er durch die Unterwerfung seines Bruders seine Stel-
lung im eigenen Lande gesichert hatte, den Kampf um die Krone
kräftig hätte aufnehmen können. Allerdings war er dabei stets yon
dem guten Willen, vielfEich auch von dem Können seiner Bundes-
genossen abhängig und genöthigt sie durch Soldversprechung, durch
Verpfandung von Beichsgut, Befreiung von Steuern, Ausstattung mit
Rechten und Privilegien immer von neuem an seine Interessen zu
fesseln. Ludwig hatten gewählt der Erzbischof Peter von Mainz, der
bedeutendste Politiker seiner Zeit^), Balduin von Trier, Johann König
von Böhmen, Waldemar von Brandenburg und Johann Herzog von
Sachsen-Lauenburg. Für Friedrich hatten ihre Stimmen nur abgege-
ben Rudolf, Herzog von Baiern, P£Eilzgraf bei Rhein*), der anfangs
selbst nach dem Throne gestrebt hatte ^), zugleich im Namen Heinrichs
von Köln, der ehemalige König von Böhmen und Polen Heinrich von
Kärnten und Rudolf von Sachsen- Wittenberg.
Neben Mainz, Trier und Böhmen, den meisten Herren des Nie-
derrheins, den Grafen und Herren um Mainz, in Franken und Baiern
und neben seinem Stammlande, zu dem das Gebiet seiner drei in sei-
ner Pflege sich befindenden Vettern, der Herzoge von Niederbaiem,
kam, &nd der Witteisbacher eine seiner kräftigsten Stützen in der
grossen Anzahl von Reichs- und Freistädten, die seine Wahl aner-
kannten. Das mächtige Köln, die rheinischen Reichsstädte unterhalb
Selz^}, Freiburg im Breisgau, die vier wetterauischen, die fränkischen
und bairischen hielten treu zu ihm, während sich för Habsburg Selz,
die oberrheinischen und die zahlreichen Reichsstädte Schwabens er-
1) Ueber seine Thätigkeit während der Regierung Ludwigs Heidemano,
Peter von Aapelt, 201 ff.
*) Nach der Abmachung v. Juni 1818 führte er die pfölzische Eurstiinme,
Boehmer Reg. Ludw. S. 247.
*) Dies der Sinn der Bacheracher Verhandlung v. Dec. 1318.
^) Matth. Ncob. Boehmer Fontes IV, 188.
Die Schlacht bei Mf)hldorf und über das Fragment einer öaterr. Chronik. 165
klarten^), wie denn überhaupt der Lage der Dinge entsprechend
Ludwig in Schwaben nur wenig Anhänger üaiA, Einige Reichsstädte
der Landvogtei Niederschwaben, die Grafen von Neiffen, Freiburg,
Trfidingen und Oettingen, sowie der Landgraf Ulrich von Niederelsass
waren in Südwestdeutschland seine einzigen Verbündeten.
Am Shein kam es 1315 zu den ersten kriegerischen Unterneh-
mungen. Mitte März standen sich beide Gegenkönige bei Speier ge-
genüber. Eine Schlacht schien unvermeidlich. Da aber Balduin von
Trier und die niederrheinischen Bundesgenossen nicht erschienen^), zog
sich Ludwig ohne Kampf zurück und begab sich in seine Stammlande,
wo die Thätigkeit seines feindlichen, fOr Gestenreich werbenden Bru-
ders seine Anwesenheit nothwendig machte.
Eonig Friedrich zc»g indessen durch das Elsass und durch Schwa-
ben und lagerte Anfi^ng August 1315 vor Esslingen, das angesichts
der Annäherung Gesterreichs an seinen Erbfeind, den mächtigen
Eberhard von Würtemberg, zu Ludwig übergetreten war 8). Von hier
aus beschlossen die Habsburger, vielleicht im Einverständnis mit Bischof
Eonrad von Freising^), den Gegner in seinem eigenen Lande au&u-
suchen. Ltn September rückten sie gegen Wertach und Lech vor. Am
4. September standen sie vor Landsberg'^) und suchten mit gräulichen
Verwüstungen die augsburgischen und oberbairischen Lande heim. Der
Zeitpunkt war günstig gewählt. Von dem Angriff überrascht warf sich
Ludwig, da er dem Feinde im offenen Felde nicht entgegentreten
konnte, mit nur wenig Begleitern nach Friedberg. Der Feind hatte
indessen den Lech überschritten, Landsberg erobert und Gberbaiern
weithin verwüstet*'). In dieser kritischen Lage stand dem bedrängten
Fürsten die Bürgerschaft Augsburgs treu zur Seite. Sie holte ihn in
ihre Stadt und stellte ihm entrüstet über die vom Feinde auf ihrem
Gebiete verübten Gräuelthaten eine beträchtliche Streitmacht zur Ver-
fügung, mit der er verstärkt durch Zuzug von Nah und Fern es wagen
konnte im Felde zu erscheinen. Zum Eampfe kam es jedoch auch
diesmal nicht. Ludwig griff die Gestenreicher, die in ihrer Stel-
lung bei Buchloe im Wertachgrunde durch Ueberschwemmung und
Regengüsse bedrängt wurden, nicht an, so dass sie ungestört ihren
Bückzug bewerkstelligen konnten. Die ihm hierauf gebotene Buhe be-
nützte Ludwig, um seinen Bruder, der ihm selbst nach der am 6. Mai
1) Stalin, Wirtemb. Gesch. III, 184 ff., HO.
*) Im Widersprach mit Gesta Trevirorum (ed. a Wyttenbach et Müller) II,
2S6 das Schreiben Ludwigs an die Waldstädte. Boehmer Reg. S. 5, n. 78 u. 82.
') Stalin 148 ff. *) Chron. de gest princ Boehmer Fontes I, 51.
») Boehmer Reg. S. 167. «) Matth. Neob. Boehmer Fontes IV, 188 f.
166 Dobenecker.
1315 gemachten Sülme^) mancherlei Schwierigkeiten bereitete^), sowie
einige widerspenstige Ministerialen zu unterwerfen und sich die Herr-
schaft in den bairischen Landen zu sichern. Trefflich kam ihm sodann
die folgenreiche Niederlage Leopolds vor den Waldstädten, deren Sieg
auch sein Sieg war, zu statten, um ungestört seinen Einfluss auch in
Franken zu erweitem, wo Friedrich von Oesterreich einen eifrigen
Bundesgenossen in dem mächtigen Schwiegersohne Eberhards von
Würtemberg Graft von Hohenlohe gefunden hatte Ln März 1816»)
eröffnete er gegen diesen den Feldzug mit der Beli^erung der Stadt
Herrieden, die Anfang April mit Hülfe der Nürnberger erobert und
niedergebrannt wurde. Dann wurde Wahrberg belagert und Ende April
die für uneinnehmbar gehaltene Burg SchillingsfQrst nach schwerer^
Belagerung genommen^).
Nachdem er seine üebermacht in Baiem und Franken gesichert
hatte, konnte er um so eher dem Hülferuf, der von den ihm verbün-
deten Reichsstädten in Schwaben ausgieng^), Folge leisten. Friedrich
war, nachdem er sich Anfang 1316^) zum ersten Male in seiner neuen
Würde in den östlichen Besitzungen -gezeigt hatte, mit einem starken
Heere über Schaffhausen und Ulm neuerdings gegen Esslingen gezo-
gen. Zum Entsätze dieser Stadt sammelte Ludwig sofort ein Heer. Am
30. August stiessen Johann und Balduin, beide aus Frag kommend,
bei Nürnberg zu ihm und zogen mit ihm gegen Esslingen« Fünf Tage
lagen sich hier die Gegenkönige mit Streitkräften gegenüber, die eine
Entscheidung hätten geben können; bis es endlich am Sonntag den
19. September gegen Abend durch Zu&ll im Flussbette des Neckar
zum Kampfe kam. Mit grosser Erbitterung wurde bis Sonnenunter-
gang selbst bei Fackelschein an den üfem und im Bette des Flusses
gekämpft, jedoch ohne dass eine Entscheidung herbeigeführt wurde').
>) Boehmer Reg. Lndw. S. 6.
*) Beide hatten die zwischen ihnen gemachte Richtung über&hren. Reg.
Ludw. Add. III, 8. 850. ») Reg. Ludw. S. IB.
*) Die Zeitbestimmung ergiebt sich aus den vor den belagerten Orten aus-
gestellten Urkunden. *) Chron. de gest. princ. 1. c. 58 f.
•) Job. Vici bei Boebmer Fontes I, 885 ff. verwirrt. Friedrich lag 1815 selbst
in Selz und kam in diesem Jahre nicht nach Oesterreich. Der Feldzng gegen
Mattheus Ton Trenf«chin fällt in den Herbst 1817, Reg. Ludw. Add. III, 884.
Er konnte also auch Karl v. Ungarn nicht 1815 um den versprochenen Gegen-
dienst bitten.
7) Die Angabe des Königsaaler, dass Ludwigs Heer ein Uebergewicht ge-
zeigt, und der Gesta Trev. von der Flucht Friedrichs können den einstimmigen
Berichten baierischer und österreichischer Quellen gegenüber keinen Glauben
finden.
Die Schlacbt bei Mühldorf und über daa Fragment einer Öaterr. Chronik. 16?
Johann zog mit Baldain nach LUteelhurg, Ludwig nach Baiem, Fried-
rich nach dem Obenrhein zurück«
Dag^^n errang Ludwig, nachdem sich ihm sein feindlicher Bru-
der, gebrochen an Leib und Seele, An&ng 1317 unterworfen hatte,
mehrere diplomatische Erfolge. Am 22. Juni 1317 wurde auf dem
Tage Yon Bacherach das Bündnis zwischen ihm, Mainz, Trier und
Böhmen gegen Friedrich und dessen Helfer erneuert und an demsel-
ben T^e mit den genannten und den Städten Köln, Mainz, Worms,
Speier, Aachen, Oppenheim und den vier Städten der Wetterau ein
Landfrieden von Bert oberhalb Speier bis Köln auf 7 Jahre verein-
bart^). Den 1317 mündig gewordenen Heinrich d. ä. von Niederbaiern
fesselte er dauernd an sich. Li seinem Interesse schlössen am 23. Ja-
nuar 1319 die Niederbaiern mit Heinrich von Kärnten den Haller
Vertrag auf 5 Jahre*). Grösser als diese Errangenschaften war jedoch
der Triumph seiner Politik über die habsburgische in den inneren
Angelegenheiten Böhmens. Durch seine persönliche Intervention wur-
den die aufständischen Grossen, Heinrich von Lypa an der Spitze,
welche durch den Vertrag vom 27. December 1317 mit Friedrich^) die
Herrschaft der Lützelburger in Böhmen^) und somit in zweiter Linie
Ludwigs königliche Stellung in Frage stellten, am 23. April 1318 zu
Tauss mit Johann und seiner Gemahlin ausgesöhnt. Damit erhielt er
idch eine seiner kräftigsten Stützen und gab einem von Bürgerkrieg
zerrissenen und geschwächten Lande Frieden und Einheit '^).
Aber auch Friedrichs Politik hatte nennenswerthe Erfolge au&u-
weisen. Friedrich wusste nicht nur die alten Anhänger der habsbur-
gischen Partei sich zu erhalten, sondern auch neue zu erwerben. Mit
Friedrich von Leybenz, Eizbischof von Salzburg, schloss er am 5. Decem-
ber 1318 ein Bündnis besonders gegen die Herzoge von Niederbaiern^,
mit Heinrich von Görz am S.April 1319^ und zog sogar Ludwig von
Oettingen, einen der eifrigsten, in die geheimsten Pläne Ludwigs ein-
geweihten Bundesgenossen von der w^ttelsbachischen Partei ab^). Meh-
rere Heiren in Schwaben erklärten sich dazu bereit, den Habsburgem zu
dienen'), während das Bistbum Fassau nach wie vor treu zu ihm stand
') Reg. Ludw. 8. 15. *) Riezler Geschiclite Baierns II, 824.
*) lichnowsky, Ge£>cbichte des Haosee Habsbnrg III, (Jrk. n. 48 S.
«) Friedrich dachte an ein erneuertes Königthum Heinrichs von Kärnten.
8. Beg. Ludw. 8. 171 n. 106. ») Petr. Zitt. Fontes rer. Austr. SS. VIII, 887—897.
•) Boehmer Reg. 8. 172; Annales 8. Rudb. Salisb. M. G. SS. IX, 822.
7) Boehmer Reg. 8. 178.
*) Ludovici electi secretarium et servitorem nennt ihn Matth. Neob. ; Kopp,
Gesch. der eidgen. BOnde 17, 2, 176 n. 40; W. Preger 282, n. 196.
^ LichnowBky m, 480 ff., 454; Kopp IV, 2, 825.
168 Dobenecker.
und, wie wir aus dem am 10. März 1322 auf Ludwigs Yorstellungen
ertheilten Bescheid des Papstes sehen, den bairischen Landen nicht
wenig Schaden zufügte^).
So gekräftigt versuchte der Habsburger nach dreijähriger Waffen-
ruhe 1319 einen neuen Angriff auf Baiem'). Er selbst mit dem Erz-
bischof Yon Salzburg drang von den östlichen Besitzungen, wo er sich
seit Sommer 1317 aufgehalten hatte, durch das Salzburgische über
Laufen an der Salzach b) in Baiern ein, Leopold hingegen von den
österreichischen Yorlanden aus. Bei lif ühldorf stand Ludwig mit Hein-
rich d. ä. seinem Gegner gegenüber, zog aber, ohne das Eriegsglück
zu yersuchen, ab; Friedrich und Leopold vereinigten sich und ver-
wüsteten Ober- wie Niederbaiem auf das furchtbarste. Die Folgen
dieser Zaghaftigkeit Ludwigs waren bedeutende. Verschiedene seiner
Bundesgenossen fielen Habsburg zu, ja er selbst hielt seine Sache für
verloren^). Ein bei weitem schwererer Schlag traf ihn ein Jahr später,
als am 4. Juni 1320 Peter Aspelt^ sein thätigster Bundesgenosse, starb.
Das mächtigste Erzbisthum Deutschlands gieng der bairischen Sache
vollständig verloren, als es im December 1321 Friedrich gelang, die
Erhebung des habsburgisch gesinnten Propstes Mathias von Buchegg
auf den Mainzer Stuhl durchzusetzen und mit diesem in ein enges
Bündnis zu treten^). Noch mehr sollte Ludwigs Stellung erschüttert
werden durch seine zaudernde EriegsfÜhrung im Sommer 1320. An
der Breusch im Elsass stand er Leopold gegenüber. Nachdem auch
Friedrich im österreichischen Lager angekommen war, erwartete man
einen Hauptschlag, als Ludwig abermals ohne Schwertstreich das Feld
räumte. Neue Abfalle seiner Bundesgenossen folgten, während Fried-
richs Ansehen im Reiche mehr und mehr stieg und die Zahl seiner
Bundesgenossen wuchs.
Sieben Jahre lang hatte dieser verderbliche Krieg gewütet, zwar
nicht ausgezeichnet durch grosse Feldschlachten, wohl aber reich an
Yerwüstungs- und Plünderungszügen, an Fehden und kleinen Schar-
mützeln, deren Opfer das Volk wurde. Das gedrückte Volk, das gerade
in diesen Jahren durch üeberschwemmungen,Theuerung, Hungersnothund
Seuchen noch besonders heimgesucht wurde, seufzte unter diesen Wirren
und auch die Parteihäupter wünschten dem Streite ein Ende. Im Jahre 1822
war nun die Lage für Friedrich eine so günstige, dass seine Hoffiiung nicht
*) W. Preger 286 n. 95.
>) M 6. SS. IX, 822, Boehmer Fontes I, 54; I, S»2, nicht 1C20 wie es in
Städtechroniken XY, Mtlhldorf 87 S heisst.
>) Annales Matseenses M. G. SS. IX, 827. «) Boehmer Fontes I, 56.
^) Lichnowsky III, Urk. n. 580 yom 80. Nov. 1S21.
Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragment einer österr. Chronik. 169
unberechtigt schien, darch einen entscheidenden Schlag sich seines Gegners
wollig entledigen zu können. In richtiger Erkenntnis der Lage begann
er daher im Sonuner dieses Jahres umfiftssende Büstungen.
Er selbst sammelte in Oesterreich nnd Steiermark ein nicht eben
starkes Heer, indem er, nm Sold zu sparen, manche Herren aus dem
höheren Adel anzuwerben unterliess^), die besten Landherren von
Oesterreich, Steiermark und Kärnten, wie die deutsche Chronik uns
überliefert, hinter sich Hess. Sein Bruder Herzog Heinrich, der yon
Friedrich zur Unterstützung der OueUenpartei gegen Mathaus Visconti
mit 2000 Helmen nach Italien geschickt am 4. April 1322 in Brescia
seinen Einzug gehalten hatte, aber bereits am 19. Mai, ohne wesent-
liche Erfolge erlangt zu haben, über Verona nach Deutschland zurückge-
kehrt war ^), der Marschall Dietrich von Pilichdorf^), das Brüderpaar Ulrich
Ton Walsee'), Landeshauptmann in Steiermark^) und Heinrich von Wabee
mit ihren Söhnen^), HerrHanns vonEhunring^ und der Ebersdorfer "^ wer-
den uns unter den Theilnehmem am Kriegszuge genannt Walther yon
Geroldseck, Herr in Lahr, welcher mit Heinrich im Frühjahre 1322
bei CSan della Scala gewesen war, eilte auf die Nachricht, dass die
Habsburger von neuem zu einem Kriegszuge gegen Baiem rüsteten,
nach Oesterreich, um Friedrich sein Schwert zur Verfügung zu stel-
len^). Zu Herzog Heinrich yon Kärnten sandte Friedrich Emicho von
Alzey mit der Mahnung, ihm seinem Versprechen gemäss zu Hülfe zu
kommen und ihm in dem berorstehenden Kampfe beizustehen^), eine
Aufforderung, der Heinrich nicht nachgekommen ist^^^). Von geist-
lichen Fürsten stellten der Eizbischof Friedrich von Salzbui^, Albert,
>) Cont. Zwetl. Tu, M. G. SS. IX, 666.
>) Cronica di Giovanni Villani 1. 9, c 1 42 ap. Muratori SS. XIII ; Raynaldi
Annales eocl. ad a 1822, § 9; Boehmer Reg. S. 176 n. 200; U Müller, Der
Kampf Ludwigs <L B. mit der römischen Kurie I, 48—56.
*j Deutsche Chronik im 2. Theil dieser Abhandlung, lieber ihn handelt G. E.
Friess, Dietrich der Marschall von Pilichdorf, Progr. des Gymn. zu Seitenstetten
(Linz 1881). *) Boehmer Reg. S. 171 n. 112.
^) Deutsche Chronik Red. I, Boehmer Fontes I, 162. Ein Sohn Ulrichs yon
Walsee, ebenfalls Ulrich mit Namen, wird erwähnt von Joh. Vict. 1. c 881 f.
*) Deutsche Chronik. Pfannenschmids Yermuthnng (Forschungen z. deutschen
Gesch. III, 65), dass fOr pei rin im Zeibigschen 1'exte pei in zu lesen sei, wird
bestätigt durch die Lesart in Ms. n. 8445 der Wiener Hofb.
^ Notiz zur hs. 525 der deutschen Chronik.
•) Matth. Neob. 1. c 196. •) Joh. Vict L c. 898.
'^ Forsch. lY, 74 und lY, 90. Auch nicht einmal k&mtnische Hülfssohaaren
können mitgekämpft haben. Die Erwähnung von Karinthia in Chronica de gestis
prina kann gegenüber dem Schweigen aller übrigen Quellen und Urkunden nicht
aufrecht erhalten werden. Red. I schreibt: Und het auch chunig Fridreich die
pesten lantherren in Osierrich und in Stejr in Kernten hinder im lazzen.
170 Dobenecker.
Herzog von Sachsen, Bischof tob Fassau, und Dietrich, Bischof
von Larant, ihre Contingente und nahmen sogar persönlich am Kriege
Theil^). König Karl von Ungarn, Friedrichs Oheim, der bereits vor
der Wahl auf einem im Juli 1314 Ton aUen Herzogen von Oesterreich,
ihrer Mutter Elisabeth, ihrer Schwester Agnes, Heinrich von Kärnten,
Wikard von Salzburg, Heinrich von Görz und anderen Grafen und
Herren besuchten Farteitage das Versprechen g^eben hatte, Fried-
rich mit aller seiner Macht zur Erlangung und Erhaltui^ des Thro-
nes helfen zu wollen'), erhielt jetzt Gelegenheit dem Könige für die bei
der Belagerung und Einnahme von Komorn (October 1817) gegen
seinen Feind, den Grafen Mattheus von Trentschin geleistete Hülfe den
versprochenen G^endienst zu leisten. Mehrere tausend Ungarn und
Gumanen liess er zu Friedrichs Heer stossen. Auf diese zum grossen
Theil aus Bogenschützen bestehenden, nach Matth. Neob. 4000, nach
der Chronica A^ilae regiae sogar c. 5000 Mann zählenden Schaaren
setzte er grosse Hofinungen'^), was ihn neben anderen Gründen
bewogen haben mag, die kostspielige Hülfe des landsässigen
Adels in Gestenreich, Steiermark und Kärnten in geringem Masse in
Anspruch zu nehmen. Die Monate Juli, August und den Anfimg
des September hatte er dazu benützt seine Büstungen zu vollenden
und seine Bundesgenossen an sich zu ziehen, nachdem er sich in den
Monaten März bis Juni in Tirol, Elsass, Schwaben und in der Schweiz
aufgehalten hatte und wahrscheinlich Anfang Juli nach Wien, wo wir
ihn am 15. Juli zuerst wieder treffen, zurückgekehrt war^)«
Während der König im Osten rüstete, brachte der Verabredung
gemäss^) sein kriegstüchtiger, energischer Bruder Herzog Leopold wie
im Jahre 1319 in den österreichischen Besitzungen in Südwestdeutsch-
land ein bedeutendes Heer auf, von dessen Unterstützung sich Fried-
rich ebensoviel wie von der Hülfe der Ungarn versprach. Von Schwa-
ben, vom Bhein, von Elsass und dem Bodensee schaarten sich die
1) Annales Matseenses 1. c. 828; Coni Canon. S. Rudb. SaL 1. c 822.
>) Joh. Vict. 1. c. 881 ; Böhmer Reg. S. 287 und 255. Aus Job. Vict folgt
nicht, dass Rudolf von Sachsen dieser Versammlung beiwohnt, wenn er auch
29. Juli 18U in Wien ist. *) M. G. 6S. IX, 666.
«) Am 16. Febr. 1822 ist er noch in Wien, 80. MSxz in Brixen, 16., 18., 28.
und 24. April in Eolmar, 80. April in Baden, 25. Mai in Offenburg, 18., 15., 17.
und 18. Juni in SchafiThausen, 15. Juli in Wien, also nicht erst, wie Pfannen -
Bchmid (Forsch. III, 44) angiebt, seit 7. August.
^) Auf eine solche deuten neben der allgemeinen Sachlage die Worte in der
Ck>nt. Zwetl. HI: sperans . . . nee non in fratre suo duce Leupoldo a partibus
Alsatie sibi cum, magno exercitu occursuro. Deutsche Chronik: Er het auch
trost auf seines brueder hilff, herzog Leupoldes.
Die Schlaclit bei Hlkhldorf und über das Fragment einer Öeterr. Chronik. 17 1
Kri^er unter seine Fahne ^). Die Anwesenheit des Königs im voran-
gehenden FrQhjahr in diesen Theilen des Beiches mochte wesentlich
dassa beigetragen haben, dass sich seine Anhänger bereitwillig zu neuen
Kämpfen rüsteten. Gehen auch die Schätzungen betreffs der Stärke
der Westarmee weit auseinander*) — die niedrigste nimmt 400 Be-
helmte, die höchste 1500 Bitter und dem entsprechend zahlreiches
FussTolk an — so stimmen doch alle Quellen darin überein, dass es
ein nicht unbedeutendes Heer gewesen, welches Leopold aufisubringen
rermocht hatte. Mit dieser Streitmacht sollte er zu Friedrichs Heere
stossen. Als Yereinigungspuskt beider Heere, der Ost* und Westarmee,
war jeden&lls Mühldorf in Aussicht genommen worden, wo Friedrich
mit seinem Heere Halt machte und Leopolds Ankunft erwartete'). Tag
und Stunde der Vereinigung hing^en sollten durch Boten besonders
ang^eben werden^).
üeber den Zug der in yerschiedenen Haufen Ton Osten g^en
Baiem vorrückenden Heeressäulen haben Pfannenschmid^) und seine
Vorgänger, wie selbst Kopp^) eine den Quellen durchaus widerspre-
chende Darstellung g^eben, die weder von Weech^, noch yon Wür*
dinger^) und Biezler') beanstandet worden ist. P&nnenschmid versteht
einmal eine Stelle der Coni ZwetL IIL und des Joh. Vict unrichtig
und weist sodann eine diesbezügliche Angabe der Annales Mats., weil
sie mit diesen Stellen nicht in Einklang gebracht werden kann, ein*
£Ach mit der Bemerkung zurück, dass dies der Abt Johann von Vic-
tring besser wissen müsse, eine Annahme, über die man anderer Mei-
nung sein wird, wenn man bedenkt, dass Joh. Vict, ganz abgesehen
*) Chron. de gOBt. princ. 59.
*) Nach Mattb. Neob. z&hlte sie 800, nach Petr. Zitt 1200, nach Memoriale
di Odorioo (das betar. Stück gedrackt bei Boehmer Reg. S. 818) 1000, nach der
Chronik der Kaiser und Päpste im Archiv für Kunde österr. Geschichtsquellen
XIV, 16 400, nadi Vülani 1600 Ritter.
*) Coni ZwetL III. Dagegen Pfonnenschmid 46; Riezler 884.
^ Chron. de gest. princ: Ezpectantes ibi nuntios de exercitu Australium,
qnando ad eos debeant profidsci; und 61 : Ceterum inter duos exercitas occa-
pantor nnntii diem et horam, qnando oonvenire debebant nnnciantes.
*) H. Pfannenschmid, Die Schlacht bei Mühldorf, mit einem Anhang über
den angeblichen Sieger Sifrid der Schwepfermann in Forsch, z, d. G. III, 46—48.
Nachtrftgliches daro in Forsch. IV, 78—81.
•) J. E. Kopp, Gesch. der eidgen. Bünde IV, 2. 488 f.
') Fr. V. Weech, Kritische Bemerkungen, Forsch. IV, 82—101, wo es heisst:
»Die Ereignisse und Znstftnde vor und nach der Schlacht sind, wie ich glaube,
Ton Dr. Pfannenschmid durchaus richtig dargestellt.'
*) Würdinger, Ueber die von Kaiser Ludwig gewonnene Schlacht bei Mühl-
dort; SiisangBber. der philos -bist Gasse der Münchener Akademie 1872 II, S. 468.
•) Riezler, Gesch. Baiems II, 882.
172 Dobeneoker.
von der Parteilichkeit för das Haus seines Protectors Herzogs Albrecht^
sowohl von dem ganzen Kronstreit eine viel&ch verwirrte and unge-
naue Darstellung giebt, als auch über das EJriegsjahr 1322 und die
Entscheidungsschlacht sich nichts weniger als gut unterrichtet zeigt ^).
Jeden&lls müssen wir in diesem Falle, wo uns die beste Quelle für
die zu schildernden Ereignisse, die deutsche Chronik, keinen genügen-
den Aufschluss giebt, diejenigen Quellen zu Grunde legen, welche
als die zuverlässigsten gelten müssen. Dies sind «iber für die Heeres-
züge einzig und allein :
1. Continuatio Zwetl. tertia;
2. Annales Matseenses, welche die Schilderung in der vorherge-
nannten gewissermassen fortsetzen, und
3. Cont. Canon. S. Budberti Salisb.
Alle übrigen Quellen, welche für die Schlacht in Betracht kom-
men können, geben über den Zug nur kurze Notizen, die mit dem
Bericht der drei genannten in keinerlei Widerspruch stehen^). Das-
selbe gilt auch von ihrem Verhältnisse zu Joh. Yici, wenn dieser
richtig verstanden wird. Die drei Quellen verdienen aber deshalb den
meisten Glauben, weil sie räumlich den von ihnen geschilderten Er-
eignissen am nächsten stehen, wenige Jahre nach diesem Kriege ge-
schrieben sind, den Heereszug am eingehendsten behandeln und auch
in ihren sonstigen Berichten im allgemeinen richtig sind').
Hiemach rückten die österreichischen Herren am linken Donau-
ufer g^en Westen vor, nicht am rechten, wie man allgemein annimmt.
■) Mahrenholtz in Forscli. XIII, 585—576 (569), dazu Fournier, Forsch. XIV,
627. Foumier, Abt Johann von Viktring und sein liber oertarum historiaram,
Berlin 1875. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter I, 209—217.
•) S. das Verzeichnis bei v. Weech in Forsch. IV, 88—89 und den 2. Theil
dieser Arbeit
*) Die Cont. Zwetl. III., eine Forts, der Annales Claustroneob. (M. G. SS.
IX, 604) reichte zunächst bis zum Tode Albrechts (1308) und wurde dann von
gleichzeitig Lebenden fortgesetzt bis' 1880 (M. G. SS. IX, 606). Alles, was über
die Ereignisse des 14. Jahrh. erzählt wird, verdanken wir einem Mönch des KL
Zwettel (M. G. SS. IX, 654). Die Annales Mats., in ihrem 1. Theile bis 1858
reichend (Arch der Ges. f. ä. d. G. X, 619; M. G. SS. IX, 828), wurden yerfasst
im El. Mattsee, mithin in der nächsten Nähe des Schauplatzes jener Ereignisse,
die sie zum Jahre 1822 beschreiben. — Entsprechend der Thatsadie, dass Mühl-
dorf zur Salzburger Diöcese gehörte und salzburgische Schaaren in der Schlacht
mitkämpften, verdienen die Nachrichten der Cont. Can. S. Rudb. SaUsb die grösste
Beachtung« Diese Annalen haben wahrscheinlich dieselbe Grundlage, wie die
Annal. Mellioenses (M. G. SS. EX, 479, 758 f.). Bis 1286 in Salzburg fortgesetzt,
unterliess man die weitere Aufzeichnung, bis sie Weichard von Polheim 1S07
wieder aufnahm und das Fehlende aus der Chronik Eberhards von Altaich er>
gäv^zte. Andere, wahrscheinlich aber Zeitgenossen, setzten sie bis 1827 fort.
Die Schlacht bei Mühldorf und Über das fragflnent einer Ösierr. Cbronik. 173
Der ZwetÜer Mönch schildert zunächst die tolle Baubgier der öster*
reich ischen Schaaren in ihrem eigenen Heimatlande und fiLhrt dann
fort: Simili modo etiam üngari et pagani ex altera parte Danubii
perpetrayeront etc., wobei er von Zwettel aus nur das rechte Ufer der
Donau als altera pars bezeichnen wird. Auf ihrer Eriegsfahrt zeigten
die österreichischen Heereshaufen dieselbe Zügellosigkeit wie die Un-
garn und heidnischen Cumanen: «Ihr eigenes Land, Oesterreich', er-
zahlt der Chronist, , behandelten sie, gleich als würden sie nie wieder
keimkehren, feindseliger als selbst die Heiden. Nichts ward verschont,
üeberall raubten sie die Qüter der Bauern, Bürger und selbst der
Edelleute. Die Hintersassen, gleichviel welches Herren, wurden festge-
nommen und, &lls sie sich nicht mit Geld loskauften, am Feuer ge-
braten oder auf andere Weise gemartert; Geschirre, Fässer und son-
stiges Hausgerathe wurden zerschlagen oder verbrannt, und was das
schändlichste war, Lebensmittel und Wein, soweit sie dieselben nicht
mit sich nehmen konnten, wurden in den Strassenkoth oder ins Wasser
geworfen, £üls man sie nicht besonders von ihnen zurückkaufte. Ja
sogar die Burgen des niederen Adels griffen sie, wenn sich, die Her-
ren den Frieden nicht erkauften, mit bewaffiieter Hand an und warfen
ihre Geschosse und Feuerbrände gegen sie; ein Verfahren, wie es bis-
her nicht erlebt worden ist.' Nicht glimpflicher verfuhren natürlich
die auf dem rechten Donauufer vorrückenden Ungarn und Heiden, die,
um mit den Annales Mats. zu reden, die Oberfläche der Erde wie
Heaschrecken bedeckten. , Sie brannten die Hütten der Armen nieder,
schändeten Matronen, Witwen und Jungfrauen, erbrachen und plün-
derten die Kirchen mit frevelnder Hand, warfen die Reliquien der
Heiligen und die geweihten Hostien in Verachtung des christlichen
Glaubens mit ihren tempelschänderischen Händen zu Boden und be-
giengen viele ähnliche oder noch schlimmere Schandthaten. So *, fahrt
der entrüstete Chronist fort, » handelten sowohl die Heiden, als auch
die Oesterreicher, die sich doch Christen nennen, nachdem sie alle
Gottesfurcht abgelegt Sie schonten nicht Geschlecht, nicht Alter, we-
der Mönch noch Priester, kurz Niemanden, wes Standes Jemand auch
sein mochte.*^ Dazu kamen die wilden und abstossenden Sitten und
Gewohnheiten der heidnischen Schaaren, von denen der Fürstenfelder
Mönch schreibt, neben andern gemeinen Bräuchen hätten sie die Ge-
wohnheit gehftbii gebratene Katzen und Hunde gierig zu verschlingen«
Die Grausamkeiten und Schändlichkeiten aber, die sie auf ihrem Zuge
verübten, wären der Art, dass es besser wäre, sie mit Schweigen zu
en.
Mit welcher Schaar Friedrich selbst zog, ist aus den Quellen nicht
174 Dobenecker.
zu ersehen. Dass er an der Spitze der Steiermärker über Admont und
Salzburg gegen den Inn gezogen sei, ist eine irrige Anffitssung Ffieui-
nenschmids. Dass er selbst die Steiermärker an den Tuti geflibrt habe,
steht nirgends und ist auch nicht einmal wahrscheinlich, da diese
jeden&lls yon ihrem Landeshauptmann Ulrich yon Walsee, der sie auch
unter dem Banner yon Steiermark in der Schlacht befehligte, ihrem
Könige zugeführt wurden. Die Angabe aber, dass Friedrich selbst nach
Admont gekommen sei und hier aus dem Munde des Abtes Engelbert^)
und des in Astrologie erfahrenen Magisters Bartholomäus aus Verona
Unglück weissagende Worte yemommen habe, beruht auf einer irri-
gen Auslegung^) der betreffenden Worte Johannis Victoriensis: Et
mittit (sc. Fridericus) Emichonem de Aizeya ad Heinricum ducem Ea-
rinthie, monens quatenus sibi sicut promiserat subyeniat et assistat.
Fecit autem transitum per monasterium Admontense. Gui abbas loci
Engelbertus, vir magne Utterature, est locutus, quod regi Friderico
ezpeditio non esset utilis, et in prosperum nuUatenus proyeniret Ma-
gister etiam Bartholomeus, Yeronensis civitatis indigena, in curiis prin-
cipum assuefactus, vir in astronomicis et naturabbus expeditus, quod
rex Fridericus in cauda Leonis semper yideretur, et quod non pro-
ficeret, asserebat. Das Subject des zweiten Satzes „fecit autem etc. ** ist
nicht mehr Fridericus, sondern Emicho de Alzejra. Dieser kommt auf
seiner Reise zu Heinrich yon Kärnten durch das Kloster Admont, ihm
weissagt der gelehrte Abt Engelbert, wahrscheinlich aus Entrüstung
über die graulichen Verwüstungen der Ungarn und Heiden, die ihre
Plünderungszüge bis in die Nahe yon Admont ausgedehnt haben mö-
gen, dass seinem Könige Friedrich dieser Kriegszug zum Unheil aus-
schlagen werde. Emicho ist es, dem auch Bartholomeus verkündet, dass
König Friedrich immer im Schwänze des Löwen erscheine, vras siche-
res Unglück bedeute. Darum sprechen Engelbert und Bartholomeus
yon König Friedrich wie von einem Abwesenden »quod regi Friderico
expeditio non esset utilis' und «quod rex Fridericus in cauda Leonis
semper yideretur. " Auch nach Salzburg ist Friedrich nicht gekommen,
wie Ffannenschmid aus den folgenden Worten Joh. Yict: .Fridericus
fata contempnens, omnia deo committens Bawariam ingreditur cum
Heinrico firatre et Friderico presule Salczpurgensi' trotz An-
nales Mats. herauslesen möchte; vielmehr zog er durch das Fassauische'),
wie denn überhaupt Passau der Sammelplatz der einzelnen Heeres-
1) Boebmer Fontes I, XXVII rechnet ihn ohne Grund su den unmittelbaren
Gewährsmännem Johanns*
>) Sie findet sich auch bei Mahrenholtz in Forsch. XIII, 560 f.
*> So auch Kezler 882.
Die Schlacht bei MiSlildorf und Über das tVagment einer (^sterr. Chronik. 175
häufen gewesen zu sein scheint Hier hat er wahrscheinlich die säu-
migen raubenden Landherren yon Oesterreich erwartet^). Nachdem er,
wie uns bestinunt überUefert ist'), die Truppen der Bischöfe yon Salz-
borg und Fassau, die Ungarn und Heiden vorher geordnet hatte,
rückte er in Passau ein. In yoUem Olanze durchzog er die Stadt').
Um den 2L September überschritt er die bairische Qrenze und rückte
an dem damak noch . bairischen rechten Ufer des Inn yor^). Auch
Herzog Heinrich, yielleicht an der Spitze der Oesterreicher, unier der
ren Banner er in d^ Schlacht commandierte, und Dietrich yon Layant
be&nden sich dabei schon in. seinem Heere ^). Auf diesem Marsche Inn
aafwarts wurden die geschilderten Gräuelthaten fortgesetzt und um so
mehr, als man auf feindlichem Oebiete yorrückte. Das Land wurde auf
das gräuhchste yerwüstet, die Eircheu wurden geplündert, die Woh-
aaugen in Brand gesteckt und Grausamkeiten nach Art der Tyrannen
und Barbaren, wie der Chronist schreibt*), yon ihnen yerübt In der
Nähe yon Mühldorf, einem zur Diocese Salzburg gehörigen Stadtchen,
machte er Halt und schlug in der yom Inn und seinem kleinen lin*
ken Nebenflusse, der Isen, begrenzten Ebene zwischen Oetting und
Muhldorf an der Isen''), speciell zwischen l^ühldorf und der auf dem
linken Ufer der Isen gelegenen Burg Dornberg sein Lager au£ In
dieser Stellung wollte er die Ankunft seines Bruders Leopold erwarten^).
Dieser rückte indes, nachdem er seine Büstungen yollendet hatte,
nicht sogleich gegen den Feind yor, sondern hielt sich zunächst mit der
Verwüstung der Ländereien eines zu Ludwig übergetretenen Bundes-
genossen, des Ghrafen yon Montfort, auf^). Hierauf zog er jeden&lls
I) das sieh die lantherren von Österreich so lang säumten durch des rauben
wiUen, das si nicht entzeit su dem kunig körnen. Deutsche Chronik.
*) A-niift.1. Mats.
*) Damit iftllt auch die Angabe Pfannenechmids 1. c. 48, dass sich die
Heereehauf en erst bei Mühldorf vereinigt hätten ; wogegen auch die von ihm als
Beleg herangesEOgeue Cont. Canon. S. Rudb. Salisb. spricht, welche nur angiebt,
dftM Friedrich, Heinrich und Friedrich von Salzburg, Albert von Passau und
Dietrich von Lavant mit starkem Heere •— also doch bereits vereinigt — um
das Fest des Apostels Matthäus (21., nicht 20. Sept.) in Baiem eiufiEdlen, nicht
aber, dass sie sich um diese Zeit bei Mühldorf vereinigen.
^ Annal. Mats. : Dein eis Ennm fluvium procedena.
^ Cont Can. 8. Rudb. Sal. M. G. SS. IX, 822
8) AnnaL Mats. M. G. SS. IX, 828. * ^ M. G. SS. IX, 822.
*) M. G. SS. IX, 666. Von der bei Pfannenschmid 1. c. 48 erwähnten, an*
geblich durch die feindlichen Bewegungen nöthig gemachten Aenderung aer Stel-
Iting des Heeres berichten die Quellen nichts.
^ Matth. Neob. 1. c. 196—97. Wann der üebertritt erfolgt war, wissen wir
Bickt 1819 steht er noch auf Friedrichs Seite, Boehmer Reg. S. 170, dazu Add.
I|S. 309 n. M4.
176 Dobenecker.
am linken Ufer des Lech, des Grenzflusses zwischen Baiern und Schwa-
ben, hinab, schlug aber, bevor er die bairische Grenze überschritt, sein
Lager am Ufer dieses Flusses auf, Boten vom Heere seines Bruders
erwartend, die ihm melden sollten, wann er vorrücken und dem Ost-
heere die Hand zur Vereinigung bieten solle, damit die bairische Armee
von beiden in die Mitte genommen, umschlossen imd erdrückt werde i).
Wirklich waren auch Boten zwischen beiden Heeren unterwegs, um
Tag und Stunde zu melden, wann die Heere zu einander stossen soll-
ten. Doch wurden diese durch einen Zu&U in der Nahe von dem
etwa 3 Meilen wnw. von München, y^ Meile s. von Brock gelegenen
Kloster Fürstenfeld ihrer Bosse beraubt. Hierdurch wurde die Bestel-
lung ihrer Botschaft verzögert^). Der Fürstenfelder Chronist, der f&r
den Zug Leopolds und alles, was mit diesem im Zusammenhange steht,
die einzige authentische Quelle ist, überschätzt aber jedenfalls die
Tragweite dieses Ereignisses, wenn er davon den fUr Ludwig günstigen
Ausgang der Schlacht abhängig macht. Es wäre zweifelsohne für Leo-
^) Chron. de geet. princ 60. Et cum ooUegisset magnum exercitum electx>-
rum virorum profecii sunt versus Bawariam. Quo cum venissent, et antequam
eandem terram intrarent, ÜTere tentoria apud Licum, expectantes ibi nuntios de
exercitu Australium, quando ad eos debeant proficiscif ut, sicut pisces capiuntor,
sie duobus catervis congredientibus rex Ludwicus eorum in medio oondudatnr. —
Was Wflrdinger 1. c 470 Note 26 aus der Diessener Pröpstechronik folgert, be-
zieht sich auf Leopolds Zug im J. 1819, Riezler S84. Dass er Mitte Sept. den
Lech erreicht habe, wisRen wir nicht. Das »wo* der Vereinigung war jedenfalls
schon vorher vereinbart.
*) Chron.de gest. princ. 61 ff. Was Pfannenschmid aus Joh. Vict. entnimmt,
hat neben dem Bericht des Fflrstenfelder Mönches, der über das in nächster Nähe
von seinem Kloster Geschehene als Augenzeugre eingehend berichtet, nur insoweit
Geltung, als es mit diesem Übereinstimmt. Riexler schliesst sich ihm hierin mit
Unrecht an. Ausserdem schreibt der Fürstenfelder nicht, dass sowohl Leopolds,
wie Friedrichs Bote von fürstenfeldischen Klosterleuten (!) aufgefangen worden
seien. Die Worte »dicentes spoliatos in claustro et prope claustrum* (Boehmer
Fontes 1, 62) neben den auf p. 61 »non procul a claustro nostro de Fürsten velt
privati suis equis* können nicht so gedeutet werden, wie es Riezler thut Dass
die Boten ins Kloster geführt und dort ihrer Pferde wie Briefe beraubt wurden,
wie Pfannenschmid schreibt, steht nirgends. Die Briefe sind ihnen nicht abge-
nommen worden, wie deutlich aus den Worten ,quia ablatis equis destinatas
litteras apto tempore non poterant assignare* und »dioentes se spoliatos . . .
ideo non potuisse eos litteras apto tempore assignare* hervorgeht Dass die
Möndie von Fürstenfeld sofort ihrem Könige hierüber Nachricht gaben, ist nur
eine Combination Pfannenschmids, der jeder Anhalt fehlt. Die angezogene Ur-
kunde ist vom 28. nicht 28. Sept. (s. Oberbair. Archiv ICXUI, 152), womit auch
die Bemerkung fällt, dass der Boden des Schlosses * Wildenrod dem Kloster als
Belohnung für diesen (nach Pfannenschmid) geleisteten Dienst übergeben worden
sei. S. V. Weech l. c. Auch Würdinger l. c th^ilt diesen Irrthum.
Die Schlacht bei Mflhldorf und über das Fragment einer Österr. Chronik. l77
pold auch ohne diesen Zwisclien£Edl onmoglicli gewesen, am 28. Sep-
tember in die Schlacht einzugreifen.
Sehen wir nun, wie sich wahrend dessen die Dinge bei Mühldorf
gestaltet hatten. König Ludw^ erkannte, als er yon den erneuten
Rüstungen Friedrichs und Leopolds hörte, die grosse Gefahr des von
Osten und Westen her über seinem Haupte sich zusammenziehenden
Unwetters. Wnsste er doch, welche bedeutenden Erfolge Friedrichs
Politik im Reiche errungen hatte, seitdem sie sich im September 1319 bei
Mühldorf und im folgenden Jahre an der Breusch zum letzten Male gegen-
über gestanden hatten, und er selbst, ohne das Eriegsglück versucht
zu haben, durch einen ruhmlosen Bückzug sein Ansehen geschwächt hatte,
wahrend die Anzahl der Anhanger seines Oegners in gleichem Masse
gewachsen war. Die Büi^r von Augsburg, die bisher treu zu ihm
gehalten hatten, schlössen am 2. NoTember 1319 durch Vermittelung
Burkards yon EUerfaoch, Pflegers zu Burgau, mit der habsburgischen
Partei Stallung und Frieden auf 3 Jahre, der am 18. Noyember 1319
Yon Herzog Leopold und am 29. März 1320 yon Friedrich selbst be-
stätigt wurde ^). Eonrad yon Weinsberg trat, wie Friedrich für sich
ond seine Brüder in einer am 25. October 1320 ausgestellten Urkunde
bezeugt, zu Habsburg über und gelobte g^en 2000 Mark Silber Dienst-
geld mit 60 Hebnen wider Ludwig yon Baiem ins Feld zu ziehen').
Graf Ulrich yon Helfenstein gelobte Friedrich nebst seinem Bruder,
dem Grafen Johann, mit Leib und Gut gegen Witteisbach zu dienen >).
Bald darauf trat seinen Gegnern auch Graf Berthold yon Henneberg
naher^). Am 24. Noyember 1320 yersprach ihm Friedrich alle Friyi-
legien seiner Vor&hren am Reich auf Verlangen bestätigen zu wollen
mid yerzichtete mit seinen Brüdern auf alle Ansprüche an die in
Franken gelegenen GKiter, die Berthold yon ihrer Schwester Anna,
Markgrafin yon Brandenburg, und deren Sohn Johann erkaufte. An
demselben Tage stellte Heinrich yon Henneberg, der Sohn Bertholds,
dem Habsburger einen Dienstreyers aus. Ebenso Ulrich yon Bruneck
mid Albrecht yon Hohenlohe-Möckmühl^). Ja sogar B^ensburg hielt
es 1321 für nöthig Friedrichs Huld und Gnade zu suchen^). Auch
Graf Eonrad yon Freiburg söhnte sich mit den Oesterreichem aus^).
Am bedenklichsten aber war es für Ludwig, dass seine Macht am
Mittelrhein geschwunden war, wo ihm in Matthias ein rühriger Gegner
<) Boehmer, Reg. Add. I, S. 809 n. 844; Add. III, S. 415 n. 40»; 8. 174
155. Btftlin in, 156. •) Böhmer, Reg. S. 175 n. 168.
*) Lichnowiky III, ürk. n. 551. «} Boehmer, Reg. S. 175 n. 176; S. 888 d. 879.
•) lichnowsl^ III, n. 554—556. •} Boehmer, Reg. S. 175 n. 188.
^ Stftlin ÜI, 142.
HittheUaDgeii, Erg&nzuDgsbd. L 12
178 Dobenecker.
erstanden war, der erst vor kurzem (3. April 1322) mit den Städten
Mainz, Strassburg, Worms, Speier und Oppenheim einen Landfrieden
von der Leberau bis Bingen, gültig zunächst bis 24. April und von
da bis über ein Jahr, zu Stande brachte, den am 13. Juni 1322 Fried-
rich zu Schaffhausen bestätigte. Es half Ludwig wenig, dass er durch
Ulrich den Wilden bei Johann XXII. Vorstellungen darüber machen
liess, dass Matthias seinen Gegner allzusehr begünstigte'). Dazu kam,
dass. sein Plan, Heinrich von Kärnten durch eine Doppelheirat mit
Johann von Böhmen auszusöhnen und damit zugleich in sein Lager
zu ziehen, an der Weigerung Marias, der Schwester Johanns, schei-
terte^), und Heinrich von Kärnten hierauf von neuem fiir Friedrich
gewonnen wurde. Am 6. September 1321 erhielt Heinrich von Fried-
rich das Yicariat der Stadt und des Gebietes von Padua') und ver-
sprach seinerseits den Oesterreichem im Kriege beizustehen^).
War somit Ludw^s Einfluss durch sein Zaudern, einen entschei-
denden Schlag zu führen, gesunken, so enthielt jetzt die Nachricht von
den Büstungen Oesterreichs die unabweisbare Forderung alles au&u-
bieten^ um durch eine Schlacht sein Ansehen wieder herzustellen und
wenn möglich dem langen Kampfe um die Krone, unter dem sein
Land das Meiste zu leiden hatte, ein Ende zu machen.
Es war ihm am 1. Mai 1321 gelungen, den schwäbischen Grafen
Berthold von Marstetten, genannt von Neiffen, und Dietrich von der
Churne von neuem für seine Sache zu gewinnen^). Der Graf Wilhelm
von Montfort war, wie schon erwähnt, zu ihm übergetreten; auch
Albert von Hohenrechbei^ verband sich am 28. Juni 1322 zu Nürn-
berg mit ihm. Am 11. Mai 1321 hatte Landgraf Ulrich von Leuchten-
berg erklärt, König Ludwig mit Leib und Gut gegen König Friedrich
unterstützen zu wollen^). Kurz darauf gewann er zahlreiche nord-
gauische Bitter für den Kampf um die Krone: 29 Bitter des Nordr
gaues gelobten am 22. Mai 1321 auf Grund einer zu Amberg ausge-
stellten Urkunde, bei König Ludwig, seiner Gemahlin Beatrix und
ihren Erben mit Leib und Gut bleiben zu wollen und nie von ihnen
zu kommen in dem Kriege gegen die Habsburger, die Kinder des ver-
storbenen Pfiälzgrafen Budolf und alle ihre Helfer^). Schon vorher am
25. April 1321 hatten ihm gleichlautende Dienstreverse ausgestellt:
') Boehmer, Reg. Add. lU, S. 415 n. 411; S. 887 n. 877. W. Preger 1. c.
S. 849. *) Riezler, Gesch. Baiems II, 880 £. *) lichnowskj III, n. 576.
*) Joh. Vict. 89 S : monens quatenoB sibi sicut promiser at, subveniat et aBsiatat.
») Forsch, z. d. Gesch. XX, 246 ; Boehmer Reg. S« 289 n. 58.
«) Boehmer, Reg S. 289 n. 54 und Forsch. XX, 246.
^j Die l^amen dieser Ritter in Forsch. XX, 245.
Die Schlacht bei Mühldorf und Über das Fragment einer Österr. Chronik. 179
Eeinricli der Paulatorffer von Taenisperg, Jordan von Gatenek, Ghunrat
der alt Schenkche yon Richenekk, Chanrat der Mayr der Schenkche
Ton Bichenekk und Ghunrat der Paulestorfer yon Taenispeig, so dass
hiermit die Masse der nordgauischen Ritterschaft gewonnen war. An
aUe die Bitter, welche er für seine Sache gewonnen hatte, sandte er
jeist, da es galt eine möglichst grosse Macht ins Feld zu stellen,
seine Eilboten^). AUe, die ihm ihre Hülfe zugesagt hatten, forderte er
auf im Felde zu erscheinen, seine. Anhanger in Franken und am Bhein,
Tornehmlich aber die Herren aus dem Nordgau und aus ganz Baiem
entbot er zu sich. Allen legte er die grösste Eile ans Herz; sofort
nach dem Erscheinen seiner Boten sollten sie aufbrechen und ihre
Hülfe in dieser Zeit der Noth nicht etwa au&chieben. Und um so
mehr war er jetzt auf die Treue und den guten Willen seiner Bundes-
genossen angewiesen, ab es mit seiner Kasse sehr schlimm stand.
Hatte er doch schon firfiher zu Yerausserungen von Beichsgut und
BegaUen, sowie zur Ertheilung zahlreicher Privilegien seine Zuflucht
nehmen müssen, um sich alte Bundesgenossen zu erhalten und neue
zu erwerben. .Die Hülfe Balduins von Trier, Johanns von Böhmen,
Peters yon Mainz, Heinrichs und Ottos yon Niederbaiem hatte ihm
grosse Summen gekostet und zahlreiche Verpfändungen yon Beichsgut
nothig gemacht. Yiel£EU^ halfen ihm die Reichsstädte, die er yermochte,
ihm die Reiehssteuem g^en anderweitige Compensationen auf Jahre
Toraaszubezahlen, aus seiner Geldnoth. So unter anderen Frankfurt,
Friedberg, Wetzlar, Oelnhausen^ Nördlingen und Lauingen.
Vom 25. August bis 7. September weilte Ludwig in Begensburg'). Am
23. September finden wir ihn, wie aus einer Urkunde heryorgeht-"^), bereits
ze yelde bi Oetingen, dessen nächste Umgebung^) wahrscheinlich aUen
Bofidesgenossen als Sammelplatz angegeben worden war, imd wo er ihre
Ankunft sehnlichst erwartete. Johann yon Böhmen und sein Schwie-
gersohn, der 19jahrige Herzog Heinrich yon Niederbaiem, erschienen
ohne Verzug mit ihren Schaaren auf das beste ausgerüstet, beide ent-
schlossen, ftr den König sich jeder Gefahr auszusetzen^). Wussten sie
doch, was eine Niederlage oder der Tod Ludwigs bei dem Stande der
Dinge f&r sie zu bedeuten habe. Doch nur allzu langsam rückten die
^) Chron. de gest. princ. 60. *) Boehmer, Reg. Add. III, S. 482.
*) OberbairiBches Archiv für vaterländ. Gesch. XXIII, 152.
*) Eb ist jedoch nach der ganzen Sachlage nicht glaublich, dass er auf dem
rechten Ufer des Inn gelagert habe. Der Lagerplatz wurde wohl nur nach der
näehsten bairiechen Stadt benannt. Dass er verstärkt durch Mannschaften des
B&hmenk5nigB und Balduins über Landshut gegen Oetting gezogen sei, wie Wür-
clinger S. 468 schreibt, steht nirgends. ^) Chron. de gest. princ 60.
12*
ISO Üobeneckef.
übrigen Bundesgenossen heran, so dass, wäre jetzt ein Angriff seitens
der Oesterreicher erfolgt, der Ausgang des Krieges nicht zweifelhaft
gewesen wäre. Dem tapfem Böhmenkönig soll daher der Muth ge-
sunken sein, als er das Häuflein sah, das den habsburgischen Heeres-
massen gegenüber zur Yerf&gung stand. Ludwig aber gab die Hoff-
nung, dass seine Anhänger zur rechten Zeit erscheinen würden, nicht
auf ^). Er täuschte sich diesmal nicht. Mancher Zuzug mochte seit dem
28. September stattgefunden haben'), die Hauptmasse jedoch kam erst
am Tage vor der Schlacht, Monba^ den 27. September, in Ludwigs
Lager an. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein strömten
zahbreiche Schaaren von Bittem und Fusssoldaten von allen Seiten
zusammen, so dass das Lager am Abend einen bedeutenden üm&ng
zeigte 3). Ausser den kampfgerüsteten Schaaren Heinrichs von Nieder-
baiem und Johanns, unter dessen Bittern uns der Name des Flichta
von Zirotin^) aus dem berühmten Qeschlechte der Wlastislawice, der
sich von Jugend auf aus blosser Kampfeslust auf allen europäischen
Kriegsschauplätzen seiner Zeit herumgetrieben haben soll^), bekannt
ist, waren erschienen: Bernhard, Herzog yon Schlesien und Herr von
Fürstenberg, mit seinen Beisigen, von denen uns die Bitter Arnold von
Peterswaldau, Heinrich von Haugwitz, Kunz von Beichenbach, Johann,
Sohn des Sekkelo von TöppHwoda, Heinmann von Peterswaldau, Jo-
hann genannt Weyeste von Zedlitz, Schibko von Tschetschau und
Kekel von Zirn genannt werden*'). Femer der Burggraf Friedrich von
Nürnberg'), der Erzbischof Balduin von Trier 8), der Franke Konrad
') Charakteristisch ist das von dem fiirstenfelder Mönch, dem besten Bericht-
erstatter über die Vorgänge im bairischen Lager, in seine Darstellung einge-
streute Zwiegespräch Johanns und Ludwigs, in dem der kriegerische BOhmen-
könig von dem nur zu oft schwankenden und unentpchlossenen Baiern, von dem
di^rselbe Chronist ad a. 1815 schreibt ,qui mox sicut dormiens expergefactus de
sompno perterritus, sicut semper segnius egit * ermuthigt wird mit den Worten :» Equo
animo estote, cras enim egrediemur et auxiliutn Domini videbimus super nOB*,
Worte, mit denen das imten folgende ,rex Bohemie strennue agens prelium ma-
turavit, ut ipso absente fratres suos de Austria fadlius superaret* nicht recht im
Einklänge steht.
'} Deutsche Chronik : und des was ein gross her . . . das khom da zu ein-
ander kaum in vier tagen. ') Chron. degest. princ 60, 61. *) Petr. Zitt L c. 419.
^) Palacky II, 2. 1S4 f. nennt neben ihm noch Hermann von Miliöin. Das
Namenverzeichnis der böhmischen Ritter, die bei Mühldorf gekämpft haben sol-
len, wie es Wenzel Hajek (Pelzel, Gesch. der Böhmen I, 197) giebt, ist nach
Palacky gänzlich fingiert
*) Petr. Zitt. 418 und die von Bernhard nach der Schlacht ausgestellte
Urkunde in der Zeitschr. f. Gesch. u. Alterthümer Schlesiens Bd. 111(1860), 199 ff.
V) Deutsche Chronik, Matth. Neob., Boehmer, Reg. S. 37 n. 629 u. a.
») Matth. Nebl».
Die Schlacht bei Mühldorf und Ober das Fragment einer österr. Chronik. 181
Tou Sehlüsselbergi), der Ludwig schon bei (^ammelsdorf, bei der Wahl,
bei Speier, Augsburg, Buchloe und Esslingen trefSiche Dienste geleistet
hatte*), Wilhelm von Montfort^), die Grafen Ludwig und Friedrich
von Oettingen^), Berthold von Seefeld, Gebhard von Kammer, Eber-
hard der Schenk yon Aue, Heinrich der Lengenfelder, Büdger von
Kadelsdorf, Albrecht der Muraeher von Guteneck, Gebhard Beicher und
Südger der Kemnater aus Amberg ^). Wie diese Amberger Bürger
werden auch die übrigen bairischen und frankischen Bürgerschaften zu
Hülfe gezogen sein. Dazu noch yiele andere Grafen und Herren^), denn
nor der kleinste Tlieil der Bitterschaft dürfke uns bekannt sein. Es
war somit Ludwig gelungen ein bedeutendes Heer, dessen Starke aller-
dings in Zahlen nicht naber angegeben werden kann^, zu yersammeln,
80 cbifls er Friedrich allein gegenüber entschieden in der üebermacht war ^).
Wie schon erwähnt lagerte sein Heer in der Nähe von Oetting,
einem der Mündung der Isen gegenüber liegenden Stadtchen. Noch
naher giebt uns seinen Lagerplatz eine bis auf Würdinger fabch ge-
deutete Stelle der deutschen Chronik an, wo es in den Handschriften
beider Bedactionen, abgesehen Ton einigen den Sinn nicht ändernden
Abweichungen, gleichmässig lautet: Do man do zu sach do het chunig
Ludweig yan Payiem mit chunig Johan yan Peheym helffen yan allen
landen zu einander praht .... ein grozzes here und het daz allez ze
Aiuzigen likunt^), womit nur der Lagerort gemeint sein kann^^^). Durch
>) Matth. Neob., Joh. Vict., Boehmer, Reg. S. 28 n. 472.
*) Boehmer, Reg. S. 11 n. 168; S. 18 n. S02 und SOS. >) Matth. Neob.
*) Matth. Neob., Boehmer Reg. S. 29 n. 480.
^) Boehmer, Reg^ Ludw. n. 681 and 800, 684, 685, 772, 2685, 2667, 2955,
2657, 2684.
8) Matth. Neob. 197 : Aderant sibi eciam burggraylns de Nürenberg, dao de
Oetingen, Wilhelmus de Montfort, multique comites et barones. — Petr. Zitt. :
oomitnm vero et nobilium nnmems de diversis partibus magnus fuit.
^} Matth. Neob., wo wohl: ipee Ludewicus, cui aderant Johannes rex Bo-
hemie et Baldewinns archiepificopus TreverenBiB, cum exercitu suo .... ad Fri-
derüä exercitum declinavit zu lesen ist, schätzt es auf 1500 Ritter und SOOOO Fuss-
soldaten, Peter auf 1800 Ritter und 4000 Fussgänger und Bogenschützen. Doch
wird man auf diese Schätzung wenig Gewicht legen können, zumal Peter selbst,
wie seine Worte ut dicitur beweisen, für die Wahrheit der Angabe nicht eintre-
ten kann. Auch Ober die Stärke von Friedrichs Heer gehen die Angaben aus-
•) Deutsche Chronik: »prüften das die weisen herren von Osterreich, das
sy überladen warden mit herschafft.* ^) Hs. n. £52 der deutschen Chronik.
*^) Die Lesarten der verschiedenen Handschriften sind: n. 691: zainczing
(= ze Ainczing), n. 1007: tzaintigen, n. 8422: zainzigen, n. 525: zainzigen,
n. &S99 : Zainczigen, n. 817 : zeaintzige, n. 8228 : zu eintzigen, n. 8445 : zaintzigen.
182 Dobeiiecker.
die willkürliche Conjectur v. Karajans, die ohne nähere Prüfung der
Handschriften hingenommen wurde, verleitet, suchte P£ännenschmid die-
sen bei Ampfing, einem über 5 Stunden von Oetting nach Westen zu
gelegenen Orte, wogegen nicht nur die Ueberlieferung, sondern auch
der ganze Verlauf des Kampfes spricht Erst Würdinger deutete das
handschriftliche ze Ainzigen als den ly^ Meile nördlich von Alt-
Oetting gelegenen und mit diesem in Yerbindimg stehenden Weiler
Anzing, eine Erklärung, der auch wir folgen, da sie mit den Quellen
übereinstimmt und die folgenden Operationen der bairischen Armee
erst recht verstehen lässi Die Wahl dieses Ortes legt Zeugnis ab von
der umsichtigen Leitung im bairischen Lager. Auf einer plateauartigen
Erhebung gelegen, die bei Anzing ihre höchste Höhe erreicht und erst
unmittelbar am linken Ufer der nur 1 Stunde südlich von Anzing
fliessenden Isen abfallt^), bot er Sicherheit vor einer feindlichen Ueber-
rumpelung und zugleich durch mehrere das Plateau nach Süden zu
durchschneidende Thalfurchen eine vorzügliche Operationsbasis gegen
das auf dem rechten Ufer der Isen h^emde feindliche Heer; während
durch die von Oetting nach Norden flüirenden Strassen der Bückzug
nach, der Isar gesichert war. Jenseits des Tauf kirchner- oder Bohr-
bacher-Baches, in dessen Thal die von Oetting über Erharting und
Neumarkt nach Landshut führende Strasse geht'), treten die Berge
von der Isen zurück, Baum zur Bildung ausgedehnter Wiesen und des
Ampfinger Mooses lassend und nach Zangberg zu mehr und mehr ab-
fallend, so dass die Stellung auch nach Westen zu gesichert war. Die
Uebergänge über die Isen waren auf dem linken bairischen Ufer durch
Brückenköpfe gedeckt, die wie diese Gegend überhaupt in der bairi-
schen Geschichte eine nicht unbedeutende Bolle gespielt haben b). So
deckte Zangberg die Brücke bei Ampfing, das auf einem südwestlichen
Ausrufer des Plateaus an der Mündung des Heislingerbaches gelegene
feste Domberg und die Klause die Engfurter Brücke, so Letzenberg
den Uebergang bei Winhöring und Holzenbui^ die Isenmündung.
Für Ludwig enthielt die Lage der Dinge am 27. September die
dringende Aufforderung, das österreichische Heer in seiner Stellung
festzuhalten und Friedrich zur Schlacht zu zwingen, bevor Leopold mit
der Westarmee zu ihm stiess. Dass derselbe an der bairischen Grenze
Dazu Würdinger 466. Der ErklärungsverBuch v. Weechs nach Grimms Wörter-
buch III, 856 wird durch die Ueberlieferung widerlegt.
1) Bairische GeneralstabBkarfe Bl. 72 Mtihldorf.
') Zunächst nicht auf dem linken Ufer der Isen, wie Würdinger 467 Fchreibt.
') Würdinger 467. Ludwig stand hier »einem Gegenkönig nicht 1820, son-
dern 1819 gegenüber.
Die Schlacht bei MQhldori und über d&<< Fragment einer österr. Chronik. 183
stand, war Ladwig jedenfalls bekannt In einten Tagemärschen konnte
er seinen Bruder erreicken. War dies einmal geschehen, so konnte
kern Zweifel bestehen, wer den Sieg davontragen würde. Eroue und
Beich hieng somit an der Entscheidung Ludwigs, jetzt selbst anzu-
greifen oder sich spater yon einer erdrückenden üebermacht angreifen
zu lassen. Die Notwendigkeit sobald als möglich zu schlagen er-
kannte man im bairischen Lager sehr wohL Namentlich war es Jo-
hann yon Böhmen, der in richtiger Würdigung der Lage zur Schlacht
drängte^). So rückte Ludwig noch am 27. September, wahrscheinlich
spat Abend oder in der Nacht und wohl nur mit einem Theile seiner
Truppen^), gegen die Isen vor und bekam Fühlung mit dem Feinde 3).
Nur das kleine Flüsschen trennte beide Heere^). Als er sich, wahr-
scheinlich bei Engfiirt und Erharting, dem Ufer näherte, gewiss in der
Absicht, den Fluss an diesem Tage noch zu überschreiten, setzten ü\m
österreichische Bogenschützen so sehr zu, dass er sich zum Bückzug
nach seiner in unmittelbarer Nahe auf dem Höhenzuge gelegenen Burg
Domberg, wo damals der Goldecker sass^), gezwungen sah'^). Für den
folgenden Tag rüstete man sich indes zum Kampfe^). Die Schlacht
1) Chron. de gest. princ. 61 und Petr. Zitt. 1. c. 4i9. Dass er dieg auf die
eingelaufene Nachricht hin, Friedrich wolle seine Stellung yerlassen, um Leopold
entgegen zu gehen, gethan (Würdinger 1. c. 471), steht nirgends«
*) Das Gros blieb \m Lager auf den Bergen, s. deutsche Chronik.
*) Matth.Neob. 197 : Cnmque venisset (Ludowicus) ad flumen parvum, quod
ipsorum exercitus dividebat, sagittarii Australis [ipsum] adeo infestarunt, quod
ad cabtrum suum vicinum, situm super ipso flumine, declinavit, mane transeuntes
ibidem. Pfannenschmid 1. c. 58 (das »mane* soll doch nicht etwa frühzeitig heisscn)
und Würdinger 1. c 478 verlegen diesen Vorgang irrthümlicher Weise auf den
S8. Sept. — cf. auch Annales Mats. M. G. SS. IX, 828: Appropinquans autem
lAdwicDs rex exadverso milicia yallatus strennuissima . . . yallisque modicus erat
inter ntrosque ; orto vero sydere diei sequentis, in die iddelicet Wenzelai martyris,
oonuniserunt utiique reges. -- Deutsche Chronik: Do si sich da nach einander
zu dem wasser gelaitten, das die her an einander sahen etc.
') Was Würdinger L c. 472 ausAmpeek entnimmt, lässt sich nicht erweisen.
*) Deutsche Clironik Red. L
*) Dass dies Domberg gewesen ist, geht hervor aus den Worten des Matth.
Neob. »mane transeontes ibidem* und der Angabe in der Cont. Can. S. Rudb.
Sal. »apud dictum fluvium sub monte Domberg bellum pariter inierunt* S. auch
Petr. Zitt. : Hi duo principes prope castrum Dornberch et iuxta flu vi um Isen pa-
riter öonvenerunt Die Hs. A. des Matth. Neob., die »vorherrschend den Charakter
einer den einfacheren und älteren Text der Bemer Hs. erweiternden und glossie-
renden Ueberarbeitung trfigt*, nennt sie irrthümlich Wasserburg Der Erklftrungs-
▼eisuch Würdingers 474, 89 ist kein glücklicher. Das filr Wasserburg von
Bachner Y, &26 mit Rücksicht auf Ampfing gesetzte Zangberg, das auch Pfannen-
Kchmid und v« Weech acceptieren, kommt ganz ausser Betracht.
'} Petr. Zitt. 419: Universumque exerdtum iubet in crastino esse paratum.
184 Dobenecker.
ward nach alter Sitte angesagt und vom Feinde angenönünen^). Vor
dem Kampfe worden auch Verschiedene zu Bittem geschlagen, wie wir
es von Arnold von Peterswaldau aus der bereits erwähnten üikunde
Bernhards yon Schlesien-Fürstenberg sicher wissen*).
Noch in der Nacht yom 27. auf den 28. September nahmen die
österreichischen Herren eine Becognosderung der feindlichen Streit-
kräfte vor. Sie ritten bis an das üfSer der Isen heran, von wo man
das bairische Heer überblicken konnte und erkannten, dass das feind-
liche Heer ihnen überlegen sei Im Verein mit dem Erzbischof Fried-
rich Yon Salzburg, dessen Stimme im Bathe des Habsburgers viel ge-
golten zu haben scheint, gieugen sie zu ihrem Eonige und riethen ihm,
namentlich Dietrich, der Marschall von Pilichdorf und das Brüderpaar
Ulrich und Heinrich von Walsee, abzustehen vom Stampfe, seine Stel-
lung au&ugeben und seinem Bruder Leopold entgegenzuziehen'), was
jetzt, nachdem Ludwigs Versuch vereitelt war, noch ausführbar gewe-
sen wäre. Doch Friedrich schenkte ihrem Käthe kein Gehör und war
zur Annahme der Schlacht entschlossen. Er habe so viele Witwen und
Waisen gemacht, setzte er seinen Getreuen entgegen, und so viel
Unbill an der Christenheit begangen, dass er den Streit nicht länger
aufschieben wolle, wie es ihm auch ergienge.- Sicherlich wirkte zu
diesem Entschlüsse die Ho&ung mit, dass Leopold am folgenden Tage
erscheinen und in die Schlacht eingreifen werde. Damit war die An-
nahme der Schlacht österreichischer Seits entschieden^). Zur Büstung
für den Kampf musste man die Nacht benützen. So ritt König Fried-
rich selbst mit Marschall Dietrich in der Nacht in seinem Heere um-
her, von Zelt zu Zelt zu allen seinen Herren, mahnte sie an ihre Treue
und sprach: ,Ihr Herren, ich trau euch wohl, dass Jedermann morgen
mit den Seinen ein Biedermann sein werde, wie ich und mein Bruder
0 Job. Vict 894: Interea bellum indicitur et ratificatur. Daiauf deutet auch
die deutsche Chronik und vielleicht auch Cont. Zwetl. III. 1. c. 666: hello iam
inter se utrinqne condicto. — Näheres hierüber su geben, wie es PftnnenBchmid
und Würdinger thun, lassen die Quellen nicht ssu.
') Quem ante conflictum sacri Romani imperii militari investivimns dignitate.
*) Deutsche Chronik imd Matth. Neob. 197. Doch lässt dieber ihm diesen
Rath am Morgen des 28. ert heilen. Von einem zweiten Eriegsrath am folgenden
Morgen (Pfannenschmid 61) weiss die deutsche Chronik nichts (cf. v. Weech 95).
Nachdem einmal der Baier die Isen überschritten, war dieser Rath unnOthig, weil
unausführbar. Würdingers Vermuthung, dass man einen Rückzug über den Inn
geplant) widerspricht dem Matth. Neob.
*) Damit ist auch die der Wahrheit widersprechende Darstellung im Chron.
de gest. princ. 1. c 61 widerlegt. Zu dem falschen Bericht im Chron Samp. s.
Pfannenschmid 52, S.
Die Schlacht bei Mühidorf und über das Fragment einer Osterr. Chronik. 185
Heinrich una dessen getraaenf und ihr uns des gebunden seid.*^ Sie
aber antworteten, sie wollten es alle gern thun ; was leider nicht geschah,
f> ungerecht der Chronist hinzu.
Somit war der 28. September i) 1322, das Fest des heil. Wenzels,
des Schutzpatrons der Böhmen, zum Kampfe um Krone und Beich be-
stimmt.
Beim Grauen des Tages rückte das bairiache Heer vor, um die
Isea zu überschreiten. Johann yon Böhmen, nachdem er die Messe
gehört und sich vorher durch den Oenuss des heiL Abendmahles auf
den bevorstehenden Kampf vorbereitet hatte ^), suchte zunächst nach
einer den üebergang ermöglichenden Furt des Flusses. Nachdem er in
knizer Zeit eine solche gefunden, überschritt das gesammte Heer Lud-
wigs und Johanns die Isen>). In der Nahe von Domberg, wahrschein-»
t) Das Datom ÜEdsch bei Giovanni Villani, »Nel detto anno IS 22 Martedi
adi 29 di Bettembre*; bei Odorioo ond Matth. Neob.
*) Petr. Zitt. 1. c. 419. Dasa in beiden Lagern allgemein die Messe celebriert
wurde (Pfannenschmid 57), steht nirgends. J>er Gennss des h. Abendmahles ist
gesichert nur f&r Johann.
') Chronik der Kaiser und Päpste im Archiv för Kunde Österr. Ge6ch.-Qu.
XIY, 16: Johannes vero res bellioosus flumen perlustrans, vada propter transitnm
exerdtns in breri temporis spatio demonstrabat, et omnis milida Ludwid et
Johannis vadnm inventnm pertransivit ; ohne Zeitangabe, doch nOthigen die übri-
gen Berichte, diesen Vorgang auf den Morgen des 28. zu verlegen. — Wenn
▼. Weech L c 84 und 95 das Stück, das jedenfalls aus einer Chronik der Kaiser
und Päpste stammt, mit der Handschrift selbst in das s. XY. vei'setzt, so kann
man ihm nicht beipflichten. Der 1. Theil 1288-^1818 kann vor 1885 nicht ent-
standen sein, da in ihm die Vermählung der Margaretha Maultasch U827) imd
HeinrichB von Kärnten Tod (4. April 1885) erwähnt werden; dem 14. Jahrh. ge-
hört er aber an, da er den Annales Mats. bereits zu Grunde liegt, deren älterer
Theü 1858 endet und, wie fest steht, dem 14. Jahrh. angehört. Derselben Zeit
gehört aber jedenfalls auch der Rest 1814 (resp. 1816) bis 1880 an. Die Darstel-
lung von 1814 ab schliesst sich unmittelbar an das Vorhergehende an, kein in-
neres Zeichen spricht f&r die Annahme der spätem Entstehung; denn der Um-
stand, dass die Annales Mats. nur die Jahre 1805—1818 aufgenommen haben,
beroht, wie auch Wattenbach (L c. 15) zugiebt, wahrscheinlich auf andern Grün-
den. Der Satz Friderici regimen taliter habet finem scheint nicht allzulange nach
dem Tode Friedrichs geschrieben zu sein. JedenfaUs spricht nichts gegen die
Annahme, dass dieser Bericht, in dem Wahres mit Falschem gemischt ist, noch
zu Lebzeiten Ludwigs entstanden sei. — Die Nachricht im Memoriale di Odorico
(Boehmer, Reg. Add. 11, 818), dessen Darstellung, obwohl zeitgenössisch, von sehr
zweifelhaftem Werthe ist, dass Freitag der 1. Oct. zum Kampftag angesetzt wor-
den sei, Ludwig aber vorher und zwar, wie aus einer späteren Notiz hervorgeht,
Donnerstag den 29. Sept. (die Jovis de mense Septembri in feeto Michaelis) durch
seinen Tross den Kampf habe beginnen lassen, kann abgesehen von dem falschen
Datum bei dem Charakter- dieser Quelle eben so wenig verwerthet werden, wie
186 Dobenecker.
lieh an der seichten Furt von Erharting, ward der Uebergang bewerk-
stelligt, dem österreichischen Heere der Weg nach Westen verlegt und
somit die Möglichkeit entzogen, die Ankunft Leopolds sicher erwarten
und den Kampf weiter aufschieben zu können^), eine Vorkehrung, die
bei der Entschlossenheit Friedrichs an diesem Tage zu schlagen un-
nöthig war. Nachdem also Ludwigs Heer auf das rechte Ufer der Isen
l^ekommen war, vollzog es seine Aufstellung, über die uns unsere
dürftigen Quellen keinen Aufschluss geben ^). König Johann von Böh-
men befehligte unter dem Banner von Baiern'). Das Reichsbanner,
eine Fahne wii dem Adler^), trug an diesem Tage der tapfere Franke
Konrad von Schlüsselberg ^). Auch Heinrich von Niederbaiem erhielt
ein Commando^'). Der Burggraf Friedrich von Nürnberg legte sich mit
etwa 500 Bittem auf dem Unken Ufer der Isen in den Hinterhalt^.
Von den übrigen Herren ward ein Jeder an seinen Platz gestellt:
Ludwig selbst erschien ohne alle königlichen Abzeichen in einem blauen
Waffenrock mit weissen Kreuzen geschmückt, umgeben von elf ihm
gleich gekleideten Rittern^). Er zweifelte nicht, dass er im Falle einer
Niederlage erschlagen werden würde, wenn man ihn an seinem könig-
lichen Schmucke erkannte, und wusste gar wohl, wie kostbar sein Le-
ben fOr seine Partei war, denn sein Tod war der unbedingte Si^
seiner Gegner, gleichviel ob sie siegten oder geschlagen wurden. Einer
seiner Herren trug dagegen vielleicht seine Rüstung im Kampfe, denn
Friedrich glaubte nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen ihn im Kampfe
getödtet zu haben ^). Ob Ludwig persönlich am Kampfe theilgenommen
habe, steht nicht fest Von den österreichischen Chronisten meldet der
Verfasser der deutschen Chronik, er sei nicht in den Streit gekommen,
sondern habe dabei auf einem Renner 'in einem blauen Waffenrock
die älinliehe Bemerkung des chron. Samp., das Übrigens noch von Brückenschlag
und Brückenabbruch spricht.
^) Chron. de gest. princ. 61; Job. Yict. 894.
>) Was Pfonnenschmid über die bainsche Stelliuig bei Ampfing, die Um-
gehung der feindlichen Positionen von Osten her, über den getrennten FlussÜber-
gang und über die Aufstellung des bairischen Heeres berichtet, hat bereits
V. Weech 98 mit Recht zurückgewiesen, bringt jedoch im Text auch die Version
von dem Uebergang bei Zangberg. Auch Würdinger schreibt von einem getrenn-
ten Uebergang Ludwigs und Johanns, von dem unsere Quellen nichts wissen.
») Deutsche Chronik. *) Joh. Viot. 894.
•) Boehmer, Reg. S. 28 n. 472; Matth. Neob. 197; Joh. Yict. 895.
•) Joh. Vict 894. '') Deutsche Chronik.
*) Matth. Neob. : Ipse autem met duodecimus in armis blaveis cum albis cru-
cibus, ne cognosceretur, absque signis regiis apparebat. Non enim dubitavit, se
si vinceretur, oocidi. Er sagt somit nicht aus, dass Ludwig Überhaupt nicht ge-
kämpft, wie V* Weech diese Stelle deutet. *) Joh. Yict 895.
Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragineat einer ösierr. Chronik. 187
gehalten, wahrend Johann yon Victring und die Chronik der Kaiser
imd Papste doch wohl yon personlichem Eingreifen berichten. Die
übrigen Quellen, namentlich auch die bairischen^), schweigen über die-
sen Punkt
Weniger vorsiditig zeigte sich E5nig Friedrich. In vollem könig-
lichem Schmucke') stürzte er sich in das dichteste Eampfgewühl und
zeigte den höchsten persönlichen Muth. Beim (brauen des Tages ward
Tor ihm Messe gelesen^). Beliquien waren dabei ausgestellt, wobei
jener wunderbare Bing, der den Habsburgem durch seinen Glanz einen
glücklichen Ausgang ihrer Unternehmungen vorauszusagen pflegte, da-
mals aber seinen Glanz verloren haben soU, abhanden kam und erst
1343 nach dem Tode eines Priesters, der ihn entwendet hatte, dem
Henog Albert wieder zugestellt wurde. Nachdem er er&hren hatte,
äass der Baier bereits auf dem rechten Ufer der Isen stand, rüstete er
flieh in brennendem Kampfesmuthe zur Schlacht Seine Armee theilte
er in vier Abtheilungen^) : Die erste iührten Ulrich und Heinrich von
Walsee unter dem Banner von Steiermark, die zweite befehligte König
Friedrieh unter dem Beichsbanner, welches der tapfere Bitter Walther
von Geroldseck trug^). Denn beiden Königen wurde in dieser Schlacht
das Beichsbanner vorangetragen. Die dritte Abtheilung stand unter
dem Commando des Herzogs Heinrich von Oesterreich und focht unter
Aem Banner von Oesterreich, das in der Hand des Marschalls Dietrich
Ton PiUchdorf wehte. Die vierte Botte kämpfte unter dem Banner des
Eizbischofs Friedrich von Salzbui^. Dieser selbst nahm persönlich
xiieht Antheil an der Schlacht, sondern wartete auf Bath des Habs-
burgers mit dem Bischof Albert von Passau und Dietrich von Lavant
im nahen Hühldorf den Ausgang des Kampfes ab und trat, als dieser
sidi zum Nachtheile der Oesterreicher wandte, den sicheren Bückzug
in sein Land an^. Gesondert von diesen vier Golonnen f&hrte König
Friedrich die Ungarn und heidnischen Cumanen an einen Berg^, wahr-
0 Wenn man nicht die unbestimmten Worte der Chron. de gest. princ. nnd
des chron. de diicibus Bav. darauf beziehen will.
») Matth. Neob. 197. ») Joh. Vict. 894.
^) Nach Matlh. Neob. sind es nur S Abtheilungen: 500 Helme, dann 800,
OTletzt Friedrich mit 900, nicht 800, wie Pfannenschmid 62, Anm. 1 schreibt. Wir
folgen betreib der Au&tellung ausschliesslich der deutschen Chronik (Red. IL).
•) JohJ Vict 895.
^ Cont. Canon. 8. Rndb. Sal. M. G. SS. IX, 882. Sie konnten also nicht
beim Nahen des Burggrafen aus dem Kampfe fliehen, wie Palacky, Gresch. von
Böhmen II, 2, 185 schreibt.
*) Wer nnter dem werder von Ost erreich in der deutschen Chronik su ver-
stehen ist, ergiebt sich klar aus der Angabe: Do fluhen di Ungern, und die Haiden
188 Dobenecker.
scheinlich die Hügelkette, welche Dornbei^ gegenüber an dem rechten
Ufer der Isen von Friexing an nach Osten streicht.
Nachdem so die Heere ihre Au&tellung, über die wir wie über
so Vielerlei im TJnMafen bleiben i), vollzogen hatten, stiessen sie auf-
einander.
Für das Schlachtfeld werden in den in Betracht kommenden
Quellen zwei Namen überliefert. Joh. Yict. schreibt: Gestum est hoc
prelium in pratis Aemphingen prope Müldorf, während die deutsche
Chronik die Wahlstatt Gtikelvehen wiss (Bed. IL) oder kykelvehen wyse
(Bed. L), das Chron. de ducibus Bayariae campus, qui dicitur auf der
Vehenwisen, die schon erwähnte Urkunde Herzog Bernhards von
Schlesien-Fürstenbei^, die am Abende der Schlacht auf dem Schlacht-
felde ausgestellt wurde, dy yeewyze nenni Diese drei zuletzt erwähn-
ten Namen sind zweifelsohne auf dieselbe Localitat zu beziehen und
bedeuten «bunte Wiese', eine Bezeichnung, die y. Weech wohl mit
Becht yon dem bunten Anblick der weithin sich erstreckenden, mit
Feldblumen besaeten Wiese ableiteL An der Richtigkeit dieses Namens
des Schlachtfeldes, wie er durch zwei yon einander unabhäng^e, mehr
oder minder gleichzeitige Quellen und durch das unyerwerfliche Zeug-
nis der Urkunde überliefert wird, ist nicht zu zweifeln. Es fragt sich
jedoch, ob dieser Name dieselbe Oegend bezeichnet, wie das durch
Joh. Yict überlieferte in pratis Aemphingen, wie man bisher allge-
mein annahm^). Letzteres kann natürlich nur die nächste Umgebung
yon Ampfing bezeichnen. Pfannenschmid nimmt daher, wohl auch durch
die yerfehlte Conjectur y. Earajans yerleitet und yon der Annahme
ausgehend, dass Friedrich yon Nürnberg bei Zangberg im Hinterhalte
gelegen habe, an, dass die zwischen Wimpassing, Ampfing, NeufBkhm
und dem nordwestlichen Theil der Mühldorfer Hart liegende Ampfin-
ger Wiese Gikelyehen- Wiese, Vehenwiese oder Vechenwiese benannt
all, die knnig Fridreich dar pracht het auff den perg, was Pfiaimexisclimid
(62, Anm. 1) übersehen kat VgL dazu y. Weech 1. c. 95. unter dem perg ist
wohl der in Bed. L erwähnte (Der herren panyr fluhein unatettlichen an den
perch) zu verstehen.
') Nähere Angaben über die Aufstellung der Heere und den Plan der Schlacht
zu geben, wie es Pfannenschmid thut, ist bei dem Stand unserer <}neUen un-
möglich; wenn man ihm auch zugestehen kann, dass es so oder ähnlich hätte
sein können.
*) Pfannenschmid 56 ; was er Forach. IV, 74—75 zur Abwehr einer anderen
Ansicht vorbringt, spricht nur gegen ihn. v. Weech möchte zwar den Verlauf des
Kampfes weiter nach Osten verschieben, tritt jedoch dieser Frage nicht näher.
Würdinger 471 ähnlich wie Pfannenschmid. — Archiv für K. ö. G.-Qu. XIV, 16:
Fridericus vero in quodam prato habitans nomine Empfing wird widerlegt
durch alle übrigen Berichte.
iHe Schlackt bei Mübldorf und über das Fragment einer Oatert. Chronik. 18d
worden sei. Würdinger folgt ihm hierin, und auch Biezler verlegt die
Gickelfehenwiese in die zwischen Neafehrn, Mettenheim, Lochheim und
Mühldorfer Hart liegende Flur. Suchen wir jedoch, ob uns die Quellen
nicht selbst über die Lage dieser Wiesen Aufschluss geben. Während
die deutsche Chronik ganz allgemein angiebt, dass sie oberhalb Mühl-
dorf an der Isen gelegen habe, geht aus dem Chron. de ducibus Ba?.^)
Uar bervor, dass die Yehenwiese zwischen Mühldorf und Oetting lag,
eine Bestimmung, die man schwerlich auf die nächste Umgebung des
über 5 Stunden yon Oetting, über 2 Stunden yon Mühldorf in ent-
gegengesetzter Bichtung gelegenen Ampfing wird beziehen dürfoL
Aus der Angabe der Urkunde*) wird es zur y ollen Eyidenz, dass man
die Oickelyehenwiese oder Yehenwiese in dem Theil der zwischen Isen
mid Inn yon Osten nach Westen sich erstreckenden Ebene zu suchen
hat, der yon Mühldorf nach Oetting zu liegt, also weit ostlicher, ab
man bisher allgemein annahm; und dies um so mehr, als mit dieser
neuen Bestimmung des Schlachtfeldes, abgesehen yon JoL Yici, alle
besseren Quellen der Schlachtbeschreibung übereinstimmen. Die Cont.
Canon. S. Budb. Salisb., deren Nachricht über die Localität, wie schon
berührt, den grossten Glauben yerdient, schreibt, dass Friedrich zwi-
schen Oetting und Mühldorf an der Isen sein Lager aufgeschlagen
habe, dass er hier an der Isen — natürlich auf dem rechten Ufer —
in anmittelbarer Nahe yon Domberg (sub monte Dornbei^) angegrif-
fen wurde, und dass hier auch, wie aus dem folgenden Yerse (Gon-
flictos habitus est sub Domberg prope Müldorf ) heryorgeht, die Schlacht
ausgefochten wurde. Damit stimmt die Angabe eines anderen Zeitge-
nossen, dass Friedrich yon Ludwig und Johann in seiner Stellung in
der Ebene zwischen Mühldorf und Domberg angegriffen wird^). Dass
die Schlacht bei der Feste Dornberg dicht an der Isen geliefert wurde,
erzählt auch Peter yon Zittau, der seinen Bericht kurz nach der
Sehlacht, wahrscheinlich noch 1322, sicher yor der Freilassung Hein-
richs (18. September 1323) schrieb und wegen seiner Treue hohen
Glauben yerdient*). Dafilr kann man auch anftlhren Peter Suchenwirt^),
wo es yon dem Oesterreicher Friedrich dem Chreuzzpekch heisst:
') Cui (Friderico) dominus Ludwicus .... viriliter oocurrit inter Müldorfi
et Oeting. Et i b i d e m in campo, qui dicitur auf der Vehenwieen .... triumphayit.
*) Actum in Bayaria apud Othingam in prato, quod dicitur dy veewyze,
anno domini 1822 in vigilia sancti Michahelis.
•) M. G. SS. IX, 666.
*) Loeerth, Die Königsaaler Geschichtsquellen. Kritische Untersuchung aber
die &itbtehung des Chron. Aulae regiae im Arch. f. ö. G. LI, 449 ff,
>) Ed. Primisser S. 48.
190 Dobenecker.
Dar nach strait er in Fayerlant
Vor dem Dornperg genannt,
Do wart er tzu der selben stunt
Oeyangen unde sere want.
Femer eine gleichzeitig oder kurz darnach geschriebene bairiache
Fürstenchronik 1), die die Entscheidung date dem Dorenperg bei Mül-
dorf fallen lasst. Ebenso die kurzen annaUstischen Aufeeichnungen,
die der Mühldorfer Kathsherr Nicolaus Grill im Jahre 1400 in das
Stadtrechtbuch eintragen Uess, wo es heisst: Item darnach Anno do-
mini 1323 iar gesigt aver Kaiser Ludweig dem hertzogen von Oester-
reich an ein grosseuz streitz ze dem Damwereh (B. Dornberg) pei
MuldorflP»).
Für Ampfing spricht nur Joh. Vict., der somit gegenüber den
genannten Quellen, wenn man seine Angabe nicht auf den Kampf
einzelner versprengter Streiter beziehen will, keinen Glauben finden
kann^).
Die Schlacht &nd also in der Ebene zwischen Mühldorf und Oet-
ting, in der Nähe yon Domberg^) statt, wo Friedrich sein Heer, wahr-
scheinlich zur Deckung der Flussübei^änge bei Engfurt und Erharting,
mit der Front nach Nordwesten aufgestellt hatte. Hieraus erklärt sich
auch, weshalb der gefangene Gegenkonig am Abend der Schlacht nach
Dornberg geflihrt wird, und das siegreiche Heer nicht auf dem Schlacht-
felde übernachtet, sondern in seine kaum eine Stunde entfernt stehen-
den Zelte zurückkehrt
Der östliche Theil der zwischen Inn und Isen liegenden Ebene,
der somit zum Schlachtfelde wurde, hat von Mühldorf und MösaUng
aus in einer Ausdehnung von etwa 2 Stunden nach Osten bis Eng-
, fürt hin eine Breite von ungefähr einer Stunde und wird dann in einer
Ausdehnung yon einer Stunde bis zum Einfluss der Isen in den Inn
durch beide sich mehr und mehr nähernden Flüsse bis. zu einer Durch-
schnittsbreite yon y^ Stunde eingeengt. Das linke Ufer des sich nach
Oetting zu in yiele Arme spaltenden Inn wird yon einer Abdachung
der Ebene bis zur Vereinigung beider Flüsse begleitet, der sich bei
*) Pfeiffer, Germania XII, König Ludwigs d. B. Rechtebuch 78.
*} Die Chroniken der deutschen Städte, XY, 884.
. . *i GeBta.Treyirorum schreiben: Eodem anno (1822) Ludowiciis rex et Fre-
deneus convenerunt in Ochingen et Molendorff congresäione praeliali.
^) Auf der yon Pfannenschmid seiner Darstellung beigefügten Karte ist
Domberg irrthümlich nw. yon Erharting eingeü-agen (ebenso in Spnmer-Menke,
hist. Handatlas Nr. 41), während es circa V4 Stunden weiter nach Osten bei
Schinagl und Kngfurt, also ono. yon Erharting zu suchen ist. Bair. Generalstabs-
karte Nr. 72, Blatt Mühldorf.
Die Scblacht bei Mühldorf und über das Fragment einer (eterr. Chronik. ]dl
Enhofen die Ton Friexing an das rechte Isenufer bestreichenden Ab-
hänge bis auf wenige Minuten nahern. Die auf dem rechten Ufer der
Isen liegenden Ortschaften Mössling, Friexing, Maxing, Erharting, Are-
sing und Engfurt einerseits, Mühldorf und Toging andererseits mögen
nngefihr die Ausdehnung des Schlachtfeldes beseichnen,
um 6 Uhr Morgens^) beginnt an der Isen in unmittelbarer Nähe
TOB Domberg die Schlacht^). Ein wüthender Kampf erhebt sich, als
beide Heere auf einander stossen^). Mit Eampfgeschrei und unter dem
Schmettern der Trompeten stürmen die ersten Schlachtreihen, Johann
▼on Böhmen und Herzog Heinrich you Oesterreich, die Steiermärker
und die Schaaren des Erzbischofs Ton Salzburg gegen einander^). Von
beiden Seiten wird tapfer gekämpft. Herzog Heinrich si^^ die Feinde
unterliegen^), sammeln sich aber an einem Hügel zu neuem Kampfe und
bedrängen Heinrich Ton Oesterreich^). Da kommt Friedrich seinem
• <) M. 6. SS. IX, 828.
*) Bei dem Stand unserer Quellen müssen wir, falls wir uns nicht in unbe-
weisbare Hypothesen einlassen wollen, darauf verzichten, ein in allen Theilen
klares Bild der Schlacht zu entwerfen, glauben aber die einzelnen in verschiede-
nen Quellen überlieferten Züge veiwerihen und. soweit es auf dem Boden der
Ueberliefening möglich ist, in Zusammenhang bringen zu sollen, üeber den de-
taillierten Schlachtplan bei Pfunuenschmid und seinen Verbuch, den Gang der
Schlacht bis ins Kleine zu schildern, lAsst sich nur sagen, dass es so oder
ähnlich zugegangen sein kann, dass aber die qiieilenmässige Begründung seiner
Hypothesen fehlt, v. Weech andererseits lässt manche Angaben der Quellen, die
das über der Schlacht schwebende Dunkel zum Theil zu lösen vermögen, unbe-
nQtzt; ebenso Würdinger. >) Deutsche Chronik.
*) Archiv für E. ö. G. XIY, 16. Johannes autem rez bellico^ius pro prima
belli oongressione in die sancti Wenczeslai adem sibi struxit. Cui Hainricus dux
AQ8trie cum Stiriensibus audader obviavit, sed ei utraque parte ambo Virilit er pug-
naveront. Joh. Yict. : Primae acies commisoentur, ubi signa Bohemica subpri-
muntnr ad tempus und vorher : Fridericus . . . fratrem suum Heinricum cum Sti-
riensibus et turma presulis Salczpurgensis in primis constituit. Diese Angabe
braucht der deutschen Chronik nicht zu widersprechen: Die Walsee mit den
Steirem und die Salzburger kämpfen neben Heinrich und den Oesterreichem.
Möglich, dass Heinrich neben dem Commando über die Oesterreicher Einfiuss auf
die Leitung der Salzburger hatte, von denen kein besonderer Führer erwähnt
wird. - Die von Pfannenechmid acceptierte Version Odorioos, dass die Tross-
knechte, ähnlich also wie bei Esslingen, den Kampf einleiten, muss fallen. —
Falsch ist die Darstellung bei Giovanni Villani (Muratori XUI, 524): U Re Fede-
rigo d* Osterich per isdegno di sua potentia et grandezza, non curando il nemioo
et non essendo ordinato, per lo modo detto fu »conütto.
*) Diese von Joh. Vict. berichtete Niederlage des Böhmen ist jedenfiälk nicht
dieielbe, weldie er nach der deutschen Chronik vor iViedrich erleidet.
*) Dies wohl der Sinn von Joh. Vict. Angabe L a S95. Die schon an und
f&r sich merkwürdige Darstellung, wonach sich die Böhmen nach ihrer Nieder-
lage nach einem Hügel wenden und so aufstellen, dass sie die Sonne im Bücken
192 Dobenecker.
Brader zu Hülfe. Immer wüthender wird das Bmgen. Alle die Herren,
die Friedrieh zu Hülfe gekommen waren, auch die Ungarn und Ca-
manen^), kämpfen mit grosser Tapferkeit. Friedrich selbst stürzt sich
mitten in die Fejnde und giebt den Seinen das Beispiel der
grössten Tapferkeit. Ihm zur Seite thut sich Herr Hanns yon Ehun-
ring durch Muth und Ausdauer rühmlich hervor. So gelingt es dem
Habsburger nicht nur das Feld zu behaupten, sondern auch bis Mittag
entschiedene Yortheile zu erringen. Gegen 500 der Edelsten unter den
Feinden waren aus dem Sattel gehoben. Sie mussten ihr Wort geben,
an dem Kampfe keinen weiteren Antheil zu nehmen. Ja König Johann
selbst gerieth in die grösste Qe&hr. Er ward zu Boden geworfen und
lag schon unter dem Boss Dietrichs von Pilichdorf. Nur durch Ver-
rath entgieng er der sicheren Ge&ngenschafL Ein namenloser Herr
in Oesterreich, wie der deutsche Chronist meldet, den man gleichwohl
erkenne, wann oder wo man ihn auch erwähne, half ihm wieder auf.
Es war, wie uns die Bandnote zu dem Text der Hs. n. 525 der Wie-
ner Hofbibl. überliefert hat, der Ebersdorfer. Durch seinen Yerrath»
meint der erbitterte Chronist, ward der Streit yerloren. Die Schlacht-
reihe der Baiem war yor dem Habsburger ins Weichen gerathen^).
Der Tag schien den Oesterreichem zu gehören. Zweimal hatten sie
den feindlichen Angriff siegreich zurückgewiesen^), als der Kampf eine
ungeahnte Wendung nahm. Die bairischen Bitter nahmen das Fuss-
yolk des Herzogs Heinrich yon Niederbaiern, das gewichen war, zu-
rück, stiegen selbst yon ihren Bossen und kehrten mit jenem, das auf
das beste ausgerüstet war, in den Kampf zurück^). Mit ungestüm
brachen sie in die Beihen der Oesterreicher^) ein, yerwundeten und
erstachen die Bosse der Feinde, so dass die Beiter mit ihren Bossen
stürzten, getödtet oder gefangen wurden. Schon wurde durch diesen
haben, während ihre Strahlen die Gegner blenden und ihnen die Femsicht rau-
ben, bekommt ihre richtige Deutung durch die folgende Reminiscenz an die
Schlacht am Aufidus und die poetische Ausschmückung des ganzen Kampfes,
hinter der sich Unkenntnis oder das Streben, die Niederlage möglichst zu be
schönigen, verbergen mag.
') Deutsche Chronik zugleich auch für das Folgende. Falsch also die An-
gabe im Chron. Samp. : Quod videntes Ungari et Pagani . . . terga vertentes
fugam arripiunt. ') Matth. Neob. 1. c. 197. *) Ann. Odorid 1. c. 818.
<) Matth. Neob. L c 197 und Chron. de gest. princ. 1. c 61.
^) Die Angabe Odoricos »et dum credebat (sc duz Austrie) illum oonflictum,
sui inceperunt spoliare campum* ist wohl nur eine bist. Reminiscenz des Verf.
W&re dem wirklich so gewesen, so würden die österreichisch gesinnten Bericht-
erstatter die Gelegenheit sich nicht haben entgehen lassen, das Unglück zu be-
schönigen.
Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragment einer österr. Chronik. 193
anerwarteten Angriff die feindliche Schlaclitreilie erschüttert^), als auch
der Bui^graf Friedrich Yon Nürnberg mit einer grossen Schaar*) tüch-
tiger gerasteter Beiter auf der Wahlstatt erschiezL Im rechten Mo-
mente war er yom linken Ufer der Isen, wo er wahrscheinlich in der
Nähe yon Domberg mit der Beserve im Hinterhalte gelegen, ange-
brochen and über das Flüsschen gesetzt Im österreichischen Heere
gab man sich anfangs dem Wahne hin, es sei der sehnlichst erwar-
tete Herzog Leopold. Um so grosser mochte die Enttäuschung sein,
als man sich yon der feindlichen Beserye unter lautem ScUachtgesehrei
angegriffen sah. Jetzt konnten sich, wenn man dem österreichisch
gesinnten Chronisten hierin Olauben schenken darf, auch jene 500
ge&ngenen Bitter nicht mehr halten. Trotz ihres Ehrenwortes sollen
sie yon neuem auf die feindlichen Schaaren eingehauen haben ^). Die-
ser anerwartete dreifiiche Angriff brachte die Entscheidung. Die Un-
garn und Heiden, welche Friedrich auf einem Berge postiert hatte,
stoben bei dieser Wendung der Dinge auseinander^). Viele folgten
ihrem Beispiele^). Die Schlachtreihe ward durchbrochen und löste sich
in wilder Flucht auf. Herzog Heinrich ward yon dem Könige yon
Böhmen^') geGmgen genommen und yiele Edle mit ihm. Alle Ministe-
rialen, Bitter und andere Edele, die Salzburg, Passau und Layant ge-
stellt, theilten das Loos der Gefangenschaft^. Die Schlacht, nachdem
sie yom frühen Morgen bis Nachmittag gewüthet^), war für Habsburg
Terloren, dem König Ludwig ward der Sieg zugerufen®). Doch nicht
allem die Schlacht, sondern auch ihren heldenmüthigen Führer sollte
die habsburgische Partei an dem yerhängnisyoUen St. Wenzelstage
yerUeren, wodurch die Niederlage erst ihre yoUe Tragweite erhielt, der
Kampf eine Entscheidungsschlacht im yollen Sinne des Wortes werden
') Boehmer, Fontes 1, 61 : cum impetu in prelium iimentes Auttrales de-
bilitavertint.
*) Odorioo spricht yon 500 Hehnen. S. Deutsche Chronik qnd Matth. Neob.
Der über die Schlacht wenig unterrichtete Fürstenfelder Mönch weiss von ihm
nicht mehr zu berichten, als dass er in der Schlacht tapfer gekämpft haben soll.
*) Und alle die gesichert beten, die prachen all geleich.
*) Nach dem Chron« Samp. 1. c 168 ermorden sie dabei ihren eigenen Führer.
^) Matth. Neob.: £t fdgientibus sagittaiüs Australis, multisque cum illis.
«) Joh.VictLc896; ContZwetl. III.1.C667; Matth. Neob. I.e. 197. Chron.
de gest. princ. 1. c. 62 berichtet fiüsch, wenn sie erzählt, dass Heinrich von dem-
selben Dienstmanne des Burggrafen, in dessen Hände der König fiel, gefangen
genommen worden sei. "*) M. G. SS. IX, 822.
*) M. G. SS. IX, 828 ; Giovanni Villani : La quäle battaglia duro dal Sole
levante infino al tramontare; Boehmer, Fontes I, 61 ; Petr. Zitt. I. c. 419.
*) Chron. de gestis princ Ideo non multo post cessatum est a prelio et sole
niente post meridiem regi Ludwico victoria acclamatur.
HittbeiluiiffeD, ErgaDZüti^sbd. I. 13
194 Bobenecker.
sollte. König Friedrich, der von Beginn der Schlacht an sein eigenes
Leben so muthig für seine Sache in die Schanze geschlagen hatte,
dass man ihm den Preis zuerkannte, in all dem Streite sei nie ein
besserer Bitter gewesen^) und dass man yon ihm erzählte, er habe
mit eigener Hand gegen 50 Feinde erlegt'), gerieth mit allen seinen
Herren in Gefangenschaft. Verlassen von den Seinen kämpfte er wei-
ter^). Fast allein soll er wüthend bis zu dem Frimipilen Ludwigs
vorgedrungen sein und das feindliche Banner in Stücke zerrissen ha-
ben^). Als sein Boss durchbohrt wurde, sprang er zur Erde^). Da
wollte ihn det Franke Eberhard von Mosbach^), ein Edelknecht Ton
grosser Tüchtigkeit und kriegerischem Muth, der ihn nicht kannte,
ge&ngen nehmen^). Friedrich fragte ihn, wessen Dienstmann er sei,
und Uess auf die Antwort jenes, dass er dem Burggrafen von Nürn-
berg diene, diesen herbeirufen. Dem tapferen Zollern lieferte er sein
Schwert aus und empfahl sich dessen Huld. Der Bur^raf sicherte ihm
das Leben und nahm ihn mit sich zu König Ludwig. Es war zur
Yesperzeit, als der ge&ngene Oegenkönig dem Sieger vorgeführt wurde.
Unter einem Baume stehend empfing ihn Ludwig mit den Worten:
«Herr Vetter, ich sah Euch nie so gem.'' Der Habsburger aber er-
widerte: »Ich sah Euch aber nie so ungern''). * Nach Joh. Vict war
Friedrich nicht wenig erstaunt, seinen Gegner am Leben zu finden.
Er hatte geglaubt ihn in der Schlacht getödtet zu haben. Der hohe
Getangene, dem Ludwig gelobte, « dass er Leibes und Gutes sicher sein
sollte^, ward mit dem Marschall Dietrich von Püichdorf, der neben
seinem Könige bis zuletzt ausgehalten hatte und mit ihm ge&ngen
wurde ^), an dem Schlachtabend noch nach der nahe gelegenen Veste
Domberg geführt, am nächsten Morgen nach Oetting. Ludwig seihst
zog sich, obgleich ihm Viele riethen, zum Zeichen des Sieges die Nacht
auf der Wahlstatt zuzubringen ^^^ — die Kriegssitte schrieb dem Sieger
vor 3 Tage auf dem SchUchtfelde zu verweilen ^^) •— nachdem die Ge-
fangenen abgeführt worden waren, mit seinem Heere an demselben
*) Deutsche Chronik. «) M. G. SS. IX, 667. ») Matth. Neob. L c 197.
*) Archiv für Kunde öeterr. G.-Qu. XIV, 16. *) Matth. Neob. L c 197.
^) Chron. Samp. 1. c. 168. Sein Name nur hier erwähnt, doch duroh andere
Derichte gesichert. S. Pfannenschmid I.e. 68, Anm. 4; Forsch, z. d. Gesch. iV, 77.
7) Boehmer, Fontes IV, 197; I, 61—62. Falsch der Bericht in den Annalea
Mats. 1. c. 828 und Gest. Trevir. 1. c. 242.
*) Deutsche Chronik Red. II. Matth. Neob.: Salutante eum Bavaro et
dioente: Avuncule libenter ^demus vos hie ! ille .consternatus animo non
respondit Tendentiös übertrieben ist, was der Fürstenfelder Mönch über dieae
Zusammenkunft erzählt. ^j Deutsche Chronik Red. I.
>o) Boehmer, Fontes IV, 198. ") Ib. I, 62.
Die ScMacht bei Mühldorf und über das Fragment einer österr. Cbronik. 195
Abende^) angeblich nach Oetting, wahrscheinlich in sein, nördlich von
dieser Stadt stehendes und nach der nächsten Stadt benanntes Lager
zurück. Seine Zeitgenossen hielten dieses Abweichen yon alter Sitte
für ein Zeichen yon Furcht*). Er habe besorgt, schreibt der Chronist
Ton Fürstenfeld, dass Leopold unvermuthet seine durch die Schlacht
natürlich stark decimierten und erschöpften Truppen überfallen könne.
Wahrscheinlicher aber ist, wie schon y. Weech heryorhob^), dass er es
in der richtigen Erwägung that, da&s sein ermattetes Heer in seinem
wohl nur 1 Vs oder 1 Stande entfernten Lager besser würde der Buhe
pflegen können, als auf dem Schlachtfelde.
Herzog Leopold hatte durch den schon erwähnten Unfall der
Boten die Aufforderung zu Friedrich zu stossen, zu spät erhalten. Doch
yersuchte er alles, um seinen Brüdern die ersehnte Hülfe zu bringen.
So schnell als möglidi rückte er yor^). Li der Nahe yon Fürstenfeld
zog er yorüber und sdüug f&r die erste Nacht, die er auf bairischem
Boden zubrachte, bei dem 2 Stunden südlich yon Fürstenfeld golde-
nen AUing an den Ufern eines Flüsschens, wahrscheinlich des Starzel-
baches, sein Lager auf. Während man hier weilte, klagten die Boten,
die bei Fürstenfeld ihrer Bosse beraubt und aufgehalten worden wa-
ren, das Kloster bei Leopold heftig an: In und bei dem Kloster seien
sie beraubt worden, so dass sie ihre Briefe nicht zur rechten Zeit
hatten abliefern können. Hierüber erzürnt, gab der Herzog seinem
Marschall den Befehl, das Kloster in Brand zu stecken und so yiel
wie möglich zu yerwüsten. Doch dieser weigerte sich. Bald hierauf
vernahm Leopold, dass ein Gerücht im Heere umlaufe, Friedrich und
Heinrich seien in einer Schlacht gefangen genommen worden, und
König Ludwig habe einen glänzenden Sieg errungen. Da man diesem
Gerücht keinen Glauben schenken wollte, so sprengten zwei Bitter
auf schnellen Bonnern auf der Strasse nach München zu, um den
wahren Sachyerhalt zu erkunden. Unterwegs trafen sie auf Leute, die
ihnen erzählten, sie hätten in München königliche Herolde den Sieg
ausrufen hören. Sie wandten daher sofort ihre Bosse und bestätigten
den Ihrigen die Wahrheit des zu ihnen gedrungenen Gerüchtes. Tief
erschüttert yon diesem traurigen Ausgang, aber yerwundert, dass der
') Nicht erst Tag« darauf, wie Riezler 1. a 888 will. Die Gefangenen brachte
man am nächsten Tage in das Lager bei Oetting. 8. Deutsche Chronik.
*) Matth. Neob. 1. c. 198; Chron. de gest. princ 1. c 62.
*) Forsch z. d. Gesch. IV, 98. Die herangesogene Urkunde ist doch wohl
auf dem Schlachtfelde ausgestellt
*] Chron. de gest. princ: Porro das Leupoldus volens fratribns suis ferre
presidium ad eos quantodus properat.
13*
196 Dobenecker.
ge&ngene Konig noch am Leben sei^), braeli hierauf Leopold mitten
in der Nacht sein Lager ab und kehrte auf demselben Wege, den er
gekommen, nach Schwaben zurück. In Brand gesteckte Wohnungen
beleuchteten seinen Rückzug^).
Somit war für Ludwig alle Gefahr beseitigt Der Erfolg dieser
Schlacht war ein unerwarteter und bedeutender, denn er sicherte dem
Baier die Krone und entriss dem habsburgischen Hause die Führer-
schaft im Beiche. Die Niederlage des Feindes war eine yollkommene;
mehr denn 4000 Bitter bedeckten nach Giovanni Villani^) mit ihren
Leichen das Schlachtfeld, und über 6000 Bosse sollen getödtet worden sein.
Auf bairischer Seite sollen 1100 Mann und 8000 Bosse gefallen sein^);
die Ungarn allein 2000 Mann, die übrigen auf österreichischer Seite
kampfenden Schaaren 1500 Mann verloren haben^). Ausserdem waren
1400 Edele in bairische Gefangenschaft gerathen^).
Seit langer Zeit war in Deutschland keine so gewaltige Sdilacht
geschlagen, kein so herrlicher Sieg errungen worden 7). Der Buhm des
Siegers von Gammelsdorf war in erhöhtem Masse wieder hergestellt
Je grösser für Baiem die Gefahr gewesen, desto lauter erscholl naeh
dem errungenen Siege der Jubel und die Freude im lützelburgischen
Lager. Die Entscheidungsschlacht, die man so oft herbeigewünscht,
war endlich geschlagen, der Sieg durch die Gefangennahme des Qe-
genkönigs so glänzend, dass Friede und Buhe auf einmal dem Beiche
wiedergegeben zu sein schienen. Kein Wunder daher, dass diese
Schlacht von der geschäftigen Phantasie in einen reichen Sagenkreis
«) Matth. Neob. 1. c 198.
*) DurchaaA entstellt im Chron. Samp. ; Chron. de gestis princ L c. 62— 68 ;
Johannes Vitodiiranus b. Eccard, corpus bist, medii aevi tom. L .
*) La quule battaglia . . . fu si aspra et si dura, che piu di 4 milla huomini
combattitori a oavallo vi furono morti tra dall' una parte et dair altra. Et piu di
6 mila cavalli morti. *) Petr. Zitt. L c. 419; M. G. SS. IX, 822 f.
*) Job. Yitoduranus: Quo ad mille viros et quingentos et multi Ungari ex
parte Friderici occisi fuerant cum pluribus aliis; Giovanni Villani: Et quasi tutta
la gente del Re Federigo rimasero tra morti et presi, infra quali rimasero piu
di 2 mila cavalieri Ungari, che Carlo Umberto Be d^Ungaria bavea mandati in
ajuto del detto Be Federigo suo parente.
«) Petr. Zitt. 1. c 420 mille quadringenti viri nobiles capti sunt; Chron. de
ducibus Bav. 1. c. 141 giebt 1800 an; Annal. Mais. 1. c. 828; Cent. Can. S. Radb.
Sallsb. 1. c. 828: 1160.
7) Bezeichnend die Einleitung zum Sdilachtbericht in den Annal. Mats., die
sich keineswegs durch Phrasenreichtum auszeichnen: Jesus Christus cordibus in-
oogitabilis, omnibus Unguis inedidbilis, universis nova stupenda et nostris tem-
poribuB inaudita miro opere complevit in patria; ut hec progenies a progenie
perhenni recordetur memorie, pro posse conor studiosus hac carta subaoribere.
Die Schlacht bei MOhldorf und Ober das Fragment einer Osten* Chronik. 197
gehüQt wurde, der im Laufe der Jahrhunderte das ThatsSchUche mehr
und mehr verdunkelt hat^). Wer kennt nicht die ansprechenden Sagen
TOB Albrecht Sindsmaul, »dem khüemaul', Konrad Baibrun, den
H&ichener Sauerbackem, Plichta von Zirotin, den tapferen Traut-
mamisdorfem, Tornehmlich aber Sifrid dem Schwepfermann, der aus-
geprägtesten Figur unter allen?
Sicherlich entsprach der Stimmung des bairischen Lagers und
bairischen Volkes, das 7 Jahre lang unter der wüthenden Kriegsfurie
geaeu&t, die jubelnde Freude, in die der Verfasser der phrasenreichen
Vita LudoTid IV. imp. ausbricht: «Welch eine Freude ist uns wider-
&hren. Jetzt ist Frieden und Eintracht gestiftet filr alle Zeiten. Grosse
Freude herrscht im Volk. ' TJm so niedergeschlagener zeigte sich aber
die habsburgische Farteii besonders Leopold^). «Qrosse Trauer herrscht
in Oesterreich ', schreibt der Chronist'), «die Stimme des Schmerzes
ertont in Steiermark, Schwaben zeigt ein trauriges Gesicht*
Am Morgen nach der Schlacht hielt Ludwig mit seinen Herren
bei Oetting Bath und beschloss seinen Gefangenen über Begensburg
nach der Veste Trausnitz zu führen^). Von Oetting zog er dann nach
Norden^). Am 1. October stellte er bereits zu Begensburg, wo man
ihn mit lautem Jubel empfangen hatte ^), eine Urkunde aus^. Seine
erste Sorge war hier, die Dienste seiner Bundesgenossen zu belohnen,
ihnen den erlittenen Schaden zu ersetzen und sie yon neuem an seine
Fahne zu fesseln. Beichsgüter, PriTilegien und Begalien wurden in
Massen yerliehen. Am besten wurde entsprechend seinen Verdiensten
Johann Ton Böhmen bedacht^. Neben grossen Belohnungen wurden
üun Heinrich von Gestenreich '), der höchste Gefangene nächst dem
Könige, und alle Ge&ngenen, die er in der Schlacht gemacht, über-
geben, wie denn überhaupt die gefangenen Herren, die nur gegen
hohes Lösegeld ihre Freiheit erkaufen konnten, ein yorzügliches Mittel
*) S. Pfannen Bohmid Forsch. ILI, 76—82 und den Anhang »Sifrid der
Schwepffeimann, der angebliche Sieger in der Schlacht bei MOhldorf* ebend.
8S— 104. Dazu Forsch. IV, 79—81, 97; Riezler 1. c. 840.
*) Matth. Neob. Lc 108. Lüpoldus autem, hec intelligens, dolenter recessit«
-~ LüpolduB autem veniens Basileam, milidam oonvoca^t. Congregati autem no-
blies ntrinsqne sexus LQpoldnm chorisare et iocundari, quantam poterant, com-
polenuit. At illa fedt omnia absque riau. >) IL G. SS. IX, 828.
*) Deutsche Chronik. ») Pfei£Fer, Gennania XU, 78.
*) Boehmer, Fontes I, 155.
») Boehmer, Reg. S 28 n. 470, 478; S. 187 n. 5S ; S. 28 n. 476; S. 187
n. 55; 8. 885 n. 491 (Petr. Zitt. 1. o. 421); S. 28 n. 477; Add. III. S. 864 n.
8198; Add. L S. 278 n. 2G54, n. 2668; 8. 28 n. 474 und 475.
•) Chron. de gesi princ. 1. c. 62, wo jedenfalls : Heinriciim vero juniorem
dncem Austrie dedit regi Bohemie pro munere donativo au lesen ist
198 Döbenecker.
filr Ludwig boten, die Dienste seiner Anhänger zu belohneoi und sei-
nen Soldversprechungen nachzukommen^). So wurden namentlich Hein-
rich von Niederbaiem mehrere höhere Adelige zugewiesen*), und wie-
derum fällten sich wie nach der Sehlacht von Gammelsdorf die Bür-
gen der bairischen Herren mit österreichischen 6e&ngenen. Die Haapt-
beute jedoch, den Qegenkönig, behielt Ludwig für sich. Er führte ihn
nach der Burg Trausnitz und stellte ihn unter die Obhut des Vitz-
timi Weiglin"). Beich bedacht wurden ferner Friedrich von Nürnberg*)
und der tapfere Bannerträger Ludwigs, Konrad von Schlüsselberg*).
Bevor dann die verbündeten Sieger auseinander giengen, erneuten
sie zu Begensburg ihr Schutz- und Trutzbündnis, um neue Angriffe
der österreichischen Herzoge abweisen zu können und zu verhindern,
dass durch Entzweiung die Früchte dieses grossen Sieges von Mühldorf
wieder verloren giengen.
lieber das Fragment einer österreicMsolien Chronik.
Die vortreffliche Darstellung, die man als „Streit zu Mühldorf''
bezeichnet hat, scheint sich bereits im Mittelalter eines lebhaften In-
teresses seitens derjenigen erfreut zu haben, welche das Bedürfnis
empfanden, mit vaterländischer Geschichte sich eingehender zu be-
schäftigen. Die verhältnismässig grosse Anzahl der Handschriften kann
als Beweis dafür dienen, wenn auch der Umstand ihre Yervielfiltigcuig
wesentlich befordert haben mag, dass sie in Verbindung mit werth-
vollen, die österreichische Landesgeschichte betreffenden QueUen auf-
tritt, mit denen sie von Handschrift zu Handschrift übertragen wor-
den ist. Der erste, der eine Fublication dieser Quelle veranstaltete,
war Hieronymus Pez®), der bereits die Vorzüge und den historischen
Werth dieser lebhaften Schilderung erkannte, leider aber nur den
fehlerhaften Text der Klostemeuburger Hs. n. 691 zu Grunde legen
konnte').
') Pfeiffer, Germania XII, 7S »und di andern sein herren die würden alle
beschatzt von chünicli Ludweiges helfaem und dienaern.* Matih. Neob. I.e. 198.
*) Chron. de gest. princ. I. c. 62
») Deutsche Chronik, Chron. de gest. princ. 1. c. 62, Chron. de ducib. Bav.
1. c. 141. Falsch bei Petr. Zitt. 1. c. 420 »et ibidem vinctdis mandpatar. '
*) Boehmer, Reg. S. 29 n. 48S, 488; S. 87 n. 629 u. a.
>) Boehmer, Reg. S. 28 n. 472; Add. III, n. S251 ; S. S7 n. 627 und 607.
«) Pez, Scriptoree RR. AA. I, 1002 f.
7) Archiv der Gesellschaft fllr ältere deutsche Geschichtskunde, X, 598.
Die Schlflcht b6i Mühldorf und über da« Fragment einer österr. Chronik. 199
Einen etwas besseren Text fand Adrian Bauch in der Hs. Bec.
1548 der Wiener Hofbibliothek, jetzt 3399^).
Die 3. Ausgabe veranstaltete Boehmer auf Grund der Hs. n. 352
der Wiener Hofbibliothek, ehemals Sal. zl 416^), der ältesten unter
den uns bekannten Handschriften*).
Die drei bisher genannten Ausgaben beruhen auf Handschriften,
die, wie spater gezeigt werden wird, in directem Zusammenhang stehen.
Dagegen edierte 1853 Dr. Zeibig aus einer von ihm nicht naher an-
gegebenen Elostemeuburger Handschrift einen Text, der zwar im
w^ntlichen fast wortlich mit dem der erwähnten Ausgaben überein-
stimmt, doch um yieles inhaltreicher ist^). lieber diesen Funkt, wie
über das Yerhältnis der Handschriften ist bis jetzt noch nicht gehan-
delt worden. Boehmer, F&nnenschmid^), ▼. Weech«) und Lorenz')
geben nur kurze, unzureichende und theilweise unrichtige Bemerkungen.
Erhalten ist uns die in Frage stehende Quelle, soweit bekannt,
in 14 Handschriften^), unter denen zwei besonders hervortreten:
Wiener Hofbibliothek n. 352, ehemals Salisb. 416 s. XIV. und
Wiener Hofbibliothek n. 3445 s. XY., an die sich die übrigen zwölf
Handschriften mehr oder weniger anschliessen, wodurch sich zwei be-
stimmte Gruppen der Handschriften ergeben, die zwei in ihrem um-
fang Ton einander abweichende Bedaetionen der QueHen darstellen.
Um die Hs. n. 352 der Wiener Hofbibliothek gruppieren sich 8 Hs.
nnd bilden mit n. 352 die Bed. I., wahrend sich an Hs. n. 3445 der
Wiener Hofbibliothek direct oder indirect 4 Hs. anschliessen und mit
jener die Eted. II. repräsentieren.
Es ist von Wichtigkeit zu erfahren, wie sich im einzelnen die
Handschriften innerhalb jeder der beiden Gruppen zu einander ver-
») Raacb, BR. AA. SS. II, 809—812. v. Weech, Forsch, z. deutsch. Gesch.
IV, 85 l&Bst diese Ausgabe unerwähnt.
») Boehmer^FontesI, 161— 164. XVllI, 161 u. 164 nennt er die Hs Sal. 614. S.
d^gen Tabulae codicum manuscriptorum in bibl. palat. Yindobonensi I, 50.
•) Was die von Tb. 6. y. Earaian verfertigte und bei Boehmer 1. c. I,
164—166 abgedruckte Verbesserung des Textes dieser Handschrifb anbelangt, so
mag sie vom sprachwissenschaftlichen Standpunkte gerechtfertigt erscheinen ; da-
gegen mOssen Conjecturen wie des handschriftlichen »di Tsent* in »diu Iser*
(8. 164, Z. 9 v. u.), ,ze Ainzigen* in .ae Ampfingen« (S. 165, Z. 9), ,un«tetlichen«
in »staeteclichen* (S. 165, Z. 12 v. u.), ,auf einem lou£fer< in »uf einem luze* als
Qumotiviert asurQckgewiesen werden.
*) Archiv f&r Kunde österr. Gesch.-Qu. [X, 862-865.
*) Forsch, zur deutsch. Gesch. III, 45, Anm. 1. ") Ib. IV, 85 — 88.
^ Deutschlands Geschichts Qu. im Mittelalter I, 218.
") Lorenz L c erwähnt nur 5 Hs, : die M&nchener, 2 Wiener und 2 Eloster-
neuburger. Boehmer kennt nur 4, Pfannenschmid 6.
200 Dobenecker.
halten und in welchem Yerhältnis die beiden Bedactionen za ^nander
stehen.
Wir sehen dabei zunächst von der Frage, wie die Quelle entstan-
den ist, ab, bemerken aber im voraus, daas die Frage nach dem ge-
genseitigen Yerhältnis der beiden Bedactionen Ton der Frage nach
der Entstehung streng geschieden werden muss.
Sedaction I. ist uns überliefert in:
1. Wiener Hofbibl. n. 352i), ehemals SaL 416, s. XIII.— XVI.
Diese Hs. enthalt eine beträchtliche Anzahl werthvoUer Chroniken^
Annalen und Urkunden, yon denen folgende, die über das Abhängig-
keitsverhältnis unserer Codices einige Anhaltspunkte geben, Erwähnung
finden sollen:
f. 20 b^innt die ältere Hs. s. XIII ex. mit Honorius und der
series pontificum Bomanorum, an die sich die Annales Mellicenses mit
ihren verschiedenen Fortsetzungen^) anschliessen. Nach mehreren Ur-
kimden beginnt mit f. 76^ die Memoria ducum defunctorum ab a.
1291—1344;
f. 106 Hirzelins Gedicht über die Schlacht bei Göllheim a. 1298 und
f. 108 der von einem Gleichzeitigen geschriebene Bericht, welcher
Gegenstand dieser Untersuchung ist Er beginnt mit den Worten:
A. D. 1822 feria 2 post Mich, proxima Do lat man wizzen .und endet
wart chunig Fridreich ledig*).
2. Wolfenbütteler Bibl. Hs. n. 1007 s. XIV*). Nach gütiger
Mittheilung des Herrn Oberbibliothekar Prof. Dr. v. Heinemann die
aus Wien stammende^) Fergamenthandschrift Codex Guelferbytanus
1007 Hehnst. (ehemals J 4to. 15) s. XIV.
Nach verschiedenen Urkunden, kurzen Annalen, den Privilegien
des Schottenklosters zu Wien, einem Auszug der Annales Mellicenses
bis 955 und einigen Legenden folgt foL 105 die Fortsetzung der
») Archiv der G. f. ä. d. G. X, 560, VIII, 644 ; Tabulae codd. mse. in bibl.
palat. Vindob. I. 50. ») M. G. SS. IX, 608 - 722.
*) Daraus Boehmer, Fontes I, 161. Das Datum der Schlacht giebt er irr-
thümlich als 22. Sept. 1S22 an. Eine Revision des Boehmer^schen Textes nach
Hs. C52 f. 108a (= B. 108^) — nol> (incl.), wie ich sie durch Vermittlung des
Herrn Prof. MQhlbacher Herrn Skodlar in Wien verdanke, zeiget in diesem Teste
folgende Ungenauigkeiten : Ad p. 161 Z. 1 muss bemerkt werden, dass der An-
fangsbuchstabe ,D' in der Hs. fehlt: o lat man . . . Für »Trawteiniht* (p. 164
Z. 4), das Boehmer selbst beanstandet, steht in der Hs. richtig »Trawseiniht*.
*) N. A. Bd. VII, 187 - 14^.
^) Sie gehörte Johannes Alexander Brassicanus, Professor an der Universität
Wien (t 15S9).
Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragment einer österr. Chronik. 201
Annales Anstriacae, abereinstimmend mit Wiener HofbibL 352. In die
zu Wien hinzugef>e Cont. Yindob. bis 1327 ist ad 1322 Hirzelinä
Gedicht und unsere Quelle eingeschoben. Der Text dieser Handschrift,
Yon der ich der Güte des Herrn Prof. t. Heinemann eine Abschrift
Terdanke, liest sich an manchen Stellen besser als Hs. 352, ist aber
im allgemeinen eine fehlerhafte Abschrift yon 352 1), wie auch aus
einer Yergleichung der übrigen Stücke der Handschrift herrorgehL
3. Wiener HofbibL n. 3422«) (früher bist. prof. 497) aus
Fürstenzell. 20. f. s. XIV. ex. s. s. XV. — Fol. !•— 10^ Klostemeu-
borger Annalen Ton 928 — 1300 mit der memoria ducum defimctorum,
ein Auszug aus SaL 416; fol. 11^ — 12* ,Hie ist ze merchen dez edeln
chünigs streit chünig Friedreichs chunig Albrechts sun und ist ge-
schehen in dem jar . . . .•; foL 12» — 18^ Annales Glaustroneob. a.
1324—1386.
üeber die Zeit der Entstehung dieses Codex herrschen verschie-
dene Meinungen*). Seinen Inhalt entnahm er direct oder indirect aus Hs.
n. 352'). Die dialektischen Abweichungen^) sind bedeutend und wür-
den, wollte man sie insgesammt angeben, eine Abschrift nöthig ma-
chen. Da es im Mittelhochdeutschen eine einheitliche Literatursprache
nicht gegeben hat^), die deutsche Literatur des Mittelalters vielmehr
^) Eine Collation beider Handechriften ergiebt neben verschiedenen Schreib-
fehlem, mehrfachen Umstellungen, Auslassung und andererseits Einschiebung den
Sinn nicht ändernder Worte folgende erwähnenswerthe Abweichungen in Hs.
1007: Ad p. 161 Z. 7. für »wand* Coordination durch »und«. Z. 20 »heyzzet di
Ysent: hayzzer dew Yser*. — p. 162 Z. 1 fehlt »van dem Reyn*. Z. 18 »ze Ain-
zigen: tzaintigen«. Z. 19 f&r »der Ulrich« richtig »her ülreich«, »her* vor »Hein-
reich« fehlt. Z 24 »daz er den streit nicht lenger wolt aufschieben swie ez im
ergieng«. Z. 29 fÄr »her Heinrich« falsch: »hem Hainreichs pmder«. — p. 168
Z. 2—8 »daz nie dehain chuener man in dem streit gesehn wart«. Z. 19 »und
der marschalich: und aach der egenante Marschalch«. Z 24 weicht 1007 von 852
und allen Übrigen Hs. ab: »dew da leit underhalb Regenspurch auf einem wazzer
li&izzent di Ayttrach« (fftllt unterhalb Straubing in die Donau). Z. 81 »von
Ehbach: yon Erelbach«, »und sein sun zwen auzerbelt degen : und sein zwen sun
aozerwelter degen zwen«. — p. 164Z. 8 »die« richtig in »sew« verwandelt. Z. 4
•zogt: zogten — Trausenicht«. Z. 6 »rat prior van Maurbach: Rat des Prior ze
den Zeiten yon Maurbach«. Z. 8 fehlt »ze lanssen«.
*) Archiy der G. f. ft. d. G. X, 471, 598. M. G. SS. IX, 607. Tabulae oodd.
mss. in bibl. palat. Yindob. 11, 287.
») Archiv der Ges. f. ä. d. G. 10, 471.
*) Das Material zu Collationen der betreffenden Handschriften der Wiener
HofbibL verdanke ich der Güte des Herrn Prof. Mühlbacher in Wien, der die
Collationen zumTheil selbst fertigte, zumTheil durch Herrn Skodlar fertigen liess.
^ Franz Pfeiffer, Ueber Wesen und Bildung der höfischen Sprache in mhd.
Zeit, und Paul, Gab es eine mittelhochdeutsche Schriftsprache?
202 bobenecker.
dialektisch gegliedert ist, indem sieh ein Jeder, der schrieb, seines
Dialektes bediente, so übertrug auch jeder Abschreiber dieses Stück
in seinen Dialekt oder seine Locabprache.
Die Abschrift ist flüchtig und sorglos gefertigt^). Eigenthümlich
ist ihr die oben angegebene TJeberschrift, auf die wir weiter unten
zurückkommen werden.
In naher Beziehung zu dieser Handschrift steht:
4. Die Klosterneuburger Hs. n. 691') eh. Sie enthalt neben
anderen Stücken:
«Cronica ducum Austrieb)* (a. 92$ — 1386), d.h. die schon mehr-
mals erwähnten Klosterneuburger Annalen, die sog. memoria ducum
defiinctorum und die Zwettler Fortsetzung der Klosterneuburger An-
nalen. Fol. 148 ,Der Streit bei Müldorf^).
Wenn Wattenbach (Archiv X, 593) vermuthet, dassCronica ducum
Austrie auf Hs. 3422 oder 3412 der Wiener Hofbibl. zurückgehe, so
bestätigt dies für unsere Quelle eine Vergleichung der Collationen
zwischen 3422 mitBoehmer einerseits undPez mit Boehmer'"^) anderer-
seits. Die Klosterneuburger Hs. n. 691 ist demnach eine nicht fehler-
freie^ Abschrift der Hs. n. 3422.
') Von sachlichen Differenzen zwischen Hs. o5S und Hp. S422 sind hervor-
zuheben: »Ad p. 161 Z. 20 ,heyzzet diTsent: haizzet etc.* — p. 162 Z. 2 fehlt
,anz chomen*. Z. 18 »ze Ainzigen likunt: zainzigen likchund*. Z. 19 »herUlreich*.
Z. 25 nach »roten* steht «panier*. Das Auge des Schreibers verirrte sich wahr-
scheinlich auf die folgende Zeile. Z. S2 ,dy die*. — p. 168 Z. S fehlt »choum*.
Z. 10 »in: von*. Z 18 fehlt »dieherren*, ebenso »und*. Z. 20 »Goldeker: Gold-
ekcher*. Z. 21 »Oettingen: Oetting*. Z. 25 richtig »auffeinem*. Z. 26 fehlt »die«
vor Nab. Z. 27 »gevanger: gevangen*. Z. 28 »do: daz*. Z. C2 »Purchart van
Elrbach: Purchard von Elipach*. Z. 85 fehlt »eines*. — p. 164 Z. 8 »die: ai«
Z. 8 »ledig: ledig etc.*
>) Archiv der Ges f. ä. d. G. X, 598; VI, 186; M. G. SS. IX, 606.
•) Pez SS. RR. AA. I, 974. «) Ib. I, 1002 f.
t) Eine Collation der Hs. 832 mit Pez ergiebt folgende erwähnenswerthe
Abweichungen: Ad p. 161 Z. 1 »des: dem*. Z. 11 »herschraft: herschafft*. Z. IS
»fluchtiger: fluchtig*. Z. 15 »paidenthalben: paiderhalber*. Z. 16 »Dez ertages
an Band Michels abent: des Eritag an Sandt Michelstag abendt*. Z. 19 »kykel-
vehenwyse: Eikeluehen wisen*. Z. 20 »heyzzet di Tsent: baist Empfing etc.* —
p. 162 Z. 2 fehlt »auz chomen*. Z 7 »und het: und hietten.* Z. 18 »ze Ain-
zigen likunt: zainczingliokchundt*. Z. 19 »Herr ülerich*. Z. 25 steht nach »roten*
»pannier*. Z. 84 »der van Payren: der Bair*. — p. 168 Z. 8 fehlt »choum*. Z.
6 fehlt »dennoch mer die alle gesichert beten*. Z. 8 »des vorgenanten: vor den
vorgenannten*. Z. 10 »in: von*. Z. 18 fehlt »die herren* und »und*. Z. 25 »auf
deinem: auffeinen*. Z. 25 »gevanger: gevangen*. Z. 82 »Herr Purckgraff von
Elipach*. Z. 85 fehlt »eines*. — p. 164 Z. S »die: sie*. Z. 8 fehlt »ze laussen.«
') Schon Pez I, 978: Is (codex) ab ezscriptore quodam imperito multis
maxime ad notas chironicas mendis respersus et faedatus.
Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragment einer öBterr. Chronik. 203
Wann nnd Ton wem diese gefertigt wurde, ist nicht zu ersehen 0«
5. Wiener Hofbibl. Hs, n. 3412«) (hist prof. 536), früher
454 cL s. XIV. et XV. 317 f.
133» — 156». Annales Zwetlenses, wie 3422 ein Auszug aus Hs.
352. Der Text ist nach Wattenbach noch schlechter als in 3422, doch
nicht daraus abgeschrieben. Die Angabe bei Wattenba^h, dass der
Codex ausser den ZwetÜer Annalen noch die Memoria ducum defiinc-
torom und unsere Quelle enthalte, wird durch die Tabulae oodd. mss.
in bibL palat Vindob. nicht bestätigt Bichtig ist, dass diese Hs. be-
reits Bauch Torgelegen hat, doch hat er das Stück nicht aus ihr ab-
gedruckt, wie Wattenbach behauptet. Vielmehr hat er Hs. n. 3399 der
Wiener Hofbibl. (Bec. 1548) und die in Frage stehende Hs. in der
Weise benutzt'), dass er 3399 seinem Drucke zu Grunde legte und
ans 3412 nur das aufnahm, was diese Neues und Ergänzendes bot,
<L L die bei Bauch SS. rer. Austr. 11. 313 gedruckten Annales Zwet-
lenses. ünsem Bericht hat er aus 3399 entnommen.
6. Wiener HofbibL Hs. n. 525*) (Bec. 3101) f. 27. 4o. s. XIV.
Diese Handschnft enthalt:
Annales Claustroneoburgenses (ab a. 928) et GlarayaUenses nebst
der Memoria ducum defunctorum und f. 17 — 19 den Streit Die üeber-
schrift, als rubrica mit rother Tinte geschrieben, lautet: „Hie ist ze
merchen des edln chunigs streit {| chunig Fridreichs, chunich Albrechtz
snn. 11 Anno domini MOOCXXH. feria IL post Michaelem |{ proxima.
Die Abweichungen dieser Hs. Yon 352 sind unbedeutend^). Die
*) Pez achreibt: Ib codex saecalnm dedmnm quintnm non eicedit Jeden-
falls kann man Boehmer, Fontes I. XVill, der ihn in das Ende des XIV. Jahrh.
▼enetzt, nicht beistimmen. Seine Annahme beruht wahrscheinlich auf einer Ver-
wechslong der bei Pez I, 758 Aber das Werk Johannis Vict gemachten Bemer-
kung, durch die sich auch Lorenz 1. c. 218, Anm. 1 hat irre machen lassen«
I, 754 schreibt er ausdrücklich Ton dem in Klostemeuburg befindlichen Codex:
Maouscriptum hunc codioem . . . una eademque saeculi dedmi quinti (ut videtur)
manus exaravit.
*) Archiv der Ges. f. ft. d. 6 X, 471 f. und Tabulae codd. mss. in bibl. paL
Viadob n, 281.
") Ranch II, 210 f.: Itaqne ne lectoribus emditis eandem rem repetitis Tici-
bus obtniderem, ambo chronica (sc SS99 et S412) ita conjungenda erant, ut Ano-
njmum (id est SS 99) integrum servarem, et ex Zwctlensi (id est S412) ea solum
retinerem, quae tanquam anterioris supplemento ex suo ingenio protulit.
*) Archiv der Ges. f. ä. d. G. X, 589 ; Tab. codd. mss. I, 89.
») p. 161 Z 20 »heyzzet die Ysent: heizzet Ysent*, »Peheym: Pechem*. —
p. 162 Z. 18 >ze Ainzigen likunt: zaiiaigm likund*. Z. 19 »der Ulrich: her Ul-
reich*. Z. 25 ist in der Handschrift nach »roten* ein Verweisungszeichen in
rother Tinte, am Rande rechts wiederholt mit dem Worte »panier*, das ebenfalls
mit roiher Tinte geschrieben ist. Z. 86 »in einem*. - p. 168 Z. 10 »in: von*.
204 Dobenecker.
Grundlage ist entweder 352 selbst oder eine Terhaltnismässig gute
Abschrift derselben, nach Wattenbach i) 3412. Die XJeberschrift dage-
gen und die Anm. zu 162 Z. 25 scheinen später und zwar aus 3422
hinzugeffigt zu sein. Ihre Entstehung fallt nach Wattenbach in das
8. XY., nach den Tab. codd. mss. in das s. XIY., was die Möglichkeit
offen liess, dass das Yerhältnis zu 3422 ein umgekehrtes wäre, ab wir
es oben annahmen.
7. Wiener HofbibL Hs. n. 83518) (Rec. 790) eh. s. XVIIL 476 f.
Fol 213^ 214^: ^Do that man wissen alle Leut — und wardt
König Fridrich ledig*, zwischen auf österreichische Geschichte bezüg-
lichen Chroniken.
Wattenbach hält diese Hs. f&r eine Abschrift von 3412; ihr In-
halt scheint aber auf eine directe Abstammung Ton 352 hinzuweisen.
8. Wiener Hofbibl. Hs. n. 3399^) (Rec. 1548) 401 f. s. XV.
et s. XVI.
338a_3ß3<' Annales Glaustroneoburgenses (a. 973—1327), zer-
fallend in:
a) Annalen von 973—1315, f. 338»- 378».
b) Hirzelins Gedicht*), 378—381.
c) Den Streit zu Mühldorf ^), f. 381 — 383, beginnend: Anno domini
MOCCXXn, feria secunda post Michael proxima. Do lat man
wizzen — chunig Fridreich ledig.
d) Notizen zu 1326 und 1327, f. 383».
Die Annales Claustroneob. mit Hirzelins Gedicht und unserer
Quelle sind nach Wattenbach früher geschrieben als die übrigen Stücke
Z. 11 nach fol. 18 Z. 27 »nennet* (=^B. p. 168 Z. 11) ist ein VerweiBung^zeichen
in blasser Tinte, welches am Räude rechts wiederholt ist, wobei steht: daz iat
der Ebers tan er, oder, wie Wattenbach hest, Ebers tarf er. Die letzten drei
Buchstaben sind fast ganz verwischt Die Randnote stammt wahrscheinlich aus
B. XY. Z. 16 nach foL 18 Z. 82 »wer* ist ebenfalls ein Verweisungszeichen in
blasser Tinte, am Schlüsse des Textes in der Mitte des unteren Randes wiederholt.
Dabei steht, ebenßills in blasser Tinte, »under herczog Lewpoltcz panyr, der
chunigs Frjdreichs prüder waz*. Es rührt diese Note jedenfalls von derselben
Hand her, von der die vorhergehende gemacht wurde und stammt aus einer Zeit,
wo die Erinnerung an Leopold nicht mehr lebendig war, ein Umstand, dem wir
die Kenntnis des Namens jenes Ritters verdanken. Z. 21 »Oettingen: Otting*.
Z. 25 »auff einem«. Z. 85 fehlt »eines«. ~ p. 164 Z. 8 »die: si«. Z. 7 »ledig«
ohne Zusatz. <) Archiv der Ges. f. ä. d. G. X, 589 ; M. G. SS. IX, 607.
•) Tab. codd. mss. V, 248 f
') Archiv der Ges. f. ä. d. G. X, 588 ; Tab. codd. mss. II, 277, mit ungenauer
Zeitangabe. *) a, b, c gedr. bei Rauch II, 21S— 812.
^) Tab. codd. mss. z&hlen ihn ungenau mit zu b. Hirzelins carmen reicht nur
bis f. 881. Ai'chiv X, 588 giebt nicht Alles an. Cf. Rauch II, 210.
Die Scblaclit bei Mühldorf und über das Fra^ent einer fteterr. Chronik. 205
der Handschrift, doch sicherlich nicht vor An£Etng des KV. JahrL^).
Sie sind eine schlechte Abschrift') von Wiener HofbibL 352; b), c)
und d) rühren nach Bauch yon einer anderen Hand s. XY. her als a).
9. Münchner k. Hof- und Staatsbibl. cod. Qerm. 817«)
foL 158 8. XV.
Diese Hs. war schon Bpiehmer'*) bekannt Herr Bezold in Mün-
chen, der sich freundlichst der Mühe untersog, eine Collation ihres
Textes mit dem Boehmer^schen vorzunehmen, erwähnt, dass der Ciodex
nach einer Vermuthung Schmellers aus dem Kloster Bebdorf ^) stamme
und wohl ganz s. XV. geschrieben sei Das Format ist Elein-Folio. Der
Band ist ein theils aus Papier, theüs aus Pergament bestehender
Sammelband, der in seinem ersten Theile allerhand Au&eichnungen ent-
halt FoL 153—154 folgt der in Bede stehende Text, f&nf Golumnen
Mend. Die Einleitungsworte lauten: Anno domini 1322 feria secunda
post Michaelem. Die Differenzen zwischen diesem Texte und der Hs.
352 sind gering^ Die Orthographie steht dem oberbairisch-österrei-
chischen Dialekte naher. Dass das Stück direct von 352 abgeschriehen
worden sei, lasst sich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Der An-
oahme, dass die Abschrift in Wien gefertigt sei, steht nichts entgegen.
DafQr spricht die Thatsache, dass darin Stücke enthalten sind, die auf
Oesterreich, speciell auf Wien, als ihren Entstehungsort hinweisen.
Al^^esehen yon fol. 127—129, der 1440 auf Perchtoldsdorf?) gegebe-
nen Urkunde, enthalt fpL 141 mehrere von zwei Händen in Wien
selbst eingetragene annalistische Notizen (a. 1404 — 1431). Dafür spricht
*) Bauch II, 210.
*) Von wesentlichen Abweichniigeii Ton S52 Bind zu nennen: Ad p. 161 Z.
n »ertages: Fritags*. Z. 20 »haisset dew Teer« für ,di Ysent«. — p. 162 Z. 15
>SQ dem waner: zu den wafPen*. Z. 19 »Her Ubreicb*. Z. 24 »wie es ym ergieng*.
Z.11 y.iL lehlt »Dietrich*. Z. 10 fehlt »die*. — p. 168 Z. 17 ▼. u. »gen Trawsein-
nicht«. Z. 16 »aufp einem wasser«. Z. U »gevanger: gefangen*. Z. 6 »wol ein
▼iertal ains lars.* Z. 8 »besampten: samten*. — p. 164 Z. 8 »die: sy*. Z. 5 fehlt
»dem*. Z. 9 fehlt »ze laussen*.
*) Catalogus codicum manuscriptoTum Bibliothecae Regiae Monaoenus tom. Y.
Die deutschen Handschriften, 45: Archiv der Ges. f. ä. d. 6. VII, 127.
«) Fontes I, XIX. *) Nach Boehmer aus Heiligenkreuz.
') p. 161 Z. 6 Y. n. »hejzzet di Ysent: hajsset di Nah*, wohl nur eine
Verwechselung mit p. 168 Z. 26. -^ p. 162 Z. 2 »her* auss chomen statt >het*.
Z. IS »zeaintzige* statt »ze Ainzigen*, wonach Boehmer l c. I, XIX zu eonigie-
renist. Z. 14 »do sj sich do nach einander zu dem wasser gelegten, das die here
wol an einander mochten gesehn*. — p. 168 Z. 6 fehlt »dennoch mer . . . gesichert
heten*. Z 25 »auf einem wass* statt »deinem*. Z26 »gevangen* für »gevanger*.
Z. 6 y. u. fehlt »eines*. — p. 164 Z. 8 »do wolten sy ze tal in payren gezogt
hftbn — gen Trawsennicht*. ') 1% Meile ssw. von Wien,
206 Dobenecker.
auch der Wien 1406 datierte » Bundbrief der Prelat und Herren^)*,
sowie „ der V erzeichbrief der Herzoge Leopold, Ernst und Friedrich auf
Oesterreich und das Land ob der Enns zu Gunsten Albrechts '^^ datiert
Wien 1404 3). Mit unserer Quelle ist wahrscheinlich auch der Brief
foL 148—152 und fol. 1^2 aus 352 auf cod. germ. 317 übertragen
worden.
Der Codex wäre somit von Wien zunächst nach Bebdorf oder
Heiligenkreuz gekommen und yon da später nach München.
Ueberblicken wir diese Untersuchung der Handschrifben von Bed. I.,
so ergeben sich folgende Besultate:
1. Nr. 352, ehemals SaL 416 ist die älteste unter den uns bekann-
ten Handschriften.
2. Wien ist der Entstehungsort fast sämtlicher Codices.
3. Unsere Quelle ist in den meisten (6) Handschriften zwischen die
Fortsetzung der Annales Claustroneob. ad a. 1322 eingeschoben.
4. Auf 352 sind alle übrigen Handschriften direct oder indirect zu-
rückzuführen.
Folgendes Schema möge das wahrscheinliche Abhängigkeitsver-
hältnis der Handschriften unter einander angeben:
W. H. 352.
j
Cod.Guelferb. W.H.3422;
W.H.3699. Münch. cod.
1007. s- XIV. s.XlV.ex.s. W.H.3412. s.XV. germ. 317.
8. XV.' 8. XIV. 8. XV.
I ' ^
KL-Nb. 691. W. H. 525. W. H 8351.
S.XV. S.XIV. s.xvm.
B.
Von Bedaction II. existieren, soweit uns bekannt geworden, fünf
Handschriften :
1. Klosterneuburger Handschrift*).
Bekannt wurde Bed. IL, wie schon erwähnt, durch Dr. Zeibig, der
den Text einer Klosterneuburger Handschrift entnahm, leider ohne uns
über Alter und Beschaffenheit derselben zu unterrichten, y. Weech
erhielt auf seine diesbezüglichen Anfragen bei der Verwaltung des
Klosterneuburger Archivs keine genügende Auskunft^). Gleichwohl wird
») fol. 154—155. «) fol. 166—156.
») Archiv für Kunde österr. Gesch-Qu. IX, 862—865.
*) Nach gütiger Mittheiiung des Herrn Probates Ubald KoatersitE von Klo-
stemeuburg stammen die von Zeibig im 9. Bd. des Archiv f. Kunde österr. G.-Qi).
IMe Schlaclit bei MQlüdorf und Über das Fragment einer 5sf err. Chronik. 207
es uns am Schlüsse dieses Abschnittes m^Uch sein, mit einiger Wahr-
scheinlichkeit aus anderweitigen Nachrichten Näheres über diesen Codex
anzugeben. Soviel geht aber schon aus dem ad Nr. 4 in Red. I. Be-
merkten hervor, dass die Annahme Lorenz*^), Zeibig könne aus der
Klosterneuburger Hs. s. XVL<), aus der die anderen mitgetheilten
Stflcke — soll doch wohl heissen bei Pez — seien, ediert haben, un-
möglich ist. Zeibig macht selbst diese Annahme durch seine Erklärung
in dem Vorworte illusorisch, dass sein Text vollständiger sei, als bei
tt Pez») SS. rer. Aust. I, 1000, d. h. eben als in der Hs. 691 s. XV.
Zeibig konnte seinen Text bereits mit einer zweiten Hs. der Red. ü.
collationieren, worüber er schreibt: „Eine Vei^leichung mit der Hs.
n. 8223 oUm Sal. 422 des 17. Jahrhunderts in der k. k. Hofbibliothek
ergab, dass der Inhalt wesentlich der gleiche, dagegen die Schreib-
weise der letzteren der Zeit, in welcher sie gemacht wurde, sich an-
bequemte.* Nur übersieht er dabei mehrere Abweichungen, von denen
schon Wattenbach einige hervorheben konnte^), und die weiter unten
Besprechung finden werden.
2. Wiener HofbibL Hs. n. 8223»), ehemals Sal. 422 eh. foL
s. XVn. 175 f.
Der Codex enthält: Johannis Yictoriensis . chron. Austriacum ab
a. 1215—1347. Nach fol. 166 „anno domini MOCCXLVI ind. 14 . . .
anno supradicto* folgt mit foL 167 anno domini MCOCXLYII ,,Dess
Pfinstags vor S. Cholmanstag starb Kayser Ludwig von Bäyrn* wie
bei Pez<) die deutsche Erzählung von Ludwigs Tode, dem Zustande im
Eeiche, dem Wüthen der Pest und der sich unmittelbar daran schliessen-
den Judenverfolgung. Unmittelbar an die Worte: „An dem Sontag —
schweren -- da wass das gnadenreich Jar, da gieng gross Yolck gehn
Bhom und die Eost war gar recht fiaiL* schUesst sich in der Hand-
schrift fol. 170 unsere Quelle^) an, beginnend mit den Worten: Hie
veröffentlichten »Beiträge zur österr. Gesch. aus dem Elosterneuburger Archive*,
imter diesen wahrscheinlich auch der »Streit zu Mühldorf*, aus einer vom ehemali-
gen k. k. HoÜEirchivar Freyaleben für das Stift erworbenen Sammlung, die aber nur
aas Copien, deren Originale kaum je im Stiftsarchiye waren, besteht. Ueber die
Sammlung, der auch das Copey-Buch der Stadt Wien entnommen ittt, ist nur ein
allgemeiner, aber kein specieller Index vorhanden und es muss einer späteren
Durcharbeitung vorbehalten bleiben, genaueres testzustellen. £. Mühlbacher.
1) 1. c 218 Anm. 1. *) Unsere Quelle, wie schon bemerkt, s. XY.
>) Die neueste Ausgabe Boehmer L, 161 war zu vergleichen.
«) Archiv für Kunde österr. aesch.-Qu. XIV, 10.
•) Tab. codd. mss. in bibi. palat Vindob. V, 827 ; Archiv der Ges. f. ä. d. G.
X. 562. ^ SS. ER. AA. I, 968.
7) Wahrscheinlich enthält auch Wiener Hofb. Nr. 8221 [Rec. 1607] eh. XYUI
2S7 f. dieselbe, tab. codd. mss. Y, 227.
208 Dobenecker.
hebt sich der Streitt von Eünig Fridrichen von Osterreich alss er ge-
fangen wardt; fol. 171. Anno domini MCOCXVIIL
Die Proyenienz ist nicht ersichtlich. Der Codex ist fast durchweg
ton einer Hand geschrieben. Durch die von Herrn Prof. Mühlbacher
gefertigte Gollation dieser Handschrift mit Zeibiga Texte sind wir in
den Stand gesetzt worden, den Text dieser Handschrift selbst herau-
stellen. Da wir indessen einen gleich guten, noch älteren Text gefan-
den haben, den wir, da er vollständiger ist als der Zeibigs, weiter
unten geben werden, so möge es hier genfigen darauf hinzuweisen,
dass die Abweichungen der Hs. 8223 von Zeibigs Text sehr bedeutend
sind^) und den Beweis liefern, dass 8223 nicht von der Elostemeu-
burger Handschrift abstammt. Gesichert werden alle ihre Zusätze, die
sie Zeibig gegenüber hat, durch die an dritter Stelle zu nennende:
3. Wiener Hofbibl. Hs. n. 84452) (Eec. 229) eh. XV. 310 f.
Sie enthält nach Genealogien der französischen Könige, der Her-
zoge von Lotharingien und von Brabant, den.AnnalesFrancorum, den
Frincipes Bohemiae und der Historia bohemica von Aeneas Silvius, dem
Ghron. Hungarorum und nach De alaudis in armis Austr. fol. 173<^ bis
306^> Joh. Victoriensis chron. ab a. 1215—1347, foL 307^—310* un-
seren Bericht und schliesst mit Notizen über Brände in Krems 1410
*) In der üeberscbrift fehlt »und ist geschehen* Archiv för Kunde Oslerr.
0e8ch.Qu. IX, S62 Z. 2 V. U. »zu allen Dingen und zu allen Zeiten*. —
— p. 868 Z. 2 fehlt »anno domini*. Z. 5 »auf der Gickelfehen biss bey
einem kleinen wasser heisst die Empfinge, da war könig Fridrich hinkommen.*
Z. 7 »die im seinen (!) Oeheim könig Earel von ungern geliehent hetten*. Z. 18
»und hett das zu eintzigen ligendt, daa kam . . .* Z. 20 »aneinder sahen, wol
prfiften*. Z. 21 »herrschafft*. Z. 27 »Dietmar* fQr »Dietrich*. Z. 81 fehlt »ir*.
2. 82 fehlt »alle*. Z. 88 fehlt »warn*. Z. 84 fehlt »rot*. Z. 40 »mitt haiden*.
Z. 44 »bey Ime*. — p. 864 Z. 1 »do* vor »stritten* fehlt — »behielt*. Z. S
»auch* fehlt. Z. 9 »maint — der hertzog* (»leupold* fehlt). Z. 10 »ritten die
beer an*. Z. 14 »herm all von Oesterreich*, »imd* fehlt Z. 16 »und sprach:
herr Ohem. ich sähe euch nie so gem. Da sprach der König Fridrich, Ich aahe
euch aber nie alss ungern.* Z. 20 »festung*. Z. 22 »ehrlich — yon streitt*. Z. 2S
fehlt »aller dinge*. Z. 24 »derselbigen*. Z.29 »Ellenbach*. Z. 86 »gehn Lauben
.... und seinem beer*; Wattenbach, Archiv f. E. ö. GeBch.-Qu. XIY, 10 liest
hier »Laubening*. Z 87 »raubt das wal*. — p. 865 Z. 1 »vor allen menschen*.
Z. 7 »gehn Augspurg, da alle fQrsten und herm*. Z. 10 fehlt »ee*. Z. 12 »füreten
und herm*. Z. 18 »reitt da vor zom davon*. Z. 14 »wann er von hertzog Hein-
rich von Oesterreich in dem streit gefangen wardt, der ward im da geantwortt
und den füert er.* Z. 17 »hueb sich der König auf und fhuer zu thaL* Z. 20
»dem Purggrafen wol vn Nümbergk erbarlich wol und ehrlichen*. Z. 22 »und
halfiP darnach dem Kajser mitt * — »Hier . . . ends* fehlt; dafür folgen zwei No-
'tizen über Brände in Krems 1410 und 1414 am Schlüsse der Handschrift.
>) Tab. codd. mss. in bibl. palat Yindob. II, 290.
Die Sclüacht bei Mühldorf und über das Fragment einer 5&terr. Chronik. 209
und 1414, genau wie in der vorherbeschriebenen Hs., &o dass 82^
entweder auf 3445 zurückzuführen ist, oder beide auf dieselbe Quelle
zoräckgehen.
In folgendem geben wir nach einer von Herrn Skodlar in Wien
gefertigten Abschrift den Wortlaut dieser Handschrifb, der inhaltreicher
ist als die bisher publicierten Texte:
Hye hebt sich an^) der streit von kunig Fridreichen von Oster- f. so?
reich, als er gevangen wart^).
Anno domini MCOCXYIU. In derselbigen zeyt wart kunig Frid-
reidi kunig Albrets sun von Born in khrieg erweit ze Komischen kunig
an ainem tail, und gegen im an dem andern tail^) sein ohem hertzog
Ludweig von Paim; und des macht vil der ungetreu bischoff von
Maintz; davon gross menig verdarb in Oberlandeix. Do fuer kunig
Fridreich manich grossen rais von Osterreich gen Paim und gen Sua-
ben zu dem Bein umb das kunigreich, imd wert das wol sechs iar,
das sy offt und dikh grosse herschafft auf das velde prachten, und
doch hertzog Ludweig- von Pairn und sein helfer kunig Johan von
Pehaäm von Lützelburkh, der sein helfer was zu allen dingen und zu
allen zeyten^) das velde fluchtig räumen muesten. Des waren si pai-
denthalben so lang in krieg, das jeder under in paiden kunig wolt sein
untzt des iars, das Qott des ein endt wolt geben, do man zeit nach
Christi gepurdt MCXXJXXn^). An sand Mihels abent wart ein gemes-
ner streit zwischen in paiden umb das reich in Paim oberthalben
Muldorff* auf der Oikeluehen wiss bey ainem klainen wasser, haisset
di Emphinge. Do was^) kunig Fridreich^) hin komen mit den lant-
herren von Osterreich, von Steir und auch mit Haiden und mit Un- f. 807'
gern, die im sein^) öhaim kunig Earel von Ungern geliehent het^).
Er het auch trost auf seines brueder hilff, hertzog Leupoldes, der ein
grossen macht von Suaben und von dem Bein auf daz velt prachi^
Der wart geirret, das die prueder zu einander nicht mochten, davon
das sich die lantherren von Osterreich so lang säumten durch des
rauben willen, das si nicht entzeit zu dem kunig komen; und auch
der kunig hinder im die pesten lantherren lassen het in Osterreich
und in Steir. Do man zusach^^) des nachtes, do man des morgens
1) ,an« fehlt in 8228.
>) Zeibig und ZwetÜer Hs. n. 59: »wart, und ist geschehen.*
«) Bis »tail« mit rother Tinte.
*) Zeibig u. n. 59: »der sein helffer was ze allen zeiten.*
*) Die Zahlzeidhen in rother Tinte. Z. »nach kristes gepurt anno domini
MCCCXXII«. •) »was* fehlt bei Z. und in n. 59.
T) Z. »Friderich von Österreich«. «) »seinen* 8445. *) »hetten* 8228.
'^) Z. ^do man dazu zusach*; 59: »Do man da zusach*.
MiUheüonceii, Erginzuiffsbd. L 14
210 Dobenecker.
yecten scholt, do het hertszog Ludweig yon Paim und konig Johan
von Pehaim, sein helfer, von allen landen zu einander pracht und auch
die durch aventeur und der Haiden wiUen dar komen warn; und des
was ein gross her und het das Zaintzigen^) ligunt Das khom da zu
einander kaum in vier tagen. Do si sich da nach einander zu dem
Wasser gelaitten, das die her an einander sahen, wol^) prüften das die
weisen herren Ton Osterreich, das sy überladen warden mit herschafft
Die giengen do zu dem bischoff Fridreichen Ton Saltzpurg und namen
den mit in und gaben kunig Fridreichen manigen weisen ratt, Diet-
f. 808 reich der marschalch von Pilichdor£^ Ulrich und Hainrich prueder Ton
Waise. Den wolt er nicht Tolgen und wolt nur streiten und sprach:
er biet als yil bitiben und waisen gemacht, das er der christenhait des
ein ende wolt machen, wie es im ergienge. Desselben nachtes rait
kunig Fridreich und Dietreich') von Pilichdorff under sein her von
huetten ze hutten zu allen seinen herm und mont si an ir treu und
sprach: ,Ir herren, ich traw eu wol, das yederman margen mit den
seinen ein pidermann sey, als ich und mein brueder hertzog Hainrich
des getraun und^) uns des gepunden seif Die sprachen^), si wolten
es all gern thuen, das laider nicht geschacL
Des margens frue an sand Mihels abent machten si sich auf
gegen den yon Paim und«) beraitt mit vier röten: Die erst^) ülreicli
und Hainrich, die brueder von Waise, under dem panier von Steir.
Die ander kunig Fridreich under des reiches panier. Di dritt hertzog
Hainrich von Osterreich sein brueder under dem panier Ton Oster-
reich, die (!) der marschalch von Pilichdorff fiiert. Die viert under dez
panier von Salczpurkh des werden bischoff Fridreich. Do het sich der
werder von Osterreich mit den Ungern und mit Haiden^) an ainen
perkh besunder gelegt
f. 808^ Do die her zu einander prachen, do hueb sich jamer und not.
Do vachten^) di herrn ettUch von Osterreich menleich, und strait auch
kunig Fridreich so ritterleich, das man im gab den preis, das in allem
dem streit nie pesser ritter gewesen wer und her^^) Hanns von Ehun-
ringe bey im^^). Do was gegen im geczogen kunig Johan von Pehaim
mit des panier von Pairn, wan der von Paim in den streit nie khom.
<) Z. »zeainzigen*, 8288 »zu eintzigen*, 8445 »zaintzigen*, 59 »zeainadgen
likung*. *) Z. und 59: »wohl (wol 59) gesehen mochten, prüften* (praefben 59).
*) »Dietmar* 8446. *) Z. u 59 richtig »und ir*.
») Z. u. 59: dy jähen »alle«, sy. •) Z. und »warn«.
') Z. u. 59: die erst »rot«. •) Z. u. 59: »mit den haiden«.
*) 8228 »föchte«, Z. u. 59 »vochten«. <<>) Daa h oorrigiert aus d.
**) Z. »pei rin«, 59 »und herr Hannss von Churinge pei im*.
Die Schlacht bei Mtlhldorf nnd über das Fragment einer österr. Chronik. 211
Er hielt do bey auff ainem lauffer in ainem plaben waffenrokh. Do
striten sy yestildicheii; do behalt^) kunig Fridreich den streit aller
ding nntzt auf essensEeyt, das si wol fdnf hundert man^) der pesten auf
die eid satsten, die all gesichert heten. Und was kunig ^) Johan von
Pehaim auf die erd pradit, das er lag des marschalchs ros Yon Pilich-
dorff under den fnessen. Dem wart auf geholfen von ainem namlosen
lierren in Ostenreich, den man doch wol erkhennet, wan oder wo man
in nennet^). DoTon der streit yerlom wart
Do daz alles ergie, do kom der purkgraff von Numberkh mit
ainem grossen her gueter ritterschaft geraster leut über das wasser
geisogen, das man mainat oder gedacht^), ^^ ^^ hertzog^) yon Swa-
ben xmd riten die her'') an. Und alle die gesichert heten, die prachen
allgeleicL Do fluhen di Ungern und die Haiden all, die kunig Frid-
reich dar pracht het auff den perg, und wart der streit auch domit f. 809
yerloin, also das kunig Fridreich ge&ngen wart und die herren all
yon Österreich^); das wert untzt auff di yesperzeit, do fürt man den
kunig Fridrdchen zu dem yon Pairn under ainen paum. Do empfie er
in und sprach: ^Her ohaim, ich sach^) ew nie so gem." Do sprach
der kunig Fridreich: «Ich sach ew aber nie als ungern ^o).* Domit
empfetten si in und fiirten in und den marschalch yon Pilichdorff auf
die yest gen Dorenberkh, des morgens gen Ottingen. Do wart der yon
Pairn zerat mit seinen herren, das er in fort durch B^enspurkh auf
die yest gen Trausennicht, die da leit auf dem wasser, haisset di Nah.
Do antwurt er in dem yitztum Weiglein, das er in do^^) in huet scholt
haben erleich, als er tet; doch het in der yon Pairn gesichert yon
dem^^) streit, do er gefangen wart, er solt leibs und guets^') sicher
sein. Do lag er gefangen dreu jar und drey tag.
In derselbigen zeit, do er geSEmgen läge, het sich hertzog Leu-
pold sein brueder gesambt mit grosser ritterschafft und wolt den bru-
der gerochen haben. Do legt sich der yon Pairn fiir das haus ze
Furgawe und lag do yor wol ein yiertal eins^^) jars, das er sein nicht
gewinnen mocht, wan in dem haus waz der erber herr Purkart yon
^ 59: ,do behabt«.
*) fehlt bei Z., in 59 nnd 8228. *) Z. u. 59 : »und was auch knnigk . . .*
^ In 8228, 59 nnd bei Z. »wan oder« weggelassen.
*) Das tberflflssige »oder gedacht« fehlt in 8228 und bei Z., 59: »das man
want«. ^ Z. u. 69: »herczog leupold« (Lenpold 59). ') Z. u. 59: »die das her«.
*) Z.n. 59: »die herm von osterreich all, und . . .« ') »ich sag sach« 8445.
'^ Z. nur das nny erst&ndliche : und sprach: »herr oham, ich sach über euch
nye so ungern.« ^^ fehlt in Z., 8228 und 59. ^*) Z. u. 59: »gnts aller dinge«.
^*) fehlt bei Z. und in 8228, 59: »ain yiertail iars«.
14*
212 Dobenecker.
Ellenbach*) und seiner suli zwen auserwelter degen; und heten da-
f. 809' rinne wol dreuhunderfc heim piderleut, die tagUehen abprachen dem
her ross und hengst an zaL Do hueb sieh hertzog Albreoht auf mit
erbem herren zu seinem brueder hertzog Leopolden; die besambten
sich mit einander mit ainer grossen macht und zugen für Pargow
und wolten das retten und verlobten sich mit dem von Pairn paident-
halben ains gemessen streits. Do man des morgens streiten^) solt
haben, do entran der von Pairn bei der nacht gen Lauhm*) in die
stat mit allem seinem her^) und raupt daz wal^) lesterleichen, und all
ir herwegen peliben da. Do khom hertzog Leopold an die selbig stat
und nam alles das, das er fant, und wolt mit selbiger macht in das
lande ge Pairn gezogt haben. Do bedacht sich der von Pairn und
rait zu dem kunig gen Trausennicht und vertaidingt sich mit Im
also^), das der kunig mit dem von Pairn aus der vankhnusse ge Mu-
nichen chomn und vertaidigten sich mit einander aller sach nadi ir
paider peichter rat des prior von Maurbach, der des kunigs peichtiger
was, und ains prior Augustiner orden, der des von Pairn peichtiger
was, also das sy paidenthalben allen iren rat varen Hessen und gien*
f. 810 gen ped zu einander zu den Minnern prudern zu Munichen ^ und
verainten sich gentzlich mit einander und giengen do her fiir und
swueren vor allen menschn auf gottes leichnam zu einander; do na-
mens ped ze stet unsers herren leichnam von dem herren*) prior von
Maurbach. Damit wart kunig Fridrich ledig.
Do enpat er seinem brueder hertzog Leopolden die mer, das er
ledig wer; der zoch do mit seinem her aus dem lande von Pairn. Do
pat der von Pairn einn hoff gen Augspurkh, do all herrn und fursten
zu einander khomen. Do wart geoffiiet, das kunig ^) Pridrich ledig
were und gab im den gewalt vor allen fiiersten, das er sich gewalti-
gen kunig schreiben scholt, also das er dem von Pairn das reich
inantwurten scholt, das er ee^^) inne het, und der von Pairn kaiser
sein scholt und scholt im des geholfen sein. Das was ettUchen fnrsten
und herrn zorn, das er also ledig ward^^) und sunderleichen kunig
*) Z.: »der erber herr, herr purchhart von elerbach«; 59: »here Purchhart
von Eierbach.*
«) 69: ,dez morgens gestrftn*.
>) Der erste Buchstabe undeutlich in 8446; He. 8228 bat »Lauben*; Zeibig:
»gen lawbing*; 69: »gen Lawbing*. Gemeint ist Lauingen.
*) Z.y 69 u. 8228 : »mit allem seinem volkh (volkcb 59) und (seinem 8228) her*.
") Z. u. 69 : rawmpt das veld wal lesterleich. «) also im 8445.
^ Z. : »daez muenchen*; 59: »zu München*.
•) fehlt bei Z. und in 59: »von dem prior von Mawrpach*.
•) Z. : » das es chunig«. *<0 fehlt in 8228. ") Z. : » was warn * ; 59 : , ledig was *.
Die Schlacht bei MtUddoif und Qber das Fragment einer österr. Chronik. 21$
Johan von Pehaim, der rait do vor aom da von^), wann er von*)
hertzog Hainrich von Osterreich in dem streit gefangen wardt. Der
wart im do geantwurt^) und den fiiert er^) mit im geu Pehaim auf
die vest gen Aiohoms^), den man von im ledigt umb XVI. tausent
markh silber. Do die richtung da geschach, do hueb sieh der kunig^)
anff und fner ze tal gen Österreich und nam den purkhgrafen von
NumberiEh mit im und ander erber herren. Do enpfie man in schon f. sio'
und erleich und gie mit dem kreuts gegen im. Do enpot er es dem
purkhgrafen wol von Nurnberkh^ erberich wol und erleichen und.
sant gen Trausennicht vitztum Weiglein seim wiert XV fueder wein.
Do belaib er in dem land zu Osterreich und half darnach^) dem
kaiser mit seiner macht, das er über das Partenpirig kom gewaltikh-
lichen gen Eome®) etc.
4. Zwettler Hs. n. 59, Papier 2« s. XIV— XV^«).
Sie ist, wie Herr Prof. Miiblbacher mittheilt, sehr schön geschrie-
ben, und zwar von einer Haud, nur dass von einer späteren Hand
bis über die Hälfte die Foliumbezeichnung hinzugefügt ist. Auf den
sogenannten Anonymus Leobiensis ab incarnatione domini folgt auf
dem fünftletzten beschriebenen Blatte das bei H. Pez SS. I, 9ti8 ge-
druckte deutsche Stück von derselben Hand, hier einige Zeilen mehr,
aber auch mitten im Satze (Do wart der Patriarche von Aglay dir-
stochen von) abbrechend; darauf (drittletztes Blatt, 2. Spalte) unmit-
telbar in der Mitte der Zeile anschliessend mit rother Tinte : Hie hebt
sich an der streit von kunig Frid. von Osterreich, als er gevangen
wart, und ist geschehen anno domini 1318.
Der Text dieser Hs. stimmt, von einigen Abweichungen, welche
beweisen, dass die Elosterneuburger Hs. eine Abschrift von 59 ist,
*) »der rait da von in Bom* Z. ; »davon in zom.*
*) »von hertsog* 8445; 69: »wann er herczogk Hainrich von Österreich in
dem streit gevangen und ingeantwürt wart und den er fürt mit im . . .*
■) »wart gevangen und ingeantwürt wart . .« Z. *) fehlt in 8446.
») »Aichams« Z. u. 59. •) 59 n. Z.: »sich chunig friderich« (Frid' 59).
^ Z. u. 59: »do enpat ers dem von Numberch (numberch Z.) gar erleich,
and sand gen Trauseniht« (traosenicht Z.).
") »und halfP ofEiendes dem chaiser* Z. ; »und half oftendes demohaiser* 59.
•) Z. : »Hier hat der streit ein ends*; 59 (roth): »Hie hat der streit ein endt«.
") AzefaiY der Ges. f. a. d. Gesch. VUl, 725; X, eng. Die Beschreibung der
Hb. nnd die Gollation ihres Textes mit 8445 verdanke ich der Güte des Herrn
PJrot Dr. E. Möhlbacher.
**) smb II, 4 sehreibt Fräst »ad electionem Ludovici Bavariae et Phüippi
Anstriae ducis«, ebenso »Dissentio Ludovici et Phüippi* für »Friderid«.
214 Dobenecker.
abgesehen, Yolkl&idig mit geringen Ausnahmen sogar betrefi der
Orthographie mit Zeibigs Texte überein ^).
5. Bibl. Palat n. 971 chart. in foL anni 1508«).
Unsere Kenntnis dieser Handschrift des Vatikans stützt sich nur
auf Pertz' Angaben^). Hiemach wurde der Codex 1508 Ton Bruder
Nicolaus Numan aus Frankfurt, Ganonicus in Frankenthal, geschrie-
ben^) und war Eigenthum des Kurfürsten Ludwig Ton der Pfigdz.
üeberschrieben ist der Band: «Ghronicon a Christo nato usque ad a.
1344* und enthalt dieselben Werke, wie die yorhei^enannte Hand-
schrift. PoL 203'— 205' ist unser Text überliefert, beginnend mit den
Worten: ,Hie hebt sich der strijt Ton konick frederich von Osterich,
als er gefangen warth. Anno domini 1318. In derselben ziit wart
konig frederich konig Albrecht sone yon rom in krieg erweit zu
romeschem konig *^ u. s. f. Der Schluss lautet: ^Do bleib er in dem
land zu osterich und halff allenthalben dem keiser mit syner macht
daz er über daz partenbyrge kam gewaltiglich gen rome. etc. 1508.
Hie hait der strijt eyn ende.*
Aus den Angaben zu den vier zuletzt genannten Handschriften
ersehen wir, dass sich unsere Bedaction ü. in allen diesen unmittel-
bar an das Werk Johanns von Yictring anschliesst. Mit diesem also
muss sie ihre Abschrift erfahren haben. Halten wir dies mit der That-
sache zusammen, dass einerseits Pez das Chronicon Joh. YicL aus einem
Codex des Klostemeuburger Archivs, andererseits Zeibig unsere Quelle
aus einer Klostemeuburger Handschrift ediert hat, so wird die An-
nahme nicht unberechtigt erscheinen, dass beiden Herausgebern ein
und derselbe Codex vorgelegen hat, leider ohne naher beschrieben zu
werden. Der betreffende Codex enthält demnach:
') S. 862 Z. 2 »Rom* getilgt und yon einer Hand b.XY. am Rande »Oster-
reich* geschrieben. Z. 5 »for: för*. — S. 862 Z. 2 fehlt »anno domini*. Z. 14
»dazu zusach: da zusach*. Z. 18 »da ohom: daz chom*. Z. 14 y. u. fehlt »warn*.
Z. 8 T. u. »nnd herr hansa von chunringe pei rin: nnd herr Hannsfl von Ghoringe
pei im.* — Ffir 864 Z. 16 liest 69 richtig »her ohftm, ich sach euch nye so gem.
Do sprach der kunig Fridreich: ich sach aber euch nje so ungern.* Das Auge
des Schreibers der Klostemeuburger Hs. irrte von der 1. auf die 2. Zeile und las
»her oham, ich sach über euch nye so ungern.* Z. 12 v. u. »dez morgen ge-
striten: dez morgens gesträn*. Z. 7 y. u. »trausenicht: Trauseniht* (stets in
dieser Form). Z. 5 y. u. »münchen: Munohn*. — S. 865 Z. 1 »mit einander:
mit einader*. Z. 8 »das es: das*. Z. 12 fehlt »warn*. Z. 18 »waim er herozogk
Hainrich von Osterreich in dem streit geyangen und ingeantwQrt wart und den
er ftiri* Der Schlussatz wie der Anfiaiig mit rother Tinte: »Hie hat der streit
ein endi* ») Archiy der Ges. f. a. d. Gesch. X, 562. ») Ib. V, 200—202.
<) Aus welchem CSodex die Stücke der Hs. n. 971 entnommen wurden, ist
nicht zu erkennen.
Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragment einer österr. Chronik. 215
1. Chronioon JoL VictorieiiBis ab incamatione domini libris VI mit
FortBetzimgeii bis 1347 und
2. wie die übrigen Handschriften der Bed. IL in unmittelbarer Ver-
bindung unsem Bericht.
und zwar ist dies die Hs. n. 127 des Elosterneuburger Archivs i).
Sie ist theils Pergament, theils Papier und stammt aus dem XV. Jahr-
hundert Wie die Gollation ergiebt, ist sie eine wörtliche, zwar nicht
ganz fehlerfreie^), aber fast durchgehends mit Beibehaltung der ortho-
graphischen Eigenthümlichkeiten gefertigte Abschrift von der Zwettler
Hs. n. 59.
Yermuthlich stehen von diesen 5 Ea.^) W. H. 3445 und 8223,
die das Ghron. Joh. YicL yon 1215 — 1347 enthalten, einerseits, und
die übrigen 3 Hs., in denen das Chron. JoL Vict. mit dem Eingange
Yon Christi Geburt an yersehen ist, andererseits unter einander in
directem Abhangigkeitsyerhaltnis. Beide Gruppen gehen wahrscheinlich
auf eine yerloren gegangene gemeinschaftliche Quelle des XIV. Jahr-
hunderts zurück.
Nachdem wir uns in dem vorhergehenden des näheren mit der
Handschriftenfrage beschäftigt haben, müssen wir im folgenden das
Verhältnis der beiden Bedactionen zu einander einer Erörterung un-
terziehen. Als Vertreter der Bed. I. muss dabei W. Hofbibl. Hs.
n. 352 dienen, als Bepräsentant der Bed. IL W. Hofbibl. Hs. n. 3445.
Eine Vergleichung dieser beiden Handschriften zeigt, dass sowohl
Bed. I., als auch Bed. II. grossere oder kleinere eigenthümliche Zu-
sätze hat, die jedoch alle das Gepräge der Wahrheit tragen und sich
gegenseitig keineswegs ausschliessen. Bed. L ist im allgemeinen kürzer
ge&sst, an manchen Stellen jedoch ungenau und corrumpiert Ihr
An&ng ist undeutHch, gleich als ob er aus einer fortlaufenden Er-
zahlun; herausgerissen worden wäre. Die Bezeichnung Ludwigs als
«sein dheim Ton der Pfalcz* für «hertzog Ludweig von Paim* in
Bed. n. und die Angabe des Schlachtfeldes als «oberthalben Landes-
hut* für ^oberthalben Muldorf' sind ungenau. Bed. IL ist durchweg
richtiger und vollständiger; fehlerhaft sind folgende Stellen: «bey
<) Archiv VI, 188 und Pez, 88. rer. Aast. I, 754.
>) Dasselbe gilt nach Pez auch von Chron. Joh. Vict.: Manuscriptum hnnc
codioem, qni partim membraneus partim cbartaceus est, una eademque saecoli
decimi qninti (ut videtur) manus exaravit, sed ita nonnunquam mendose oorrupte-
que, nt sententiam vel truncatam yel vehementer perplexam a£Peri
>) Ob der von Raynald, Annales eccL XV ad a. 1822 n. U p. 282 er-
wfilmte ood. ms. bibL Yat. sign. n. 8679 nnsere Quelle enthält, Ifisst sich nidit
bestimmen.
216 Dobenecker.
ainem klainen wasser, haisset di ßmphmge^)'' ftlr das richtige ahe^Sszet
di Tsenf in Bed. I. und die Angabe, dass Friedrich drei Jahre und
drei Tage in Gefangenschaft auf der Trausnitz gelegen habe, gegen-
über dem richtigen «in daz drite iar')** der Bed. I. Eigenthfimlich
ist es, dass Bed. ü. Ludwig stets nur als «hertzog'' bezeichnet und
den König Friedrich ihm später das Beich abtreten lässt.
Im wesentlichen stimmen beide Bedactionen fast wörtlich überein,
wenn auch viele Abweichungen, wie Umstellungen von Wörtern und
ganzen Sätzen, stattfinden und mancherlei Einschiebungen vorkommen.
Bed. I. bringt nur Nachrichten bis zur Freilassung Friedrichs und
endet mit den Worten der Bed. IL »wart konig Fridrich ledig.« Die
üeberlieferung alles dessen, was hiernach bis zu Ludwigs Bomfahrt
geschehen ist, ist der Bed. IL eigenthümlich. Betreffs des Verhält-
nisses der beiden Bedactionen zu einander muss als sicher gelten:
1. Dass beide Bedactionen auf eine gemeinschafthche Quelle zurück-
zuführen sind.
2. Dass diese Quelle nicht vor dem 13. März 1325, d. h. nicht vor
dem Vertrage von Trausnitz, entstanden ist; dass sie aber wahr-
scheinlich bald nachher concipiert wurde, da. der Bed. IL noch
Ereignisse aus dem Jahre 1325 (Vertrag von München) eigen-
thümlich sind, die Bed. L nicht kennt.
3. Dass Bed. IL wahrscheinlich bald nach dem 7. Januar 1328, d. h.
nach dem Einzüge Ludwigs in Bom, der zuletzt erwähnt wird,
entstand. SicherUch ist sie vor dem 13. Januar 1330, dem Todes-
tage König Friedrichs, concipiert worden; der Tod des- Helden
der ganzen Erzählung würde andernfalls gewiss angezeichnet
worden sein.
Unzulässig ist dagegen die Annahme, dass Bed. I. ein Excerpt
aus Bed. II., oder Bed. 11. eine Ueberarbeitung und weitere Ausföh-
rung der Bed. L sei.
Wie und wo ist aber diese gemeinsame Quelle entstanden?
Lorenz^] halt sie dem Hauptinhalte nach für einen österreichi-
scherseits über die Schlacht von Mühldorf verbreiteten Bericht und
glaubt diese Ansicht durch die von ihm gemachte Wahrnehmung
stützen zu können, dass gerade in dem, was über jenen Kampf gesagt
*) Auf die Anfrage, ob die Isen im Volksmunde auch »Ampfinger Bach*
oder ähnlicli genannt werde, ertheilte Herr Bürgermeister Raspl in Ampfing die
Antwort, dass dieser nahe bei Ampfing vorbeifliessende Fluss stetß und ausschliess-
lich den Namen »Isen* getragen habe, so dass also nur an eine Verwechslung
des Namens der Ortschaft mit dem des Flusses gedacht werden kann.
*) Vom 28. Sept 1822 bis Mars oder April 1825. >) L c. I. 218.
/Vj
Die Schlacht^bei MflUdorf ond über das FtUgment einer Österr. Chronik. 217
worden sei, grosse XJebereinstiinixmng in den HandschriftSm — soll
doch wohl heissen in den beiden Bedactionen — herrsche, wahrend
das, was seiner . Meinung nach vom und hinten angehängt ist, im
einzelnen abweiche. Ein Chrund, der^ich bei näherer Prüfung durch-
aas nicht stichhaltig zeigt Es finden weder adi Anfange noch am
Ende dessen, was uns beide Bedactionen berichten, mehr Abweichun-
gen statt ab bei Gelegenheit der Schilderung der Schlacht Gerade
bei der Darstellung des Kampfes kommen mancherlei Einschiebungen
sowohl in Bed. I. wie in Bed. IL Yor. Was femer die Bezeichnung
,Tom und hinten angehängt' betri£Ft, so ist sie hier durchaus nicht
am Platze: Das Ganze ist eine festgefügte Erzählung, deren ganzer
Charakter gegen die Auffassung Lorenz* spricht Die Quelle ist nicht
ein Bericht über die Schlacht, sondern eine zusammenhängende Dar-
stellung der ganzen Eönigsrolle Friedrichs, in der naturgemäss die
Schlacht von Mühldorf den Mittel- und Wendepunkt bildet, ohne je-
doch Selbstzweck der Erzählung zu sein. Auch hat man auf keinen
Fall unmittelbar nach der Schlacht einen solchen Bericht aufgesetzt;
fast drei Jahre nachher aber war dazu kaum noch irgend eine Ver-
anlassung.
Auf die Entstehung der Erzählung deuten hin einmal der Anfang
des uns üeberlieferten: Do lat man wizzen alle leute, daz des hoch-
gebom fursten etc. in Bed. L, und: In derselbigen zeyt wart kunig
Fridreich .... erweit ze Bömischen kunig etc. in Bed. IL, sowie
der Gesamtinhalt der Darstellung. Beide Bedactionen gehen aus von
der zwiespaltigen Ednigswahl, gedenken des langjährigen Kampfes,
der wiederholten Heereszüge, die um die Krone unternommen werden,
der Verwüstung und des Elends in Oberdeutschland und am Bhein,
das der lange Hader in seinem Gefolge hatte, berühren sodann die
Nachtheile, die Ludwig und Johann erhtten, und endlich die beider-
seitigen Anstrengungen und Büstungen zu einer das Schicksal Deutsch-
lands bestimmenden Entscheidungsschlacht Beide schildern dann in
lebhafter, anschaulicher Weise die Vorbereitungen zum Kampfe und
die Schlacht, wie der Kampf lange Zeit hin und her wogt, bis Fried-
rich von [Nürnberg mit seiner Beserveschaar entscheidend eingreifk,
und schliesslich König Friedrich nach langer Gegenwehr mit seinen
Besten in des Baiern GefEingenschaft geräth. Sie erzählen weiter die
üeberführung des hohen Gefangenen nach der Burg Trausnitz, die
fortdauernd feindselige Haltung Leopolds, die Versuche Ludwigs, sich
der von dem habsburgischen Pfleger Burkhard von Ellerbach verthei-
di^^n Veste Burgau zu bemächtigen und berichten, wie diese nach
langer, f&r Ludwig verlustreicher Belagerung durch Herzog Albrecht
Mittli^imgen, Erfinxiuiffsbd. I. ][5
2l8 Dobenecker.
und Leopold entsetzt wird. Sie melden sodann von dem sdimachvollen
Bückzug Ludwigs nacli Lauingen, von dem Yormarsch Leopolds nach
Baiem und erzählen, wie Ludwig in dieser gefahrvollen Lage in Unter-
handlungen mit seinem Gefangenen tritt, die zu dem Vertrage von
Trausnitz und der Freilassung Friedrichs führen. So weit berichten
beide Bedactionen gemeinschaftlich mehr oder weniger ausführlich die
angedeuteten Begebenheiten. Die weitere Gestaltung der Verhältnisse
zwischen Ludwig und Friedrich bis zum Einzug des Ersteren in Bom
erwähnt Bed. IL allein.
Alles dies zeigt, dass die mit Unrecht «Der Streit von Müldorf*
benannte Quelle ein Stück aus einer grösseren zusammenhängen-
den Erzählung ist, die im Jahre 1325 abgeschlossen wurde. Für diese
Annahme spricht auch der Umstand, dass alle Handschriften der Bed.
IL beginnen Anno domini 1318. Dieses Stück ist dann, wie wir an-
nehmen möchten, nach mündlicher Ueberlieferung zu verschiedener
Zeit in zwei Versionen aufgezeichnet worden, von denen, soweit uns
bekannt, die eine acht, die andere fünf Abschriften erfahren hat.
Der Verfasser ist ein Oesterreicher. Boehmer vermuthet in ihm
einen Salzburger und wird zu dieser Annahme durch den Umstand
geführt, dass die älteste Handschrift, W. Hofbibl. 352, früher als
Salisb. 416 bezeichnet war. Dabei muss es aber auffallen, dass dieser
Codex ausser dieser Bezeichnung nicht eine einzige Spur an sich trägt,
die uns nach Salzburg verweist; während er mehrere Privilegien der
Stadt Wien, so das von Leopold VI. am 18. October 1221 verliehene
Wiener Stadtrecht, das Privilegium a Friderico IL civibus Vindobo-
uensibus concessum mense Aprili 1237, Privilegium a Friderico II.
Imperatore urbi Vindobonae concessum d. d. 1. Juli 1244, die Wiener
Bnrgmauth, der wienner reht von der wagen maut, Budolphi I. Im-
peratoris Privilegium Vindobonense d. d. Viennae Austriae 24. Juni
1278, Di hantveste ze Wienne vom 12. Februar 129 G, alle diese Stücke
auch s. XIII. geschrieben, dazu Annalen, die als continuatio continua-
tionis Vindobonensis Annalium Mellicensium von verschiedenen Gleich-
zeitigen von 1267 — 1302 zu Wien eingetragen wurden, enthält, so
dass man berechtigt ist anzunehmen, dass der Codex im XIII. Jahr-
hundert bereits in Wien war und überhaupt in Wien entstanden ist *).
Nach Wien als ihren Entstehungsorl; weisen uns auch, wie wir ge-
sehen haben, die meisten übrigen Handschriften hin, so dass wir aucli
V. Weech*) nicht beipflichten können, der die Chronik in Zwettl oder
Elostemeuburg entstehen lassen möchte. Aus der Betonung der Tapfer-
*) Wattenbaoh, M. G. SS. IX, 605 wib F. •) Forsch. IV. 88 Anm. 1.
Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragment einer österr. Chronik. 219
keit des Fiiedricli zur Seite kämpfenden Bitters Hanns von Ehunnng
— dessen Name übrigens so sicher überliefert ist^), dass wir an eine
Entstellung aus Kchunaem man** in Bed. I. nicht denken dürfen —
können wir nicht ohne weiteres auf den Entstehungsort schliessen.
Mehr Wahrscheinlichkeit hat dagegen die Yermuthung y. Weechs,
dass die Quelle das Werk eines Mönches seL Die Klöster Wiens sind
es wahrscheinlich, wo man den befreiten König «schon und erleich
enpfie*, und aus denen man ,mit dem kreutz gegen im gie*, Bemer-
kungen, die Y. Weech wohl nicht mit unrecht denVerfstöser als Selbst-
erlebtes machen lässt. Damit dürfte sich auch das Verschweigen des
Namens dea mächtigen Ebersdorfers^) erklären, dessen Besitzung Ebers-
dorf nur eine Stunde von Wien entfernt lag.
Per bedeutende historische, wie literarhistorische Werth dieser
Darstellung ist zu jeder Zeit unbedingt anerkannt worden und kann
nicht besser heryorgehoben werden als mit den Worten jenes fein-
fühlenden, begeisterten Forschers deutscher Yergangenheit, der schon
Ton der weniger lebendigen, unvollständigen Erzählung der Bed. L
schreibt: «Diese kurze, aber gehaltreiche und schöne Erzählung eines
(rleichzeitigen müsste zu den Perlen der deutschen Geschichtschreibung
gerechnet nv erden, aus welcher Zeit sie auch stammte, ist aber um so
beachtungswerther, da sie zugleich eines der ältester Denkmale ge-
schichtlicher Prosa ^) in deutscher Sprache ist.'
') 8445: und her Hanns von Ehunringe beyim; 8288: undherrHanas tob
Künringe bey Ime; die Elostemeuburger Hb. verderbt: und Hansa von Chunringe
pei rin; 59: und herr Hannas von Churinge pei im.
^) Erach und Grober, Allgem. Encydopädie XXX, 247. Vielleicht ist es der-
selbe Ebersdorfer, der mit der Nichte des ICarschalls Dietrich von Pilichdorf ver-
mählt -war.
*) Die von ihm an anderer Stelle (Reg. Imp. inde ab 1814—1847. XI) aus-
gesprochene Yermuthung, dass »dieses ausgezeichnet schöne Stück ursprünglich
gereimt gewesen zu sein scheine*, bestätigt sich nicht.
IB*
Zur Geschichte des deutschen Reichstags
im Zeitalter des Königthums.
Von
Wilhelm SickeL
In der Zeit des deutsclieii Königthums — so nenne ich die
Epoche unserer Yerfitssungsgeschichte, welche sich von der Gründung
der fränkischen Monarchie bis zur Aufrichtung der Landesherrschaft
erstreckt — zieht der Reichstag von drei Seiten die Aufinerksamkeit
auf sich. Sein Ursprung, sein rechtliches Wesen und seine politische
Wirksamkeit machen die Hauptgebiete der Betrachtung aus. Der drei-
fache Standpunkt, von dem wir ihn ins Auge fassen können, ist so
verschieden, dass eine Darstellung, welche den einen zugleich mit den
anderen einnehmen will, genothigt ist Zusammengehöriges zu trennen
und Ungleiches zu verbinden, und hierdurch wird sie verhindert jedem
einzelnen Gesichtspunkte in seiner eigenthümlichen Bedeutung gerecht
zu werden. Insbesondere gilt dies von der Behandlung des juristischen
und des politischen Daseins der Einrichtung. Wie auf dem Gebiete
der Verfassungsgeschichte überhaupt nicht mehr in Frage steht, ob
die Scheidung des Bechtlichen und des Tactischen ein Fortschritt der
Wissenschaft ist, sondern es lediglich nur darauf ankommt, dass die
Auseinandersetzung der BestAudtheile überall vollzogen wird, so sind
auch in der Geschichte des Beichstags beide Elemente von einander
zu sondern: je schärfer sie auseinander gehalten werden, um so grösser
wird der wissenschaftliche Gewinn sein.
Der vorliegende Aufsatz beschränkt sich auf eine Besprechung der
Herkunft des Beichstags und auf Erörterungen seines juristischen
Wesens. Er erhebt nicht den Anspruch den einen oder den andern
Gegenstand zu erschöpfen, sondern will nur Beiträge zu beiden geben.
Zar Gesdiichte des dentioheii Reielutaga im Zeitalter des Eönigthums. 221
I. üeber den Ursprung des Beiclistags.
Ehe wir nach dem Ursprung fragen, müssen wir wissen, was wir
suchen. Der Reichstag ist die zum königlichen Bathsdienst versam-
melte Gesammtheit fest bestimmter EHassen von Würdenträgern im
Königreich. Begrifflich nothwendig ist ihm klassenweise Betheiligung
der durch Oewohnheitsrecht festgestellten Gruppen; dass jedoch bereits
eine Mehrheit von Klassen vorhanden ist, darf nicht als eine Yoraus-
sefzaug seines Daseins angesehen werden.
Eine solche Versammlung in der fränkischen Monarchie steht,
soviel ich sehe, mit keiner gpmeingeimanischen Institution in geneti«-
scher Verbindung. Wer den ürsprungspunkt in das Gefolge verlegen
möchte, wird, wenn er von der unbestimmten Allgemeinheit eines
solchen Gedankens zu der Erwägung der concreten Verhältnisse vor-
dringt^ auf eine Beihe von Fragen stossen, welche er wohl beantwor^
tan müsste, ehe er jene Ansicht auch nur als eine begründete Ver-
muthuDg vortragen darf. In welchem Masse war der frankische Ge*
folgschaftsrath vor der, Entstehung des Beichstags entwickelt? Waren
Antrustionen bereits vom Haushalt ihres Dienstherm ausgeschieden, als
die Grafschaftsverwaltung eingerichtet oder ein Beichstag gehalten
wurde? Waren Grafen rathspflichtig, weil sie aus dem Gefolge ent-
nommen waren und durch üebertragung des Amtes ihr bisheriges
Dienstverhältniss nicht aufgehoben war i Bei der Unzulänglichkeit un-
serer üeberlieferung wage ich nicht auf eine der gestellten Fragen
Antwort zu geben, aber ich finde keinen Anhaltspunkt, um eine der-
artige fränkische oder vorfränkische Entwicklung auch nur wahrschein-
lich zu machen. Wenn hier die Anknüpfung des Beichstags an ein
Verhältniss, das ausserhalb der Staatsverfassung stand, nicht gelingen
will, 80 wird sie andererseits auch nicht bei staatlichen Einrichtungen
mogUch sein. Der germanische Freistaat hat weder eine Volksvertre-
tung gekannt, welche zu einem königlichen Bathe hätte umgebildet
werden können, noch hat er ein Beamtenthum besessen, dessen Stel-
lang sich derart hätte umwandeln lassen, dass aus seinen Mitglie-
dern königliche Bathgeber wurden^). Ich lasse hier dahingestellt, ob
das Märzfeld auf das Becht des Freistaats zurückzuführen ist, aber an-
genommen, dort sei sein Ursprung, so würde dadurch doch noch kein
Grand f&r die Vermuthung, dass auch der Beichstag aus jener Vor-
zeit herstamme, gewonnen sein. Bäumen wir ein, dass ein fränkischer
König zum ersten Mal mit seinen Grafen grossen Bath abhielt, als er
') Yergl. meine Abhandlung »Zurgermsnisohen Verfassungsgeschichte*, oben
& S9 £
222 8 i ekel.
sie auf einem Marzfeld um sich versammelt sah, und geben wir femer
zu^ dass aus diesem Anlass der erweiterte Bath der Regierung aufge-
kommen und in seiner Besonderheit zum Bewusstsein gelangt sei, also
dass er hinfort; auch in den Königreichen, in welchen das Märzfeld
nicht eingeführt wurde, sich behauptete, so würde offenbar ein wahr-
haft genetischer Zusammenhang zwischen Beichstag und Marzfeld nicht
▼orhanden sein. Ein so tiefgehender Oegensatz als der zwischen Yolks-
yersammlung und Beamtenversammlung ist im frankischen Staatsrecht
kaum aufzufinden. Beide Zusammenkünfte können, wie sich versteht,
an demselben Orte und demselben Tage gehalten werden, aber dieses
örtliche und zeitliche Zusammenfallen ist das äusserlichste, was denk-
bar isi Der Yerpflichtungsgrund, aus dem die Yolksleute erscheinen,
ist ein anderer als der, welcher die Begierungsbeamten beruft; das
rechtliche Yerhältniss beider Klassen zum Monarchen ist ein ungleich-
artiges; die Art, wie sie thätig werden, und die Wirkung ihrer Hand-
lungen zeigen eine nicht minder grosse Yerschiedenheit; demnach
kann auch das Yolk als solches im Bathe des Königs nicht vertreten
sein. Ich gehe absichtlich auf die Behandlung von Yersammlungen,
welche keine innerliche Gemeinschaft mit dem Beichstage besitzen, nicht
ein, weil eine nähere Entwicklung derselben uns nur von unserem
Gegenstande abfahren würde. Es ist nur noch hinzuzuftigen, dass wir
keinen sicheren Anhaltspunkt für die Yermuthung haben, dass die
königlichen Grafenversammlungen auf den Märzfeldem, ich will nicht
sagen begannen, aber zu einem Grade der Sonderexistenz gelangt sind,
welcher als die Grundlage ihrer gewohnheitsrechtlichen Entstehung zu
betrachten wäre. Es Hesse sich vermuthen, dass Königreiche, welche
ohne Märzfeld waren, mehr zur Befestigung dieser Begierungspraxis
beigetragen haben als die altMnkischen Länder. Denn dort wurde
die Berufung der Gesammtheit der Grafen an den Hof lediglich auf
Leistung ihrer Bathsdienstpflicht gerichtet, während sich mit einer La-
dung zum Märzfeld auch andere Zwecke verbanden, welche die Erfas-
sung der Eigenthümlichkeit des Beichstags erschweren mussten. Es
scheint sehr wohl möglich, dass die Erfahrungen, welche dort gesam-
melt waren, auf Staaten mit Märzversammlungen oder Yolksversamm-
lungen zurückgewirkt haben.
Die Ungewissheit über die äusserliche Yeranlassung des Beichs-
tags ist jedoch noch beträchtlicher. Yielleicht hat eine Beziehung zwi-
schen Beichstag und Synode bestanden, zwar nicht eine genetische,
das scheint mir gewiss, aber eine äusserliche, eine solche, welche für
die Ausführung der Begierungsabsicht von mehr oder weniger Gewicht
gewesen sein könnte. Man kann allerdings nicht sagen, dass der
Zur Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Königthums. 223
Beichstag nicht so geworden sein würde, wie er geworden ist, wenn
nicht vor wie zu seiner Zeit Synoden zusammengetreten wären, aber
das Dasein der Synode, die gemeinschafbliclie Berathung and Beschluss-
&ssung der Bischöfe kann sehr wohl, hewusst oder unbewusst, auf die
Kräftigung analoger Vorgänge im staatlichen Leben Einwirkung ge-
übt haben. Man kennt das enge rechtliche und &ctische Yerhältniss,
in welchem die Bischöfe seit Chlodovechs Regierung zum Könige
standen; man weiss, dass Chlodovech einem Concil eine Vorlage ge-
macht hat — tituloB quos dedistis, erklärte ihm eine Versammlung,
Hansi VIII, SLO — und auch in Gesammtheit haben später die Bi-
schöfe als Friedensvermittler fongirt (Gregor IV, 48. VIII, 18. IX, 20).
Die merkwürdigste Nachricht ist, dass im Jahre 581 dieselben Männer,
die auf Grund ihres Kirchenamtes zu einer Synode versammelt waren,
sich zum Könige begaben, um mit ihm über Staatsgeschäfte zu be-
rathen (Gregor VI, 1); mögen sie damals auf Bitte, auf Befehl oder
ans eigenem Entschluss dem Könige gedient haben, sie sind hier doch
weder als Einzelne noch als Kirchenbeamte thätig geworden. Indem
sie wie die Grafen dem Könige rathspflichtig wurden, mochten sie
mehr als die Kegierungsbeamten darauf einwirken, dass sie als Ge-
sammtheit fungirten, und wenn bei ihnen eine solche Tendenz, Ge-
sinnung und Gewöhnung vorausgesetzt werden darf, so wird zu fol-
gern sein, dass sie diese Auffassung nicht bloss den Grafen mittheilten
oder deren entsprechende Ansicht verstärkten, sondern dass auch die
Regenten von dem Einfluss dieser Anschauungen nicht unberührt ge-
blieben sind.
Mit solchen Vermuthungen und Behauptungen ist die Sache na-
türlich nicht erledigt Wir sehen wohl, dass verschiedene Ereignisse,
fiictische wie rechtliche Unterlagen, Märzfeld und Synode, Hofpflicht der
Grafen und Königsdienst der Geistlichkeit zusammengewirkt haben kön-
nen, um ein neues Organ der königlichen Begierung hervorzubringen,
aber wir stellen damit weder Zeit noch concrete Veranlassung der ersten
Reichsti^e fest und wir vergessen, dass über allen diesen Vorgängen,
welche die Rathsversammlung des deutschen Königthums erleichtert haben
mögen, ein tieferer Zweck wirksam war, der diese Einzelheiten schöpfe-
risch verwerthet hat. Nicht derZufiall hat jene Materialien, wenn ich mich
so ausdrücken darf, zu einem Ganzen zusammengefQgt, sondern wenn
ihnen ein Antheil zuzuschreiben ist, so verdanken sie ihn Begenteu,
welche sie benutzt haben um eine Einrichtung zu gründen, die, ihrem
Wesen nach ursprünglich von jenen Hülfsmitteln innerlich unabhängig,
auch ohne deren Fortdauer sich erhielt und nur von dem Schicksal
der Gewalt, durch die sie entstand, bedingt blieb. Der Beichstag ist
224 Sickel.
seinem rechtlichen Wesen naoh eine Schöpfung des Königthums f&r
das Eönigfchum. Hat die Forschung einzugestehen, dass wir über das
Jahr, in welchem die Versammlung abgehalten wurde, mit der die
Begierung begann die ßeichstage einzuführen, nichts wissen können^
und sind wir ferner ohne Kunde über die Vorstadien dieses Ereig-
nisses und die persönlichen Motive der Handelnden, so ist dieser Ver-
lust jeder Nachricht für die ßechtsgeschichte nicht unersetzlich, so
hoch ihn auch der politische Historiker anschlagen mag. Denn kein
Punkt in dem rechtlichen Wesen der Versammlung scheint vorhanden
zu sein, welcher aus jenem Grunde dunkel ist. Wir können allerdings
den schöpferischen Zweck des Eeichstags nur aus dem Wesen dessel-
ben bestimmen, aber dieses Mittel, dünkt mich, reicht aus, um den
für ihn massgebenden Gedanken und die ihn hervortreibende Kraft zu
finden. Bevor wir uns jedoch dieser Erörterung zuwenden, haben wir
uns die Verhältnisse zu vergegenwärtigen, unter denen der Beichstag
entstanden ist und bestanden hat.
Nachdem die Begierung des Volkes durch das Volk beendigt war
und der Könijg die Begierungsgewalt erworben hatte, war es noth-
wendig geworden, dass der Begent für die Ausübung seiner Bechte
Beamte in den Gauen einsetzte. Innerhalb des Bereichs der staat-
lichen Geschäfte, das er seinen Dienern anvertraut hatte, trat der
König in der Begel nicht mehr selbst handelnd auf. Allein während
er auf diese Weise sich entlastete, hielt er in der Centralregierung das
alte höchstpersönliche Begiment grösstentheils fest. Hier an seinem Hofe
pflegte er nicht Begierungsbeamte zu bestellen, welche ihm einen beträcht-
lichen Theil seiner Thätigkeit abnehmen sollten, noch setzte er für
bestimmte Geschäftszweige eine Beihe beständiger Bäthe ein, welche,
einzeln oder koUegialisch, seine Entschliessungen ordnungsmässig vor-
zubereiten hatten. Es genügt in Erinnerung zu bringen, dass Niemand
seine Entscheidungen in der auswärtigen Politik, die Ertheilung von
Privilegien, den Erlass von Verordnungen, die Ernennung der Beam-
ten kraft seiner dienstUchen Stellung zu begutachten oder zu erledi-
gen hatte und dass auch nur kurze Zeit ein Amt bestand, dessen In-
haber ein Hofgericht hielt. Es kann kein Zweifel darüber obwalten,
dass dieses Moment für die Zukunft der Hofregierung entscheidend
war. So wenig der Monarch sein Land ohne Beamte regieren konnte,
so wenig konnte er die Centralregierung ohne Beistand leiten. Mit
der Zunahme der socialen Kultur stieg der Umfang seiner Geschäfte
und nicht nur ihre Anzahl, sondern auch ihre Schwierigkeit nahm
stetig zu. In Folge davon mussten auch die centralen Begierungs-
mittel grösser, mannigfaltiger und vollkommener werden.
Zur Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Königthnms. 225
Unter den Gehülfen, welche der deutsche König an seinem Hofe
für die Staataregierung besass, nahm der Bathgeber die erste Stelle
ein. Er war der brauchbarste, der wirksamste, der nothwendigste. Der
König konnte mit ihm sich berathen, ohne seine persönliche Ent-
scheidung au&ugeben. War er geneigt fremde Einsicht und fremde
Thätigkeit zu verwerthen, fühlte er sich unfähig zu eigener Ueber-
l^ping, unerfahren in der Angelegenheit, die ihn beschäftigte, unent-
schlossen wegen der politischen Folgen oder der Verantwortlichkeit, so
zog er Andere zu Bath und konnte dann als seinen Willen erklären,
was sie ihm vorgeschlagen hatten. Ihr Bath band ihn nicht, er ver»-
ziehtete auf keinen Theil seiner Selbstherrschaft, auch nicht immer auf
sein eigenes freies Ermessen, er war rechtlich so unabhängig, wie er
es war, wenn er keines Mannes Bath eingeholt hatte, aber er hatte
doch eine Erleichterung in seinen Functionen gewonnen, welche es ihm
m^lich machte, die Einführung der Begierungsämter am Hofe auf ein
höchst geringes Mass einzuschränken. Der Bath war die Bedingung
für die Behauptung der Selbstherrschaft.
Die 2^itgenossen sind sich früh bewusst geworden, wie gross die
praktische Bedeutung der Bathgeber am Hofe des Königs war. Sie
haben erklärt, dass das Selbstinteresse dem Könige gebiete, wichtige
Entschlüsse nicht zu fassen, ohne mit angesehenen, erfahrenen und
ehrenwerthen Männern berathen zu haben; sie haben auch auf die
Gefahr schlechter Berathung und die Verantwortung, welche der König
trage, hingewiesen. In Ermahnungen, Bitten, Lehren spricht sich diese
Auffassung aus. Bemigius hat an einen König geschrieben: consilia-
rios tibi adhibere debes, qui famam tuam possint ornare — et sacer-
dotibus tuis honorem debebis inferre et ad eorum consilia semper re-
currere. Quod si tibi bene cum illis convenerit, provincia tua melius
potest constare, Mansi YUI, 345. Die Ezhortatio ad regem Francorum
enthält die Worte: consiliarios seniores diligas, sine bonorum consilio
nihil facias, Digot lU, 350. 353. Proceres wurden ersucht, ut prae-
cekis'regibus consiha ministrarent, ut eis regnantibus populi et patria
salabrior redderetur, Vita Badegundis II, 16, Acta Sanctorum, August
III, 78. SeduKus, de rectoribus christianis c. 6, Mai VIII, 19, lehrt:
ein König non tarn in suo quam in suorum prudentissimorum inni-
tatur consilio — prudens pradentes in consilium Yocat et sine eorum
consilio nihil facit. Denn, wie Hincmar, op. II, le3 sagt, nullus homo
est sie sapiens, ut alterius non indigeat consilio, und bei Flodoard III,
26 SS. XIU, 545 wird die Erklärung abgegeben: non solum grandis
presumptio, sed etiam magnum periculum est uni soli generalem regni
dispositionem tractare sine consultu et consensu plurimorum«
226 8 i 0 k e 1.
So haben die Könige gehandelt. Indem sie anerkannten, dass, wie
es später einmal ausgedrückt ist, imperii nostri dispositio consilio —
indigeat, Pertz, Leges II, 130, haben sie, ohne Dritten einen recht-
lichen Antheil an der Beichsregierung einzuräumen und ohne ihren
Eath amtsweise zu organisiren, öffentlich erklärt, dass sie ohne Rath
nicht regieren können, dass sie guten Bathschlägen vieles verdanken
und die Absicht hegen den Bath ihrer Getreuen oft oder stets einzu-
holen und zu befolgen. So hatte sich Ludwig der Fromme entschlossen:
porro deiuceps nihil tale, nihil sine vestro consiho me acturum ulte-
rius profiteor, Vila Walae II, 10 SS. II, 555, und Nachfolger sagten
zu, dass sie consilio ihrer Getreuen adsensum praebebimus, dass sie
mit ihnen gubernare debemus, Pertz, Leges I, 408 c. 6. 500 c. 5.
Heinrich IV. wollte nihil deinceps circa rerum publicarüm administra-
tionem absque communi consultu acturum, Lambert 1076 SS. V, 253.
Wie endlich ein König von Frankreich schrieb: regali potentia
in nuUo abuti volentes, omnia negotia reipublicae in com^ultatione et
sententia fidfelium nostrorum disposuimus, so rühmte sich Heinrich VII. :
omnia, que fecimus in AUemannia digna relatu, et consilio principum et
baronumad augmentum imperii disposuimus, Gerbert ep. 125 S. 68 OUeris.
Wirtemberg.ürkundenb.111,347. Diese Zeugnisse, deren ältestes von dem
jüngsten durch einen Zeitraum von siebenhundert Jahren getrennt ist,
sprechen die üeberzeugung des Zeitalters aus, dass dem deutschen
Könige viele und gute Eathgeber unentbehrlich seien und dass seine
persönliche Begierung sich vornehmlich auf solche Gehülfen stütze.
Wir wissen nicht genau, auf welchen Wegen sich der Kreis der
Personen, welche der merovingische König zu Bathe zog, erweitert
hat. Es ist gewiss, dass als erster Bathgeber des germanischen Königs
der Gefolgsmann fungirt hat, — in dieser Function und mit seinem
salfrgnkischen Namen tritt er noch einmal in der zweiten Hälfte des
6. Jahrhunderts auf, Boretius, Capit. I, 8 c. 1 — aber wir sind ausser
Stande die einzelnen Stadien der späteren Ausdehnung zu bezeichnen
und quellenmässig darzulegen. Was wir aus der Zeit der ersten Dy-
nastie erfahren, lässt sich verschieden gruppiren, aber schwerlich ver-
schieden verstehen. Ich ordne eine Beihe von Nachrichten nach dem
Gesichtspunkte, der für unseren Gegenstand massgebend sein muss,
nach ihrer entfernteren oder näheren Beziehung zum Beichstag.
Schon unter Chlodovech sind einzelne Männer, weltliche und
geistüche, im Bathe des Königs bemerkenswerth geworden. Ein stre-
nuus consiliarius Chlodovechs ist Melanius wie Aridius gewesen, Vita
Melanii § 6, Acta Sanctorum, Januar I, 329. Gregor 11, 32. Von Aega
erzählt Fredegar c. 62, dass er consilio Dagoberti erat assiduus; ein
Znr Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Eönigthums. 227
vornehmer Mann war Theodeberti conyiya, vir sapiens et consiliis regia
gratos, Vita Colombani c. 50, Mabillon II, 25. Orientias war consiliis
habilis regalique Intimus aulae, Mummolenus palatia regis altis consi-
liis crescere rite facit, Yen. Fortunatus IV, 24. 7. VII, 14, 7 f. S. 94.
169 Leo. Gandulfus fungirte als consiliarius regis, Vita Gandulfi c. 4,
Acta Sanetorum, Juli IV, 485. Von Zeit zu Zeit trat ein Mann als der
beste oder gewicbtigste im Bathe hervor, ein König praefecit eum
consiliis suis, Vita Geremari I, c ö, das. September VI, 699. Erat tunc
in domo regis inter ceteros senatores praestantissimus Aetherius, Vita
Austregisilil, 7,da8. MaiV, 6P, und ein Anderer war als regis conviva
et consiliarius so einflussreich, dass totius regni querimoniae illus
aequissima definitione terminarentur, Vita Agili I, 2. 3, d&s. Aagast
VI, 575. Mit einem Manne, der zufallig an den Hof kam, hielt der
Konig de gubemando regno consilia, Chron. Vedast. SS. XIII, 686, und von
Dagobert wird erzahlt, dass er Eligii 'secreta peteret conciliabula, Vita
Eligü I, 14, Bouquet III, 554. Die Bedeutung der Hofleute im Rathe
des Königs hat später Walafrid Strabo, de exord.c.31,MigneGIV,964f.
mit den Worten charakterisirt: habent et potestates saeculi consiliarios
in domesticis, und genauer ist sie von Hincmar, de ord. palai c. 26
beschrieben.
Aus einer zweiten Grruppe von Zeugnissen lernen wir die. Sitte
kennen, dass die Könige mehr oder weniger grosse Bathsyersammlun-
gen veranstalteten. Cum suis hat Ghlodovech Bath gehalten, ehe er
seinen Glauben wechselte und den westgothischen Krieg unternahm,
cougregatis suis redete er, und seine Nachfolger sassen cum proceri-
bus suis, mit ihren priores zu Bath, Gregor U, 31. 87. 42. VIII, 21.
VII, 33. Es wurde eine congregata optimatum suorum curia angesetzt,
Vita Desiderii Vienn. § 9, Acta SS , Mai V, 256. Königsurkunden und
sonstige Quellen berichten von zahlreichen stattlichen Zusammenkünften,
von grossen Hoftagen i). An Charibert I. hat Ven. Fortunatus VI, 2,
73 £ S. 133 Leo die Verse gerichtet:
publica cura movens proceres si congreget omnes,
spes est consilii te monitore sequi.
Zu den Versammlungen sind an Männer, die sich nicht am Hofe
aufhielten, Einladungen ergangen. Boten des Königs überbrachten
Ansbert die Aufforderung an den Hof zu kommen, wo grosser Rath
gehalten wurde, ut ad eins consultum, veluti agere consueverät — nam
») Z. B. Pertz, Dipl. I, S. S8. 58. 62. 106. Boretius, Cap. I, 8. 28 c 24.
Fredegar c. 54. Marculf I, 25. Mon. Germ., Leges 111, 45. 269. Zeit und Ort sind
roweilen durch das Märzfeld bestimmt worden, Boretius, Capit. I, 15 f.
228 8 i c k e 1.
confessor illius erat — de regni negotiis tractaret, ein Anderer con-
sultis etiam natu majomm Interesse saepius accitur quandoquidem ha*
bilis consilio, Vita Ansberti V, 22 und Vita Wironis e. 8, Acta San-
ctorum, Tebruar ü, 302 und Mai ü, 314.
Dass jeder Gegenstand einer königlichen Handlung Gegenstand
einer freien Berathung sein konnte, folgt aus dem Wesen des deutschen
Königthmns. Der König hat Kechtsstreitigkeiten una cum proceribus
nostris entschieden, Pertz, Dipl. I S. 32. 39. 54. 59. 61. 65. 68. 70.
84. 107; consensu episcoporum et optimatum nostrorum ist ein Im-
munitätsprivileg ertheilt, ein anderes cum consilio procerum suorum
erneuert, das. S. 30. Flodoard U, 11 SS. XIII, 459; Schenkungen sind
cum consifio ponteficum yel obtimatum im voraus erwogen, Fertz,
Dipl. S. 51. vgl. S. 22. 23. 26; sollte einem Sohne eine Herrschalt
übertragen, ein Beamter ernannt werden, so berieth sich wohl der
König 1).
Je weiter sich der Kreis der Personen, die zum Bathe des Königs
berufen werden, ausdehnt, um so mehr tritt an Stelle der individuel-
len Auswahl derselben die Bücksicht auf ihr objectives dienstliches
Verhaltniss; je häufiger derartige Zusammenkünfte sich wiederholen
und je vollständiger sie den Charakter einer ausserordentlichen Mass-
regel .verlieren, um so weniger wird ihre Thätigkeit sich auf einzelne
Angelegenheiten beschränken und um so mehr werden sie als höchster
und für das gesammte Staatsleben verwendeter Bath des Königs auf-
gefässt werden. Je naher wir diesem Ergebniss, der Bestimmtheit der
Personen und der Allgemeinheit ihrer Function, kommen, um so mehr
nähern wir uns dem Beichstag Es ist vielleicht ein Zufall, dass wir
dessen erstes historisches Auftreten nicht vor dem 7. Jahrhundert con-
statiren können; man sieht nicht mit Bestimmtheit, dass Gregor solche
Versammlungen nicht gekannt hat, und andererseits geben die Verse
eines Dichters S. 227 keine sichere Grundlage für die Annahme, dass im
Königreiche Chariberts I. Beichstage üblich waren. Es ist jedoch nicht
von entscheidender Wichtigkeit, dass wir nicht im Stande sind, die
*) Marculf I, 40. — Bei der AnBtellung eines Geistlichen der König ipse vel
optiroates sui consentiebant, MiracMartialis, Acta SS., Juni VII, 508, cum proceribus
palatii salubre agentes consilium, Vita Ansberti III, 18, Acta Sanctorum, Februar
II, 851, fie erfolgte consensu praecipuorum Francorum, VitÄ Leodegarii, I, 5 das.
October I, 486. Marculf I, 5. — Andere Entschliessungen betreffen Marculf I. 6.
Fredegar c. 57. Pertz, Dipl. I, S. 44. Pardessus, Dipl. II, S. 88. Chron. Veda«t.
691 SS. XIII, 697. — Die Fälle, in denen Kirchenbeamte ab solche handeln, wie
Gregor V, 21. 50. X, 19, auch IX, 82 und Boretius, Capit. I, 6 c. 14 sind aus-
zuscheiden.
Zar Geeciiicliie des deutschen BeichBtags im Zeitalter des Eönigthums. 229
erste Yersammlung aufzufindeiL Wer würde auch glauben, dass die
Geschichte des Kaufvertrags oder die der Bitterschaft dadurch erheb-
liche Einbusse erleidet, dass wir weder den ersten Kauf noch den
ersten Bitter kennen?
Durch Fredegar c 55 erhalten wir die erste zuverlässige Nach-
richt Yon einem Beichstag. In Clichy waren im Jahre 627 pontifices
et oniversi proceres regni sui tarn de Neuster quam de Bargandia auf
Geheiss Chlothachars ü. pro utilitate regia et salute patriae versam-
melL Zur Ergänzung und Erläuterung dieser Mittheilung dienen wei-
tere Angaben desselben Schriftstellers c. 44. 75. Der König berief für
einen Landestheil dessen Majordomus cum uniyersis pontificibus seu
et Burgundaefarones. Der Nachfolger hat cum consilio pontificuin sea
et procerum omnibusque primatibus r^ni sui consentientibus seinen
Sohn zum Begenten yon Austrasien eingesetzt, und wenn einen Ver-
trag desselben Austrasiorum omnes primates pontifices ceterique leudes
beschworen, so werden sie ihn auch berathen haben. Ist nun die An-
nahme gerechtfertigt, dass mit den angeführten verschiedenen Worfcen
wesentlich ein und dieselben Personengesammtheiten bezeichnet sind,
so werden wir wie unter den pontifices die Bischöfe, so unter proce-
res und primates die Statthalter zu verstehen haben, sie allerdings
nicht ausschliesslich. Hier meine Gründe. Die Stellung eines Statt-
halters, sowohl die des Gfrafen wie die des Amtsherzogs, ist so be*
deutend, dass, wenn die Gesammtheit der Ersten des Königreichs ge-
laden wurde, nicht der eine oder andere Amtsherzog oder Graf aus-
gewählt werden konnte, sondern dass diese Beamtenkategorie in
Gesammtheit entboten werden musste, analog wie die Gesammtheit der
Geistlichkeit des Landes die Gesammtheit der Bischöfe voraussetzt.
Der unbestimmte Ausdruck, den der Autor für die weltlichen Mitglie-
der gebraucht, wird oder soll auch andere hochgestellte Diener des
Königs umfassen, aber indem er einen objectiven Massstab, den der
Stellung im Lande, anlegt, setzt er eine untere Grenze an, über der
sich die Statthalter auf Grund ihres Begierungsamtes befinden. Zur
Bestätiguug dieser Erklärung kann überdies eine doppelte Wahrneh-
mung dienen. In der späteren Zeit, in welcher der Beichstag un-
zweifelhaft bestand, werden seine Mitglieder nicht selten nach altem
Brauch als proceres bezeichnet oder mit ähnlichen Wendungen be-
schrieben. Zweitens lehrt ein karolingisches Capitulare, erlassen vor
der Entthronung der ersten Dynastie, dass omnes venerabiles sacer-
dotes et comites vereinigt wurden, Boretius, Capit I, 27 vgl. 24. 29.
Man darf endlich wohl nicht unbemerkt lassen, dass wir auf einen
entsprechenden Vorgang der königlichen Staatsregierung schliesaen
230 Sickel
dürfen, wenn ein Majordomus, wie Fredegar c. 90 erzahlt, coUectis
secani pontifidbus et ducibus de regno Bargandiae Cabillono pro uti-
litate patriae tractandum mense Madio placitum instituit.
Hiermit ist unser Material für den Beiehstag unter der Dynastie
der Merovinger erschöpft. Es reicht hin, um zu erkennen, dass der
Beiehstag das Werk dieser Dynastie gewesen ist. Versammlungen seit
der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts tragen, wie wir sahen, die Merk-
male des Reichstags. Klassenweise sind Bathgeber des Königs berufen ;
die Klassen sind gewohnheitsrechtlich normirt und bestehen aus den
Inhabern der Bisthümer und der Statthalterschaften; diese Beamten sind
verpflichtet zu kommen, — ad se venire praecepit, sagt Fredegar c. 44
— sie stehen also im Dienste des Königs und handeln demgemass
pro utilitate regia; das Mittel, durch welches sie hier thätig werden,
ist consilium.
IL Ueber das rechtliche Wesen des Beichstags.
1. Begriff.
Zu der S.221 gegebenen Begriffsbestimmung sind Erläuterungen
hinzuzufügen, welche den Unterschied zwischen Beiehstag und anderen
königlichen Bathsversammlungen verdeutlichen sollen. Wir gehen hier-
bei von dem ihnen allen Gemeinsamen aus. Gemeinsam sind ihnen
der Verpflichtungsgrund der Dienenden, die inhaltliche Bestimmtheit
der Pflicht und die objective Bestimmtheit der zu berathenden G^en-
stände. Die Bechtssätze, welche hierfür gelten, erleiden keine Modifi-
cation, wenn sie auf die Versanunlung, die wir Beiehstag nennen,
Anwendung finden. Mithin kommt in dem Beiehstag ein Allgemeines
zur Erscheinung, und eine Darstellung des Staatsrechts dieser Zeit
würde die Aufgabe haben zunächst das allgemeine Becht des könig-
lichen Bathes darzulegen, ehe sie die einzelnen Bäthe erörtern darf;
sie würde dem Beiehstag unter den besonderen Gestaltungen, die auf
jener Grundlage ausgebildet sind, seinen Platz anzuweisen haben. An
die Behandlung des Beichstags lässt sich die Erörterung des grund-
l^enden Bechts ebenso wenig anknüpfen als sich zum Beispiel das
königliche Amtsrecht in eine Untersuchung der Grafechaftsverwaltung
verweben lasst.
Obwohl nach dem Gesagten das Becht des Beichstags kein eigen-
thümliches ist, muss er dennoch von anderen königlichen Bathsver-
Sammlungen unterschieden werden. Er besitzt ein specifisches Krite-
rium, welches ihn zu einer besonderen Art unter den Bathsversamm-
lungen macht: dieses Merkmal ist die Betheiligung von rechtUch.
feststehenden Dienstklassen in ihrer Gesammtheit. Dies und kein an-
Zur Geschickte des deutschen BeiehBtags im Zeitalter des KOnig^hums. 281
deies Merkmal unterscheidet ihn in der Zeit des deutschen Königthums
Ton sonstigen Bathsyersammlungen des Königs. Die nothwendi-
gen Dienstklassen werden sogleich besprochen werden^ an dieser Stelle
haben wir nur dem Begriff der Oesammtheit unsere Aufinerksamkeit
zuzuwenden. Oesammtheit ist nicht Vollzähligkeit, es ist kein nume-
rischer Begriff. Sind die Mitglieder einer Gruppe als solche in die
Lage versetzt zum Bathe zu konmien, so ist die Voraussetzung der
Gesammiheit gewahrt Es ist irreleyantf ob der eine oder andere von
denen, die zur Zeit zu einer der Gruppen gehören, aus rechtlichen oder
&ctischen Gründen ausgeblieben ist^). Ist ein Mitglied, weil es f&r
dieses Mal oder weil es dauernd von der Dienstpflicht befreit war,
nicht erschienen, ist ein Genosse durch Krankheit verhindert oder hat
er dem Befehl nicht Gehorsam geleistet, so wird die Voraussetzung
der Gesammtheit hierdurch nicht aufgehoben. Aus diesem Grunde wird
es möglich, dass dieselben Personen in dem einen Falle einen Beichs-
tag constituiren, in einem anderen aber nicht. Wenn wir von einer
Versammlung wissen, dass sie ein Beichstag war, weil die rechtlich
erforderlichen Gedammtheiten zu diesem Zwecke geladen waren, und
finden wir dieselben Manner, die dort zugegen waren, zu anderer Zeit
wieder versammelt, kennen wir femer alle Handlungen auf den bei-
den Zusammenkünften und stimmen sie ohne Ausnahme überein, ver-
mögen wir jedoch hinsichtlich der zweiten Vereinigung nicht festzu-
stellen, ob in ihr die Mitglieder der reichstaglichen Dienstklassen als
Gesammtheiten fungirt haben, so wissen wir nicht, ob die zweite Ver-
sammlung ein Beichstag war. Unwesentlich fär den Begriff ist ferner,
wie sich die Gruppen am Hofe eingefunden haben. Das Erfordemiss
einer formellen Beichstagsladung ist deshalb nieht entwickelt, weil eine
anderweitige Zusammenkunft der Mitglieder eintreten konnte. Waren
alle Mitglieder zum Kriege aufgeboten und eingetroffen, so stand kein
rechtliches Hindemiss entgegen mit ihnen einen Beichstag zu halten;
fehlte jedoch auch nur ein Beichstagsmitglied, so war ein Beichstag
unmögUch, freilich aber nicht ein Bath mit denselben Wirkungen wie
ein Beichstag.
Man sieht, was den Beichstag rechtlich charakterisirt, ist ohne
erhebhches juristisches Interesse, und nur deshalb wird das Eigen-
thümliehe dieser Versammlung eine erhöhte Bedeutung beanspruchen
dürfen, weil dasselbe das älteste Vorstadium des in dem spateren
standischen VerfEtssungsstaate bestehenden Beichstags gewesen ist
Es kann die Frage aufgeworfen werden, ob die Gegenwart des
<) YergL auch Arnold, Ghion. Slav. m, 18 f. SS. XXI, 160.
232 Siokel.
Königs zur Consiituirung eines Reichstags erforderlich sei. Ich stehe
nicht an die Frage zu verneinen. Das allgemeine YertretongsrecKt des
deutschen Königs greift auch hier Platz, weil ein beschrankender
Bechtssatz nicht nachzuweisen ist. Ein solcher Satz würde natürlich
nicht damit dargethan sein, dass eine Anwendung des Vertretungs-
rechts nicht erfolgt oder nicht überliefert ist. Ich will mich nicht auf
Ann. S. Petri Erphesf. 1160 SS. XVI, 22 oder auf die sächsische Welt-
Chronik c. 336 S.234 berufen, weil hier der Regent nur für einen ein-
zelnen Zweck eine Versammlung durch Bevollmächtigte abhalten liess,
aber ich glaube, dass nach dem Staatsrecht dieser Zeit ein begründe-
ter Zweifel an der Zulässi^keit der Vertretung nicht erhoben werden
kann. Die Thatsache, dass der König den Verhandlungen selbst nicht
beiwohnen muss, beweist freilich das Recht der Stellvertretung nicht.
2. Die Breiohfitagsmitglieder.
Zwei Arten der Theilnehmer sind zu unterscheiden. Die eine
wird aus den Mitgliedern gebildet, ohne deren gesammtheitliche Be-
theiligung ein Reichstag nicht zu Stande kommt, die andere besteht
aus solchen Personen, deren gruppenweise oder individuelle Zuziehung
möglich, aber nicht begrifflich nothwendig ist. Man kann die erstere
Klasse die der Reichstagsmitglieder im engeren Sinne oder der ordent-
lichen Reichstagsmitglieder, die zweite Gruppe die der ausserordent-
lichen Mitglieder nennen.
a) Die ordentlichen Mitglieder.
Durch allgemeinere und mit der Zeit wechselnde staatliche Zu-
stände gegeben, haben diese Mitglieder ihren Bestand mehrmals ge-
ändert Anfanglich vermögen wir zwei Klassen zu constatiren, ohne
dass wir quellenmässig die eine oder die andere als die ältere und
ur^^prüngliche zu erweisen im Stande sind. In dieser Urzeit umfasst
der Reichstag wesentlich die oberste Klasse der Regierungsbeamten
des Königs und die höchste Klasse der Beamten der Landeskirche.
Dort sind Grafen und Amtsherzoge, hier die Bischöfe ordentliche Mit-
gheder. Zu diesem merovingischen Bestände traten zunächst unter den
Karolingern die Aebte hinzu. Ihre Ho^flicht kann älter sein, aber
ihre gruppenweise Betheiligung wird erst in dieser Zeit gewohnheits-
rechtlich eingeführt^). Wo jetzt Capitularien oder Geschichtschreiber
^) Den Grund ihres Eintritts will ich hier nicht näher bestimmen, sondern
ich begnüge mich Zeugnisse für ihre Hofpflicht anzuführen. Eine der Eaupt-
quellen ist Lupus, ep. 18. 50. 55 S. S7. 92. 98 und beachtenswerth ist, dass er
ep. 78. 79 S. 119. 120 besondere LaduDg fordert. Ausserdem zeigen die Hofpflichtig-
keit z. B. JaflFö 1,182. 588. IV, 887» Vita Hludovici c. 45 SS. H, 688. Boretius, Cap. I, S50.
Zur Gretfbliichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des KGnigthums. 233
eine rollstandige Afigabe der wesentlichen Gesammtheiten versachen,
nennen sie mit einer Beständigkeit, welche über die rechtliche Auf-
fiissong keinen Zweifel lasst, Bischöfe, Aebte und königliche Begie-
ningsbeamte. Ein Gapitulare aas dem Jahre 779 eröffiiet die Beihe
der amtlichen Zeugnisse mit den Worten: congregatis in unum sino-
dali ooncilio episcopis, abbatibus' yirisque inlustribus comitibus, und
seitdem dauern derartige Bestimmungen lange Zeit fort^). In Trebur
berieth der König mit episcopis, abbatibus, comitibus et Omnibus regni
m principibus (Pertz, Leges I, 559 f,), er sass zu Bath mit omnibus
sui regni optimatibus, ducibus, marchionibus, satrapis et episcopis (Cos-
nuu n, 37) oder cum principibus totius regni, archiepiscopis, episcopis,
ducibus, marchionibus, palatinis, comitibus (AnnaL S. Disibodi 1131
Sa XVn, 242). Für das 11. Jahrhundert legt Buodheb IV, 247 ff. S.
225 (Seiler) Zeugniss ab:
misit praecones, satrapas comitesque vocandos
ad cnrtem yeniant quo regis —
illuc pontifices invitantur sapientes
abbatesque pii scioli bene consiliarL
Hatten Karolinger die nothwendigen Theilnehmer ihres höchsten
Baths um die Gruppe der Aebte Termehrt, so haben auch die Begen-
ten des deutschen Beichs eine neue Klasse hinzugefügt, der wir be-
reits in mehreren der Torgelegten Zeugnisse begegnet sind. Der Volks-
herzog, welcher während des frankischen Beichs nicht in solche Ver-
Pertx, Leges II, 60. Mon. Boica VI, 167. Wilmana, Kaiserurkunden II. 819. Conr.
de Fabaria, cas. oontin. c 18, Mittheilungen XVII, 192. Mittelrhein, ürkundenb.
I, 849. Chron. Lauresham. SS. XXI, 485.
«) Boretiua, Capit. I, 47. 71. 116. 170. Pertz, Leges I, 454. 478. Chron.
MoiKiac S18. 816. 817 SS II, 259. I, 812. Annal. Bertin. 880. 888, S. 2. 17 (1888)-
Fredegar c. 186. Agobard, op. II, 78. Hincmar, de ordine palatii c. 85.
•) Jedoch nimmt die Festigkeit der alten Bezeichnungen merklich ab. Die
Aebte werden ausgelassen, von den übrigen Klassen wird mitunter nur die eine
oder andere mit Namen genannt. Archiepiscopi. episcopi und duces et comites
werden aofgezählt Erhard, cod. Westf. I, 128. in conventu totius regni tam epis-
coporum quam comitum et procerum. 916 Sloet S. 74, wo Ottos L Nachschrift statt
regni populi einsetzt, Th. Sickel, Dipl. I, 194. Regnum ist öfters in diesem Sinne
gebraocht, z. B. von Ekkehard 1106 SS. VI, 280 totius regni Teutonid conven-
tö8, ich sehe darin eine Aeusserung der Objectivität der Einrichtung. Die Quellen
sind übrigens schon seit karolingischer Zeit von ungleichmässiger Fassung, so
heben die weltlichen Beamten mit ihrem Amtstitel hervor Ann. Lauresh. 802 SS.
I, 89. Pertz, Leges I, 405 c. 1. 7, oder nennen Geistliche Boretius, Cap. I, 850.
Leges I, 888. 511 c. 1, wogegen sie deren weltliche Genossen unter einem allge-
meinen Ausdruck zusammenfassen, Bouquet VIH, 445. Vita Convoionis c. 6, Ma-
billon IV, 2, 190. Ann. Quedlinb. 1020 SS. m, 85. Cosma« III, 55. Ann. Reichersp.
1160 88. XVn, 467. Ann. Pegav. 1176 SS. XVI, 261. Arnold, Chron. Slav. III, 19.
MitUieUoDgen, Srfinsimgsbd. I. X$
234 STckel.
bindung mit dem König gesetzt war, dass er ordentliches Mii^lied des
Eeichstags wurde, ist jetzt nicht nur ho^flichtig, sondern auch Beichs-
tagsgenosse. Sein Eintritt hat die alte Versammlung nur um eine
neue Gruppe bereichert i).
Zu derselben Zeit, wo ein Theil unserer Quellen eine mehr oder
weniger genaue und erschöpfende Elassification der Beichstagsmitglie-
der überliefert, bedienen sich andere Berichte einer Art der Bezeich-
nung, welche jede Unterscheidung aufgibt und uns nichts als unbe-
stimmte Worte gewährt. Der Sprachgebrauch der merovingischen Zeit
dauert hier fort. Wir erhalten eine betrachthche Anzahl von Wen-
dungen, welche nur sprachliche Differenzen sind. Es treten auf opti-
mates*) oder proceres^), primores oder magnates*). Ordentliche und
ausserordentliche Mitglieder können hier unter einer Benennung zu*
sammengefasst sein. Natürlich büssen die klassificirenden Angaben
ihren festen Sinn nicht ein, wenn neben ihnen unbestimmte vorkom-
men, jene dienen vielmehr dazu, diese zu verdeutlichen. In derselben
Lage befinden wir uns Jahrhunderte hindurch einem Ausdruck gegen-
über, welcher, einst gleichbedeutend mit den vorigen, später technisch
werden sollte. Fürsten, principes heissen die Mitglieder, als es noch
kein Für^tenamt gab, sondern nur Grafen, Amtsherzoge, Markgrafen,
Yolksherzoge, Bischöfe und Aebte bestanden. Mit seinen principes hat
ein Merovinger ein Volksrecht berathen (Leges III, 269), der Konig
hat seine principes, die principes seines Königreichs versammelt*).
1) Dem Inhalt ihrer Rechte pflicht nach fungiren sie im Beichtagsdienst nach
Massgabe des für die bisherigen Mitglieder geltenden Rechts, aber factisch wer-
den sie, wie sich versteht, gewichtiger sein als der grösste Theil ihrer Genossen.
So ßagt Lambert 1076 SS. V, 246: nuUus aderat supradictorum duciim, a quibue
rei publicae periculum timebatur et quorum potissimum auctoritate, si res tran-
-quillae essent, summam publicorum negociorum disponi oportuerat, vergl. 106 S S.
166 und Bemold 1078 SS. V, 429. Sie helfen dem Könige bei der Bildung sei-
nes Urtheils wie Andere (Stumpf, acta S. 91. Petrus, Chron. Casin. IV, 104 SS.
Vn, 817) und werden wie sie entboten, vergl. Giesebrecht UI, 1248.
«) Fredegar cont, c. 125. Nibelungus 761 SS. XX, 4. Boretius, Capit. I, 111.
Einhard, ann. 822. 825 SS. I, 209. 218. Fertz, Leges I, 488. Regino 906 SS. I,
611. Ann. Quedünb. 984. 1021 SS. III, 66. 88. Ann. Altah. maj. 1045.
B) Vita Stephani IL a 29, Vignolius II, 106. Fredegar cont. c. 180. £inhard
ann« 828 SS. I, 210. Einhard TransL, Acta Sanctorum, Juni I, 189. Hincmar c.
84. Gesta abb. Trudon. SS. X, 848.
*) primores Ann. Hildesh. 1087. primarii Thietmar Ü, 20 SS. III, 758. primi
YitaAnnon. U, 15 SS. XI, 489; Ann. Quedlinburg. 984 SS. III, 66. primates Bruno
0. 66. Wartmann, Urkundenb. II, 828. Anon. Haser. c. 88 SS. VII, 265. magnates
Ekkehard 1114 SS. YI, 247. Generalitas universorum majorum tam clericorum
quam laioorum Hincmai' c. 29.
») Ann, Fuld. 852 SS. I, 867. Mir. S. Wigbert. c. 5 SS. IV, 225. VitaMahtild.
Zur Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Eönigthums. 235
Deutlicher erscheint die Fürstenversammluiig als Beichstag, wo sämmt-
liehe principes ^), die principes des ganzen Keichs^), »alle* principes
des Königreichs^) anwesend sind. Die Inhaber der Beichsfurstenämter
weiden jetzt die ordentlichen Beichstagsmitglieder; dort isi^der Beichs-
tag, wo principes imperii consistunt, hat Friedrich II. 1226 erklärt
(Huillard II, 630); ihnen ist der Beichstag anzusagen (sächs. Landr.
m, 64, 1), generaliter et specialiter sind singali principum zu
yen (1236 Zahn, Steir. Urkb. U, 444, vergl. Jaffe I, 55. Huillard
VI, 169). Die Hofpflicht ist ein Bestandtheil der Pflichten des Für-
stenamts und die Beichstagspflicht ist eine Anwendung der Hof-
pflicht^). In dieser Zeit hat der Beichstag die grösste Gleichartigkeit
aeiner ordentlichen Mitglieder erreicht, welche er in historischer Zeit
besessen hat.
In Folge der Bückwirkung, welche das BeichsfUrstenamt auf die
Beichstagsmitglieder geübt hat, wurden ordentliche Mitglieder in die
Klasse der ausserordentUchen versetzt, und hierdurch ist wohl zuerst
die Formation neuer wesentlicher Klassen verursacht worden^).
b) Ausserordentliche Mitglieder.
Indem die königliche Begierungspraxis den Beichstag entstehen
hat sie sich selbst in der Weise beschränkt, dass sie dem
c 10 SS. X, 578. Ann. Altah. m%j. 1041. Lambert 1069 SS. V, 175. Mansi XXI,
446. Dümg6 S. 146. Richer III, 72. Pertz, Leges II, r,4 f. Annal. Scheftlar. 1200
SS. XVn, 889.
*) Omnes, universi, cuncti principes Jaff6 III, 149. Alpert, ep. Mett. c. I, SS
IV, 697. Vita Heinrici II. SS. IV, 819. Ann. Altah. 974. Sigeb. cont. 1168 SS. VI,
410. Pertz, Leges II, 60. Huillard V. 184. omnis principatus Thietmar III, 14.
*) Ann. Altfth. 1042. 1068. Ann, Saxo 1087. lior. SS. VI, 724. 788. Ekke-
bard 1121 SS. VI, 257. Ann. S. Disibodi 1188 SS. XVII, 25.
») Dronke, cod. Fuld. S. 288. Ebo, vita Otton. I, 16 SS. XII, 838. Jaff6 V,
142. Wipo c. 88. Lambert 1076 SS. V, 241. 246. Thietmar II, 24. IV, 6. Otto •
Fris. cont Sanblas. c. 18. Ann. Opatow. 1158 SS. XVII, 658. Pertz, Leges II,
186 f. Ann. Reinhardsbr. S. 41 (Wegele). Ann. Magdeburg. 1188 SS. XVI, 195.
Huillard IV, 267.
<) Zum Beweis des Reichsfürstenamtes wird angeführt, dass sein Inhaber
▼isitat curias des Königs, Gerlacus 1182, Font. rer. Bohem. II, 480. Friedrich I.
erliess dem Bänenkönig die Pflicht curiam communi principum more petere, Saxo
Gr. XVI 8. 780 (Müller). Das Rolandslied 8674 ff. sagt: ther keiser gebdt einen
bof, mit micheleme filze kdmen thie fursten alle gemeinliche. Vgl. Braunschw.
Beimchron. 5589. 5696 S. 529 f.
') Ich glaube bemerken zu sollen, dass ich in den vorigen Anmerkungen
alte und neue Zeit nicht unterschieden habe, weil die Entstehung des Reichs-
f&ivtenthums noch zu wenig aufgeklärt ist, als dass sich gegenwärtig eine Son-
denmg durchführen liesse. Die fast lexicographische Zusammenstellung weist
wenigstens Quellen nach.
16*
236 S i c k e 1.
Staate einen höchsten Bath gab, dessen wesentliche Mitglieder sie
nicht mehr nach Willkür bestimmte. Allein die Beschränkung war eine
sehr unvollständige. Weder entzog sie dem König die Befagniss mit
anderen Männern jede Angelegenheit endgültig zu berathen noch rer-
wehrte sie ihm, von Beichstag zu Reichstag ausserordentliche Mitglie-
der als Bathgeber eintreten zu lassen. Der Beichstag hat sich der
königlichen Oewalt gegenüber nicht abgeschlossen. Es ist das Er-
messen des Monarchen, welches Dritte zur Theilnahme befiehlt oder
zulässt und ihren Antheil an der Berathung festsetzt^). Ein Einladungs-
schreiben aus dem Jahre 1084 hat einen Gesichtspunkt für die ausser-
ordentliche Mitgliedschaft aufgestellt: huic coUoquio omnes regni prin-
cipes nostri fideles intersunt et praeterea omnes, quorum nobis utilis
declaratur aut fides aut consilii Providentia (Cod. TJdalr. 70, Jaffe V,
142). Es ist hier nicht der Ort das bunte Bild eines mittelalterlichen
Beichstags auszuführen, es ist nur daran zu erinnern, dass der Beichs-
tag während dieser Epoche auch in seinem Personalbestande noch von
der königlichen Gewalt nicht unabhängig war. Vasallen und Ministe-
rialen, hofpfiichtig, weil sie einst Hausleute des Dienstherm gewesen,
sind zum Beichstagsdienst befohlen; Bitter und Mönche und Ausländer
haben dort hin und wieder ihren Platz eingenommen.
Das rechtlich unbeschränkte Belieben des Königs, welches den
ausserordentlichen MitgUedern Sitz und Stimme verleiht, ist nicht iden-
tisch mit grenzenloser Willkürlichkeit. Es werden sich Grenzen aufi&eigen
lassen, innerhalb welcher sich die Praxis mit grösserer oder geringerer
Beständigkeit bewegt hat, und diese Grrenzen haben natürlich Gründe,
vielleicht viele und gewichtige, aber Bechtegründe haben sie nicht.
Wer die spätere Geschichte des deutschen Beichstags untersucht, wird
diesen Vorgängen nachzuforschen haben. Für den Zweck dieser Ab-
handlung ist ein Eingehen auf derartige Selbstbeschränkungen nicht
am Platz.
Die nähere Betrachtung der ausserordentlichen Mitglieder führt
zunächst auf den Hof zurück. Männer, welche den König in seinen
täglichen Geschäften beriethen, werden auch zu grösseren Berathungen
i) Vergl. Hiiicmar, de ordine palatii c. 29. 82. SS. electos populi zog der
König zu, Ermoldus Nigellus I, 118 SS. II, 469. Nach unserer Zeit berichtet
Berthold von Regensburg II, 212 Pfeiffer: swd. ein keiaer hof h&t, d& setzet man
die ftlrsten aller naehste zuo dem keiser und biutet in die groesten ^re und dar
nach die lantherren und dar nach ritter und sd getan volc Vgl. schwäb. Landr.
W. 117. Hist. mon. Rasted. c 4 SS. XXY, 498: imperator cum omnibus prind-
pibus, comitibuB et baronibus Teutonie generale celebrare oonsilium. Pertz, Leges
[I, 899 f. 1275 Olenschlager, Güldene Bulle, ürk. S. 88.
Zur Geschicbte des deutsohen Reichstags im Zeitalter des Eönigthums. 237
oft zogezc^en sein. Allein wie weit die rechtliche Möglichkeit Theil-
nehmer zu gestatten sich ausgedehnt hat, bestimmen die Quellen nicht
principiell. Umfassend ist der Gebrauch gewesen, welchen die Regie-
rcmg Yon dieser ihrer Befugniss gemacht hat, den rechtlichen Umfang
derselben müssen wir jedoch erschliessen aus dem Wesen der könig-
lichen Gewalt und aus der rechtlichen Stellung des Beichstags und
Tenuittelst der so gewonnenen Ergebnisse haben wir die Bedeutung
einzelner Vorkommnisse zu ermessen^).
') Die Bftthe des Königs sind so mannigfidtig, dass sie kaum su erschöpfen
sind. Die folgenden leicht zu vermehrenden Notizen, unter denen einige sich auf
ordentliche Mitglieder beziehen, können eine Anschauung dieser Seite des deutschen
Königthums geben. — *) Consiliarii Nithard I, 6. Thegan c. 20 SS. 11, 695. Vita
flludoTici c. 59 SS. n, 644. Vita Walae II, 14 SS. II, 561. Vita Rimberti c. 21
SS. n, 774. Hincmar c. 25 f. 81 ff. Boretius, Capit. I, 208. Ann. Fuld. 858. 874
SS. I, «71. 886. Widukind HI, 15. Petrus Damiani ep. VII, 8, op. I, 120. mutato
regne mutatis etiam ut solet amicis et consiliariis, Vita Meinweroi c 198 SS. XI,
loS. In aula regia nutriti — ipsoque rege dignissimi. oonsilio enim pollebant,
pmdentia florebant ideoque regis presentia nunquam carebant, Jocundus c. 48 SS.
Xn, 106. Der König wird getadelt, weil er mit consilio von inferiores regierte,
anstatt optimates zu Rath zu ziehen, Ann. Altah. 1072. Lambert 1078 SS. V, 196.
Bruno, de hello Saxonico c 10. 11. 14. 20. 57. 81. Wipo c. 4. palatinorum sena-
tna, Sigebert, vita Deoderici c. 8 SS. IV, 466. con?ocatis suis consiliariis, Berth.
1075 SS. V, 281. recollectis undique consiliariis suis placitum optimatum suorum
temerarius postposuit, das. 1076 S. 287. des riches rätgebe, Eaisercfaronik 17018
Schröder. Otto 11. schenkt 974 per interrenlum — oonsiliariorum nostro-
nim, Wiegand, Strassburg. ürkb. I, 84. Das Wesen des deutschen Königthums
lisat Ausl&nder auch im Reichstag zu, vergl. 994 Leibniz, Ann. III, 602 f. Ann
Saxo 988 SS. VI, 680. Ann. Quedlinb. 984 SS. III, 66. Otto Fris., cont. Sanblas.
c 26. Asseb. ürkb. I, 91. — ") Leitende oder wichtige Rathgeber waren z. B.
Adaldag unter Otto I., einer seiner dilectissimi consiliarii, Cod. Langob. diplom.
187S 8p« 1181, oder summus consiliarius, Cappelletti XV, 241, apud quem summa
ooDsiliorum pendebat, Adam Brem. II, 9. Ein Graf de consiliis princeps erat pri-
mos, Vita Alberti Leod.c. 4 SS. XXV, 141. nemo in omni regno potentia, consilio
et familiaritate regis eum praecederet,^Alpert, ep. Mett. c 1 SS. IV, 699, rergl.
c. 11 8. 706. Inter aulicos et imperii oonsiliarios primus, Sigebert, Vita Deoderic-
c 22 SS. IV, 482. inter primos consiliarius, Anselm Leod. II, 25 SS. VII, 20S
Otto Fris., ehr. VII, 14. — "*) Kirchenleute rathen, Mabillon, acta SS. II, 844,
befinden sich etwa unter palatini consiliatores Mone, Anzeiger 1888 S. 211, in
emem oonsiliariorum coetu, Anselm II, 50 SS. VII, 219 f. consjliis hominis carere
non poase republica tota personante abbatis sui permisso rez eum iterum in
aalam assumsit, Gas. s. Gkilli c. 10, Mittheilungen XV, 87. Norbert von Magde-
burg, oonsilio proyidus, begleitet den König pro utilitate reipublicae per diversas
corias in Germania, Chron. Magdeb., Meibom II, 827. Ein Geistlicher war secu-
lariam negotiorum industria insignitus, das. S. 826 oder in negotiis publicis et
privatis comes inremotissimus, Vita Meinwerd c. 9 SS. XI, 111, vergL c. 208
8. 156, so dass ein solcher consiliis giatanter admitteretur, Vita Leonis IX. I, 6,
238 S i c k e 1.
Wir haben mit der letzten Erörterung das eigenthümliche Bereich
des Beichstags verlassen und sind in das Gebiet des allgemeinen Bechts
des königlichen Raths gelangt, aus welchem wir uns hinfort nur aus-
nahmsweise wieder entfernen werden. Indem die folgenden Blatter
Beiträge zum Recht des Königsraths grösstentheils auf Grund der Be-
richte, welche über den B>eichstag vorliegen, liefern und demnach das
Allgemeine mittelst einer einzelnen concreten Verwirklichungsweiae zu
bestimmen suchen, scheinen sie in Widerspruch mit der S. 230 abge-
gebenen Erklärung zu treten. Sollte es jedoch nicht erlaubt sein solche
Yorstudien zu einer Darstellung des mittelalterlichen Staatsrechts zu
veröffentlichen ?
8. Beohtliches VerCältniss der ondentlichen Beiohstagamitglieder
Bum König.
Dieses Verhältniss kann nur von einer Seite aus erkannt werden.
Es ist jeder Bestimmung unzugänglich, so lange man versucht sich
ihm von Seiten der Berechtigung zu nähern, es wird nur verständlich
von der Seite der Pflicht. Pflicht ist es, welche zwingt an den Hof
zu kommen, die Pflicht nöthigt die Erf&llung dieser Obliegenheit auch
eidlich zuzusichern und sie gebietet imBathe des Königs nach bestem
Wissen und Gewissen thätig zu werden. Beichstagsdienst ist Königs-
dienst. Wie die Grafen, die älteste Gruppe der weltlichen Bathgeber,
dem König gegenüber nur verpflichtet waren, so sind auch ihre Ge-
nossen im Beichstag nur unter diesem Gesichtspunkt rechtlich zu be-
trachten.
Watt Brich I, 1S4 vergl. S. 149 oder sine ipsius consilio raro aliquid Btatoeretur,
Vita Burchardi c. f. SS. IV, 888. Vergl. Adam Brem. III, 80. Giesebrecht II[, ItJoS.
— t) Vasallen, als solche nicht oft erwähnt, urtheilen z. B. um 1240 Ennen und
Erketz, Quellen II, 299 mit Anderen. Von hißtorischem Werth ist, dass Nibelung.
49, 1. 146, 4. 147, n. 444, 2. 445. 1S90. 1897. 1898 und Kudrun 664, 1 Mannen
auch Königen rathen. Vergl. ann. Bertiniani 870 S. 110: 4 episcopos et 10
consiliarios et inter ministeriales et vasallos 80 — ad oolloquium. — tt) liberi,
nebst Anderen urtheilend 1195 Höhlbaum, Urkb. I, 28, mitrathend 1187 Pertz,
Leges II, 188, später die »vrlen* schwäb. Landr. L. 124, W. 105, auch Trouillat
I, 880 genannt, stehen auch Sachsp. III, 19 vor den Reichsdienstleuten. —
ttt) Dienstmannen sind häufig bei Urtheilen aufgeführt, z. B. Asseb. ürkb. I, 91.
Höhlbaum, Urkb. I, 28. Wirtemb. Urkb. IIl, 44. Pertz, Leges II, 564. 164.
Hodenberg, Verd. GQ. II, 52. 57. 59, Huillard H, 888; bei einem Landfrieden
Böhmer, acta S. 180. Sie stehen unter den Zeugen 1180 Wilmans, KU. II, SS6,
und berathen 1187 Pertz, Leges II, 188, Chron. Ursperg. SS. XXIII, 870; 12S2
als consiliarii curie Pressel, Ulm. Urkb. I, 58. Sie sind im säcliB. Landr. III, 19
und im schwäb. a. a. 0. namhaft gemacht.
Zur Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Königthums. 239
Wir unterscheiden die Pflichtigkeit, den Yerp flichtungsgrund und
den Inhalt der Pflicht
a) Die Pflichtigkeit
Soweit wir den Reichstag historisch zurftckrerfolgen, begegnen
vir der Bechtsauffiissung, dass die Mitglieder nicht ein Recht ausüben,
wenn sie zur Versammlung kommen, sondern eine Pflicht erfüllen, die
sie dem Eonige schulden. Sie werden zum Dienst befohlen, ohne dass
die Verschiedenheit der Klassen einen unterschied macht ^). Sie nen-
nen es ihre Dienstpflicht, ihren Herrendienst, ihren Hofdienst Meam
debitam servitutem hat Hincmar, op. I, 584 seinen Hofdienst genannt;
Bischöfe herilis serritii gratia curti aderant, Vita Godehardi pr. c. 85
SS. XI, 193 und ein Bischof war aulico quamvis invitus servitio detentus,
TransL s. Epiphanii c. 7 SS. IV, 250 >). Das Verf&gungsrecht, welches
dem Könige über seine staatlichen Befugnisse zusteht, ermöglicht es,
dass ein gänzlicher oder iheilweiser, persönlicher oder dauernder Erlass
des Dienstes Pflichtigen bewilligt wird«).
Zwei Rechtsfolgen der Hofjpflicht sind besonders beachtenswerth.
Karl der Kahle hat in das Eidesformular, nach welchem ihm zu
Gondreville Bischöfe und Laien schwuren, die Erklärung au&ehmen
lassen, dass ein jeder mit seinem Rath seiner Regierung Unterstützung
geileren würde, und solche ausdrückliche Versprechungen, die Hof-
pflicht bestmöglich zu erfüllen, sind wiederholt abgelegt, Pertz, Leges
I, 457. 518. 529. 583. 543^). Man ersieht hieraus nicht nur, welchen
Werih die R^erung auch auf diese Dienstleistung legte, sondern
wird, wenn man sich der geltenden Dienstpflicht und der bestärken-
den Bedeutung solcher Eide erinnert, darin eine Bestätigung der Rechts-
ansicht, dass die Pflicht selbst ausser allem Zweifel stand, erblicken
dürfen, üeberzeugender ist freilich eine andere Gonsequenz. Königs-
dienst steht unter Königszwang und Königsstrafgewalt und Zwang
und Strafe dieser Art sind der freien Entschliessung des Regenten
0 VergL z. B. Fredegar c. 44. Nibelungus 761 SS. XX, 4. Einhard. ann.
882 82S SS. I, 209. 210. SmaragduD, Vita Bened. c. 55, Migne GIII, 881. Lupus,
ep. 18. 50 S. 87. 92. Dronke S. 288. Lambert 1069. 1076 SS. V, 175. 246. Cosmas
m, 55. Vita AxmoniB II, 12 SS. XI, 488.
*) Sie sind in obseqnio, Boretius, Capit I, 71 c. 1, sie müssen curiam rega-
lem petere, Mittelrliein. Urkb. I, 849, es ist palatina servitus, 912, Th. Sickel,
Dipl I, 6, Mls in dieser Königsarkunde nicht auf ein anderes Yerhältniss Bezug
genommen ist.
•) Mohr, cod. dipL 1, 199. 244. 1156 Mon. Germ., SS. XVII, 888. Jiredek,
codex juris Bohemid I, 89 c. 6. 194 c 5.
«) VergL Conrad de Fabaria c 85, Mittheilungen XYII, 229 f.
240 S i c k e 1.
auheimgestellt. Auf den Hofdienst ist dieser Grandsatz unstreitig zur
Anwendung gebracht. Lupus ep. 18 S. 37 schrieb, periculosum sei es,
dem Befehl Hofdienst zu leisten nicht zu gehorchen. Der unfolgsame
ist reus majestatis (Jaffe Y, 474) oder mit anderen Worten^ den Wor-
ten eines Königs^ regiam in hoc injuriam yindicabo (Sudendorf^ Seg.
n, 129). Es ist die arbiträre Bestrafung des saumigen Dienstpflichti-
ge]!, welphe dem Könige gegen den, welcher eine öffentliche Pflicht
nicht erfüllt, auf die er berechtigt ist, nach dem Bechte des deutschen
Königthums zukommt. Die Androhung: te interesse sub obtentu gpratie
nostre precipimus (1178, Mon. Boica VI, 186) besagt dasselbe wie der
Vorbehalt emendam recipere, que consona fuerit racioni (1296, Wiener
Sitzungsberichte XIV, 183) oder die Klausel: nullius in hoc negligen-
tiaaa. aequo animo sufferemus (Pertz, Leges II, 60). Immer liegt ja
ein Dienstvergehen unmittelbar gegen den König Tor, und die Auf-
fassung, dass ungerechtfertigtes Nichterscheinen eine schwere Ver-
letzung der Dienstpflicht ist, äussert sich auch iu einer Frage, welche
CosmasIII, 56 den König stellen lässt: quaenam major potest esse in-
juria, quam quod ipse yocatus non Tenit ad nostra ooncilia? So erklärt
sich die Straffestsetzung, welche im Jahre 1218 getroffen wurde: qui-
cunque de principibus tocius imperü curie non intererit supradicte,
terra privari debeat et honore, nisi persone manifesta lesione detentus
fuerit yel magna infirmitate gravatus. Winkelmann, acta S. 128^).
Hier verdient noch eine Erscheinung besonders erwähnt zu wer-
den. Der König hat Bathspflichtigen geboten bei dem Eide, ihm in
einer einzelnen Sache ihre Hülfe zu leisten. Subito rex inquisivit prin-
cipes sub sacramento regalis justiciae, quodjustum esset, se jam de hac
re agere, erzählen Ann. Altahens. 1070. Es ist, als der Papst von den
Heinrich IV. geleisteten Eiden entbunden hatte, die Frage gestellt
worden: Quomodo regere populum potest, qui in agendis causislega-
libus neminem ad faciendum justum Judicium sacramenti obligatione
constringere potest^)? Wir haben hier nicht ein besonderes rechtliches
Verhältniss vor uns, sondern nur eine besondere Anwendung einer
allgemeineren Hofdienstpflicht. War das Misstrauen die Ursache aller
^) Weitere, aber das im Text Gesagte nur bestätigende Quellenstellen fin*
den sich Pertz, Leges IL, 98. 128. Otto Fris., gesta 11, 29. Sachs. Landr. UI, 64.
Schwab. Landr. L. 188. W. 117. Justinus, Lippiflorium 848 ff. S. 180 Laubmann:
Caesar concilinm celebrare volens generale — püblicat edictum, legatos mittit,
acerbat poenam, ne spemat quis sua jussa, jubet
*) Harzheim UI, 752. Urtheile sind einzubringen bei dem Eide Böhmen
Fontes I, 220. IV, 594. Beinhart 1418 ff. 1619 ff. S. 74. 81 (Grimm) und Schwan-
ritter 506 f. Vgl. Richer IQ, 82.
Zur Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Königthums. 24*1
Eide, so war es zweckmässig gelegentlich daran zu erinnern, dass die
Erf&llung einer Pflicht eidlich zugesichert sei. Es sind Urtheilsbefehle
aach schlechthin sub obtentu gratiae et fidelitatis, per fidelitatem und
per oboedfentiam ergangen'), wie analog bei der Ladung zur Hoffahr k
auf die schuldige fides Bezug genommen ist'). Das unterliegende
ßechtsverhaltniss tritt hierbei nicht heryor, auf seine Yerschiedenhei
Iiat bereits das sächsische Landrecht III, 19 aufinerksam gemacht
b) Der Verpflichtungsgrund.
Dieser Punkt bedarf keiner ausführlichen Erörterung'). Gründet
sich die Verpflichtung zum Hofdienst bei Grafen, Amtsherzogen, Mark-
grafen auf die Amtspflicht und haben wir ihre Hofpflicht in die An-
lage ihres Bechtsyerhältnisses zurückzuversetzen, ist femer die Hoffolge
der Volksherzoge wohl eine Lehnspflicht, so wird umgekehrt die Dienst-
pflicht der Geistlichen nicht aus einer Totalität juristbcher Unterwor-
fenheit unter den König abzuleiten, sondern als eine für sich ent-
stehende und eine Zeit lang für sich bestehende Obliegenheit auf-
zo&ssen sein. Allein je weiter die Ausbildung eines allgemeinen
Eonigsdienstes bei der Geistlichkeit Torrückt, um so mehr wird auch
ihr Rathsdienst als ein einzelner Bestandtheil, als eine besondere
Aeosserung der als (Ganzes gedachten Verpflichtung angesehen wer-
den, bis endlich auch hier der Unterschied, welcher ihren Hofdienst
▼on dem der weltlichen WürdeutiiLger getrennt hatte, ^nzlich hin^
weggealtert ist Aber woTon hing es ab, dass die Bischöfe unter den
Meroyingem zu dem Hoflager kamen? Haben sie nicht zuerst frei-
willig dem Ersuchen des Regenten entsprodien, bis sie durch ihr fort-
gesetztes gleichmässiges Verhalten, durch ihr eigenes ELandeln sich
selbst die Dienstpflicht gewohnheitsrechtlich auferlegt haben? Ihre
Folgsamkeit würde sich aus mehreren Ghründen erklären lassen. Poli-
tischen Einfluss zu erlangen, zu yermehren, zu befestigen, die Führung
der Regierung zu christianisiren — wo hätten sie bessere Gelegenheit
gehabt? Durch stetige Theilnahme am Staat, durch staatlichen Dienst
haben sie sich staatliche Rechte verdient Aber an welche Voraus-
setzungen auch ihr Eintritt in den Hofdienst geknüpft gewesen sein
mag) das Torhandene Recht der Rathspflicht ist durch sie offenbar
I) Trouillat I, 244. 879. Bresslau, Dipl. S. 114. Aneelm II, 58 88. VU, 224
») Vgl. 1274 f. Pont. rer. Atistr. II, 25, 241 und Gtetbert, Cod. Rud, 8. 80.
*) YergL QiBlebert 88. XXI, 554: als im Jalure 1187 sowohl der König von
Frankreich als der König Ton Deutschland denselben Grafen zu einer zwischen
ihnen zu veranstaltenden Zusammenkunft luden, licet nemini illorum hominii
fidelitate obligatus esset, tarnen, quia de imperio erat, ad d. imperatorem trau*
»Vit et cum eo in ooUoquio illo fhit et — foit oonsiliarius.
242 S i c k e 1.
nicht modificirt, es hat nur seine Anwendbarkeit auf sie erstreckt.
Wie spater die Yolksherzoge wohl die älteste Gruppe unter den ordent-
lichen Mitgliedern, die nach Lehnrecht diente, dem Beichstag keine neue
Gestaltung gegeben haben, so hat auch der Bischof auf die geltende
Bathspflicht keine rechtsbildende Einwirkung geübt. Diese ünTerander-
lichkeit, dieser Mangel einer eigenthümlichen, kampferregenden, fort-
bildenden Auffassung, müssten sie nicht befremden, wenn die Beichs-
tagsmitglieder ein Becht auszuüben hätten, da ihr Bechtsverhältniss
zum Monarchen ehemals ein dreifaches war? Geht hingegen ihre
Thätigkeit völlig in dem Gesichtspunkt einer Pflicht auf, so hört jene
Thatsache auf auffiJlend zu sein, weil der Inhalt einer Pflicht auch
bei verschiedenem Yerpflichtungsgrund unschwer ein und derselbe
sein kann. Um so leichter wurde es an die Stelle der bisherigen Ver-
pflichtung die lehnrechtUche zu setzen.
Die Verhältnisse, in denen die ausserordentlichen Mitglieder zum
Könige standen, haben f&r uns kein weiteres Interesse, als dass wir
an ihnen die rechtUche Möglichkeit gleicher Bathspflicht und unglei-
cher Dienstart beobachten: der Vasall dient wie der Ministerial im
Eönigsrath, auch ihre Thätigkeit ist inhaltlich gleich.
c) Inhalt der Pflicht,
üeber den Inhalt der Pflicht liegen so zahlreiche und, wenn wir
von stilistischen Differenzen oder geringfügigen Modificationen ab-
sehen, so übereinstimmende Zeugnisse vor, dass wir es bei einer Aus-
wahl derselben bew«nden lassen.
untersuchen wir die Ausdrucksweise der Quellen, so trefien vrir
auf eine sehr gleichmässige Benennung der Diensthuenden und des
Dienstinhalts. Die Dienenden heissen consiliarii^), senatores^), vereinigt
senatus^). Ihre Thätigkeit wird entsprechend consilium genannt^). In-
^) Hincmar c 80. BoretiuB, Capit. I, 53. Perto, Leges I, 446 c 12. Ann.
Bertin. 884 S. 8. *) Hincmar c. 84.
<) Boretius, Cap. I, 850. Ermoldus Nigellus II, 288 SS. II, 488. Ann. Quedlinb.
1014 SS. in, 82. Ekkebard 1115 SS. VI, 249. Vergl. Poeta Saxo I, 179 f., Jaff6
IV, 549, und die Stellen bei Waitz VI, 820.
«) Fredegar c 180. BoretioB, Capit I, 29 c 8. Fertz, Leges I, 408 c. 6. 471
C 10. 457. 468 C. 9. 500 C. 5. 509 C. 8. 518. 529. 587. 541 c 2. 548. 550. II, 27.
137. Hincmar c. 29. 80. Ermoldus Nigellus I, 118 f. SS. H, 469: culmina regni
quorum consilüs res p^ragenda manet. Thietmar VI, 86. Ann. Quedlinburg. 1014
SS. III, 82. Ann. Altah. 974. 1044. Sigebert cont 1168 SS. VI, 410 f. Ein König
spricht den Wunsch aus, ut in amministratione regni nobis consilium et oportu>
num a4Jutorium ferant, Jaffg, Konrad lU. 1845. S. 219 und ein Papst ermahnte
Rathspflichtige : dem Könige opem et consilium unanimiter praebeatis, Cod. Udalr.
242, Jaffg V, 420. Ein Dienstb^ehl lautet : consilio et auzilio nobis assistas, Jaff6
Znr Geschichte des deutschen Reichstags im 2Seit alter des Eönigthums. 243
digemos, so äussert sich der König, als er einen Pflichtigen zum Dienst
befiehlt, prudentiae tuae discretione ac consilio (Cod. üdalr. 254, JaffeV,
437); plurimum consilii tui pradentissimi et auxilii indigemus (Jaffe Y,
176); er ladet zmn Bath consüium habiturus, consilium quaerens (Ann.
Altah. 1041. 1042), damit commoni consilio deliberaretur (Lambert 1076
SS. V, 241).* Eilhart Ton Oberge 1226 ff. S. 75 Lichtenstein dichtet:
do besante der koning sine Yorsten
und bat sie getrüwei* rSte,
waz he zu dem bestin t^te.
Ein jeder räth nach eigener üel)erzeugung, nach seinem besten
Wissen und Gewissen, ex proprio mentis intellectu Tel sententia, unus-
qtiisque ut sibi melius visum fuerit loquatur, Hincmar c 29. Fertz,
L^e8l,540c. 22. Wer seine Pflicht thun wollte, «sinen willen sprach,
als im sin bester sin verjach', Wolfram, Pars. 424, 11 f.
Mehrere Könige haben erklärt, sie könnten ohne den Rath der
Ersten ihres Reiches nicht regieren. Solche Aussprüche, welche wir
schon S. 226 kennen gelernt haben, wiederholen sich bis über das
Ende unserer Periode. Dass sacri imperii nostri dispositio consilio
principum et maxime religiosorum frequenter iudigeat, hat Friedrich I.,
nnd dass er sine consilio principimi eine einzelne Entscheidimg zu
fallen nicht in der Lage sei, hat Friedrich II. beurkundet, Pertz, Leges
II, 130. Huillard VI, 220 1). Nach Anhörung ihrer Meinung wollte
der König sich entschliessen. Hincmar c. 34 hat ihm mit den Worten,
dass, quicquid data a deo sapientia ejus eligeret, omnes sequerentur,
ausdrücklich das Becht vorbehalten, nach seinem eigenen freien Er-
messen zu handeln.
Wie verhalten sich die Thatsachen? Der König folgt dem Bath,
prmdpum suasus consilio, Vita Mahthildis c. 10 SS. X, 578, — Wolfram,
Paiz. 426, 18 sagt: der künec tet als man im riet — und läset einen
Plan fiiUen, weil abgerathen wurde Jaff(£, bibl. I, 504 (Otto Fris., gesta
II, 6 vergL mit ligurinus I, 589), oder er handelt wider Anrathen,
L 188. Nach Abbo can. 4, Migne CXXXIX, 478 dienen primores regni dem Re-
genten auxilio et consilio. Die Entscheidung erfolgt consilio dato Alpert, ep. Mett.
c. 1 SS- IV, 697, nachdem convocatos conBuluimus, Pertz, Leges II, 64, auf con-
süiare Ann. Lanriss. maj. 778 SS. I, 150, nsusque sapientum consilio Ann. Altah.
1068, Gas. 8. Galli oont. c. 9, Mittheilungen XVII, 18 f.
<) Der König verschiebt seine Entschliessung, bis er Rath oder einen grösse-
ren Rath gehalten habe, Boretius, Capit. I, 188 c. 4. 297 c. 4. Pertz, Leges I, 829.
Jaffi6 V, 482: ad consilium principum. Ann Altah. 1061. Obertus ann. 1164 SS.
XVIII, 57. Ann. Ottenbur. 1180 SS. XVII, 816: paucos secum ibi habens Impe-
rator de principibus regni nee tale quid yolebat sine consilio eorum determinare.
Vergl. Huillard VI, 169, Pertz, Leges II, 48, Ragewin II, 80, Ekkehard Uli.
244 S i c k e 1.
praeter consilium, Ann. Altah. 1044, und fbhrt seinen Willen durch,
Einhard, Vita Karoli c. 6.
Efi gibt ein Aaftrpten der Kathgeber, welches der äusseren Er-
scheinung nach von dem vorigen Verhalten abweicht. Ein Mann, der
im Bathsdienst des Königs steht, macht seinen Herrn auf Mängel in
der Verwaltung aüfinerksam, empfiehlt eine Massregel oder trägt seine
Wünsche vor. Wie ist eine solche Handlung juristisch zurechtzulegen?
Der angegebene Thatbestand ist zu unbestimmt, als dass darauf hin
eine Antwort gegeben werden dürfte. Es können ganz verschiedene
Verhaltnisse vorliegen. Ein Antrag dieser Art kann unter den Begriff
des pflichtmässigen Baths fallen, weil der Mapr^^ welcher ihn stellti
es vielleicht für seine dienstliche Schuldigkeit erachtet, auch auf diese
Weise seine Pflicht zu thun; er kann hier dieselbe Verbindlichkeit
bethätigen, welche ihn rechtlich zwingt auf die Frage des Königs, was
seiner Meinung nach in einer Angelegenheit zu thun sei, Antwort zu
ertheilen. Verbirgt der Bathspflichtige, indem er die Initiative ergreift,
unter dem Anschein oder dem Vorgeben pflichtmässiger Thätigkeit
bewussten Eigennutz oder die Absicht, Dritte zu begünstigen oder
ihnen Schaden zuzufügen, so missbraucht er zwar seine dienstliche
Stellung, — er begeht vielleicht eine Handlung, die unter den Begriff
der Untreue fallt — aber seinen Vorschlag gründet er auf dasselbe
Pflichtverhältniss, auf dem der gebotene Bath beruht. Nimmt er jedoch
eine Handlung vor, auf welche der Gesichtspunkt der Pflichterfüllung
unanwendbar ist, so hat er sie nicht in seiner Eigenschaft als Baths-
Pflichtiger vorgenommen. Die principielle Verschiedenheit der auge-
fahrten Fälle wird natürlich nicht dadurch beseitigt, dass es nicht
immer leicht und zuweilen, aus Mangel an Material, unmöglich ist zu
urtheilen, welche Bedeutung einer einzelnen Handlung zukommt^). Für
die Erörterung, ob sich das Petitionsrecht aus der Pflicht für den Kö-
nig zu rathschlagen entwickelt hat, fehlt hier der Baum.
Wir gelangen jetzt zu einem der wichtigsten Pxmkte im Becht
des Königsraths. Ist die Betheiligung Dritter an einer Entschliessung
des Monarchen eine factische oder eine juristische? Eine juristische
^) VergL £. B. Hildericum regem ezpetunt universi, ut talia daret decreta
^ ut uniuscuiusque patriae legem — deberent judioes oonservare et ne de una
provincia rectores in alias introirent, worauf der König, ut vero illis libenter pe-
tita concesaisset, stultornm depravatus oonsilio — quod per sapientum oonsilia
confirmayerat, refragavit, Vita Leodegar. I, 10, Acta Sanctorum, October I, 465.
Chlothachar IL cunctis illorum justis petitionibus annuens, Fredegar c 44. Bore-
tiu8,.Cap. I, 270. Perte, Legea I, 486. II, 116. Thietmar HI, 14. VII, 4S. Ragewin
I, 5. VinoentiuB Prag. 1166. 1168, Font rer. Bohemic. II, 440. 458.
Zur Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des EOnigthums. 245
Handlung ist Torhanden, wo dnrch sie juristische Wirkungen entste-
hen; eine factische Mitwirkung liegt vor, wenn das Zustandekommen
der Handlung durch sie rechtlicli weder ermöglicht noch verhindert
wird. Von welcher Art ist der Antheil des Beichstags, der Baihsrer-
sammlungen überhaupt? Wir sehen sie Bath geben, aber ihr Bath ist
juristisch nicht erforderlich, weil er unbeschadet der juristischen Ent-
stehung des Begierungsacts fehlen kann; er bindet den Berathenen
nicht, denn dieser entscheidet auch gegen ihn; Wir sehen Personen
in der Versammlung, deren Yerhältniss zum König den Gedanken einer
ver&ssungsmässigen Berechtigung ausschliesst. Es ist undenkbar, dass
dem Gbrafen im alten Staat ein rechtlicher Antheil an der Beichsregie-
rung zugestanden hat, weil ein solcher, im Widerspruch mit seiner
Amtspflicht, aus keinem Bechte abzuleiten wäre, am wenigsten aber
darauf zurückgeftlhrt werden dürfte, dass er seinen Begierungsbezirk
oder das Volk gegen die Begierung zu vertreten habe. Es kommt
hinzu, dass den Yei-sammlungen eine sachliche Gompetenz und eine
corporative Geschlossenheit fehlt. Ist nun die Benutzung von Bath-
gebem zu keiner Begierungsmassregel rechtlich nothwendig, sondern
kommt eine jede ohne sie zu Stande, wie soll da die Handlung der
Bathgeber eine juristische Handlung sein? Der Gesichtspunkt des
feciischen Beiraths löst alle scheinbaren Widersprüche. Er beantwortet
die Frage, wie die Verschiedenheit der Folgen möglich sei, weil ein
thatsachlicher BaÜh nicht gleichmässig wie eine rechtliche Nothwen-
digkeit zu wirken vermag. Bedingt durch die concreten Verhältnisse,
die Persönlichkeit der Bathenden und des Berathenen, die augenblick-
liche Lage, den Gegenstand und alle die ZufaDigkeiten, welche auf das
politische Leben Einfiuss üben, wie der Erfolg eines Bathes ist, wer-
den die Vorschläge bald unverändert angenommen, bald ganz oder
theilweise abgelehnt werden. Dass nicht jede Handlung, welche die
Begierung braucht, eine juristische ist und dass freie Berathungen flir
sie nicht nur praktisch nützlich, sondern auch politisch nothwendig
sein können, bedarf keiner Auseinandersetzung. Wollten wir dem
Beichstag oder den übrigen verwandten Versammlungen einen recht-
lichen Antheil an der Bildung des Staatswillens zuschreiben, so wür-
den wir ausser Stande sein eine Beihe von Thatsachen juristisch zu
bereifen, wir würden vor einem völlig räthselhaften plötzlichen Wechsel
der Bechtsansichten stehen. Nehmen sie hingegen in dem System der
&ctiu9chen Begierungsmittel ^) ihre Stelle ein, so fällt jede Schwierig-
keit hinweg.
^) Fnstd de Coulanges hat die karolingischen Versammlungen mit Recht
246 S i c k e 1.
Ist es ein Hinderuiss fttr diese Auffassung, dass Entscheidungen
des Königs mit C!onsens der Käthe ergehen? Ist demnach das Wesen
der Function nicht auf ein Erwägen, Begutachten, sondern auf ein
Wollen — Bewilligen oder Verweigern — gerichtet? Stimmt de ma-
terielle Inhalt der königlichen Entschliessung mit dem Inhalt des
Baths überein, so kann, was als Bath gewirkt hatte, äusserlich als Ge-
nehmigung wiedererscheinen. Es würden ganz andere Gründe als die
Berufung auf assensus, consensus, voluntas nöthig sein um darzuthun,
dass Ton einem Bechtswillen die Bede sei.
Ist nun der Bath ein Organ der Beichsverwaltung und nicht der
BeichsTerfassung, so folgt, dass eine königliche Begierungshandlung
durch seine Zustimmung nicht rechtmässig und durch seine Missbilli-
gung nicht unrechtmässig wird. Seine Betheiligung ist juristisch ent-
weder nicht erforderlich oder nicht genügend. Nicht erforderlich ist
sie, wenn die Handlung sich auf die königliche Gewalt gründet, nicht
genügend, wenn sie ausserhalb derselben liegt. Im letzteren Fall ist
die Gutheissung einer Massregel nicht nothwendig wirkungslos, die
Wirkung kann eine doppelte sein. Die Zustimmenden können sich
persöjüich yerpflichten, soweit ihre ireie Vereinbarung gültig ist. Die
Zustimmung kann zur Entstehung eines Gewohnheitsrechts, durch
weldies die Grenzen der königlichen Gewalt erweitert werden, einen
sehr wichtigen Beitrag geben, aber eine gesetzgeberische Handlung ist
sie nicht Auf diese Weise ist ein Bechtsstreit zwischen Begierung und
Bath ausgeschlossen; aus diesem Grunde ist dem Bath kein Priyileg
ertheilt und hat sich die Verfassung nicht mittelst des Beichstags fort-
bewegt Als Einzelne stehen die Bathgeber auch da dem Könige ge-
genüber, wo sie in Gesammtheit geladen sind, sie verändern ihre
rechtliche Stellung zu ihrem Herrn nicht dadurch, dass er sie gleich-
zeitig zu einer Besprechung beruft, und deshalb endigen ihre Berathun-
gen xücht mit einem Beschluss, welcher als Beschluss der Gesammt-
heit als solcher gilt
4. Gegenstände der Berathung.
Nach der vorigen Erörterung beantwortet sich die Frage, welche
Gegenstände rathsfähig sind, von selbst Versammlungen, welche ledig-
lich verpflichtet sind einem Selbstherrscher zu rathen, können bei
jeder Handlung desselben, welche mittelbar oder unmittelbar das Wohl
seines Beiches berührt, benutzt werden. Steht nun der Anwendung
des Baths auf alle an sich rathsfahigen Begierungsgeschäfte ein recht-
un moyen de gouvernement genannt S^ances et travaux de 1* acad^mie des seien-
ces morales et politiques 105, 1876, S. 622. 680. Yergl. auch Eichhorn II, 200
Zur Geschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Eönigthums. 247
liches Hindemiss nicht entgegen, so ist die Folge, dass sich die Be-
rathungen orsprünglicli über das unbegrenzte Gebiet des Staatsinter-
esses erstrecken. Nur das kommt in Frage, ob eine beständige Praxis
eintritt, dorcb welche sich Gegenstände aussondern, auf deren Be-
rathung und Erledigung bestimmte Versammlungen berechtigt sind.
Ein derartiger neuer Bechtssatz würde bedeuten, dass des Königs Frei-
heit in der Disposition über seine Bechte, welche wir als das Wesen
des deutschen Eönigthums ansehen, eine Minderung erMiren hat. Hier
ist nur zu bemerken, dass specifische Beichstagsgeschäfte in unserer
Zeit nicht entstanden sind und damit die Function des Beichstags bei
der sachlichen Bestimmtheit des Fürstenraths oder der Hoftage über-
haupt beharrt.
Seit früher Zeit haben Schriftsteller die rechtlich schrankenlose
Verwendbarkeit des Beichstags und der übrigen königlichen Baths-
rersammlungen in mannigfachen Wendungen mitgetheilt. Schon Fre-
d^ar c. 55 und sein Fortsetzer c. 125. 131. lassen die Bathgeber zu-
sammenkommen pro utilitate regia et salute patriae, pro salute patriae
et utSütate Francorum, pro utilitate Francorum, wofür Ann. Werth.
761 SS. XX, 4 de utilitate regni Francorum setzen. Totius regni status
soU oder kann in dem Beichsrath behandelt werden (Adalhard und
Eincmar c. 12. 29. 30), es ist seine Aufgabe, ut sollicite tractarent de
regni statu (Agobard, op. 11, 73) oder communiter de communi neces-
sitate et utilitate tractent (Hincmar, Migne GXXV, 987). Aehnliche
Angaben begegnen oft^). Aber diese utilitas publica (Vita Hludovici
c 54 SS. n, 640) betrifft Königsgeschäfte, regales causas (889, Dronke
S. 288); wfil jedoch mittelbar und factisch die Thätigkeit, welche für
das Interesse des Königs aufgewendet wird, seinen Völkern oft zu
Grate kommt, heisst sie hier Dienst nicht nur för König und Beich
(Sincmar c. 31), sondern auch für das Wohl der ^ Franken', also für
das Volk.
Wir verlassen den allgemeinen Gesichtspunkt der Beichssache und
^ Ich habe nicht die Absicht das Material yollständig mitzutheilen und
verweise nur auf einige Belege. Die frühzeitig hervortretende Unterscheidung des
staatlichen und des kirchlichen Gebiets habe ich hier nicht nöthig zu verfolgen.
Locotas est cum eis de causis neoessariis et ad utilitatem sanctae ecclesiae, Chron.
Moissiac. 814 SS. I, 811, ad ecclesiastica sive mundana negotia tractanda, 8 CS
Baloze, misc. ed. Mansi I, 109, propter — totius imperü nostri utilitates per-
tractandas, Boretius, Cap. I, 270. regni negotiis et causis ecclesiasticis, Vita Con-
Toicnis c. 6, Mabillon lY, 2, 190. pro ceteris regni negotiis, 1079, Erhard, cod.
dipl L S. 128 ad reformandum regni statum, 1148, Ja£P(6, bibl. I, 188. Fertz,
Leges I, 451 c. l. 11, 27. Huillard VI, 169. Chron. Corb. 1147. pro publica re, JaflPS
I, 55.
248 S i c k e 1.
wenden ans der Betrachtung, der concreten Anwendungen zu. So
reichhaltig hier unsere üeberlieferung ist und so hinlänglich sie den
praktischen Umfang der Geschäfte erkennen lässt, so kann sie doch
eine erschöpfende Kunde des Geschehenen nicht bieten. Tritt ferner
eine Angelegenheit erst spät in unseren Quellen auf oder finden wir
eme andere nur selten mit Hülfe grosser Versammlungen erledigt, so
i^t weder im ersten Fall auf eine fortschreitende Erweiterung des
Anwendungsgebiets noch im zweiten Fall auf das Vorhandensein einer
festen Sitte zu schliessen, sofern nicht weitere und bessere Ghründe
eine solche Annahme unterstützen.
Wir beginnen mit den Berathungen von Feldzügen. Seit Chlodo-
yechs Zeit sind viele kriegerische Unternehmungen von den Königen
einer BerathUjPg unterzogen^). Auf einem placitum ist über einen
Kriegszug gegen die ^Bretagne consideratum (Ann. Mett. 830 SS. I,
336) maximeque hoc persuadente B. camerario (Ann. Bertin. 830 S.
2) die Heer£ährt beschlossen. Im Jahre 1107 erklärte der König,
dass er über das Vorgehen gegen den Grafen Bobert von Flandern
nostros principes convocatos consuluimus et ab eis sapienter re notata
constituimus eorum consilio nos facturos expeditionem in Flandriam
supra tam praesumptuosum hostem, Fertz, Leges II, 64. Dass der
Feldzugsplan besprochen^) und auch sonst Kriegsrath^) gehalten ist,
darf kaum erwähnt werden. Von anderen militärischen Massregeln,
welche der König nicht ohne Bath vorgenommen hat, bemerke ich
nur, dass regali consensu regaliumque principum decreto sancitum est
et jussum die Klöster munitionibus firmis murisque circundari. Mir. S.
Wigberti c. 5 SS. IV, 225.
Da der König für die Leitung der Beziehungen zu dem Ausland,
für Unterhandlungen und Verträge mit fremden Mächten keinen Be-
amten eingesetzt hatte, sondern unmittelbar selbst handelte, solche
Geschäfte aber theils wegen ihrer Schwierigkeit, theils wegen der Fol-
gen, die sie für das Königreich nach sich ziehen konnten, nicht leicht
ohne reifliche Ueberlegung und Besprechung zu erledigen waren, so
haben Bäthe und .Hoffcage zur Beschlussfassung über solche Angele-
<) Ann. LauriBS. mai. 786 SS. I, 169. Ann. Einhard. 820. 821 SS. I, 206. 207.
Alpert, ep. Mett c. 1 SS. IV, 697. Ann. Quedlinburg. 1021 SS. KI, 88. Thietmar
VII, S9. Ann. Altah. 1041. 1042. 106S. Pertz, Leges 11, 88. Otto Fris., geata II, SO.
Chron. regia C!olon. 1172. 1205. Natürlich steht dem König die Entscheidung
nach seinem alleinigen rechtlich freien Ermessen zu, yergl. Lambert 1078. 1074.
1075 SS. V, 195. 217. 228. Sehr beachtenswerth ist 1210 Böhmer, acta S. 680 f.
>) de hello susdpiendo deliberans Ann. Einhard. 778 SS. I, 151. Ragewin I, 25.
>) Vincentius Prag. 1161, Font. rer. Bohem. II, 449: imperator principum
suorum audiens consilium. Otto Fris., oontin. Sanblas. c. 20.
Zur Geecbichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Eönigthums. 24^
genheiten gedient^). Cum consilio senatus hat Lothar L mit dem Nor-
mannen Borich verhandelt (Ann. Fuld. 850 SS. I, 366), ein Gesuch
ist auf eine Zusammenkunft vertagt, wo der König cunctos opti-
mates, quid sibi de hac re esset faciendum, consuluit (ThietmarYII,7f.)
and de consüio et consensu principum hat Friedrich II. Beichsland an
Danemark abgetreten (Meklenb. ürkb. I, 203).
Eine andere Gruppe von Fällen bietrifft die Besetzung königlicher
Aemter. Werden vor der Entschliessung über die Ernennung Dritte
zu Bathe gezogen, so mag ihnen verstattet werden sammtliche Erwä-
gungen anzustellen, welche bei einem solchen Begierungsact möglich
sind. Es kann berathen werden, ob die Wiederbesetzung der Stelle
zweckmässig sei, ob die seitens des Königs in Aussicht genommene
Persönlichkeit sich fOr die Würde eigne oder ob eine Aenderong der
Amtsgewalten oder des Gebietes vortheilhaft erscheine'). Auch die Ver-
leihung eines Titels oder die Erhöhung des Banges kam zur Sprache").
Femer ist die ErtheUung von Privilegien oder die Bestätigung früherer
Bewilligungen zuweilen nach Anhörung der Meinungen vieler Bathgeber
erfolgt. Statuimus cum communi consensu ac consilio totius regni opti-
matom, erklärte Karl der Kahle, als er 857 die Immunität von St. Denis
normirte (Bouquet YIII, 550), und eine Besitzbestätigung erfolgte una
cum consultu omnium procerum regni nostri tam ecclesiasticorum viro-
rum quam et illustrium laicorum (8(52 das. VIII, 572) oder interventu
atque consultu (903 Wartmann II, 328; consiliantibus, 950 TL Sickel,
Dipl.1, 203). Eine Beihe von Entscheidungen aus dem Gebiete des Kirchen-
r^iments und der Kirchenpolitik ist uns erhalten, welche auf Grund
TonYorberathungen mit Beichstagen und anderen Versammlungen er-
gangen sind. Bonifacius, so erzählt Yita Gr^orii c. 11, Mabillon lU, 2, 32(i,
lübentibus religiosis regibus cum consensu omnis senatus populi Fran-
conun missus est Bomam ordinandus in episcopatus gradum. TrarlTnuTin
*) Yergl. Ann. S. Nazarii 962 SS. XYII, 88 mit Regino cont. 961 BS. I, 624.
Ann. Erphesftird. 1126 SS. VI, 587. Yergl. Ann. Hildesh. 992. Ragewin I, lo.
*) Fredegar c 54. 89. Thietmar VI, S6: marcham dedit et consilio et lande
principom. 1180 Wilmans, Kaiserurknnden II, 885: habita cum principibus deli*
beratione communi ipsorum consilio ducatum — in duo divisimus. VergL Ann.
Bertin. 877 S. 187: regni primores tam abbates quam comites indignatos, quia
qnibusdam honores dederat sine illorum consensu, auch 878 S. 144.
») Ragewin I, 18. Cosmas H 87. — 1156 SS. XVII, 883. Otto Fria., gesta
11, 8«. — 1285 Pertz, Leges II, 819. Ann. Marbac. 1286 SS. XVII, 178: de con-
silio principnm, ebenso Friedrich IL, Huillard IV, 789. consensu Chron. reg. Colon.
1285. Sachs. Weltchronik c. 879: mit willen der vorsten unde mit ordelen. —
Groonendael, Namur II, 644. Gislebert 1188. 1191 SS. XXI, 564. 575. Jiredek,
ood. jur. Bohem. I, 89.
JCttiioUiiiiieii, ErsaasiingsbcU I* 17
250 ' Sickel.
berief im Jahre 742 eine Synode cum consilio seryorum Dei et opti-
matom meorom, Boretius, Gapit. I, 24. Heinrich IV. schreibt: princi-
pes, qni nobiscom erant, consuluerunt, ut uniyerais principibus coriam
generalem — indiceremus, quatenus eorum communi consilio Ilomana
sedes ordinetur, Pertz, Leges U, 60^). Königliche Verordnungen sind
auf diese Weise vorbereitet^), Versöhnungen erleichtert s) und zahl-
reiche andere Oegenstande, welche hier im Einzelnen nidit zu yerfol-
gen sind, yerhandelt^). Einer besonderen Erörterung bedarf die Frage,
ob der König mit gleichartiger Hülfe, rechtlich einseitig, in Processen
das ürtheil gefallt hat, oder wieweit der Gesichtspunkt des factischen
Beiraths hier unanwendbar wird, oder ob endhch an dieser Stelle eine
Scheidung nach Bechtsobjecten, welche eine rechtliche Differenzirong
bedeutet, zum Vorschein gelangt ist Ich behalte jedoch diese Un-
tersuchung einem anderen Orte yor, weil sie, wie auch ihr Ergebniss
sei, fär die Erkenntniss des rechtlichen Wesens des Beichstages ent-
behrlich ist. Hat übrigens ein jeder, der über das Gericht des Königs
geschrieben hat, gewusst, was ein Gericht ist?
5. Q-esohäftliohe Behandlung.
Die geschäftliche Behandlung würde hier nicht zu besprechen
sein, wenn sie nicht gestattete aus ihr Folgerungen zu ziehen, welche
für die allgemeine Auffassung der Bathsversammlungen einschliesslich
des Beichstags nicht ohne Werth sind. Die rechtliche Unselbständig-
keit der Zusanmienkünfte, die consequente Durchführung des Prineips
^) pro ecclesiamin restauratione, Ann. Mett. 748 88. I, 880. Boretius, Capit.
I, 29. 58. 845. Pertz, Leges I, 854 c. 1 II, 186 f. Chron. Magni presb. 1177 8S.
XVUf 505 f. Gedta ep. AutUiodor. II, 41 SS. XIII, 400: consilio aule regio pro-
cerum acdamantibus cunctis d. Herifredo — pastoralem confert baculum. Ob die
Urkunde 1051 Cod. dipl. Saxon. I, 1 S. 814 echt ist, kann ich. nicht beurtheilen.
») Z. B. Pertz, Leges I, 246 c 24. 26. consultu, Boretius, Capit I, 44.
s) lluetmar VII, 85. Helmold I, 78. 1168 Mon. Boica XXIX, 1, 385: in ge-
nerali curia — inter discordes principes Saxoniae — reoondliationem perfecimus.
Auch Ann. Fuld. 852 88. I, 867 : cum principibus et praefectis provindanim pu-
blids causis litibusque componendis insistens. 1220 Winkelmann, acta 8. 157.
£ine Vorbeugungsmassregel erfolgt 1179 Jireöek a. a. 0. 1, 31. Vgl. Ekkehard 1121
*) Reichstage sind so berufen (Jaffi§ I, 188. Henricus de Hervordia 8. 45]
Potthast. Leges II, 60), Besitz ist consilio et consensu prindpum (Mon. Boica XI,
169), ein Erlass des Bischofs yon Speier deliberato consilio principum (1281 Rem.-
ling S. 191) bestätigt. Der König tauscht consilio principum (1144 Schumacher,
Nachrichten zur säohs Glesch. VI, 46), belohnt consilio et con cordi principum
nostrorum assensu (1168 Lacomblet I, 297), heirathet cum consensu et yoluntate
fidelium (Pertz, Leges I, 465 ygl. Arnold VII, 17 SS. XXI, 248.), straft (Leges I,
852). VergL Waitz VI, 812—817.
Zur (reschichte des deutschen Reichstags im Zeitalter des Königthums. 251
der Dieustpflieht der Einzelnen und die ihr entsprechende, an die
Binhaitang bestimmter Formen nicht gebundene Normirung ihrer
Thatigkeitsweise durch den König treten uns vor Augen, wenn wir
den Hexgang der Verhandlungen betrachten. Der Monarch ordnet an,
dass in Gruppen berathen werden soll, sobald es ihm beliebt^); er ist
g^enwärtig oder abwesend, wie es ihm gefallt^); er eröffiiet einq
Sitzung und betheiligt sich an den Besprechungen, wenn es ihn gut
dünkt 3). In dem letzten Fall handelt er nicht juristisch gemeinschaft-
lich mit seinen Bäthen, sondern er bethätigt auch hier, rechtlich von
ihnen wie sonst getrennt, sein höchstpersönliches Begiment und es
gereicht einem Selbstherrscher zum Buhm, wenn er den Inhalt seiner
alleinigen Entschliessung sich selbst verdankt, weil keiner seiner Bath-
geber einen besseren zu finden vermocht hatte. Der Biograph Hein-
richs IV. hat uns eine Nachricht hinterlassen, die zu lehrrdch ist, als
dass sie nicht einen Platz verdiente; er bezeugt von seinem Kaiser:
tarn subtilis ingenii tamque magni consilii fuit, ut dum sententia
principum vel in causa decemendi juris vel in tractandis regni nego-
tiis hesitaret, ipse cito nodum solveret et quid aequius, quid utilius
esset, tamquam ab ipsius archano sapientiae sumptum edoceret. Dass
endlich der Gegenstand auf die Art der Verhandlung einwirkte, weil
den ungleichen Zwecken ein einziges Verfahren nicht genügte, habe
ich nicht nöthig zu beweisen.
Schlusswort.
unsere Ausf&hrungen haben eine rechtliche Entwicklung des
Wesens des Beichstags nicht wahrnehmen lassen, weil dieser Beichs-
tag von der Zeit der merovingischen Könige bis zur Ausbildung der
Landesherrschaft ohne innere Geschichte ist. In dem Augenblick, wo
er entstand, ist er für diese Periode vollendet. Während sich das poli-
tische Dasein um ihn her verwandelte und die Würdenträger, welche
seine nothwendigen Mitglieder waren, in ein neues Bechtsverhältniss
zum Staate eintraten, blieb noch eine Zeit lang eine Veränderung sei-
*) Boretius, Capit. I, 161 c. 1. Hincmar c. 85. Vgl. Pertz, Leges I, 405.
>) Ermoldus Nigellns I, 117 88. II, 469. Hincmar c 84. Qerlacos 11S2, Font,
rer. Bohemic II, 480.
•) Chron. Moisaiac 814 SS. I, 811. Agobard, fleb. ep. c. 4, Migne CIV, 288 f.
Ennoldas Nigellus II, 4 f. 285 SS. II, 478. 484. Ludewig, rel. manuscr. II, 446.
Arnold, chron. Slav. HI, 19. VII, 17, SS. XXI, 160. 248. Ragewin II, 8. Chron.
regia Colon. 1172. interrogans omnes a maximo usqne ad minimum, si eis pla-
ocdsset, Thegaü c. 6 SS. II, 591. Fragt der E&nig einen Einzelnen um seine Mei-
nnsg, so gestattet er wohl, dass dieser sich mit Anderen berieth, z. B. Hoden-
berg, Yerdener Geschichtsquellen ü, 46*
17*
252 SickeL
nes juristischen Wesens oder eine beträchtliclie Modification seiner
rechtlichen Beschaffenheit aus. Hätte ein Eeichsftrst unter Friedrich IL
sich um sechshundert Jahre zurückversetzen und in einer Bathsver-
sammlung Chlothachars 11. fungiren können, so würde er an dieser
Stelle sich nicht fremd gef&hlt haben, während der übrige Staat ihm
vielleicht wie ein ausländischer erschienen sein würde. Noch war der
Beichstag kein Institut der Staatsverfassung geworden. Kein Begie-
rungsact des Monarchen bedurfte seiner juristischen Mitwirkung und
in seiner Thätigkeit concurrirte er mit anderen Zusammenkünften.
Bei diesen Versammlungen föllt dem politischen Geschichtschreiber
eine lohnendere Aufgabe zu als dem Bechtshistoriker. Er kann er-
zählen, wie sie dem Staatsleben Stetigkeit verbürgten, indem sie den
Gebrauch der königlichen Gewalt regelten; er hat auszuführen, wie
die Schranke, die sie der Ausübung der B^ierung zogen, darum nicht
weniger wirksam und wohlthätig war, weil sie keine rechtliche war
oder darum nicht unvollkommen, weil sie einfach war; und ihm liegt
endlich ob zu zeigen, dass die Macht, die sie übten, nicht bloss grosser
sondern auch besser war als die volle Macht der öffentlichen Meinung,
weü die Männer, die hier handelten, nicht Privatleute waren, die für
einen Augenblick auf der Bühne des öffenthchen Lebens erscheinen
um alsbald ebenso plötzlich und für immer in der namenlosen Menge
zu verschwinden, sonden weil es Männer waren von politischem Ver-
ständniss und von Erfahrung in den Geschäften des Staates, viele von
ihnen von vornehmer Geburt, unabhängig durch ihren Beichthum und,
so lange sie lebten, in dieser Stellung.
Gegen das Ende unserer Periode beginnt für den Beichstag eine
neue Zeit, welche das rechtliche Interesse sehr in Anspruch nimmt.
Es werden Anzeichen bevorstehender Umwälzungen sichtbar in Vor-
gängen, die, obwohl noch vereinzelt und schwankend, doch darin über-
einkommen, dass sie dem begrifflichen Wesen des Beichstags wider-
streiten. Hätten die Eüräfte, welche diese Bildungen hervortreiben, ihren
Sitz in dem inneren Wesen des Beichstages selbst, so würde hier der
Ort sein, um den Ursprüngen der Umgestaltung und dem allmäligen
Umschwung in der Auffassung nachzugehen. Allein da jene Verände-
rungen Bechtswirkungen von Ereignissen sind, die sich auf anderen
Gebieten des staatHchen Lebens vollzogen, so kann es nicht meine
Absicht sein sie an dieser Stelle zu verfolgen. Jedoch wird es gestattet
sein anzudeuten, dass ' der Grund für den Unterbau der Beichstagsver-
fitösung durch den S. 235 hervorgehobenen Abschluss der ordentlichen
MitgUedelr gelegt worden ist Seit die Inhaber der Beichsfiirstenamter
die Mitglieder des Beichstags waren, nahm die Umbildung des admi^
Zur Geschichte des deuteohen Reichstags im Zeitalter des Eönigthums. 253
üistratiTen Beichstags in einen verfABsangsniässigen ihren Anfiuig. Die
siandisclie BeichsverfiEkssung ist die Auseinandersetssung der Sonder-
rechte mit dem Staat. So lange das Wesen des Staats zwingt allge-
meine Massregeln und Verordnungen zu treffen, hat ein Staat, welcher
in diesen seinen Handlungen bestandig auf wohlerworbene Begierungs-
rechte stösst, ohne dass es ausfahrbar ist die Einwilligung jedes ein-
zelnen Besitzers zu gewinnen, eine Organisation herzustellen, durch
welche ihm seine rechtliche Handlungsföhigkeit zurückgegeben und
gewahrt wird. Es ist nach dieser Herkunft zu yermuthen, dass der
neue Beichstag von dem alten nicht minder verschieden sein wird, als
die Landeeherrschaft verschieden ist Yon der Staatsverwaltung und
Eigenberechtigung der firüheren Zeii
Geschichte der deutschen Reichskanzlei
lS4r6— 1308.
Von
S. Herzberg-FrftnkeL
I. TheiL Die Organisation der BeiohskansleL
Gewiss ist es misslicli, eine Untersuchung wie die vorliegende
ohne erschöpfende Durcharbeitung des gesammten Materials zum Ab-
schluss zu bringen; genügt doch zuweilen eine übersehene oder neu-
gefundene Urkunde, um die eine oder andere der spärlichen Nach-
richten, aus welchen wir die Kennt niss dor Diplomatik des 13. Jahr-
hunderts schöpfen, in ganz neuem Lichte erscheinen zu lassen. Aber
andererseits ist es fast unmöglich, ohne einen ganz unverhaltniss-
massigen Aufwand von Zeit und Mühe die wünschenswerthe Vollstän-
digkeit zu erreichen. Selbst in der Benützung des vorhandenen Mate-
rials war ich nicht unbeschränkt. Manche ürkundensammlungen, beson-
ders solche, welche die Geschichte der nordwestlichen Beichsländer
berühren, fehlen in den beiden grossen Bibliotheken Wiens; bei der
Ausbeutung des Vorhandenen hatte ich mit der Schwierigkeit zu
kämpfen, die sich jeder diplomatischen Arbeit entgegenstellt: mit der
grossen Zersplitterung des Materials. Die Tausende von Königsdiplo-
men — ganz abgesehen von den Urkunden geistlicher und weltlicher
Fürsten und den erzählenden Quellen — die hier in Betracht kom-
men, sind durch so viele Bücher verstreut, dass ich nicht zu allen
hätte gelangen können, ohne die Liberalität der Bibliotheksverwaltun-
gen arg zu missbrauchen. Ich musste auf die Benützung von Samm-
lungen, deren Ergiebigkeit für die hier behandelte Zeit nicht, gross
ist, verzichten und mich hinsichtlich dieser Urkunden mit Böhmers
Begesten begnügen, obgleich dieselben keineswegs alles angeben, was
Geschichte der deutschen Reichskanzlei 1246—1808. 255
fax unsere Zwecke von Bedeutung ist. Es mag mir also manches ent-
gangen sein, was in den Bahmen dieser Abhandlung gehört; ich kann
nicht sagen, dass ich das gesammte Material, sondern nur, dass ich
einen sehr grossen Theil desselben herangezogen habe.
Bei der Anordnung des Stoffes habe ich die Darstellung der Or-
ganisation als ersten Theü von den Biographien der Eanzleibeamten,
welche im zweiten Theil enthalten sind, strenge geschieden. Dass ich
nun gezwungen bin manches zweimal zu sagen, schien mir ein ge-
ringeres üebel als die Verwirrung, die aus einer Yermisehung beider
Theile entstanden wäre.
Das eigentliche ürkundenwesen bildet nicht den Gegenstand die-
ser Untersuchung.
Wenn schon die grosse, politische Geschichte des 13. und 14.
Jahrhunderts yerhaltnissmässig weniger Gelehrte angezogen hat als
die glänzenderen Epochen früherer Zeit, so haben sich vollends nur
wenige Forscher veranlasst gefunden, den etwas abseits liegenden Ver-
hältnissen der kaiserlichen Kanzlei ihre Beachtung und Arbeit zu wid-
men. Selbst das an diplomatischen Errungenschaften so reiche 18. Jahr-
hundert hat auf diesem Gebiete keine grossen Erfolge zu verzeichnen
und nur Mallinckrodt — an welchen "Wencker (Collecta archivi et can-
cellariae jura) anknüpft — lieferte in seiner Abhandlung über die Erz-
kanzler und Kanzler des romischen Beiches eine Arbeit, über deren
Resultate, was jene späteren Jahrhunderte betrifft, wir noch heute
nicht sehr wesentlich hinausgekommen sind. Die Staatsrechtslehrer des
alten romischen Beiches, deren Untersuchungen eine gelegentliche
Berücksichtigung der Kanzlei erheischten, kümmerten sich wenig um
die eigentliche Kanzleigeschichte; das Kanzlerverzeichniss bei FfefGnger
reicht nur bis zum Ausgang des staufischen Hauses. Erst in unserem
Jahrhundert begann Böhmer in den Vorreden zu seinen B^esten
dies vernachlässigte Gebiet etwas sorgfaltiger zu bestellen; Ficker er-
gänzte die Arbeiten seines Vorgängers, nachdem er schon vorher über
manche innere Einrichtung der Beichskanzlei Licht verbreitet hatte.
Lorenz besprach in einer geistvollen Abhandlung^) die verfassungs-
massige Stellung der Kanzler; für manche Beamte der Kanzlei, die
auch ausserhalb derselben in der Geschichte des Beiches oder der Ter-
ritorien eine Bolle spielen, lassen sich Geschichtswerke oder selbst
spezielle Abhandlungen heranziehen: im Ganzen aber darf man wohl
sagen, dass noch sehr viel zu thun übrig bleibt, um eine genauere
Eenntniss unseres Gegenstandes zu erlangen.
^) BmehatanaJer und Beichskanzlei in Drei Bücher Geschichte und Politik.
256 Herzberg-Frankel.
Dass dem so ist, folgt aus der Beschaffenlieit der Quellen. Mau
sollte von den Chroniken manchen Au&chluss erwarten ; denn, wie wir
sehen werden, war der Antheil der Kanzler und selbst der Protonotare
an der königlichen Politik ein sehr bedeutender; man bediente sich
ihrer in Geschäften, zu denen man nur Staatsmanner ersten Banges
zu verwenden pflegt. Aber die Annalisten dieser Zeit waren nicht
hervorragende Männer, wie diejenigen, die uns über die Geschichte der
Saher und Staufer berichten und nicht, wie diese^ Vertraute der Herr-
scher; ihr Blick reichte selten über die Grenzen ihres Territoriums
hinaus und drang nicht in die Geheimnisse ein, welche die inneren
Vorgänge der Begierung umgaben. Daher kommt es, dass sie über die
Thätigkeit der deutschen Kanzler meist so wenig erzählen und oft von
dem Tode derselben mehr Notiz nehmen, als von ihrem Leben, unsere
Hauptquelle sind ' demnach die königlichen Diplome, sei es, dass die
Kanzleipersonen sich in denselben — auf eine noch zu erörternde
Weise — selbst nennen, sei es, dass wir dadurch erfahren, auf welche
Geschäfte sich die Thätigkeit dieser Männer zu erstrecken pflegte.
Dazu kommen in vielen Fällen noch die eigenen Urkunden der
letzteren, die ja oft hohe kirchliche Würden bekleideten, und manche
Nachrichten in den lokalen Chroniken ihrer Gegend. Ein so weit-
schichtiger und zersplitterter Stoff ist gegen jede Zusammenfassung
spröde; eine fruchtbare Behandlung desselben ist erst durch Böhmers
Begesten möglich geworden und noch heut zu Tage darf man nicht
hoffen, auf alle Fragen, die wir uns stellen müssen, eine klare und
endgiltige Antwort zu finden.
Die Kanzlei, welche die Staufer dem Beiche hinterliessen, war in
ihrer Ausbildung ein Werk des schöpferischen Geistes E^aiser Fried-
richs IL Sie war ein gefugiges Werkzeug des Königs und einzig und
allein von seinem Willen abhängig. Der Erzkanzler wurde freilich noch
in den Becognitionsformeln der Urkunden genannt, aber er war weit
entfernt, irgend einen that«ächlichen Einfluss auf die Besetzung oder
die Arbeiten der Kanzlei zu üben. Der Kanzler und die ihm unter-
stehenden Beamten gehörten zur familia des Königs, der Charakter
des Amtes als eines höfischen wurde stark betont, und so bedeutend
war noch in späteren Zeiten die Geltung dieser scharf ausgeprägten
Formen, dass selbst die unbedeutenden Könige des Zwischenreiches
ihre Kanzler sich oft imperialis aule cancellarius nennen liessen.
Die Geschäftsgebahrung unter den Begierungen der Söhne des E^aisers,
wenngleich nicht so sicher geordnet, stand unter dem Einfluss dieser
entwickelten Organisation und selbst die päpstlichen G^genkÖnige be-
Gescliichte der deutschen Reioluikaiizlei 1246—1808. 257
mQhten sich, dieselben mit mSgliclister Oenaaigkeit uachzuahmeii.
Wenn nun auch in Form und Inhalt der Urkunden der Einfluss des
päpstlichen Vorbildes immer inächtiger zur Geltung kam, so blieb doch,
was die innere Einrichtung betrifft, das Werk der Staufer im Ganzen
bestehen.
Die Yerfassungskämpfe um die Kanzlei.
Während nach dem Aussterben der Staufer die Macht immer
mehr den Händen der Könige entglitt, blieb ihnen noch immer die
Yerftlgung über die Kanzlei. Die mächtigen Eizbischöfe von Mainz
und Köln, deren Wort damals in Deutschland gebot, hatten es nicht
noihig, die Leitung der Geschäfte unmittelbar an sich zu reissen, so
lange sie eines massgebenden Einflusses auf den König selbst sicher
waren, und in der That finden wir wahrend der' ganzen Dauer des
Zwischenreiches keine Spur davon, dass einer der Erzkanzler es ver-
sucht hätte, die Kanzlei von sich abhäagig zu machen. Die Möglich-
keit eines Streites war erst gegeben, als mit Budolf von Habsburg ein
Herrscher den deutschen Thron bestieg, der sich stark genug f&hlte,
um sich vom Gängelbande der geistlichen Kurfürsten zu befreien. Da
zeigte sich denn ein Widerspruch zwischen der immerhin verminderten
Macht des Königs und seiner unbeschränkten Befngniss, Urkunden zu
lassen, was ihm beliebte — ein Widerspruch, dessen nothwendige Folge
die häufige Zurücknahme königlicher Verordnungen war. Besonders
waren es Verleihungen von städtischen Freiheiten, die oft widerrufen
oder eingeschränkt werden mussten^), weil sie nicht selten eine Krän-
kong landesherrlicher Bechte enthielten. In diese Zeit glaubt Lorenz
den An&ng des Kampfes um die oberste Leitung der Beichskanzlei
setzen zu dürfen, der in der Folge zwischen der königlichen Gewalt
und der durch die Erzbischöfe von Mainz vertretenen ständischen
Macht entbrannte*). Ich denke, mit unrecht. Lorenz meint, Budolf
habe mit bewusster Absicht einen so hohen KirchenfElrsten, wie den
Erzbischof von Salzburg, zu seinem Hof kanzler gemacht, um dem Erz^
kanzleramte gegenüber mit voller Autorität auftreten zu können. Aber
er übersieht, dass Budolf von Hoheneck schon lange ehe er Erzbischof
geworden war, als einfacher « Pfleger" des Stiftes Kempten das Kanzler-
amt inne gehabt hatte und der eigentlichen Leitung der Geschäfte
gerade zu der Zeit entsagte, in welcher er sein hohes Kirchenamt
^) Lorenz, Deutsche Gesell. II, 888.
^ Lorenz, Reichskanzler und : Die Wahl Adolfs von Nassau in Drei Bücher
Geschichte mid Politik. In der letzteren Abhandlung ist die Sache etwas ab-
weichend dargestellt.
258 Herzberg-FfftikkeL
übernahm^). An der Spitze der Kanzlei stand damals thatsachlidi der
Protonotar und Yicekanzler Heinrich von Elingenberg, der sieb an
Bang und geistlichem Ausehen — er war Propst von Xanthen —
wahrlich nicht mit dem yomehmst^n deutschen KirchenfllrBten messen
konnte. Erst nach Budolfs Tode begann Gerhard von Mainz auf die
Beichskanzlei Einfluss zu nehmen. Der neue König musste ihm ver-
sprechen, dass . er Heinrich von Klingenberg ohne Zustimmung des
Mainzers nicht in seinen Bath und seine Dienste nehmen werde.
Lorenz sieht darin wieder einen Beweis, dass der Zwiespalt sich schon
unter Budolf geoffenbart habe. Aber nicht bloss bezüglich des Yice-
kanzlers, auch hinsichtlich eines anderen Vertrauten Budolfe, Ulrichs
Yon Hanau, hatte Adolf das Gleiche zusagen müssen, und doch stand
Ulrich ausserhalb jeder Verbindung mit der E^anzlei. Man sieht, es
gieng dem Mainzer Erzbischof zunächst bloss um die Personen: er
wollte das Ohr des Königs Männern verschliessen, die sich ihm früher
feindselig erwiesen hatten. Aber Lorenz geht weiter: er nimmt an*),
dass der Erzkanzler schon damals dieselben Ansprüche erhoben habe,
wie später beim Begierungsantritte Albrechts. Adolf stellte für Grer-
hard unter andern auch eine Urkunde aus^), in weldier er versprach,
den Erzbischof in allen Bechten, Ehren und Freiheiten, die ihm aus
seinem Erzkanzleramfe für Deutschland zukämen, zu schützen und auf-
recht zu erhalten. In der Bestätigung dieses Privilegs durch Albrecht
sind dann namentlich angeftlhrt: gewisse Einkünfte von den Juden
und das Becht, den kaiserlichen Hof kanzler zu ernennen. Daraus glaubt
nun Lorenz auf die Forderungen zurückschliessen zu können, welche
Gerhard schon in jenen allgemeinen Sätzen der adolfinischen Urkunden
gemacht habe; damit hänge es auch zusammen, dass Adolfs späterer
Kanzler Ebemand an&ngs nur Protonotar und Vicekanzler heisse, und
erst durch einen Bruch der Versprechungen des Königs habe Eber-
nand den Kanzlertitel erhalten*).
So viel scheint allerdings aus dem Wortlaut der Urkunde hervor-
zugehen, dass es sich nicht um die Bestätigung von anerkannten
Bechten handelt, welche sich auf ältere Privilegien hätten stützen kön-
>) Loreoz in der Abh. über die Wahl Adolfs gibt das letztere zu, meint
aber, Rudolf hätte aus Opposition gegen das Erekanzleramt dem Erzbischof von
Salzburg den Titel gelassen. Vgl. dagegen unten S. 267.
^ Deutsche GeBch. II, 524. Die Urkunden sind hier irrig citirt: Lünig XIII
statt Lünig XIV, 48. Auf die sehr anspruchsvolle, aber verworrene und un-
selbständige Darstellung dieser Verhältnisse in F.W. £. Roth's 1879 erschienener
Geschichte Adolfs glaube ich nicht näher eingehen zu müssen. *) 6. 14.
*) Vgl. Lorenz, Deutsche Gesch. II, 624.
Geechichte der deatschen Reiobskanzlei 1246—1808. 259
Den. Aber deslialb sind wir noch nicht zu dem Schiasse berechtigt,
dass diese yieldeutigen Worte nichts anderes seien ak der Ansdrack
iiir dieselben Verabredungen, welche später im Diplome Albrechts mit
solcher Klarheit auseinander gesetzt sind. Es wäre Tor allem gar nicht
einzusehen, was Gerhard abgehalten hatte, seine Wünsche in unan-
fechtbarer Deutlichkeit auszusprechen, was ihn gehindert hätte, in
dürren Worten die Ernennungsrechte zu verlangen, statt einer Zusage,
die in ihrer Dehnbarkeit f&r niemanden bindend war. Widerstand
batte er am wenigsten von einem Könige zu erwarten, dessen Erhe-
bimg in seiner Hand lag. Ueberdies wurde ja der Vorstand der Kanzlei
Adol& thatsächlich unter dem Einflüsse des Erzbischofs ernannt^);
warum also hätte der König nicht grundsätzlich zugestehen sollen,
was er in Wirklichkeit gewährte? Ich glaube nicht, dass Adolf der
Mann war, der ftlr seine Nachfolger eifriger gesor rt hätte, als ftlr sich
selbst Die einzige Erklärung scheint mir darin zu liegen, dass Qer-
hard eine solche principielle Zusicherung gar nicht verlangt hat. Auch
dass derselbe das Kanzleramt habe aufheben wolleni um es durch ein
Yon ihm abhängigeres Vicecancellariat zu ersetzen, ist nicht zu be-
gründen: Ebemand heisst Aniangs gar nicht Vicekanzler, sondern nur
Frotonotar und erst nachher Protonotar und Vicekanzler; von einer
Aenderung der inneren Einrichtung der Kanzlei war auch später, alß
Gerhard seinen Willen durchgesetzt hatte, nicht die Bede; er erlangte
nur das Becht den Kanzler zu ernennen; einen Vicekanzler nennt das
Privilegium Albrechts nicht und Albrechts erster Kanzler f&hrt diesen
Titel gleich im An&nge der Begierung seines Königs.
Ich glaube, dass wir, um die Stellung des Eizbischofs von Mainz
im Beginne der Herrschaft Adolfs richtig zu er&ssen, es nicht nöthig
haben, die Versprechungen des Königs über den Wortlaut hinaus zu
erläutern. Man entschloss sich zu allen Zeiten, und besonders im
Hittelalter, nicht leicht zu einschneidenden Aenderungen der Ver&s-
Bong. Oewiss nicht ohne Abeicht liess sich Gerhard so unbestimmte
Versprechungen machen — was konnte man nicht alles als „Becht,
Ehre und Freiheit*" des Erzkanzleramtes erklären! Mit diesem Schein
in der Hand mochte der Erzbischof jederzeit Veranlassung zu einem
Eingreifen in die Begierungsgeschäfte finden, wenn ihm auch kein
einzelnes Becht ausdrücklich zugesprochen war. Er durfte überdies mit
Grand erwarten, dass der König Ton ihm nicht minder abhängig sein
werde, als die Herrscher des Zwischenreiches von ihren geistlichen
Wählern. So begnügte er sich, den Leiter der Beichskanzlei von Fall
«) Vgl. im 2. Theil unter Ebernand.
260 Herzberg-Fr&ukel.
zu FaU zu bestimmen: er entfernte den jTim missliebigen Heinrieh von
Eüngenberg, und liess Ebemand von Aschaffenburg, einen Geistlichen
der Mainzer Diöcese, seinen , famiharis ''^ an Heinrichs Stelle treten.
Erst als die Begierung Adolfs gezeigt hatte, dass personlicher
Einfluss nicht gross genug sei, um die G^ensätze zwischen konig-
Ucher und ständischer Maoht zu überwinden, erst bei der Wahl eines
neuen Königs entschloss man sich zu einer grundsatzlichen Behand-
lung dieser Yer&ssungsfrage. Indem Albrecht die Privilegien seines
Vorgängers fQr Mainz bestätigte, musste er sich eine Erweiterung der
Befugnisse des Erzkanzleramtes gefallen lassen, welches nun erst in
aller Form das Becht erhielt, den Hofkanzler als Stellvertreter des
Erzkanzlers zu ernennen i). Zugleich musste der neue König, wie schon
Adolf, dem Mainzer die Zehnten der Judensteuern zugestehen >), welche
er schon nach einem Jahre, dem Beispiele seines Vorgängers folgend,
durch eine jahrHche Beute von 500 Pfund ersetzte*). Vielleicht noch
klarer als aus diesen bedeutenden finanziellen Erfolgen lässt sich Ger-
hards überragende Stellung aus einer Urkunde erkennen, in welcher
der König ausdrücklich erklärte, dass dem Erzbischof von Mainz als
deutschem Erzkanzler der höchste Bang unter den Fürsten des Beiches
gebühre, und dass im Wahldecret nur irrthümlicherweise der Erzbischof
von Trier vor Gerhard genannt worden sei*).
Welche thatsächliche Folgen das neu erworbene Emennungsrecht
des Mainzers unmittelbar hatte, wissen wir nicht. Es ist den eben
dargestellten Verhältnissen nach wahrscheinlich, dass Albrechts erster
Kanzler Eberhard, der schon im ersten Vierteljahre der Begierung
seines Königs auftritt, wenigstens nicht ohne ausdrückliche Zustim-
mung Gerhards ernannt worden sei; es scheint auch, dass Eberhard,
als der Kampf zwischen Albrecht und den geistlichen Kurfürsten aus-
brach, zurücktreten musste; bei dem Nachfolger Eberhards, Johan-
nes, weist die schwäbische Herkunft auf ein persönliches Eingreifen
Albrechts hin<^), aber in beiden Fallen fehlt es uns leider an sicheren
Nachrichten.
Die Entwicklung, die wir hier verfolgen, gelangte zu einem sicht-
baren Abschlüsse erst unter Heinrich VIL und deshalb sind wir ge-
zwungen, für diesen einen Punkt auch die Kanzleigeschichte des ersten
Luxemburgers zu Bathe zu ziehen. Es ist mir nicht gelungen, filr alle
Fragen, die sich hier erheben, eine befriedigende Antwort zu finden;
aber die Stellung zwischen königlicher und ständischer (Gewalt, in
*) B. 44. »loci Bui« Gudenuß I, 904, «) Ibid. ») B. 218. *) B. 58.
•) S. im 2. Theil.
Geschichte der deutschen Reichskanzlei 1246—1808. 261
Tdche die Beiclmkanzlei durch die Bemühangen der Erzbischöfe von
Mainz gerathen war, lasst sich nun, wenigstens in allgemeinen Um-
rissen, deuilich erkennen.
Heinrich hatte bereits vor seiner Königswahl den Abt Yon Yillers-
Betnach an die Spitze seiner luxemburgischen Eanzlei gestellt und
voUte ihm nun auch im Reiche die Leitung der Geschäfte übertragen.
Nichtsdestoweniger Hess er die Rechte des Erzbischofs von Mainz un-
angetastet Deutscher Erzkanzler war damals jener Feter Aspelt, der
sich Yom Leibarzt Rudolfs zum Bischof von Basel und Kanzler von
Böhmen aufgeschwungen hatte ^) und dann auf dem erzbischoflichen
Stuhle Yon Mainz die Ansprüche des KurfÜrstenkollegiums gegen die
Habsburger mit rücksichtsloser Heftigkeit verfochi Er gab dem neuen
Kandidaten erst dann seine Zustimmung, als derselbe sich verpflichtet
hatte'), die Privil^en der Mainzer Kirche zu bestätigen und nament>-
lich das Ernennungsrecht des Erzkanzlers, nicht nur in Bezug auf den
Kanzler, sondern auch auf den Frotonotar und die Notare anzuerken-
nen, die nun ihrem obersten Vorstände den Eid des Oehorsams, der
Ehrfurcht und der Treue zu leisten haben und von ihm nach Belieben
abgesetzt werden können. Auch die Judenzehnten, die mit dem Erz-
kanzleramte zusammenhiengen, wurden dem Erzbischof in noch ausge-
dehnterem Masse als unter Albrecht bewilligt und später, wie gewöhn-
lich, durch eine jährliche Rente abgelöst^).
Das waren dem Anscheine nach Bedingungen, unter denen ein
wahrhaft königliches Regiment nicht bestehen konnte. Und doch lehren
die Thatsachen ein Anderes. Heinrich YII. hatte den Rechtsstandpunkt
Peters angenommen, dagegen fügte sich dieser den persönlichen Wün-
schen des Königs. Die drei Erzkanzler gaben ihre Zustimmung zur
Emennung des Abtes von Yillers-Betnach zum königlichen Kanzler^),
der, wie bereits erwähnt, schon der luxemburgischen E^anzlei vorge-
standen hatte. So löste eine mildere Anwendung die Widersprüche,
welche in ihrer theoretischen Orundsätzlichkeit unvereinbar erschienen.
*) VgL Heidemaim Forschongen 9, der die Identität des Baeler Bischofs mit
dem Kanzler von Böhmen — gegen Lorenz — überzeugend nachweist, und Em-
len Abhandlung Über die böhm. Kanzlei, Abhandl. d. böhm. Ges. d. W. 1878.
*) Urk. vom 28. Oct. 1808, Bodmann Cod. ep. 816. Vgl. Heidemann, Die
Königswahl Heinrichs VH., Forschungen 11. ») B. 97.
*) Assentientibus eciam tribns archicanoellariis imperii, abbatem H
in sigilliferum et expeditorem negotiorum ascivit. Job. y. Victring, Böhmer,
Fontes I, 860. Eine urkundliche Anerkennung der Rechte der beiden anderen
Erzkanzler ist uns nicht erhalten. Für Trier stellte Karl IV. ein solches Diplom
ans (Lindner, ürknndenwesen Karls IV., 214), in welchem jedoch kein älteres
Privileg erwähnt wird.
262 Herzberg-FränkeL
Es sind uns aas der Zeit Heinrichs noch zwei Urkunden erhalten,
welche zwar neues Material bieten, aber die Frage mehr yerwickeln
als lösen. Beide betreffen das Yerhältniss Kölns zur Kanzlei. Als der
König die Bomfahrt unternahm, gestattete er dem Erzbischof von Köln,
als dem Erzkanzler flir Italien, der erklärt hatte den König nicht be-
gleiten zu können, dass er einen Stellvertreter ernennen dürfe, der in
Italien an seiner Statt das Siegel bewahren und die übrigen Obliegen-
heiten des Kanzleramtes erfüllen solle ^). Damit im Zusammenhange
steht die Urkunde Heinrichs von Köln, die erst in jüngster Zeit be-
kannt gemacht wurde ^), in welcher derselbe, verhindert den König,
wie es die Pflicht des italienischen Erzkanzleramtes verlange, nach
Italien zu begleiten, dem Abt Heinrich von Villers, zu dessen Treue,
Erfiihrung und Umsicht er das grösste Vertrauen hege, die Stellver-
tretung in diesem Kanzleramte übergibt und ihn statt seiner zum
Kanzler des Königs und des Beiches für Italien ernennt Heinrich
erhält die Vollmacht, für die Verwahrung des Siegels sowie für alles,
was das Amt des Kanzlers erfordert, die nöthigen Anordnungen zu
treffen, namenÜich auch die Insignien des Amtes überall in Italien zu
führen und die Einkünfte desselben zu erheben und zu verwalten. Alle
Massnahmen des Kanzlers werden im Voraus gebilligt.
Was bedeuten nun diese beiden Urkunden, für die sich meines
Wissens kein Fräcedenzfall nachweisen lässt? Wenngleich erst durch
neues Material eine sichere Beantwortung dieser Frage niöglich wer-
den wuti, so ist doch, glaube ich, schon jetzt eine einigermassen wahr-
scheinliche Lösung der Schwierigkeiten denkbar, wenn wir der neuen
Ordnung Bechnung tragen, welche sich durch die Zusagen Albrechts
und Heinrichs herausgebildet hatte.
Zweierlei muss uns in diesen Dokumenten fremdartig erscheinen :
die Pflicht des Erzbischofe von Köln, den König nach Italien zu be-
gleiten, die nicht aus dem Heeresaufgebot, sondern aus dem Erzkanzler-
amte hergeleitet wird, und die enge Verbindung zwischen dem letzteren
und der Kanzlei, da aus dem Wortlaut, hervorzugehen scheint, dass
der Erzkanzler selbst die kanzlerischen Funktionen ausgeübt hätte,
wenn er mit dem Könige nach Italien gezogen wäre. Von beidem
findet sich sonst in der Zeit Heinrichs VII. und dem vergangenen
Jahrhunderte keine Spur, und den damals herrschenden Verhaltnissen
gegenüber machen beide Grundsätze den Eindruck neuer Gedanken.
War doch seit mehr als fünfeig Jahren kein deutscher König in Ita-
lien gewesen; hatte doch in der Zeit Friedrichs ü. Engelbert von Köln
*) Lacomblet III, 70 = B. S06. «) Mittheil. des Instii f. Ost G.-F. II, 294.
Gesbhichte der deutschen Reichskanzlei 1246—1808. 263
gerade wahrend der Abwesenheit des Kaisers Deutschland f&r den
jungen Konig Heinrich yerwaltet. Vollends von einem peraönlich aas-
geübten Siegelamte der Erzkanzler kann in dieser ganzen Epoche so
wenig wie unter den letzten Staufern ^) die Bede sein: die Bewahrung
des Si^els war Sache des Kanzlers.
Indessen lassen sich, glaube ich, auch für die hier ausgesproche-
nen Ansichten geschichtliche Anknüpfungspunkte, allerdings in einer
ferne liegenden Vergangenheit, finden und gerade auf einer Verbin-
dung langst veralteter Vorstellungen mit den neuen staatsrechtlichen
Ansprüchen der Stande scheint mir die Entwicklung der Dinge iinter
Heinrich VII. zu beruhen.
Greifen wir weiter in die Vorzeit zurück, so finden wir unter
Lothar eine Verpflichtung des italienischen Erzkanzlers, als solcher die
fiom&hrt mitzumachen. Als Bruno von Köln sich dessen weigerte,
ernannte Lothar den Erzbischof von Magdeburg, dann den Bischof von
Begensburg zu Erzkanzlem für Italien^). Die enge Verbindung zwi-
schen den Erzkanzlem und der Kanzlei tritt zumal unter Friedrich I.
deutlich zu Tage, indem die ersteren überaus häufig ohne SteUvertre-
tung durch Kanzler oder Notare als Becognoscenten erscheinen^). Das
änderte sich freilich im Laufe der Zeiten. Der König übte keinen
Einfluss mehr auf das Erzkanzleramt, dieses aber trennte sich yöllig
von der Kanzlei und entledigte sich jeden Bestes der Bechte und
Pflichten persönlicher Amtsführung. Erst im 14. Jahrhundert konmien
diese yerschollenen Ideen wieder zur Geltung — in einer Umgestal-
tung freilich, welche den neuen Machtverhältnissen entsprach, aber
doch wohl nicht ohne Anknüpfung an das einst Gewesene ins LeJ)en
trat. Die Erzkanzler nahmen nur das herüber, was ihnen yortheilhaft
schien, sie wahrten die eroberte Freiheit ihrer eigenen Stellung, aber
sie suchten die Verbindung zwischen ihrem Amte und der Beichs-
kanzlei wieder herzustellen : sie erkannten die Pflicht der Kanzlei yor-
zttstehen und folglich auch die Verbindlichkeit für den Kurfürsten
Ton Köln, den König nach Italien zu begleiten wenigstens grundsätz-
lich an, aber nicht um derselben thatsächlich nachzukonmien^), son-
<) Vgl. Hcdllard-Br^hollefl, Eist. dipl. I, Introd. 5. 116 ff.
*) VgL Eanen, Gesch. von Köln I, S76. Ficker, ürkundenlehre 11, 228 und
die dort angefahrten Quellen. *) Stumpf, Regesten II. Band.
*) In dem Privileg Adolfs für Gerhard von Mainz B. 14 verspricht der König:
ipsos archiepisoopos in hujus modi juribus honoribus et libertatibus . . . siye
sint in nostra constitnti curia, sive extra, manatenebimus .... und in der Be-
Btfttigang Albrechts B. 44 wird hinzugefügt: ut presentes, eorum etiam absentia
non obfltante.
264 Herzberg-Fränkel.
dem nur tun die Beichskanzlei yon sich abhängig zu machen, indem
sie einem Ton ihnen ernannteil Stellvertreter die AmtsfÜhrnng Über-
gaben. En^u wir also, ob denn der Erzbischof von Köln wirklich
in eigener Person das Siegel gefiihrt hätte, wenn er mit dem König
nach Italien gezogen wäre, so kann die Antwort nur eine yernei-
nende sein.
Ich glaube, dass zur Lösung dieser Schwierigkeiten zwei Urkun-
den aus späterer Zeit wesentlich beitragen. Die eine ist das bereits
erwähnte^) Privileg Karls IV. für den Erzbischof von Trier, durch
welches demselben die erzkanzlerischen Bechte, welche sonst Mainz
ausübte -^ auch die Hut der Siegel und die Befugniss, die Kanzlei-
beamten zu ernennen und in Eid zu nehmen — für den Fall eines
königlichen Aufenthaltes im Arelat oder Gallien übertragen werden.
Wahrscheinlich auf ein ganz ähnliches Zugeständniss Heinrichs YIL
gründet sich das Vorgehen des Erzbischofs von Köln, der durch die
Ernennung Heinrichs von Villers die gleichen Bechte für Italien aus-
übt, welche nach dem Diplome Karls IV. dem Kurfürsten von Trier
für den Sprengel seiner Erzkanzlei gebühren. Und sollte nicht auch
der Erzbischof von Mainz ähnlich geurkundet haben, wenn es galt,
einen Kanzler in sein deutsches Amt einzuführen? Eine zweite Ur-
kunde aus noch jüngerer Zeit scheint mir die Antwort darauf zu ge-
ben. Es ist der Bestallungsbrief, mit welchem Diether von Mainz im
Jahre 1441 den Erzbischof Jakob von Trier zum Kanzler ernennt^),
weil er selbst zu sehr mit Geschäften überhäuft sei, um auch noch
dieses Amtes zu walten. Das war gewiss kein vereinzelter FalL Die-
sell^en Gründe hatten zu jeder Zeit Geltang; das Mainzer Stift war
von jeher »von den Gnaden Gottes gross und wyt und daryn vid,
beide geistlich und wemtlich Sachen zu sohafien" gewesen — wir
dürfen annehmen, dass diese Urkunde vollkommen der des Erzbischofe
von Köln entspricht»
Wir haben auch in der letzteren nichts anderes zu sehen, als
eine Form der Zustimmung oder Ernennung von Seiten des Erzkanz»
lers für den Kanzler vor Beginn der Amtswirksamkeit des letzteren
in Italien; eine Form, wahrscheinlich gleich derjenigen, in welcher
auch der Einfluss . der beiden anderen Erzbischöfe auf die Besetzung
der Kanzlei zum Ausdruck zu kommen pflegte. Sie ist ein Zeugniss
des auf die Spitze getriebenen Grundsatzes der Stellvertretung, welchen
die Kurfürsten aufgestellt hatten. Es ist bemerkenswerth, dass der
Abt von Villers, der doch schon seit mehreren Jahren der Beichs-
1) S. 861, Anm. 4. >) GudenuB, Cod. dipl IV, 268.
Geschichte der deutschen Beichukanzlei 1240— 1 SOS. 265
kanzlei Torstand, in dieser Urkunde gcu: nicht Kanzler genannt wird,
sondem erst durch dieselbe Titel und 'Bestallung empfangt. Wie das
Kanzleramt überhaupt, so wird auch dessen wesentlichste Befugniss,
die SiegelfÜhrung, als ursprünglich dem Erzkanzler zukommend ge-
dacht, der sie nun weiter überträgt und, ich wiederhole es, auch über-
tragen würde, wenn er nicht yerhindert wäre, die Bom&hrt mitzu-
machen. So gewinnen diese Urkunden^) einen höheren Werth, indem
die nicht nur die Verhältnisse des Erzkanzleramtes iür Itahen, sondern
die Stellung der Erzkanzler überhaupt zur Oenüge erklären.
Allerdings ist es nicht unwahrAcheinlich, dass in unserem Docu-
mente der Erabischof von £öln auch einige Bechte überträgt, die nicht
zum Kanzleramte gehören und die er bei persönlicher Anwesenheit in
Italien auch selbst ausgeübt hätte: die YerJßigung über. die' Einkünfte
und die Führung der Insignien, welche vom Siegelamte, unterschieden
wird. Was die Führung der Insignien betrifft, so kann ich nur yer-
muthen, dass damit das feierliche Geremoniel der grossen Hoftage ge-
meint sei, welches gewiss schon früher bestand, ehe es durch die gol-
denene Bulle ^) in allen Einzelheiten geregelt worden war.
Die grössere Abhängigkeit der Kanzlei vom Erzkanzleramte tritt
nun auch in den Diplomen selbst unverkennbar zu Tage. Die Beco-
gmtionsformeln der früheren nachstaufischen Zeit hatten zwar oft, meist
weun sie in hergebrachter Weise gebildet waren, aber durchaus nicht
immer den Erzkanzler genannt. Unter Heinrich YIL wurde wieder
viel häufiger recognoscirt und der Abt von Yillers nennt sich dabei
regelmässig nur als Stellvertreter der Erzkanzler durch Deutschland
oder Itahen 3 j.
Fassen wir die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen, so
finden wir in der staatsrechthchen Stellung der Beichskanzlei eine
Entwicklung, welche derjenigen der deutschen Verfassung entspricht.
Anfangs unter der JSachwirkung staufischer Einrichtungen ausschUess-
lieh vom Könige abhängig, wird die Kauzlei unter Adolf schon vom
£rzbischof von Mainz beeinflusst ; aber noch immer ist die königUche
Ixewalt gross genug, um die Verfügung über eines ihrer wichtigsten
Werkzeuge zu wahren. Albrecht gibt erst dem Drängen der Erzkanzler
nach, bald jedoch gehngt es ihm, das alte Verhältniss wieder herzu-
stellen. Heinrich YU. endlich bevfdlUgt den Erzkanzlern rechthch die
ganze Oberleitung der Kanzlei und die Ernennung aller Beamten der-
1) In die Reihe derselben gehört auch die Anmerkung bei Lacomblet ULI,
C53, nach welcher auch Karl lY. 1846 dem Erzbischof von Köln gestattet, das
Eizkanzleramt in Italien durch Stellvertreter ausüben lassen zu dürfen.
*) Olenschlager, Cap. 27. ^) Näheres über Recognitionsformeln s. u. S. 272.
MittheUiinflreii, Ersänznncsbd. L 18
266 Herzberg-Pränkel.
selben, thatsächlich aber erhalt der Mann des königlichen Yertranens
(las Kanzleramt. Der König versichert sich za Beginn seiner Begie-
rung der Zustimmung der drei Erzbischöfe, welche formell in der
Weise erfolgt, dass der Kanzler, ehe er seine Wirksamkeit in einem
der drei Sprengel antritt, von dem vorstehenden Erzkanzler zum Stell-
vertreter ernannt vnrd. Damit war der Sieg der Kurfttrsten entschie-
den, und die jetzt festgestellte Ordnung blieb, wenn auch nicht ohne
Kämpfe und Unterbrechungen^), bis an das Ende des Beiches.
Die Einrichtung der Kanzlei. Die Beamten.
Unberührt von diesen Vorgängen blieb die innere Organisation
der Reichskanzlei. An der Spitze stand, wenn wir vom Erzkanzler
absehen, der Kanzler, nach wie vor Einer für alle drei Beiche; von
einer gleichzeitigen Wirksamkeit mehrerer kann keine Bede sein; ob
man Titularkanzler kannte, ist fraglich. So viel ich sehe, liegt nur
ein Fall der letzteren Art vor: der Kanzler Albrechts, Eberhard, dem
um 1302 Johannes in diesem Amte gefolgt war, wird in einer Ur-
kunde Heinrichs YII. vom Jahre 1309 als imperialis aule cancellarius
unter den Zeugen angeführt 2). Unter Heinrich bekleidete er jedenfalls
kein Amt, im Jahre 1309 führt er gewiss nur den TiteL Ich habe
ihn, seit er sich aus der Kanzlei zurückgezogen hatte, in keiner Ur-
kunde Albrechts gefunden; es wurde bereits die Vermuthung ausge-
sprochen, dass Eberhard, wie er wahrscheinlich durch den kurfärst-
lichen Einfluss getragen worden war, gefallen sei, als der König die
rheinischen Erzbischöfe besiegt hatte. Vielleicht blieb ihm der Titel;
vielleicht verlor er auch diesen, bis er ihn von Heinrich VII. aus
Bücksicht für den Erzkanzler wieder erhielt.
Bischof Heinrich von Speier, der sich auch nach dem Tode seines
Königs den Kanzlertitel beilegt, indess Nikolaus von Cambray schon
als Kanzler Bichards erscheint, leitet seinen Anspruch nicht von der
Stellung unter Wilhelm, sondern von dem ihm unter Alfons verliehe-
nen Amte her, und gibt schon nach wenigen Jahren den Titel, wel-
chen die Kanzlei Bichards niemals anerkannt hatte, von selbst auf.
Sonst kommt es nicht vor, dass, wenn ein Kanzler unter Beibe-
haltung seines Titels von der Leitung der Geschäfte zurückgetreten
wäre, sein Nachfolger noch bei Lebzeiten des Vorgängers den Kanzler-
titel angenommen hätte. In solchen Fällen pflegt vielmehr der Proto-
notar als Vicekanzler den Ausgeschiedenen zu vertreten, ohne zur
') Vgl. Lindner a. a. 0. 15, Harnack, Das KurfQrstenoollegium, 148.
«) B. Heinr. 12.
Geschichte der deutschen Reichskanzlei 1246-1808. 267
Kanzlerwürde befördert zu werden. Einen solchen Vorgang können
wir unter Eonig Budolf nachweisen, da nach der Wahl des Kanzlers
Badolf Yon Hoheneck zum Eizbischof von Salzburg Heinrich von
Elingenberg an dessen Stelle tritt. Dass solches nicht in feindlichem
Gegensatze zur mainzischen Politik geschah, wie Lorenz annimmt,
ei^bt sich aus der spateren Wiederholung ähnlicher Vorgänge: unter
Albrecht entzog sich der Kanzler Johann, nachdem er Bischof von
Strassburg geworden war, den Aufgaben des Amtes, das er formell
behielt, und dennoch trat kein anderer als Kanzler an seine Stelle.
Eben so wenig dachte man daran, einem Kanzler, auch wenn er
Jabre lang abwesend war — wie Budolf von Hoheneck als Qeneral-
?icar — den Titel zu nehmen. Mit dem Tode des Königs jedoch er-
losch in der Kegel die Würde des Ueberlebenden, was . noch näher
za erörtern sein wird.
Dagegen gab es Zeiten, in denen das Kanzleramt unbesetzt war.
Koize Pausen kamen wohl jedesmal vor der Ernennung eines neuen
Kanzlers vor; aber auch jahrelange Zeiträume sind uns bekannt, in
denen nur ein Protonotar der Beichskanzlei vorstand. So wurde nach
dem Tode Rudolfs yon Hoheneck am 3. August 1290 kein Nachfolger
ernannt, obgleich König Budolf erst am 15. Juli 1291 starb. Unter
Adolf erscheint Ebemand erst 1294 als Kanzler, während er bis dahin
als Protonotar und Vicekanzler die Geschäfte geführt hatte. Die lange
Pause zwischen dem letzten Auftreten des ersten Kanzlers unter
Albrecht, Eberhard, und dem ersten Vorkommen des zweiten, Johann,
— &st drei Jahre — lässt sich zwar auch durch die Lückenhaftigkeit
der üeberlieferung erklären ; aber die Annahme einer längeren Vacanz
hat, zumal wenn man die Kämpfe des Königs mit den rheinischen
Kurfärsten berücksichtigt, einen höheren Grad von Wahrscheinlichkeit.
Wie für das Cancellariat, so darf man auch iiir das Protonotariat als
Hegel annehmen, dass nicht mehrere dieses Titels neben einander vor-
kommen. Dafür zeugt der WorÜaut der Versprechungen Heinrichs VII.
f&r Peter von Mainz, der das Becht erhält, den Kanzler, den Proto-
notar, aber die Notare ein- und abzusetzen, und der stete Gebrauch
dieses ganzen Zeitraumes. Ich kenne nur eine Ausnahme. Der erste
Protonotar Budolfs, Heinrich, war seit September 1274 Bischof von
Trient, und schon im October desselben Jahres erscheint Gottfried als
sein Nachfolger in diesem Amte. Aber noch im Mai 1275 wird Hein-
rich, schon als Bischof, Protonotar genannt und im October ist er
als solcher Datar einer königlichen Urkunde. Nun ist es allerdings
auiJKUig, dass Gottfried im December 1274 einmal wieder bloss als
Notar bezeichnet wird; da wir jedoch nicht an eine Degradation des-
268 Herzberg-Fränkel.
selben denken können, so erscheint es als ein für uns bedentimgs-
loses Versehen; wenn die Erklärung nicht etwa darin liegen sollte,
dass sich die Zengenschaft Gottfrieds auf eine Handlung beziehe, die
älter ist als seine Ernennung zum Frotonotar. Mehr Gewicht dürfen
wir auf den Umstand legön, dass der neue Protonotar in den nächsten
zwei Jahren in den Urkunden zurücktritt. Sollte yielleicht Heinrich
während seines Aufenthaltes am Hofe sein früheres Amt weiter gefuhrt,
lind Gottfried sich indessen in zweiter Linie gehalten haben? Dann
liesse sich auch begreifen, dass der Bischof von Trient, obgleich er
schon einen Nachfolger in ^er Kanzlei ehalten hatte, wieder Proto-
notar genannt wird und wirklich als solcher thätig ist. Jeden&lls
liegt hier eine Unregelmässigkeit vor, die in der königlichen Kanzlei
ohne Nachahpiung geUiebem ist.'
Ein Titular-Protonotar findet sich nirgends; wenn ein Protx>notar
Bischof wird, so legt er sein Amt nieder. Eine Ausnahme macht hier
wieder der Bischof Heinrich von Trient.
Sehr verschieden ist die Bedeutung des Yicecancellariats. Bekannt-
lich wurde in den späteren Zeiten der Kanzler Beichsvicekanzler ge-
nannt. Die Stellvertretung wurde damit auf das Erzkanzleramt bezo-
gen. Es scheint, als sei auch dem 13. Jahrhundert, wohl in Folge
des Brauches der mustergütigen päpstUchen Kanzlei, eine solche Auf-
fassung nicht fremd gewesen; nennt doch die Portsetaung der Annalen
Hermanns von Niederaltaich ^) den Kanzler ßudolis, den lärzbischof von
Salzburg, Y icekanzler. Ein Irrthum liegt hier schwerlich ; vor die An-
nalen sind zeitgenössisch und stammen überdies aus dem salzburgischen
Sprengel Aber kanzl^emäss war diese Auffassung nicht: hier verstand
man unter vicecaucellarius den Stellvertreter des Kanzlers, wie zahlreiche
Kecognitions- und Datirungsformeln beweisen. Der Vicekanzlertitel
konnte in der Begel nur einem Protonotar gegeben werden, ein be-
sonderes Amt bedeutete er nicht. Deshalb ist es ein Verdachtsgrond
mehr bei der schon von Böhmer beanstandeten Urkunde Rudolfs vom
Jahre 1:^84 oder 85 ''^), dass Heinrich von Kliugenberg in derselben
bloss als curie nostre vicecancellarius bezeichnet wird, während der
Titel sonst protonotarius et vicecancellarius lautet.
Die grösste Bedeutung erreichte das YicecanceUariat natürlich
dann, wenn das Kanzleramt nicht besetzt war, wie es nach dem oben
Gesagten öfter vorkam. Aber auch wenn der Kanzler noch lebte und
den Titel führte, aber durch die Auigaben eines hohen kirchlichen
«) M. G. SS. XVII, 414. z. J. 1284.
*) B. 808, Acta sei. 448 ; jetzt nach dem Or. gedruckt Cod. d?pl. Sax. II, 2, 8.
Geschichte der deuUchen Reichskanzlei 1246—1808. 269
Amtes ganz in Anspruch genommen war, hatte der Frotonotar als
Yicekanzler die gesammte Leitung der Kanzlei in seiner Hand.
Das Vicekanzleramt in diesem Sinne findet sich jedoch erst in
der habsbnrgischen Zeit. Während des Zwischenreiches tiihrten die
eigentlichen Kanzleibeamten niemals diesen Titel; Labbert von Egmont,
der unter Wilhelm Vicecancellarius, und zwar Vicecancellarius allein
genannt wird, scheint nach dem urkundlichen Material ein ausschliess-
lich staatsmäunischer Beirath des Königs gewesen zu sein, ohne dass
er sich ii^endwie an den Arbeiten der Kanzlei betheiligt hätte.
Von den Notaren muss es, nach der grossen Menge von Diplo-
men zu urtheilen, die oft an Einem Tage ausgefertigt werden, in der
königlichen Kanzlei eine bedeutende Anzahl gegeben haben. Wenn
wir dennoch nur einige wenige nachweisen können, so hat dies sei-
aen Grund darin, dass sie sich viel seltener nennen, als die Proto-
notare oder Kanzler. Unter Heinrich VII., besonders in den in Italien
ausgestellten Urkunden, von denen viele die Form longobardischer
Notariatsacte haben, sind die Namen der Notare häufiger angeführt,
und da taucht in der That eine viel stattlichere Beihe von Namen
auf als unter Budolf oder Albirecht.
üeber das Vorhandensein einer unter den Notaren stehenden
Klasse von Copisten, Schreibern im engeren Sinne des Wortes, sind
wir nicht des Näheren unterrichtet; doch ist die Annahme einer solr
cheu untersten Bangstufe in hohem Grade wahrscheinlich. Namentlich
setzen die Bundschreiben, die in. vielen Exemplaren ausgefertigt wer-
den mussten, Abschreiber voraus. Man findet nicht selten zwei oder
mehrere Originalexemplare einer Urkunde von verschiedenen Händen
geschrieben, obgleich der Wortlaut genau übereinstimmt, so dass min-
destens in einem FaUe Concipient und Schreiber sich nicht decken.
Allerdiugs mögen in vielen Fällen die concipirenden Beamten ihre Urkun-
den auch selbst gesehrieben haben; aber das Abschreiben der Diplome
Anderer widerspräche doch zu sehr der zuweilen nachdrück^ch beton-
ten i) Würde des Notariate. Doch wird erst unter Budolf die Menge
der Urkunden so gross, dass wir zu solchen Annahmen veranlasst
werden; früher begnügte man sich wohl, wenn es ungav^öhnl^ viel
2u thun gab, firemde, ausserhalb der Kanzlei stehende Schreiber t^us-
Ml&weise za beacbftfkigen. So verhält es sich ^ei^igstens mit den bei-
den einzigen Schreibern, deren Namen wir erfahren, weil der Kanzler
Konig Wilhelms die Becognition durch sie schreiben lässt; freilich
*) Vgl, fU» Brief des Notars Ko&rad von Diessenhofen an fludolf. Acta
seL 1010.
270 Herzberg-Fr änkel.
bleibt es nocb ungewiss, ob dieselben auch bei der Ausfertigung gan-
zer Urkunden verwendet worden sind.
Die Functionen der Eanzleibeamten.
Zweierlei Aufgaben hatten sich die höheren Beamten der Beiehs-
kanzlei zu unterziehen: sie sollten einerseits dem König als Staats-
männer, als Botschafter und Bathe politisch wirkend zur Seite stehen
und andererseits mit dem ihnen anvertrauten Siegel auch die verant-
wortliche Leitung des eigentlichen Urkundenwesens übernehmen. In
der Führung des einen wie des anderen Amtes waren die BeAiguiszse
der über- und untergeordneten Eangstufen nicht scharf gegen einan-
der abgegrenzt, so dass vnr in allen Gebieten des Eanzleiwesens
Kanzler, Protonotare und Notare in fast gleicherweise thätig finden*).
Wenn wir von Adolfs Kanzler Ebernand, über den wir so wenig
wissen, absehen, so gibt es in diesem ganzen Zeitraum' keinen Kanzler^
der nicht zu den wichtigsten diplomatischen Sendungen verwendet
worden wäre, in erster Linie zu den schwierigen Verhandlungen mit
dem römischen Hofe und den italienischen Mächten. Während man
aber zu anderen staatsmännischen Aufgaben, selbst zu Oesandtschaften
an die Curie, auch die untergeordneten Personen der Kanzlei herbei-
zieht, werden dauernde Missionen in Italien, die mit der Ausübung
von Eegierungsrechten verbunden sind, wie etwa die Vicariate, wenn
überhaupt einem Kanzleibeamten, dann ausschliesslich den Kanzlern
übertragen. Es ist nun jedenfalls befremdend, dass an Staatsmänner,
deren eigentlicher Beruf doch die Leitung der kaiserlichen Kanzlei
war, Anforderungen gestellt werden, die sie zuweilen, wie den Kanzler
Budolfs, mehrere Jahre vom Hofe fernhielten. Der Grund dafür scheint
mir in einer vermeintlichen Anknüpfung an ältere Gewohnheiten zu
liegen. Das lehrreiche Capitel über die Generallegaten für Italien in
Fickers Forschungen zur Eeichs- und Bechtsgeschichte Itahens*) zeigt,
dass während der ganzen Herrschaft der Staufer von Konrad III. bis
zur Zerschlagung Italiens in mehrere Legationssprengel unter Fried-
rich II. es ebenfalls die Beichskanzler waren, welche in fast ununter-
brochener Beihenfolge dieses Amt bekleideten. Wahrscheinlich hatte
man sich auf diese Weise daran gewöhnt, die Ordnung der italieni-
schen Angelegenheiten gleichsam als eine Agende des Beichskanzler»
') S. den Brief des Mönches Wolfgang von Niederaltaich an den , Kanzler
des Königs* (Rudolf): et vos et capellaniae vel notariae officio vel etiam in le-
gationum ministerio tantae curiae me reputaveritis esse aptum, ordinäre digne-
mini, qnat^nus ad ipsius curie obsequia, specialiter tarnen ad vestns per regiam
evocer maiestatem. Pez Thes. VI, 2, 188 Nr. 89. ") ü, 188 ff.
GeHchichie der deuUchen ReichBkiuäzlei 1246— 1 SOS. 271
anzusehen, und diese Anschauung festgehalten, als man nicht mehr
Legationen für ganz Italien, sondern nur Yicariate oder General-
vicaiiate in den einzelnen Theilen dieses Reiches zu vergeben hatte.
So entsandte Wilhelm seinen Kanzler in die Lombardei, obgleich
er dessen XJnentbehrlichkeit am Hofe ausdrücklich anerkennen musste
und gezwungen war, ihn vorläufig durch einen anderen Yicar zu er-
setzen. Heinrich von Speier gieng wahr8cheinlich gar nicht nach Ita-
lien, aber der Grundsatz blieb gewahrt. Ebenso ordnete Budolf
seinen Kanzler gleichen Namens zweimal, von kürzeren Gesandt-
schaftsreisen abgesehen, für längere Zeit nach Italien ab, einmal
um in seinem Namen in Oberitalien das Generalvicariat zu führen und
Huldigungseide entgegenzunehmen, und 6 Jahre später, um Tuscien
ebenfalls als Generalvicar zu verwalten — eine Aufgabe, die den
Kanzler 3 Jahre in ItaUen zurückhielt. Seine Nachfolger unter Budolf
und Adolf waren Weltliche und Albrecht kam nicht dazu, einen Ver-
treter für Tuscien zu ernennen i). Ohne die Entwicklung eines
formlichen Hechtes anzunehmen, glauben Tidr diese Thatsachen durch
ein Zurückgreifen auf die alte üebung der staufischen Zeit erklären
zu dürfen, welche sich auf die Nothwendigkeit gründete, einen Mann
von grosser Autorität und erprobter Geschäftskenntniss an die Spitze
der italienischen Verwaltung zu stellen.
Die eben besprochenen Falle ausgenommen, wurden auch Proto-
notare mit den wichtigsten diplomatischen Au%aben betraut und be-
sonders nicht minder häufig als die Kanzler an den päpstlichen Hof
entsendet. Einer von ihnen, Budolfs Protonotar Gottfried, erhielt so-
gar den Auftrag, des Kanzlers Handlungen in Italien zu widerrufen,
soweit sie mit den Ansprüchen der Curie in Widerspruch standen.
Bei weniger bedeutenden Botschaften wurden selbst Notare ver-
wendet und auch grösseren Gesandtschaften beigegeben, wenn sie
gleich hier in zweiter Linie standen, wie Matthäus de Celis unter
Bichard, Andreas von Bode und Konrad von Herwilingen unter
Budolf.
Die Wirksamkeit der Kanzleibeamten in Bezug auf das
ürkundftnwesen.
Weniger gut als über das Mass politischer Thätigkeit der Kauzlei-
personen sind wir über die Theilnahme derselben am Kanzleigeschäfte
im engeren Sinne, am ürkundenwesen, unterrichtet. Es fehlt uns leider
in Deutschland an Kanzleiordnungen, wie sich solche Air die Kanzlei
') Ficker, Fonchongen II, 462.
272 Herzberg-FrankeL
der Päpste oder der sizilischeil Könige erlialten haben und es ist nur
ein geringer Ersatz för diesen Mangel, dass einige jener Anweisungen
uns das Verständniss auch deutscher Einrichtungen erleichtem. Nicht
minder hinderlich ist der häufige Wechsel der Herrscherhäuser in
Deutschland, welcher die Stetigkeit der Eanzleigebräuche erschüttert
und lange keine feste Üeberlieferung aufkommen lässt, die sich bis
auf die Einzelheiten des Urkundenwesens erstreckte. Diese Umstände
sind um so gewichtiger, als wir ftlr die Nachrichten über die eigent-
lich diplomatischen Vorgänge ausschliesslich auf die Urkunden ange-
wiesen sind. In diesen oflFenbart sich die Theilnahme der Eanzleiper-
sonen an der Beurkundung in der Eecognitions- und Datirungsformel,
welche den Datar angibt, und in gewissem Sinne auch in der Zeugen-
reihe. Aber diese Formeln finden sich nicht in allen Diplomen, und
die Urkundenarten, in denen sie vorkommen, sind durchaus nicht
scharf umgrenzt. Schon' in der Stauferzeit war es nicht mehr der In-
halt der Urkunde, sondern die mehr oder minder feierliche Form der-
selben, was über die Aufnahme einer jener drei Formeln entschied.
Wohl kann es noch für die spätere Zeit als allgemeine Begel gelten,
dass Mandate, Briefe, Schuldverschreibungen ohne dieselben ausgefer-
tigt werden, aber der Gebrauch schwank* nicht minder, als die Gren-
zen der Urkundenarten. In der Kanzlei Adolfe sind Zeugenangaben
selten, in den Urkunden Albrechts die Recognition und die Nennung
der Datare. Ueberdies führen Böhmers Begesten zwar häufig, aber
nicht immer ßecognoscenten, Datare und Zeugen an, so dass ddm ge-
sammelten Stofie auch die Bürgschaft der Vollständigkeit fehlt, da
mir viele Urkunden unzugänglich waren.
WoUen wir aus dieser lückenhaften Üeberlieferung das Bild der
Beichskanzlei, wenn auch nur in grossen Umrissen, herstellen, so
müssen wir zunächst die Bedeutung jener Formeln untersuchen, auf
deren Inhalt fast ausschliesslich unsere Kenntniss beruht.
Die Becognition und ihre Bedeutung.
Was zunächst die Becognitionsformel betrifft, so kann über die
ursprüngliche Bedeutung derselben kein Zweifel walten: sie zeigfc an,
dass der Beamte, den sie nennt, die Bürgschaft für den Inhalt der
Urkunde übernimmt. Aber diese Bürgschaft war im Laufe der Zeiten
eine leere, stereotype Form geworden, die man gleichsam zum Auf-
putz feierlicher Diplome verwandte; der Becognoscent brauchte von
seiner Unterschrift keine Kenntniss zu haben, geschweige dass er bei
der Ausfertigung hätte zugegen sein müssen. Vielleicht hängt es da-
mit zusammen, dass man die Becognition mehf mid mehr vemach-
Geschichte der deutschen Reichskanelei 1246-1808. 278
lässigte. Eine Doichdioht der gröflseren SammluBgea von ürknnden
Friedriclifi 11^ wie sie i& dem Werke von Hiullard-Brehollefl, ia BdhxBerä
und Winkelmanns Acta imperii Torliegen,> zeigt, dasB die ibrmel in
der sizilischen und deutschen Königezeit Friedrichs sehr häufig ge*
braucht wird, seit der Kaiserkrönung aber immer seltener Torkommt.
Bin ahnliches Yerhaltniss ergiebt sich f&r die Kanzlei Heinrichs (VII) :
bift mm Jahie 1223 ist die Becognition gewöhnlich, spater findet sie
nur vereinzelt im Jahre 1231 Anwendung. Auch die Urkunden Kon-
rads lY. haben sich dieser Formel, wenn überhaupt, nur in den
wenigsten lallen bedient^). Die Begel war, dass der Kanzler im
Namen des Erzkanzlers, zuweilen aber auoh selbständig, als Baoognos^
cent genannt wurde, lüiach Fickers Annahme*) pflegte die Nennung
des Kanzlers in dieser Periode nur dann zu ^Bifolgen, wenn der-
selbe wirklich anwesend war, so dass die Secognitionsformel eben
dureh ihre Seltenheit einen grösseren Werth für die Beglaubigung der
Urkunden erlangte, wenngleich der Kanzler sie nicht eigenhändig in
die Urkunde eintrug. Tirotzdem war die Erinnerung an diese Formel
keinesw^s erloschen, kam sie doch noch im 14. Jahrhunderte, unter
Hemrieh YII., ganz in der alten Weise wieder in regelmässige Uebung ;
aber allerdings wuvde es eben durch die Seltenheit der Becog-
nitioB in den letzten staufischen Zeiten möglich, dass man; derselben
in den nachfolgenden Kanzleien eine erhöhte Bedeutung beikgen
keimte. Es kam während des Zwibchenreiches dar Gedanke auf,
der Beeognoscent habe seine Unterschrift eigenhändig einzutragen.
Wohl kam dieser Ghrundsa^ nicht überall zur QeHung, vielmehr sind
manche recognoscirte Originale ganz von einer Hand geschrieben;
aber es lässt sich immerhin nachweisen, dass der Ton Ficker ange-
fidirte Fall') eigenhändiger Eintragung der Becognition durchaus
nicht ver^nzelt dasteht, sondern eher die Begel als die Ausnahme
bildet. Eine Zusammenstellung der wenigen Beoognitionsformeln, die
in den Urkunden bis auf Heinrich YIL erhalten sind, mag dies
darthmi.
1. Eine Urkunde Wilhehns (B. F. 5047) schliesst mit den Worten:
Et ego Henrieus electus Spiremds vice d. Gerardi electi Maguntini
sieri imp .... archieanc. recognori et per manum Wilhelmi de Fries-
laria canonici sancti Johannis Osnabniggensis hanc aubscriptioDem
vice mea apponi feei
2. Ein zweites Diplom Wilhelms (B. F. 5049) ist ähnlich recog-
<) H.-B. III, 469—70. >) Urkundenlelue II, 17 7
*) Uli. n, 510 NachMge,
274 Herzberg-Fräukel.
noscirt: .... recoguovi et per mauam Wemeri scriptoris canonici
Wetslanensis ecclesie TreTirensis diocesis, qui hoc Privilegium scripsit,
hanc subscriptionem vice mea apponi feci.
3. In einem Diplom Budolfs vom 6. Aprü 1274 heisst es zu-
letzt^): Ego &ater Heinricus de ordine fratrom domus Theutonicorum,
doctor decretorum regalis aule protonotarius, vice yenerabilis cancel-
larii, regalis corie 0. prepositi sancti Widonis Spirensis recognovi
Privilegium et hanc confirmationis paginam de mandato tradidi
speciali.
4. Wörtlich gleichlautend, nur mit Weglassung des » tradidi* am
Schlüsse, ist die Becognitionsformel einer zweiten Urkunde vom selben
Tage, welche von Eausler wohl mit Unrecht &0[ eine Fälschung ge-
halten wurde 2).
5. Wenige Tage später recognoscirte Heinrich in fast genau der-
selben Weise eine Urkunde für das Kloster Baitenbuch: Ego frater
Heinricus etc. recognovi et .... de mandato tradidi specialis).
6. B. Bud. 269 vom 26. August 1276: Budolfiis cancellarius vice
Werneri archiepiscopi et archicancellarii recognovit et approbavit.
7. In dem Vertrage Budolfs mit der Kirche vom 14. Februar
1279*) unterzeichnet der Kanzler Budolf als Zeuge — mitten in der
Zeugenreihe: Ego Budolphus imperialis aule cancellarius interfui, re-
cognovi et subscripsi.
8. Das Schreiben König Budolfs vom gleichen Tage an Nioo-
laus m.^) hat nach dem Signum des Königs die Formel: Ego Budolfus
imperialis aule cancellarius vice domini Wernheri archiepiscopi Mogun-
tini ac per Germaniam sacri imperii archicancellarii recognovi, worauf
noch Actum und Datum in feierlicher Datirung folgen.
9. In einem Diplom vom 1. Juni 1283, zuletzt^): Ego Heinricus
protonotarius vice domini Budolfi imperialis aule cancellarii recognovi
et propria manu subscripsi.
10. Unter Albrecht findet sich am 15. Januar 1300'): Ego Eber-
hardus de Lapide prepositus Wizzemburgensis regalis aule cancellarius
recognovi vor dem Datum, und
11. am 11. Januar71303^): Ego Johannes imperialis aule can-
cellarius vice domini Gerhardi archiepiscopi Moguntini sacri imperii
per Germaniam archicancellarii recognovi am Schlüsse der Urkunde.
In den beiden ersten dieser eilf Formeln geht die Eigenhandig-
») Wirtenb. ürkb. II, 482. ») Wirtenb. ürkb. II, 488, Ba.
«) B. 82. Im Drucke der Mou. boica fehlt die Formel. *) B. 474.
•) B. 475. «] B. 754 Or. im Wiener Staatsarch. ^ B. 852. •} B. 414.
Gescliiclite der deutachen Reichskanzlei 124G— 1808. 275
keit oder yielmehr die Ansicht, dass eigenhändig reeognoscirt werden
sollte, ans dem Wortlaut selbst hervor. Die 3., 4. und 5. Urkunde
sind jede durchw^ von einer Hand geschrieben; die zweifellos echten
Nr. 3 und 5 zeigen jedoch gleiche Schrift; es ist sehr wohl möglich,
dass sie Tom Becognoscenten selbst geschrieben sind, was dann die
Eigenhändigkeit bei Nr. 4 ausschliessen würde. Von den übrigen Di-
plomen lagen mir nur dasjenige Budolfs von 1283 (Nr. 9) und die
Urkunde Albrechts von 1300 (Nr. 10) im Originale vor; in dem erste-
ren ist die Schrift des Frotonotars ganz deutlich von der des Context-
schreibers zu unterscheiden, die letztere rührt ganz von einer Hand her.
Ausserdem ist die Eigenhändigkeit auch noch ftlr Nr. 7 fesigestellt
worden^). Mindestens viermal, vielleicht aber noch viel öfter hat der
Recognoscent selbst unterschrieben, d. h. in der überwiegenden An-
zahl der während des Zwischenreiches und unter Budolf von Habs-
borg vorkommenden Fälle. So viel ist gewiss, dass wir es hier nicht
mit Ausnahmen, sondern mit einem neuen, wenn auch schwankenden
Gebrauche zu thun haben. Ueber die Entwicklung unter Adolf und
Albrecht*) gestattet die Spärlichkeit der Ueberlieferung kein sicheres
TJrtheil ; unter Heinrich Yil. sind die Becognitionsformeln von gleicher
Hand wie die übrige Urkunde. Das Vorgehen der Eanzlei Ludwigs
des Baiem ist uns unbekannt; unter Karl lY. aber kam die Eigen-
händigkeit der Becognition wieder in üebung, nur dass man sie bald
auf Diplome mit Goldbulle beschränkte'').
Es ist offenbar: die Bedeutungslosigkeit der Becognition hat nun
aufgehört und die Formel entspricht wieder, wie Ficker hervor-
hebt, dem thatsächlichen Vorgänge bei der Beurkundung. Damit
stimmt es überein, dass die Fassung meist ganz individuell ist; die
Recognition wird gewöhnlich an den Schluss des Diploms gestellt, so
dass sie als Prüfung desselben, als Billigung der Beinschrift^) erscheint.
Der Becognoscent hatte also nicht nur formell die Bürgschaft für den
Inhalt, sondern er betheiligte sich persönlich an der Ausfertigung der
Urkunde: damit ist zugleich gesagt, dass er nur dann genannt wer-
den konnte, wenn er persönlich zur Zeit der Fertigung der Beinschrift
anwesend war.
*) S. die Bemerkung BölimerB zu Nr. 474.
*) In B. Albr. 287 (Or. München) finden sich auf der inneren Seite des Buges
die Bachstaben E. E.. die nur Eberhardus Kancellarius bedeuten können, von
anderer Hand als die Urkunde geschrieben. Es ist dies freilich keine Recognition,
aber immerhin eine persönliche Theilnahme des Kanzlers an der Beurkundung.
*) Ficker UL. II, 510, lindner 98. ^) . . approbavit oben Formel Nr. 6.
276 Herzberg-FränkeL
Dä,s Datum per manus und seine Bedeutung.
Weit mehr Schwierigkeiten als die Recognitionsformel bietet die
Formel der Datirung oder Aushändigung, wie Ficker^) sie nennt,
welche auch in dieser Zeit , Datum per manus* lautet. Ficker ist der
Ansicht, sie habe den Aushändiger der Urkunde angegeben und
beweist in der That unwiderleglich, dass sie in sehr vielen PSllen
früherer und späterer Zeit nichts anderes bedeutet. Doch nimmt er
an, m^iU habe nicht immer diesen engeren Wortsinn festgehalten,
vielmehr sei das Datum per manus, ohne je zur völligen Bedeutungs-
losigkeit herabzusinken, später auch als Formel der Beglaubigung
überhaupt, wie etwa die Recognition, gebraucht worden. Allein auch
ihm sind schon manche Bedenken aufgestiegen. Das Zusammentreffen
der Becognitions- und Datirungsformel in Einem Diplom vermag er
dann, wenn die erstere nicht ganz bedeutungslos ist und die letztere
nicht den Sinn der Aushändigung haben kann, nicht zu erklären, be-
sonders in jenen Fällen nicht, wo eine solche doppelte Beglaubigung
sich auf eine und dieselbe Person bezieht und ein Kanzleibeamter so-
wohl als Recognoscent wie als Datar genannt wird. Wir werden auf
Urkunden treffen, in denen das Datun;i per manus nicht durch Aus-
händigung erklärt werden kann und wo es doch eine speciellere
Bedeutung haben muss, als die einer Beglaubigung schlechthin. Ist
aber diese Formel wirklich immer nur in dem von Ficker angjegebe-
nen Sinne gebraucht worden?
Für eine nichtdeutsche Eanzlei können wir dies bestimmt ver-
neinen. Eine Kanzleiordnung Karls von Anjou vom Jahre 1268 schreibt
vor^): Item in privilegiis donorum terre Omnibus ponetur data per
manus cancellarii et prothonotarii. In ceteris autem litteris per pro-
thonotarium faciendis ponetur data per eum et nomen suum propria
manu scribetur. Hier finden wir also einen ganz klaren Hinwei»
darauf, dass ^datum per manus* zugleich mit seiner Geltung als Be-
glaubigungsformel noch eine bestimmtere Bedeutung hat, und in die-
ser späteren Zeit eine Person als Datar bezeichnet wird, die sich an
der Fassung der Urkunden betheiligt. Freilich muss damit nicht immer
das Concipiren selbst gemeint sein, wir können auch jene Thätigkeit
darunter verstehen, welche im Begistrum Friedrichs ü. als Vermittlung
des königlichen Befehls an den Notar erscheint. Wir wissen aus der
Kanzleiordnung Friedrichs U., dass die Erledigungen in dorso der
Einlaufe geschrieben wurden, prout summfttim notariis dar! poterit
*) UL. II, 221 ff.
*) Winkelmaim, KaozIeiioTdiiungen 18 (Acta imp. 741).
Geschichte der deutschen ReichdEanzlei 1246— 1 SOS. 277
inteUectus. Der Grad der Betheiligung des Datars an dem ürkunden-
conoepte war gewiss je nach den Kanzleien und selbst in einer Kanzlei
verschieden: er mag sich bald auf die sachlichen Angaben der Erie-
digung in dorso beschrankt, bald auf die völlige Ausarbeitung des
Diploms erstreckt haben.
Untersuchen wir nun, ob diese Erklärung auch auf die Urkunden
der staufichen Zeit Anwendung finden kann und ob sie die Schwierig-
keiten löst, welche durch die Auifassung Fickers nicht beseitigt wer-
den. Die Formel ist in der sizilischen Kanzlei Friedrichs und in der
deutschen PhiHpps, Ottos und Friedrichs sehr häufig, in der ersteren
wild sie an Stelle der Becognition gebraucht, in den letzteren erscheint
sie neben derselben, stets in einer Art, welche die Erklärung als Aus-
händigungs- oder als Beglaubigungäformel überhaupt zulässt, ohne
gerade die Annahme auszuschliessen, dass der als Datar genannte an
der Fertigung der Urkunde betheiligt sei. In der kaiserlichen Kanzlei
Friedrichs wird diese Formel noch seltener als die Becognition. Wenn
sich ein Aushändiger nennt, so geschieht dies auf eine andere Weise :
die kaiserliche Kanzleiordnung schreibt vor, dass der Kaplan Philippus,
der die Urkunden den Parteien zu übergeben hatte, jede mit seinem
Zeichen versehen solle. In der That findet sich sein Name in mono-
grazmnatischer Form unter mehreren für Deutschland \md ItaUen aus-
gestellten Urkunden seit d^n Jahre 1237^). Ob jener Propst von
Werden, der ausnahmsweise einmal, im Juni 1245, als Datar erscheint,
mit Philippas identisch sei, muss dahingestellt bleiben, da der Name des
Propstes in der Urkunde nicht genannt ist. Erst 1247 ist die Formel
wieder häufig im Gebrauch; der Protonotar Petrus de Yinea erscheint
r^lmassig als Datar; auch hier müssen wir die Bedeutung des datum
anentschieden lassen.
Besonders leicht lassen sich durch die Beziehung auf Theilnahme
an der Beurkundung diejenigen Fälle erklären, in welchen zwei Da-
tare in Einem Diplome genannt werden, wie etwa in einer Urkunde
Ottos IV. Tom Jahre 1208^); es entspräche dies nur Vorgängen bei
der Beurkundung, wie wir sie aus dem -Begistrum Friedrichs II. ken-
nea lernen: De imperiaU mandato iacio per mag. Petrum de Yinea et
K. de Trajecto scripsit notarius B. de Cusentia^). So findet sich auch
noch unter Konrad lY.: Per Jacobum de Papia notarium et Gualte-
rium de Ocra imperiaUs aule prothonotarium^).
Die Hiuweisung auf die Vermittlung des königlichen Befehles tritt
1) Winkelmann, Kanzleiordnungen 5 (Acta ined. 785).
«) B. 37, vgl. Ficker ÜL. II, 226. ») BL-B. Va, 4fi5. *) B., Konr. 128.
278 Herzberg-Fränkel.
am deuÜichsteu dann hervor, wenn eine Person genannt wird, die
gar nicht der Kanzlei angehört. Wenn unter Heinrich VIL, Friedrichs
Sohne, der Ei-zbischof Engelbert von Köln als Datar einer Urkunde
fttr Gembloux erscheint i), so mag er in diesem Falle, da es sich um ein
Kloster seiner Erzdiöcese handelte, die Urkunde wirklich geprüft oder
auch persönhch ausgehandigt haben. Allein unter Konrad IV. finden
wir: Datum Aquis per familiärem et dilectum nostrum Eberhardum de
Eberstein«). Der Graf von Eberstein hatte nichts mit der Kanzlei zu
thun und kann die Urkunde weder ausgehandigt noch beglaubigt ha-
ben. Aber er erscheint im Diplom selbst unter denjenigen, welche das
Mass der Leistungen der Grafen von Jülich bestimmen sollen; seine
Erwähnung in der Datirungsformel kann sich nur auf die Vermittlung
des Urkundenbefehles beziehen, ähnlich wie später unter Karl IV.
Personen, die der Kanzlei ganz ferne stehen, als Mandanten in den
Noten genannt werden. Wenn in staufischer Zeit in der Eegel nur
bestimmte Kanzleibeamte als Datare fungiren, so mag das daher rühren,
dass man mit der Formel doch immerhin auch den Zweck der Be-
gkubigung verband und die Vermittlung und Ausführung des könig-
lichen Urkundenbefehls, auf welche Weise dieselbe auch geschehen
mag, recht eigentlich zu den Aufgaben des Protonotariats gehörte.
So befiehlt auch die Ordnung Karls von Anjou jRir das Amt des
Protonotars demselben als Datar eigenhändige Unterzeichnung an;
Ficker weist die Datirung von Concepten durch den Protonotar an
mehreren Beispielen nach 3). Auch in der nachstaufischen Zeit fehlt es
nicht an Schwankungen, die sich am deutlichsten in den deutschen
Uebersetzungen des Datum offenbaren. Wenn es in einer Urkunde
Rudolfs für Colmar von 1278 heisst: beschriben unde gegeben, so
kann unter gegeben die Beurkundung nicht gemeint sein; dagegen
erscheint in Ausdrücken wie: ghegheven ende ghezegheld, gegeben
und geschriben*), die sich in Urkunden Wilhelms, Adolfs, Albrechts,
Heinrichs finden, die Beziehung auf die Aushändigung unmöglich.
Glauben wir also annehmen zu dürfen, dass die Datirungsformel
schon in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts nicht aus-
schliessUch in der von Ficker dargelegten Bedeutung angewendet
wurde, so kann uns der Gebrauch in den nachstaufischen Urkunden
in unserer Vermuthung nur bestärken. Es kommt vor, dass ein und
derselbe Kanzleibeamte — der überdies eigenhändig recognoscirt —
«) H.-B. IIb, 812 ff. «) H..B. VIb, Lacomblet 11, 160. »j ÜL. ü, 844 £t.
*) V. d. Bergh, Oorkondenb. 1, 814, B. Ad. 116, Albr. ISOO Apr, 1 f. Mühl-
hausen, Heinr. 1809 Octob. Sl für dasselbe.
Geschichte der deutacheu Reichskanzlei 1246—1808. 279
nigleich als Datar und als Becognoscent genannt wird. So unter
Wilhelm^), wo auf das: Datum Colonie .... per manum Henrici
Tenerabüis electi Spirensis .... cancellarii und die Zeugenreihe die
oben angefOhrte Beeognition des Kanzlers folgt. Unter Kudolf erseheint
der Frotonotar Heinrich yon Elingenberg in einer und derselben Ur-
kunde als Zeuge, Datar und selbstunterzeichnender Becognoscent^).
Bedeutungslos kann dies Datum per manus nicht gewesen sein, da es
nicht immer dieselben Personen, sondern bald Kanzler, bald Froto-
notar nennt; die Aushändigung kann es in diesen Fallen nicht be-
zeichnen, denn es befindet sich yor der Beeognition, und auch den
Sum einer Beglaubigung schlechthin kann es nicht haben, weil der
Datar eigenhändig recognoscirt. Will man also den Kanzleibeamten
nicht ein Uebermass yon Gedankenlosigkeit zuschreiben, so muss man
annehmen, dass sich die Erwähnung des Datars auf seine Theilnahme
an der Beurkundung beziehe. Damit stimmt es sehr wohl überein,
wenn einmal unter Budolf der Frotonotar in Stellyertretung des
Kanzlers datirt: de iussu et mandato nostro: hier erscheint er als
Vermittler des königlichen Mandats*^). Wenn derselbe Frotonotar
spater f&r die Aushändigung die Wendung gebraucht: de mandato
tradidi speciali^j, so wird um so eher anzunehmen sein, dass er unter
Datum etwas anderes yerstanden habe, zumal da tradere ein auch
sonst häufiger Ausdruck fär die Uebergabe ist^), und man mit Grund
annehmen dar^ dass es für einen so alltäglichen Vorgang eine fest-
stehende Bezeichnung gab.
Allerdings werden wir die häufig yorkommenden Formeln, in
denen der Frotonotar yice des Kanzlers oder Erzkanzlers, oder der
Kanzler in Stellyertretung des letzteren datiren, nicht immer ganz
wortlich nehmen dürfen. Hier scheint das Datum per manus in der
That oft nicht gerade eine Beziehung zum Urkundenbefehl oder zum
Concept, sondern yielmehr eine allgemeine Beglaubigung auszudrücken.
Doch wird die Datirung immer insoferne yon der Beeognition geschieden,
als wohl der Kanzler häufig datirt, aber der Frotonotar niemals im
eigenen Namen recognoscirt. Warum man auch beim Datum zuweilen
eine Stellyertretung eintreten liess, weiss ich nicht zu sagen; noch
?iel auffidlender ist es, dass eine solche Anschauung sich auch auf die
Zeogenreihe übertragen findet, da in einer Friyaturkunde als Zeuge
») B. 114, oben S. 24. «) B. 754, oben S. 25.
») Acta seL Nr. 897, vom 80. März 1274. *) Wirtenb. Urkb. II, 482. 6. Apr.
*) B. Albr. 8. und eine zweite Urk. vom selben Tage tradidimns, aber auch
noch später (B. Albr. 219) tradimus communitas. In einer Urk. Wilhelms (B. F.
1'j22) wird das ngewöhnliche porrigi jussimus gebrauchte
280 * aerzberg-Fr&nkel.
genannt wird: dominus Eberhardos Canoellariiis vice yenerabilis domini
Gerhardi . . . archiepiscopi .... archicanoeUani^).
Sind unsere Ausf&lirangen .richtig, so &Jgt daraus, dass der
Protonotar zur Zeit, als die Urkunde, welche ihn als Datar nennt,
eoneipirt wurde, an den Arbeiten der Kanzlei theünahm. Die Urkunde
aber kann 'Ohoie ihn ausgefertigt worden sein ; denn es kommt in
dieser Zeit ebenso wenig wie in der staufischen vor, dass der Datar
die DatirnngsforliiAl eigenhändig in die Beinschrift eingetragen hatte ^).
In dem erwalinten 'Originaldiplom des Wiener geh. Staatsardbiyes, in '
welchem der Datar ^«gkich Beoognoscent ist .und ^enhindig reeo-
gnoscirt, ist die Datirung yon derselben Hand wie der Context ge-
schrieben. Denn nicht fiir die Bechtsgiltigkeit der Urkunde, wie der
Becognoeoe&t, seoidecn nur fiir die Ausführung des königlichen ür-
kundenbefdhies' hatte der Datar einzustehen.
Noch weit häufiger als in der Datirung werden die Kanzlei-
personen als Zeilen genannt Eür die chronolfigiache Würdigung
dieser Angaben genügt ' es, auf Fickers Ausführungen , zu yerweisen
und den Werth des urkundlichen Itinerars danach zu bemeasen.
Fassen wir zusammen, was wir aus di^en Quellen, den einzigen,
die wir besitzen, über die Yertheihing der Befugnisse unter die Be-
amten der iKanslei er&hren, so ergibt sich, dass auch hier djxe
genaue Scheid«n!g . nicht «iö||lfteh ist, und die Comfietenjsen der
Aemter in einander übergreifen.
Die Grenzen der Aemter.
Der Kanzler hat grundsäialich die Leitung der Geschäfte, da der
Erzkanzler nur ideell der Kanzlei yorsteht; doch ist es fast unmSglifih,
seine Befugniese yon denen des Frotonotars zu unterscheiden, niiclit
nur deshalb, weil der letztere häufig iu die Lage kommt, den ab-
wesenden Kanzler zu yertreten, sondern namentlich, weil es unklar
ist, was prinzipiell dem einen und was dem andern zustand. Nur
Yermuthungen lassen sich darüber aufstellen, Yermuthungen, f&r die
es keine Beweisgründe, sondern nur Anhaltspunkte gibt
Dass ein solcher Unterschied yorhanden war, scheint mir aller-
dings festzustehen. So entschuldigt ein Notar die Verzögerung in
den Angelegenheulien seiner Kirche mit der laugen A.bwesenhsit und
dem darauf folgenden Tode des Kanzlers^) — es muss also doch
Dinge gegeben haben, über welche nur dieser entscheiden konnte.
1) Urk. des Grafen yon Oettingen yom 2. Jan. 1299 liobnowsky II, 8. GCXCIV.
«) Vgl. Picker XJL. II, 286. ») Bodmann Cod. ep. II Nr. 82.
Gescliichte der deutschen Keichskanzlei 1246—1808. '^ 281
Aneh iu den Urkunden selbst tritt eine Unterscheidung hervor: es
ist bereits hervorgehoben worden, dass die Becognition dem Kanzler
eif^enthümlich ist, er übt sie selbständig aus oder statt des Erzkanzlers,
oder lässt sich durch den Protonotar vertreten, aber immer hat diese
Formel eine Beziehung auf ihn.
Hütten nun die beiden Vorstände der Kanzlei die Arbeiten so
anter sieh getheilt, dass jeder innerhalb seines Gebietes die Geschäfte
vollständig, mit Einschluss der Beurkundung zu erledigen hatte, der
Kanzler die wichtigsten, der Protonotar weniger bedeutende Geschäfte
führte; oder waren an jeder Erledigung beide, aber in verschiedener
Weise betheiligt?
Um die erste dieser beiden Fragen zu beantworten, müssen wir
die datirten und recognoscirten Urkunden, welche Kanzler und Proto-
uotare nennen, mit einander vergleichen. Allerdings ein dürftiges
Material, wenn man bedenkt, dass unter den Tausenden von Urkunden
dieses Zeitraumes nur eüf mit der Becognition versehen sind und
kaum 60 im Datum einen Kanzleibeamten erwähnen. Mag sich diese
Zahl auch noch vermehren lassen, so bleibt sie doch immer ver-
schwindend gering. So viel sich jedoch erkennen lässt, werden Ur-
kunden gleicher Art, Privilegien und Privilegienbestätigungen, wie die
vom Kanzler recognoscirten, auch nur vom Protonotar datirt, wenn
sie nicht, wie es zumeist geschieht, ganz ohne solche Beglaubigung
bleiben. So ist, um nur ein Beispiel anzuführen, BF. 5047, eine
Besitzbestätigung für den Bischof von Grasse, vom Protonotar
datirt und vom Kanzler recognosdrt, während BF. 5046 vom gleichen
Tage, von ähnlichem Inhalt und fOr denselben Empfanger, blos von
dem Protonotar datirt ist. Auf die zahlreichen Fälle, in welchen
beide Formen der Beglaubigung fehlen, brauche ich nicht erst hinzu-
weisen.
Die Datirung durch den Kanzler geschieht in der Begel, B. Albr.
454 ausgenommen, nur in den ersten Begierungsjahren der einzelnen
Herrscher, also ehe die Ordnung fester begründet erscheint, während
später der Protonotar regelmässig als Datar genannt wird. Aber
dennoch spricht dieser Umstand sowohl, als das gemeinsame Auftreten
der beiden höchsten Beamten in einigen Urkunden daftir, dass es
nicht die Trennung der Geschäftskreise war, was die beiden Aemter
von einander schied. Es scheint mir vielmehr die zweite Alternative
einzutreten: dass beide an der Erledigung desselben Geschäftes in
verschiedener Weise betheiligt waren, wie sich dies etwa für Sicilien
ans den Kanzleiordnungen Karls L ergibt. Es wird öfter erwähnt,
dass der Kanzler von dem Könige Privilegien, die zur Bestätigung
MittheflQDgen, BrsftDSiuifftbd« I. 19
282 Herzt^erg-Fränkßl.
eing^^icht werdßu, Yor^i^t ^) oder dieselben im Na^LeIl des Köui^
prftft; aU Becoguosc^t steht er, wie b^eits erwf^u^t worden, für die
Bein^chri^ der Urkunde ein. Er ist sozusagen der Vertreter der Eauzlei
nach Aussen, der Bürge für die fiechtmässigkeit ihres Vorgehens.
Wenn der Kanzler Wilhelms seine Kecognition durch genannte, nicht
der Beichskanzlei angehörende Schreiber beifügen lässt, so
hat es £ast den Anschein, als wollte er damit dem Verdachte vor-
beugen, als seien die Urkunden von einem Beamten der Kanzlei ge-
fälscht worden. Was wir sonst erfahiien, ist mehr als ein Zeugniss
für die hohe politische Bedeutung xjüüA Befugniss dßs Kanzleramtes.
Der Frotonotar dagegen tritt mehr als der Leiter des eigentlichen
ürkundenwesens auf; auch ^ie Siegelführung, di^es Wal\rzeichan des
Kan;ste|umt€iB fallt ihm zu; ob er d^in ii|it dem Kanzler gleichberech-
tigt, wie wahrscheinlich unter Albr^bt«), oder nur von jenem delegirt
wtp:, yii^t si^h nicht bestimmen. Die Datirungsformel, di^ wir ja in
Zusammenhang mit der Beurkundung bringen, nenut vorzugsweise den
Proto^otar; von einem dieser Bep.mte4 erfahren wir, d^ss er als Stilist
berührt war und sich mit besonderem Eifer der Abfassung von Ur-
kunden \;«terzog<^). Die Zahl der d^tirten Urkunden ist eine verhalt-
nissmMssig georinge; wenn sich unter denselben nur ßolche finden, deren
Inhalt von grösserer Wichtigkeit ist — Fririlegien und Bestätigungen
von Besitzipigen, Bechten und Freiheiten, Schutz-, Stiftungs- und Lehn-
briefe, Rechtssprüche und GreldaQweisungen — so sind wir deshalb noch
nicht zur Anm>hme berechtigt, die urkundende Thäügkeit der Proto-
notare h^be sich nur auf diese Geschäftskreise bezogen.
TäusQhe ich mich nicht, so kann man den Unterschied der beiden
Aemter darin fi^den, dass der Kanzler den sachUchen Th^il der Ge-
scbä£te, etwa die Verhandlungen mit den PiM^teien und dem Könige,
der Frotonotar das Formelle, die Ausfertigung der Urkunde zu leiten
ha^te. Ich wiederhole, d^ss eine solche Grenze gewiss nur grundsatzlich
gezogen wurde, währenc) thatsacbhch ein Amt in die Befugnisse des
andarQn übergriff, die Protonotare zweifellos überaus häufig die sach-
helfen Verhandlungen führten und die Kanzler nicht selten sich an
der Beurkundung betheiligen mochten. Vielleicht war es das Recht,
in allen Fällen den Kanzler vollgültig zu vertreten, was die Stellung
des Protonotars, der zugleich de4 Titel des Vicekanzlers führt, von
der des gewöhnlichen Protonotars unterschied.
*) So B. Albr. 254.
•) Vgl. B. Albr. 577 : Et quia . . . modo prothonotarionim nostre curie
sigillum in sua retinet potestate.
>) Von Gottfried, d^m Pcotonotfur Rudolf. S. im 2. Tbeü.
Geschichte der de«i8chen HeMhakaiulei 1246—1808. 283
Ndien dem Protonoiar wareu die Notare als Conoipienten Aätig;
aber auch diese mussten zuweilen über ihre eigenthchen Aufgaben
kinausgreifen und die Stelle der höheren Beamten vertreten, denn auch
die Pronotare wurden durch ihre poUtische Thätigkeit nicht selten der
Leitung des Uvkundenwesens entzogen. Es kommt vor, dass ein Notar
an Stelle des Kanzlers als Datar genannt wird ^), oder dass ein anderer
als Protonotar bezeichnet wird, ohne es thatsachlieh zu sein'). Als
Zeugen werden Notare sehr selten genannt; ob sie dann in einer be-
sonderen Beziehung zur Handlung oder Beurkundung stehen, ist mir
nicht klar geworden.
Dass wir über die Stellung der Schreiber xxk keiner Sicherheit
gelangen können, wurde bereits wwähnt.
Ohne auf die einzelnen blasen der Beurkundung, fttr deren Srw
kexmtniss die Quellen überaus spärUch flieseen, des näheren einzugehen,
will ieh jvojc einiges hervojrheben, was sich auf das Eingreifen des
Königs in den Bereich der Eauzlei bezieht. Es wird nicht selten das
Yorwissen, certa sciencia, und der besondere Befehl, mandatum speciale,
des Königs erwähnt. Das erstere wird besonders häufig bei Priyilegien-
bestatigungen her?orgehoben ; es bezieht sich bald die Confirmation
überhaupt, bald auf den wichtigsten Act, die Besiegelung. Auch bei der
Anwendung des Gerichts- oder Geheimsiegels geschieht zuweilen Be-
nifcmg auf die certa sciencia. Für die Erledigung mancher Gesdiäfte
war ein besonderer Befehl des Königs vonnöthen; Gesandte erhalten die
Vollmacht, alles zu yerhandeln, wenn auch sonst ein mandatum speciale
nothwendig wäre; doch auch einzelne Acte der Beurkundung, wie die
Aushändigung^), geschehen zuweüen auf besonderes Mandat.
Wenn ich eine Nachricht der Chronik von Colmar richtig ver-
stehe, so waren bestimmte Tage festgesetzt, an denen der König die
Referate der Beamten entgegennahm^).
Diese Darstellung ^) der Kanzleiverhältnisse kann allerdings nur
im Ganzen und Grossen, als zusammenfassendes Bild einer ganzen
«) B. Albx. 454. «) B. Rud. 1175.
') S. oben S. 277 und 278 und im 2. Theil unter Heinrich vom deutschen
Orden.
*) Qui — die GeBandten Albrechts, darunter der Protonotar — cum literis
claoaifi redierunt quae tarnen statim lecte non fuerint, quia rex cum suis legere
timuerunt, ein Auftchub, der ohne eine solche Einrichtung sinnlos wäxe. Ghron.
Cohnar M. G. SS. XVII, 269.
^) Ich habe hier einen der wichtigsten Punkte, den Geschäftsgang der
Kanzlei, nur flüchtig gestreift, weil dieser Gegenstand ohne genaue Untersuchung
des gesammten Ürkundenwesens und Yergleichung mit päpstlichen und sicilischen
Einrichtungen nicht fruchtbar bearbeitet werd)dn kann.
19*
284 Herzberg-Frankel.
f
Epoche Geltung beanspruchen; so fest war damals die Ordnung noch
nicht consolidirt, dass wir eine Uebereinstimmung in Einzelnheiten er-
warten dürften. So war auch gewiss der Grad, in welchem die höchsten
Beamten der Kanzlei an der Beurkundung theilnahmen, je nach ihren
und ihrer Herrscher Persönlichkeiten sehr verschieden: die Kanzler
des Zwischenreiches, lassen sich darin kaum mit ihren Nachfolgern der
habsburgischen Zeit yergleichen.
Der Eintritt in die KanzleL
Bei der hohen politischen Wichtigkeit des Kanzleramtes ist es
begreiflich, dass der Besetzung desselben die mannigfachsten Erwä-
gungen vorausgehen mussten. Die Kanzler des Zwischenreiches waren
Männer, welche bei den Wahlverhandlungen ein gewichtiges Wort mitzu-
sprechen hatten, mit dem König wie von Macht zu Macht verhandelten
und die Verleihung jener einflussreichen Würde als Bedingung oder Lohn
ihrer Unterstützung verlangen mochten. Erst seit Rudolf hatten die
Könige wieder freie Hand. Die habsburgischen Kanzler, auch der
Adolfs von Nassau, waren durchweg Männer geringeren kirchlichen
Ranges, die keine politische Macht mitbrachten, und sich erst in der
Kanzlei zu höherer Stellung empordienten. Auf ihre Wahl und noch
mehr auf die Zusammensetzung des geringeren Kanzleipersonals, hatte
nun der König trotz der Ansprüche, welche bald die Erzkanzler erhoben,
einen selten beschränkten Einfluss, der sich unter den beiden Habs-
burgern durch das Eindringen zahreicher Schwaben in die Reichs-
kanzlei offenbart. Von Rudolf und später von Heinrich YU. ist es
überliefert, dass sie gräfliche Beamte in die königliche Kanzlei mit-
brachten; von den andern Königen ist es an sich wahrscheinlich, aber
nicht zu erweisen.
Es ist eine auffallende Erscheinung, dass viele Kanzleibeamte der
Kirche von Speier angehören. Schon Böhmer hat darauf aufmerksam
gemacht: er erklärt es dadurch, dass «in Speier gewissermassen eine
Diplomatenschule bestanden habe, deren Stifter ohne Zweifel der 1224
als Reichskanzler gestorbene Bischof Konrad gewesen sei *). " An sich
wäre es ja nichts unmögliches, dass man jetzt die jungen Kleriker in
Speier für die Kanzlei ausgebildet hätte, wie einst in Tours oder St.
Gallen. Aber ehe wir eine solche Yermuthung aussprechen, bedarf es
doch erst der Untersuchung, ob denn auch die Geistlichen der Kirche
von Speier, die wir in der Reichskanzlei finden, schon vor dem Ein-
tritt in die letztere, jene kirchlichen Aemter inne hatten. Unbedin^
i) Fontes II, 156 Anmerkung.
Geschichte der deuiucheu Reiehdkazizlei 1246—1808. 285
könueu wir dies nur für den Bischof Heinrich und den Probst Otto
TOü St. Wido, also die Kauzler Wilhelms und Budolfs, bejahen.
Eberhard von Stein aber, der Probst des mit Speier zusammen-
hangenden Weissenburg, wird in der ersten Urkunde, die ihn als
Zeugen anf&hrt, nur Kanzler genannt, erhielt also die Pfründe wohl
erst durch sein Ami Wie es sich mit Nikolaus yon Speier, dem Proto-
notar Albrechts, yerhalten habe, wissen wir nicht Man könnte yer-
muthen, dass die Kirche yon Speier yielleicht ein gewisses Anrecht
darauf hatte, ihre Angehörigen f&r die königliche Kanzlei zu präsentiren.
Im Baumgartenberger Formelbuch befindet sich ein Stück ohne Datum
und Namen, das aber seiner Fassung nach in die habsburgische Zeit
zu gehören scheint, des Inhalts, dass der König einer Kirche ihre
Privilegien bestätige , besonders deshalb , weil sie eine königliche
Specialkapelle sei, ad quem nostre cancellarie officium a longe retro
actis temporibus est annexum ^). Damit ist wohl gemeint, dass dem
Kanzler oder doch einem Beamten der Kanzlei diese Kirche als Pfründe
verliehen zu werden pflege; ein ähnliches Yerhaltniss könnte auch in
Speier obwalten. Doch treffen wir unter den Kanzleibeamten zu
viele Kleriker anderer Kirchen, als dass wir geradezu einen Bechts-
gebrauch, der Speier bevorzugt hätte, annehmen dürften. Der Grund
f&r jene Erscheinung liegt wohl darin, dass in dieser Bheingegend
der Hauptstock der Beichdomänen und Beichsburgen sich be&nd; hier
wurde häufig Hof gehalten, und da der König meist in Oberdeutsch-
knd weilte, so konnte ein Oeistlipher der Kirche von Speier leicht
seiner Besidenzpfiicht genügen, ohne die Aufgaben seines Amtes allzu-
sehr zu yeroachlässigen. Deshalb mag man die Kanzleipersonen
gern dieser Diöcese entnommen oder geeigneten Männern erledigte
Pfründen in derselben angewiesen haben. Bei der Wichtigkeit des
Pracedenzfalles im Mittelalter konnte sich auf diese Weise leicht eine
Gewohnheit entwickeln, worüber man jedoch erst durch eine Unter-
suchung des reicheren Materiales späterer Zeit zu grösserer Sicherheit
gelangen dürfte.
Bei der Ernennung des Protonotars wirkte der Kanzler mit').
Yorrückung im Dienste.
Es ist nicht mit Gewissheit zu bestimmen, ob die Kanzlei eine
regelmässige Yorrückung gekannt habe, aber mindestens für die Zeit
der Habsburger scheint dies der Fall gewesen zu sein. Freilich nicht
ausnahmslos. Das Amt des Kanzlers war in zu hohem Masse ein poli-
<) S. 888 Nr. 89.
s) Bodmann (8. 282), n, 98.
286 Herzberg-Fränkel.
tisches, als dassmaji sich bei der Besetzung desselben TOiftüglich durdi
ein hohes Dienstalter hätte bestimmen lassen sollen. Nax>h dem Tode
des ersten Kanzlers Budolfs wurde kein Mii^lied der Eanzlei^ SDndem
ein gahz ausserhalb dersdben Stehendel* zu dieser Würde befördert.
Und als Eudolf Ton Kempt^ Erzbischof vx)n Salzburg geworden, über-
nahm Heinrich von Klingenberg die Leitung d^ Geschäfbe, der wahr-
scheinlich erst ein Jahr vorher gleich als Protonotar in die Kanzlei
getreten war. Sonst aber ist Vorrückung dieBegel: nachdem der erste
Protonotar Budol& den bischöfiicheli Stuhl von Tnent b^sti^en hai^.
folgte ihm der älteste Notar Gottfried im Amte; der Vorstand der
Kanzlei Adolfs, Ebernand, erscheint nacheinander als Protonotar, Proto-
notar und Vicekanzler, Kanzler; unter Albrecht trat der Protonotar
Johann an die Stelle des Kanzlers Eberhard, und der Notar Nikolaus
erlangte das Protonotariat. üebergehungen eines Bangsälteren durdi
einen Rangsjüngeren habe ich nicht gefunden ; ob der Notar Andreas
Yon Rode noch lebte, als Heinrich von Klingenberg Protonbtar König
Rudolfs wurde, wissen wir nicht.
Der Austritt aus der KanzleL
Ein deutscher Kanzlei^ — unter Heinrich Raspe — erhob den
Anspruch, diss sein Amt ein lebenslängliches sei ^) und liess seine
Forderungen durch ein päpstliches Schreiben nachdrücklich unter-
stützen. Dennoch musste er nach dem Tode deines Königs das Amt
an einen anderen abgeben, und in seinen wenigen eigenen Urkun-
den, fahrt er nicht einmal den Titel desselben. Die Wühle des
Kanzlers erlosch also thatsächlich mit dem Leben des Herrschers^ und
dass dem erstem in diesem Falle auch nicht der Name blieb, ist bereits
dargethan worden. Anders lag die Sache, wenn der Kanzler bei Leb-
zeiten des Könige aus dem Amte trat. Es war die alte und sehr natür-
liche Politik der deutschen Könige^ mit den hervorragenden Personen
ihrer Kanzlei, als Männern ihres Vertrauens, die Bisthümer zu be-
setzen 8), ein Bestreben, das wir auch in dieser Zeit lebendig und nicht
selten erfolgreich finden. Die Kanzler, welche auf diese Wdße zu
kirchen- und reichsfiirstlichen Würden gelangten, schieden aus der
Kanzlei, aber der Titel wurde ihnen gelassen und sie erhielten bei
ihren Lebzeiten keinen Niachfolger.
>) Vgl. Raynald]1247, § 8. Cum autem, sicut aseerit, is cui hiyusmodi conoeditur
officium, debeat illud gerere tempore yite Bue. Winkelmann, Eanzleiordn. S. S6.
3) Ein Bischof sagt, dass er seine Erhebung nicht dem doctoratus decretorum,
sondern seinem Dienste als Protonotar zu danken habe.' Bodmannl, 41 = Stobbe
Nr. 169.
GeBchichte der deutschen Reichskaazlei 1246—1808. 287
Aach vom Protouotariat läset sich im Allgemeinlsa das Gleiche
8Bgen. Der Protouotar, der Bischof wird, legt sein Amt nieder. Aber
strenge wird dieser Grundsatz nicht mehr aufrechterhalten; der Deutsch-
ordensbroder^ Heinrich, Budol& erster Piotonotar, fungirt ^Is solchet
auch nachdem er den bisöhöflicheü Stuhl yon Trient bestiegen hatte ^).
Mag das ituch ein Ausnahms&ll sein, so beweist dodi der Umstand,
dass ihn die Urkunde^) zugleich als Bischof und Protonotar bezeichnet,
dass man sich beide Stellungen nicht mehr als unvereinbar dachte.
Der Protonotar, der die Kanzlei verlässt, gibt auch den Titel auf; mit
dem Tode des Königs erlischt sein Amt wie das des Kanzlers. So
nennt sich Heinrich von Klingenberg nach Budolfs Hinscheiden nur:
quondam protonotarius.
Die Continuität der Kanzleien.
Gab es gleich nach dem ausgeführten weniger eine E^anzlei des
Reiches als der einzelnen Herrscher, so konnten doch immerhin nach dem
Tode eines Königs die Hofbeamten desselben in die Dienste seines
Nachfolgers treten. Ohne zu untersuchen, ob und wann dibs gt^schehen
sei, lässt sich kein ürtheil fallen, ob Neuerungen in den Kanslei-
gebrauchen durch bewusste Abweichung von der üeberüeferung, durch
den Einfluss der veränderten Verhältnisse entstandet sind, oder ob
sie auf Unkenntniss der früheren üebung, auf dem Mangel an Ver-
bindung mit den älteren Kanzleien beruhen. Leider ist es gerade in
den wichtigsten Fällen nicht mögUch, bei dem heutigen Stande unserer
Kenntnisse diese Fragen mit Sicherheit zu beantworten. Gewiss kann
seit dem Ausgang der Staüfer von einer entwickelten, fest begründeten
Kanzleitradition, wie sie früher bestand, bei dem häufigen Wechsel der
Dynastien nicht die Bede sein. Aber ob den neuen Kanzleien die Be-
rührungspunkte mit einander und mit den frühern so ganz und gar
gefehlt haben, wie Ficker annimmt^), möchte ich dennoch bezweifeln.
Es war ja nicht nöthig, dass die ganze Beichskanzlei sich auf die
Nachfolger vererbte, es genügte, wenn Protonotare oder Notare über-
traten. Waren doch auch die letzteren Concipienten und brachten also
gewiss die Kenntniss der allgemeinsten Aeusserhchkeiten, wie z. B.
des ProtokoUes, mit. So finden wir schon im Zwischenreich die
Kenntniss der Becognitionsformel, die nicht aus fürstliehen Kanzleien
entlehnt sein könnte.
In der That ergeben sich aui^h mehrere Beweise dafür, dass mahche
Kanzleibeamte unter verschiedenen Dynastien im Dienste blieben.
0 Vgl. oben 8. 268 imd im 2» Theil unter Heinrich vbn Trient
«) B. 174. •) UL. II, 510,
288 Herzberg-Fränkel. .
Man darf mit Grund annehmen^ dass der frühere Protx)notar Fried-
richs IL, Bischof Heinrich von Bamberg, der erste Kanzler der
papistischen Gegenkönige war. Ob Wilhehn von Holland Notare
Heinrich Baspes übernommen habe, wird nicht berichtet, aber es ist
keineswegs unwahrscheinlich. Wilhelms Protonotar Arnold nahm
spater unter Bichard die gleiche Stellung ein, und der Notar Budolfs,
der Niederländer Andreas yon Bode, hat vielleicht schon in der
Kanzlei des Zwischenreiches gearbeitet i). Von der Kanzlei Adolfs
von Nassau wissen wir sehr wenig ; das Versprechen des Königs, ge-
wisse Bäthe Budolfs nicht in seine Dienste zu nehmen, erstreckte sieh
nur auf den Protonotar, nicht auf die ganze Kanzlei. Merkwürdiger
Weise habe ich gerade zwischen dem Kanzleipersonal Budolfs und
demjenigen Albrechts gar keine Verbindungen gefunden; dagegen
treflfen wir einen Notar des letzteren, Hadamar, unter Heinrich VIL
wieder. Wenn also auch die höheren Beamten als politische Persön-
lichkeiten in das Schicksal der Häuser, denen sie dienten, verflochten
wurden^), so steht nichts der Annahme im Wege, dass die niederen
Organe der Kanzlei einön wenn auch sehr mangelhaften Zusammen-
hang fest gehalten hätten. Schon in der äusseren Erscheinung der Ur-
kunden spricht manches dafQr. Dass die Diplome Wilhelms undBichards
nicht selten gleiche Schrift aufweisen, ist bei der Gemeinsamkeit des
Protonotars leicht erklärlich. Mit dem B^ierungsantritt Budolfs be-
ginnt eine neue Epoche: seine Ejinzlei setzt sich zum Theil aus habs-
burgischen Beamten, wie der Notar Konrad von Herblingen, zum
Theil aus neuen Männern, und vielleicht auch aus Notaren Bichards
zusammen. In den ersten Jahren seiner Begierung herrscht keine
feste Ordnung in der Kanzlei; erst während des Aufenthaltes in
Oesterreich beginnen sich die Verhältnisse zu consohdiren. Im Ganzen
und Grossen pflanzt sich die Tradition unter seinen Nachfolgern fort;
und zwischen Urkunden Heinrichs VII. und Albrechts ist fast kein
Unterschied zu bemerken.
Die Einkünfte der Kanzleibeamten.
Der Stand der Kanzleipersonen war, so viel wir wissen, in dieser
Zeit noch durchweg der geistUche; ein Verhaltniss, das erst unter
Heinrich VII. durch die Aufiiahme italienischer Notare in den könig-
Uchen Dienst eine Aenderung erleidet. Damit war ihnen aber auch
ein Mittel an die Hand gegeben, sich abgesehen von den Sportein
0 Vgl. im 2. Theil unter Andreas von Bode.
») Vgl. Ficker in Wiener Sitz.-Ber. 14, 154.
GreschicMe der deutschen Reichskanzlei 1246— 1S08. 289
ein Btaudiges Einkommen zu verschaffen: die Erwerbung geistlicher
Pfründen.
Es ist bereits erwähnt worden, da^s gewisse Kirchen mit Aemtern
der Eanzlei verbunden waren. Ausserdem standen dem Könige im
ganzen Reiche die primariae preces zu, d. h. er konnte von jedem
Prälaten die Besetzung einer Pfründe verlangen ^) und in der That
haben wir viele Beispiele, besonders in den Formelbüchem erhalten,
dass der König von diesem Rechte zu Gunsten seiner Kanzleibeamten
Gebrauch macht«. Freilich hatte er nicht immer Erfolg, und die ersten
Bitten machten zuweilen die Runde im Reiche, ehe es einem Bischof
beliebte, ihnen Gehör zu schenken. Doch werden die meisten Ange-
hörigen der Kanzlei auch als geistliche Würdenträger genannt. Um
die Einkünfte der Pfründe gemessen zu können, mussten sie sieb
freilich oft der Residenzpflicht unterziehen, wenn sie ihre Kirche nicht
freibgab. In manchen Fällen jedoch dispensirte sie der Papst von
dieser Verpflichtung und gestattete ihnen den Fortbezug aller Pfrün-
den^ ausgenommen die täglichen Yertheilungen. Eine solche Gnade
gewährt Papst Innocenz IV. den am Hofe Wilhelms bediensteten Geist-
lichen *), und in ganz ähnlichen Worten Bonifuz VIII. den Klerikern
Adolfs ä). In gleicher Weise enthebt Benedict XL den Kanzler Albrechts,
Johann, der Residenzpflicht ^), ohne des übrigen Kanzleipersonals Er-
wähnung zu thun.
Solche Begünstigungen waren keineswegs unangefochtene Rechte
von dauernder Geltung; die beiden letzterwtOinten päpstlichen Schrei-
ben fallen mitten in die Regierungszeit der Könige, so dass die Kanzlei-
beamten vor der ErtheUung des Dispenses keinen Rechtsgrund hatten
sich der Erfüllung ihrer geistlichen Pflichten zu entziehen. Wir hören
denn auch dass der König sich an eine Kirche mit der Bitte wendet,
ihm unentbehrliche Notare zurückzusenden^). Doch reichten, so scheint
es, diese Mittel nicht inuner für die Besoldung der Kanzleibeamten
aus: Albrecht verleiht seinem Protonotar Nikolaus als Lohn seiner
Dienste, trotz seines geistlichen Standes, die Burg Scharfenberg^).
Ueber das Ausmass der Sportein haben wir nur sehr vereinzelte
Nachrichten^. — Manche Kanzleibeamte waren auch, vielleicht nur
ehrenhalber, päpstliche Kapläne.
>) Vgl. Bärwald 884, Nr. 26; Gerbeit I, 4S, Stobbe Nr. 217.
») Pottkaat 12750. ») PotthaBt 24868.
*) 1808 nov. 16. Kopp K. Adolf. 888, Beil. Nr. 48 (bei Fotthast nicht an-
gefthrt). ») Gerbert I, 47; Stobbe Nr. 266; Bärwald 889. •) B. 577.
*) B. Bud. 55. Rudolf bescheinigt, dass die Aebtissin des Zürcher Elosterd
die Gebühren för die Verleihung, der Regalien den Hofbeamten entrichtet habe.
290 Herzberg -Frank el.
Die "Verbindung der Kanzlei mit anderen Aemtern.
Am nächsten stand den Aemtern der E^anzlei von jeher das Hof-
kaplanat. Doch erscheint nur unter Wilhelm der Kaplan Abt von
St. Trond als ein Mann von bedeutendem Einfluss, der möglicherweise
auch in den Geschäftsgang der Kanzlei eingegriffen haben kann. In
der herzoglichen Kanzlei Albrechts ist der Protonotar Benzo auch
B^aplan, in der königlichen habe ich kein ähnliches Vei-hältniss ge-
funden. Wie nahe sich dennoch die Aemter berührten, zeigt di6 oben
angeführte Stelle aus dem Briefe Wolfgang von NiederaltÄich.
Eine Wirksamkeit im Finanzwesen wird uns vom Protonotar
Eudolfs Gottfried berichtet, in einer unbestimmten Weise, welche den
Geschäftskreis des prepositus pecuniarum nicht erkennen lässt^). Unter
Albrecht war es der Notar Burchard von Fricke, der mit der Zu-
sammenstellung eines Urbars betraut vnirde und viele Jahre dieser
Arbeit widmete 2). Unter Heinrich 711. finden wir dann Schatzmeister
von Metz als Protonotare und Notare.
Von der königlichen Kanzlei sonderte sich die des Hofgerichtes
ab. Der Vorstand des letzteren hatte bei der Neugestaltung dieser Be-
hörde unter Friedrich II. 1235 den Titel eines Justitiars erhalten und
sollte immer für mindestens ein Jahr ernannt werden. Auch diese
Einrichtung überdauerte die staufische Macht: unter Wilhelm finden
wir den Justitiar Grafen von Waldeck geradezu als königlichen
Statthalter, mit dem Rechte Urkunden auszustellen, welche den König
verpflichteten. Unter den Habsburgem wurde dem Hofrichter wieder
eine blos richterliche Stellung angewiesen; der Nürnberger Reichs-
abschied vom 19. November 1274 verordnete, dass Vorladungen und
Sprüche des Gerichtes in demselben geschrieben und besiegelt werden
sollten 3). Im fiirstlich Fürstenbergischen Archive in Donaueschingen
befinden sich 15 Hofgerichtsurkundeü aus der Zeit von 1290 bis 1309,
mit den Siegeln des Hofgerichtes versehen, die alle in Schrift und
Fassung sich von den Utkundto dei* Reichskanzlei erheblich unter-
scheiden. Öämit stimmt es überfein, dass König Albrecht eine für
seinen l^rotonotar Nikolaus gegebene Urkunde, um jedem Verdachte
— B. Rud. 1056. Der König büset die Einwohner von Remiremont um 10 lÄark,
weil sie die Sportein für die Ertheilung der Regalien an die Aebtissin von Re-
miremont, 65 Mark, an die Hofbeamten nicht entrichtet hätten.
>) S. im 2. Theil unter Gottfried. «) 2. Theil unter B. von Fricke.
•) B. Rud. IS 2. Item diflBnitum est ut citaciones et edicta in curia et. officia-
liiim suorum scribantur et sigillis judicum consignentur et per hbs litteras fides
de citäcione facta sine aliqua alia probaoione nee pro citacione htrf^siüodi am-
plius quam sex Hallenses, vel equiyalens ezigatur. M. G. LL. II, 400.
Gescliichte der dentBCbeii ReiokBkanzlei 1246—1808. 291
Torzii))eQgen, auch mit dem Gerichtssiegel bekräftigen iSsst, da der
Pmtonotar wohl dai^ köni^iche Siegel, aber nicht das des Gerichtes
in seiner Gewalt habe^).
Yon diesem selbständigen Hofgerichtie, in d«m der Justitiar ()en
Vonte führt, ist das Gericht des Königs %M unterscheiden, in welchem
derselbe mit den Reichsf&rsten ürtheile sch6|>{t. Diese BechtssplIKiihe
werden immer Ton der königlichen Kanzlei bearkttndet, welcbe auch
die Vorladungen zu den Gerichtssitzungen erlässt, und überhaupt alle
Urkunden ausfertigt, die sich auf das Verehren beziehen. Das gleiche
findet statt, wenn der König als gekorener Schiedsrichter urtheilt.
Archive und Begis traturen.
Ftbr das Vorhandensein eines organisirten Archivs lassen sich
nirgends Beweise finden, in den Urkunden wird eines solchen niemals
Erwähnung gethan. Es ist aufiallend, dass König Albrecht die ^Nichtigsten
Hausprivilegien dem Kloster Lilienfeld übergab^), Statt dieselben, wie
man erwarten sollte, im Beichsarchiv hinterlegten zu ladsen. Doch
müssen eelbtsverständlich eingelaufene Urkunden aufbewtährt worden
sein^ nur der Bestand eines geordneten Archivs ist fraglich.
Es bleibt uns noch einer d^ dunkelsten Punkte in der Kanzlei-*
geschichte des 13. Jahrhunderts zu erörtern übrig: die Frage nämlich,
ob schon damals in der deutschen Beichskanzlei Begisterbücher ge-
führt worden seiten. Die erste sichere Spur einer solchen Einrichtung
findet sich unter Ludwig dem Baiern; was aus früherer Zeit über-
liefert ut, bezieht eich auf Italien. Für Albrechts I. Be^ierung glaubte
ich einst den Nachweis, einer Begistratur darin zu fihiden, dass einige
Urkunden aus der het7X>glichen und königlichen t^nztei dieses Herr-
schers mit der Bandbemetkung Bta per Johannem de Gläct versehen
sind; es zeigte sich jedoch bei näherer Untersuchung, dass der Ver-
merk nicht vom Aussteller, sondern vom Empfänger heirrührl und dass
Johannes von Glatz ein Begistrator Karls TV. war. So sind wir denn
wieder auf unsichere Vermuthungen beschränkt, ohne den festen An-
haltspunkt irgendwelcher Ueberlieferung.
Die Annahme, dass die Beichskanzlei schon im 13. Jahrhundert
Begister geführt habe, stützt sich vornehmlich auf die Fülle urkund-
*) B. Albr. 577. Böhmers Citat ist irrig; es soll nach Schöpflin Als. dipl.
2, 85 heiseeii ; Et quia dictus Nicolau« modo pro tone tariorum nostr^ curie sigillum
noflirum iii sua retin^t f)ote8tate, no« ad toUendAm oninem suapiöionis materiam
presentibuB nostniiti si^iHuib una cum digillo «itiri^ tiostre (diese Worte
fehlen bei fiobmer) quod in sua potestate non habet apponi jntmimüd.
t) lichnowBky 2, S. CCXCVI.
292 Herzberg-FränkeL
liehen Material», die uns aus den Zeiten der ersten Habsburger in
Pormelbüchern aufbewahrt ist, welche höchst wahrscheinlich eine ge-
meinsame Quelle haben; ein ahnlicher Ursprung aus einem Register
wird jenem umfangreichen Codex epistolaris mit Briefen der Könige
Wilhelm und Sichard zugeschrieben, dessen Bodmann in der Vorrede zu
seiner Briefsammlung erwähnt. Die Möglichkeit des Bestehens von
Begisterbüchern kann nicht geläugnet werden : man kam doch zweifellos
häufig in die Lage, den Wortlaut einer ausgehändigten ürkimde zu
brauchen und in irgend einer Weise wird man auch, wie dies in Frank-
reich, in Italien, in der päpstlichen Kanzlei geschah, für die Befriedigung
dieses Bedürfnisses Sorge getragen haben. Aber zum mindesten sehr
fraglich ist es, ob man die uns vorliegenden Formelbücher aus solchen
Begesten herleiten dürfe, ob sich der Bestand und die Zusammen-
setzung dieser Sammlungen nicht auf andere Weise ein&cher und
widerspruchsloser erkläre. Die Formelbücher, die hier in Betracht
kommen, sind: Oerberts^) und Bodmanns Codices Epistolares, Stobbes
Summa Curiae*) und das Baumgartenberger Formelbuch 3). Dayon,
dass diese Sammlungen so wie sie vorliegen, ein Abbild des ursprüng-
lichen Registers wären, kann keine Bede sein. Das Baumgartenberger
Formelbuch ist, wie seine Vorrede angibt, ex formulariis zusammen-
gestellt, und ebensowenig scheinen die anderen unmittelbar auf ein
Begistraturbuch zurückzugehen. Eine Ordnung nach der Zeitfolge —
sei es auch nur im Grossen und Ganzen, lässt sich nicht nachweisen.
Gerbert hat in seiner Ausgabe die handschriftlich überlieferte Beihen-
folge der Stücke geändert und durch oft allerdings sehr gewagte
Vermuthungen die chronologische Ordnung herzustellen gesucht,
allein der Codex des Abtes Seiffiried^), auf welchem hauptsächlich Gerberts
Ausgabe beruht, zeigt ein wirres Gemenge verschiedenartiger und
verschiedenzeitiger Formeln. Die von Stobbe herausgegebene Summa
Curie macht im Beginn (bis etwa Nr. 60) einen Ansatz zu systema-
*) Die Ausgabe des Cenniiis ist nicht so vollständig wie die Gerberte, ent-
hält aber nichts was nicht auch in die letztere aufgenommen wäre.
*) Oesterr. Archiv 14.
») Fontes rer. Austr. II, 25. Die Summa de literis missilibus 'Peters von
Hall Fontes rer. Austr. II, 6 ist nicht fiir die Reichskanzlei bestimmt; das Frap:-
ment eines Formelbuches Rudolfs I., mitgeiheilt von Kaltenbninner Oest Arch.
ob . bietet zu wenig Material. Das Diplomatar Albreohts (Hs. 577 des Wi«*aer
Haus-, Hof- und Staatsarchivs) wurde von Chmel (Oest. Arch. 2) zxun Theile her-
ausgegeben; Ergänzungen bietet P. Schweizer (Mittheil, des Instituts 2, 225 ff.).
*) Eine Conoordanz der Ausgabe von Gerbert mit Seiffided und Genni be-
findet sich in Gerberts Cod. ep. 191 ff.
Geschiebte der deutschen Heichakanzlei 1246—1808. 298
tischer Gliederung, dann aber folgt aber ein Durcheinander aller Ur-
kundengattungen , das jede Ordnung, auch die chronologische ver-
missen lässt. Bodmann hat von den 408 Nummern seiner Handschrift
nur 245 yeröfientlicht, und die Sammlung in zwei Theile zerlegt,
vielleicht mit Versetzung der einzelnen Stücke; nach der Zeitfolge ist
dieses Formelbuch, so wie es im Drucke vorliegt, nicht geordnet
Aach eine Reihenfolge innerhalb gewisser Gruppen, die auf ein Re-
gister schliessen liesse, wie sie Ewald für die Fapstbriefe der britischen
Sammlung nachgewiesen hat, habe ich nirgends finden können. Am
ehesten macht sich noch eine Zusammenstellung nach den Corre-
spondenten geltend ^), aber auch dieses Princip schlägt nur selten
durch. Dass jede dieser Sammlungen wie Stobbe ^) anninunt, un-
mittelbar aus Registerbüchern stamme, wird sich sonach nicht be-
haupten lassen; denn in diesem Falle müsste, wenn auch die Anord-
nung der Stücke in den verschiedenen Formelbüchem verschieden
sein könnte, doch in jedem einzelnen eine gewisse Reichenfolge er-
kennbar sein. Es scheint vielmehr, dass die Sammlungen nicht unab-
hängig von einander entstanden, dass sie aus gemeinsamen, bereits
abgeleiteten Quellen geschöpft haben, dass wenigstens ein gemeinsamer
Grundstock vorhanden war. Denn eine bedeutende Anzahl von Formeln
ist allen Sammlungen oder doch mehreren von ihnen gemeinsam ; der
dritte Theil des Gerbertischen und der dritte Theil desjenigen, was
Bodmann aus seiner Handschrift veröffentlicht hat, findet sich in
Stobbes Summa wieder. Bodmanns und Gerberts Codices, die einander
femer zu stehen scheinen, haben doch mehr Nunmiem mit einander
gemeinsam, als dass man ein blosses Spiel des Zufalls annehmen dürfte.
Ausser den 15 Formeln, die Bodmann 3) als bereits von Gerbert ver-
öffentlicht angibt, finden sich noch mehrere, die mit Gerbertischen Texten
übereinstimmen^), und ausserdem enthalt die Handschrifb noch einiges,
was Bodmann unterdrückte, weil es bereits von Gerbert herausgegeben
war^). und unter diesen gern einsamen Stücken befiinden sich Briefe aus der
römischen Correspondenz, deren so vielfach übereinstimmende Auswahl
bei dem Reichthum des Stoffes, welcher der Kanzlei zu Gebote stand,
auffallen muss. Am bezeichnendsten aber ist es, dass Formeln welche
sich auf den Notar Andreas von Rode beziehen, in mehreren Samm-
*) So bei dem Briefwechsel mit Salzburg Bodm. 18 ff.
*) Arch. 14, 10. Noch nachdrücklicher vertritt diese Ansicht Kaltenbrunner
Arch. 55, 250.
•) S. 125 ffl *) Vgl. die Concordanz bei Stobbe CSS ff.
«) Praefatio p. VII. und VHI.
994 Herzberg- Fr änkel.
Iu9g^u Yorkomuaezi, Eorm^lii, die so unbedeutend sind, dass unabhängig
You einauder arbeitende Verfasser gewiss nicht veranlagt wahren, ge-
rade diese ätücke wegen ihrer Beziehungen auf eine bestimmte Per-
sqnliohkeit aufzunehmen^).
Einen näheren Zusammenhang der Formelbücher anzunehmen
scheint mir demnach unabweislich, nur die Art desselben kann frag-
lich sein. Die Anwort auf diese Frage zu finden, wäre Gegenstand
einer zeitraubenden und mühevollen, aber gewiss auch lohnenden
Untersuchung. Es wäre dann immerhin möglich wenn aadi nicht
wahrscheinlich, dass sich in diesem gemeinsamen Grundstock eine r^ister-
massige Beihenfolge nachweissen liesse, jedoch auch in diesem Falle darf
man .nicht vergessen, dass alle diese Formelsammlungen den Stoff
weniger Jahre verarbeiten, dass sie in der Kanzlei für die Kanzlei
verfaast worden sind, dass also eine chronologisdie Ordnung nodü
immar kein Beweis für das Vorhandensein eines Registers wäre.
Betrachten wir da^ Material, das in unseren Sammlungen au%e-
speiehert ist, so müssen wir die Frage aufwerfen, ob dieser ganze
Stoff überhaupt den Begisterbüchepn entnommen sein könne?
Einen nicht geringen Besiandtheü der Formelbücher machea die
Einlaufe aus; Urkunden also, die im Original aulbewahrt und deshalb
vielleicht von einzelneu besonders vrichtigen abgesehen, nicht abge-
schrieben und gewiss nicht in das Reichsregister eingetragen wurden.
Diese Oattung ist in allen Sammlungen zahreich vertreten durch die
päpstlichen Bullen, welche besonders geeignet waren als Stilmust^ zu
dienen. Dazu kommen Schreiben, die aus fremden Kanzleien stamm-
ten, an Fremde gerichtet waren und nur irgend eines Umstandes
wegen in die Reichskanzlei gelangt sein mochten, wie ein Brief des
Erzbisohofs von Köln an den Papst^) oder des Papstes an König
Alfons*); ferner Briefe, die von Kanzleibeamten ausgehen*) und sogar
Antworten auf solche Privatschreiben ^). Formeln dieser Art können
nicht dem Reichsregister entnommen sein, und doch finden sich unter
den ersten fünfzig Nummern des Bodmannschen Codex epistolaris
nahezu zwanzig Stücke der eben erwähnten Kategorien.
Aber auch die königlichen Urkunden wurden selbst in einer Zeit
grösserer Entwicklung des Kanzleiwesens nicht dnrchw^s registrirt«).
Die eigentlich politische Correspondenz und die Staatsverträge kommen
im Register nicht vor, wenn sie auch unzweifelhaft in Abschriften
vorhanden waren; wir dürfen mit Grund annehmen, dass Diplome
1) Stobbe Nr. 265 findet eich überall, auch bei Gerbert und Bodmann (142).
«) Bodmann 6. ») Ibid. 19. «) Ibid. 48. ») Ibid. 42.
•) Vgl. Lindner, Urknndenwesen Karls IV., 165, 112.
Geschichte der deutachen Beichsl^aiizlei 1846— 1S08. 295
solcher Art, die sich in uuserexi Formelbüchern finden, eher aus
Copien aU aus depi Beichsregister stammen könntep. Für Legitima-
tionen, erste Bitten, Bestallungen uad ähnliche ürkanden begnügte man
sich in späterer Zeit gewöhnlich mit einer kurzen Notiz, welche den
wesentlichen Inhalt der Urkunde angab. Aus solchen Kotaten besteht
der libellus primaxiarum precum aus der Kanzlei Ludwigs des Baiern ^),
auch im Begister Karls lY. sind die meisten Urkunden dieser Art nur
auszugsweise verzeichnet. Es ist deshalb nicht sehr wahrscheinlich,
dass schon unter Budolf die ganze Masse sokhßr Diplome, welche in
den Formelbüchern enthalten ist, dem vollen Wortlaute nach registrirt
worden sei.
Auch jene kön^lichen Sclpreiben, deren Inhalt in keiner Weise
rechtlich bindend oder politisch bedeutsam war, sind wohl schwerUch
in das Begister eingetragen worden. Welches Interesse hatte man
auch, phi-asenhafte Dankbriefe wie Bodmann Nr. 11 oder Gerbert I,
Nr. 10, oder gar eiuen Trostbrief des Königs an seine Gemalin wie
Bodmann Nr. 31 im Begister der Nachwelt zu überliefern?
Bei einem grossen, vielleicht dem grössten Theile des in den
Formelbüchern enthaltenen Stücke also ist die Herkunft aus dem Beichs-
register zum Theil ausgeschlossen, zum Theil sehr zweifelhaft. Fragen
wir nun nach der Quelle dieser Formeln, so erscheint mir die Er-
klärung als die nächstUegende und befriedigenste, dass Abschriften
und Concepte der einzelnen Notare, die Grundlage unserer Samm-
lungen bilden. Es ist sehr wohl denkbar, dass die Stilisten der Kanzlei
aus dem Torrath der von ihnen verfassten Urkunden eine Auswahl
zunächst für den eigenen Gebrauch veranstalteten, dass diese Privat-
sammlungeu dann zusammengeworfen wurden und so eine grössere
Collection entstand, welche die Grundlage der Formelbücher wurde.
Bestand dieses ursprüngliche Formelbuch vielleicht gar nur aus losßn
Blättern, so erklärt sich die verschiedene Beihenfolge der Stücke in
den Sammlungen auf die ein&chste Art. Es stimmt mit dieser,
allerdings nur vagen, Termuthung sehr gut überein, dass die
Persönlichkeiten der Notare und zwar mehrerer zugleich, nicht selten
in den Vordergrund treten.
Bodmann besass einen um&ngreichen Codex mit Briefen der
Könige Wilhelm und Bichard, eine Prachthandschrift aus dem Kloster
Egmont, dessen Abt Lubbert der Yicekanzler Wilhelms war; ein deut-
licher Hinweis auf den amtlichen Charakter der Sammlung. Der
Codex war ohne Zweifel schon zur Zeit Wilhelms abgeschlossen,
*) Oefele Scr. rer. goic. I, 785 flf.
296 Herzberg-Fränk e 1.
denu das Titelbild stellte einen Mönch dar, welcher knieend das
Werk dem König überreicht. Wenn dann noch Briefe hinzukamen,
liegt es nicht überaus nahe, an den Mann, der in beiden Kanzleien
diente, den Protonotar Arnold als den Veranstalter der Sammlung
zu denken?
Die Budolfinischen Formelbücher sind voll von Urkunden,
welche sich auf Protonotare, Notare und deren spezielle Verhaltnisse
beziehen. Im ersten Theile seines Codex epistolaris will Bodmann ^)
den Stil des Protonotars Gottfrieds, im zweiten Theile den eines andern
Notars erkennen; in allen Pormelbüchem tritt in auflFallender Weise
die Person des Notars Andreas von Sode hervor ^), ganz unbedeutende
Urkunden, die ihn betreffen, sowie Briefe von ihm nnd an ihn haben
Aufnahme gefunden. Man könnte ihn für den alleinigen Zusammen-
steller jenes ursprünglichen Formelbuches halten, wenn nicht auch
andere Notare neben ihm so grosse Berücksichtigung gefunden
hätten.
Aus solchen Einlaufen, Concepten und Abschrifben konnten nun
freilich Formeln genommen werden, die nicht aus dem Register her-
rühren können. Was die anderen, wenn ich so sagen darf, register-
fahigen Urkunden betrifft, so bleibt es an sich immerhin möglich,
dass dieselben einem Begistraturbuch entnommen sein könnten, aber
eben so gut wie die Briefe oder Staatsvertrage können sie aus dem
Vorrath der einzelnen Concipienten stammen. Zu ähnlichen Ergeb-
nissen gelangt P. Schweizer in seiner Untersuchung über das Diplomatars
König Albrechts 8) sowohl für die älteren Budolfinischen Formelbüchem
(S. 24b) als für die albrechtinische Sammlung (S. 249).
Als Beweisgrund also für das Bestehen eines Beichsregisters
werden sich die Formelbücher nicht verwerthen lassen, die Noth-
wendigkeit dieser Annahme schwindet, da sich die Fülle des über-
lieferten Materials auf andere Weise einfacher erklärt.
Dazu konmit noch, dass die königlichen Urkunden niemals eines
Begisters erwähnen, auch nicht in jenen zahlreichen Fällen, in welchen
die Kanzlei die zu bestätigenden Privilegien einer Prüfung unterzieht.
Eine Urkunde Heinrichs VII.*) scheint mir sogar deutlich fiir das
Fehlen der Begisterbücher zu sprechen. Nach der Darstellung die8e:>
umfangreichen Diploms behauptete der Pfalzgraf Budolf, der König habe
') Praef. p. VIII.
») Stobbe Nr. 118, 114 (= 177), 212, 248, 265, 266. Die Nummern Bod-
manDs und Gerberta sind bei Stobbe angefl\hrt.
') Mittheil. des Institats II, 226 ff.
*) B. H. 449. von 1812. Or. im Staatsarchive in München.
Qeschichte der deutschen Reichskanzlei 1246—1808. 297
ihm einst Ersatz der Wahlkosteu versprochen, konnte jedoch die Ur-
kunden die darüber ausgestellt wurden, aus irgend einem Grunde nicht
Torweisen. Der Konig lässt nun nicht im Begister nachsehen, in welchem,
wenn es überhaupt eines gab, gerade solche Urkunden eingetragen
sein mussten, sondern bewilligt dem Pfalzgrafen den Zoll zu Kaub,
doch mit der Bedingung dass derselbe die erwähnten königlichen Ur-
kunden bis zu einem bestimmten Termin in Italien vorzulegen habe.
Wenn jedoch der Bote dieselben auf dem Wege nach Italien sine
finnde ac dolo verliere, oder ein anderes Hindemiss eintrete, so
soll wieder nicht das Begister eingesehen werden, sondern der König
verspricht: ad probandum et ostendendum dictarum ezpensarum de-
bitam in Alamania audiemus et recipiemus vel per alium recipi faciemui«
dociunenta legittima dicti ducis.
Wenn das Begisterbuch in solchen Fällen nicht zur Anwendung
kam, so ist es schwer zu sagen, wozu es überhaupt verwendet wor-
den wäre.
UitÜieÜUDffeo, Erg&Diimtfsbd. I.
Bischof Harduin von Cefalu und sein Prozess.
Kino Episode ans dem Leben Kaiser l^riedrichs IL
Mitgetheilt.
von
E. Winkel mann.
Das Zerwürfniss des Bischofs Harduin (Arduin, Aldoyn) vou
Cefalu mit dem Kaiser Friedrich II. zieht sich durch einen beträcht-
lichen Theil der Begierangszeit des letzteren hindurch, und da es
obendrein bei den Beschwerden eine Rolle spielt, welche im Jahre
1238 von der Kurie gegen Friedrich II. erhoben ^) und im folgendeu
Jahre der Excommunication desselben zu Grunde gelegt wurden, war
es immerhin empfindlich, dass unsere Kenntniss der Sache sich haupt-
sächlich auf einen kurzen Auszug beschränkte, welchen Pirrus, Sic.
Sacra II, 805 aus den Akten eines 1223 und 1224 vor einem päpst-
lichen Delegationsrichter geführten Prozesses mitgetheilt und Huillard-
BrehoUes II, 919 wiederholt hatte. Genauerer Einblick wird erst durch
die Akten selbst ermöglicht, welche ich, soweit sie erhalten sind, unten
folgen lasse. Ich verdanke der Güte des Herrn Grafen Biant eine Ab-
schrift von einer Copie jener Akten, welche sich als ein Geschenk de
Cherrier's unter den Papieren Huillards auf der Pariser Bibliothek
(Nouv. acq. lat. 2285 f. 258 — 299) findet und welche anscheinend von
einer italienischen Hand, doch wohl nach dem Original selbst ge-
macht sein dürfte. Auf das Original als Quelle deuten wenigstens die
Randbemerkungen zurück, welche in der Copie vielfach in den Text
selbst gerathen sind, und zahlreiche Corruptelen, welche zum grössten
Theil sich aus missverstandenen Abkürzungen des 13. Jahrhunderts
erklären. Die meisten Verderbnisse des Textes liegen so auf der £[and,
dass ich sie stillschweigend glaubte bessern zu dürfen; an andern
Stellen, wo die Aenderung möglicher Weise den Sinn berühren konnte,
•) Enillord-Breholles, hist. dipl. Fiid. V, 24 U,
Bischof Harduin von Cefalu und sein ProzeB». 299
habe ich die beseitigte Lesart in die Anmerkungen gebracht, und
wieder an anderen, wo sich mir keine unzweifelhafte Emendation dar-
bot, durch * angedeutet, dass die aus Mangel einer besseren bei-
behaltene Lesart schwerlich dem Originale eigen sein mochte. Die
Yerderbniss geht am Weitesten in den zahlreichen Citaten aus Bechts-
quellen, welche ich, so wie sie mir vorlagen, nicht überall nachzu-
weisen vermochte; vielleicht waren sie schon im Originale ungenau
angegeben. Kenner namentlich des Eirchenrechts werden in dieser
Beziehung bei den Nachweisungen, die ich wie alles von mir im Texte
Ergänzte in eckige Klammem eingeschlossen habe, noch manches
nachzuholen finden.
Ursache und Yerlauf des Zerwürfnisses zwischen dem Kaiser und
dem Bischöfe von Ce&lu lassen sich jetzt mit Hülfe jener Akten, zu
welchen noch mehrere sonst erhaltene Urkunden kommen, im Allge-
meinen ausreichend verfolgen ; im Einzelnen harrt freilich noch mancher
Punkt weiterer Aufklarung.
Nach dem Tode des Bischofs Johann Cicala ^) von Cefalu wurde
Harduin sein Nachfolger und zwar um die Mitte des Jahres 1216,
wie sich daraus ergiebt, dass er 1223 dec. (S. 314) sagt, es sei seit
seiner Beförderung „septennium et amplius* verflossen. Er hat sich
darauf zu Friedrich nach Deutschlau d begeben (S. 347), um dessen Zustim-
mung zu seiner Wahl einzuholen, da dieselbe auf Grund des sicilischen
Concordats von 1198 (Winkelraann, Phil, von Schwaben S. 121)
der Bestätigung durch den Papst vorausgehen musste. Nach seiner
Heimkehr begann aber auch sogleich der Streit mit der Krone und
zwar zunächst wegen des Kastells von Cefalu. Dass dieses unzweifelhaftes
Eigenthum der Kirche war, ergiebt sich aus König Bogers I. Privileg
für das Bisthum von 1145 april (Pirrus p. 800) 2) und aus der Be-
stätigung desselben durch Alexander III. von 1171 (ib. p. 802), eben-
sowenig, wie aus den Privilegien der Kaiserin Konstanze von 1198
mai (W. Acta I, 68) und Friedrichs 1201 iuni (ib. p. 78). Es ist in
allen diesen Urkunden immer nur von der Stadt die Bede, aber es ist
möglich, dass man sich das Kastell als ein Zubehör der Stadt, in die
geschenkte civitas inbegriffen dachte, und auch in dem Prozesse von
1) Friedrich soll schon mit diesem Bischöfe von Cefalu Streit gehabt haben
lind zwar wegen der zwei Porphjrsarkophage, welche er ftir seines Vaters und
»eine eigene Grabstätte aus dem dortigen Dome fortgeschafft hatt« und welche
noch jet^t diesem Zwecke im Dome von Palermo dienen. Er machte dem Bischöfe
znm Ersätze 1215 sept. eine Landschenkung. 6. F. nr. 8 CS.
*) Roger gab dem Bisthiime »totam civitatem et mare cum eonim perii-
nentiis '.
20*
300 Winkelmann.
1223 ist das Eigenthumsrecht des Bischofs au dem Kastell nicht eigent-
lich bestritten worden^), während es nach der späteren Darstellung des
Kaisers von 1238 schon von den älteren Königen als ein besonders
fester und wegen der im Innern der Insel hausenden Mohammedauer
wichtiger Platz besetzt und verwaltet worden war. Friedrich behauptet
sogar, dass einer der ihm wahrend seiner Kindheit von Innocenz IIT.
zum Reichsvormunde bestellten Legaten — welcher, lässt sich nicht
entscheiden — nach den eigenen Weisungen des Papstes das Kastell
ebenfalls fiir den königlichen Dienst in Anspruch genommen habe
(Huill.-Breh. V, 251). Das Kastell befand sich jedenfalls, als Harduiu
das Bisthum antrat, in den Händen der Krone, welche dort auf Rech-
nung des Bisthums einen Kastellan und Knechte unterhielt (S. 310. 338).
Indem nun Harduin dem gegenüber das Recht eigener Verwaltung
geltend machte, ist er wenigstens zeitweise durchgedrungen und er
bat seinen Bruder Roger dort als Kastellan eingesetzt (S. 309. 312. 320),
bis Friedrich nach seiner Rückkehr ins Königreich, als sich die Noth-
wendigkeit einer nachdrücklichen Bekämpfung der Mohammedauer
herausstellte, das Kastell neuerdings unter seine eigene Obhut nahm.
Sein Vertreter in dem vom Bischöfe angestrengten Restitutionsprozesse
behauptet, dass es mit Einwilligung des Papstes geschehen oder wenig-
stens von ihm nachträglich (1223 ex., cf. S. 334) gebilligt worden sei,
S. 309. 340: quod d. papa finierit questionem ipsam per litteras suas;
S. 333: peto recordum vestrum de litteris missis a d. papa episcopo
super facto castelli, quod debet esse in custodia d. imperatoris, salvis
expensis ecclesie, und da der päpstliche Delegationsrichter in seinem
Schlussurtheile S. 333 zugiebt: per litteras summi pontificis constitit
michi, quod volebat (castellum) a d. imperatore custodiri, kann nicht
bezweifelt werden, dass ein solcher Erlass des Papstes wirkhch vor-
handen war, wenn er auch bisher nicht zum Vorschein gekommen ist
Das weithin das Meer und das Innere überschauende Kastell wurde
jetzt, da der Kampf mit den Mohammedanern im Gange war, noch
stärker bewacht, diente auch als Staatsgefängniss (S. 318. 339) und wird
von der Krone kaum wieder geräumt worden sein. Im Jahre 1238
f.s. o.) war sie jedenfalls noch im Besitze.
Der Bischof will femer durch den Erzbischof Berard von Palermo
in seinem Vieh, Wein und Einkünften geschädigt worden sein (S. 308. 311.
319. 336), und zwar soll dies geschehen sein, während Friedrich noch
*) Erst 12S8 unter sehr veränderten Verhrlltnissen bcRtreitet Friedrich da.-«
Rocht des Bischofs selbst H.-B. V, 25 i : ad cpiscopi manus per tnrbationem yo-
iH»rat et non de iure . . . • nee episc opo preseuti restituitur nee de iure restitu-
debei., quia non habet ius in re.
Bischof Harduin Ton Cefalu und sein Prozess. 80 1
in Deutschland weilte (S. 339), also vor 1220 sept., und währe ud der
Erzbisehof »preses erat tunc provincie Sycilie* (S. 327) — eine Notiz,
welche, wie heiläufig bemerkt werden mag, schon deshalb willkommen
ist, weil sie die einzige Nachricht ist, welche wir überhaupt über die
Terwaltong Sidliens aus der Zeit zwischen der Abreise der Königin
Konstanze nach Deutschland 1216 iuli (Winkelmann, Otto IV. S. 439)
und der Bückkehr Friedrichs haben. Der Streit aber um das Kastell
und diese Beeinträchtigungen durch den Statthalter Siciliens werden
dem Bischöfe den Anlass gegeben haben, sich zum ersten Male mit
einer Beschwerde an den Papst zu wenden. Denn wenn er sagt
(S. 347), er sei genöthigt gewesen ,ire ad d. papam usque \iterbium*,
so kann es eben nur vor Friedrichs Kaiserkrönung geschehen sein, da
wahrend aller hier in Betracht kommender Jahre Honorius III. nur
von 1219 oct 6 bis 1220 iuni 2 und dann wieder 1220 oct. 5 — 10
in Viterbo gewesen ist. Folgen scheint diese Beschwerde nicht gehabt
zu haben.
Die Zahl der Streitpunkte mehrte sich, als Friedrich nach der
Kauserkrönung die Regierung des Königreichs persönlich führte. Nach
einem Gesetze des Hofbags zu Gapua 1220 dec. sollten alle älteren
Privilegien zur Prüfung und Neuausfertigung vorgelegt werden und es
ist immerhin zu beachten, dass eine solche Neuausfertigung für Cefalu
nicht erfolgt zu sein scheint. Anderes kam hinzu, um den Zorn des
Kaisers gegen den Bischof zu reizen. Wir erfahren aus dem Prozesse,
dasä letzterer an Eaufleute von Genua, gegen dessen Handelsübermacht
Friedrich damals vorgieng (Winfcelmann, Friedr. IL Bd. I, 165), eine
beträchtliche Menge Getreides verkauft hatte, dass Friedrich den Ver-
kauf aufhob und das Getreide in die bischöflichen Scheuern zurück-
bringen liess, dass aber der Bischof es trotzdem den Genuesen ab-
lieferte (S. 346. 349. 358). Auch wurde in Cefalu auf Befehl des Kaisers
durch den Secretus oder Kämmerer von Sicilia citerior ein römisches
Schiff weggenommen, wie Friedrichs Sachwalter behauptet (S. 319. 339),
weil Verrather auf demselben gewesen seien „qui venerant pro non
modico dampno suo*. Der Bischof verlangte nun, dass es ihm als
dem Gerichtsherrn der Stadt verbleiben müsse (S. 326), während der
Fiscus es nicht herausgeben wollte und in seinem guten Rechte war,
da Bogers Schenkung aller Einkünfte u. s. w. in Cefalu gerade für
solche Fälle Ausnahmen gemacht hatte „ salvis tamen regalibus nostre
maiestatis, felonia videlicet, traditione et homicidio*. Aber Harduin
kam in der That bei dieser Gelegenheit übel weg: nicht nur entgieng
ihm der Erlös aus dem confiscirtem Schiffe, sondern er wurde oben-
drein bei seiner späteren Anwesenheit in Rom von den Eigenthümern
302 W i n k e 1 m a n n.
des Schiffes in Anspruch genommen und er sah sich zur Zahhmg einer
nicht unbedeutenden Abfindungssumme gAnöthigt, um nur von ihnen
loszukommen (S. 309. 326).
Ohne Zweifel war der Bischof der Krone schon sehr missliebig
geworden^), zum Theil doch wohl durch seine Schuld, als sich die
Möglichkeit bot ihn zu beseitigen oder wenigstens unschädlich zu
machen. Klagen erhoben sich aus der Mitte des Domkapitels selbst
über seine Verwaltung, über seine Verschleuderung des Kirchengutes,
besonders zu Gunsten seiner verschiedenen Geliebten in Ce&lu und
Palermo und ihrer Kinder (vgl. die Zeugenaussagen S. 353 ff.)*), und
es scheint, dass diese Klagen dem Kaiser den Anlass geben, dem Bi-
schöfe die Temporalien zu sperren und mit dem 16. sept. 1222 (S. 353)
die Güter und Einkünfte des Bisthums unter staatliche Verwaltung zu
stellen. Es trat ein, was Harduin S. 31 0 (unten) und sonst seine « generalis
destitutio " nennt, im Gegensatze zu den einzelnen Beeinträchtigungen,
die er schon früher erlitten zu haben behauptete. Er wird sich schwer-
lich zur Verantwortung gestellt haben, als Friedrich die Kläger —
Domherren, Geistliche und Bürger von Gefalu — nach Messinu vor-
lud (S. 326); er scheint vielmehr gerade deshalb verbannt worden zu
sein (in exitium relegatus ^ 316), weil er der kaiserlichen Vorladung
nicht Folge leistete, sondern an den Papst appellirte (S. 326).
Friedrich hat nun freilich auch dort dem Bischöfe entgegenzu-
arbeiten versucht. Noch von Messina aus, 1222 oct. 26, empfahl er
dem Papste einige Domherren von Gefalu „ut in iustis petitionibus
suis eofi, si placuerit^ habere dignemini commendatos * (W. Acta I, 223),
und dass das Anliegen der Empfohlenen — es waren der Archidiakon
Johannes und ein Priester Johannes (S. 345) — eben die Beschwerde
über die Verwaltung des Bischofs war und dass denselben die Reise-
kosten aus den sequestrirten Einkünften des Bisthums gegeben wur-
den, dass die Beise selbst also durchaus mit Billigung, um nicht zu
sagen, auf Betrieb der Begierung geschah, wird aus den Akten des
Prozesses, bei welchem auch diese Dinge zur Sprache kamen (beson*
ders S. 331), vollkommen klar. V7ir erfahren nun leider nicht, was die
Abgeordneten des Kapitels oder eines Theils desselben bßim Papste
ausrichteten, welcher jetzt auch den Bischof zu sich beschied (vocatus
') Er ist jedoch noch 1221 nov. 17 in Palermo Zeuge einer kaiserlichen
Urkunde, W. Acta I, 815.
*) Das« diese wenigstens nicht ganz aus der Lufb gegriffen waren, ersieht
man daraus, dass 1289 in Palermo ein Thomas von Ferentino lebte, welcher mit
einer Tochter des BischoÜB verheirathet war (s. u.)..
Bischof Harduin von Cefalu und sein Prozess. 303
ad papam S. 330 vgl. 32t>). Aber ausreicheude Anzeichen liegen dafür vor,
dass ihre Klage dort kein Gehör fand und dass der Bischof als Sieger aus
diesem Kampfe hervorgieug. Denn Honorius III. bestätigte 1223 iau. 21
dem Bischöfe die Privilegien und Besitzungen seiner Kirche (ungedr.
Orig. Palermo, arch. di stato), und wenn Harduin nachher in seinem
Prozesse, ohne Widerspruch zu finden, wiederholt behaupten konute
(S. 314ff. 322), dass Honorius dem Kait^er seine , restitutio" geboten habe,
so wäre das natürlich nicht geschehen, wenn die »destitutio* als ge-
rahtfertigt betrachtet worden wäre. Honorius legte der Sache doch
solche Bedeutung bei, dass er sie persönlich bei seiner Zusammenkunft
mit Friedrich IL zu Ferentino 1223 märz zur Sprache brachte. Nun
ibt Friedrich bei dieser Zusammenkunft, wie rücksichtlich anderer
Fragen, so auch in Bezug auf den Bischof von Cefalu bereitwillig dem
Fiirworte des Papstes nachgekommen; er sagte die Restitution des-
selben zu, während Honorius seinerseits insofern die Beschwerden des
Kaisers berücksichtigte, dass er nach geschehener Restitution eine
Uutersuchung gegen den Bischof wegen der behaupteten Verschleu-
derung und je nach dem Ausfalle derselben die Einsetzung eines
Coadjators oder auch weitergehende Massregeln in Aussicht stellte.
Der dem Erzbischofe Lukas von Cosenza ertheilte Auftrag von 1223
märz 31., wie unsere Akten (S. 337) haben, oder von märz 26., wie der
Druck bei Ughelli hat, gieng entsprechend dahin, dass der Erzbischof
zunächst die Restitution des Bischofs bewirken, dann aber die Dilapida-
tionsklage gegen ihn untersuchen und unter umständen ihm einen
Coadjutor in temporalibus bestellen solle.
Die erste Wirkung dieser Dazwischenkunfü des Papstes war Har-
duins Rückkehr nach Cefalu, wo er am 12. april (S. 310) eintraf, freilich
dich vorläufig noch auf seine geistlichen Verrichtungen beschränkt
sah (S. 328). Als dann der Befehl des Kaisers anlangte, ihm auch die
weltliche Verwaltung zu übergeben (S. 323), war darum der Streit sell)st
noch nicht geendigt. Denn Harduin beanspruchte nicht blos Ersatz
der ihm bisher entzogenen Einkünfte, welche er natürlich möglichst
hoch berechnete, sondern auch eine Entschädigung für alle und jede
Beeinträchtigung, welche ihm seit seiner Erhebung widerfahren war,
und vor Allem die Zurückgabe des Kastells, so dass der Thätigkeit
des Erzbischofs von Cosenza noch ein weites Feld ofien blieb.
Die Akten des Prozesses geben über dasjenige, was in den näch-
sten Monaten geschehen ist, keine Auskunft. Aber aus der Begrün-
dung der Cassation durch Honorius III. (Quinque compil. antiquae, ed.
Friedberg p. 157. Comp. V. L. L tii 15 de off. iud. deleg. c. 2 Eoga-
ttts = Potth. nr. 7726, nach Pickers Mittheilung von 1224 iuli 10)
304 Winkelmann.
wird ersichütch, dass der Erzbischof, durch Eiraukheit verhindert dem
Auftrage des Papstes uachzukommeu, seinerseits den Abt von S. Spirito
in Palermp delegirte, dass dieser nicht, wie vorgeschrieben war, vorher
dem Bischöfe zur Restitution verhalf und dann erst die Untersuchung
gegen ihn vornahm, sondern viehnehr mit letzterer begann, und dass
der Erzbischof — wohl wegen dieses Formfehlers — den Abt durch den
Thesaurar von Cosenza MsLg. Bartholomeus oder Bartholns ersetzte.
Nur die Thatigkeit des letzteren ist in den hier veröffentlichten Akten
enthalten, wahrscheinlich in einer dem Bischöfe selbst übergebenen
amtlichen Abschrift.
Am 18. aug. 1223 (S. 337) von seinem Erzbischofe delegirt, reiste
er noch in demselben Monate von Cosenza ab (S. 335) und begab
sich zuerst nach Trapani zum Kaiser, der sich zu jedem Ersätze bereit
erklärte, zu Welchem er durch den Spruch des Delegirten verurtheilt
werden würde. Bartholus glaubte nun wohl die Sache am schnellsten
am kaiserlichen Hofe selbst erledigen zu können und citirte deshalb
auch den Bischof nach Trapani (S. 337). Da dieser jedoch nicht kam
— er war nach Messina gereist (S. 308) — gieng Bartholus nach Cefelu und
wartete dort, bis der Bischof zurückkehrte und Friedrich in der Person
eines Notars Mag. Heinrich einen Sachwalter geschickt hatte (S. 337),
so dass wohl erst zu Anfang des december (am Anfang der Akten
fehlt leider die Monatsangabe) der Prozess in Gang kam.
Es wird nun nicht nöthig sein, den Verlauf desselben nach den
Akten zu verfolgen. Hervorzuheben ist abei aus dem Termine von
1224 ian. 7. die grosse Bede des Bischofs (S. 321^333), welcher schlecht-
w^ Bestitution verlangte, während der kaiserliche Prokurator betonte,
dass der Kaiser nur ßir denjenigen Schaden aufzukommen verpflichtet
werden könnte, welcher unmittelbar durch ihn oder auf seinen Befehl
durch seine Beamten dem Bischöfe zugefügt worden sei. Als nun
Harduin merkte, dass der Richter den päpstlichen Auftrag auch nur
in diesem Sinne verstand und dass er jedenfalls dazu angehalten wer-
den würde, seine Ersatzforderung im einzelnen zu erweisen, da suchte
er das ganze Verfahren dadurch zu durchkreuzen, dass er ian. 13.
(oder 14.) an den Papst appellirte (S. 334) und, als der Delegirte trotz-
dem den 16. zur Verkündigung des Schlussurtheils besimmte (S. 335),
sich einfach von Gefalu entfernte (S. 340). Allerdings kam er nach
mehriacher Vorladung schliesslich doch zur Publikation des ürtheils,
welche im Februar erfolgte (S. 336); da jedoch das ihm als Ersatz zu-
gesprochene bei weitem nicht seinen Forderungen entsprach, weigerte
er sich febr. 13. (S. 344) das Geld und die Naturalien anzunehmen,
welche der kaiserliche Prokurator auf der Stelle zu erlegen sich an-
Bischof Harduin von Cefalu und sein Prozess. 305
bot. Er wollte im Hinblick auf die eingelegte Appellation sich uicht
praejudiciren.
Nachdem der erzbischöfliche Delegirte so dem ersten die Restitution
betreffenden Theile seines Auftrags, wie er ihn verstand und soweit es
ihm möglich geworden, nachgekommen war, machte er sich an den
zweiten, an die Untersuchung der gegen den Bischof erhobenen Dilapida-
tionsklage (S. 344 ff.). Der Elagsclirift dreier Geistlichen (S. 845) ant-
wortete Harduin mit einer ausführlichen Beplik (S. 347 — 349), in welcher
er einmal bestritt, dass das Verfahren schon zulässig sei, weil er noch
nicht die YoUe Restitution erlangt habe^ welche nach dem Eirche«-
rechte und nach dem Willen des Papstes vorausgehen müsste, dann aber
auch die einzelnen Elagpunkte zu widerlegen suchte. Das Verhör der
Zeugen wurde dadurch vereitelt, dass er sie feierlichst bannte, fialls sie
irgend eine Aussage machen würden, worauf umgekehrt der Delegirte
sie wegen Verweigerung dßs Zeugnisses wirklich bannte (S. 350). Zu-
letzt sdheint man zu einem Vergleich gekommen zu sein: der Bischof,
welcher offenbar um jeden Preis das Verhör verhindern wollte, willigte
in die Bestellung eines Coadjutors in temporalibus und der Delegirte,
der ebenso offenbar die ihm langweilig gewordene Sache, Vielehe ihn
schon ein halbes Jahr von Hause fem gehalten hatte, beendigt zu
sehen wünschte, stand seinerseits von weiterer Untersuchung ab und
begnügte sich mit dem Goadjutor. Er sagt S. 352: ad dandum ei
coadjutorem prooessi, nennt aber denselben nicht.
Damit schliessen für uns die Akten dieses Prozesses. Denn die
noch folgenden Zeugenaussagen (S. 353 ff.), deren Anfang und Ende
fehlt, kann ich nicht als dazu gehörig gelten lassen, da der Delegirte
in Folge der Bedrohung des Bischofs ja gar nicht zur Abhörung der
Zeugen gelangt ist und obendrein selbst angiebt: ,dictos clericos et
laicos examinare obmisi'*. Jene Aussagen, welche allerdings sowohl
für die Lokal- als auch für die Kulturgeschichte sehr interessant sind
und auf den Bischof uud sein Leben ein wenig erfreuliches Licht
werfen, werden entweder aus dem ersten vom Abte von S. Spirito ge-
leiteten Dilapidationsprozesse stammen oder später von den Gegnern des
Bischofs, vielleicht von kaiserlicher Seite zusammengestellt worden sein.
Der Bericht des Mag. Bartholus an seinen Auftraggeber, den Erz-
bischof von Gosenza, und dessen Bericht an den Papst sind uns nicht
erhalten. Das Ergebniss so grossen Aufwands von Zeit und Mühe
war aber ein sehr überraschendes. Der Papst cassirte 1224 iuli lU
(s. o. S. 303) das ganze Verfahren, weil der Erzbischof, nachdem er einmal
den Abt von S. Spirito delegirt hatte, dessen Vorgehen in der That
nicht dem Auftrage entsprach, seinem eigenen Auftrage Genüge ge-
306 Winkel mann.
leistet habe und deshalb nicht noch einen andern habe delegiren
können. Es war das ganz die auch sonst bei der Curie l3eliebte
Praxis, einer unliebsamen sachlichen Entscheidung durch Hervorkeh-
riing formaler Bedenken aus dem Wege zu gehen. Ob eine neue
Untersuchung angeordnet worden ist, ob der Bischof sich zuletzt doch
dazu verstanden hat, den ihm zuerkannten Schadenersatz anzunehmen,
und wie er sich nun weiter zur Regierung gestellt hat, alles ist un-
bekannt und wir hören wieder von ihm, abgesehen von einer Con-
secration, welche er 1228 vollzogen haben soll, erst aus dem Jahre
1235, dann aber in einer Weise, dass anzunehmen ist, er sei bei
Friedrich II. stets schlecht angeschrieben geblieben.
Als nämlich Friedrich im April 1235 aus dem Königreiche nach
Norden aufbrach, um die Bebellion seines Sohnes in Deutschland nieder-
zuwerfen, gehörte die Ausweisung des Bischofs von Cefalu zu den-
jenigen Massregeln, durch welche er während seiner Abwesenheit das
Königreich gegen hochverrätherische Umtriebe sicherzustellen ge-
dachte i). Harduin aber hat seitdem sein Bisthum nicht wieder ge-
sehen und wenn Friedrich ihn damals noch, ja mindestens bis gegen
Ende des Jahres 1236 die Einkünfte geniessen liess^), welche ohne
Zweifel von kaiserlichen Beamten erhoben wurden, so wu'd das 1238
schwerlich mehr geschehen sein, als Friedrich, um sich gegen die Be-
schwerden Gregors IX. über seine Behandlung Harduins zu verthei-
digen, demselben vorwarf, er sei ^falsarius homicida proditor et schis-
maticus * ^). Dass das Leben Harduins kein makelloses war und dass
auch seine amtliche Thätigkeit Angri£Pen Baum gab, weiss man aus
den Akten des alteren Prozesses; aber es muss völlig dahingestellt
bleiben, inwiefern jene scharfen Ausdrücke des Kaisers gegen ihn be-
rechtigt gewesen sein mögen. Weil aber Harduin in den Augen
Friedrichs , proditor* war, wurden beim Ausbruche des Streites mit
dem Papste 1239, wie das Yerrathern gegenüber ganz allgemein ge-
schah, auch seine sämmtlichen Verwandten aus dem Königreiche ver-
trieben und ihre Güter eingezogen. Eine Ausnahme wurde nur zu
Gunsten eines in Palermo lebenden „ Schwiegersohns '^ des Bischofs
gestattet, der zu beweisen versprach, dass er mit demselben seit seiner
*) Friedrich an Gregor IX. 12S6 eept. 20 Huill.Breh. IV, 911: Cephal.
ei)iscopum4 cuius vobis notissimam credimus esae iiotam, .... inter iideles
nostroH non permisimus remanere, non iniuste verentes, ne perfidia iideles infice-
ret contactu.
•) Ibid. p. 912; prout in episcopo supradicto statutum extitit apnd Fiiniim
et per ven. magistrum domus 8. Marie Theut. ofßcialibup nostris ininnctum
•) 1238 oct. 88. Huill.-Br^h. V, 251.
BiFchof Harduin von Cefalu und sein Prozess. 307
Heirath in keinem Verkehre mehr gestanden habe (1239 dec. 15. Huill.-
Breli. V, 575).
Von den weiteren Schicksalen des Vertriebeneu ist nur weniges
zu sagen. Er lebte wohl ununterbrochen in Born. Er war 1238
üOT. 16 bei der Weihe von S. Sabina auf dem Aventin betheiligt ge-
wesen*) und weihte selbst 1241 märz 27. auf Befehl Gregors IX. di^
Kirche S. Lorenzo*). Dunkel wie vieles in seinem Leben ist auch sein
Ende: er wurde 1248 beim Lateran ermordet, wie der Kardinaldiakon
Rainer von S. Maria in Gosmedin, ein leidenschaftlicher (regner
Friedrichs II. versichert, auf dessen Anstiften durch einen sicilischen
Banditen^). Zu Hause hatte man sich schon längst nicht mehr um
ihn bekümmert: als Bischof von Cefalu erscheint um 1240 ein Joceliu
und um 1249 ein Mönch Richard (Pirrus p. 806); doch mag letzterer
erst nach dem Tode Harduins erwählt worden sein^).
Harduins Leben ist in bemerkenswerther Weise in das seines
grossen kaiserlichen Zeitgenossen verflochten und dadurch der Ver-
gessenheit entzogen worden. Aber gerade an der Stelle hat er keine
Spiven seines Daseins hinterlassen, wo man sie am ersten suchen
mochte, nämlich in dem herrlichen Dome von Cefalu. Es gehörte mit
zu den g^en ihn erhobenen Anklagen, dass er für diesen Bau so gut
wie nichts gethan hal^: sechs Fenster habe er hergestellt, dann aber
das för die übrigen bestimmte Blei verkauft (S. 358 vgl. 346. 357).
Zu&ll ist es also nicht, dass von einer Bauthätigkeit an jenem Dome
er8t 1240 berichtet wird^), als Harduin schon langst nichts mehr mit
demselben zu thun hatte.
Menso scilicet me raagistro Barthol o thesaumrio Cu.sen-
tino in Cephaludo residente pro judice cum domino venerabili abbat«*»)
sancti lohannis de Heremitis, assessore nostro, et cum aliis probis viris
pro dirimenda causa domini A. venerabilis Cephaludensis episcopi, quam
venerabilis in Christo pater mens Cusentinus archiepiscopus') auctoritate
*) Forcella, Iscrizioui delle chieee di Roma VII, 294.
^) in Monti? Die Inachrifl scheint jetzt in S. Maria della CouHolazionc zn
sein, 8. Forcella Vül, 823.
*j Huill.-Br^h. VI, 607 : Hoc anno in iirbe apud Lateranum Cef. episcopum,
de Sicilia iam annis quindedm per dictum impium a propria sede pulst im, per
quendam lictorem Siculnm gladio fecit necari etc.
*j Fr. Riccardos heisst noch 125S febr. electus (Palermo, arch. di statu).
') Salinaa, Due iscrizioni Cefalutane. Palermo 1880 — Estratto dalPArch.
stör. Sic, N. S.. Anno IV.
•) Ek wird weiterhin Jocundus genannt.
^) Lucas. Die von ihm 1228 aug. 18 ausgestellte Vollmacht s. u. S. £oT.
308 Winkelmann.
upostolica michi commiserut, licet in absentia ipsius episcopi cum statutis
procuratoribus suis in causa sua fuisset pro parte processum '), idem do-
minus episcopus veniens a Messana petiit a me Bartholo ostendi sibi man-
datum apostolicum ^) et commissionem exinde michi factam per venerabilem
Cusentinum archiepisoopum ^) ; quibus visis et lectis ab eo, libellum suum
micbi Bartholo porrexit, cuius oontinentia talis erat:
»In primis peto civitatem Cephaludi cum plena libertate et dominio
et cum iure suo secundum donacionem domini quondam regis Rogerii bone
memorie et sicut in ipsius privilegio continetur, hoc modo ut omnis pre-
lacio, omnis auctoritas oesset et violentia circa auctoritatem et dominium
ecclesie tam in temporalibus quam in spiritualibus.
Bedditiis civitatis et ecclesie michi substraotos peto, sie videlicet, ut
restituantur michi Septem milia quingenti tareni, quantum fuit cabella
ipsius civitatis eo anno, quando fui destitutus, salvis expensis necessariis
conventus, et domus secundum statum, modo quo erat tempore appellationis
faote ad dominum papam.
Illud idem de de victualibus et somerio^), que substractu
sunt et male distracta per falsos procuratores, ut michi restituatur, salvis
necessariis expensis ecclesie, sicut demonstratum est, de quibus non possu-
mus scire quantitatem, quia de certo secretus quaternos habuit, quando ra-
tionem a decimariis reoepit. Peto exactiones factas [ab] hominibus Cephaludi
et Polline per secretum et alios, [que] hoc modo in detrimentum ecclesie
facte sunt, et plus gravata fuit inde civitas Cephaludi, quam alie terre
demanii, et quia fuerunt facte^) contra constitutionem Ijateranensis concilii,
ubi nee ego tempore, quo presens eram, nee conventus nee eciam dominus
papa inde fuit consultus, ut consulte ex necessitatibus et utilitatibus pro-
videret ecclesie et burgensium suorum, sicut in capitulo concilii continetur.
Mercedes extortas ab hominibus Cephaludi et Polline peto habere, qui
michi tamquam domino civitatis competunt, maxime cum secretus regius et
Jjetus, qui factus est^') baiulus, nullam preter*^) me habere potuerunt iuris-
dictionem in civitate. Illud idem dico de aliis, qui diripuerunt bona mea
et ecclesie.
Peto eciam ea omnia, que ablata sunt michi et ecclesie per castella-
num Cephaludi lahelem^) tam de civitate quam de castello, et dampnum^),
quod noscitur ecclesia habuisse, de somerio?) restituto.
Peto eciam animalia vinum pecuniam et alia omnia, que michi et meis
et ecclesie abstulit Panormitanus archiepiscopus ^) et Bicardus de Carino
aistellanus*^) Cephaludi, trecentos videlicet porcos, mille quingentos tarenos
a) sine, c. gebessert nach p S17. b) sacre, c. c) quj sanctus en, c
tl) proter, c; propter? e) S. S?8 auch Rahel c. 0 dompnum, c. «) Bomeno, c.
b) capellanuB, c
') Wohl durch den frflher vom Erzbiechofe delegirten Abt von S. Spiiito in
Palermo, s. Potth. nr. 7726. S. o. S. S04.
«) Honoriuß lll. 1228 märz 26: Ughelli (2. ed.) IX, 214 und unten »S. ZZl
zum märz S1. Der Papst hat auch jan. 21 dem Bischöfe Arduin die Privilegien
etc. seines Bisthums bestätigt. Orig. im Staatsarchive Palermo.
») Unten S. 8«7.
*) Berardus.
Bischof Harduin von Cefalu und sein Prozess. 309
de redditibas dicte civitatis; dampnum quod intulit michi de tonnaria in
extimacione sex milium tarenoram, libros et arcam et arma et alia, que
enmt in castello^), tenimentum casalis Senescalci, que omnia auctoritate
domini imperatoris et accione ablata sunt micbi et eoclesie
ante destitucionem et post, que omnia postulari et postulo, sicat novit do-
minus papa et in licteris suis apparet.
Feto ecclesias Policii, Colosani, decimas Mistrette Calatabuturi et Grat-
terii micbi et ecclesie mee subtractas auctoritate licterarum domini impe-
ratoris, quas babuerunt Petrus quondam Grassus, lobannes de Syracusia»
lobannes quondam arcbidiaoonus et lobannes de Geracio, et fructus inde
perceptos et dampnum, quod in ruina domorum ipsarum apparet.
Peto specialiter castellum Cephaludi, quod est demanium^) eoclesie et
semper babere, consuevit, et idem imperator ab ecciesia ipsum recepit,
existente ibi fratre Peregrino castellano^). Unde ipsum peto -nomine meo
et ecclesie cum argento et aliis rebus micbi subtraetis ab eo tempore, quo
ipsum babuit usque modo, quia ipsum babui et ibi fuit irater Bogerius
castellanus per me statutus.
Peto eciam animalia, que castellanus Mistrette aecepit, et detinet auc-
toritate domini imperatoris.
Peto eciam quoddam navigium, quod abstulit micbi secretus, et damp-
num, quod micbi accidit inde pro eo hoc modo, quia captus fui^) in Urbe
et oportuit me redimere a Bomano pro octo^') unciis auri. Lucrum eciam
ipsius navigii volo habere ab ipso tempore, quo inde fui destitutus.
Peto eciam, ut de ezcomunicatis fiat, sicut fieri debet iuxta canonicas
äanciones et secundum Privilegium ecclesie Cepbaludi indultum cum favore
principis et auctoritate licterarum suamm^), [cum] oondempnati sentenda^ )
ecclesie tamquam rebelles et increduli nee de ablatis et illatis micbi et
eoclesie velint satisfacere, sicut debent. Illud quidem dico de aliis, qui
michi iniuriam fecerunt in civitate.
Peto eciam omne dampnum ex iniusta spoliacione micbi proveniens et
ecclesie mee, secundum quod in legibus continetur in D. ad leges Comel.^
[de sicar. 48, 8] et^) Aquil. [9, 2], quod legitima extimacione asoendit
äummam^) ducentarum unciarum preter expensas, quas ego feci tam pro iti-
nere meo eundo et redeundo ad curiam Eomanam et domini imperatoris,
specialiter pro rehabenda restitucione, et sicut possum ostendere, asoendunt
aummam trecentarum unciarum, preter etiam quas tam ego quam ecciesia
nos oportet indesinenter subire usque in bodiemum diem, que iam asoen-
dunt summam triginta unciarum, exceptis victualibus. ^
Super primo articulo ego prenominatus Bartbolus, habito cum delibe-
ratione oonsilio, auctoritate apostoliea sententialiter diffinivi, ut dictus Ce-
phaludensis episcopus integre et pleno babeat restitucionem civitatis Cepba-
ludi, sicut babuit ante destitucionem suam.
&) capello, c. b) domnum, c. c) capellano, c. ä) captum fui, c. Pirrus |
liest in seinem Aaszuge: captus [fui], o) 800, P. — nach f. 827 »pro decem un- |
I ciis*. n Buarum oontempnati sentencia, c. «) Carmei, c ^) et de, c. i
I >) summa, c. |
*) Es dürfte FriodrichB II. Bestätigung von 1201 jnni gemeint sein: Win-
I kelmann, Acta I, 78.
310 Winkelmann.
Super seoundü capitulo Septem millium quingentorum tarenonim in-
veni expensas istas inde factas esse: in primls pro domino episcopo Cepha-
ludi tarenos qüadraginta; Dyonisias senescalcus ecclesie recepit pro conventu
tarenos septuaginta duo pro mense septembris; item eodem mense tarenos
sexaginta; item idem Dyonisius recepit mense octobris tarenos centum vi-
ginti quatuor; item recepit mense novembris tarenos centum viginti; item
mense decembris idem Dyonisius recepit tarenos centum viginti; item mense
ianuarii recepit tarenos centam viginti; item idem mense februarii recepit
tarenos centum vigenti; item idem mense marcii recepit tarenos centum
viginti quatuor; item a primo aprilis usque ad adventum domini episcopi*)
recepit tarenos qüadraginta quatuor; item post adventum domini episcopi
recepit idem senescalcus a duodecimo aprilis usque per totum mensem
tarenos centum quinquaginta quatuor et grana^) duodecim; item mense
maii idem recepit tarenos ducentos nonaginta sex; item mense iunii rece-
pit idem tarenos ducentos qüadraginta; item recepit dominus episcopus
tarenos triginta; item recepit senescalcus et Wilhelmus refictorarius') tare-
nos qüadraginta duos; item mense augusti per manu:^ fratris Bogerii cel-
lararii tarenos triginta sex ; item cellararius Stephanus recepit de macbella
tarenos viginti tres; item pro coi'redo Messanensis arcbiepiscopi tarenos
quindecim; item pro opere ecclesie nonaginta quinque tarenos, de cabella
* figrorum tarenos tredecim et tercium; item de apotbeca Tancredi Fabri
tarenos quatuor.
Summa omnium tarenorum duo milia ducenti quinquaginta tres minus
granum^) unum^).
Super bac summa renunciavit dominus episcopus omni actioni.
Conventus babuit tarenos ducentos viginta octo pro vestimentis et
caligis eorum; solidarii domus babuerunt per manus Simonis secreti octo-
ginta quatuor tarenos; item per manus eiusdem Simonis fuerunt soluti
tareni qüadraginta quatuor et grana Septem pro minutis expensis; item
dominus abbas^) solvit pro solidis serviencium domus tarenos ducentos
sexaginta sex tempore suo — Super boc reservavit sibi dominus episcopus
actionem, quia plus eis^') dedit, quam solitum fuit babere tempore suo — ;
item dominus abbas solvit per expensas campi tarenos septuaginta sex mi-
nus quartam; dictus abbas solvit pro ordeo castelli tarenos decem; item
pro tinctoria reparanda tarenos viginti quinque; dominus abbas restituit
domino episcopo tarenos auri sexaginta; item restituit sibi tarenos sexdecim
in capa sua, manutergeis^) et sacris.
Interrogatus dominus episcopus, a quo tempore fuit destitutus, res-
pondit: in quibusdam a mense decembris X. indictionis^) usque ad menaem
?) XI. indictionis, in quo mense fuit facta generalis destitutio, preter
(|uam de Castro et de quibusdam aliis redditibus civitatis et diocesis, de
quibus longe antea fuerat destitutus, de sexcentis salmis et triginta eius-
ft) episcopus, c b) gr., c. c) Refictor, c. d) mar, c e) ei, c. ») ma-
nu tgeis c. ff) Monatsnamen feblt c.
>) In der Aufstellung der Einzclposten muss etwas ausgefallen sein, da die
Summe deraelben nur 189S Tar. weniger 1 Gran beträgt. Es foblt also der Nach-
weis nber SCO Tar.
3) von Roccadia, s. u. S. 819. ') Also 1221 dec.
Bischof Harduin von Cefalu und »ein Prozees. 311
dem XI. indictionis, qa« posite fuerant in buooelleritt. InterrogatuB dominus
episoopos, si posset probare quantitatem, dixit quod sie.
Cum ego Bartholus iniungerem sentencialiter domino episcopo Cepha-
ludi et peremptorie, ut specificiiret damua et alia, que obsoure in libello
suo supradicto continentur, ut levius possem taxare ea, qae taxanda sunt
secundum ius canonicum a me tamquam a iudice, presentavit michi quod-
dara libelium, cuius oontinencia talis erat:
» Introitus musti ecclesie a mense septembris XI. indictionis usque per
totum mensem augusti eiusdem indictionis^): de deeima salm. DCXXXIII;
Thibaldus de mandato salm. XL; item de vino veteri salm. LX; de alia
veggete sahn. XXVIII; de vineu magna salm. (X'L; de vinea Cazane salm.
XL; — salm. MXLI«).
Item de frumento: decime salm. LXXV; de ct\mpo ecclesie salm.
IJCXXIV; item de Pollina salm. XL; item de Calatabuturo salm. X; de
molendinis Rochelle salm. LX; de frat[re| Petro salm. . .; de PoUina,
Asinelli, Policio, Senescalci et molendinis salm. . .; — salm. CCLXXX»).
De tarenis [VlIJ MDCVP) oabellarum civitatis, de quibus, deductis ex-
pensis necessarüs, sicut numerate sunt, volo residuum.
Item de tai-enis, quos castellanus babuit preter statutum per XVI. mensee,
videlioet unoquoque mense tarenos XXIII''), qui sunt in summa tarenorum
eCCLXVIII.
Item de dampao somerii^) re-stituti tarenos CXX per castellanum.
De paricha conducta per Simonem tarenos XXIV.
De peioracione^) venacionis Polline tarenos C per abbatem.
Castellanus babuit unam unciam auri de Pollina.
Secretus a decimariis Cephaludi tarenos C.
De peioracione<^) molendini Silati®) cum molis tarenos OC.
De meroedibus per Letum^) yioecomitem babitis tarenos CCC.
Dampnum illatum ex iniusta spoliacione in [redditibnsj civitatis in
tonnaria, in laboribus et vineis, in peooribus, in proventibus, [in] posses-
äionibus, in tenimentis et terris ecclesie et aliis iusticiis meis disti-actis et
perditis tarenos M.
Pro expensis factis multociens tam pro me quam pro canonicis a tem-
pore turbocionis et destitucionis mee tarenos M preter illas, quas feci eundo
liomam.
Dampnum navigii Bomanorum tarenos DC,
De ecclesiis Policii [et] Colisani tarenos DC cum ecclesia sancti Philippi.
De vino animalibus pecunia et aliis rebus, quas abstulit^) michi et
ecclesie Panormitanus arcbiepisoopus et Riccardus de Garino, castellanus'')
Cephaludi, extimo tarenos M.
a) CCLXX, c. Die Zahl 280 ergibt sich aus der Verrechnung S. S12.
1>| XXrV, c. ') Ittrc Dompno Bomeno, c. ^) tioracio, c. gebessert nach S. S18.
Oder deterioracione nach 8. 888. <") Silan c. Weiter unten stets Sillati (heute Scillato).
U locnm, c. gebessert nach S. 818. >) obtulit, c. ^) oben 8. 808 capellnnus.
>) Also 1222 sept 1 bis 1228 aug. 81.
2) Die 8umme dieser Einzelposten ist lOol Salm. Doch muss in ihnen selbst
der Fehler stecken, da die Summe 1041 unten wiederholt wird und zwar auKge-
uchrieben. ") Auf S. 819 ist dieses Geld als 7606 Tar. ausgeschriebent
312 Winkelmann.
Decimam Mistrecte Calatabuturi et GrÄtterio pro duobus annis tarn de
yictualibua quam de pecunia debeo habere iuxta quantitatem eabellanim et
baiulacionam. •
Item petiinu^ recompenbacionem in illis tareni$, quos reoepit conven-
tos de ezpensLS, quas reoepit secretus Simou pro se et canonicis duobus
abaentibus per quatuor menses.
Exitus vini et vinalium: pro canonicis salm. CXX vini; pro cadtello
salm. CXLIII ; pro clericis salm. XCVI ; pro familia salm. XCVI ; pro campo
salm. XL[1]; — salm. CCCC.XCVia).
Bemanent de summa introitus, videlicet de mille quadraginta et una
salma musti, salm. DXLY; istas petimus habere.
Item petimus recompensadonem habere de quatuor mensibus, qui sunt
tercia pars anni, in predictis salmis numeratis in exitu per totum annum,
[quoniam ]**) nos emimus vinum, que sunt salm. CLXVI.
Utriusque salm. DCCXI^), quibus numeratis ana tarenis sex per sal-
mam, sunt in summa tareni * MDC minus IV ^).
Item exitus frumenti pro canonicis et familia per menses octo: pro
canonicis et &milia salm. LXXX, ana salm. X^) per mensem; pro castello
salm. Lllll®) ana salm. VI. per mensem; pro cleriois salm. XXXVIII; pro
campo salm. XXI et tum. V; pro layandar[ia] conventus salm. II; pro
foresteriis salm. I etc^; — salm. CC minus IV^?).
Remanent salm. LXXXIV*') de summa [salm. CCLXXX]^ quibus de-
l)eremus habere restitucionem ana tarenis VII. per salmam qui sunt in
summa tareni DLXXXVIII.
Ad dvitatem volo restitui iuxta Privilegium regis ßogerii.
De excommunicatis peto, ut satisfiat michi inde iuxta Privilegium
ecclesie.
De exactionibus faotis in Cephaludo et Pollina peto restitucionem, quia
facte sunt in preiudicium meum contra appellationem domini pape.
Peto castellum Cephaludi, ut de oetero') redditus ecclesie iuxta man-
datum domini pape ad opus ecclesie reserventur et ut pacifica gaudeam
possessione, qui ipsum habui, et ibi fuit frater Bogerius castellanus^) sta-
tutus per me.
Peto restitucionem omnium tenimentorum ecclesie, videlicet in Cepha-
ludo, in Capicio, in Syracusa, in Camerata, in Mistrecta, in Binseria, in
Senescalco, et decimam ovilium omnium animalium, que sunt in diocesi
mea de demania^) domini imperatoris.
Peto eciam restitutionem de Omnibus redditibus, quos receperant
eastellani Oephaludi a promocione mea usque nunc in dampnum et detri-
mentum ecclesie, sicut manifeste apparei*
Mense decembris XU. indictionis<^ notarius Henricus, imperialis no*
tarius, statutus procurator per dominum imperatorem in causa restitucionis
a) salm. D.miv., c. b) totum qum, c c) DCCCXL, c. (545 -f 166 = Tll).
d) XL, c 0) LIL, c. 0 80, c. et sunt? ») V., c. »•) LXXXXIV., c. Die richtige
Leftart 84 ergiebt sich aus p. S88, wo die Zahl ausgeschrieben ist. ') extero, c,
^) eapellanus c; oben S. nod castellaniiB. >) so c.
») 711 Salm zu 6 Tar. = 4866 Tar. ») S. o. 811. ») 1228 dec.
Bischof Harduin von Cefalu und sein Prozese. 313
domini veneiabilis Cephaludensis episoopi, petiit a me Bartholo libelium
michi porreotiun a prödioto domino episoopo, in qaibujB oontinebantar capi-
tiila restitacioiiis sae. Qaod oom eidem ftotario porrigerem» nolnit ipsnm
redpere, nisi dominus episcopns faoeret rennniiactonem soriptam manibus
suis» qnod non alia peteret, niai ea, qne in ipso libello oontinebantar, vel
si plnra vellet petere, adderet in libello ipso et preterea sno sigillo
äigillaret
Interrogatos itaqne dominns episoopns, ut addereti si qua vellet addere
in libello suo, respondit, quod nichil addere volebat.
Interrogatns, si volebat renunciare, respondit» quod renundabat et alia
non petebat lestitni contra dominum imperatorem^ nisi tantum ad ea» que
scripü erant in libello suo supradioto, scilioet secundo, in quo speeifioa-
bantur dampna et alia, que in libello primo obscure posita eranti qui
Ubellns primus notario Henrico ostensus non fuii
Super sigillando libello suo responditi quod non erat de iure, ut
ipsom sigillare deberet, maxime quia abrenuntiaoio sua scripta erat per
mannm publioam, et petebat, ut originale libelium^) penes me Bartholum
ioxta oonstitucionem ooncilii remaneret et exemplum darem eidem procura-
tori domini imperatoris«
Contra replioavit notarius supradictus, quod de iure sibi videbatur,
qood ipsum sigillara debebat, et super hoc petebat sentendam nostram.
Ex adverso dominus episoopus replioavit, quod de iure sigillare non
debebat, maxime quia libelium ipsum sigiUatum transmiserat domino Ousen-
tino archiepisoopo, qui ipsum michi Bartholo assignaverat sigillatum. Cum*
que sentendaliter dif&nirem, quod nee de iure nee de oonsuetudine erat,
qnod ipsum Hbellum idem dominus episoopus sigillare deberet, utraque pars
mee sentencie aoquievii
Dominus episoopus petiit a me Barfcholo, quod laioi non debeant
Interesse cause sue, nisi derici ydonei ad acta publica sufficientes.
Notarius Henricns proouxator domini imperatoris petiit habere derioos
et laioos ad consilium suum.
Nono decembris Xu. indictionis^) datns iiiit libellus domini episoopi
notario Henrico procuratori domini imperatoris, in quo continentnr capitula,
ad que idem episoopus restitui postulabat, et datus fnit terminus eidem
procuratori deoimo die deoembris eiusdem indictionis. Preterea petiit idem
dominus episoopus, ut diotus proourator prestaret cautionem de iudicato
aolvendo.
Notarius Henrious petiit habere terminum respondendi tam de restitu-
cione quam de caudone ipeo die dominico*).
Notarius Henricus respondit, quia non tenetur dare fidejussorem pro
parte domini imperatoris, tum quia ipse dominus Imperator ad restitudonem
ipeam &dendam propria et plena voluntate intendit^) et tum quia ipse
i^te potentie est, quod de restitudone, que de iure fuerit fadendum, non
est aliquatenus dubitandum.
A) 80 0. b) indidtnr, a
0 lflfl8 dec 9. >) 1228 dec. 10.
liMi«aiiiif«ii, Srfinsim|ibd. I. ^1
814 Wi nlcelm anp.
Com ego Bartholus super hoc vellem dare sentencianit dominus epis-
oopus noluit super hoo insistere, qoia in restitucione sua innititur auctoritate
domini pape et benignitate domini imperatoris et monitis ipsius domini
BarthoU.
Notarius Henrious. inoepit causam a prinoipio traotare, petens soire,
utrum^) dominus episoopus restituclonem petit a tempore, quo destitntum
se dicit, vel ante tempus ipsius destitucionis, et petit scire, a quo tem-
pore et quanto etiam tempore destitutum se dicit.
Dominus episoopus dicit: »Ego dioo super hoc et propono, sicut in
conspectu domini pape proposui et lioterarum suarum oontinencia demon-
stratur, quod, sicut ipsiuß auotöritas mandati resütudonem peto et restituen*
dus sum ad omnia iura mea et eodesie mee, que^) ante inqniaitionem vel
post per ipsum dominum imperatorem vel per suo« fui destitutu% yide-
licet a tempore promocionis mee septennio et amplius*), et ante, si qua iura
eodede mee fuerint subtracta, cum eoclesia utatur iure minoris, septennio
et ampHuB iam elapso, quod sum episcopus, cum semper^') ea postnlayimus
et fuimus destitutus tam per ipsum dominum imperatorem, quam per suos
ministeriales*.
Notarius Uenricus respondit, quod dominus imperator non tenetur
reepondere episoopo Cephaludi super hiis, de quibus se asserit destitutum,
antequam ipse dominus imperator veniret in regnum, quia si aliquibus foit
destitutus, dominus imperator non destituit eum nee mandavit ipeam
destitucionem fieri nee eciam ratam habuit dictus imperator. Di;icit eciam,
quod ipsa radone dominus imperator non tenetur sibi respondere de hiis,
de quibus post adventum suum se asserit destitutum, cum per iustioiam
plus petenti^^) suum debitum vacuetur^).
Dominus episoopus dicit, quod »cum domino Cusentino archiepiseopo
non 9 sit commissum, ut de aliqua causa cognoscat vel ut restituat me ad ea,
que viderit restituendum, immo ut moneret dominum imperatorem, ut me
restitueret, sicut viya voce promiserat domino pape, non video, quod ego
debeam super hiis, que peto, de iure meo et ecclesie mee amplius all^^are
vel in conspectu vestro, domine thesaurarie, amplius disputare. Verum si
dubitatur, quod ea, que peto, non sint de iure meo et ecclesie mee non
fuerint violenter et per potenciam laicalem subtracta, paratus sum pienam
fidem faoere, secundum quod feci in conspectu domini pape. Unde salva
gratia magistri Henrici procuratoris domini imperatoris non potest faoere
miehi iniuriam de me vocando contra sententiam domini pape, quia ei
faoeret, quod mandaret, ut me ad omnia iura mea et ecclesie mee plene
restitueret^), sicut littere domino imperatori ex parte domini pape modo
et alia vice transmisse') manifestius protestantur. *
Notarius Henricus respondit., quod non spectat ad episcopum inter-
pretari litteras domini pape super commissione facta Cusentino arohiepisoopo
a) ▼enim, c. b) go c. c) seraper, c. d) petendi, c. o) eingeschaltet:
Bora de iudicio, c. Ich vermuthe eine Randbemerkung: Nota d. i. 0 nee, c
8r) restituendum, c.
<) Damach ist Arduin nicht 1817, wie gewöhnlich angenommen wird, son-
dern etwa in der Mitte 1*216 ins Amt getreten.
*) Diese päpstlichen Schreiben sind nicht erhalten.
Biflcbof Harduis von Cefalu und sein ProzesB. 315
de restitiuaone soa. Hiis autem, propier que^) se dicit, se non debere
diflpatare ooram iadioe, respondit, quod oam dominus papa non mandaverit
ad alia ipsam restitoi, nisi ad ea, de quibus Imperator destitaiti eo salvo,
qaod in prima all^^ione oontinetar, qoia per iosticiam plus petenti^) etc.
Soper eo vero, quod dixit, dominum papam super hoc sentenciam pro[di]-
difise, dixit, quod nee audisset nee vidisset sentenciam. Set episcopus ita
credit n^otium ipsnm differre, ea^ que non sunt et probari non possunt,
pro suo arbitrio proponenda, super quibus petüt» ut eidem episoopo a iudioe
akuhm impcwtotur, quod similia non prosumat
Dominus episcopus dioit, quod interpretacio litterarum domine pape
non spectttt ad alium nisi ad dominum papam, qui fecit et misit litteras,
eom eins sit interpretari litteras [iuxta] canones, qui facit eas. »Unde
pamtofl sum recipere illam restitucionem, ad quam dominus Imperator Yult
resütuore de benignitate sua, et de plenitudine restitudonis quo ad
n<m indiget, volo habere recursum ad ipsum dominum
papam. ^
Dum igitur utraque pars super premissis sentenciam postularet, ego
Bartholus una cum domino L^) venerabili abbate sancti loannis de Heremitis,
aasessore meo, interlocuius sum, quod dominus episcopus non amisit sum-
mam tanÜ debiti, si forte plura pettit, quam debeatur^). Verum quia de
iure est, ut lix ista iam diminuatur interloquendo, pronuntio, ut utraque
pars dilationibus et inutilibus allegacionibus de cetero non vaoet, sed tan*
tum alleget super hiis, que necessaria sunt ad causam istam, videlicet ut
notarius Henricus respondeat, quod velit pro parte domini imperatoris
dondno episoopo restituere sine iudido, et quod etiam velit de ipsa restitu-
done deduoere in iudicium, et tunc plenius soiens^), potero difßnire» ad
qne restituenda teneatur dominus Imperator eidem domino episoopo et ad
que non. Super interpretacionibus litterarum domini pape fadendis et super
aliis ad presens non vidimus prooedendum.
»Ego Henricus notarius, procurator domini imperatoris, petii et adhuc
peto instanter a te domino Bartholo thesauiario et domini pape iudioe^)
delegato, ut des michi per sentenciam super allegatis, videlicet si dominus
imperator teneatur restituere Cephaludensi episoopo super aliis, nisi super
hüfl, de quibus ipsum destituit vel destitui mandavit vel suam destitu-
cionem ratam habuit.*
Verum quia notarius Henricus instanter petebat, ut super allegatis
predictis daretur sentencia, ego Bartholus una cum 1.^^) venerabili abbate
ifiuicti loannis de Heremitis, asaessore meo, interlooutus sum, quod domi-
nus imperator non tenetur restituere venerabiü Cephaludensi episoopo nisi
tantom ea, de quibus ipsum destituit vel per ministeriales suos destitui
mandavit vel latam deetitucionem habuit
XL decembris Xu. indiotionis^) post- datam sentenciam, que supra
scripta est, notarius Henricus incepit a principio petitionis sue respondere
Cephahidensi episoopo, dioens: quia dominus imperator non tenetur sibi
ft) quam, & b) petendi, c. c) F., c. d) debuitar, c. «) soire, c.
0 iudex, c. •) F.. o.
^) 1S2S dec. 11.
21^
316 Winkclmann.
respondere de vino suo, quod dicitur fuisse MXLL., maxime qoia ministe-
riales dicti domini imperatoris eundem butallerium'^) dimiserunt ad cuBto-
diendum ipsuin Yinum, quem ipse episcopud ibi statuerat. Verum si epis-
copus credit de vino ipso dominum imperatorem habuisse, fadat racionem
cum buocilerio^) auo, et si invenerit pro oerto, quod dominus imperator
de vino ipso habuerit, totum illud sibi restitui faciet, quantom inde in
veritate videbitur habuisse. Verum tamen volt ipse notarius Henricas, ut
in presentia sua raoio ipsa fiat.
Dominus episcopus dieit, quod non tenetur hüs omnibus respondere,
quia paratus est probare, quod omnia, que petiti amisit ex iniusta spolia-
done facta per dominum imperatorem, cum fuerit per eum in exilinm
relegatusy quia tarn officiales quam universi abiuraverunt sacramenta eidem
episcopo prestita et iuraverunt domino imperatori intendere et respondere
de omnibus quantitatibus ecclesie, et per ipsum dominum imperatorem
statuti sunt procuratores, qui bona eodesie pro voluntate sna dispensa-
verunt.
Bespondit notarius Henricus, quod, licet episcopus credat, se amiaisse,
quod didt, per spoliacionem factam sibi per dominum imperatorem^ asaerens
quod dominus imperator sibi tenetur exinde respondere pro eo, quod uni-
versi abiuraverunt sacramenta sibi facta, tamen dixit, quia buooellarius non
abiuravit sacramentum eodesie et d ecclesie servavit sacramentom, radonem
ecdesie episcopus ab eo potest et debet exigere rationem, sicut superius in
alia allegadone continetur.
Super capitulo vini utraque pars allegadonibus abrenunciavit et petiit
audire sentendam.
Dizit notarius Henricus de frumento, quod nee mandato domini impe-
ratoris nee violenter secretus Symon aocepit onram frumenti, sed cum ille,
qui antea custodierat fromentum, daves reddidisset conventui, ex tunc pre-
dictus secretus ad preces et voluntatem conventus primo in presentia quo-
rundam de canonids frumentum fuit misoiatnm^) et scriptum, et deinde
seoundum mensuram et scriptum recepit inde daves et expendit primo pro
utilitate ecclede, dcuti vidit expedire. Dizit autem idem notarius, quod
idem secretus paratus est exinde per filinm suum faoere radonem episcopo
supradicto, et d videbitur, quod pro domino imperatore aliquid dt expen-
sum preter debitas et statutas expensas castelli, fiet exinde restitado, dout
de iure foerit fiadendum.
»Dico ego episcopus, quod non debeo^) interease raciocinio prooura-
torum domini imperatoris, qui dispensatores fuerunt bonorum mecMmm
auctoritate ipdus, cum essem eiectus, quia ipse^) per me non fuerunt, immo
in preiadidum menm facte sunt et contra appellationem ad dominum papam
interpodtauL ünde iuxta mandatum domine pape irrite sunt et inanes,
et peto de omnibus restitucionem habere, salvis illis expensis neoeesarüs,
que facte sunt pro oonventu clerids et ministris domus, sicut hodie fiont
et fiebant, quando fiii destitutns, excepta iamilia mea, de quibus iam fed
maiorem extimationem, quam hodie non fit, de expensis, que Hunt. Yenun
ex quo placet vobis, ut audiam, denegare non possum; fiat volontas
a) 80 c ^) debet, c
*) N&mlich expense.
Bischof Hardum tos CefUn trnd sein Prozess. 317
vestn, ita tarnen, nt michi boh fiat preiadidom snper eo, qnod quloquid
&ctam est in preindiciiiin merun et contra appellaoionem ad dominum
papam interpositam, totom est irritom et inane et ad statom, in quo
enmt tempore appellacionis faote, sont reduoenda inxta tenorem litteraram
domini paspe.*
Diät notarins Henricus, qnod episcopns Oephalndi negare non debet
nee potest, quod^) ipse intersit radoni faciende de rebus, quibus se asserit
spoliatnm, cum iam incepit ipsam racionem audire, nee vidit, quod suflfi-
denter poesent yideri, que de iure sunt computanda^) in ezpensis et que
äecandum iusticiam sunt reddenda.
Dominus episoopus dicit, quod [per] snperiores allegationes manifeste
apparet, quod magister Henricus contra se diät, cum nuUum ratiodnium
foetom Sit cum eo de aliquibus rebus ab eo tempore, quo lix fhit inter
ipsam episoopum et magistrum Henricum* incepta. ünde huiusmodi alle«-
gado sua stare non potest, quia aliud didt et aliud in allegadonibus
eontinetur.
Didt Botarius Henrious, quod cum ipse oonetur venire ad certam cau-
aam, de qua agitnr, in eo apparet, quod episcopus non vult ad ipsam yenire,
com dicat se [non]^) incepisse, quod incepit et quod deberet indpere, si
edam non esset inoeptum, propter quod idem episoopus videtur velle delu-
dere ipeum notarium; set notarius Henricus didt expressim^) in sua alle-
gadone et petit, quod longius iudex delegatus, qui est domini pape, non
penmttat ipsum episcopnm vadllare, set d vult et petit restkudonem,
quam nsque modo quedvit, dt in curia et audiat tam radones, secundum
qnas restitui poterit, quam alias edam, per quas a petitione restitudonis
sibi erit rationabiliter desistendum. Etenim, licet dominus papa rogaverit
dominum imperatorem pro restitudone ipdus episcopi, tarnen non rogavit
pro oerta quantitate frumenti aut certa quantitate vini aut pro aliis rebus,
8et tantum, ut restitueretur. ünde si restitudonem vult, non de omnibus,
qae vult, restitudonem habebit, sed de hüs tantum, de quibus de iure
restitudonem debet habere. licet enim ipse episcopus omnia in sua peti-
eione, videlicet in libello porrecto, asserat contineri, non tamen credendum
est libello, set veritati, et non ipd notario nee alten parti credatur ex
toto, immo vetitas audiatur, et non credat®) se vidsse, qui vindtur, nee
secondum iuris ordinem petat restitui, quia ad hoc habet iudicem, ut
ipsins iustide restitudo cognoscatur. Sic certa causa ipsa iudice non egeret,
äiO omnia, que petit episcopus, sine iudicio redderentur.
%o Bartholus interlocutus sum, quod dominus episcopus super quanti-
tate frumenti [et] vini et super duabus vidandis canonicorum absendum,
qnas recepit Symon, probaret quod yellet, et produxit super hoc fratrem
loannem, Gonstantinum, loannem expenserium, Dionisium senescalcum et
Thomadnm dericum.
De somerioc) respondit notarius Henricus, quod episcopus iam rehabuit
äomerium, sed secundum quod eontinetur in litteris domini pape, restituere
aibi pro dampno aUud non tenetur dominus imperator de iure, nid quod
pretev appelladonem ad dominum papam interpodtam eidem pro destitu-
ft) quando, c b) gunt comp, sunt, c. e) Bon fehlt c. d) expresium, c.
*) credit, c. 0 »et, a c) aomero, c., weiterhin somerios.
glg Wi 11 k elmann.
cione saa ablatom fuit per ipsom dominum imperatorem ant de speciali
mandato sno.
De iarecentis tarenis, quos peüt contra oastellannm, respondetnr eidem
episcopo, qoia dominos Imperator a iudice vult audire, utram reddere teneatur
illos tarenos, qui pro maiori et meliori custodia castelli adiuncti sunt
cadtellano pro guerra Sarraoenorum et oomitis^) Armanni^), qui in eodem
castello in custodia tenetur, cum eciam dominus papa \elit, ut castra contra
Sarraoenos bene custodiantur et illa mazime, que vicina sunt ^i8. Etenim
nee ipsi tareni tanti sunt, quantos eos dioit episoopus ante diotoSy siout
iudex exinde scire poterit veritatem.
De paricbia conduota respondetur episcopo, quia racio ipBorum tare-
norum, quos inde petit episoopus, est in racione notarii Simonis quondam
secreti et per quatemiones eins videri potest, quomodo expendit eos pro
servicio eodesie.
De oentum tarenis, quos petit episoopus de venatione Polline, riespon*
detur eidem episoopo, quia abbas tarenos ipsos non habuit, set probet
episoopus exinde, quod de iure potest
De uncia, quam habuit oastellanus de Pollina, respondetur episoopo,
quia homines Polline non rogati neo ooacti dederunt ipsam unciam castel-
lano, et non repetitur de iure, quod sponte datur.
Eodem modo respondetnr epiacopo de oentum tarenis, quos secretum
Raymundum a decimariis Oephaludi asserit habuisse.
De mollendino Sillati, quod episoopo adbuo nihil umquam valuit,
respondetur idem, quia dominus imperator exinde aliquod non habuit, quod
de iure reddere teneatur; quare de peioracione ipsius probet episoopus,
quid "de iure potest.
De tarenis treoentis, quos de meroedibus petit contra Letum viee-
oomitem, respondetur episoopo, quia vioecomes ipse per conventum Itiit et
secundum consuetudinem civitatis Oephaludi nullus viceoomes oonsuevit de
meroedibus episoopo respondere nee eciam dominus imperator aut alias pro
eo racionem recepit a vioeoomite »upradicto, sed si episoopus a Lato pre-
dicto [vult] rationem recipere, cum idem per conventum prediotum fuerit
viceoomes pro conventu, ab eo recipiat racionem.
De dampno illato respondetur episoopo, quia dominus papa non man-
davit, ut ipse restitueretur nisi ad ea, de quibus se probare potest J'uis6e
institutum et postea^) exütit destitntus, et cum non sit licitum fonmun
liiterarum ipsius domini pape excedere, si iudex eam excedere non vult,
cum non debeat, super hoc episoopo de iure est silentium imponendum,
maxime quia episoopus maliciose illud petit, et per id, quod indebite petit
super sua restitucione, impedit, ne debita sibi restitudo fiat.
De expensis per episcopum factis, respondetur eidem, quod dominus
papa pluries vocavit eum et ideo, si eundo ad dominum papam feät ex-
pensas, pro se expendit et fecit, quod de iure facere tenebatur. Unde per indi-
eem videatur, si dominus imperator tenetur sibi expensas reddere supradictas.
a) oocti, c. 1>) preterea, o. «
') Ist 68 derselbe Graf Hermann , welcher sich während Friedrichs Aufent-
halt in Deutschland an Giitern des Erzbischoä von Messina vergriffen hat? Star-
rabba, DipL della cattedr. di Messina p« 6G.
Biflchof Hardnin von Cefalu und »ein Ptocphp. 81P
De navigio Bonuuno respondetar epiaoopo, quod in navigio ipso pro-
ditores domini imperatoris iuerinti et ideo, si dominiis imperator navigiom
ipsoni eapi feoit et homines, fecit quod debqit de proditoribiis gois et hiis,
qai venerant pro non modico dampno sao. Saper capitalo ipeo reeerrat sibi
dominus Imperator ins sanm, quod modo traotare non vult.
Super sexoentis tarenis de ecclesiis PoUoii et Golisani respondetar
epiaoopo, quod dominus imperator eodesias ipsas alicui non dedit nee ab-
aiolit nec^) habuit de proventibus illarum aliqaid, sicat iudex pleno poterit
eognOBoere Yoritatem.
De hÜBj que petit contra archiepisoopum Panormitanum et Biocardum
de Ourino^), reepondetur episoopo» siout de iure est, quia cum dominus
imperator non tenetur episoopo reddere nisi ea, qne sibi abstulit, siout
eciam in litteris domini pape nosoitur contineri, ea sibi nee abstulit nee
aafefri mandarit per aliqaos ministeriales suos, qui poasint mandatum oeten-
dere speciale.
nie dedmis Mistrette Oalatabuturi et Gratterie respondetur episoopo,
qaia dominus imperator ülas non habuit nee alius pro ipeo^ sed si epis-
oopos raeionem yoiuerit de aliquibus, qni deeimas ipsas teneant, plenam
habebit ezinde radonem» si nominaverit detemptores.
Ad civitatem credit^ eum pleno restitutum dominus imperator.
niii quoB ipee ezcommunicatos didt, volunt eidem episoopo satisfaoere,
aet ipee non Tult.
De exaotionibuB, quas in Cepbaludo et Pollina Aiisse dicit, exprimat
episcopusy si alias ibi ezaotiones fuisse novit, quia nesoiuntur alie fiiisse
ibi exactionee, nisi pro guerra Sanaoenorum sicut per totam Sidliam
generales').
De possessionibus, quas .sibi in Cepbaludo Capido Syracnsia Camerata
Kistreeta et aliis terris petit rettitui« respondetur ei, quia nunquam exinde
fiiit destitutusy quare aodpiat eas, ubicumque de iure ipsas sibi yiderit
pertineie.
De redditibus, qnos oastellani habuerunt, respondetar episoopo, quia
dominus imperator illos sibi non abetalit neo auferri mandavit per aliquos
Biinisleriales soos, qni possint ostendere speciale mandatum.
Petit notarios Henricus, ot in qaolibet capitulo, ubi necessarium iuerit,
sabintelligator clausula illa, quod episoopus se probet fuisse institutum et
per dominum imperatorem aut de spedali mandato sno fuisse postmodum
destitatum«
Saper radonem pecunie de septem millibus sexoentis sex tarenis respon-
detar episoopo, quod in radone secreti Simonis inveniuntur tareni mille
triginta Septem expensi tantum pro spedali utilitate ecclesie et trecenti et
octo tareni, qoibus episoopus oontradidt, inveniuntur in ratione ipdus,
qooram rertitudo per iudicem est videnda.
In radone abbatis Boeoadie inveniuntur atiliter pro eüdesia, sicut
probari potest^ expend tareni sexoenti sexaginta et de ratione ipdus in-
▼sniaBtar tareni «m»t"»^ triginta, restitndo quorum per iudicem est videnda.
DicH notarina Henrioni edam contra eundem episoopum, et probari,
•) non, c. b) Oarina, a c) heredit, c
^) Wohl lfl98, ab Friedridi den Kampf gegen die Sarracenen begann.
320 Winkelmaan.
81 neoease fueriti opere manifesto, quod in oartis ipsis, de quibua per ipsum
episcopom de quaternione abbatis [quedam] videntor abadsae^), sabprimaniar
de racione abbatis in dampnom domini imperatoris tareni oentom quin-
qnaginta tres, de quibns völt audire indioiiim.
Dicit notarios Henrioos, qnod babuit oastellanos a kalendis Septem-
bris XI. indictionis nsque per«totam annom pro oastello tarenos MMCC.
minus XUV., sie tamen de ipsis computantor pro anno preterito X. in-
dictionis tareni bisoentnm minus Y. et pro vino tareni GL., de qoibas, si
volaerit episoopos dioere aliquid , contra probabit bene castellanos, qui
eoiam ins statatam castelli non babuit plene.
De tarenis DLXXYI., qui oompcftantur pro libertate, dicit notarius
HenricuSy quod libertas illa generaliter acta fnit ä domino imperatore pro
facto Sanraoenomm, immo pro salute Sycilie et maxima utilitate omnium
Christianonim, nee vectorie barche et homines ad istas partes venissent»
nisi contra Sarraoenos cum rebus neoessariis dominus imperator multodens
Yocasset eosdem. ünde non videtur de inre^ quod dominus imperator
exinde respondere teneator episoopo, cum libertas fuerit generalis, cum
fuerit pro causa neoessaria Christianis, cum dominus imperator mandaverit
barchas suas et homines cum rebus opportunis in sucoursum venire Chri-
stianorum, et nisi homines ipsi libertatem habuissant, ad partes istas ali-
quatenus non venirent.
De quincentis^) tarenis, quos petit episoopus contra dominum impera-
torem pro canonids, respondet notarius Henricus, quod parati sunt pro-
bare canonici, quia habuerunt ipsos tarenos de communi voluntate oonven-
tus dericorum et laicorum Cephaludi et de illorum voluntate iverunt
Bomam.
Dicit edam notarius Henricus, quod babuit episoopus de ipsa radone
tarenos MMOCLIIL, quod est paratus probare. De dericis maioris ecolede,
qui habuerunt tarenos COC. minus X., si episoopus vult aliquid contradioere,
respondet sibi notarius Henricus, quod [d] supradiotub dominus imperator
eis ultnt statutum dedit et ultra, quam episoopus consueverit, pro servido
eoclesie illud fecit et ut divina of&da possint melius oelebrari. Unde per
iudicem videatur, si tenetur sibi dominus imporator de hiis respondere,
que ipd elend ultra consuetudinem habuerunt.
Item didt notarius Henricus, quod de ipsa radone habet frater epis-
oopi cum sodis suis, qui tenuerunt primo castellum, tarenos XII.; pro
reparanda tinotoria dederunt doanarii tarenos XXY.
Item didt idem notarius, quod servientes doane tenuenmt pro se, ut
asserunti tarenos CLXXX.
Item didt notarius Henricus de oastello, quod non tenetur dbi re-
spondere dominus imperator, cum dominus papa finierit questionem ipsam
per litteras snas, sicut bene probari poterit certis indiciis veritatis.
De duabus vidandis, quas secretum Simonem per duos menaes et
dimidium aseerit acoepisse, dicit notarius Henricus, quod per testimonium
senescald videbitur expensa de illis duabus vidandis et demum oognita
veritate, si iudex de iure viderit, faciet sibi reddi expensam ipsam.
a) abbatis videtur absiase, c. Vgl. 8. 8S2. b) So c
Bisehof Harduin TOn Cefidu und sein Prozese* 321
Ad peiicionem domini episoopi et voluntatem s^juun datoB Mt ei ter-
minus ,a quinto die ante . nativitatein domini nsque ad quartam dedmam
diem post nativitatem domini *). Die vero et termino statuto dominus
episoopos assignavit micbi Bartholo allegaciones snas, qoaram oontinancia
talis erat:
»Com sim pauper et in laboribus a luventute mea, exaltatus autem
ad modnm et sabito contarbatns, qoia transieront in me ire domini impera-
toris et terrores sui oontarbäyemnt me, iam attribalacione et dolore oontur-
bata snnt omnia ossa mea et defecit anima mea in salutari sao, dum binc
inde ab amicis et proximis meis sim penitns derelictas. Elegi igitor po-
dos oedere, qnam com domino in indidum introire, maxime cam ioxta
Terbnm pbilosopbi fdriosom sit com potente oertare.
Hal^ enim pre ocnüs illud capitulom * DXXU. Inferior >), ubi dici-
tor: Nnmqoid seryabitor^) secoris contra eum, qui secat in ea, aut exalta-
bitar serra contra eum, qui trahit eam? et illud apostoli'): 0 bomo, tu
qni eSy qui reepondeas domino? I^umquid dicit figmentum ei, qui se finxit,
quid me fecisti sie?. An non babet figulus luti potestatem ex eadem massa
faoere aliud quidem in bonorem aliud in oontumeliam? Hoc autem meonm
considero, bec diligenter actendo, et quod faoere debeam, prorsus ignoro,
maxime quia illud est in me adimple'tum, quod dicitur: Fratres mei elonga-
Tenmt a me et proximi quasi • alieni reoessernnt a me^). Ex omnibus
enim caris meis non est vir meoum nee de büs, qui utroque'iure micbi
tenentur, aliquis audet micbi assistere vel pro mea et ecclesie mee iustioia
ia iudicio stare. Imperitus siquidem sermone penitus et sdenoia, allega-
eionibus notarii Henrici, domini imperatoris procuratoris et advooati, me
insuffioientem reputo, tum quia mole magnitndinis imperalis me fortiter
premit, tum quia multa fortitudine ^egnm, quibus imperial! dogmate est
imbutusy mecum oontendit. Non minus igitur oonfidens de serenitate prin-
cipis, quam et de iure presnmens saluiari meo, cuius causa agitnr, devote
sapplioo, ut ipse, cui nuda sunt omnia et aperta, qui^) eciam protegebat
et oonfortabat i^)ostolum % dum iret a oonspectu concilii, * matremque miseri-
oordiarum, genitrioem dei virginem gloriosam, meam utique singularem et
unioam adiutricem, cuius obsequiis me preter merita dictavit optio filialis,
lacrimis expecto continuis, precibus insisto, ut respiciat causam meam, immo
snam et me in arto positum et in discrimine constitutum ad ecclesie mee
defensionem propidus tueatur et iuxta fidei et devodonis mee meritum ani-
nmm magnifid prindpis emoUiat, ut per auxilium grade sue, quod mea
peocata impediunt, eoclesiam et dignitatem eins, sicut immunem a culpa,
de liberam servare dignetur a pena. Sunt enim micbi lacrime mee panes
die ao nocte, dum in faciem exprobratur a cunctis, quod indignado oesaris
me et eocledam micbi commissam aspere sequitur, et durius iam pervenit,
set doleo, sicut dicitur, nocentis persone reatus ad innocentem redundare'^)
ecclesiam, et peccata, que nondum tulit, oompellitur luere et spolia solvere,
qne nunquam continetur rapuisse.
a) gloriabitiir, Jee. ^ cul (?) c. c) confortabatur apostolus, c 4) re-
dundat, c.
<) 1224 ian. 7. >) Jesaias X, 85. •) Paulus ad Rom. DL, 20.
«) Hiob XIX, 18.
322 Winkelmann.
Quid ergo faciam? Contendere com domino meo erubesoo; taoere peri-
oalom exümo, ne tadtamitas^) insticie diffidenciam et cause digpendipm
administrel Nam si homo esset similis michi passibilis, qui meoain oon-
tendit, starem pro caosa mea et ecclesie mee et osqae ad sangaineni
pro iusticia dimicarem; nunc autem non homo set super homines est,
qui me persequitur et offensi metuo non hominis set nominis iram.
Set quo fugiam a facie eius? A solis ortu usque ad oocasum, sicut
michi terribile, sio est laudabüe nomen^) eius. In hiis igitur et ciroa hec
de iure perplezus» quo me vertam et convertam^), prorsus ignoro, onm
verecnndum sit michi contendere et in iudioium cum domino servus intrare;
periculoBum cedere, ne michi dicatur: Servus es inutilis, nisi opposuisti te
murum [pro] domo Israel nee voluisti oonsurgere ex adverso^). An non
ooourrit michi illud o. XI. q. UI^: Nolite timere, in quo precipitur iuxta
verbum domini, [ut] non illos, qui corpus occidunt, animam vero non pos-
sunt ooddere, set illum, qui corpus et animam potest ponere in gehennam,
timere pocius debeamus.
Quid superest ergo, nisi ut intelligam causam meam iu sinu meo
toiam^X 4^^ ascribam peooatis adolesoentie mee, nichil habens de superis
cogitare, nichil contra dominos^) temere loqui. Plorauü itaque plorabo in
nocte deponamque canos meos ad inferos cum merore, quoniam expecta-
vimus requiem et non invenimus^, quesivimus paoem et eoee turbado.
Quapropter non parcam oculis meis nee diebus vite mee oonsoladonem
admittam, donec cum plenitudine grade principis eoclesiam michi oreditam
ad antique iibertatis Privilegium reformetur. Preterea coaotus et invitus,
immo enormiter instigatus et iniuriis tamquam absinthio inebriatus ioca-
turus aooeda Veniam peto, que michi ab auditoribus non negetur, et sin-
guli sperent proprium, quod a me proponitur in commune. Nam res toa
tunc agitur, paries cum proximus ardet^, et neglecta solent incendia sumere
vires, quia si hoc fuit in viridi, in arido quid fiet? Allegadonibus igitor
magistri Henrid, domini imperatoris procuratoris et advocoti, quibus me et
eoclesiam meam non de iure, set pro sua voluntate a restitudone sua
nititur vacuare, cum non opprobriis et iniuriis, set racionibus sit iu
huiusmodi causis ecclesiasticis litigandum, sie respondeo ego Aidoynus, hu*
milis et solo nomine dictus episcopus, quod gratum est michi, quod in sua
continetur allegadone, quod non libello, set veritati credatur. Quod sup-
plioo, ut diligenter notetis, quia sie volo, sie peto, ut veritati, que non
habet angulum, et non vanis et supersticiosis verbis credatur. Et ideo
cum iam oonstet et manifestum sit omnibus, me esse eieotnm eodesia et
bonis meis penitus spoliatum, de iure et cum veritate peto restitui et
plenam et integram restitucionem habere tarn pro me quam pro eoclesia
mea, sicut dominus papa decreverit in consistorio et ex officio suo me
restituit et ad universa me restituendum mandavit. Nee peto restitui ad
alia, nisi ad ea, que michi et ecclesie mee competunt, sicut didtur in [C] 11.
q. I. et n. et cap. L et ü. per totum, in extr. G[omp.] I. [lib.] IL titul. [IX.]
de restitudone spoliatorum et L I, I tituL de restitudone in integram.
ft) tadtumitatis, c. b) et laud. nomine, c. c) oonvertata, c. d) totum, c«
0) deofl, c 0 invenit, c.
1) Esech. XIII, 5. *) Matth. X, 28. •) Horat. ep. I, 18, 84.
Bischof Harduin von C^falu und sein ProzeRS. 828
C. I de minoribos. Minor. Qaod si minor. ^) S. Bestituoio et C. de tempori-
buä in integrum re. I. ultra et D. de quibus oausis restituuntur, siout
eeiam dominus papa per litteras snas domino imperatori et Tobis et aliis
tffiripsit et in litteris ipsis apparet. Nee dicat magister Henricus, quod non
rogavit dominus papa me restituendum ad vinum frumentum et alia michi
et eoclesie mee subtraota, cum dominus papa mandaverit me restituendum
ad universa et ea omnia. que michi de iure debentur et contra omnem
iusticiam michi et ecolesie mee per insecudonem et violenciam sunt sub*
tracta. sicut ipee littere manifestant, ubi dioitur ad omnia iura mea et
eoclesie mee et pleno. Nam plenitudo non indiget adieocione. Quod autem
pecunia vinum et viotualia et alia, que in libello continentur, et multa,
que sunt in scripto, sunt michi et eoclesie mee subtracta per dominum
impeiatorem et suos, iam ex maiori parte vobis sunt manifesta et ex oon-
fessione partis, sicut ipdus littere manifestant, missa^) puplioo et aliis et
per apodixas et radones eorum, qui per dominum imperatorem fuerunt pro-
Goratores eoclesie, immo dissipatores, manifestius apparet Unde da hiis
non sunt querendi testes, que sunt manifesta, nee sit ordo iudidarius ob-
äervandus in talibus, [de quibus] peto, quod fiat michi, quod de iure fieri
debet, sicut in Deor. [c. II] quest. I^) in capitulis [o. 15] Manifesta
[c. 16] Que Lotarius, etc. [Grat.] In manifestis etc. De manifestis etc.
[c. 17] De manifesta. Item constat vobis me fdisse deieotum et spolia-
tnm et ex oonfessione ipsius, qui me spoliavit, siout in litteris domini
pape et domini imperatoris oontinetur, et ea omnia, quecumque sunt ablate
michi et eoclesie mee, per cum de mandato suo fuerunt violenter subtracta.
Constat eciam iam in iudicio et per veram probacionem et per eos, qui
ministri fuerunt, que michi et eoclesie mee fuerunt ablata. ünde non
oportet, ut in iudido diudus contendamus, set fiat michi et eoclesie mee
rostitndo, sicut debet iuxta mandatum domini pape et eciam sentenciam
Testram et mandatum ipdus domini imperatoris diu^) transmissum, in quo
Bulla debet esse oontemptio. De somerio, de quo habui restitucionem,
dico, quod dampnum michi et eodesie mee proveniens de iure peto ab eo
tempore, quo somerius michi et ecelesie mee fuit violenter ablatus. Nam
is dampnum dat, qui iubet dare ut D. de regulis iuris. Is dampum dat,
et lib. Hoc «iure et 8 I et 8 ad legem Aquiliam^) Liber homo>). Item
qai occasionem dampni dat, dampnum dedisse videtur, sicut ^) [c 9.C.] XXIII.
qiLV. Cum homo; D. ad legem Aquiliam^). Qui oocidit^) 8 penult: et 8 ad
1. Comel. de sicar.^ Nichil interest^). Unde cum explicacione mea tam
de somerio quam de aliis rebus ego et eoclesia sit enormiter lesa, recom-
pensadonem dampni de iure debemus habere et non simpliciter, ut [o. 7] XII.
quest n. In antiquis, [o. 8] In legibus.
De COCLXYUI. tarenis, quos habuit castellanus Bahel?) preter illud,
quod redpiebat antea^) de mandato domini imperatoris, dico quod de iure
a) missas, c b) etc., c. c) dum. ^) Aquilonis, a «) aut c. ') pycar.. (•
K) Oben 8. COS Jahel. '0 ana, c. =r antea?
')? = !. 24 (quod si minor) D. de minoribns 4, 4.
>) 1. 18 (liber homo) D. ad L Aquil. 9, 2.
*) L 80 (qui occ.) S 3 D. ad 1. Aquil. 9, 2.
«) 1. 15 (nichil L) D. ad L Com. de de 4S, 8.
324 Winkelmann.
repetOy quia violenter sabtracta sunt michi et ecclesie et ex seHtencia vestra
nobis est adiudicatiuny ut omnia nobis rebtitaantur, qae a domino impera-
tore et ministerialibas suis sunt subtracta, sive ratam habuit destita-
cionem meam.
Qnod autem de mandato suo michi et eoolesie mee ea, que peto, sunt
ablata, per litteras suas manifeste apparet et per vivas voces, si non timent
veritatem dioere, vobis potest id manifeste constare. Quoniam vero<^) iania
vestigium^) et oonfessio partis omnia reddant notoria et manifesta, de ipsis
eciam tarenis non debet esse * neoessario, cum idem dominus imperator
me mandaverit ad onmia, que idem oastellanus michi abstulit» per litteras
suas restituendum, sicut in ipsis litteris plenius continetur, quas habuit
idem castellanus puplicas^) et secretus similiter.
De tarenis panche dico, quia sive illos sive alios, quos habuit notarius
Simon et alii procuratores de redditibus eoolesie, reddere tenentur, et ipsos
habere debeo, et cum iam facta sit taxacio^) et oomputate sint expense
necessarie, de ipsis et aliis residuis peto restitucionem, licet et alios habere
debeam, tamquam que in meum et ecclesie mee preiudidum contra appeUa-
cionem ad dominum papam interpositam temere sunt dietracta, et ea omnia
sunt reducenda ad statum tam appellacionis quam violencie perpetrate, ut
dicitur in utraque parte Extr. C[omp.]^) I, [lib.] II, tit [IX] de restita-
cione spoliatorum c 1 [Sollicite] et c [4] Audita.
De venacione Polline dico, quod promptus sum probare, quod de man-
dato abbatis, qui procurator erat per dominum imperatorem in ecclesia mea,
fiiit vaetata^ pariter et destructa. ünde tam in preterito quam in pre»
senti anno dampnum inde recepi de centum tarenis et amplius» cum ex ea
nichil haberi potuerit. ünde super dictis racionibus volo et peto restita-
cionem iUati dampni.
De uncia, quam castellanus Polline ^ extorsit a pastore ovium ecclesie,
ipsam repeto, quia in dampnum meum et ecclesie fiiit extorta, non oblata.
Nam cum idem castellanus oves ecclesie dederit ad cabellam pro CCCC. et
postmodum plus inde haberi potuerit, per fraudem et dolum extorsit ab eo,
qui eas receperat, unoiam unam auri. ünde et ipsam unciam peto de iure
et restitucionem dampni, quia ipse, qui reoepit, de dolo est condempnandus
et tamquam infamis puniendus, ut § de hiis, qui infamia notantnr C. I.
niud idem dico de tarenis C extortis per secretnm a deci-
mariis propter racionemi decime, quos ab eis recepit, sicut manifeste asseritur
per quatemos eorum, quos accepit idem secretus, quando ipsam racionem
decime ab eis recepit, et eos in caroerem posuit et sie, ipsis tarenis reoeptis,
eos liberavit^ et' omnes raciones eorum detinuit, quas nee habere potni nee
videre, ut scirem ipsius decime racionem.
De molendino Sillati dico, quod ipsum feci preparari et molas in eo
fieri et per baiulos domini imperatoris, qui sunt Galatabuturi, in destita-
cione mea fuit destructum, et molas abstulerunt et posuerunt in molen-
dinis domini imperatoris, sicut notum est et apparet manifeste, cum adhno
ipsas moles detinent violenter in molendinis domini imperatoris. ünde com
longe melius sit et semper melius fiierit quam aliquid de molendinis do-
a) quam vir, a b) go, c «) puplicus, o. d) tacio, a o) L. o. 0 ve-
üata, c. ff) Phaet, c.
Bischof Hardnin von Ceinlu und sein lE^rozesR. 325
mini imperatoria, extiment dampnom ipräa» melius^) quam potui, et cum
ex eo ad minus habere debeam, qnantum reddit unom de molendinis
Tieinis.
De meicedibus, quas Letos habuit, qai qer secretom faotas est baiulus
Gephaladi, dioo qnod eas peto de iure tamqoam dominoa et episcopus civi-
tatis, et cai oompetant omnes proventas et iura civitatis, com per me non
fnerit institatus, immo ipsom mandavimus tamqnam exoommunicatum vitan-
dom, anteqoam esset baiulus, et si quid factum est de eo, totum irritum
est et inane iuxta mandatum domini pape et contra appellaoionem ad eum
interpositam et in meum iudicium innovatum, sive per secretum sive per
alium factum fuerii Unde velud a scismatico omnia facta sunt irritanda,
sieat per multa argumenta utriusque iuris potest probari ut I. quest. YI.
Diabolieum^ et in Ext. [Comp. IJ 1. V. tit [T] de heretids et [YII] scis-
matids I et II et [c 37. C.J XIL q. II. alienaciones. Nee prodest, quod
didt^) notarius Henricus ipsum Letum per conventum in ijwa baiulacione
statutum, cum nichil ad conventum de baiulo et aliis puplids offidis sta-
toendis [pertineat], et si per eos eciam fuisset, non valet contra appella-
donem, et tamquam qui faotus est ab eis, qui potestatem non habent Nam
pro non dato habeatur ab illo, qui potestatem non habet, ut in Extra.
C[omp.]<) L [L] m tit [XXXIIL] de iure patronatus [c. 6.] Ex diligenti,
et pro non aooepto habeatur, quod aooipitur ab illo, qui acdpere non potest
Set esto, quod oonventus oonsensent forte, vel vis vel metus adhuc eos
induxit» sient £M3tum fuit de bulla ecdesie, quod maius fuit ünde sunt
in hoc excusabiles, quia in eis metus et coactio cecidit violenta, que eos
excusat» nam percusso pastore ipsi timebant perouti. ünde quidquid fac-
tum est, irritum esse debet, quia latenter et per vim fuit introductus, nee
aliquam debet raoionem persistere, ut de hiis qui in * metusque causa
qnesta sunt l. I et II. Et metum, et in Extr. 1. I, tit eodem C. II et
[Comp. I. Hb.] V. tit [XXXVII.] de regulis iuris [c 4] Quod latenter;
et [C] XY. q^. YI fere per totum. Nee est verum, quod^) didt, quia
qaiequid de meroedibus redpitur, totum debet baiulus expendere in utilitatibus
episcopi et eedede, et quicquid vult episcopus, ei dimittit, et quicquid vult,
aodpi^ com vicarius eins sit in causis et iuret ipsam baiuladonem ad com-
modum ipdns episcopi fideliter exercere, et si quod dimittit, de gracia
ftMsit, et quia tiüe est beneficium, quod totum episcopo debetur, semper
committebatur ad nutum episcopi sive consanguineis sive domestids suis,
qaos iamiliarius diligebat Set ecoe conventus inficiatur, quod per eos
nonquam fuit institutus, immo secretus eum presentavit eis, quia per
dominum imperatorem statutus erat Unde dixit^'), quod sive nollent sive
▼ellent, spondebat, quod esset baiulus, quia sie precepit dominus imperator,
et sie exeronit baiulacionem.
De dampno michi et ecclesie mee ex iniusta spoliadone illato dico,.
quod ipsum peto di iure ut [C] 11. qu. II in primis öloriosns 0»
nee prodest, quod didt notarius Henricus, quod dominus papa non man-
davit me restituendum nisi ad ea, que probiu« potero me fuisse institutum,
Gom non agatnr modo de legitima institucione, set de violenta eiectione.
») minus, a b) dictu«, a c) L., c. d) que, c. «) dixi, c. 0 comiciot, c.
leb ▼eretehe das ganze Citat nic)it
326 Winkelmann.
cum violenter predatas*) sit restituendus, at in Extr. [Comp. I] 1. n.
tit. [([XJ de restitucione spoliatoram [o. 5] In litteris, quamvis hodie et
semper probare pos8em, qaod legitimam habuerim et habeo institacionem,
sicat 8U0 looo et tempore apparebit et apparet hodie, et de hiis, que peto,
competit restitacio michi et eoclesie mee. Unde cam ipse petat et hoc
idem peto, ut fines mandati apostolici observetis neo excedatis, et quia,
sicut apparet, vanis et superfluis figmentis mandatum apostolicam nititar
eludere et nichil proponit de iure, set pro sua voluntate, sicat in sao sensu
abundat, oontendit, non debetis sostinere, com non petam, nisi qaod iusticia
continet et de iare debetur ioxtaverba mandati apostolici, ut pleno restitoator
et ad universa, sicut prime, secunde et posteriores littere domini pape
iniungunt^).
De expensis sicat in peücione mea continetar, ilias expensas repeto
modo, sal^is illis, quas feci eundo Romam, qoia^) me et eoclesiam meam
sine causa cepit de sais radonibus molestore, inqoisiciones faoere [et] deetitu^
ciones, et tarn canonicos quam clerioos et burgenses pro saa yoluntate cum
expensis eoclesie vocat Messanam^), et quas feci, postquam appellavi, et fuit
causa mea per dominum papam absoluta et dolose fai fatigatus, sicat sum
i^sque hodie pro restitucione mea habenda, quam nondnm habeo; dioo qaod
ip^as expensas peto de iure, tamquam coi de iure competunt, quia iam
manifeste apparet, quod malitiose fuerim fatigatus, et dolus fdit, si audeo
dteere, in mea destitucione. Unde tamquam oppressus ad sedem apostoli-
cam convolavi, non pro alia causa nisi propter meam et eoclesie mee
oppressionem, ut [c. 8. C] IL q. VI. Omuis oppressus; [c. 4] Quisqais^)
vestram; [c. 6] Ad Bomanam; [c. 10] Ideo. Unde dioo, quod puniendi
sunt in ipsis expensis restitaendis ut in Extr. [Comp. IJ 1. II. tit [X] de
dolo et contun^acia alterias punienda, [c. 2] Ex litteris; 1. I. tii U. de
rescriptis et interpretationibus, [c. 2] Ceteram, et 1. 11. [Cod.] tit. de ap-
pelladonibus et consaltacionibus^) [YII, 62], et C. I. X de sumptuum re-
cuperacione. Nee prodest notario Henrico, quod dicit me vocatum a domtno
papa, quia nunquam fui vocatus, set probet^ super hoc, quicquid vult. Set
esto, quod fuissem vocatus tunc yel ivissem vel procuratorem cum modicis
saroptibus misissem, alioquin quid 8) ad eum, si cause mee detrimentam
sustinerem, quamvis ex quo fui eiectus et spoHatus, etiam si vocatas essem,
primo non ^ tenebor ire nee mittere, ut [c 4. C. | II. In scripturis vestris,
[c 5] NuUus, et [c. 2. C] III. q. I. Episcopi'') si a propriis sedibus, et
[c. 8. C. in.] q. II. Si episoopus.
De navigio Pactanorumi) et Bomanorum dico, qaod ipsum de iure
peto, tamquam cui debentur omnia bona malefactoram, qui in civitate
fuerint in quocumque malefido deprehensi, sive proditores sive alii fuerint,
sicut ab antiquo obtinuit ecclesia mea. Nam cum in malefioio aUqoi de-
prehendiintur, ab ecclesia de causa cognoscitur, sive fderit criminalis sive
a) violentus predo, c *>) imiunt, c. c) qnas, c. d) 80 c. Si quis Friedb.
0) app. Kephensibit (?) c. Oder ist Comp. I IIb. U tit. XX. de appell. et rectiga-
tionibus gemeint? 0 probet? k) quod, c. *•) Episcopo, c. *) Pftitanornm (?), c.
^) Wohl bei Friedrichs Aufenthalt in Messina im Herbste 1822, da der
Kaiser von dort aus (die gegen den Bischof klagenden) Domherren von Cefalu
dem Papste emp&hL Winkelmann, Acta I, 288«
Bischof Harduin von Cefalii und sein Prozetw. 327
cmiia, et si tale faerit commissam, quod de persona puniri debeat» ad
ouriam regiam mitiitar, bonis eiua omnibas fisoo eoclesie devolutis. Nam
omnia iura regia per Privilegium domini regis Bogerii eoclesie sunt ooilata.
Unde si, sioat dicit notariuä Henrioos» malefactores faerint, que sunt dei
deo et qae sunt oeaaris oesari, recta diBtribadone debentor, sdlioet at de
eorporibos indioet curia regia et bona ad fiscum^) eoclesie devolvantor.
Qaamobiem^) oompetit michi eoiam ipsom navigiom, com ab ipsis Bomanis
captos fnerim^ in Urbe et oportaerit me liberare de mamboa eorom pro
deoem nncüs aori, sicut notum est domino pape et aliia de curia, et ab
inimieis et emnlis potest^) saper hoc vobis de veritate oonstare.
De eoclesüs Polidi et Golosani dioo, qaod Petras Grassas [et] lohannes
de Sincosia ipsas eoclesias per dominom imperatorem tenuerant et ceperant^
ita qood cam Petrus Grassas ezoomanicatas mortaas faerat, alii vero lo-
hannes de Synicasia et lohannes de Geracio in ipsis eoclesüs sunt per dominum
imperatorem, sicut iam oonstat vobis ex oonfessione lohannis da GfötMsio et pleno
potest per litteras, qoas pro eis misit dominus imperator et searetus Panormi, ut
de ipsis eccleaüs non molestarentur*'). Unde in contemptum dei et ecdesie» com
sint exeomunicati, suis peecatis exigentibus, ipsis eoolesiis administrant et cum
onos eorom traditus Satane mortnus faerit, exoomunicatus fuit tradit as sepoloro
propter minas et terrores, quibns instabant ^) fiiuiores et complices sui, sicat
potest in veritate oonstare. Unde dico, quod puniendi sunt et abidendi tamquam
invasoree reram eoclesiasticaram, et michi et eoclesie mee satidfaoiendum
est non aimplidter, set cum multiplicacione, ut [c. 1. C.] XU. q. II. Qui
Christi^) pecanias, [o. 4| Quicumqae, [c 5] Predia, [c. 6J Qui abstulit, [a 7]
In antiquis^), [a 8] Cum devotissimam, [c 10] In legibus et [c. 58 C]
XYL q. L Simititer, [c 59] Qaia in extremis et [a 12 C. XVX] q. TU.
Si qois deinoeps, [c 13] Quoniam investituras, [c. 14] Si quis episoopus,
[c 16] Si quis clerious, [c. 17] Constituciones, [c. 18] Nullus, [c 19]
Sicat>), [c 21] Per laicos, [c. 23] Non plaeuit, [o. 24] Laicis, [c. 25] Si
qais prindpiom, et [e. 1. C] XYII. q. IV. Quicumqae, [c. 2] Bacio, [c. 3]
Sant^) qai opes, fc 4] Sagrtlegium, [c. 5] Omnes et iu £xtr. [Comp. I\.
I. in tit [XL] de rebus ecclesie alienandis vel non, [c 2] Qui^) res.
De hüs, que michi et eoclesie mee abstulerant Panormitanos archi-
epiacopos et Biccardus de Carinti tunc castellanos Cephaludi, peto restitu*
donem iuxta teuerem iitterarum domini pape et seeundum sentenciam
restram, quia Panormitanos archiepiscopus preses erat tunc provinde SjcilLe,
et Biocardas de Carino statatus per dominum imperatorem castellanus, et
tamqoam ministri ipsius et de mandato ipsius in maiori parte ea, que
miebi et eoclesie mee abstalerunt, sicut per litteras suas et vivas voces
vobis poterit de veritate oonstare; et ad ipsum dominum imperatorem
clanuivi pro ablatis et illatis michi et ecclesie mee, sicut hodie olamo, uec
fait midii in aliquo satisfactam. Unde, si com venia audeo dioere, ipsoram
psrversitatibus visus est tacitum adhibere consensum, cum possit videri
colpabile, ac tadtas adhibetur oonsensus, si malum impune permittitur,
com valeat emendari, nam negligere, cum possis perturbare perverses,
&) eiua, c b) quamvis, c. c) fuerit, c. d) podus, c e) moleataverunt, c.
0 inoonobant, c *) Quod y, c. >>) antiqua, c. <) Nulle aint, c. ^) aicut, c
1) Quod, c
32J^ Winkelmann.
nichil est aliud quam vovere, ut [c. 55. C] II q. YII. Negligere, et
[c. 100. C] XI. q. m. Qui consentit, et [c. 8. C] XHII. q. DI. Qui
potest, et [c 8. C. XXIIL] q. IUI*) A naalis recedere, et [c 12. C. XXUI.]
q. Vm. Preterea, et [c. 3 — 5] Di. LXXXIIL Error, Quid enim, Consentire,
et LXXXVL Culpami), et [c. 4. C] XVII. q. IH Omnes.
De deoimis Mistrette, Calatabuturi, Gratterii, qaas idem dominus im-
' perator debet dare michi et ecclesie mee de demanio et baiulacione ipsarum
terrarum, dioo quod eas nou habui, quia habere non potui a baiulis suis;
unde ab eo tamquam a debitore requiro, sicut michi et eociesie mee de
iure debeutur, et maxime cum ipse dominus imperator hoc statuerit in
curia Capue sollempniter celebrata.') Nam cum multociens eas postulaverim,
habere non possum a baiulis domini imperatoris, set detinuerunt et deti-
nent pro sua voluntate, sicut. noyistis de decima Gratterii. ünde eas peto
tam in pecunia quam in victualibus et animalibus, sicut eas consoevit
ecclesia habere tempore regis Willelmi^), maxime cum sine gravi peocato
detineri non possunt, ut XVI. q. II. c Auctoritate*), [a 3. C. XVI. qu. 2]
c. Precipimus, [C. 5] Nam qui^) et [c. 6. C. XVI.] q. VH. Decimas; [?]
Quecumque, [c 5. C. XVI. qu. 7] Omnes decime, et in Eztr. [Comp. L]
1. III. tit. [XXVI] de deoimis et primiciis fere in omnibus capitulis.
Ad ciyitatem Gephaludi peto plene restitui iuxta Privilegium domini
ßogerii regis cum omni dominio et iure canonioo et mundano, nichil alicui
reservato, ut padfioe et potestative cuncta possim disponere ad honorem
ecclesie et ipsius domini imperatoris et salutem et pacem populi michi
crediti, et fructus perceptos pendentes et futuros habeam, ut [c. 1. C. IL]
q. II. Antiquitus, et [c. 7. C] III q. II. Tamdiu, [c. 8] Si episoopus suis.
Nee dicat, quod credit me restitutum, quia si credit, omnia credenti sunt
posdbilia, nam manifestum est, quod, tunquam si non essem, sum in civi-
tAte, exoepto quod tamquam sacerdos et alienus commedo^) panem meom
in dolore, dum cotidie michi iniurie inferantur non solum a laicis, verum
eciam a clerids, et si aliquando instioiam peto, statim improperatur michi,
quod istud sit pro eo, quod forent pro parte domini imperatoris, nee iudices
vel baiulus audeant malefactores ipsos cogere timore, quia oon^^uut ad
patrocinium domini imperatoris. Unde sie sum restitutus, quod ootidie
impugnatur episoopus velut advena et omnia negocia publica per baiolos
et quoscumque ministros non solum domini imperatoris, verum eciam seoreti,
quantum placet et quando übet, propria voluntate et arbitrio, me inacio
et inreqnisito, disponuntur, sicut fecit pridie notarius Henricus, qui iudioium
vocavit pro sua voluntate et cognoscebat de causis, cum nullum ostenderet
ex parte domini imperatoris mandatum. ünde in temporalibus et spiri-
tualibus non solum auctoritas ecclesie est prorsus evacuata, verum et
auctoritas papalis vilescit, libertas tota violata est et confusa et omnia iura
ecclesie sie penitus subtrahuntur, quod solam nomen^) nobis relinquitur,
a) III, c l>) quioqnid, c c) commendo, c d) nomine, c
1) ? = L 86 (culpa) D. de div. reg. iuris 50, 17.
*) 1220 dec Es ist Const. I tit. 7 gemeint, dessen Ursprungszeit hierdurch
sichergestellt wird.
*) Die Zeit König Wilhelms ist eben in dem erwähnten G^etze als Norm
fQr die Zahlung des Zehnten hingestellt
*} ? SS 0. 2 CXV. qu. 6 Auctoritatem.
Bischof HardTDun von Gefidu und sein Prozess. 329
dun quilibet in dvitate snos exeroeat potentatos nee videantor illi, qni
ntroqoe iure tenentor eodesie, secondum ius obedire, nisi quod eis videtor,
Bon de ncione, sei pro volantate potios expedire. Ut vere illud sit in
nie adimpletnm, quod didtar: Popolus iste labüs me honoiat, cor autem
eonun longo a me est^).
*)I>e excommnniee^ aic dixi et dioo, quod oom ipsis sxna cnlpis
aigentibns aint exoommonioati et' ob £ftyorem et graciam domini impeia-
toris, qnam proponnnt ae habere, nolint satisfaoere, immo contnmaciter
oo&tempnant aentenoiam eoclesie, fiat inde, quod fieri debet» et inzta Privi-
legium eodesie et quod est de iure, Tidelicet bona eomm infiacentnr et
penone tamdia in caroere mandpentar, donec aatisfaciant. luzta legem
domini imperatoris sabiadunt banno imperiaü, a quo non debent extrahi
nisi benefido ab eccleeia absolodonis obtento'), oom non solom per XL.
dies, set per annnm et amplins sunt ezcommonioftti. Et com eocleda non posait
seatendam soam exeqm, peto ut dominoa imperator poteatate sibi tradita
Ädat, nt [c. 18. C] XXIII.*») q. V. Non frustra, [a 20] Prindpes seculi,
[a 21] Res onmes, [c 22] Incestaod, [c. 23] Begom offidom, [c. 39]
Sunt qaedam<^X [c- 43] De Liguriis«), et [c 20. C] XVH. q. lY. Si quis
eontomax. Nee prodest, quod didtor, quod volant satis&oere, quod non
est yerum, immo pertinadter et obstinate in ezöommunicadone persistunt,
qood fli Yellent satisfiMwre, paratns essem eos recipere, sicut debeo, iuzta
eanonicas aanctiones, dummodo non sit tale genus exoommunicadonis, cuius
abaoludo sit sedi apostolioe reservata, et in eis signa penitudinis appareant
Cuius enim iuste penitudinis nolo materiam amputare, unde preoedit satis-
&ctio ^absoludonem. Nee oonfundant opera sermonem, set sie peniteant,
at mala preterita phmgere Tideantur et plangenda iterum non committan-
tur. Irriaor est enim et non penitens, qui adhue agit» quod penitet, nee
Tidetur dominum posoere subditns, set potius subsannare^) superbus. Canis
reYersus ad vomitum est penitens ad peecatum, ut [C. XXTTT. qu. 8] De
penit. dis. lY per totum. Qualiter autem debeat reeonciliari et reeipi,
babetur in [c. 108. C] XL q. III. Cum aliquis. Est in hoe Yobis Signum,
qualiter resütutus sum ad dominium eiyitatis, quod de hiis, que ad spiri-
tualia pertinent, nullam habeo eoerdonem tam in derids quam in laids
iuzta canonieas sanctiones. Unde data materia, ut omnia soelera et male-
ficia pullulent in dvitate, deut vidistis pridie de^Tanciedo et Johanne de
Kioolao textore.
De exactionibus faotis in dvitate, et que -fiunt hodie ab hominibus et
prediisO eoelede, dioo, quod eas iuste et radonabiliter peto, quia eoclesia
t^) In den Text ist hier die ursprüngUehe Bandbemerkung: Hoe de exoom-
municatis, gerathen. b) XL, a c) quidem, e. d) Lignribus, Friedb. e) sub-
straere snbsann., c. 0 f- 274 der Pariser Absehrift ist unbesdirieben bis auf
ei&e Bemerkung, dass Errieo Piraino Baron von Mandratina das Original des
Diploms Friedrichs 11. — es wird das von 1215 sept. gemeint sein — im Gathedral-
archive zu CeMn collationirt habe. Ich konnte 1877 das Original dort nicht finden.
<) Matth. XY, 8.
*) Unter den Constitationen findet sich kein bezügliches Gesetz. Das Citat ist
aber wOrÜieh den Erönungsgeseteen Friedrichs 11. von 1220 nov. entnommen:
Hnill Br6h. ü, 4.
Mittheilimgeii, ErgAnzungfbd. I. 22
330 Winkelmann.
est in hoc enormiter lesa, neo debueront fieri in hominibas et ienimentis
ecclesie contra canonicas sanctiones et legitimas institationes et ab ipso
domino imperatore promolgatas et edam contra Privilegium eodesie a do-
mino rege Bogerio indoltom, com in boc precipae sit emunitas ecclesie
yiolata, nee deboit fieri in terris ecclesie sicut in aliis, com alie sint de
demanio imperiali et civitas Cephaladi sit demanium salyatoris et soli deo
subiecta, ab omni inquietitndine et servicio secolari prorsus exempta. Kam
com ipsa ecclesia, bomines et bona eins extra munera et sordida servioia
esse debeant, contrario accidit, qnia coacta est com hominibas et bonifl suis
ad calcem coqnendam et ad alia onmia sordida servicia, '*' mains edam
qnoniam^) alie de demanio ad angarias et perangarias, a quibus onmibus
debait penitos esse immtmis, ut [c. 69. C.} XII. q. U. Ecclesianimy et C.
[XL cod. I, 2] de sacrosanctis ecclesiis. Neminem, et [a 26. C. XYU.
qu. 4] C. de episcopis et dericis. Omnes presbiteri b), et XYI. q. L §.
Noyarum. C. Placet. et [c. 24. C] XXIII. q. VIII. Secandum, et in Extr.
[Com'p.]<^) I [lib.] 1. III. tii [XXXIIIL] de censibos et exactionibns, [c. 1]
Sancitom est, et tit. [XXXYI] de immonitate ecclesie, [& 4] Non minus.
Nee alleget^) magister Henricus necessitatem Sarracenorum, cum etsi tanta
foisset necessitas, quod sine bonis ecclesie non potuisset relevari, non debet
fieri in terris ecclesie Romano pontifice inconsulto, iuxta constitocionem
condlii generalis^), yel ad minus cum oonsilio meo. XJnde quia contra
canones &cte sunt, per canones dissolvi merentur, maxime cum ibi Teren-
dum sit®) periculum animarum et pena violacionis sit statuta, que abaque
satisfactione relaxari non potest, cum sit canon late sentencie [a 5. C]
XVII. q. 4. Omnes ecclesie raptores, [c. 7] Si quis in atrio*), [a 20]
Quisquis^) contumax, [c. 22] Quisquis deinceps de patrum^). Et ne forte
vehementer expressa noceant, si sine meo et ecclesie mee preiudido possum
dicere, non credatur, quod hec velimus in christianissimum prindpem solum-
modo retorquere et causam iniurie mee et ecclesie ei totaliter imputare,
quod absit, ut in hoc velimus eins innocendam^) aoousare. Nichil ego
credo, quod princeps catholicus in hoc forte peccavit, nichil ex se contra
dominum presumpsit, nisi quod ex pravis persuasionibus, sicut gracia
serenitatis sue, pro dolor, et immerito offuscavit^), sie per litberas suas'). et
per ministeriiües suos auctoritate litterarum et mandatorum suorum in pre-
dictis exactionibus ecdesia et bona sna sunt enormiter lesa.
De possessionibus ablatis in Cephaludo Capicio Sjracusia Mistrecta et
Senescalco dico, quod a baiulo et ministris domini impetatoris sunt ablata
et detinentur cum fructibus, unde non possum ea acdpere, sicut didt
notarius Henricus, nisi de mandato imperiali, quia non esset, qui dimitteret,
cum de hiis, que habet ecdesia in Cephaludo, iniuria nobia et ecclesie
violencia inferatur, ut merito iusticie ecclesie se opponant domestici, vids-
sim se obiciant alieni.
De redditibus ecdesie, quos castellani Cephaludi habuerunt, dico quod
eos peto de iure, qui de mandato domini imperatoris violenter sunt michi
a) magis etiam quam? b) presbiteros, c. c) L., c. d) allegat, c «) yeri-
tas, c. 0 antiquo, a ?) Si quis, Friedb. ^) Si quia deinceps de prioram. Fr.
i) in imiocencium, c. ^) so c. >) latera sua.
») Von 1215? Vgl. Decret. Greg. IX. lib. lll. tit. 49 de iminimitate eccl c. 7.
Bischof Harduin yon Cefalu und sein Prozess. 331
et eoclesie mee subtracti, me oontradicente et ad dominum papam appel-
lante, ita quod canonici et clerioi fueront in ipsa violencia turpiter verbe-
latL ünde radone late sentencie facientes et consencientes incideront, ut
in Extr. [Comp. L] 1. V tit [XXXITTL] de sentencia excommunicacionis et
absoladonis, [c 12] Non sine dolore, nee absolucionis beneficiom post-
modam obtinueront. ünde com hiis et aliis sit ecclesia enormiter lesa,
sicat apparet manifeste, peto, quod de hiis et aliis in integrum C. I et §.
de Minoribus In causa minorum, §. Causa. Quod si minor, restituatur.
Xam propter lesiones et multiplices invasiones et destituciones factas de
hiis et aliis bonis eoclesie ab ipso domino imperatore et ministris suis ad
extremam paupertatem et exhinanicionem est eoclesia ipsa redacta, ut ex
nuüori parte videatur reparacione plurimum indigere, cum ea, que pro
conventu dabantur in preiudicium meum, et vix eciam sufficerant ad tenuem
Titam. In eo, quod dicit notarius Henricus, ut in quolibet capitulo in-
telligatur, quod probare debeam me fuisse institutum, sicut superius dixi,
item dioo^), quod salva gracia sua non agitur modo nee est agendum de
legitima institucione, set de restitucione, ad quam predo est reduoendus,
ut in Extr. [Comp. L lib. 11] tii [IX] de restitucione spoliatorum, [c. 5]
In litteris, licet in oontinenti institucionem possem probare legitimam multis
lacionibus.
De tarenis Septem millibus sexoentis et sex de cabellis in civitate
receptis et aliis undecumque habitis de proventis et nomine eoclesie per
notarium Simonem, et per abbatem Boccadie^), per secretem et Bahelem
castellanum, qui fuerunt procuratores et ministri domini imperatoris, nec-
non et per canonioos et clericos, peto integram restitucionem, sicut debeo,
qaia violenter subtracti sunt michi et post appellacionem et contra appella-
cionem ad dominum papam interpositam et in meum preiudicium. Unde
com omnia sunt irrita per dominum papam, que in meum preiudicium in
eoclesia ciyitate et diocesi sunt innovata, satis est, quod ex gracia volo
michi in ipsis tarenis sie violenter ablatis illas expensas necessarias com-
putare, que fiacte sunt pro vita et substentacione canonicorum et clericorum
et solidis serviencium domus, licet in meum sint preiudicium et preter
aolitam faote et graves et onerose, sicut manifeste apparet Nee prodest,
qaod notarius Henricus didt de hiis, quos habuerunt clerici, qui iverunt
Bomam. Cum etsi dominus Imperator eos voluit mittere, eos debuit suis
sumptibus procurare, cum non debuerunt ire nee mittere alium^) potuerunt,
abi appellacio fuerat ab universis recepta, licet dicatur, quod coacti et
inviti iverunt, cum non esset causa, quare vellent mittere vel ire, sicut
nee est hodie, benedictus deus, quicquid a malivolis et maledicis dicatur.
Nam in recessu meo ipsi et alii compassi sunt michi et dictioni mee et
eos dimisi in pace cum gracia et benedictione, et receperunt sentenciam
excommunicationis, quam cum eis protuli de voluntate eorum contra omnes,
qui vellent in ecclesia aliquod innovare*^) pocius vel facere, ut si quid
per eos est innovatum, stare non potest et puniendi sunt, velud infames
mdicandi, ut [c. 11. C] II. q. VI decreto®) et [tii] C, de appellacionibus
et consultacionibusO [VII, 62]. Illud idem dico de tarenis CCC minus
I &) didt, c b) Biccardam, c. c) alii, c. d) innitare. e) de cetero, c.
I 0 app. C. A. Consulibus, c.
j 22*
i
332 Winkelmann.
deoem, qaos dominus imperator preoepit . dari olericis preter solitom de
novo, com in recessu meo nichil inde haberent, nee erat snum dericis
providere vel benefieia ecclesiastica oonferre. XJnde de hiis omnibos nichil
aliud postulo*^), nisi quod dominus papa mandavit, ut yidelicet satis&ciat
michi plenarie de subtractis«
De tarenis, quos dominus imperator pro liberalitate mandavit auferri,
dioo quod de iure ipsos requiro, quod nemo cogitur ad impossibile, et si
dominus imperator aliquam liberalitatem^) yoluit alicui feoere, in bonis
suis potuit, quod non debuit eoclesia Cephaludi plus ceteris aggravari, ut
edam ad vite tenuem sustentacionem nobis obulum non remaneret^ set
servari debuit illa moderado, ut eoclesia non sustineret gravamen, non ut
mendicare oogeretur, et hec eciam fieri debuit cum noticia et voluntate
mea, quia ad ea teneor, que ex forma fidelitatis debentur, ut [c 18. C]
XXn. q. V.. De forma.
De tarenis proventuum et notarüs doane^), et tareuis XII, quicnm-
que habuit, ignoro; non meum est inquirere, set inquirat dominus imperator,
qui ecdesiam et redditus ipsos abstulit et auferri mandavit, et fiaciat
omnia restitui, quia ipse debet medicinam apponere, qui vulnus inflixit»
ut una manus eadem vulnus opemque ferai
In hiis Omnibus, quia notarius Henricus siluit de casteUo, ego qui
malum pador, non postponam, cum hoc sit, unde specialiter ago, unde
pax et tranquillitas ecclesie procuratur et inde indpiet esse finis turba-
cionis et origo quietis, cum per eum^) eoclesia Cephaludi in spiritualibus
et temporalibus sit destructa et omnia bona ipsius sunt ad nichilum re-
daota, et ideo ipsum instanter peto pro me et eoclesia mea.
Ne videar edam de propositis ab ipso notario Henrico aliquid amit-
tere, super cartis abscissis, sicut didt, in radone abbatis, de quibus me
nititur aocusare, licet videatur calumpniose agere, sicut oonstat per eos,
qui quatemos habuerunt, tamen cum questio ipsa sit criminalis, ei super
hoc non respondeo, nisi seoundum formam iuris. Proponat igitur actionem
ipsam in forma iudidi, sicut debet, et quando et ubi debeo, super hoc
plenarie respondebo.
Hec autem omnia peto humiliter et devote cum gracia et &vore prin-
cipis christianissimi domini nostri imperatoris. Cum ei specialiter incumbat
ecclesiam michi traditam non opprimere, set relevare, quam progenitores
Stti viventes in came in suo sanguine plantaverunt et dotaverunt, per eum
speramus a pressura, qua premimur, liberari et respirare ut [c. 6. D.]
XCVI. Boni prindpis, et [c. 20. C] XXIII. q. V. Prindpes. Unde si de
potencia dominus noster laudatur, de mansuetudine iustida et veritate
amplius exaltatur, cum hec tria potissime delectant, ut videlioet sit verax
in ore, mansuetus in corde, iustus in opere.
Cum igitur hec supradicta et alia plurima ocourrant, que in &vorem
spoliatorum sunt introducta, cum iam certis indiciis ea, que spectant ad
restitucionem meam et ecclesie mee, sint manifesta, ut premostravi, sup-
plico, ut cum boni iudicis sit abreviare lites, iam finem imponatis et liti
et restitucioni, ut vos®) possitis a labore subtrahere et me sentencialiter
a) michi aliud potestatis, c. b) libertatem^ c. c) De taren. proventum et
not. doane, c. ^) so c. p) nos, c.
Bischof Harduin Yen CeMu and sein Prozess. 333
a qaerela. Ei si quid miniiB est all^gabiiii, tob sappleatis de iure, nt
[c. 11. C] XXX. q. y ludicantem, et {L IX.] C. de iudiciis [m, 1] Indioes,
nt sie Yeritati credatnr et per emn, qni est yeritas, qoilibet instieiam pro-
aequator, com iam nobis sit tedinm taliter laborare, imino ridioolosom sit
dicere, nt de omnibos bonis nobis et eoclesie nostre sabtractis asinom
tantam et gaUmn com vix^) potaerimos obtinere. Inspiiet
igitnr dominiis, in coins manns sont corda r^pm, domino nostro spiritnm
pietatis ad miserendnm et dolendmn pro me et ecclesia mea, nt iam malis
meis finem imponat Ad recaperandam siqmdem ininste ac inpie graoiam
snam pocins perditam sollicitado mea non desinit laborare, et ea impetrata
et de merito mee parvitatis obtenta oltra r^gni terminos, si permissnm micbi
fderit, tempore non modico eligam pocins exnlare, qnam taliter esse, cnm
aenrieia mea nnllins prosperitatis commutetor eventos, et ad cninslibet
detractoriSy et inYidefntis] sine mora omnia in me properantor
nlcionum^).
Hec antem omnia, qne proposni, sie me proposnisse sciatis ad meam
et eoclesie mee instieiam ostendendam [et] oppressionem, salva in omnibns
et per omnia anctozitate mandati apostolici, a qno non recessi aliqnatenns,
immo in mea et eoclesie mee insticia ipsins execncionem, non caose cogni-
cionem postolo exhiberi, et si qnod ad plenitudinem restitncionis et uni-
▼eraitatem iuris mei et eoclesie mee modo de predictis omnibns, qne peto
pro me et ecclesia mea, defnerit, per ipsnm, qni creator est et conditor
canonnm et interpretator, intellectns litteramm aperiatnr, et si quid yiderit
snpplendom vel minnendnm, de throne sne clemencie indicabit.*
Dominns episoopos abrennnciayit allegacionibns et non ynlt facere
alias allq;aciones in cansa restitncionis sne, nisi eas, qnas fecit, qne snperins
continentor. lUnd idem petit et fecit notarins Henricns, procnrator domini
imperatoris. Datus est ntriqne parti terminns die Yeneris proximo yentnro,
edam qno ineipiant fiicere prodnctiones soas snper premissis, qnia ea, qne
michi dicont esse manifesta et notoria, michi snnt obscnra.
Dominns^) episcopns dizit: »De hiis, qne manifesta sont nobis per
oonfessionem rei, secnndnm qnod in conspectn domini pape dominns impe-
rator promisit et ipee littere testantnr et postmodnm in conspectn vestro
procnrator domini imperatoris oonfitetnr, non est opns, nt aliqnas proba-
ciones indncam, aet peto michi restitncionem, sicnt de inre michi tenentnr
et dominns papa mandayit et vos eciam sentenciastis. Postqnam vero ad
ea, qne manifesta sont et probacione non indigent, fnero restitntos, ad alias
probanda prooedam termino prefizo a Yobis. Aliter antem si vnltis procedere,
ego appello, qnia nndatos non possam aliqnas prodnctiones facere. Yemm peto
specialiter in hiis, qne manifesta snnt, ad civitatem restitni, qne de manifeste
et inre eoclesie mee est inzta privileginm regis Bogerii cnm castello.*^).
»Peto ego notarins Henricns recordnm yestmm de littens missis
a domino papa episcopo Gephalndi snper &cto casteUi, qnod debet esse in
enstodia domini imperatoris, salvis expensis ecclesie. Peto eciam recordnm
a) allois vis, c. (?) b) Nota de iudice, o. ursprünglich wohl eine Rand-
bemerkung, welche zum Anfange des zweiten Absatzes gehört c) castellano, c.
I) Wohl an dem eben vorher angesetzten Termine: 1284 ian. 12.
334 Winkelmann.
vestram de confessione episcopi, quam fecit coram vobis petendo restitu-
cionem ab anno et infra. Probare Yolumos cabellam datam ab episcopo
pro quatuor millibus tarenis, et si qaod fuerit plus bäbitum, gracia studio
et diligencia hominom domini imperatoris babitnm fxiit, quod non venit
in restitucionem. De venacione Polline illud idem dico, quod probare
volumus, et de mercedibus baialorum.^
Dominus episcopus promisit michi Bartholo, quod hodie die Yeneris
specificabit dampnum.
Dicit dominus episcopus, quod » probaciones, si quas volueritis recipere
pro parte domini imperatoris vel de quingentis tarenis vel alils, eodem
modo recipiantur, ut non fiat micbi preiudicium contra mandatum domini
pape, in quo apparet, quod de Omnibus subtractis satisfiat michi ^.
Quarto decimo die buius mensis ianüarii ^) datus est terminus domino
episcopo et notario Henrico, procuratori domini imperatoris, ftd fiu^iendabi
secundam productionem.
Episcopus dixit, quod ^ec primam nee secundam productionem facere
debet, nisi fuerit restitutus ad ea, que manifesta sunt nobis et idem do-
minus imperator et procurator suus confitetur. »In boc, quod dedistis ter-
minum, ad audienciam domini pape appello tamquam gravatus.^ Hec
appellacio facta fiiit et supradicta verba dixit dominus episcopus eodem die,
quando facere debuerit primam productionem^).
» Ego Bartbolus thesaurarius Cusentinus, in presencia assessorum meorum
et canonicorum, clericorum et domini Nicolai imperialis capelle thesaurarii
et omnium circumstancium, dico vobis, domine episcope, quod ego non
imposui nee imponam vobis necessitatem probandi, et primam productionem
ad peticionem vestram et partis adverse vobis dedi. Secundam productionem
recipere, si non vultis, vobis invitis non dabo, nisi volueritis probare. Super
hoc, quod dicitis*), quod non primam nee secundam productionem fiacere
debetis, nisi fueritis restituti ad ea, que manifesta sunt micbi et que pro-
curator domini imperatoris confitetur, ego dixi et dico vobis, quod nolo
ferro sentenciam precipitatam, set babito prudentum consilio virorum, dante
domino, dabo vobis sentenciam racione detectam, inspecto tenore utriusque
iuris tam canonici quam forensis, qualiter super omnibus, de quibus de
iure potero, et eciam de Castro, si de iure cognoscere potero propter litteras
domini pape, quas pars ad versa dicit de novo emanasse. Eacta tarnen fide
super Castro ipso, sicut facienda est fides de iure, et tercio die post sen-
tenciam meam faciam vobis integram restitucionem, sicut de iure fuerit^
set interim, si placet vobis probare, accipiatis terminum, promittens vobis,
quod infra decem dies dabo vobis sentenciam super omnibus, de qtdbus
danda erit per me de iure, et post tercium diem faciam vobis integram et
plenam restitucionem, sicut dictum est Yos et assessores et canonici ac
clerici et alii, qui presentes estis, videtis et auditis, quod procurator domini
imperatoris ofiert se facturum vobis integram et plenam restitucionem infra
ft) quid dictis, c.
I) 1224 ian. 14. Nach S. S85 fia,nd die Verhandlung iedoch am 18. statt.
*) Der Bischof wiederholte also seine schon am 12. ausgesprochene Appel-
lation; es wird hier nur zu p'össerer Sicherheit der Wortlaut nachgeholt.
Bischof Hardnin Ton CeMn und Bein ProxesB. 835
(tordnm diem et post Bwikmciaiti meam, sioat de iaie faerit, ei petit in-
stanter peromiytoniim dnri sibi et Yobis de hinc ad diem Lone proximo
ventnnuni). 8i procorator domini impeiatoriB, qoi partem rei defendit,
mit finiri. litem Testram et condempnari, ai contempnandos est ad restitn-
donem et solndonem, nescio qnare tos, domine episoope, prorogah Yultis
eansam restitocionis v^estre. Maxime com in plnribns allegacionibas Testris
dixistis, qnod oaiuam vestram debeo cito finire, all^pantes qnod boni
indicis est abbreriare Utes, non videtar miohi, quod ÜM^tom yestmm dictis
restris aoeordet, immo, ut video, litem et causam vestre restitocionis capitis
diSerrL Et ^go inxta petieionem vestram et partis adTerae, licet disoordet
^Mtem a verbo ex parte vesteai domine episoope» yoIo iam cause Yestre
finem imponere, maxime qnod dominus impeiator scripserit michi molto-
dens et dixerit et permiserit michi oretenns, qnod paratom ipsom inveniam
inxta mandatom sommi pontifids üacere vobis restitncionem int^gram et
ptenam, et dederit midii facoltatem et possibilitatem restitaendi yobis
onmia, de qoibns rsstitaendi estis de iure, si placet yobis probari. Do
Yobis peremptorinm diem Martis proximo yentoram') ad probandom» qnod
vnltis. Si yoro yidetnr esse yobis oneri produoere testes, dnmmodo nomi-
netis eos michi, ego oogam eos yeritatis testimoninm perbibere; quod si
non potaeiD, nolo yobis preindidum generari, donec cogam illos. Si yultis
Tobis terminum prorogari, paratus sum yobis ipsum terminum prorogare.
Fastidiosum est michi causam yestram prorpgari ulterius sine yoluntate
vestra» cum recesserim a Cusencia mense augusti XI. indictionis et yenerim
Cephaludum pro causa yestra, domine episcope, quam michi oommisit yenera-
bilis Cnsentinus archiepisoopus auctoritate apostolica, et expectayimus usque
in hodieraum diem, qui est teroius decimus') dies ianuarii XII. indictionis.
%o Bartholus significo yobis, domine episoope, quod paratus sum redpere,
qnascnmqne probadones dare yolueritis super omnibus illis capitulis, quos ^)
probaturos yos obtulistis, et eciam paratus sum, quascumque alias proba-
dones et fidem faoere et dare yolueritis secundnm ins preter oblatas super
Omnibus capitulis, quos^) proposuistis, qui in actis puplids continentur,
qoia secundum petidonem yestram et procuratoris domini imperatoris cau-
sam restitodonis yestre diffinire yolo, diffinitiyam sentendam super omni-
bus ab utraque parte propositis yel [al]legatis sine diladone qualibet, dcut
de iure potero et debuero, promulgando. Dampnum yero, quod yos passos
esse proposuistis, et expensas, quas yos fecisse allegastis, dedarare si yultis
et super hüs et super aliis fidem faoere, quam de iure debetis, paratus sum
redpere et procedere secundum ins. Miror enim, quod cum peremptorium
vobis dederimus, neo probare nee yos presentare coram nobis yoluistis.*
Cum plnra yerba essent inter dominum episooqum et notarium Hen-
ricom, a quo tempore peteret restitui, ad ultimum respondit dominus epis-
oopos, quod petebat tantum restitui ab illo tempore, quo fiiit expulsus
a dyitote et exulatus, preterquam de hüs, de quibus ^t destitutus ab
arehiepiscopo Panormitano et Riocardo de Garino.
Interrogatus dominus episcopus, si fuisset in possesdone nayigii, dixit
quod fuit; pars ad versa negayit^
») So c.
') AIbo auf ian. 15. *) Auf ian. 16. ') S. jedoch oben S. SS4.
• 336 Winkelmann,
• Interrogati liomines civitatis, si exactiones contra Saraoenos dedissent
coacti, habita deliberadone et consilio, in iudicio oonfessi sunt, qnod non
Goacti, set volantarie ipsas dederont.
Interrogativ si alias exactiones dederant domino imperatori, dixenint
quod non*).
Interrogatus notarios Henricos respondit, quod nicliil penrenit ad
dominum imperatorem de omnibus, qae in libello domini episcopi oonti-
nentur, nee per eum ftiit destitutus dominus episcopus de hiis, que in
libello suo continentur.
»Ego tbesaurarius Gusentinus dico yobis domine episoope, quod vobis
non denegavi faoere restitucionem, immo volo faoere integram reatitudonem
de iure^) et facto, promittens vobis firmiter, quod fines mandati apostolici
non excedam et in nullo procedam, nisi facta vobis integra restitucione
iuxta mandatum apostolicum. Item dico vobis, quod bodie debeo publi-
care deposidones testium, quos vos et pars adversa produxistis. Unde in-
iungo vobis, quatenus veniatis, ubi ins et sentencia reddi debent inter vos
et partem adversam pro causa restitucionis vestre, dictnri quid placuerit
contra personas et dicta testium, quos procurator domini imperatoris pro-
duxit, et audituri sentenciam.*
Dominus episcopus Gephaludi in presencia domini I. venerabilis abbatis
sancti lobannis Heremitarum, iratris Leonis prioris Gastri lobannis, fratris
Stepbani olim cancellarii, fratris Henrici de Barcillona, fratris Petri de
Calatabuturo, fratris Bogerii prioris Calatabuturi, presbiteri [Nicolai]«) cap-
pellani sancte Marie de Castro lobanne, fratris Bonifacii monachi sancti
lohannis de Heremitis, presbiteri Bonifilii Lojie magistri scolarum, requi-
situs a me Bartbolo, si vellet recipere restituoionem seoundum sentendam
meam respondit, quod ipse recipere recusabat, dicens quod si procederem
contra appelladonem suam frustratorie emissam, me excomunicaret vesti-
mentis sacris indutus.
Ego fr. locundus humilis abbas sancti lohannis Heremitarum, visis
originalibus et lectis de verbo ad verbum, huic exemplo per notarium
puplicum transcripto scripsi^) et sigillum proprium impressi.
Ego fr. Leonus prior Gastri lobannis, visis originalibus et lectis de
verbo ad verbum, buic exemplo per notarium puplicum transcripto soripsi
et sigiUum proprium impressi.
Eigo presbjter Nicolaus capellanus sancte Marie de Gastro lobanne,
visis orginalibus et lectis de verbo ad verbum, huic exemplo per notarium
publicum transcripto scripsi et signavi.
Ego notarius Guillelmus tabellio Gephaludi tam originalia acta quam
exemplum presens ex ipsis actis de verbo ad verbum fideliter per me
sumptum scripsi et subscripsi.
In nomine patris et filii et spiritus sancti, Amen. Anno dominice
incamacionis millesimo ducentesimo vigesimo quarto, mense f^bruarii, duo-
decime indictionis^).
ft) Randbemerkung: Nota, a b) rest. tuam, c. (?) c) Fehlt c. d) So c.
auch im folgenden für subscripsi.
*) 1224 febr.
Bischof Harduin von Cefalu und sein Prozess. 337 •
Cam dominiis papa Honorins pater in Christo eanetiss^nus cansam
restitacionis fadende per dominum imperatorem domino Aldoyno dei gracia
venerabili Cephaludensi episcopo venerabili arohiepisoopo Coflenidno oommi-
met per gnas litten» in hone modmn:
»Honorins episcopns, senms servorom deL Venerabili fratri arohiepis-
oopo Oosentino aalatem et apostolicam benedictionem. Sogatos a nobis
et firsiribns nostris karissimns in Christo filins noster Eredericos Eom»-
norom imperator et semper angostus et rex Sioilie, nt restitneret yenera-
bilem fratrem nostmm Cephaladensem episooponHy qnem spoliaverat eodesia
et alüs bonis snis, se idem libere factornn^ ri^a yooe promisit. Ideoqne
fratemitati tue per apostolica scripta mandarnns» quatenos personaliter ad
ipsom imperatorem aooedas et inzta datam tibi a domino pmdenoiam ipsum
moneas efficaeiter et indacas, at pleno restitnat episcopum memoratam.
Ferro postqnam idem episoopns pleno faerit restitatos et padfioam et
corporalem poesessionem adeptos, si yideris, qnod merito sit, prent nobis
sabgeetom est» de dilapidadone sospectos, vinun proridom et honestom
provideas coadintorem eidem, snper coins oonsilio nichil eonun fiiciat, quo
ad amministracionem pertinent temporalem, quonsqae veritate oomperta
dnxerimns aliter proridendnm. Interim autem omne alienadonis genns
eoram ntriqne anotoritate noetra districtins interdicas. Dat. Laterani II.
kalendas aprilis, pontificatas nostri anno septimo^)* —
et idem dominns archiepisoopos Cosentinns in Christo pater mens
transmisisset michi magistro Bartholo thesanrario Cnsentino yices soas per
litteras in hnnc modnm:
»Lncas dei gracia Cosentinns arohiepiscopns dilecto in Christo filio
magistro Bartholo thesanrario noetro salntem et benedictionem. Qoia man-
datom apostolicnm in cansa yenerabilis Cephalndensis episoopi pro artante'^)
egritndine, quam patimnr, personaiiter exeqni non valemus, oommittimns
in ea yices noetras discrecioni tne, ininngentes anotoritate apostolica, qua
fongimnr in hac parte, ut ipse secnndnm tenorem mandati apostolioi, qnod
reoepimns, preyia radone procedas. Dat. Cnsencie XVill. angnsti, XL in-
dictionis«)*, —
ego magister Bartholomens ^), snis yolens obedire mandatis, anotoritate
prediotamm litteramm ad dominum imperatorem accessi apnd Trapannm,
qni me benigne redpiens promisit, se restitnmm domino Cephalndend
episoopo, qnicqnid per sentendam decemeremns restitnendnm eidem. Qua ' I
igitnr benigna respondone recepta, cnm idem dominns episcopns esset ^)
legitime citatns a me, nt yeniret apnd Trapannm et michi fidem faoeret
de petitis, qnia ad terminnm peremptorinm per me statutnm et eciam post j
peremptorinm dindus expectatns yenire contempsit, ego Cephalnm redii, '
nbi ipsnm dominum episoopnm expectayi, donec yenit a Messana, et cnm I
ad multa restitoi postnlaret, denundayi domino imperatori, nt mitteret
sofGdentes procnratores, qui responderent et satisfacerent dicto domino {
episcopo in omnibns, in quibns ei esset satisfadendnm de inre. Qni com .|
mitteret magistrom Henricam notarium et procnratorem snnm, dominns
ft) artenta, c. b) So hier c. c) afia, c. (?)
^) 1228 mftrz 81. Auch bei UgheUi (2. ed.) IX, 214, aber mit VIL kal. aprilis.
*) 1228 aug. 18.
338 Winkeltnann.
episoopus libellum saom ei obtalit, per quem petebat de Tino salmas
septingentas undecim; de framento salmas oetuaginta qnataor. Item de
Septem millibos sexoentis [sex] tarenis cabellamm civitatis, deductis ezpen-
sis necessariis, peciit residuum; de tarenis, quos habait castellanuB preier
statntam per sexdecim menses, peciit tarenos trecentos sexaginta octo; pro
dampno somerii restituti tarenos centom viginti; de parida conducta per
Simonem tarenos vigintiquataor; pro deterioracione venadonis Polline tarenos
centnm; nnciam nnam, quam habuit casteilanns de PoUina; tarenos oen*
tom, qnos habnit secretus a decimariis Oephaludi ; pro deterioracione molen*
dini Sillati cum molis tarenos dncentos; de meroedibus per Letnm Tice-
comitem habitis tarenos trecentos; de dampnis illaiis ex ininsta spoliaoione
in redditibus civitatis in tonoaria^), in laboranciis, in vineis, in peooribnap
in proventtbns, [in] possessionibus, in territoriis et terris eoclesie et aliis
insticiis tarn spiritaalibas quam temporalibos et de rebus distractis et per-
ditis tarenos sexmille, pro expensis fadds mnltociens tam per ipsom quam
canonicos a tempore turbaoionis et destitacionis tarenos Septem millia preter
illas, qaas fecit eundo Bomam; de dampno navigii Bomani tarenos sex-
oentos; de ecclesiis Policii et Oolisani tareuos sexoentos cnm ecclesia sancÜ
Philippi; de ablatis per archiepiscopum Panormitanom et Biccardnm de
Carina castellannm Cephaludi tarenos decem millia ; decimas Mistretie Calata*
buturi Gratterii pro daobos annis; expensas dnoram canonicomm, qnos reoepit
Simon per qnataor menses in absencia ipsonim canonicomm. Peciit eciam
restitüi ad civitatem iuxta Privilegium regis Bogerii; item peciit, ut saus-
fieret sibi de excommunicatis iuxta Privilegium ecclesie; exactiones factas
in Cephaludo et Pollina contra appellacionem ad dominum papam; item
castellum Ceplialudi, et ut de cetero redditus eoclesie iuxta mandatom domini
pape ad opus ecclesie reserventur; item restitocionem omnium tenimentorom
eoclesie in Cephaludo Capicio SyracusaCamarata Mistretta Binserio et Senescalco ;
item restitucionem peciit de Omnibus redditibus, quos receperunt castellani
Cephaludi a tempore sue promocionis usque nunc, sicut manifeste apparei.
Hiis itaque omnibus supradictis procurator domini imperatoris notarius
Henricus sie respondit, quod vinum semper fuit sub custodia eiusdem buccillarii,
qui fuerat diu ante destitucionem domini episcopi, nee de ipso vino ad dominum
imperatorem pervenit. Vernm si dominus episoopus credit dominum imperatorem
de dicto vino habuisse, facta ri.cione cum bucciUario suo, eodem procuratore
presente, quantum dominus imperator in veritate michi videbitur habuisse,
fiäceret sibi redüi, sicut de iure esset. Frumentum dixit ad utilitatem
ecclesie fuisse expensum per manus dicti secreti Simonis de Panormo et
paratus erat inde facere racionem. De Septem millibua sexentis et sex
tarenis cabellarum respondit, quod dominus episcopus fiacta radone de iustis
sumptibus specificet et probet, quot tarenos credit sibi restituendos esse,
maxime quia probat ipsas expensas esse ad utilitatem ecclesie. De somerio
respondit, quod ignornbat dominum episcopum dampnum passum fuisse et
cum restitutus esset ei et per totum tempns destitucionis per expensas
domini imperatoris nutritus, expense cum dampno compensentur. De tarenis
trecentis sexaginta octo, quos peciit dominus episcopus contra castellannm,
respondit, quod volebat a me audire sentendam, si dominus imperator illos
a) panoria, c.
Bischof Harduin von Ce&lu und sein Prozess. 339
iarenos restitaere teneretnr, qaia inneti fuenmt castello pro maiori et
meliori castodia castelli propter gnerram Sarraoenoram. De parida condacta
respondit, qaod racione ßimonis eecreü invenitur, qaaliter tai'eni inde habiti
expenai foerint pro nülitate eoclesie. De ve&aoioiie Polline respondit, qaod
probaret dcnninus episoopos, qaod vellei, qaod Yulere oonsaevit yenacio iila
per aBnam, et qoantam inde haboit abbas Boccadie^). De oncia, quam
haboit castellanos Polline, respondit, qaod oncia illa sponte et bona volan-
tate data foit caetellano et a nallo repeti potest» qaod dponte datar. In
eimdem modom respondit de illis tarenis G, qaoe dixit secretam habaisse
a dedmariis Oephaladi. De molendino Sillati respondit, qaod nee dominos
Imperator nee alias pro ipso habait inde aliqaod^); onde dixit, qaod do-
minos episcopas probaret inde, qaod de iare possei De meroedibos contra
Letom vioecomitem petitis respondit, qaia tarn pro eo, qaod ipse vieeoomes
per conventam fait statatas, et tarn qaia nallos Ticeeomes consaevit domino
episeopo de meroedibos respondere, maxime eam dominas imperator neo
alias pro eo habaerit inde aliqaod, non tenetar de iare exinde respondere.
Idem de dampno iUato reqpondit, qaia dominas episoopos malieiose illad
petebati com in libello sao dampna speeificasset, et postea itenun ea petebat
et sie bis idem petere videbatar, et maxime qaia nallam dampnam passas
üiit per dominam imperatorem. De expensis respondit, qaia si dominas
epiKopas yocatas ivit ad dominam papam et ieeit expensas proinde neoes-
Sanas et volontarias, de iare dominas imperator ea sibi reddere non tene-
bfltar. De navigio Bomanoram respondit, qaod si dominas imperator illad
capi fedt et proditores soos existentes in eo, fedt qaod debait de prodi-
toribos sais. De sexcentis tarenis eoolede Polidi et Gnlisani respondit
qaod^) dominas imperator ecdesias ipsas aat proventas taren[oram] alicoi
non dedit nee abstalit, set dimisit eis, qaibas dominas episeopas eas dederat,
sicat in yeritate yideri potest. De ablatis sibi ab arebiepiscopo Panormitano
et Biccardo de Gaiino^^) respondit, qaia cum in restitacione non veniant,
qne^) destitacionem faciam de volantate domini imperatoris non modioo
tempore precesserant'), ipso domino imperatore [in] Alamania existente, non
tenebatar de iare dominas imperator sibi exinde respondere, set illi, qai
dampna d, sicat asserebat, intalenmt. De dedmis Mistrette Galatabatari
Gratterie respondit, qaod dominas imperator illas non habait et aliqais pro
eo, onde de restitadone contra eam agere non potest: agat dominos epis*
copos contra detemptores. De civitate Oephaladi respondit, dominum epis-
copmn ad eam pleno esse restitatam, dcut manifeste constat De excom*
mnnicatis respondit, qaia illi libenter yolant ei satisfooere, ncat apparet,
set dominas episcopas eos redpere non vnlt ad satisfiidonem, sicat debet
De exactionibos de respondit, qaia si coUecte generales in Gephaludo et
Pollina faete faennt, sicat per totam regnam tam in tenis ecdedaram
qoam in alüs pro gaerra Saräcenoram, quos^) homines terraram dederaht
ino dvitate saa de propria volantate, non erat dominas episcopas habitaros,
et ideo non poterat eos de iare repetere. De possesdonibas, qaos in Cepha*
Indo et plaribos terris Sidlie ecdede soe restitai dbi peciit, respondet, at
aoeiperet eas, abieomqae de iure dbi pertinebant» qaia neqae dominas
«) Recadie, c b) lud. alicuius, c. c) ex quo, c. d) Artarino, c
«) yenerat, nisi qua. 0 proceBserat, c. «) So c., seil, tarenoa.
340 Winkelmann.
Imperator nee alius pro ipso posaessiones ipsas intravit De redditibius,
qnos castellani reeepenmt, respondit, qnia dominus Imperator illoe sibi non
mandaTit auferri, et maxime quia in restitadone non veniunt, quam deatita-
cionem tempns non modicum preceeserat. De castello reepondit, quia de
iure non tenebatnr dominus imperator sibi exinde respondere, onm dominus
papa finierit oognicionem ipeam, sicut manifeste constabat De daabus
vidandis, quas habuit Simon, respondit^ quod iuxta restitucionem senescalci
beeret, quod inde videtur de iure ÜM^iendum. De quingentis septoaginta
sex tarenis, quas repetit dominus episcopus pro libertate tradita per domi-
num imperatorem euntibus et redeuntibus Panormum per mare cum fodro
pro obsidione Sarracenorum, respondit» quod iUi, qui per mare ibant cum
fodro, non ivissent, nisi vocati a domino imperatore pro tanta et tali ne-
cessitate et generali et communi utilitate. ünde nichil domino episcopo
abstulit, si non luorum dedit, et si lucrum dare noluit, inde oonveniri non
potesi De quingentis tarenis, quos habuerunt canonici, quando iyemnt
Bomam, respondit, quod paratus erat probaie, quod conyentus dedit tarenos
ipsos canonicis, quando de Yoluntate eorum iverunt Bomam. De tarenis COC.
minus X. ultra statutum datis clericis maioris ecclesie, quos dominus epis-
copus peciit, respondit, quia pro seryiciis divinis dati fuerunt tareni ipsL
Unde proTiderem, si eos tenetur dominus imperator restituere domino epis-
copo memorato.
Auditis itaque et yisis petidonibus responsionibus exceptionibus con-
iessionibus attestaoionibus in iudicio produütis et diligenter investigatis, cum
esset super hoc ab utraque parte diucius disputatum, sicut in actis puplicis
plenius contmetur, licet idem dominus episcopus, lite legitime contestata,
allegacionibus renuncians, litem dirimere, finem debitum cause sue restitn-
cionis imponere et promulgari a me sentenciam postulasset^), se contuma-
citer absentavit et eciam post peremptorium pluries vocatus et monitos
a me et per assessores meos yenire ad iudicium noluit, immo quod deterius
fuit, eos aliquando audire nolebat, et edam ad ultimum per me ipeum Ire
ad hos dtatus^) et diligenter monitus noluit coram me in iudido com-
parere, set expressim atque nominatim. respondit, quod nullatenus coram
me in iudido venire volebat. Sane cum ad superandam contumaciam auam
ipsum expectans diucius promulgare sentenciam distulissem, quod forte
reversus ad cor coram me ad diem statutum post peremptorium purgaret
suam contumaciam manifestam et per se vel per procuratorem in iudido
compareret, cum essem in curia ^) ecdede sue hospitatus, me inscio, lioencia
non petita, salya grada sua, sicut non debuit, a civitate Gephaludi receasit,
unde cum spes michi nulla esset, quod in iudido coram me veliet aliqua-
tenus tamquam obediens comparere, utpote qui oretenus michi et nuiidis
meis dixerat et expresse renunciayerat, quod coram me nullatenus in iudido
adveniret, babito consilio cum domino locundo venerabili abbate sancid
lohannis Heremitarum, fratre Leone priore castri lohannis, presbitero Nioolao
de Gastro lohanne, iiatre Bonilacio monacho sancti lohannis Heremitanun,
assessoribus meis, et alüs probis et discretis yiris, de hiis, de quibua michi
oonstiüt, pro domino episcopo licet absente contra procuratorem presentem
sentendam tuli, de alüs vero, de quibus dominus episcopus bis et ter a me
A) Nota, c. ^) citatos, c c) curiam, c.
Bischof Harduin von CefUn und sein Prozeas« 841
mterrogatuB fidexn faoere noloit, notarium Henricmn nomine domini impera^
toris prorsns abeolTo.
In primis de septexn millibns sexcentis et sex tarenis eabellarom ein*
tatis Cephaludi peütis ab episoopo, de qaibos deduotis Ulis tarenis, qaoe
dominus episcopns et oonventns suns habaenmt, et alüs necessarüs ac eon-
saetis expensis, in residao hoc modo notarium Henricam procoratorem
nomine ipsins domini imperatoris condempno, sciiicet restitaere domino
episcopo tarenos CLII^ qaos* habaenmt canonici, qui ivenrnt M essanam, et
licet Yiginti et octo tarenos plus tone idem canonici habnissent, dedoxi eos
pro expensis, qaas') domi &ctari erant.
Secundo condempno notarium Henricum restitaere domino episcopo
tarenos CLXXXVIII. et grana tria, quos dominus abbas Bocadie ^) et Simon
expenderant pro minutis expensis, quas dominus episcopus minime aoceptavit.
Terdo condempno notarium Henricum restituere domino episcopo tarenos
CIIIV^ quos abbas Bocadie^) expenderat, quando ivit Panormum, et pro
alüs negociis suis.
Quarto condempno notarium Henricum restituere domino episcopo tarenos
CGGLXyni., quos castellanus preter statutum pro custodia castri Cephaludi
percepit.
Quinto condempno notarium Henricum restituere domino episcopo tarenos
COYIIL et medium, qui dati fuerunt dericis matris ecolesie preter statutum.
Sexto condempno notarium Henricum restituere domino episcopo tarenos
octoginta Septem, qui supra duanarios remanserunt.
Septimo condempno notarium Henricum restituere domino episcopo
tarenos XX. pro dampno somerii restituti a castellano et detempti^) per
octo menses.
Octavo condempno notarium Henricum restituere domino episcopo sal-
mas frumenti quatuor et rini duas, quas Simon de mandato domini episcopi
babuisse dicebat, quod dominus episcopus predse negavit.
Nono condempno notarium Henricum restituere domino episcopo tarenos
XYL pro deterioracione venadonis Polline pro uno anno.
Decimo condempno notarium Henricum restituere domino episcopo sal-
mas frumenti octo et salm. vini XYL pro vidandis, quas dictus abbas et
Simon, dum fuerunt in custodia rerum ecdesie, pro se et suis servientibus
percepemnt.
ündedmo condempno notarium Henricum restituere domino episcopo
tarenos CCGLXIIL, quos dictus Simon habuit de predicta cabella et pro-
ventibus ecdesie, de quibus faete sunt quedam expense, quas dominus epis*
copus minime acceptavit
Duodecimo condempno notarium Henricum restituere domino episcopo
tarenos L. pro companagio duorum canonicorum, quos ®) Simon pro duobus
mensibus et dimidio percepit.
Terciodedmo condempno notarium Henricum restituere domino episcopo
tarenos octoginta, quos habuerunt notarii et servientes duane, et tarenos YI.,
qui dati fuerunt pro custodia Sarracenorum.
Quartodedmo notarium Henricum condempno restituere domino epis-
copo tarenos CUI. pro expensis meis, in quibus numerate fuerunt uncie
&) quo, c. b) JotA die, c. c) tota die, c. J) detempno, c. e) quod c.
342 Winkelmann.
due, qllas habui, quando ivi Trapanom ad dominiim imperatorem, et tareni VI.
pro lignis coquixie mee, et salmas ordei sex et tnminos sex, quas habui pro
equid meis, et sahoas framenti duas, quas habui pro vidanda mea et homi-
xittm meorom et salmas vini Septem et qoartarias duas habui pro me et
hominibus meis.
Quintodecimo oondempno notarium Henricum restituere domino epis-
oopo salmiis vini L., quas taxavi habuisse hospites, qui transibant, licet pro
parte domini episcopi nulla fides michi facta ipde fuisset» et ideo in reliquo
notarium Henricum pro parte domini imperatoris absolvo.
In primis abäolvo ipsum notarium Henricum nomine domini impera-
toris a peticionibus domini episcopi de tarenis quingentis, quos, sicuti legi-
time con^titit michi, habuerunt canonici de mandato conventus, quando
iverunt Somam; de tarenis quingentis octoginta et sex liberiatis portus,
ideo quia libertas ipsa facta fuit pro tanta et tali necessitate ac commoni
utilitate contra Sarracenos; de tarenis ducentis et oeto et dimidio, qui dati
fuernnt clericis maions ecclesie secundum statutum; de tarenis triginta
tribus datis camerario pro corredo» pro eo quod ecclesia consuevit ministeriali-
bus in necessariis providere^); de tarenis quadraginta duobus pro conven-
cione magistri Mathei grammatici; de tarenis lY. notario Bogerio datis; de
tarenis quinqne et quarta datis canonico Henrico pro ordeo*^) ministeriali
curie; de tarenis quinque Aydano portario civitatis datis; de tarenis CL.
pro vino castelli, quod ab ecclesia consuevit habere, et de uncia castelli;
de tarenis C. secreti, quia non erat illa pecunia . ad dominum episcopum
peryentum^\ ad quam reddendam obligat! erant hiis, quibus ablata esse
dicitur, et eciam quia non constitit de premissis; de dampno moUendini
Sillati, quia nulla fides michi exinde facta fiiit; de mercedibns per Letum
vicecomitem habitis propter consuetudinem terre probatam, et quia michi
non constitit, aut fuisset aliquid inde episcopus habitus^') aut si curiam
tenuisset; de hiis, quibus dominus episcopus dixit Panormitanum archiepis-
copum et Riccardum de Camerata ^) sibi abstulisse, quia in restitucione non
veniebant, que destitucionem ipsam tempore non modico precesserunt, et
eciam quia illi tenebantur restituere dampna, quos dominos episcopus asseruit
intulisse, et maxime quia non constitit michi, quod dampna ipsa de man-
dato domini imperatoris illata fuissent; de dampno dato ex iniusta spoli«^
cione et expensis, quia requisitus dominus episcopus noluit probare, et quia
specificando ^) sigillatim dampna, ut apparet, videbatur bis petere idem.
De civitate Cephaludi^ vidi et manifeste constitit michi tamquam illi,
qui per tot menses fui in civitate, quod homines ipsius civitatis omnes
intendunt ei tamquam domino de omnibus hiis, quibus ei intendere debent,
et quia omnes de civitate iuraverunt ei, et cum vocassem populum coram
domino episcopo querens ab eis, si intenderent ei et responderent tamquam
domino in omnibus hiis, quibus intendere debebant, responderunt, quod pro
domino ipsum habebant et intendebant sibi et faciebant omnia, que debebant;
&) corredo ? b) So c. c) So c. *^) Sonst : Carino oder Carina. e) specifi-
cantur, c. 0 Nota quod castrum sit caput civitatis et uno corpore, c.
•) Im Privileg der Kaiserin Konstanze fQr Cefaln 1198 mai, W. Acta I, 68
heisst es: »Cum ecclesia Cephal. nostris et aliis transeuntibus velut hospitale ex-
posita pateat universis.*.
Bischof Harduin Ton Gefidu und sein Prozess. 343
Ixunli et iadices per ipsam ordinsti sunt et me piesente per eum curiam
Tegebanty quod dominus episoopos negare non potail Unde notarium Hen-
rieam nomine domini imperatoris ab impeticione ipsius domini episoopi saper
hoc abeolvo.
De castelio absolvo notarium Henricum nomine domini imperatoris,
quia dominus episoopus non potest petere restitucionem castelli eiosdem,
com per litteras summi pontificis^) oonstitit michi, quod volebat illud
a domino imperatore eustodiri, maxime qoia ante destitaoionem civitatis in
posaessione inde fuerat dominus imperator^).
Item absolvo notarium Henricam de exactionibua ftctis in civitate contra
Sarracenos, quia homines civitatis iuterrogati responderunti quod non coacti,
set sponianee [et] voinntarie dederant ad confusionem Sarracenorum et utilitatem
todas Sicilie et quia iltud, quod dederant, non fuerat dominus episcopus
habiturus.
Item absolvo ipsum procuratorem de irumento, quod peciit dominus
episcopus in libello suo, quia facto raciocinio inventum est in utilitatem ecclesie
versum et sumptus necessarios, quos dominus episcopus solitus erat faoere,
exceptis vidandis illis, quas habuerunt abbas Boccadie et Simon cum aer-
vientibus suis, in quibas condempnacio £icta fuit pro domino episcopo.
De archidiacono [lohanne]^) et presbitero lohanne ezcommunicatis
vidi et audiyi, quod multooiens pecierunt instanter absolncionem» et iurare
volentes inxta formam ecclesie et fideinssoriam oaucionem idem archidiaconus
ooram me sibi dare promisit, et quia recipere noluit, culpa sibi et non
illis est merito impuianda.
De ecclesia Golisani diffinivi vice alia, eam domino episcopo adiudicando.
Item absolvo notarium Henricum super peticione restitucionis ecclesie
sancti Philipp], quia dicebat presbiterum lohannem teuere, quia per con-
fessionem domini episcopi constitit micfai dedisse usuiructaandam eam cuidam
clerioo, coi oompeteret interdictum, et eam recuperandam, et quia non con-
stitit michi per imperatorem dampnum iilatum faisae, reservata aceione
contra detemptorem.
Item abeolvo notarium Henricum super poesessionibus in libello domini
episcopi petitis, pro eo quod dominus episcopus nichil inde probavit et pars
adversa destitucionem negavit et quia constitit michi in ea possessione
restitutum, in qua fuerat ante destitucionem, et data est sibi [aj domino
imperatore potestas libera, ut possessionem omnium, que habuit destitucionis
tempore, intret.
Item absolvo notarium Henricum super eo, quod servientes domus
dioebantur recepisse per abbatem Boccadie preter statutum, pro eo quod
pro parte domini episcopi nulla fides micbi exinde facta fuit.
Et ideo hac generali racione motus, quia actore non probante^ reus si
nichil prestiterit, obünebit, tam de iure canonico quam civili dictum notarium
Henricum procuratorem nomine domini imperatoris super omnibus peticioni-
bus in libello domini episcopi expressis, de qaibus michi nulla fides pro
parte ipsius episcopi facta fuit nee ex confessione paiüs adverse ac alias
•) Nota quod cum littere d. pape non essent assignate, et fiebat, quod
i[adex?] nolebat eas observare pronunciando sentenciam, c. b) fehlt c.
'3 Diese päpstlichen ErlilBse Bind nicht erhalten.
344 Winkel mann.
michi^) legitime oonatitit, prorsns abeolyo. Ad cains rei xnemoriam preeens
scriptum per manus notarii Guillelmi puplici notarii Cepbaludi scribi feci
propriis et assessomm sabscripdonibus et sigillorum impressiombos robora-
tum. Acta in civitate Cephaludi, amio mense et indictione pretitalatLs.
Mense marcii, duodecime indictioniSy fatemur nos I.^) Maltensis epis-
oopos et B.') episcopos Melfettanus ac B. prior Cathanie yidisse scriptom
sigillatam cum sigillis magistri Bartboli tbesaararii Giisentini, tetris locandi
abbatis sancti lohannis Heremitarum et fratris Leonis prioris Oastri lohannis,
cuius soripti tenor talis est:
Die martis terciodecimo febmarü, duodecime indictionis.^. Per presens
scriptum fatemur nos Bartholus tbesaurarius Cusentinus, ihtter lucundus
abbas santi lohannis Heremitarum et frater Leo prior Castri lohannis, qaod
cum notarius Henricus, procurator domini imperatoris, super causa restitn-
cionis per dominum imperatorem Gephaludensi episcopo fbciende in claustro
coram canonicis et pluribus aliis hominibus optulisset ipsi episcopo totam
pecuniam, in qua condempnatus Mt ipsi episcopo pro parte domini impera-
toris pro restitucione, quam sibi peciit fieri, et cum idem episcopus pecuniam
ipsam recipere noilet, pre&tus procurator rogavit canonioos, ut pecuniam
ipsam oonsignatam reciperent et reponerent in thesaurario eoclesie supra-
dicte ad opus eiusdem episcopi conservandum et assignandam episcopo supra-
dictOi quandocumque illam requireret, et ab eo reciperent ipsi canonici
apodixam, sicut necessarium videretur. Quo audito idem episcopus sub pena
excommunicacionis ipsis canonicis interdixit» quod pecuniam ipsam non reci-
perent pro causa, que superius continetur. Quare ipsi canonici prefotam
pecuniam recipere noluerunt.
Vidimus eciam, quod procurator predictus precepit Guillelmo de MUi-
sandino, granitterio domini imperatoris in Cephaludo, et lohanni de Nicoiao
Textore, qui custodiebat yinum domini imperatoris in t^rra ipsa, ut fromen-
tum secundum sentenciam latam pro episcopo contra ipsum procuratorem
pro parte domino imperatoris et vinum episcopo restituerent nominato,
quandocumque illos proinde duxerit requirendos, et cum ipsum frumentnm,
et vinum, sicut et pecuniam, episcopus recipere recusasset, ad peticionem et
cautelam dicti procuratoris presentem memoriam fieri fecimus per manos
notarii Guillelmi puplici tabellionis Gephaludi sigillorum nostrorum moni-
mine roboraiam« Die mense indictione predictis^).
Dominus episcopus Gephaludi per me magistrum Bartholum Cuaen-
tinum thesaurarium oretenus^) sex [vicibus] citatus et eciam per nuneios
meos, ut reciperet restitucionem secundum sentenciam meam, [sicut] habere
debebat, ipse eam recipere recusavit. Ad ultimum dixi ei, quod paratos
eram frumentum et vinum, que pro restitucione sua habere debebat, iacere
portare ad vegetes et orrea curie sue; ipse vero omnino eandem restitu-
cionem recipere multociens recusavit. Cumqi^e expectarem ipsum per plures
dies, ut dictam restitucionem reciperet, quia ktm recipere nolebat^ dixi aibi,
A) nisi, c. b) predicta, c. c) ore ad eos, c
*) Wohl der c 1217 vorkommende Johannes.
s) Bicher Bischof von Melfi. >) 1224 febr. 18.
Biscbof Harduin von Cefalu und sein Prozess. 345
quod denanoiatam .erat michi per arcbidiaconam lohannem, per fratrem
lohannem priorem Gulisani et presbitemm lohannem, quod bona ecclesie
sae me presente plns solito dilapidat, et maxime quia, postqaam veni
Cephaludamy daas barcas de bonis eoclesie oneratas framento vino et cami-
bas et eciam qaosdam panuos sericos et tarenos miserat Panormum amasie
et filiaboä suis, propter qaod ad mqaisicionem dilapidacionis procedere
Yolebam, quo aadito idem dominus episcopos precepit Ä^tri lohanni costodi
fhimenti sab pena excommanicacionis, at super predicto frumento diceret
Teritatem* Ille vero onmino negavit, et cum precepisset eidem fratri lo-
hanni, ut iuratua dioeret, quicquid yellet super premisso framento, iurare
noluit, et sie peeiit dominus episcopus, ut ego et assessores mei inquirere-
mus de frumento et vino, que erant in domo. Quibus visis invenimus
framentum circiter salmas LXXX. in orreis ecclesie et de vino erant sahne
in vegetibus ecclesie, et antequam videremus frumentum et
▼inum, ostendit nobis quamdam capellam episcopalem, quam
Unde rogavit, ut ego cum assessoribus meis irem Poilinam et inquirerem
de framento et animalibus, que ibi erant, et sie ivi cum assessoribus meis
Poilinam, ubi inveni salmas frumenti circiter L.; de animalibus propter
superrenientem pluviam inquirere ibi non potui, ut decebat. In reditu
aatem meo exposui domino episcopo, qualiter frater lohannes
de Coracio Gulisanensis prior, canonicus ecclesie, [lohannes]^) archidiaconus
Cephaludi [et]^) presbiter lohannes denunciaverunt michi, quod ipse aliena-
Terat plures possessiones ecclesie et in multis dilapidaverat et cotidie dila-
pidat bona ecclesie, et volebant oculo ad oculum dilapidacionem ostendere,
multociens potentes licenciam a me, ut caperent bona ecclesie, que de man-
dato ipsius domini episcopi asportabantur et dabantur inhonestis personis.
Ad que respondit dominus, ut predicta in scriptis redigerem et mane se-
quenü sibi ostenderem. Mane autem facto congregato capitulo et accersito
domino episcopo, legi sibi capitula, que assignaverunt michi frater lohan-
nes de Syracusia, archidiaconus et presbiter lohannes, quorum continencia
talis erat:
>No8 frater lohannes de Syracusia^), lohannes archidiaconus Cephaludi
et presbiter lohannes beneficialis ecclesie Cephaludi denunciando dicimus
tibi magistro Bartholo Cusenüno thesaurario, qui loco domini Cusentini
archiepiscopi, cui commissum fnit auctoritate apostolica, super ecclesia venisti,
denunciamus tibi, sicut denunciavimus domino pape, cum fuimus ante pre-
seuciam suam, quomodo iste Cephaludensis episcopus Aldoynus dilapidaverat
bona ecclesie nostre et cotidie dilapidare non cessat, sicut in hiis capitulis
inde subscriptis continetur:
In primis quasi sunt Septem anni, quod est in ecclesia nostra, in qua
percepit de redditibus ecclesie plus quam septuaginta millia tarenorum, de
quibus ad utilitatem ecclesie nicbil expendisse videtur.
De ecclesia sancte Lude de Syracusia, que est de obediencia istius
ecclesie, recepit tria millia tarenos.
Item alienavit quasdam possessiones ecclesie, videlicet unam optimam
calturam de melioribus terris ecclesie, que de demanio fuit ecclesie, et do-
minus oontulit Christiane et Leoni affinibus suis.
ft) fehlt c b) So c; vorher de Coracio, S. 847 Gracio, aber S. 854 de Syracusia.
MittheiloDgen, Erfrftnzaiigsbd. !• 23
346 Winkelmann.
Item oonoesait qaibosdam suis fieri molendinom in magna vinea ecclesie,
que propter illud molendinom destruitor.
Item contra volontatem canonicoram conoessit in dampnam ecclesie
quoddam molendinum ecclesie cuidam Marino pro tarenis GLXXX^ de quo
poterat habere eeclesia singalis annis tarenis GG^ et modo penitos per illam
est destractom, sie quod niohil habet eeclesia.
Item com qnidam nomine Pamphilius possederat ad censom qoasdam
possessiones» que fiienmt fratris lohannis camerarii, quas ipse episcopos de
iure sine difQcaltate posset acquirere ecclesie sue, ipse alienavit eas et eroit
ad opus filii sui Ber[ardi]*).
Item alienavit quandam domum, que est iuxta ecclesiam, quam que-
dam mulier nomine Maria contuiit infirmarie, et iste emit ipsam ad opus
filii sui Ber., quem magis diligit quam ecclesiam.
Item vendidit lanuensibus duo millia et ducentos tarenos de frumento
ecclesie.
Item infra tempus istud habuit de demanio ecclesie fere daodecim
miliia tarenorum, de quibus non expendit ad utilitatem ecclesie.
Item de quadam villana, que fuit de eeclesia sancte Lucie de Sjracusia,
quam dedit filiabus suis pro ancilla.
Item quomodo Leonus afßnis meretricis sue, quam habet Panormi, de
mandato et eciam cum litter is ipsius episcopi recollegit decimas Pollicii et
detulit Panormum cum filiabus suis.
Item quomodo episcopus habet Pauormi duas filias et Gephaludi duos
filios, videlicet quem contra constitucionem concilii^) ordinavit et benefica-
vit^) eum in eeclesia ista, et alium, quem habet de quadam muliere
nomine Isabella, que cotidie cum filio suo sustentatur de bonis ecclesie.
Item cum comes Paulus^) pro redempcione anime sue et suorum
contulisset tenimentum Roceile cum terris ipsis ecclesie cum privilegio ab
eo ecclesie &cto et episcopus deberet ampliare bona ecclesie sue, alienavit
ipsum ab eeclesia et contuiit ecclesie [sancte Marie MontisJ^') Yirginis et
fecit inde Privilegium^).
Item de plumbo, quod devenit ad manus domini episcopi, quod valde
erat utile et necessarium ad opus ecclesie, vendidit ipse totum.
Item sicut puplica fama testatur, habet episcopus piures amasias in ci^tate.
Item de rebus ecclesie dei impinguantur et sustentantur et sie pro
talibus eeclesia salvatoris cotidie destituitur. *
Quibus lectis et auditis presentavit mich! idem dominus episcopus
quasdam allegaciones suas in scriptis, quarum oontinencia talis erat:
a) Hier und im folgenden Ber., ausgeschrieben S. 34 9. b) So c. c) Er-
gänzt nach S. 858.
1) 1215 tit. 81 in decret Greg. IX. lib. 1. tit. 17 de filiis presb. c. 16.
>) Paulus von Gicala Graf von Aüfe und Gollesano, regle private masnedae
mag. ooinestabulus, machte 1205 febr. diese Schenkung. Pirrus p. 804. Orig. jetzt
im Staatsarchive Palermo.
*) In Friedrichs Güterbestätigung für Montev ergine 1220 dec. HuilL^Br^h.
II, 86 wird Roccella nicht erwähnt, wohl aber in der von 1224 febr. ibid. 408, und
zwar mit dem Zusätze, dass Paul von CoUesano dieses der Abtei selbst geschenkt
habe. Poch ist gerade diese Urkunde einigermassen verdächtig. B, F. nr. 15 J5,
Bischof Harduin von Cefalu und sein Prozess. $47
»Garn voa, domine thedaurarie Gaaentine, proponatis procedere ad ßicien-
(km inqnisicionem de me de sospectione dilapidacionis, dico ego Gephalu-
densis episcopos, qnod non debetis nee potestis, cum adhac causa restitu-
eionis mee et ecclesie mee non sit terminata, sei suspensa est per appella-
donem ad dominum papam interpositam. Vos enim non debetis fines mandaü
excedere, »et firmiter observare. -Unde cum in mandato domin i pape con-
tlneatar^ quod postquam pleno fuero restitutus et pacificam et corporalem
adeptos possessionem, tunc deberetis videre, si sum merito de dilapidacione
suspectus, cum adhuc restituoionem ipsam, iuxta quod dominus papa pre-
eepit et de iure michi et ecclesie competit, habere non possim, non est
aliquatenus procedend»um, et si forte velletis me in hoc ^),
domini pape audienciam appello. Et dico eciam vobis, quod ad inquisiciones
dilapidacionis procedere debetis, si aliquis de illis, quorum interest, clamaret
conto *me Tel eciam per evidenciam apparerem dilapidator; set per graciam
ereatoris non est, qui clamet contra me, cum non sit in me, quare posait
äliqaiä de iure clamare. linde apparet, quod mandatum fuit dumino pape
sagestum. Uli enim duo lohannes de ^), Johannes de ... .^)
non sunt nee in hiis nee in aliis audiendi, quia excommnnieati sunt, suis
cnlpis exigentibus, et inimici capitales, et ideo vera non dicunt^ quia male-
voli et nukledicti sunt et nichil habent in ecclesia. Verum ad innocenciam
meam excusandam paratus sum probare, quando locus erit et ubi expedit,
licet probacione non indigerent, que sunt Omnibus manifesta, quod cum
a promocione mea fuerim fatigatus per iura ecclesie acquirenda et defen-
denda et invenerim ecclesiam meam fere destructam, non queeiri, que mea
sont, sei Jesu Christi, et ad r^Miracionem non ad dilapidacionem efBcaciter
laboraYi, et cum oportueht me ad dominum imperatorem ire in Alemania *)
et ad dominum papam usque Viterbium^), nullo modo eoolesiam meam
gravavi onere debitorum, set propriis stipendiis militari cum eo modico,
qaod in mendicitate de ecclesia habni, nee -propterea destiti resarcire detri-
menta ecclesie Nam cum domuse piscopales erant penitus destructe, vinee
dissipate et quedam alienate, in primis domos episcopales reparavi, vineas
feci aptari, alienatas ab antecessore meo de demanio eoclesie revocavi, eecle-
siain eciam cepi simüiter reparare, set prupter turbacionem et paupertatem
Qou potui perficere opus, quod incepi, sicut in fenestris apparet et in aliis
edificiis, que potui facere.
Item castellum Polline, quod erat alienatum a dominio et demanio
ecclesie neo habere poterat ecclesia, statui ad demanium ecclesie revocare
et redemi illud a detemptore pro tarenis octingentis.
Item cum ecclesia non haberet nisi unum boTem, roncinnm unum
claudum, nee asinum nee iumentum nee ovem nee porcum nee capram vel
aliqood aninial, nunc per graciam dei abundat ecclesia in maxima quantit<ate
preter ea animalia, que per ministros domini imperatoris et per castellanum
Cephaludi michi fuerunt ablata, postquam ea cum multo labore acquisivi.
t^] innuare, c. (?) b) Gracio, c. VgL oben S. Si5 anm. b. c) Cuat, c.
*) Vor 1820, wahrscheinlich um Friedrichs Conbcns zu seiner Wahl zu be-
schaffen. -
') Honorius III. ist 1219 oct. 6 bis 1220 iuni 3 und 1220 oct. 5—10 in
Viterbo gewesen.
23*
348 Wankelmanü.
Item stadui oves acquirere poroos vaccas boves asinoe et equitaturaa,
ita quod per graciam dei abundat ecclesia modo predidds animalibas, sicat
apparei
Item cum ecclesia non haberet nisi unnm calicem argenteum et yesti-
menta pauca, meo studio sunt ibi multi calices argentei, cmz, toribalam,
animalia^), ampullas, * capellam eciam episcopales, satis de cera, casule,
cappe non pauce et alia ad ornatom ecclesie, que ante promocionem meom
ecclesia non habebat.
Item com canonici ante promocionem meam iuzta statuta ordinis non
possent habere necessaria, yictns et tegomenta, modo per graciam dei
abundant et qoiete deo serviunt» dam modo essent, qui me et illos in pace
dimitterent.
Item cum balneum ecclesie esset destructom et XX. annis et amplins
iam elapsis ecclesia inde obalnm non habuerit, de quo quingentos tarenos
annuatim recipere consuevit» ipsum stadui reparare, sie quod per graciam
dei modo consequitur ecclesia non modicum emolumentum.
Item facta sunt molendina in civitate in tempore meo, de quibus
maius commodum consequitur ecclesia, quam de aliis iactis tempore ante-
cessoris mei.
Item cum ecclesia consueverit habere tria molendina apud Bocellam et
de ipso non habuit aliquod emolumentum XX. annis et amplius iam elapsis,
tamquam que tempore antecessoris mei episcopi lohannis cum aliis bonis
ecclesie fuerunt destructa, tempore meo duo ex ipsis sunt reparata, de
quibus ecclesia non modicum sequitur emolumentum , et tercium esset
reparatum, nisi essem sicut sum fatigatus.
Item in tempore meo acquisita est ecclesia sancte Marie de Rocella
ecclesie mee, que tempore antecessoris mei in nuUo respondebat; nunc
tenetur ecclesie mee singulis annis respondere de censu quatuordecim
tarenorum, obedienciam et reyerenciam exhibere, procuraciones XX. hominum
et XX. equitaturarum dare prelato singulis annis, cum parrochiam yisitaverit,
legatos ecclesie Cephaludi procurare, ad synodum yenire et alia, que in
priyilegio continentur de subiectione facienda nobis et suocessoribus nostris.
Item cum tempore antecessoris mei alienata essent tenimenta et casalia
sancte Lucio de Syracusia, studio meo reyocata sunt, ita qaod, benedictus
deus, ipsa tenimenta habemus exceptis illis, que a baiulis domini imperatoris
nobis occupata detinentur.
Item illud idem dicimus de Mistretta, de Oapicio et Camarata et Calata-
buturo, in quo eciam decime per ipsum antecessorem meum fuerunt distracte
et alienate intuitu affinitatis; tempore yero meo omnia sunt ad demaniam
ecclesie reyocata et animalia omnia sant ibi, yidelicet oyes yacce boyes
et asini.
Item in Calatabuturo et Scillato reparatum est molendinum meo studio,
de quo XX. annis et amplius iam elapsis ecclesia nichil habuit, et per
baiulos domini imperatoris fuit destructum et adhuc molas detinent yiolenter.
Sic igitur, si in hiis omnibus meritum me ostendat de dilapidacione
suspectum, yideatis yos et ille, qui iudicat orbem et habet de hiis et aliis
iudicare, iudicabit et meam innocenciam liberabit, cum non sit aliquis, qui
a) So c.
Biflchof Harduin von Cefalu und sein Prozess. 349
me possit accnsare, qnod aliqnod de bonis vel posseseionibus ecclesie [dila-
pidaverim]^) pro tantis et talibus necessitatibus, qnas oportuit me snstinere,
eondo in Alamanianiy Yiterbiam, Bomam et in Apoliam ad dominum papam
et dominum imperatorem pro iure meo et eoclesie mee in proprüs stipen-
diis. Cum consanguineis meis militavi pro ecclesia dei, sustinendo &mem
penuriam laborem et erumpnam cum illis paucis redditibus, quos vix ad
tenuis vite sustentacionem tam nos quam conventus vix habere poteramus. *
Demum interrogatus super primo capitulo de tarenis octoginta^) milli-
bus oretenus re&pondit» quod tarenos ipsos non habuit, cum de ecclesia
Policii Galabuturi Golisani Gamarate Polline Syracusie et aliis obedienciis
eodesia nichil habuit, quia tempore guerre fderunt occupate a latronibus
et militibuB provincie, niai quosdam reddiiniB civitatis Gephaludi, de quibus
deductis expensis castri et conventus et suis nichil remanebat.
Item de possessione Bari^') dixit, quod ecclesia nullam ibi habuit
possessionem.
Item de possessionibus eoclesie, videlioet una optima cultura demanii
et domo collata Christiane et Leoni, respondit» quod dedit eis ipsam cul*
taram ad &ciendam vineam, et cum venerit ooadiutor, revocabit ea, que ad
ecclesiam viderit revocanda.
Item de molendino oonstructo in maiori vinea ecclesie dixit, quod ad
atilitatem ecclesie factum est et non ad dampnum.
Item de molendino dato Marino dixit, quod antequam Privilegium
factum esset eidem Marino, non potuit habere de ipso molendino nisi tan-
ium tarenos CLXXX.; »postquam vero factum fuit inde Privilegium, inveni
bomines, qni volebant inde dare singulis annis tarenos CC. et non recepi,
quia nolebam ire contra factum meum,* et dixit, quia non dedit contra
Toluntatem canonicorum, immo cum voluntate eorum, sicut apparet.in
privilegio.
Item de possessionibus fratris lohannis camerarii respondit, quia Ber.
emit, et quicquid habet Ber., ecclesie est, quia clericus et filius ecclesie est
Item de domo M[arie] similiter respondit, quia Ber. emit, et quicquid
habet Ber., ecclesie est, et filius est ecclesie.
Item de frumento vendito lanuensibus respondit: »Verum est, quod
vendidi frumentum, set qro utilitate ecclesie, non tamen propter hoc habuit
neoessitatem curia.*
Item de villana ecclesie data pro ancilla amasie et filiabus suis negavit.
Item de decimis Policii collectis per Leonem et missis Panormum
filiabus suis negavit et dixit, ut pars adversa probaret.
Item de duabus filiabus Panormi et duobus filiis Cephaludi et de
Berordo, videHcet quem contra ordinacionem concilii ordinavit et in ecclesia
Cephaludi beneficavit ^), et de alio, quem habet cum Isabella, qui cotidie
sostentatur de bonis ecclesie, de Berardo respondit, quod beneficavit*^) eum
et dixit, ipBum non esse suum filium, adiungens, ut pars adversa probet
esse suum fiUum; de aliis non respondit, set sub silencio preterivit.
Item de Bocella dixit, quod [quia] nichil inde habebat ecclesia, ordi-
I navit sie, quod habet inde annuatim de incensu mediam unciam auri, et
») Fehlt c 1>) In der Benunciation : septuaginta. <:) Hiemach scheint in
der Denundation ein Elagpunkt ausgefallen zu sein, d) So c.
350 WinlEclmann.
semel in anno, cum transiret, inde pro se et XX. hominibus et XX. eqni-
tatui-is debet habere corredum, et si qnis canonieorum ecclesie inde trans-
itom faceret^), tarn in eundo quam redeundo debet inde habere neoes-
daria. Dixit eciam, quod iratres ipsias Bocelle inraveront sibi et ecclesie
aue obedienciam, sicat apparet [perj instrumentum inde factoni; promisit
eciam miclii illud ostendere Privilegium, et non oatendit.
Item de plumbo dixit» quia inceperat preparare fenestras et pro super-
venientibus tot et tantis perturbaoionibus complere opus non potuit, et sie
dimisit
Item dixit, quia proventus tunnarie unius anni dominus Panormitanus
archiepiscopus et Biccardus de Carino habuenmt.
Item dixit, quod iam dictus dominus Panormitanus archiepiscopus
quamdam summam pecunie de cabella civitatis ceperat pro redimendis
pignoribus.
Item ad ultimum fecit portare quatemiones suos, per quos reddidit
michi racionem de qoibusdam, que habita fuerint de ecclesia sua per bleu-
nium; de aliis annis dixit, quod fuit destitutus et quod nichil haboit de
bonis ecclesie, sicut manifeste poterat constare michi per conventom et
clericos suos, dicens ut ab eis inquirerem in absenda soa, et sie surgens
volebat se absentare, donec facerem inquisicionem predictam a canonicis et
ciericis suis. Cumque dicerem sibi, ut non absenstaret se, donec videret
eosdem canonicos et clericos iurantes, quia iuxta mandatum apostoUcum a<i
requisicionem procedere volebam, cum per eum stetiseet, quominns restitatus
pleno fuisset, a canouicis et ciericis ipsius ecclesie scire volui, si scirent
ipsum dilapidasse bona ecclesie Cephaludi, sicut domino pape fuerat sugestam.
Quo audito idem dominus episoopus appellavit sub pena excommunicacionis
et interdixit eis, ne aliquis diceret de dilapidacione ipsius nee coram me
yenireni Cum igitur iniungerem ipsis [et] multociens monerem auctoritate
apostoliia, ut sicut deberent testimonium perhiberent ventatis, si eorum
episoopus, sicut summo pontifici fuerat suggestum, esset merito de dilapida-
cione suspectus, inhobedientes michi extiterunt, propter quod eis divinam
officium interdixi, et dominus episcopus me presente precepit, ut divinam
officium celebrarent. Ipsis vero celebrantibus, monui eos pluries, ut de-
sisterent, quia super hoc non michi, set domino pape ÜBciebant iniuriam,
cuius auctoritate divinum officium eis interdixeram. Sane quia plures dies
post interdictum meum celebrare in contemptu summi pontificia miaime
desistebant et sie postea crescente contumacia eorum crevit et pena, ipsos
auctoritate apostolica excommunicacionis vinculo innodavi, donec michi, sicut
deberent, immo mandato apostoiico obedirent, propter quod idem dominus
episcopus in me excommunicacionis sentenciam promulgavit
Verum quia nicbilominus quidam eorum puplice celebrabant ^) divina
et quidam eorum interesse divinis per plures dies minime formidabant nee
michi super preuiissis obedire volebant, precipiente domino episoopo, quem-
dam canonicum Mnzarie et quemdam clericum Panorroi et quosdam clericos
et laicos Cephaludi mandato meo, immo apostoiico, obedientes super causa
dilapidacionis, sicut debui de iure, incepi recipere, eorum deposiciones redi-
a) fac. habuerit, c.
^) celebrantes, c.
Bischof Harduin von Ce&lu und äein Prozess. 351
gentes in scriptis, qtii clerid, quia mandato meo, immo apostolico, super
premissis obediente? fuerunt, a prefato domino episcopo excommunicati
^erunt et a liminibriB ecclesie et congregacione fidelium sequestrati. Uli
aatem elerici, qui michi inobedientes extiterant, licet propter inobedienciam
btuun per me esaent excommunicaciosis vincalo innodati, de mandato ipsius
domini episcopi pnplice cnm eo diyina celebramnt. Tarnen anteqoam testes
Uli, qnoe recepi, inrarent, monui et requisiyi ipsom dominum epi/)Copum,
ut veniret et eos iurare videret. ad quod micbi respondit, quod super hoc
michi nullatenus obediret.
Interim vero notarius Henricus, procurator domini impemtoris, a me
preÜBito magistro Bartholo et assessonbus meis peciit litteras testimoniales,
quomodo lata sentencia statim se paratum ostendit ad satisfaciendum domino
episcopo tarn in pecunia quam in rebus, sicut a nobis fuerat iudicatum, et
qualiter dominus episcopus recipere recusayit. Rogavit eciam me et asses-
sores meos, quia interim in presencia nostra presentibus canonicis ecclesie
Cephaludi volebat offerre pecuniam et edam ponderare eam, ut presentes
essemns cum ipso, pondus et oblacionem ipsius pecnnie yidentes, cuius
precibus annuentes clauslrum ipsius ecclesie intravimus, et dum ibi resi-
deremus, presentibus venerabilibus sancti lohannis Heremitarum [et] sancti
Georgii de Gratteria abbatibus, fir«tre Leone priore C: stri lobannis, domino
B a) canonico Nicosie, fratre BonifiEicio sancti lohannis Heremitarum
monacho et fratre Bernaldo sancti Georgii de Gratteria monacho, presbitero
Nicoiao cappellano ecclesie sancte Marie de Castro lohanne, assessoribus
meis, presentibus et omnibus canonicis et quibusdam olericis et laicis Cepha-
ludi, \ocato ad hoc domino episcopo, predictus Henricus pecuniam, in qua
ni>mine domini imperatoris condempnatus extiterat, eidem domino episcopo
optulit dioens: »Domine episcope, ecce pecuniam, quam secundum vigorem
sentencie tenetnr vobis dare dominus Imperator. Becipias illam ad opus
tuum* — et statim extiaoto auro de bursa ponderari fecit illud — »Licet
in continenti laüi sentencia satisfacere fuissem paratus, tamen de maiore
securiiate illam pecuniam coram te ponderari feci et coram canonicis tuis
iuste ponderatam nomine domini imperatoris assigno. Frumentum [et]
vinum, quia coram te portare nequivimus, faciemus ea portare tibi in orreis
et dolus tuis * Quam pecuniam dominus episcopus recipere recusavit dioens,
quod ex quo ad dominum papam appellaverat, nolebat eam recipere, ne sibi
preindicinm fieret appellanti.
Ad quod ego predictus magister Bartholus respondi: »Ecce, domine
episcope, scitis*^), quod oretenus*^) sex vicibus requisivi et monui vos, ut
deberetis recipere restitucionem predictam, et hec est septima et ultima
requisicio, quam facio Yobis in presencia istorum virorum, ut tarenos et
alia, que vobis a procuratore domini imperatoris inxta sentenciam meam
offeruntur, si placet, recipere debeatis. AHoquin licenciabo procuratorem
it^tum, ut recedat cum pecunia et rebus aliis supradictis. ^
Ad hec respondit dominus episcopus: »Nullo modo recipiam restitu-
cionem predictam, nisi prius facias michi instrumentum, quod non sit michi
preiudicium, cum possim ad dominum papam de residuo habere recursum.
£go autem sibi respondi promittens ei in ea veritate, que in^) Christo
ft) Bnfiato, c b) satis, c. c) ore ad eos, c. <i) quia c.
352 Winkelmann.
est» qaod habito consilio prelatorum et alioram Yiroram snper [restitacione]
predictorum, si de iure fuerit, non tantum instramentum, vertun eciam
omnia soiudio pontifici per meas litteras intiinabo, sine preiudicio partis
adverse, pro eo qaod contomax appellare minime potoit. Unde oonsulo et
moneo, ut tarenos presentes, qui pro reeütacione sua ei offerontur, recipiat
et reponat in ecclesiam, que nt apparet multum indiget reparacione, qoia
nolo, ut inde fiat sibi preiadiciom, si de iure fieri non debet.
Cum igitur procurator domini imperatoris satisfacere paratus esset [et]
adimplere, quod in condempnacione devenerat, [set] tarenos ipsos et alia,
que pro restitucione suo offerebantur, ad frequentem anunonicionem et
requisicionem meam dominus episcopus recipere noluisset» licenciato procu-
ratore domini imperatoris, quarto precepi eidem domino episcopo auctoritate
apostoiica, ne mandato apostolico impedimentum procuraret, etiam canonicoe
et clericos a vinculo excommunicacionis absolveret, quos ipse innodaverat;
si ad requisicionem et monicionem meam prohiberet testimonium perhibere
veritati, secundum^) quod suggestum fuerat summo pontifici, ipsum de
dilapidacione fore suspectum.
Ad hoc quidem dominus episcopus respondit, quod hoc non faceret.
Tamen placebat ei, ut quemcumque vellem, coadiutorem sibi darem, ex quo
habebatur de dilapidacione suspectus, et ad toUendam suspectionem volebat,
ut ille in omnibus temporalibus administraret, preter quam in spiritualibos,
que tantum sibi reseiTabat, donec dominus papa super restitucione sua
preciperet, quod placeret. Super causa vero diiapidacionis respondit, qaod
non appellabat nee appellare volebat.
Super quo sibi respondi, quod nolebam ^), ut predictus coadiutor baberet
aliam potestatem nisi illam, quam de iure habere poterat vigore mandati
apostolici, quod apparet.
Contra ipse tercio replicavit, quod onmibus temporalibus obrenunciabat»
preterquam spiritualibus, [que] sibi tantum servabat, dicens^), ut quem-
cumque vellem, coadiutorem sibi darem.
Cum igitur tam ex fama quam ex dictis clericorum et ex prohibicione
canonicis et clericis facta idem dominus episcopus michi suspectus mani-
festissime videretur, licet ad maiorem cautelam quosdam alios clericos et
laicos, qui iuraverunt super premissis perhibere testimonium veritati, paratus
essem examinare, quia placuit dicto domino episcopo, ut quem vellem,
coadiutorem sibi darem, dictos clericos et laicos examinare obmisi et habito
cum deliberatione consilio ad dandum ei coadiutorem processi.
Ego frater locundus humilis abbas sancti lohannis Heremitarum, visis
originalibus et lectis de verbo ad Terbum, huio exemplo per notarium
puplicum transumpto subscripsi et sigillum proprium impressi.
Ego frater Girardus humilis abbas ecclesie sancte Georgii de Grattoria,
▼isis originalibus et lectis de verbo ad verbum, huic exemplo per notarium
puplicum transumpto subscripsi et sigillum proprium impressi.
Ego frater Leonus prior Castri lohannis, visis originalibus et lectis de
verbo ad verbum, huic exemplo per notarium puplicum transumpto sub-
scripsi et sigillum proprium impressi.
Ego presbiter Nicolaus de Castro lohanne, visis orginalibus et lectis
a) sicut, c. b) nolebat, c c) dixit, c.
Bischof Harduin von Cefaln und sein Prozesa. 353
de yerbo ad yerbnin, hnic ezemplo per notarinin puplicnm iranstunpto
subsoripsL
%o frater Boni&cius monacus sancti lobannis Heremitarom , yisis
origmalibns et lectis de verbo ad yerbum, baic exemplo per notarium
paplicmn transumpto subscripsi.
Ego frater Baynaldiis monacbus sancti Georgii de Gratteria, visis
originalibus et lectis de yerbo ad verbum, buic exemplo per notarium
pnpliciim tranacripto subscripsi.
^)Constantinus iuratus dixit, quod ante tempus destitucionis domini
episcopi, et eodem tempore, quo ftiit destitutus, dabat per diem quatuor
qoartarias de vino ad opus canonicorum, que quartarie quatuor &ciunt
mediam salmam. Similiter dixit, quod pro castello dabat ante tempus
destitucionis domini episcopi quartarias quatuor de vino minus iustam unam
per diem; post tempus vero destitucionis dabat integras quarterias quatuor;
novem enim iuste faciebant quartariam unam« Item dixit, quod pro clericiB
et famiHa dabat ante t-empus destitucionis et tempore destitucionis domini
episcopi sex quartarias de vino; similiter sex quartarias dabat eis post
tempus destitucionis. Item dixit, quod pro campo dabat unoquoque die
quartariam mediam^). Item dixit, quod pro domino episcopo et propria
familia sua dabat unoquoque die quartarias tres. Item dixit, quod pro
feste sanctisssimi salyatoris dedit salmas quinque de vino. Item dixit, quod
per totum mensem madii habuit vinum tota domus preter solum conven-
tum, qui habuit yinum per totum mensum iunii. Interrogatus si sciret
mensuram et numerum vini, dixit nescire. Interrogatus si fuit expulsus
per ministeriales domini imperatoris a buttilleria, dixit quod non.
lohannes expensarius^) iuratus dixit, quod ante tempus destitucionis
donuni episcopi et tempore, quo iuit destitutus, pro tota domo, exceptis
dericis et laboratoribus, expendebantur per mensem salme frumenti trededm;
post tempus vero destitucionis expendebantur salme quatuordeoim et ruba
una. Interrogatus, quod clerici et laboratores percipiebant per mensem,
dixit se nescire.
Dionisius iuratus dixit, quod Simon quondam secretus recipiebat ootidie
vidandas duas canonicoruin de coquina conventus, videlicet rotulum unum,
et quartam ^) de camibus, quando cames comedebantur. Interrogatus, quot
vidüide canonicorum erant de sedecim preter duas vidandas canonicorum,
qnas aocipiebat notarius Simon, et preter vidandam unam canonicorum,
quam acdpiebat infirmerius et refictorerius, ^). Interrogatus, qaot
tarenos recipiebat unoquoque mense, dixit quod tarenos GXX. et de hüs
tarenis procurabantur conventus et &milia domus, et ipsos tarenos recepit
a sextcT decimo die septembris usque ad decimum diem aprilis undecime
indictionis^).
Frater Johannes custos iuratus dixit, quod de campo ecolesie habuit
salmas octoginta quatuor et dimidiam anno XI. indictionis. Item dixit, de
dedma habuit salmas septuaginta quinque de civitate Gephaludi, item de
a) Hie videtur deficere principium, sicut deficit finis, c. b) meam c c) Ex-
penserias, c d) So c. e) Keine Lücke c.
1) D. h. 1222 sept 16 bis 1228 apr. 10.
354 W i u t e 1 m a n n.
Pollinu habuit post destitacionem domini episoopi salmas viginii noTem,
item de CalAbutaro habait salmas decem. Item de molendinis Bochelle
habuit Baimas de fromento tempore Simonis notarii et nbbatis Roccailie
tredecim et tuminos^) sex et tempore domini episcopi, quando fuit destitutas,
salmas XXIIl. Item de Asinello habait ante tempas destitacionis domini
episcopi ad tuminos Cepbuludi salmas qainqae et tuminos decem et de
ordeo salmHS daas et taminos decem. Interrogatos, quot salme fmmenti
sufiicerent pro conventn ante tempns destitacionis et tempore destitacionis
domini episcopi, dixit, quod salme tredecim et dimidia per mensem, post
tempas vero destitacionis expemlebantar salme quatuordecim. Pro clericis
ante tempus destitacionis et tempore, quo ftiit destifutus dominus episcopas,
expendebat salmas quinque et tuminos duos. Item pro laboratoribus et
zappatoribus ante tempus et tempore destitucionis domini episcopi expendebat
per mensem de frumenio tuminos quatuor. Item pro furesteriis et ser-
viente domus et lavandaria conventus et budunariis^) domus expendebat
ante tempus destitucionis et tempore destitucionis et post tempus destita-
cionis tuminos de ii*amento quatuordecim et dimidium. Item dixit, quod
pro castello expendebat per mensem ante tempus destitucionis et tempore,
quod fuit destitutus dominus episcopus, usque ad restitucionem suam de
frumento salmas sex et de ordeo salmam unam et tuminos quatuor; post
^ero destitucionem suam recepit salmas octo per mensem et de ordeo sal-
mam unam. Item dixit, quod pro campo ecclesie expendit de ordeo ecclesie
salmas decem et Septem. Interrogatus, quis abstulit ei clayem tempore, quo
dominus episcopus erat destitutus, dixit, quod cum mense septembris iret
ad vineam, dimisit clayem priori ; postquam rediit, invenit claves in manibus
Simonis quondam secreti. Interrogatus, quando fuerunt restitute sibi claves,
dixit quod idem Simon rcbtituit ei claves de mandato magni secreti infra
iulventum domini, et misurato ^) frumento inyenit salmas sexaginta quinque ;
quando venit dominus episcopus, invente sunt decem et Septem salme fru-
menti in granario.
Thomas diaconus iuratus dixit, ^aod vigilia sancti lobannis baptiste,
postquam dominus e])iscopus fuit restitutus, habuit in custodia sua per
clerioos vegetem unam vini, in qua invente sunt salme duodecim et dimidia,
de quo vino procuravit clericos a predicta vigilia usque per totum mensem
iulii XL indictionis ^).
Iudex lulianus iuratus dixit, quod cum esset in presencia tocius con-
ventus ecclesie Cephaludi, Ardichonus et socii sui, qui tunc daanerii erant,
assignare volebant tarenos quingentos ipsi conventui et c*:»nventus precipiebat
eis, ut assignarent eos fratri lohanni de Syracusia et fratri Petro Grasao;
ille vero dixerunt, quod non assignabimus nisi vobis et vos assignetis cui
vnltis, et sie recepit eos me vidente frater lohannes de Syracusia per
manuH unius canonicorum de ipso conventu, cuius nomen ignoro, Inter-
rogatus, quare fuerunt soluti tareni illi, respondit, quod audivit lohannem
de Syracusia et fratreni Petruni Grassum dicentes, quod nus portabimus
ipsos tarenos pro salute ecclesie Romane. Dixit eciam, quod audivit Ardi-
chonum^) dicentem, quod habebat specialiter in mandatis, qaod non aHsi-
a) tum., c. b) So c. c) Archidiaconum, c.
*) 1228 iuni 2S bis iuli 81.
Bischof Haxduin von Cefaln und sein Prozess. 355
gnarei eos nisi conventui. Interrogatos si sciret, per quem Latus statutus
esset baialus, respondit, quod in consuetudine in privilegio habetur, quod
quando aliquis baiulus statuendus*^) est in civitate, de communi volnntate
civiam eliguntur tres homines et presentantur domino episoopo, si presens
est» vel oonTentui, si est absens dominus episcopus, et ex illis eligitur unus
a doiiiino episcopo vel a conyentu, si absens est. Unde cum non esset
baialus in civitate, de communitate civinm electi sunt tres boni homines,
scilicet dominus Guillelmus de Milis, Andreas lobannis de Grattena et
dominus Letus miles, et presentati fuerunt conventui, et conventus reoessit
in partem et babito consilio elegerunt ipsum dominum Letum. Interrogatus
de mercedibus, quis de consuetudine civitatis habere debebat, respondit,
quod a dimidia uncia et infra habet baiulus ; si vero niaior ^) est a dimidiu
uncia et »upra, habet .
Gonstantinus de Archangelo iuratus dixit, quod rogatus a domino Ardi-
uhono fuit, ut iret cum eo ad eonventum, quia sub testimonio suo dare
volebat eis tarenos, de quibus, ut audivit ab ipso Ardichono tnnc temporis
duanario, babebat in mandatis, ut ipsos tarenos conventui assignaret, et me
presente [et] vidente presentavit ipsos tarenos idem Ardichonus conventui
dicensy cui placet ut assignet tarenos ipsos, et oonventus precepit ei, ut
assignaret tarenos ipsos fratri lohanni de Syracusia, et eo presente et vidente
eidem fratri iohanni assignati ilierunt. Interrogatus, si sciret, quare fuerunt
soluti tsreni ipsi, dixit, quod pro itinere Komam. Interrogatus de tem-
pore dixit, quod a biennio et infra De Leto, quaiiter et per quem fuerit
statutus baiulus, et de mercedibus illud idem dixit -per omnia, sicut dixit
iudex lulianus, excepto quod non fecit interrogacionem de privilegio.
Bonaquistus miles iuratus dixit illud idem per omnia de tarenis quin-
gentis, sicut dixit iudex Ooetantinus De I eto, quaiiter et per quem fuerit
dtatutus, et de mercedibus dixit se nichil scire.
iudex Adam Dilecti iaratus dixit, quod de facto quingentorum tare-
noruiii et de Leto, per quem fuerit baiulus constitutum, dixit se nichil scire.
De mercedibus vero dixi', quod baiulus habet ipsas inercedes, quando ipse
regit curiam, sive magnas sive parvas mercedes. De offensis «ravibus^), de
quibus coram domino episcopo curia regitur, idem dominus episcopus accipit
eas pro voluntate sua.
Leo de AzuHna^) iuratus dixit, quod cum esset socius domini Ardi-
choni in duana, dixit ei dominus Ardichonus, quod habebat in mandatis
a secreto, ut daret de voluntate et maudato conventus tarenos quingentos
fratri lohanni et fratri Pdiro et sociis suis, qui debebant ire Romam, et sie
ipse cum eodem domino Ardichono iverunt et presentaverunt tarenos ipsos
priori et conventui, dicens dominus Ardichonus: Ecce quod nos habemus in
mandatis, ut si de mandato et voluntate vestra demus tarenos istos fratri
lohanni de Syrac isia et sociis suis; cui placet, quod demus? Bespondit
prior et conventus: Assigna eos fratri lohanni de Syracusia. Interrogatus
de tempore dixit, quod a biennio infra. De Leto dixit, quod fuit statutus
baiulus in illum modum, quem<^) dixit iudex lulianus. De mercedibus
dixit se nichil scire.
ft) statutus, c. b) monöfi, c v) gravis c. d) Azuria, c. Später wieder-
holt Azulina. e) quod c
356 Winkelmann,
Matheus Yicecomes iuratos dizit illad idem per omnia de tarenis qain-
gentiSy sicut iadex lulianus dixit De Leto vero, per quem fuit statatns
baiulos, dixit se nichil scire. De mercedibus autem dixit, Acut iudex Adam
dixit. De tempore dixit, quod a biennio et infra.
lohannes de Mainero iuratus dixit illud idem per omnia de tarenis
quingentis sicut Leo de Azulina^) dixit. Interrogatüs de tempore dixit»
quod a biennio et inira. De baiulo et mercedibus dixit sicut iudex Adam.
Leo de Laurico iuratus dixit illud idem per omnia, sicut dixit iudex
lulianus de tarenis quingentis. Interrogatüs de tempore dixit» quod a
biennio et infra. De mercedibus dixit sicut iudex lulianus.
Pampbilius miles iuratus dixit, de tarenis quingentis et de Leo büulo
dixit se nescire; de mercedibus yero dixit, sicut dixit iudex lulianus.
Petrus de Barulo iuratus dixit idem per omnia de tarenis quingentis
et de baiulo, sicut dixit dominus Pampbilius miles; de mercedibus vero
dixit sicut iudex lulianus.
Maymon fdresterius iuratus dixit, quod de tarenis quingentis et de
baiulo dixit se nichil scire; de mercedibus vero dixit, sicut dixit iudex
lulianus.
Dominus Ardichonus iuratus dixit illud idem, quod dixit Leo de
Azulina de tarenis quingentis, et dixit, quod de mandato secreti deberet
ipsos tarenos assignare lohanni de Syracusia et sociis suis, qui ire debebant
Bomam contra dominum episcopum, set tarnen de Yoluntate et mandato
conyentus; bicut iniunctum fuit sibi, ita fecit; de tempore dixit illud idem,
sicut dixit Leo de Aaolina. Interrogatüs de Leto baiulo dixit, quod de
voluntate conyentus statutus est baiulus; de mercedibos vero dixit se
nichil scire.
Urso Viculo iuratus dixit illud idem per omnia de tarenis quingentis,
sicut dixit Leo de Azulina, preter quam addidit, quod in presencia con-
yentus ponderavit eos; de baiulo et mercedibus dixit se nichil sdre.
lohannes de Primo iuratus dixit, quod de tarenis quingentis nichil
novit; de baiulo vero dixit, sicut dixit iudex lulianus; de mercedibus autem
dixit, sicut dixit iudex lulianus.
Baynerius Tuscus iuratus dixit, de tarenis quingentis et baiulo et
mercedibus dixit se nichil scire.
Alexander de Anglone iuratus dixit, quod de tai*enis quingentis dixit
se nichil scire; de mercedibus et baiulo dixit, sicut dixit iudex lulianus^).
Bogerius Panza iuratus dixit, quod deductis expensis bene potest do-
minus episcopus lucrari de asino uno tempore Tindemiarum turenos IV;
tempore autem arearum tarenos IV. et in aliis mensibus ana tarenum unum.
loseph de sancta Anastasia iuratus dixit, quod deductis expenjns bene
potest dominus lucrare de asino uno per annum unum tarenos viginti sex.
Petrus de Amico de Nido iuratus dixit illud idem per onmia, sicut
dixit * lohannes de sancta Anastasia^.
Dominus Petrus canonicus Ma^ariensis iuratus dixit, quod cum Bartholus
a) 80 c.
i) Ebenso sagen aus Anfusus Bingner (?) und Marinus.
') Es folgen vier ganz gleiche Aussagen von Andreas de sancta Anastasia,
Johannes, Johannes de Petralia und Riccardus filius Ade.
Biflckof Hardmn von Celalu xmA sein Proeesi. 357
tabellio Panormi teneret quamdam domom in dvitate Panormi in beneficiom
sab*) annuo censu ab eoclesia Cephaladi, dominus Aldnynns Cephaludensis
episcopnfl abstolit domum illam dicto Bartholo et detexit eam ei tectam
ipsioB domos deportare fecit in domo, ubi abitabat Ghristiana amasia sua
com filüs et filiabns sois, et dixit^ qnod &ma publica de hoc erat Panormi.
Ber. clericus et canonicus Neocastrensis iuratus dixit, quod audivit did,
quod dominus Cephaludensis episcopus mittebat filio et filiabus suis apud
Panormum frumentum vinum et pecuniam et pannum unum sericum, quod
sibi datum iueral Interrogatus de tempore dixit, quod iam sunt anni tres.
Item presbiter lacobus iuratus dixit, quod ecclesia Gephaludi de civi-
täte habet in unoquoque anno in pecunia numerata ad yalens tarenorum
deoem millia. De PoDina potest habere annuatim tarenos quingentos preter
redditus Sjracusie Policii et aliarum obedienciarum. Item dixit, quod vidit
multociens, quod filius IsabeUe, qui didtur filius domini episcopi, de quo
&aia publica est in dvitate, quod filius eiusdem domini episcopi est, por-
tabat panem et vinum de curia eodesie. Item vidit multodens oculis suis,
quod Mavonus vallettus domini episcopi portabat exenia Böse amasie ipsius
domini episcopi, et etiam dixit^ quod vidit pueros, qui portabant mustum
dedme cum someriis ad domum eiusdem Böse, et ipsa exivit dicens, quia
vegetes iam plene sunt et non habeam, ubi reponam iUud, et de porta-
verunt illud ad curiam. Dixit eciam, quod audivit dici, quod dominus
episcopus mittebat Panormum in domo amade sue filiorum et filiarum
suarum frumentum vinum et cames. Audivit tamen dici, quod Leonus
consanguineus Christiane amasie episcopi portabat tarenos
pannos sericos et pennam unam^) prefate Christiane et filüs. Item dixit,
qnod sdebat pro certo, quia Maria obtnlerat infirmarie quamdam domum
cuntignam®) domui predicte Böse, quam emit et dedit filio suo Ber[ardo].
Item dixit, quod idem dominus episcopus emit quamdam domum a filio
Mathei fratris lohannis camerarii ad opus Ber. filii sui, quam domum con-
sueverit teuere Pamphilius sub annuo censu. Item dixi^ quod dedit do*
minus episcopus filio suo eccledam sancti (leorgii in beneficium, in qua
consueverant duo clerici esse semper beneficiati sub annuo censu. Item
dixit, quod homines dvitatis Cephaludi invenerunt maximam quantitatem
plumbi et fvdi deportatum ad ecclesiam, ut fierent inde fenestre, de quo
preiatus episcopus vendidit maiorem partem; de residuo quid factum füit,
ignorat. Item dixit, quia sciebat, quod episcopus culturam de Pantanis,
que est de demanio, cum una domo, unde ecclesia consueverat annuatim
habere tarenos ^n., contra voluntatem canonicorum contulit Leoni et Chri-
stiano per instrumentum. Item dixit, quod episcopus concessit Marino quod*
dam molendinum pro tarenis CLXXX., de quo poterat annuatim habere
tarenos CCXX. Item dixit, quod dominus episcopus vendidit ducentas sal-
mas frumenti lacobo Nigrino pro duobus millibns tarenorum. Item di^it,
quia vidit, quod dominus episcopus vendidit Georgio de Turri, civi Messane,
salmas vini trecentas pro quadam quantitate pecunie. Item dixit, quod
idem dominus episcopus vendidit Consuli^) salmas vini trecentas pro qua-
dam quantitate pecunie. Item dixit, quod Marinus et Thomas dedmarii de
mandato ipdus domini episcopi vendideirunt de musto decime tarenos DCXLVI.
&) et c. b) So a Unten S. 858 pecuniam unam. o) magnam, c, d) So Ct
358 Winkelmaüil.
Item dixit, quod audivit diel a fratre Bogerio, qaod domiiiiis epiäcopns
anam de yillanis ecclesie zusit pro ancilla am&sie et filiis suis Piinormam.
Item dixit, quod andivit dici, qaia predictns Leonus reoollegit decimas Policii
et Calatabaturi et portavit Panormum amasie eiusdem episcopi, filiis et
fiiiabuö suis. De facto Bocelle dixit, quod sciebat bene, qaod dominus epi^-
copus dederat ipsam Bocellam fratribod sancte Marie Montis Virginis sub
annuo censu. Item interrogatus dixit» quod vidit audivit et credit et fama
puplica est in civitate, quod dominus episoopus dilapidat bona ecclesie et
de Omnibus redditibus ipsius ecclesie pauca'^) expendit ad utilitatem et
commodum ecclesie.
Item presbiter Andreas iuratas dixit de frumento vino camibus et
panno missiä Christiane, filiis et fiiiabus eiusdem domini episcopi dixit,
sicut predictus presbiter lacobus. Item dixit, quod fama puplica erat in
civitate et apparebat et credebat^ quod dominus episoopus dilapidat bona
ecclesie et de redditibus civitatis nicbil expendit ad reparacionem ecclesie,
secundum quod apparet, exeeptis sex fenestris, qoas reparavit. Idem dixit
quod possessiones Bah idem> dominus episcopus vendidit pro XX. unciis auri.
De cultura et domo data predicto Leoni et Chiistiano dixit-, sicut prefatus
presbiter lacobus. Item de domo fratris lohannis camerarii et de domo
Marie *^) dixit, quod idem dominus episoopus vendidit framentum cum
lacobo Nigrino meroatoribus ^) tarenorum duo millia, et pervenit ad notidam
domini imperatoris, et de mandato eins fecit illud frumentum reverti in
orreis ecclesie, et nolebat, ut venderentnr predicta; ipse dominus episoopus
contra mandatum domini imperaturis vendidit et tradidit meixsatorib««.
Interrogatus dixit, quod audivit dici, quia tikiolus Isabeile nutritur de bonu
ecclesie. Dixit eciam, quod idem dominus episeopus emit timie&i» et palium
de bruna Rose amasie sne et sepe mittebot ei eixenia.
Item Taneredns Cantei^) iuratu^t dixit, quod audivit dici, quia epis-
copus mittebat Panormum Christiane amasie sue et filÜB et fiiiabus suis
frumentum vinum carnes et * pecuniam unam^) cum barcha^), que de
novo perüt, et audivit dici, quod aliis vicibus misit eidem Christiane exenia.
Item audivit dici, quod dominus episcopus misit Rose palium et tunicam de
bruna. Et iterum dixit, quod audivit dici, quia dominus episcopus dedit
quasdam salmas musti eidem Rose scilicet de musto magne vinee. De
possessione Bari dixit, sicut ^)
&) parem c. parvum? b) Etwas ist ansgefallen. c) So c. Nach S. S4C, S49
ist wohl Januensibus zu ergänzen. d) So c. cantorV o) S. o. S« S57 not. b.
f) Bartha, c. s) Der SchluRs fehlt, c.
Excurse zu Ottönischen Diplomen.
V.
An DDO. 252 und 425 für Lorsch, beide nur aus dem Codex
Laoreshamensis saec XII bekannt, ist oft genug hervorgehoben worden,
dass diese in die Kiiiserzeit, nämlich zu 963 und 972, gehörigen Ur-
kunden mit dem unpassenden Titel dei gratia rex Francorum et Lango-
hardorum ac patritius Bomanorum versehen sind, und allgemein hat
man hier Verderbniss durch den Abschreiber angenommen >). Die
Annahme wird zur Gewissheit erhoben, wenn wir uns die Art der
Entstehung beider DD. klar machen. DO. 425 ist, soweit es nur
möglich ist, wörtliche Wiederholung von DO. 252. Der Context von
DO. 425 bietet nur folgende zwei Varianten: Salemanno (statt des
früheren Abtes Gerbodone); ipsum einmal vor monasterium einge-
schaltet. Wie das eigentliche Protokoll in beiden DD. gleich lautet,
so auch die Unterfertigung durch den Kaiser, endlich auch die
Datirungsformel, in der lediglich anno incamationis der VU. in der
Nachbildung zu anno ab incarnatione geworden ist, so dass nur die
Recognition in DO. 425 der Ausstellungszeit entsprechend andere
Namen als die von DO. 252 darbietet. Diese Uebereinstimmung be-
sagt um so mehr, da DO. 252 einige Besonderheiten aufweist Dictirt
ist letzteres von BE. und zwar mit Benutzung der dem Kloster zu-
letzt ertheilten Immunität DO. 176. Zunächst sind in DO. 252 einige
Worte aus der Publicationsformel der VU. aufgenommen, aber zumeist
nur diejenigen, welche an dieser Stelle allgemein in Gebrauch waren.
Den eigentlichen Context hat BE. wie es Art der Magdeburger Dicta-
toren war, neu stilisirt, so dass im Grunde nur diejenigen Worte,
welche in jeder Immunitätsformel vorzukommen pflegten, beiden Urkun-
den gemeinsam sind. So beginnt die stricte Benutzung von DO. 176 erst
mit der Corroborationsformel, erstreckt sich dann aber auch auf das
*) ^^iehe Stumpf Reg. S28, 522. Bezeichnete er dann in Wirzb. Immuni-
täten 1, 85 diesen Titel aln aus Urkunden Karl d. Gr. entlehnt, ho dachte er
dabei wohl auch nur an Entlehnung durch den Copisten.
360 Öickel. •
ganze EschatokolL Es macht dies den Eindruck, als wenn BE. nur
ein unvollständiges Concept aufgesetzt und dann die Ergänzung des-
selben nach der YU. und nach gewissen Weisungen einem seiner Ge-
hilfen überlassen hätte. Die Schlussformeln beider DD. haben folgende
Worte gemein : Signum domni Ottonis (M.) serenissimi . . . Liutolfus
cancellarius adyicem . . . archicapellani recognovi. Data . . . anno incar-
nationis domini nostri Jesu Christi . . ., indictione . . ., regnante pio . . .
Ottone anno . . .; actum . . .; feliciter amen. Von den Zeitangaben,
den Namen des Erzcapellans und des Ausstellungdortes abgesehen,
unterscheidet sich also hier DO. 252 von der Vü. nur durch die der
Zeit entsprechende Einsetzung des Eaisertitels. Wenn nun BE. oder
sein Genosse an den zwei Stellen des Eschatokolls Otto richtig Im-
perator benennen, wie sollten sie es verabsäumt haben, auch im Ein-
gang den ihm 963 gebührenden Titel beizulegen? Es kommt dabei
noch in Betracht, dass sämmtliche, wenn auch nicht zahlreiche Ela-
borate der deutschen Kanzlei aus dieser Zeit die richtige Titulatur
aufweisen. Muss demnach ein üeberlieferungsfehler angenommen
werden, so fragt sich doch, ob wir den Schreiber des Lorscher Chartu-
lars für denselben verantwortlich machen dürfen. Die ersten 33 Blätter
des Codex, auf denen die bis in das 12. Jahrhundert hinein reichenden
Eönigsurkundeu eingetragen sind, sind von ein und derselben Hand
beschrieben*) und die Ottonischen DD. sind hier so vertheilt: Fol. 15',
DDO. 166, 176, 177, 252; Fol. 16 DDO. 283, 425. Unter den drei
zuletzt aufgeführten ist DO. 283 mit richtigem, d. h. kaiserlichem
Titel versehen. Ueberdies bezeichnet der Schreiber in der die Ur-
kunden verbindenden Erzählung Otto seit 962 regelmässig als impera-
tor. So konnte er selbst kaum darauf verfallen, eine Aenderung au
DDO. 252, 425 vorzunehmen. Ich vermuthe vielmehr, dass ihm von
diesen zwei Urkunden nicht die Originale, sondern Abschriften mit be-
reits verderbter Titulatur vorgelegen haben. Beide Praecepte haben
aber noch eine andere Anomalie gemein: sie darben der anni imperii,
welche seit dem Jahre 962 in die Datirungsformel eingeführt worden
waren ^). Ich hatte diese Auslassung ebenfalls den Copisten zur Last ge-
legt, glaube aber jetzt, sie auch in anderer Weise erklären zu können.
Indem die Datirungforrael von DO. 252 ebenfalls der VU.vom Jahre 950
nachgeschrieben wurde, in welcher von kaiserlichen Jahren noch nicht
die Bede sein konnte, mag der Schreiber von DO. 252 sie einzufügen
vergessen haben, worin ihm dann auch der Schreiber von DO. 425
1) Mon. Germ. SS. 21, SCß.
») Beitrftge zur Diplomatik 8, 29.
fizcune zu Ottoniscben Diplomdü. 3^1
nachgefolgt ist. War dem so, so würden wir nocli eine weitere Be-
stätigung daf&r erhalten, dass nicht BE. selbst die Datirong von
DO. 252 gesclurieben hat. In DO. 255 f&r Kempten, welches BE.
gleich£EÜls condpirt und auch mit seinem Becognitionszeichen yersehen
hat, sind die anni imperii gebührend gezählt worden. Indem dann
erst indict. YL folgt, die Romerzinszahl also die Jahresbezeichnungen
abschliesst, stossen wir auf eine den deutschen Notaren nicht ge-
läufige, aber gerade Yon BE. auch in DO. 152 1) angewendete Anord-
nung. Bin ich deshalb geneigt, BE. auch für den Datator von DO. 255
zu erklären, so muss ich für DO. 252, in welchem die Indiction
an anderer Stelle erscheint, einen andern Datator annehmen, also einen
Mann, welcher BE. bei Ausfertigung dieser Praecepte behilflich war.
VL
Der Notar Liutolf A und der Continuator Beginonis.
Zu der zuerst yon Giesebrecht aufgestellten Yermuthung, dass die Fort-
selzong der Chronik des Regino yon Adalbert, dem späteren Erz-
bischofe von Magdeburg verfasst sei, füge ich die weitere Yermuthung
hinzu, dass Adalbert Yon 953 bis 958 in der königUchen Kanzlei be-
schäftigt gewesen sei. Schon in meinen Beitr. zur Dipl. 7, 94 habe
ich bemerkt, dass ein zuerst in DO. 166 vom 11. August 953 be-
gegnender, in den DD. 1, 84 Liutolf A benannter Notar der Schrift
nach identisch ist mit einem Adalbertus, welcher 950 in Eoln eine
Urkunde des dortigen Erzbischofs Wicfrid recognoscirt*). Liutolf A
legen wir die Dictate von DDO. 166, 168—178, 176—177, 179 uud
etwa auch von DO. 194 bei Mundirt von ihm sind DDO. 168, 170,
172, 173, von denen das erste in den Eaiserurkunden in Abbildungen
3, 22 und das leizte in Mon. graphica 10, 2 facsimilirt sind. Legte
eben der Name Adalbertus mir die Gleichstellung des einstigen Notars
und späteren Erzbischofs nahe, so habe ich später nur gefunden, dass,
was wir einerseits von dem Continuator und andrerseits von dem Erz-
bischofe wissen, sich mit jener Annahme recht wohl verträgt, dass
sich jedoch ein stricter Beweis fOr die Identität nicht führen lässt.
>) Beitr. zur Dipl. 8, 80.
>) Während ich damals nur einen Ausspruch des sei. Foltz wiederholte^
babe ich mich seitdem von dessen Richtigkeit überzeugen können, indem ich
Gelegenheit fand das Original der Kölner Urkunde zu prüfen und mit den
von LA. mundirten Diplomen zu vergleichen. Auch den Fachgenossen wird es
ermöglicht werden, die Schriftvergleichung vorzunehmen, da ich jetzt ein Fac-
simile der von Aldalbertus unterfertigten Urkunde in die Kaiserurkunden 7, 80
eingereiht habe.
MittheÜDD^n, Ergänzungsbd. I. 24
m Wickel.
Der Magdeburger Adalbert weilte in den J. 960 — 961 im fernen Kuss-
land: in dieser IZeit stiessen wir auf keine Spur von Thätigkeit des A.
in der Kanzlei Der Continuator erwähnt im J. 956 die Ertheilung
eines Wahlprivilegiums an Lorsch, d. L DO. 168 von LA. verfasst. Es
drängt sich natürlich die Frage auf, ob sich aus der Prüfung des
Stils und der Schrift Anhaltspunkte für die Identität ergeben. Aber
auch derselbe Mann wird sich in der Erzählung historischer Vorgänge
anders ausdrücken als in dem Dictamen eines Praecepts. Und so fand
ich als der Continuatio und den Diplomen gemeinsam nur eine etwas
gekünstelte Wortstellung, wie ad. a 953 benigna ad se venientes sos-
cepit caritate und in DO. 169 salubriter de nostri statu regni trac-
tando. Zur Schrifbvergleichung lockte mich, dass nach Waitz der
Codex Monac lat. 6388 die Urschrift der Fortsetzung enthalten solL
Doch stand auch hier im Wege, dass desselben Individuums Schrift
in Königsurkunden sich anders gestalten muss als in literarischen
Werken. Ich habe trotzdem, da ich selbst an der Untersuchung des
Codex verhindert wurde, durch Dr. Fanta denselben eingehender prüfen
und Facsimiles anfertigen lassen. Fanta unterschied auf den die Con-
tinuatio enthaltenden Blättern drei Hände. Den ersten Theil fol. 183 —
189', (zugleich Ende eines Quatemio) oder bis zu den Worten maiores
secum detinuit (ad a. 925, SS. 1, 621) hat eine Hand und zwar in
mehreren Absätzen geschrieben; nur auf f. 189 sind wenige Zeilen
von einer Hand ß eingefügt. Eine dritte Hand y bat dann den Best
in einem Zuge geschrieben. Offenbar ist Hand a die des Yer&ssers,
also nach Giesebrecht die des späteren Erzbischofs und nach meiner
Annahme die des Notars Adalbertus. Grosse Verwandtschaft mit der
des Ingrossators der zuvor aufgezählten Originaldiplome ist nicht zu
verkennen ; aber die genügt noch nicht, um die Identität für ervviesen
zu erklären. Mit der Mittheilung meiner Yermuthung bezwecke ich
also nur, andere und insbesondere die Fachgenosseu, welche eine neue
Ausgabe der Continuatio besorgen werden, zu weiterer Untersuchung
anzuregen. Th. SickeL
Die ältesten Kaiserurkunden für das ßisthum
Meissen.
Von
Karl Uhlirz.
Die Geschichte der Gründung des Bisthums Meissen ist bereits,
mehrfach Gegenstand eingehender und sorgfältiger Untersuchungen
gewesen, namentlich ward der Feststellung der ursprünglichen Grenzen
dieses Sprengeis rege Aufmerksamkeit gewidmet^). Wenn diese Yer-
haltnisse hier neuerlicher Prüfung unterzogen werden, so geschieht
dies yomehmlich deshalb, weil die angeführten Forscher in der Be-
urtheilnng der ältesten Urkunden vielfach schwanken, und da dieselben
für die Lösung der verwickelten Fragen, welche auf diesem Gebiete
in Betracht kommen, von grösster Wichtigkeit sind, auch in den Er-
gebnissen von einander abweichen. Daher erwies sich eine ausföhr-
liehere Begründung der bei der Edition in den Monumenta Germaniae
eingehaltenen Grundsätze als nothwendig.
Die in Bede stehenden Urkunden beziehen sich hauptsächlich auf
die Festsetzung der Grenzen des Bisthums Meissen. Da diese Frage
wiederum in innigem Zusammenhange mit der Aufhebung und Resti-
tution des Bisthums Merseburg und den daraus resultirendeu Grenz-
streitigkeiten steht, möge eine kurze Schilderung derselben vor der
eigentlichen Urkundenuntersuchung Platz finden und das Verständnis
derselben erleichtem.
') Franz Winter, DasBisthum Meissen und seine Grenzregulirungen mit Magde-
Wg und Merseburg, in Archiv für s&chs. Gesch. N. F. 2, 148 f., Derselbe, Der
Sprengel von Merseburg und seine Grafschaften, ebenda 3, 105 f., Fraustadt, Die
Auflösung des Bisthums Merseburg im Jahre 981 und dessen Wiederherstellung
1004, ebenda 4, 188 f. Otto Posse, Die Markgrafen von Meissen und das Haus
Wottin bis zu Konrad dem Grossen, Leipzig 1881, Sonderausgabe der Einleitung
<led CD. Saxoniae regiac 1. Abth. Bd. 1. Im Folgenden ist stets der Separat-
abdruck citu-t.
24*
364 ühliTÄ.
Otto I. hatte als eine der wichtigsten Aufgaben die Ghristianisi-
rung der im Osten der Elbe hausenden Slavenstamme betrachtet
Durch dieselbe sollten diese Völkerschaften zur Buhe gebracht, der
Ostgrenze des Beiches der Frieden gesichert werden. Als wichtigste
Vorbedingung fUr die glückliche Lösung dieser Aufgabe erschien die
straffe, hierarchische Organisation der Grenzlande am linken Elbeufer.
Otto fasste daher bald nach der 937 erfolgten Gründung des Moriz-
klosters zu Magdeburg die Errichtung eines Erzbisthums in dieser
Stadt ins Auge und erhielt hiefür auch im Jahre 962 die Zustimmung
des Papstes^). Nach üeberwindung der mannigjEEichen Hindernisse, die
sich der Ausführung dieses Gedankens in den Weg stellten, konnte
dieselbe 968 erfolgen, nachdem bereits im Vorjahre von dem Papste
die Sitze der Sufiraganbisthümer bestimmt worden waren. Der zum
Erzbischof ernannte Adalbert nahm zu Weihnachten 968 die Weihe
der Suffragane vor^). Damit war aber die kirchliche Entwicklung in
diesen Gegenden noch nicht zur Buhe gekommen. Im Jahre 981 er-
folgte auf Anregung des Bischofs Gisiler, der dann zum Erzbischof
von Magdeburg ernannt wurde, die Aufhebung des Bisthums Merse-
burg und die Aufbheilung dieses Sprengeis unter die angrenzenden
Bistiiümer. Nachdem an Halberstadt all das wieder zurückgegeben
worden war, was sein Bischof einst zur Gründung von Merseburg
abgetreten hatte, wurde der Best zwischen Zeiz und Meissen getheilt:
ersteres erhielt ein Gebiet, das von der Mulde, der Elster und Saale,
femer im Süden von den Gauen Plisni, Vedu und Tuchurini begrenzt
wurde; über den an Meissen verliehenen Landstrich sind wir nicht
so genau unterrichtet, da die Unklarheit der betreffenden Notiz bei
Thietmar auch durch die neuesten Deutungsversuche nicht behoben
wird^). Obwohl die Bulle, in welcher die Aufhebung des Bisthums verfügt
wird, uns nur berichtet, dass Halberstadt, Meissen und Zeiz einen An-
*) Dümmler Otto L, 338.
') Dem neuen Erzbisthume waren untergeordnet worden die bereits be-
stehenden Bisthümer Havelberg und Brandenburg, sowie die neu zu gründenden :
Meissen, Merseburg, Zeiz, s. Dümmler 1. o. 419, 448 f.
«) Fraustadt 1. c. 140 u. 150 f., Winter 1. c. 2, 147, Posse L c. 826, 880.
Die Erklärung der Stelle: ,quae . . . fluviis Caminici Albique distinguitur «,
welche dahin geht, dass Thietmar damit jenen Theil »der östlich von der Chem-
nitz nach der Elbe zu sich erstreckt*, bezeichnen wollte, widerspricht dem Wori-
laute. Es ist doch immer misslich festzustellen, was ein Schriftsteller »sagen
wollte*. Viel näher liegt es, einen Irrthum Thietmars anzunehmen und die Stelle
für die Untersuchung nur mit grosser Reserve zu verwenden, da ja Posse und
Winter nachgewiesen haben, dass eine derartige Ausdehnung des Merseburgrer
Sprengeis unserer anderweitig begründeten Kenntniss dieser Dinge völlig zu-
widerläuft
Die ältesten Kaiserurkunden f&r das Bisthum Meissen. 365
theil erhielten^ so er&hren wir doch aus Thietmar, dass auch Gisiler sich
neun Städte vorzubehalten verstand, aus deren Lage sich ergibt, dass
der nördlich von dem Zeizer Gebiete gelegene Landstrich und ausser-
dem beide Ufer der Mulde etwa von Würzen an in den Besitz der
Magdeburger Kirche gelangten i). Die ungünstige Stimmung, welche
durch die gewaltthätige, dem schrankenlosen Ehrgeize eines Einzelnen
dienende Aufhebung des Merseburger Bisthums hervorgerufen war,
hatte schon Otto III. bewogen, an dessen Wiederherstellung zu
denken. Aber erst seinem Nachfolger gelang die DurchftÜirung dieser
Massregel. Im Jahre 1004 traf Heinrich ü. diesbezügliche Verfügungen •).
Doch nur der Bischof von Zeiz leistete dem Befehle zur Bückgabe der
von ihm erworbenen Qebiete sogleich Folge und wurde hiefÜr auch
gebührend entschädigt. Magdeburg und Meissen zögerten lange und nur
der unermüdlichen Energie Thietmars gelang es, wenigstens einen ge-
ringen Theil des früheren Besitzes für sein Bisthum zurückzuerhalten.
1015 kam es zu einem Vergleiche mit Magdeburg, der Erzbischof trat
die Farrochie über vier Orte an seinen Sufiragan ab, behielt sich
aber seine Rechte über die fünf andern vor*). Zwei Jahre spater
ward durch die Vermittlung des Kaisers und des Erzbischofs von
Magdeburg auch zwischen Meissen und Merseburg eine Vereinbarung
getroffen, indem Thietmar seine Bechte in den Burgwarden von Püchau
und Würzen am rechten Muldeufer dem Bischof Eilward von Meissen
überliess, dagegen von diesem die bisher im Besitze desselben ge-
wesenen Parrochien am linken Muldeufer erhielt, so dass also für
diese Strecke der Lauf der Zwickauer Mulde als Grenze festgesetzt
wurde*). Obwohl Thietmar hierin eine schwere Schädigung seines
Bisthums erblickte, hören wir doch nichts von weiteren Streitigkeiten
zwischen beiden Bisthümem. Dagegen wird über Differenzen zwischen
Merseburg und Magdeburg berichtet
Im Jahre 1137 traf nämlich Papst Innocenz IL eine Entscheidung
über die Grenzen beider Sprengel, in welcher er sich auf einen Vergleich
beruft, der in die Jahre 1063 — 1066 fallen muss*^). Damach waren
der grosste Theil des Gaues Nizizi und der ganze Gau Lusizi Meissen
zugesprochen und dem Erzbischof nur der Fortbezug des Honigzehnten
in Lusizi vorbehalten worden. Dem Wortlaute nach scheint Magde«
*) Posse 1. c 826.
*) Stumpf Reg. 1878 und 1874.
•) Posse 1. 0. 841.
^ Fraustadt 1. c. 161.
») Posse 1. c. 845.
366 Uhlirz.
bürg der angreifende Theil gewesen zn sein^). Mit dieser Urkunde
scUiessen die bestimmten und ausführlichen Nachrichten über Grenz-
streite in diesen Gebieten. Aus dem Jahre 1237 besitzen wir noch
eine Anweisung an den päpstlichen Legaten, in einem Streite zwischen den
Bisthümem Lebus, Meissen, Camin und Brandenburg an Ort und Stelle
za entscheiden^), und dass ähnliche Fragen auch späterhin noch zur
Discussion kamen, beweisen uns die Transsumirungen älterer Urkunden
in den Jahren 1250 und 1252 3), doch dürfte es sich hier eher um Gon-
flicte mit den weltlichen Grossen gehandelt haben. Demnach können
wir die Grenzstreitigkeiten in zwei grosse Gruppen zerlegen: Diffe-
renzen zwischen den Bisthümern Meissen und Merseburg, welche in
den Jahren 1004 — 1017 zur Verhandlung und Austragung kamen,
und Streitigkeiten Meissens mit Magdeburg, welche, wie ich im Fol-
genden nachweisen werde, um dieselbe Zeit begannen, aber erst 1137
endgiltig entschieden wurden. Wie verhalten sich nun dazu die älte-
sten Urkunden des Hochstifts Meissen?
Es gilt vorerst die echten Urkunden von den falschen zu sondern,
denn dass solche vorhanden sein müssen, ergibt sich wohl aus der
vorstehenden Schilderung. Mehr als anderswo war hier Aulass zur
Fälschung geboten, die Verlockung war gross, thatsächlichem Besitz
durch die Anfertigung von Besitztiteln, welche jene der Merseburger
und Magdeburger Kirchen übertreflfen sollten, auch rechtliche Giltig-
keit zu verschaffen. Ich gehe dabei wohl am besten von jenen Ur-
kunden aus, deren Echtheit von einer Seite zugegeben, von der an-
dern bestritten wurde*). Als die jfrüheste derselben ist DO. 406 zu
bezeichnen. Eine kurze Schilderung der äussern Merkmale dieses
sonderbaren Stückes wird die Erklärung der Unregelmässigkeiten,
') CD. Saxoniae II, 1, 49: Ad utriusque vero ecdesiae iirmam pacem atque
quietem Magdeburgensis ecclesia suis finibus sit contenta.
«) Ib. 106 n. 118.
•) Winter 1. c 8, 156; CD. Saxoniae II, 1, n. 155—157, n. 162—164,
170, 171, es werden transsiimirt : DO. 449. St. 1057 und die falsche BuUu
Johann XIII. im J. 1250, St. 1046 B im J. 1252.
*) Winter hält DO. 406 für echt, verwirft aber DDO. 4G7, 449 St. 1057; er
nimmt 1. c. 2, 150 an, dass alle Urkunden nur gegen Magdeburg gerichtet und
nach dem Jahre 1017 angefertigt worden seien, und zwar versetzt er DO. 449
und St. 1057 in das 11., DO. 487 in d'ds 12. Jahrhundert Posse erklärt sämmt-
liche angeftihrte Urkunden für Fälschungen und bringt DO. 449 und Si 1057,
dem er mit Recht noch St- 1046 B an die Seite stellt, in Zusammenhang mit der
Entscheidung von 1068— 1066, DO. 406 und 487 versetzt er dagegen in das Ende
des 12. Jahrhunderts, da er annimmt, dass es sich bei dem Streite um Lusizi
auch um einen Conflict mit Brandenburg handelt, welches sich noch 1188 den
Besitz dieses Gaues hatte bestätigen lassen (1. c. 848, 849).
Die ältesten Eaiserarknnden fOr das Bisthum Meissen. 36?
welche dem Protokolle und dem Texte dieser Urkunde anhaften, er-
leichtern. Die verlängerte Schrift der ersten Zeile und der Subscrip-
tionen röhrt jedenfalls von dem WA. genannten Notare her. Der
Schreiber des Contextes, welcher auch die Datirung in einer den
Kanzleiformeln ganz widersprechenden Weise hinzufügte, gehört nicht
zu den uns bekannten Notaren. Weder die Schrift noch auch die
Sprache gewähren uns irgend einen Anhaltspunkt für seine Her-
kunft. Jedenfalls aber haben wir die Schrift in das 10. Jahrhun-
dert zu setzen. Die Anomalien in der äusseren Ausstattung und der
Datirung, welche uns erkennen lassen, dass der Schreiber dieser
Urkunde mit den Kauzleigebräachen keineswegs vertraut war, kehren
im Texte wieder und haben die Urkunde mancherlei Verdächtigungen
ausgesetzt. Wenn dieselbe nach dem dargelegten Schriftbefonde auch
nicht als Beleg dafür angeführt werden kann, dass Kanzleischreiber
sich weit von dem sonst feststehenden Gebrauche entfernt haben ^),
so ist doch die Annahme, dass unsere Urkunde eine Fälschung
sei, zu verwerfen. Denn die Unregelmässigkeiten lassen sich in an-
derer Weise besser erklären. Ficker hat sich dahin ausgesprochen,
dass dieses Stück erst nach dem Tode Otto I. ausgefertigt worden sei
Mit Becht hat er gegen Dümmler^) nachgewiesen, dass unter dem
»pius genitor noster imperator augustus* Otto I. und nicht Heinrich I.
zu verstehen sei, dass also Otto IL an der Beurkundung betheiligt
erscheine. Darauf stützt er nun seine weitere Beweisffthrung. Wenn
Otto IL zur Zeit der Ausfertigung bereits regierender Kaiser war,
so sei es weniger auffallend, dass er seiner Mutter als Intervenient
vorangeht, und ebenso würde sich bei der Annahme späterer Beur-
kundung die ungenaue und fehlerhafte Datirung ganz gut erklären
lassen^). Von einem anderem Grunde, nämlich dem Umstände, dass
Folcold erst 972 Bischof von Meissen geworden sein soll, sehe ich ab,
da nach Gersdorf CD. Saxoniae 11, 1, XVI derselbe bereits 969 den
bischöflichen Stuhl bestieg. Wenn auch die Berechtigung der grund-
sätzlichen Anschauung, von welcher Ficker ausg^angen, vollständig
anerkannt werden muss, so scheint mir doch eine andere Erklärung
nicht weniger geeignet, die mannigfachen Schwierigkeiten zu beheben.
Ich nehme an, dass uns hier eine gleichzeitige Beurkundung durch
Vater und Sohn vorliegt. Dass ein solcher Vorgang auch anderweitig
vorkommt, ergibt sich aus DDO. 364, 410, und so denke ich mir den
Verlauf der Sache in folgender Weise: Bischof Folcold von Meissen,
*) Ficker, Beiträge zur ürkundenlehre 1, 14. •
«) Otto L, 479 Anm. 1.
') Beiträge zur ürkundenlehre 2, 184.
368 Uhlirz.
dem kaiserlichen Hofe als. Lehrer Otto IL nahestehend, hatte yon
beiden Kaisem die Zustimmung zu der yon ihm angestrebten Ver-
leihung erhalten und damit zugleich ein mit der yerlängerten Schrift
und dem Siegel yersehenes Blanquet, um daisselbe nach seinem Gut-
dünken im Sinne dieser kaiserlichen Verfügung auszufüllen. Ihm lag
daran, die Theilnahme Otto IL an der kaiserlichen Willensäusserung
zum Ausdruck zu bringen und so beauftragte er den Schreiber der
Urkunde mit der Ausführung dieses Wunsches. Da diesem nur ein
Blanquet zur Verfügung stand, so war yon dem sonst üblichen Vor-
gange der Doppelausfertigung yon yomeherein abzusehen. Es blieb
sonach nur die Möglichkeit, die Betheiligung beider Herrscher in einer
Urkunde zum Ausdrucke zu bringen. Die in analogen Fällen beliebte
Form „Otto et Otto" war dem Schreiber yon DO. 406 unbekannt, er
löste demnach seine Aufgabe in der Weise, dass er die Urkunde zu-
nächst als Verfügung Otto L fstöste und an diese Dispositio in ge-
wissem Sinne als Bestätigung die Zustimmung des Sohnes anknüpfte,
ohne den Widerspruch zu beachten, in welchen durch diese unge-
schickte Fassung der Text mit dem Protokolle, in dem die Theü-
nahme Otto IL nicht ersichtlich gemacht ist, gerieth. Aus dem
Vorstehenden ergibt sich nun, dass die Urkunde jedenfalls auf Befehl
Folkolds ausgefertigt wurde. Da wir nicht wissen, ob derselbe im
Jahre 971 in Italien yerweilte, oder ob er durch irgendwelche Ver-
mittlung die Zustimmung des Kaisers erlangte, so lässt sich auch nicht
mit Sicherheit entscheiden, ob die Ausfertigung gleichzeitig mit der
Handlung erfolgte. Die ungenaue Datirungsformel macht es wahr-
scheinlich, dass die Beurkundung erst später yollzogen wurde. Jeden-
fidls aber ist daran festzuhalten, dass die yerschiedenartigen Unregel-
mässigkeiten nicht zu Gunsten jener sprechen, welche DO. 406 als
Fälschung bezeichnen wollen, denn es wäre gar nicht abzusehen, wie
ein Fälscher dazu kam dieselben zu erfinden, und so auf eine Form der
Beurkundung gerieth, welche gerade durch ihr yereinzeltes Vorkommen
sich der Nachahmung entzog und doch mit jenen Verhältnissen in
Uebereinstinmiung steht, welche sich aus Otto IL Mitregentschaft
ergaben^).
Mit dem Erweise der äusseren Echtheit ist aber in unserem Falle
der Inhalt noch nicht gegen alle Einwendungen gesichert, immerhin
aber doch die Verwerthung unserer Urkunde für historische Zwecke
gerechtfertigt Freilich können wir nicht nachweisen, dass Folcold
nicht über die Absichten des Kaisers hinausgegangen ist, doch ist dies
*) Vgl, darüber Sickel in Mittb. des Institute' Ergänz. 1, 189 AT.
Die äitesten Kaiserurkiuidei» fttr cbs BSsthmn Meissen. 369
eine Frage des persönlichen Vertrauens in seine Ehrlichkeit und kann
uns hier nicht weiter beschäftigen. Wie unyorsichtig man in jener
Zeit vorging, daf&r liefert unsere Urkunde einen neuen Beweis, indem
z. B, der Bechte auf den Bezug des Honigzehnten , welchen Magde-
burg und Brandenburg im Grau Lusizi besassen, gar keine Erwähnung
geschieht. Es ist diess eine weitere Mahnung in der Benützung der
Kaiserurkunden mit grösster Vorsicht vorzugehen und andererseits
auch nicht in jedem Widerspruche einen Anlass zur Verwerfung zu
sehen. So kann ich mich auch mit den Einwendungen, welche Posse
gegen den Inhalt von DO. 406 erhoben hat, nicht einverstanden er-
klaren. Es ist allerdings richtig, dass die bezeichneten Gebiete zum
Theüe gar nicht dem deutschen Beiche angehörten. Aber es müsste
doch erst bewiesen werden, dass man am Hofe dieselben als nicht zu-
gehörig betrachtete. Jedenfalls war die Gründung des Erzbisthums
Magdeburg im Hinblick auf ihre Unterwerfung vollzogen worden und
gerade dem Bisthum Meissen war ihre Christianisirung anvertraut
worden. Ebenso wenig stichhaltig scheinen mir die Gründe zu sein,
welche Posse für seine Annahme anführt, dass Meissen ursprünglich
auf den Qwa Daleminze beschrankt war. Denn daraus, dass in
DO. 366 nur die drei Markgrafen und nicht auch die anderen in diesen
Gegenden nachweisbaren Grafen angewiesen wurden dem Erzbischof
Adalbert behilflich zu sein, geht nicht hervor, dass die Bisthums-
sprengel sich mit den Marken deckten, sondern nur die auch sonst unbe-
zweifelte Thatsache, dass die drei Markgrafen eine hervorragendere
Stellung einnahmen. Und selbst jene Hypothese zugegeben, ist ja
doch nicht ausgeschlossen, dass auch die Mark Meissen im Laufe der
2^it eine grössere Ausdehnung erlangen sollte. Denn offenbar war
den Markgrafen von Meissen die Aufgabe zugewiesen, die slavischen
Grenzlande zu unterwerfen, die Mark besass nicht bloss Bedeutung
für die Defensive, sondern auch für die Offensive. Gewichtiger scheint
ein weiterer Einwand zu sein und hier komme ich auf eine frühere
Bemerkung zurück. Mit keinem Worte ist in DO. 406 erwähnt, dass
Brandenburg bei seiner Stiftung den Gau Lusizi erhalten hat, wie sich
aus der Dotationsurkunde vom Jahre 949 mit voller Sicherheit ergibt
Wenn wir aber sehen, dass 1137 dieser Grau neuerlich dem Bisthum
Meissen zugewiesen wird, dass dieses hier nicht etwa gegen Ansprüche
Brandenburgs, sondern gegen jene Magdeburgs seine Bechte durchge-
setzt hat, so können wir darüber nicht mit der von Posse aufgestell-
ten Yermuthung hinweggehen, Magdeburg habe im Jahre 1137 als
Vertreter seines Suffiragans von Brandenburg gehandeli Davon steht
in der betreffenden Urkunde kein Wort. Vielmehr müssen wir ver-
370 Ublirz.
mutheu, Brandenburg habe in den Jahren 968 — 971 seme damals
wohl wenig werthvoUen Rechte auf Lusizi dem neugegründeten Bis-
thum Meissen cedirt^). Ob man daraus, dass in den Gonfirmations-
urkunden flir Brandenburg der Gau Lusizi immer wiederkehrt, folgern
will, dass dieses Bisthum seine Ansprüche später wieder aufgenommen
hat, oder ob man darin einen Fehler der bestätigenden Kanzleien zusehen
hat, der sich durch den engen Anschluss an die Yorurknnden er-
klären würde, hat auf die Lösung der Hauptfrage keinen Einfluss. Da-
gegen dürfte die unklare Fassung von DO. 406 auch mit Anlass zu
den Streitigkeiten mit Magdeburg gegeben haben. Wie oben bemerkt,
war das Erzbisthum im theilweisen Besitze des Honigzehnten in dem
Gau Lusizi. Da derselbe in DO. 406 ohne Beschränkung an Meissen
verliehen ward, so mussten von dem Zeitpunkte an, in welchem diese
Rechte durch die fortschreitende Eroberung praktischen Werth er-
hielten, Gonflicte entstehen, deren Ausgleichung in den Jahren 1063 —
1066 und 1137 erfolgte. Somit glaube ich für DO. 406 den Beweis
der Echtheit sowohl der äusseren Form als auch des Inhalts erbracht
und damit d^e Möglichkeit geschaffen zu haben, dieselbe f&r die Fest-
stellung der bei der Errichtung angenommenen DiöcesangrenzenMeissens
verwerthen zu können.
Nicht geringeres Interesse beanspruchen zwei Urkunden Otto III.
Stumpf Reg. 1046 B und 1057. Erstere ist eine mit fialschem, in
Meissen verfertigtem Siegel versehene Nachzeichnung von 1046 A.
Durch letzteres Diplom verleiht Otto III. der bischöflichen Kirche von
Meissen die Lehen seines getreuen Grafen Asic; 1046 B unterscheidet
sich davon vor Allem dadurch, dass hier die einzelnen Lehen nament-
lich angeftlhrt werden*). Begründeten Verdacht erregt der Umstand,
dass sich darunter vier von jenen Orten befinden, welche Erzbischof
Gisiler sich bei der Auflösung Merseburgs vorbehalten hatte : Würzen,
Püchau, Pouch und Löbnitz. Würzen und Püchau wurden 1015 an
Merseburg abgetreten, wahrend Pouch uud Löbnitz im Besitze des
Erzbisthum s verblieben; bei dem Vergleiche von 1017 erhielt Meissen
Püchau und Würzen, es kann also nicht schon vorher über dieselben
irgendwelche Rechte ausgeübt haben. Dazu kommt, dass alle genann-
ten Orte an der untern Mulde liegen, so dass das Bestreben offen zu
Tage tritt, durch St 1046 B eine Ausdehnung des Sprengeis nach
dieser Richtung zu gewinnen. Es sollte eben die Mulde als Grenze
<) So auch Dümmler Otto I, 458 Anm. 8.
*) Yrscini, Bichui, Pauc, Ezerisoo, Liubanici, Herri, Sciammanstedi , Unsda,
Potorieci, vgl. die Deutung dieser Namen bei Posse 1. c 882 und von Gersdorf
m CD. Saxouiao II, i, 19.
Die Sitesten Kaiserurkonden för das Bifithnm Meissen. 371
des Bisthoms Meissen bis unterhalb Pouch gelten und zwar ward, da
wir diese Ortschaften als Hauptorte zu betrachten haben und nach
St. 1057 die Sprengelgrenze mit jener der Burgwarde sich decken
sollte, Anspruch auf beide Ufer erhoben. Wir werden demnach die
Anfertigung dieser Urkunde, die noch im 11. Jahrhundert von der-
selben Hand, welche die anderen Meissner Urkunden mit Ausnahme
Ton DO. 437 mit Indorsaten versah, bezeichnet wurde, in Verbindung
mit den Verhandlungen, welche jenem Vergleich von 1017 voran-
gingen, zu bringen haben.
Dem gleichen Zwecke hat offenbar auch St 1057 gedient. Diese Ur-
kunde ist eine genaue und vortrefflich gelungene Nachzeichnung nach
einem Diplome gleicher Hand mit Si 1055. Die Uebereinstimmung
ist so gross, dass, wenn nicht der Inhalt ernstliche Bedenken hervorrufen
würde, an ihrer Echtheit nicht zu zweifeln wäre. Sie ist mit einem echten
Konigssiegel versehen, das aber, wie es nicht zur Datirung passt, und
kunstlich befestigt ist, offenbar von Si 1055 abgenommen worden ist.
An letzterem, sonst unanfechtbaren Diplom wurde dann ein Siegel gleicher
Mache mit dem von St. 1046 B angebracht^). Dass nicht Si 1055
die Vorlage für St 1057 war, wie die Uebereinstimmung in der Schrift
vennuthen liesse, ergibt sich aus folgenden Wahrnehmungen. Das
Protokoll von St. 1057 weist manche Divergenzen auf. Der Titel rex
steht in Widerspruch mit der Datirung, deren Angaben vollständig
zum Jahre 996 passen, in welchem aber ein Aufenthalt zu Frankfurt
nicht möglich ist Wollen wir nun diese Incongruenzen nicht dem
Fälscher in die Schuhe schieben, so können wir sie nur so erklären,
dass demselben eine echte Urkunde mit diesem Protokoll vorgelegen
habe, welches darauf hinweist, dass im Jahre 996 eine Urkunde über
eine Handlung ausgefertigt wurde, welche noch in der Königszeit zu
Frankfurt stattgefunden hat Vermuthlich geschah dieselbe im Jahre
995, in welchem Otto III. den December über zu Frankfurt verweilte
und hier auch für Meissen urkundete. Zu diesem Ergebnisse führt uns
auch die Untersuchung der Formeln des Gontextes. Für denselben ist
an der Stelle firugum et pecudum — referant et reddant St. 835
herangezogen, alles andere stimmt mit dem Dictate der von dem
Schreiber von St 1055 angefertigten Urkunden*) so genau überein,
ohne sich mit einer bestimmten ganz zu decken, dass der Gedanke an
Nachbildung oder fireie Erfindung durch den Fälscher ausgeschlossen
ist. Somit muss von demselben ein för uns verlorenes, echtes Diplom
') Foltz in Neues Archiv S, 41, desBen Darstellting Posse 1. c. 881 nicht
beachtet hat
*) Von diesem sind geschrieben: St 1055, 1110, 1888,
372 Uhlirz.
Otto in. benützt worden sein, in welches er die Anstoss erregende
Grenzbeschreibung einschaltete. Denn mit Recht ist hervoi^ehobea
worden, dass Otto III., der sich eifrig flir die Wiederherstellung
Merseburgs bemühte, eine derartige Ausdehnung des Meissner Sprengeis,
wie sie in St. 1057 geschildert wird, nicht habe sanctioniren können^).
Doch lassen diese Bestrebungen des Kaisers die Vermuthung be-
rechtigt erscheinen, dass auch die verlorene Urkunde von der B^u-
lirung der Grenzen Meissens gehandelt habe, und es ist demnach zu
untersuchen, ob die ganze Grenzbeschreibung oder nur ein Theil der-
selben als gefälscht zu bezeichnen ist. Nachdem für DO. 406 der
Beweis der Echtheit erbracht ist, Icann die weite Ausdehnung, welche
in St. 1057 der Ost- und Südgrenze gegeben ist, nicht befremden*).
Gerade, dass diese Gebiete von barbarischen Völkerschaften bewohnt
waren, hat es verhindert, dass man über ihren ümÜEUig sich klare
Vorstellungen machte, man gab hier leichten Herzens, da man die
praktischen Folgen dieser Verleihungen kaum in ihrer weittragenden
Bedeutung erkannte. Wenn zudem Otto III. Meissen zur Bückgabe
jener ihm aus dem Merseburger Sprengel zugewiesenen Gebiete veran-
lassen wollte, so musste er C!ompensationen nach anderen Sichtungen
gewähren. Dagegen ist die Stelle ambas piagas — sine dubio als
sichere Interpolation zu bezeichnen. Wenn wir den Inhalt dieses Ein-
schiebsels, welches uns auch den Anlass zur Fälschung verräth, be-
trachten, so ergibt sich, dass Meissen damit eine Ausdehnung seiner
Diöcese gegen Westen und Norden bezweckte, durch welche sowohl
Merseburg als auch Magdeburg zu schwerem Schaden gekommen wären,
indem die Zwickauer und die vereinigte Mulde, und zwar im um-
fange der auf beide Ufer sich erstreckenden Burgwarde, bis zur Mün-
dung in die Elbe als Grenze festgestellt wurde. Dadurch wären ein
bedeutender Theil der Merseburger Diöcese, von den Orten welche
das Erzbisthum Magdeburg noch 1015 besass, die an der Mulde
liegenden und ausserdem der erwiesener Massen zu Magdeburg ge-
hörige, nordwestliche Theil des Gaues Nizizi an Meissen ge&llen. Da
nach dem Vei^leiche vom Jahre 1017 Anlass zur Fälschung von Ur-
*) Posse L 0, 8S8.
') Ich möchte noch darauf hinweisen, dass 995 allerdings die Oder als Grenze
angegeben werden konnte, da die Stiftung des Bisthums Breslau wahrscheinlich
erst 1000 erfolgt ist. Würde man auch diese Stelle als Interpolation bezeichnen,
so müsste man, da St 1057 doch vermuthlich nach 1004 angefertigt wurde, an
nehmen, Meissen habe gegen die Gründung des Bisthums Breslau Einspruch er>
hoben und durch unsere Urkunde auch nach dieser Seite seine Grenzen sdhütsen
wollen, vgl. auch Palacky, Geschichte von Böhmen 1, 851. CD. Silesiae 7a, 4.
Die ältesten Kaiserarkunclen f&r das ßigtham Meissen. 373
kanden, durch welche Merseburg geschädigt werden konnte, nicht vor-
handen war, so werden wir die Entstehung yon St. 1057 in die
Zeit vor 1017 zu setzen haben, womit sowohl die gelungene Axt der
Nachzeichnung, welche nur in einer der echten Ausfertigung nahen
Zeit m^lich war, als auch die Dorsualnotiz übereinstimmen. Daraus
müssen wir aber folgern, dass Meissens Ansprüche bereits in diesen
Jahren auch gegen Magdeburg gerichtet waren. Während Meissen
gegen Merseburg sich in seinem durch den Synodalact yon 981 legal
erworbenen Besitze zu schützen yersuchte, ging es gegen Magdeburg
aggressiv yor und richtete sein Augenmerk yornehmlich auf jene Ge-
biete, welche sich Gisiler in gewaltthätiger und unrechtmässiger Weise
bei der Beraubung der Merseburger Earche angeeignet hatte. Die
Bischöfe yon Meissen verfolgten eben die Politik nach zwei Seiten
ihre Massnahmen zu treffen, um in keinem Falle zu Schaden zu
kommen.
Stumpf Beg. 1057 wurde nunmehr auch zur Anfertigung anderer
Fälschungen benützt. Sowohl die unechte Bulle vom Jahre 968 als
auch DO. 437 und 449 lassen diese Urkunde als Vorlage erkennen.
Am nächsten steht DO. 449, welches sich als eine mit Ausnahme
zweier Lesefehler^) und des aus DO. 406 entlehnten Einganges wort-
getreue Wiederholung yon Stumpf Beg. 1057 erweist. Die Angaben des
Protokolls sind nicht in Einklang zu bringen, das Titelmonogramm, die
ganz verderbte EAnzleizeüe und die unrichtige Datirung schliessen die
Möglichkeit aus, dass hier eine echte Urkunde Otto I. nachgebildet worden
sei Das Verfahren des Fälschers ist um so auiSallender, da er, wie
erwähnt, sowohl DO. 406 als auch St. 1067 benützt hat. Da die Ur-
kunde uns nur in einem Transsumt vom Jahre 1250 erhalten ist,
können wir einen Anhaltspunkt für die Zeit ihrer Entstehung nicht
ans den äusseren Merkmalen gewinnen. Die nahe Uebereinstimmung
mit St. 1057 lässt jedoch die Vermuthung gerechtfertigt erscheinen,
dass sie zu derselben Zeit wie dieses angefertigt wurde, es handelte
sich offenbar darum, eine auf den Stifber des Bisthums lautende Do-
tationsurkunde zu besitzen, durch welche Meissens Anrecht auf die in
derselben angeführten Gebiete eine sichere Stütze erhalten sollte.
In eine spätere Zeit fällt DO. 487. Die Schrift dieser Urkunde
gehört in das 12. Jahrhundert, sie entbehrt der älteren Indorsate und
wurde erst bei der im 15. Jahrhundert vorgenommenen Neuordnung
des hochstifkhchen Archives mit einem solchen versehen*). Die Be-
*) disvertere statt disyestire, tenetur statt videtur.
*) Im 15. Jahrhundert wurden auf den Meissner Urkunden eine kurze In-
haltsangabe und eine gleichmässige Lagerortsbezeichnung angebracht.
standtheile des Protokolls weisen die denkbar grÖssten Widerspr&clie
auf. Otto L trägt bereits den Kaisertitel, in der Datirung lässt sieb
das Incamationsjahr 948 nicbt mit dem annus imperii 3 und der indictio 8
vereinbaren, welche zum Jabre 965 stimmen, in diesem ist aber zum 1 1. Ja-
nuar ein Aufenthalt zu Mainz ausgeschlossen. Der in der Becognition
genannte Erzkanzler Hildibert ist bereits 937 verstorben und sohin kann
auch aus der Nennung eines Kanzlers Folcmar nicht auf Benützung
einer echten Urkunde geschlossen werden. Da auch das Monogramm
am unrichtigen Platze steht, ist eine derartige Annahme überhaupt
abzuweisen. Der Text ist in engem Anschluss an St 1057 an-
gefertigt, doch sind einige Abweichungen zu yerzeichnen, welchen
eine grosse Bedeutung zukommt. Die Grenzbeschreibung in DO. 437
beginnt nicht wie jene der Vorlage bei der Quelle der Oder, sondern
bei der Muldequelle, und zwar wird uns ausdrücklich die orientalis
Mulda genannt Nach heutigem Gebrauche hätten wir darunter die
Freiberger Mulde zu verstehen. Dadurch würde aber die Diöceäe
Meissen um ein grosses und wichtiges Gebiet verkürzt, auf welches
Merseburg niemals Anspruch erhoben hat. Da ja an eine absichtliche
Selbstschadigung von Seite Meissens nicht zu denken ist, müssen wir
entweder einen Irrthum des Fälschers annehmen, der damit die
Chemnitz bezeichnen wollte, oder vermuthen, dass derselbe mit dem
Ausdrucke orientalis das östliche Ufer der Ghemniz und der Zwickauer
Mulde gemeint hat Wie dem auch sei, sicher ist, dass die Ansprüche
gegen Merseburg vollständig aufgegeben sind, dagegen der gegen
Magdeburg gerichtete Anspruch auf die oben geschilderte Ausdehnung
der Nordgrenze aufrecht erhalten ist Somit werden wir im Hinblick
auf die äussere Form DO. 437 mit voller Berechtigung in Beziehung
zu der im Jahre 1137 getroffenen Entscheidung bringen, laut welcher
Meissen seine Ansprüche fast vollständig durchgesetzt hat, da ihm
der grösste Theil von Nizizi und der ganze Gau Lusizi zugewiesen
wurden.
Wenn ich am Schlüsse angelangt, die Ergebnisse meiner Unter- '
suchung kurz zusammenfasse, so ist als wichtigstes der Erweis der
Echtheit von DO. 406 zu betrachten. Denn diese Urkunde gewährt
uns den einzigen sicheren Anhaltspunkt für die Feststellung des ur-
sprünglich dem Bisthum Meissen zugewiesenen Bekehrungsgebietes.
Im weiteren Verfolge war es möglich gewesen, die Beziehungen klar
zu stellen, in welchen die nachweisbaren Fälschungen zu den ver-
schiedenen Phasen der Grenzstreite stehen. Es ergab sich femer, dass
man in Meissen schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts die Ausdeh-
nung der Grenzen auch gegen Magdeburg ins Auge gefasst hatte.
^e ^testen Saiserurkunden Air das Öisthom Meisaeü. 375
Unter Berücksichtigung dieses Umstandes konnte nachgewiesen werden^
dass DO. 449, Stumpf Keg. 1046 B und 1057 der Zeit vor 1017 an-
gehören, DO. 437 dagegen zu Anfang des 12. Jahrhunderts und zwar yor
dem Jahre 1137 verfertigt worden ist. Diese Resultate dürfen wohl auch
nach den vorhergegangenen Forschungen ihren selbstständigen Werth
beanspruchen, da nunmehr eine sichere Beurtheilung der einschlägigen
Urkunden und damit auch der Aufgaben ermöglicht ist, welche dem
Bisthume Meissen gestellt worden sind, deren Lösung durch die Ghri-
stianisirung der Mark Meissen und der Lausitz erfolgt ist.
Der Willebrief für die Römisclie Kirche
V. J. 1279.
(Mit einem Facsimile.)
Von
F. Kaltenbrnnner.
L Die Ausfertigung.
B. Beichs. 135, wodurch deutsche Fürsten die dem Somischea
Stuhle Yon K Rudolf ausgestellten Urkunden gutheissen und bestätigen,
ist mehrmals gedruckt. Zuerst von Kaynald a. a. 1279 n. G. 7^)
wahrscheinlich aus Piatina, dann MG. LL. II. 421 aus Raynald und
zuletzt von Theiner C. D. I. 247 leidlich gut nach dem im Vatieani-
sehen Archive unter der Signatur Arm. I. caps. VIII. n** 1 aufbewahr-
tem Originale, dessen Facsimile ich hiemit der OefPentlichkeit über-
gebe «).
Inhaltlich gekannt und hinlänglich gewürdigt^) nimmt die Ur-
kunde doch paläographisch und diplomatisch unser Interesse in An-
spruch und insofeme, meine ich, rechtfertigt sich ihre Mittheilung,
als nun vielleicht die Frage, in welcher Kanzleistube sie geschrieben
und gefertigt wurde, behandelt werden kann, sobald das Urkunden»
^) Ich übergehe die andern Drucke, bemerke aber, dass schon Zaccagni in
seiner 1709 anonym herausgegebenen »Dissertatio historica de Summo A. S.
Imperio in urbem comitatamque Comadi* den Willebrief sicher nach dem
Originale abdruckt.
*) Die Siegel sind in LeinensAckchen eingen&ht, daher unprüfbar. Das vor-
letzte ist abgefallen. Trier und Cöln haben die ihrigen an grüner, Mainz an
weisser, Pfalzgraf Ludwig an violetter, Johann v. Sachsen an weisser, sein Bruder
Albrecht an grüner, Johann v. Brandenburg an weisser, der zunächst folgende
Otto V. Brandenburg an rother, der nächste und letzte endlich an weisser Seiden-
schnür hängen.
*) Vor allem bei Bussen »Die Idee des deutschen £rbreichs und die ersten
Habsburger«. W. S. B. 1877 671 ff.
Der Willebrief für die ftömische Kirche v, J. 1279. 377
Wesen unter E. Rudolf und im besondern das seiner Kanzlei eingehende
Berücksichtigung gefunden haben wird^).
Einzig durch Betrachtung der äusseren Merkmale wird diese Frage
gelöst werden können, denn durch die Untersuchung der Formeln und
des Dictats werden wir deshalb absolut nichts erreichen, weil der Ent«-
wurf für unsern Willebrief an der Curie gemacht und in Deutschland
fest wörtlich bei der Ausfertigung nachgeschrieben worden ist').
Am 21. Dec. 1278 richtete Nicolaus DI. die betreffende Auf-
forderung an eine Anzahl deutscher Fürsten und zwar in 2 Fassungen,
von denen die eine (A) unter n^ 21502 bei Fotthast verzeichnet, die
andere (B) bei Theiner C. D. I. 227 als Anhang zu A angeführt ist
Die Adressen beider weisen sowohl weltliche als geisthche Fürsten auf,
unterscheiden sich auch nur in der Arenga, die aber in diesem Falle
doch nicht als rein rhetorischer Schmuck aufi&ufassen ist, sondern in A
die höhere Stellung — die als WahlfÜrsten — , welche man an der
Curie ihren Adressaten zuwies, deutlich kennzeichnet
Sowohl Yon A als von B sind wiederum je 2 Fassungen auf-
gestellt worden, indem filr die geistlichen Fürsten die ihnen ent-
sprechende Mandatsformel statt der im Gontezt des Briefes selbst
stehenden gesetzt wurde, so dass wir also vier yerschiedene Aus-
fertigungen dieses Briefes zu unterscheiden haben. A^*- erging an den
Markgrafen Johann yon Brandenburg, an die Herzoge Johann und
Albert yon Sachsen und an Ludwig, Pfalzgrafen bei Rhein und
Herzog yon Baiem; A' an die Erzbischöfe yon Mainz, Trier und Cöln.
B ^ an den Herzog yon Braunschweig, den Orafen yon Anhalt, den Land-
grafen yon Thüringen, den Orafen yon Holland und die Herzoge yon
Brabant und Lothringen und überdies unter allgemeiner Adresse an
sammtliche geistliche und weltliche Würdenträger ,per Alamanniam
constitutos ' ; B' endlich an die Erzbischöfe yon Bremen, Magdeburg
und Salzburg, an die Bischöfe yon Würzburg, Lüttich und Münster.
A^ und B* sind als selbständige Briefe unter den Nummern 49, 50
eingetragen im Begistrum Nicolaus^ III. Tom. 2. Annus I. und zwar A^
') Die weiteren Bemerkungen, die ich daran knüpfe, sind so wie meine
»Römischen Studien* in den Mittheilungen Berichte über Quellenforschungen, die
ich in den Wintern 1881/2, 1882/8 zum Theil gemeinsam mit Dr. A. Fanta in
Rom anstellte.
3) Die Abweichungen, welche die CoUation des Originals mit dem Entwurf
ergab, sind so geringfügig, dass es sich nur deshalb lohnt sie anzufahren, weil
sie uns eine hohe Achtung vor den damaligen Schreibern einflössen müssen. Zeile 1
des Fase, hat der Entwurf quadam quasi statt quasi quadam ; Z. 2 planctans statt
plantans; Z. 6 seu et statt seu etiam; Z. 12 Anchonitana statt Anconitana und
Esarchatu statt Exarcatu.
MtttheiluD^D, Grganzungsbd. I, 25
378 Kaltenbrunnel*.
adressirt an den Markgrafen Johann von Brandenburgs B^ mit der
Gesammtadresse, während die übrigen Adressen mit dem üblichen
I. e. m. eingeleitet diesen 2 Hauptbriefen angehängt sind, wobei in
beiden fUr die geistlichen Fürsten die schon angeführte Aenderung der
Mandatsformel am Bande angemerkt ist
Nach diesen 2 Briefen folgt im Begistrum Nicolaus^ III., ohne
Bubrum oder üeberschrift aber mit der selbständigen Nummer 51 ver-
sehen, der Entwarf für unsem Willebrief, welcher, wie dies aus den
Aufforderungsschreiben selbst hervorgeht, zusammen mit diesen dem
Magister Giffirid von Anagni nach Deutschland mitgegeben wurde, und
mit ihnen den einzelnen Fürsten übermittelt worden sein wird.
Dass dieses Schriftstück der Entwurf und nicht die Abschritt des
Willebriefes ist, ergibt sich einfach sdion durch seine Eintragung
unter den Briefen des Jahres 1278. Auch sonst finden sich in
diesem zweiten Begisterbande Nicolaus' III. Entwürfe zu Urkunden,
und so wie bei den andern wird auch das EschatokoU im Entwürfe
angedeutet durch „Act. etc. Dat etc.**, nicht aber wie bei den andern
wird die Setzung von Zeugen, Anbringung von Siegel u. dgL ver-
langt Eingeleitet wird der Entwurf so wie die Urkunde selbst durch :
«Nos principes Imperii*'; es ist also schon damals eine Gesammt-
bestätigung deutscher Fürsten ins Auge gefasst, und wir werden nicht
irren, wenn wir das im Begistrum eingetragene Schriftstück als Bei-
lage zur Fassung A, deren Adressen nur Wahlförsten aufweisen, an-
sehen. Es ist aber gleich hier darauf hinzuweisen, daiiss sich ihre
Zahl in der Aufforderung und in der Besiegelung des Willebriefen
nicht deckt, denn während dort nur Ein Markgraf von Brandenburg
angeführt ist, besiegeln ihrer 3, so dass sich die Zahl der urkundenden
Fürsten auf 9 erweitert Vielleicht nicht zufallig ist es hiebei, dass
die 3 Siegel der Brandenburger hart aneinander gedrängt sind, wäh-
rend die übrigen in eine geistliche und weltliche Gruppe gesondert
in ziemlich gleichen Distanzen von einander abstehen.
Neben dieser gemeinsam ausgestellten Urkunde gibt es nun merk-
würdigerweise auch Ausfertigungen von einzelnen Fürsten, was sicher-
lich fUr die hohe Bedeutung spricht, welche man diesem Akte an der
Curie zuschrieb. Bisher war bekannt, dass Otto von Brandenburg,
Pfalzgraf Ludwig und gemeinsam die Herzoge Johann und Albrecht
von Sachsen solche Einzelausfertigungen ausgestellt haben; jetzt wissen
wir von 28 Fürsten Deutschlands ein gleiches.
Dass die einen schon bekannt, die andern bisher verschollen
waren, hängt mit der Art der Ueberheferung, in der sie auf uns ge-
kommen sind, zusammen. Von jenen drei sah ich selbst im Yati-
Der Willebrief für die Römische Kirche t. J. 187d. 370
canischen ArcluTe die Originale und zwar die beiden ersteren im
Bestände des ehemaligen Archivs der £ngelsbai^^\ die letztere in den
sogenannten « Miscellanea \ Jener erwähnt schon Baynald a. a. 1279 n. 7
und Zaccagni a. a. 0. hat sie aas den Originalen al^^edruckt, schein-
bar auch aus ihnen Theiner C. D. L 247 als Anhang zum allgemeinen
Willebriefe g^eben. Beide wurden auch bei jener grosaartigen Trans-
sumirung von Urkunden, welche auf Befehl Benedict' XIL i. J. 1839
der papstliche Notar Johannes de Amelio zu Assissi Yornahm, ein-
bezogen^) und aus diesen Transsumpten sind die Besiegelungsnotizen
entnommeni welche Theiner a. a. 0. ihrem theilweisen Abdrucke an-
fugt Ottos Original und Transsumpt wurde weiters von Piatina in
seiner CoUectio priyilegiorum I. n^ 54 und IT. foL 300 und im gleich-
zeitig angelegten Liber Privilegiorum E. K L foL 85 und IL foL 88
aufgenommen, während von Ludwig Original und Transsumpt nur in
letzterem L foL 94 und 88 Platx &nden. Aus einer dieser Sammlungen
ging dann Ottos Transsumpt iu den Cod. Vallic. B. 12 über, aas dem
Dndik J. B. IL 81 von dieser Urkunde eine Notiz gegeben hat. Die
Urkunde der Herzoge von Sachsen endlich hat Kopp Beichsgeschichte XIL
1. 295 aus dem Originale im Yaticanischen Archive abgedruckt, und
Theiner sie in gleicher Weise wie die beiden früher besprochenen, aber
ohne Provenienzangabe und Note über die Besiegelung, a. a. 0. an
dritter Stelle angeführt »).
*) unter den Signaturen : Arm. I. cap«. VilL n* 8 und Arm. L capa. VÜI, n* 7.
') Ich sah hievon nur den Transsumpt der Urkunde Ottos unter der Sig-
natur Arm. I. Caps. YIII. n^ 8 ; vom Transsumpte Ludwigs habe ich nur Kunde
aus der Abschrift im Lib. Privileg. £. R.
•) Die üeberliefening in den übrigen Drucken ist recht verwirrt Sie gehen
der Hauptsache nach wohl auf Zaccagni zurück, der L J. 1709 zuerst den all-
gemeinen Willebhef, dann die Ottof» und Ludwigs gibt, alle drei mit Noten über
die Besiegelung und einem Vidimus des Archivpräfecten Dom. Rivera v. J. 17 OS.
Daraus gingen sie sicher über in Lünig Cod. Italiae, wo VL 752 alle drei in der-
selben Reihenfolge erncheinen ; aber schon hier beginnt Verwirrung, indem dem
Briefe Ludwigs der Ck)ntext des allgemeinen Willebriefes gegeben wird. In des-
selben Lünig Spicilegium ecclesiatiticum I 282 kommt aber ein weiterer Punkt
hinzu, den ich nach einer Seite hin nicht aufzuklSren vermag Nach dem all-
gemeinen Willebriefe nämlich folgt eine gemeinsam von Ludwig, den beiden Her-
sagen von Sachsen und Otto von Brandenburg auHgestellte Urkunde mit dem
Contexte der Urkunde Ottos und mit Grussformel und Datum Ludwigs. Wieder
anders wird bei Riedel Cod. Diplom. Brandenburg. I. 2o7 die von den 4 Fürsten
gemeinsam ausgestellte Urkunde gebracht, indem hier der Context des all-
gemeinen Willebriefd mit Grussformel und Datum Ludwigs verbunden ist. Hege
ich nun auch keinen Zweifel darüber, das» dieser gemeinsam den vier weltlichen
WahKürsten zugeschriebene Brief aus einer Zusammensetzung der 8 üiinzelaus-
fertignngen entstanden ist, so vermag ich doch keinen Aufschluss darüber zu
geben, wie denn die Kunde davon, dass auch die beiden Herzoge von Sachsen
25*
380 Kaltenbrunnei*.
Diese drei eben besprochenen ebenso wie der Gesaramt- Willebrief
haben als Aussteller nur Wahlfürsten, während die nun im folgenden
zu behandelnden Ausfertigungen neben den 8 Besieglem des all-
gemeinen Willebriefs noch 20 andere deutsche Fürsten als Adressanten
aufweisen. Gestützt auf das bisher bekannte Material konnte Busson
a. a. 0. 671 den Satz: ,Complectens ab olim — Imperium germina-
rent* als wichtige Erklärung des Römischen Stuhles in der Chur-
fürstenfrage auffiissen. Er konnte dies um so mehr, als, wie wir ge-
sehen haben, in den Aufforderungsschreiben des Papstes, welche an
die Wahlfürsten abgehen, ebenfalls eine ähnliche Höherstellung der-
selben g^enüber allen andern zum Ausdrucke kommt Eine weitere
Unterstützung für seine Ansicht lag fiir Busson in dem Willebrief,
den der Erzbischof von Salzbui^ und die Bischöfe von Chiemsee und
Seckau am 14. Februar 1279, also schon am Tage der Ausstellung
von B. E. 574, 575 über dieselben gegeben haben*). In diesem Wille-
briefe, der eine yoUkommen andere Fassung aufweist, könnten wir
die „ forma '^ wiedererkennen, welche ftir die in den Fassungen B des
Aufforderungsschreibens angeführten Fürsten dem Gifirid von Anagni
mitgegeben worden sei. Aber diese ,» forma'' hätte allzusehr die Art
des Beurkundungsaktes des Königs vorausgeahnt ^) und weiters wäre
es merkwürdig, dass nicht auch sie sowie die «forma'' für die Urkunde
«Complectens ab olim' im Begistrum Nicolaus* III. eingetragen worden
wäre. Lässt man die Urkunde als echt gelten — und ich wage weil
in den Fürstenurkunden dieser Zeit nicht bewandert meine Zweifel
darüber kaum auszusprechen — so könnte man entweder annehmen,
dass sie auf eine spontane Eingebung des Giffrid zurückgeht, der
speciell auch für die Zurücknahme der in der Bomagna durch den
Eiinzler Budolf abgenommenen Eide 3) einen Willebrief haben wollte,
und hiefilr gerade die drei geistlichen Fürsten (die einzigen, welche in
der Zeugenliste von B. K. 574, 575 auftreten) willfahrig gefunden habe.
Oder man geht über die oben ausgesprochenen Bedenken hinweg und
geurkundet haben, zu Lilnig und Riedel gedrungen ist. Während sie dieselben
aber noch nicht selbständig urkundend auftreten lassen, weiss bereits Böhmer in
Reichs. 185 das Datum des Sächsischen Briefes zu geben, ebenfalls aus einer mir
verborgenen Quelle.
^) Kopp Reichsgeschichte III. 1. 294.
*) Ich verweise (abgesehen von der vorauszusehenden Anwesenheit des
Giffrid von Anagni und der Verlesung gewisser Urkunden) auf den Satz: »Et ut
omnia subsisterent firmitate tactis sacrosanctis evangeliis juravit (Rex) in
animam suam
>) »et que contra predicta per se (Regem) vel per alium facta dicta seu
iurata fuerunt, revocavit, casHavit et annuUavit et omnibus iuribus vacuavit.*
Der Willebrief für die RömiBchc Kirche v. J. 1279. 381
sieht in ihr wirklich eine jener Urkunden, wie sie der Papst von den
Nichtwahlfiirsten erhalten wollte*). Dann aber muss man annehmen,
dass bald darauf Giffirid') von dieser forma abgestanden sei und die
yComplectens ab olim^ auf alle Fürsten ausgedehnt habe. Hiebei
wQrde die gewiss sehr ansprechende Ansicht Bussons nur insoferne
modificirt, dass die Absicht der Curie, einen Ausspruch deutscherseits
in der Churfürstenfrage zu erhalten, während der Anwesenheit des
Gifi&id von Anagni am königlichen Hoflager fallen gelassen wurde.
Denn der in Frage kommende Satz konnte nur dann eine Bedeutung
haben, wenn er blos von Wahlfürsten und solchen, die mit einiger
Aussicht Anspruch auf eine Wahlstimme erheben konnten, gesprochen
wurde; er musste aber mehr oder minder zum rhetorischen Schmucke
einer Arenga herabsinken, wenn er, wie wir nun sehen, auch
Aebten, ja Grossen, die nicht einmal dem BeichsfÜrstenstande an-
gehören, in den Mund gelegt wird').
<) Die Verunstaltungen der Namen in der Zeugenliste, (die sich ziemlich
deckt mit der von B. R. 574, 575), in dem von Kopp dem Originale entnommenen
Abdrucke braucht nicht ins Gewicht zu fallen; wir können sie dem Archiv -
Schreiber, der Kopp zur Verfügung gestellt wurde, ebenso gut zuweisen, als etwa
einem italienischen Secretär des Gifirid, der die Urkunde selbst geschrieben hat.
*) Schon am 8. März stellt der Pfieüzgraf Heinrich bei Rhein den Willebrief
»Complectens ab olim* aus. Könnte man aber hier an eine Theilung der Wahl-
stimme denken ähnlich wie bei Brandenburg, so wird die Aenderung sicher am
2o. März, wo zu Wien eben der Erzbischof von Salzburg unsem Willebrief gibt,
nachdem er am 14. Februar schon einen solchen in anderer Form erlassen haben soll.
') Der Gedanke Bussons, dass durch den Satz »Complectens ab olim* klar
und deutlich der Gedanke zum Ausdruck gebracht werde, dass den deutschen
Fürsten das Wahlrecht von der Römischen Kirche verliehen worden sei, wird
schon von Piatina ausgesprochen. Dem Gesammt- Willebriefe, den er Tom. I.
n^ 54 einreiht, setzt er folgendes Rubrum vor: »Littere Electorum considerantium,
quod dignitas imperialis data esset nationi Germanioe ab ecclesia Romana et
Electio ejus principibus germanicis partim ecdesiastiois partim secularibus, N.
pape IIL approbantes et ratificantes factam approbationem donorum provinciarum
civitatum et terrarum ibidem nominatarum a Rudolfo rege factorum Sanote
Romane Ecclesie*. Eine ähnliche Fassung wiederholt er dann im 2. Bande vor
dem Transsumpte der Urkunde Ottos von Brandenburg. Dagegen ignoriren den
Satz vollständig die gleichzeitigen Notizen, was mir denn doch von einiger Be-
deutung zu sein scheint. Ftir den Entwurf findet sich im gleichzeitigen Index
des Registers Nicolaus' III. folgendes Regest: »Forma secundum quam principes
Alamannie debent ratificare et approbare privilegia ecclesie Romane concessa
qualiterque super concessionibus factis eidem ecclesie suum prestare debent assen-
sum.* Die Dorsualnotiz am Gesammt- Willebriefe lautet: »Ratificatio eorum que
gessit R. rex Romanorum per principes Imperii facta* ; und ebenso nüchtern die
Randnotiz im Cod. Ottob. 2546 für die 28 Einzelnausfertigungen: »Ratificationes
prelatorum (al: prindpum et baronum) Alamannie super confirmationibus et de
novo donationibus factis per dominum R. Regem Romanorum ecclesie Romane*.
382 Kaltenbrunner.
Diese Urkunden sind uns überliefert in den Fragmenten eines
Liber Privilegiorum der Römischen Kirche, welche im Cod. Ottob. 2546
neben andern direct dem Vaticanischen Archive zugehörigen Stücken
aufbewahrt werden. Sie sind in der Weise dort eingetragen, dass
3 Passungen der Beihe nach eingeschrieben sind, und nach jeder der-
selben die Urkunden einer Anzahl yon Fürsten nur mehr mit ihren
Protokolltheilen und unter Verweisung auf den gleichen Wortlaut mit
der vorangehenden in extenso gegebenen aufgeführt sind — ein Vor-
gang, der so ganz den Begistergebräuchen der Curie entspricht, nach
welchen gleich oder ähnlich lautende Briefe über einen Gegenstand in
dieser Weise 'verkürzt eingetragen werden. Die beiden ersten Fas-
sungen Wa, Wb (W ==- B. Beichs. 135) gehören ausschliesslich geist-
lichen Fürsten an; als Adressanten begegnen wir in Wa dem Erz-
bischof von Mainz, in Wb dem Bischof von Speier. Stilistisch weichen
sie nur in einem Punkte von einander ab, indem statt »consensum
venerabiliter exhibemus* in Wa (Facsimile Z. 17: unanimiter et con-
corditer) , consensum irrevocabiliter exhibemus * in Wb erscheint. Wc,
wo Pfalzgraf Heinrich von Baiern der Adressant der in extenso ein-
getragenen Urkunde ist, welcher nur weltliche Fürsten untei^estellt
sind, hat mit Wb letzteren Ausdruck gemein, unterscheidet sich aber
dadurch wesentlich von beiden vorangehenden, dass conform mit W
von den Nachfolgern der Urkundenden nicht die Bede ist, während
in Wa und Wb Zeile 17 das Facsimile nach promittimus »pro nobis
et successoribos nostris*' und Zeile 19 nach a nobis «et suocessoribus
nostris predietis eisdem*^ eingeschaltet ist. Ueberdies lernen wir aus
den uns erhaltenen Originalen noch zwei weitere Abweichungen kennen;
in der Urkunde des Pfalzgrafen Ludwig nämlich, der dem irrevocabiliter
ein ,et sponte* voransetzt (Wc*), und ferner bei den Herzogen von
Sachsen, welche, da sie gemeinsam Urkunden, sich des « unanimiter et
concorditer* von W bedienen.
Wir gewinnen also auf diese Weise mindestens 5 Fassungen des
Willebriefes, von denen W, Wc, Wc^ ihrem Bechtsinhalte nach ge-
meinsam gegenüberstehen Wa, Wb ; stilistisch aber W, dann Wa, ge-
meinsam Wb, Wc und als vierte Wc* je eine Gruppe bilden.
Die Urkundenden Fürsten vertheilen sich folgendermassen :
Wa. 1. Werner Erzbischof von Mainz. 27. September^).
2. Sigfried Erzbischof von Cöln. 2. Juni.
*) Indem ich mir vorbehalte, die Urkunden so, wie sie uns überliefert sind,
in der von mir vorbereiteten Publication »Aktenstücke zur Geschichte der Könige
Rudolf und Albrecht* einzureihen, theile ich hier nur zur Probe Wa 2. in ihrer
Eintragung im über Privilegiorum mit: >(S)ifiidu8 dei gratia sancte Coloniensis
Der Willebrief för die Römisclie Kirche v. J. 1279. 383
Wa. 3. Heinrich Erzbischof von Trier. 27. September.
4. Friedrich Erzbischof von Salzburg. 23. März. Wien.
5. Chonrad Bischof von Strassburg. 28. September.
6. Budolf Bischof von Constanz. 23. October.
7. Johannes Bischof von Lüttich, 7. Juni.
8. Heinrich Bischof von Regensburg. 1. November.
Wb. 9. Friedrich Bischof von Speier. 27. September.
10. Petrus Bischof von Passau. 4. November.
11. Berihold Bischof von Würzburg. 9. ApriL
12. Heinrich Bischof von Basel. 19. October.
13. Eberhard Bischof von Münster.
14. Hartmann Bischof von Augsburg. 29. October.
15. Johann Bischof von Gurk. 6. November.
16. Bumo Abt von St. Gallen. 23. October.
17. Berthold Abt von Murbach. 29. September.
18. Albert Abt von Beichenau. 23. October.
Wc, Wc«. 19. Heinrich Pfalzgraf bei Rhein. 8. März. Wien.
20. Johann und Albert Herzoge von Sachsen. 19. März.
21 Ludwig Pfalgraf bei Rhein. 19. März.
22. Otto Markgraf von Brandenburg. 12. September.
23. Chonrad Markgraf von Brandenburg. 6. September.
24. Otto Markgraf von Brandenburg. 6. September.
25. Johann Markgraf von Brandenburg. 2. September.
26. Mainhart Graf von Tirol und Gorz^). 7. November.
27. Johann Herzog von Brabant. 6. Augusi
28. Heinrich Herzog von Brauschweig. 13. September.
Besehen wir uns nun diese Reihe, so darf das Vorkommen der
WahlfÖrsten, welche schon den Gesamrot -Willebrief ausgestellt haben,
nicht auffielen, wenn wir an die erhaltenen Originale Brandenburgs,
Baiems und Sachsens denken. Es darf auch nicht bedenklich machen,
dass wir hier Fürsten begegnen, die wir in der Adressatenliste der
beiden Auflforderungsschreiben Nicolaus' HI. nicht lasen, denn auch
ecclesie archiepiecopus sacri Imperii per Italiani archicancellarius. üniversis pre-
sentem paginam inspecturi«. ComplectenH etc. ut supra pro. — Dat. anno domini
HiTlo. cc. Septüag. Nono. Secunda die Mensis Junii Regnante predicto donmo
nostro R. Romanorum etc. ut supra.*
*) Das Vorkommen des Grafen von Tirol ist einigermassen merkwürdig.
Während alle in der Aufforderung genannten Adressaten »principes* nach da-
maligem Begriffe sind, sind es auch alle Aussteller mit alleiniger Ausnahme
Tirols, das erst 1286 in den Reichsf^rstenstand erhoben worden ist (vgl, Ficker,
Vom Reichsfurstenstande 208).
384 Kaltonbrunner.
unter den Besiegleru von W finden sich solche, an welche die Auf-
forderung nicht direct ergangen war, nämlich die beiden Markgrafen
Otto von Brandenburg. Es ist dies bei unsem Briefen der Fall bei
den Bischöfen von Strassburg, Gonstanz, Begensburg, Speier, Fassau,
Basel, Augsburg, Gurk, bei den Achten von St. Oallen, Murbach und
Beichenau, ferner bei dem Ffalzgrafen Heinrich, drei Markgrafen Yon
Brandenburg und dem Grafen von Tirol.
umgekehrt aber sehen wir aus der Liste, dass auch nicht alle
direct aufgeforderten dem nachkommen;, es fehlen nämlich mit den
von ihnen verlangten Urkunden die Erzbischöfe von Bremen und
Magdeburg, der Herzog von Lothringen, die Grafen von Anhalt und
Holland und der Landgraf von Thüringen.
Es erübrigt noch, die Frage zu erörtern, wie man sich denn etwa
das Zustandekonunen dieser Urkunden zu denkAn hat. Man könnte
auf den ersten Blick annehmen, dass die Urkunden in den drei Fas-
sungen nur von den in ihnen als Adressanten auftretenden Fürsten
ausgefertigt wurden imd den nur mit ProtokoUtheilen erscheinenden
zur Bestätigung vorgelegt worden sind, was durch Setzung der uns
überlieferten ProtokoUtheile geschehen wäre. Aber abgesehen davon,
dass man in diesem Falle bei denselben eine Confirmations- oder Be-
siegelungsformel erwarten müsste, stehen dieser Annahme eine Anzahl
positiver Gründe entgegen. Einmal eine gleichzeitige Notiz im Codex
selbst, welche besagt, dass alle diese Urkunden gleichen Inhalt mit
Ausnahme der Datirung hätten^). Ist darauf auch kein besonderem
Gewicht zu legen, so wäre bei obiger Annahme doch schwer zu er-
klären, dass die Datirungen durchaus nicht chronologisch aufeinander-
folgen, denn wir könnten uns doch schwerlich vorstellen, dass der
Schreiber des Codex die ihm auf den 3 Pergamentblättern chronologisch
geordnet vorliegenden ProtokoUtheile untereinander geworfen hatte.
Wir haben hier vielmehr das Product der Arbeit eines Begistratorm
vor uns, der die 28 Ausfertigungen in der Weise ordnete, dass er die
der geistlichen Fürsten nach den Fassungen Wa, Wb zusammenlegte
und ihnen als dritte Gruppe die der weltlichen folgen liess, ohne sich
hiebei mehr um die kleinen Modificationen (Wc^ und W) innerhalb
des Contextes zu kümmern. Den positiven Beweis endlich dagegen
erbringen eben die drei in anderer Ueberlieferung noch erhaltenen
*) »Onmes predicte XXVIII littere prelatorum principum et baronum Ala-
manuie sunt ejusdem tenoris omnino nee e8t aliqua divcisitas nisi forsan in data
que posita est hie in qualibet earundem.* Dass dies nicht ganz wörtlich zu
nehmen ist, zeigen schon die früher angeführten Abweichungen der Urkunden der
Sächsischen Herzoge und des Pfalzgrafen Ludwig.
Der Willebrief filr die Römische Kirche v. J. 1279. 385
Urkonden, welche mit gleicher Datirang und auch mit gleicher gerade
jei zweien you ihnen vereinzelt dastehenden Orussformel in der Reihe
der weltlichen Forsten. stehen, was ftür die Echtheit aller Ä.usferti-
gangen und auch für die Sorg< des uns yorliegenden Begistrums
Zeugniss ablegt
Wir haben alao sicher an 28 Einzelnauüfertigungen zu denken,
md wir werden nicht irrten, wenn wir dm Verdienst, dieselben der
Ciirie ver^ichafft zu haben, ihrt^m Bevollmäcbtigteo iu Deutschland, dem
Giffirid yuii Ajiagm zuschreiben; er bat ja die Aufforderungsschreiben
Eur Urkundung und den Entwuri' für dieselbe über die Alpen gebracht,
und ttusdrQckliüh wird er in er^teren uk V^rtrauenaperson bezeichnet
So wird denn der päpi^tliche Notar gelegentlich einer Bundreise durch
Deutschland dieselben überreicht und hiebei fiir die Erfüllung des
fäpätlicbeu Wuüöehes* gewirkt haben.
Eine nähere I^trachtuug der Uatirungen rechtfertigt diese An-
nahme. Es Urkunden im
März; am 8, Baiern; 10. Huierii und Sachaeuj 23. Salzburg.
April; am 9. WOrzburg,
Juni: am 2. Cölu; 7. Lüttick
Auguut: am 6. Brabtiut
September: am 2„ 6., 12. Hraiuleuburg ; 13. I?raunschweig; 27.
Mainz, Trier, Speier; 28. ytra^dbiirg; 211 Murbach.
Octüher; am 10. Ba^el; 23» St Galleü, lieicheuau, Constanz; 29.
Augs^burg,
Koyember: am 1. Rogen^sbiirg; 4* Pa^^sau; 6. Gurk; 7. Tirol.
Aud diei^er Zuäammensiellung kann mau sieh geradezu die Bund-
reise dea Giffirid von Anagni durch Deutschland veranschaulichen. Sie
ging auü yoa Wien, wo Giffirid die AusMtellung der Urkunden B. Bu-
dolf 414^ 475 am 14. Februar bewirkt hatte, wad nach Potth. 21485
uni 711 seinem Auttrage gehörte. Den Mära über haben wir ihn uns
noch am königlichen Hofe weilend zu denken, denn sowohl Heinrich
w€m Baiern am 8. als der Erzbischof von Salzburg am 23. datiren ihre
ürkonden von Wien au;^. Die Anwesenheit der letzteren zu Wien um
diej^e Zeit ist durch die Zeugenreihe von B. K. 479 vom 15. März
ziemlich sichergestellt
In der>selben Keihe finden sich aber auch die audern ebenfalls im
März Urkundenden Fiiratcn, nämlich Pfalzgraf Ludwig und die beiden
H(3zoge von Sachsen, und weitere auch Bischof Johann von Chiemsee,
tief IE der Urkunde de« Pfakgrafen Heiurich als Mitbesiegler genannt
wiii Im Septeuiber ¥M Hnixa wohl eiae über Aufforderung des
386 Kaltenbrunner.
päpstlichen Notars veranstaltete Versammlung Rheinischer Prälaten i)
und weiters im October eine solche in der Gegend des Bodensee»
anzunehmen sein, und wir hätten so die einfachste Losung für die
aufjgeworfene Frage, wie denn diese denkwürdigen Urkunden zu Stande
gekommen seien.
II. Die Ueberlieferung der Einzelnaustertigungen.
Ich halte es fttr gerechtfertigt, wenn ich gleich hier eine Be-
sprechung anschliesse über die Fragmente des Liber Privilegiorum im
Cod. Ottob. 2546, welchen ich als Fundort für die Einzelnausferti-
gungen der Fürsten bereits bezeichnet habe. Diese Fragmente um-
fassen die ersten 61 Blätter des Codex ^), wobei aber der Art der
Zusammensetzung desselben gemäss nicht alle Blätter der ursprüng-
lichen Anlage zugehören, sondern eine Anzahl von ihnen als Einlege-
blätter auszuscheiden ist. Sowie der ganze Codex den Eindruck macht,
als sei er aus einem zusammengelesenen Archivalienhaufen gebildet
worden, so wiederum im kleinen der erste Theil, von dem überdies
eine beträchtliche Anzahl der Blätter in so schlechtem von Moder und
Frass zerstörten Zustande ist, dass manche auf neues Pergament auf-
geklebt werden mussten, andere nur in Stücken nothdürftig noch mit
ihren Lagen zusammenhängen. Schöne Schrift und regelmässig ge-
setzte Custoden sprechen für die Sorgfalt der ursprünglichen Anlage;
jedoch ist dieselbe nicht völlig zum Abschluss gebracht worden, denn
es mangeln die Initialen, für welche an vielen Stellen dem Bubricator
*) Hier wird wohl erst der Widerstand, den die Erzbiechöfe von Mainz und
Trier den durch Gififrid vorgelegten päpstlichen Forderungen entgegenbrachten
(vgl. Potth. 21681 Reg. Nie. III. T. IL A II. ep. 47. 48), gebrochen worden sein.
') Der übrige Bestand des Codex ist folgender: 2. foL 68—70 Zehntbericht
aus der Diöcese Padua a. 1298; 8. fol. 74—87 Sicilische Akten a, 1808; 4. foL 89
bis 96 und 5. fol. 98—111 und 6. fol. 118—124 Fragmente aus dem Registrum
Clemens' V. (darüber Ottenthai in den Mittheilungen); 7. fol. 126—147 ünter-
werfungsakt von Ferrara a. 1810; 8. fol. 149— l52»Anni sexti littere Tabellionum
Johannis XXII. (Original); 9. fol. 154 — 161 Procura civitatis Ferrarie in personam
D. Delfini de Flezis ad prestandam obedientiam S. D. Clementi VI. a. d. 1864
(Fragment); 10. fol. 168—170 Camer alakten Clemens' VI.; 11. fol. 172—199 Ein
Theil des Cameralregisters Bonifaz' VIII. (darüber in meiner Abhandlung über die
päpstlichen Register des 18. Jahrh, in den Mittheilungen); 12. fol. 201 — 280
Fragment der Historia tripartita des Cassiodor saec XIV; 18. fol. 282—288 :
»Earolus Dei fretus Christi auxilio rex Franoorum ac Longobardorum ac Pa-
tricius Romanorum religiosis lectoribus nostre dictioni subiectis.* — »Cum nos
divina semper.« BM. n° 208. Zwischen jedem dieser einzelnen Stücke sind ein oder
mehrere leere Blätter bei Zusaramenetellnng resp. Bindung des Codex eingelegt
worden.
Der Willebrief für die Römische Kirche v. J 1279. 387
die eatsprechenden Plätze leer gelassen sind. Nach Lagen vertheileu
«ch die 61 Blätter folgendennassen: I. fol. 1—10; II. fol. 12—21;
lU. foL 23-30; IV. fol. 32-39; V. fol. 40, 41, 42, 43 Fragment
einer Lage; VI. fol. 45 loses Blatt; VII. fol. 47-53; Vffl. fol. 54-01.
Die Blätter 11, 22, 31, 44 und 46 sind Einlegeblätter.
Diese zu beschreiben waren 3 Schreiber thätig*), die ich Ende
des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts setze, und die sich in der
Weise vertheüen, dass A foL 1—10, B die Lagen II, IV, VI, VII,
C die Lagen III und VIII zufallen. Inhaltlich aber gUedem sich die
8 Fragmente in 3 Gruppen:
1. I. IL III. Die Lyoner Transsumpte Innocenz^ IV. v. J. 1245.
2. IV — VII. Urkunden, die Uebertragung Siciliens an Karl Ton
Anjou betreffend.
3. VIIL Urkunden aus der ßudolfinischen Zeii
Diese letztere enthält auf fol. 54—56 die besprochenen Wille-
briefe und von foL 57— t)l B. Rudolf 474, das im Texte vor den
Worten ducatus Spoletanus (Theiner C. D. I. 233 Sp. 1. Mitte) ab-
bricht. Wir haben es mit einem intaeten Quatemio zu thun, der obige
Worte auch noch als Custoden hat. Dass sein Schreiber (C) auch bei
der ersten Gruppe thätig war, sichert hinlänglich, abgesehen vom
gleichen Linienschema und ähnlichem, die Zugehörigkeit desselben zum
vorhergehenden. Wie auf mehreren andern Lagen sind noch Beste
der alten Foliirung (157 — 164) erhalten, die uns in die Lage setzen
werden, den ursprünglichen Bestand des Codex bis zu einer bestimmten
Grenze zu reconstruiren.
Bei der zweiten Gruppe (den Sicilischen Urkunden), welche aus
zwei vollständigen Quaternionen und dazwischen liegenden 4 Blättern
und einem losen Blatte besteht, erfahren wir aus dieser alten Foliirung,
dass die beiden Quaternionen in der ursprünglichen Anlage in um-
gekehrter Stellung zu einander waren, indem der jetzt die Gruppe
abschliessende mit fol. 37 — 44, der sie beginnende mit foL 69—76
bezeichnet war.
Demgemäss sei auch der Inhalt des zweiten Quatemio zuerst an-
g^eben: fol. 47 ist nur in seiner oberen Hälfte erhalten, die untere
ist durch neues Pergament bei Zusammenstellung des Codex ersetzt
worden. Es beginnt inmitten der 35 Vertragsartikel, welche Karl von
') Die Schrift erinnert eehr an die in den Registern des ausgebenden
I u. Jahrhunderts. Auch begegnen uns gewisse Eigenthümlichkeiten in denselben
aach im Codex, so die sehr hoch gezogenen Schäfte mit Oberlänge in den ersten
Zeilen der Seiten, das Hineinlegen von verzenteu Menschenköpfen in Anfangs«
bachstaben u. dgL
388 Kaltenbrunncr.
Anjou bei der üebernahme des Königreiches Sicilien ausstellte, die
uns in Potth. 19038 inserirt erhalten sind. Hier ist diese Bulle Cle-
mens' IV. mit Hinweglassung des Datums inserirt in einem am Vati-
can in Gegenwart yieler Zeugen ausgestelltem Notariatsakte, desseu
Tag sich in Folge Verstümmelung des Textes nicht mehr genau be-
stimmen lässt*). Es folgt sodann in unmittelbarem Ansdiluss das
bisher nur aus dem Inventar von Avignon a. 1366 bekannte Potth.
18715, dann Potth. 18858 und 18893, welches fol. 53' 3 Zeüen vor
Schluss des Linienschemas endet.
Der erste Quatemio (32 — 39) beginnt inmitten des Contextes von
Potth. 19038, geht dann foL 35 zu einer kurzen Urkunde der vier
mit den Verhandlangen betrauten Cardinäle an Karl vom 21. Juni
1265*) über, und weiter auf fol. 35 zu jener, welche eben dieselben
am 28. Juni dieses Jahres für Karl ausstellten, die uns inserirt in
Potth. 19434 erhalten ist. Die Urkunde ist mit Schluss des Quaternio
fol. 39 nicht zu Ende gebracht und setzt nicht üj)er auf fol. 40,
welches so arg verstümmelt ist, dass nur Bruchstücke von Sätzen ge-
lesen werden können. Es ist aber doch sicher, dass es unmittelbar
vor die folgenden 41—43 gehört, auf denen Potth. 19434 geschrieben
und auf fol. 43 abgeschlossen ist. Wir haben also zwischen 39
und 40 den Ausfall einer Anzahl von Blättern anzunehmen, welche
wahrscheinlich die ersten vier des Quatemio waren 8), der unmittelbar
auf die eben betrachteten folgte und den Schluss der Cardinalsurkunde
vom 21. Juni 1265 sowie den Beginn von Potth. 19434 enthalten
hat; die Blätter 40 — 43 hätten wir uns dann als den Schluss dieses
Quaternio zu denken. Der unmittelbare Anschluss der Gardinais-
urkunde und der sie bestätigenden und inserirenden Bulle ist ja an
sich wahrscheinlich und der Umfeng beider Urkunden, respective das
von ihnen fehlende rechtfertigt vollkommen die Einschaltung von vier
Blättern. Auf dem losen fol, 45 beginnt eine Urkunde Karl I., be-
ginnend „Cupientes nova nostra*, die naher zu bestimmen ich ausser
Stande bin. Da leider hier sowie bei den vorangehenden 4 Blättern
die alte Foliirung abgerissen ist, so ist es überhaupt unmöglich, das
*) Es ist noch zu lesen »die Jovis VII. kl.* Diese Ck)mbination trifft für
das ebenfalls sichtbare 1265 und A. P. I. am 26. März und 25. Juni ein.
*) »Littere testimonales IUI Cardinalium de acceptatione conditionum facta
per regem Karolum tempore Clementis IV. pape« wie es in einer Randnote heisst.
Am selben Tage schreibt der Papst in derselben Angelegenheit Potth. 19217
an die 4 Cardin&le.
*) Dass diese Lage ein Quaternio war, wird aus der später folgenden Re-
construction des Codex hervorgehen.
Der Willebrief ffir die ttömische förche v. J. 1270. 389
Blatt irgendwo einzureihen, wahrscheinlich gehorte es einem der drei
Quaternionen an, welche zwischen foL 44 — 69 im ursprünglichen
Codex lagen.
Dass diese Gruppe direct im Archive entstanden ist, beweisen die
Randnoten, welche &st allen Urkunden beigegeben sind. Neben In-
haltsangaben finden sich nämlich auch Signaturen beigesetzt; so ist
im ersten Quatemio Potth. 18175 als «Signata per G et duppHcata
et consimili signo signata' bezeichnet, das darauf folgende Potth.
18858 trägt die Signatur E, Potth. 18893 F. Im ersten Quatemio
haben beide Cardinalsurkunden die Signatur M und die grosse Bulle
Clemens' IV. 0 und ausserdem die Note: »Istud Privilegium invenimus
duplicatum de verbo ad verbum '. Zu bemerken ist noch weiter, dass
foL 53' von der Hand, welche die Kanzleinoten setzte, am untern
Bande .Vrbani speciales' geschrieben ist
Die erste Gruppe der Fragmente (I — III) enthalt Bruchstücke von
Copien jener 17 von Innocenz IV. am 17. Juli 1245 zu Lyon aus-
gefertigten Transsumpte, welche nach HuiUard-BrehoUes' Abhandlung
gemeinhin als »Bouleaux de Quny* bezeichnet werden. Während sie
in ihrer Oesammtheit nur mehr in einer Abschrift, welche Lambert
de Barive i. J. 1773 aus dem zu Cluny aufbewahrtem Exemplare, das
in den Stürmen der französischen Revolution zu Grunde ging, erhalten
sind, ist noch eine Anzahl von 6 (oder 7) im Vaticanischen Archive
im Original vorhanden, für alle übrigen ist bisher diese Abschrift des
Lambert de Barive alleinige Quelle gewesen. Einzelne von ihnen
lassen sich zu verschiedenen Zeiten als im Originale im päpstlichen
Archive befindlich nachweisen, alles das hat Huillard-BrehoUes a. a. 0.
pag. 275 zusammengestellt. Gegenwärtig sind noch 6 oder 7 vor-
handen und sie besitzen mit einer Ausnahme noch jetzt als giltige
Signaturen jene, welche ihnen in einem Inventaire des Nationalarchivs
zu Paris, angelegt zur Zeit als das Vaticanische Archiv nach Paris
gebracht war, zugeschrieben werden. Es sind dies sicher die Bouleaux
1. 4. 12, 6. 8. 10, welche im Arm. L caps. X. n^ 1—6 aufbewahrt
sind und von mir gesehen wurden. Eine Schwierigkeit ergibt sich
nur bei B. 5, dem das Inventaire Arm. L caps. XVlil. n^ 1 beilegt,
eine Signatur, die nach der jetzigen Ordnung des Bestandes nicht
mehr existirt.
Das Vorhandensein des Originals wird aber dadurch sehr wahr-
Rcheinlich, dass auch im Verzeichnisse bei Pertz Arch. d. G. f. ae.
*) Examen des chartes de V Eglise Homaine contenuea dans les Rouleaus
diu Rouleaux de Cluny, in Notices et extraite des Manuscrit«. XXI b. 267,
39Ö Kaltenbrttttner«
d. ö. Vn. 30. 31, das ebenfeUs aus der Zeit der Oocupatiou des Ar-
chivs stammt, B. 5 als yorhanden angegeben wird, ferner dass er sich
in der C!ollectio Fiatinas findet, wovon bei anderer Gelegenheit ge-
sprochen werden soll. Theiner aber spricht Mon. Hung. L nur von 6
im Archiv befindlichen Bouleaux, die sicher mit den 6 zuerst genannten
von mir gesehenen identisch sind^).
Können wir von allen diesen Nachrichten über das Vorhandensein
der Bouleaux genau ihren Zeitpunkt fixiren, so sind wir dies nicht
im Stande bei dem reichhaltigsten aller Verzeichnisse, welches ebenfalls
das Vorhandensein der in ihm behandelten Bouleaux im Original vor-
aussetzt, zugleich aber auch uns die wichtige Thatsache verbürgt, dass
die Bouleaux einst einer Gesammtcopirung in einem Codex unterzogen
worden sind. Ich meine das „Summarium privilegiorum Ecclesiae
Bomanae", welches Martene in der Amplissima CoUectio II. 1226 nach
einer Copie, die Mabillon aus einem Codex des Cardinal Ottobonus
angefertigt hat, mitüieilt. Derselbe ist der Nofciz Mabillons Iter Itali-
cum 98 nach sicher der uns beschäftigende Codex 254(5. Mit Heran-
ziehung der beiden folgenden Lagen des Ottobonianus sind wir nicht
blos im Stande, die Stellung derselben zu einander und innerhalb der
ursprüngUchen Zusammensetzung des Liber Privilegiorum zu bestimmen,
sondern auch das Summarium Martene^s zu würdigen. Dasselbe be-
zeichnet sich selbst im ersten Absätze als ^Bubricae diversarum lit-
terarum et privilegiorum olim repertorum in Archivio S. B. E." und
ist jetzt nur fragmentarisch erhalten, indem es mitten im Texte ab-
brechend nicht einmal die erste Gruppe der von ihm rabricirten Ur-
kunden zu Ende führt. Aus demselben Absätze schon, noch deut-
licher aber aus den darauf folgenden Bubricae geht hervor, dass die
uns vorliegende Au&eichnung nicht etwa ein aus den im Archiv
befindUchen Originalen selbst gezogener Extract und so für sich un-
abhängig ist, sondern die Inhaltsangabe eines Codex bildet, in welchem
die hier rubricirten Urkunden registrirt gewesen sind.
An erster und einziger Stelle bringt das Summarium die Bouleaux
in folgender Beihenfolge: 1. 2. 15. 8. 14. 12. 13. 16. 6. 7. 4. 9.
Diese zwölf waren nach seiner Angabe mit den fortlaufenden Buch-
staben A M bezeichnet. Huillard-BrehoUes sehliesst pag. 274 aus
dieser Zahl überhaupt und im besondern aus der Bezeichnung des
mit M si^nirten Bouleau als .duodecima et penultima', dass zur Zeit
der Abfassung des Summariums eben nur diese 12 Bouleaux im
Original vorhanden gewesen seien. Er hat darin Unrecht, denn aus
»j Vgl. auch Sickel, Das Privilegium Otto I. für die Römische Curie, 101.
Der Willebrief für die ttömiache Barche v. 1 12*9. 391
dem Summarium selbst lässt sich erkennen, dass nach einem be-
stimmten Gesichtspunkte nur eine Auswahl der ßouleaux in ihm ver-
zeichnet wurde. Im R,* 8 nämlich, der 3 Urkunden K. Otto IV.
und 3 E. Belas umfasst, bricht das Summarium nach den drei ersteren
mit folgenden Worten ab: »Post istud sequitur et est scriptum in
margine, quod hie immediate in littera domini Innocentii sequebantur
tres littere liegia Hungarorum, que non fuerunt hie Scripte, quia non
faciebant ad materiam sed alibi sunt Scripte cum aliis ejusdem regis
litteris sub speciali rubrica sive tractatu."
Besehen wir im Zusammenhang mit dieser Notiz die im Sum-
marium angeführten Bouleaux, so finden wir alle auf Deutsche und
Sicilische Verhältnisse bezüglichen und blos diese vertreten. Nur zwei
Urkunden deutscher Provenienz fehlen, nämlich die im R. 5 ent-
haltenen Urkunden E. Philipps; sie sind aber dort zusammengestellt
mit Urkunden anderer Fürsten und als letzte, sind also wohl vom
Verfasser des Summarium übersehen worden.
Nach Constatirung dieser Thatsache können wir an die Bestim-
mung der beiden auf das Summarium (fol. 1 — 10) folgenden 2 Lagen
herangehen.
Die zweite von ihnen, der von fol. 23 — 30 gehende Quaternio (III),
euthalt der Reihe nach die Rouleau^ 14. 12. 13. 16. 6. 7, von denen
der erste ohne Anfang, der letzte ohne Ende ist, was also eine vor-
angehende und eine nachfolgende Lage, die demselben Gegenstand,
also den Rouleaux, gewidmet war, voraussetzt.
Alle diese Rouleaux finden sich in dem firüher angegebenen Ver-
zeichniss des Summariums und zwar als geschlossene Reihe innerhalb
desselben an 5. — 10. Stelle, sie sind also die mit den Buchstaben F
bis E bezeichneten Stücke. Werden wir schon durch diesen Umstand
darauf geftlhrt, dass das Summarium und die Fragmente des Otto-
bonionus im engsten Zusammenhange miteinander stehen, so wird
dies zur Gewissheit, wenn wir die Verweisungen von folio und pagina,
die im Summarium jeder einzelnen Urkunde beigesetzt sind, auf die
Blatter dieser Lage genau zutreffen finden. Neben der modernen
Foliirung nämlich, welche durch den ganzen Codex durchgeführt ist,
findet sich auf fol. 28, 29, 30 die gleichzeitige Foliirung XVI, XVII,
XVIII, was auf die übrigen Blätter, auf denen nur noch kleine Frag-
mente der Zahlen oder ihrer Einrahmung sichtbar sind, reconstruirt
die Zahlen 11 — 18 gibt, auf welche alle genau die Verweise im Sum-
marium stimmen. Ferner erweist sich der unmittelbare Zusammen-
liang beim R. 13, wo die im Summarium der Urkunde Böhmer-
Ficker 705 beigesetzte Marginalnote: .Plredictum Privilegium est qua-
S92 Kaltenbrnnnei'»
druplicatum tarn in littera — tempore Honorii pape* (Martene 1240)
als Marginalnote wirklich erscheint Der Quatemio fol. 23 — 30 des
Ottobonianus ist also ein Bruchstück jener Godificirung der Deutsch-
Sieilischen Bouleaux, welche im Summarimn Martene's verzeichnet sind,
und femer ein Theil des , Volumen ', dessen Bubricae dasselbe bruch-
stückweise enthält; und da alle im Ottobonianus erhaltenen Lagen ihrer
Anlage nach einem Ganzen angehören, haben wir in ihnen allen
Fragmente dieser Begistrirung der Urkunden des päpstlichen Archives
Yor uns.
Es wurde schon bemerkt, dass der Quatemio yorae und rückwärts
verstümmelt ist; B. 14 beginnt nämlich inmitten seiner ersten Ur-
kunde BF. 661, B. 7 bricht im Datum seiner ersten Urkunde BP.
1276 ab, so dass noch BF. 2017, 3369, 3419, 3422, 3423 als nach-
folgend zu denken sind. Mit vollem Bechte können wir aber den
Inhalt der dem Quatemio vorangehenden und nachfolgenden Lage
über den Beginn von R 14 einerseits und den Schluss von R 7
andererseits nach dem Summarium weiter reconstruiren, zumal da wir
auch, was schon oben anzuführen gewesen wäre, wenigstens theilweise
aber stets übereinstimmend mit dem Summarium die als Signatar
dienenden Buchstaben bei den Bouleaux des Quatemio beigeschrieben
finden. Wir haben uns daher auf def folgenden Lage nach dem Schlüsse
von R 7 noch die im Summarium mit L u. M signirten Bouleaux 4
und 9 mit BF. 4278, 2029, 2042, 2058, 2067, 2296, 652 einerseits,
mit St 4642, 4692, 5005, 5053, 5057, BF. 4266, St. 4741, 5019
andererseits folgend zu denken, so dass wir uns mit ihnen noch eine
volle Lage ausgefüllt vorstellen können^).
Sind wir hier über den Umfang der nächsten Lage noch im
Zweifel (zumal da wir noch nicht wissen, ob nicht in unmittelbarem
Anschluss an den oben angeföhrten Inhalt weiteres Material folgte),
so sind wir bei der dem Quatemio vorangehenden Lage ganz sicher,
dass sie ein Quintemio foliirt mit 1 — 10 gewesen ist; es beweist dies
ein&ch die alte Foliirung unseres Quatemio mit fol. 11 — 18 und die
vollkommene üebereinstimmung der Citate im Summarium mit diesen
Blättern^). Inhaltlich aber muss dieser Quintemio vor dem auf seiner
*) 20 Urkunden stehen auf dem Quatemio fol. 28—80 und 28 enthält dfls
der nächsten Lage zuzuweisende. Das Summarium lässt nns ii\r die Bestimmung
des Umfanges der Lege im Stiche, da es bei der 5. Urkunde des R. 9 abbricht.
Die 4. trägt noch das Oitat fol. 25 p. 1, also aus mindestens 6 Blättern (20—25)
hat die Lage bestanden.
^ Im R. 14 weist das Summarium neben einer Urkunde der Deutschen
Fürsten (1220 Frankfurt) nur 4 Urkunden K. Friedrichs gegenüber fünf der
Der Willebrief Ar die Römisclie Kirche v. J. 127Ö. S9S
zwanzigsten Seite mit BF. 661 beginnenden B. 14 die im Summarium
mit den Buchstaben A — D bezeichneten Bouleaux 1, 2, 15 und 8
enthalten haben. Von ihnen umfasst K 1 das Ottonianum und Hein-
ricianum; R 2: St. 3664, 3712, 4225, 4366, 4514, 4991, 4737 und
4908; R. 15: St 3181, Wilhehn von Sicilien Juni 1156 bei Lünig
Cod. Ital. IL 350, und Februar 1188 Huillard-BreTiolles a. a. 0. App,
n« III, Tancred 2 Urkunden vom 19. Juni 1192 Huillard-BrehoUes
n'> X und XI; R. 8 endUch St 202, 217 und 274. Es wuide schon
bemerkt, dass K 8, der in seinem Original neben diesen 3 Urkunden
Otto IV. noch 3 König Belas enthielt, auseinandergerissen war, weil
zunächst in den 3 eben besprochenen Lagen des über Privilegiorum
nur Deutsche und Sicilische Urkunden Platz finden sollten. Das
Resultat der bisher geführten Untersuchung ist also, dass wir als ge-
schlossene durch das Summarium beherrschte und zum grössten Theile
erschöpfte Gruppe des Liber Privilegiorum 3 Lagen haben, von denen
die erste Quintemio war, die zweite der jetzige Quaternio fol. 23 — 30
ist, die dritte endlich einen uns bis jetzt noch unbekannten Umfang
Wenden wir uns nun zur zweiten Lage des Fragments, dem Quin-
temio fol. 12—21 (II). Derselbe enthält die Kouleaux 5, 11, 8 und 10.
Während der erste an der Spitze der Seite beginnt, bricht der letzte
bei seiner dritten und letzten Urkunde am Ende der Lage ab, und
nur der am untern Ende daselbst stehende Gustode erinnert uns
daran, dass wir eine weitere Lage freilich vergeblich zu suchen haben.
Es ist nun ganz zweifellos, dass wir auf diesen unsem Quinternio
jenes , alibi ■ zu beziehen haben, auf welches im Summarium gelegent-
lich des Abbrechens im K. 8 verwiesen wird. Wir finden nämlich
eben diesen R. 8, auf ihm aber gerade nur die 3 Urkunden Belas,
welche dort «quia non faciebant ad materiam alibi sunt scriptae cum
aliis ejusdem regis litteris sub speciali mbrica sive tractatu*. Diese
»aliae litterae» fehlen nicht, denn der darauf folgende ß. 10 enthält
Rouleaiix de Cluny auf. Es ist aber doch nur ein scheinbarer Widerspruch. Die
3 ersteren (BF. 661, 639, 681) handeln über denselben Gegenstand, nämlich über
Verpfändungen süditalischer Gebiete seitens Friedrich IL an die Curie, wovon die
erstere weitere Fassung im April 1212, die beiden übrigen (BF. 639 u. 681) schon im
December und Juni 1210 ausgestellt sind. Indem sie ziemlich übereinstimmenden
Inhalt und Wortlaut haben, hielt es der Anleger des Liber Privilegiorum nicht
für nöthig, beide abzuschreiben, bemerkte dies aber in der Praefatio nach der
Inhaltsangabe von BF. 689 durch folgende Worte: ,Et legitur ibidem, quod dicta
littera reperitur dupplicata sub eisdem annis Domini.* Einer tlhnlichen Zu-
sammenziehung begegnen wir auch beim R. IC, wo 8 Briefe einfach durch eine
Notiz abgethan werden, obwohl sie nicht durchwegs gleichlautend sind.
MittheiluDgen, Ercrftnzonsrsbd. I. 26
SÖ4 Kaltenbrtinnet.
Ungarische Urkunden, und selbst die , specialis rubrica* fehlt nicht,
denn vor Beginn des B. 5, also an der Spitze des Quinternio, ist ein
freier Baum innerhalb des Linienschemas für eine Ueberschrift ge-
lassen*), was uns durch obige Notiz vollkommen erklärt wird und uns
nöthigt, hier mit dem R 5 den Beginn dieses »Tractatus" anzunehmen.
Wir werden es jetzt auch ausschliessen müssen, dass auf jener Lage,
mit welcher die Deutsch-Sicilischen Rouleaux schlössen, etwa noch die
weiteren nicht im Summarium Martene's angefahrten Rouleaux folgten.
Für die selbständige Stellung, welche dieser Tractatus einnahm, spricht
es auch, dass zu seinem Beginn in B. 5 die ganze Besiegelungsnotiz
eingetragen ist, ebenso wie es nach dem Summarium bei B. 1 der
Fall war, während dieselbe bei allen übrigen, hier und dort, stark ver-
küi-zt gegeben wird. Eine weitere Analogie tritt uns darin entgegen,
dass sowie das Summarium nach B. 7 3 Urkunden Friedrich II. ein-
schaltet, die in keinem der Bouleaux Platz gefunden haben (Martene
1245), auch hier nach dem böhmische Königsurkunden enthaltenden
B. 11 2 Urkunden K. Ottokars (Erben B. B. I. n« 1345 und H. n« 1)«)
eingeschoben werden.
Wir haben uns also in diesem »Tractatus* denjenigen Theil der
Bouleaux, welche nicht Deutsche oder Sicilische Urkunden betreflfen,
zusammengestellt zu denken, und da das Abbrechen des B. 10 am
Ende des Quintemio und der dortige Custode zwingt, die Portsetzung
von B. 10 auf einer weiteren Lage anzunehmen, so werden wir mit
vollem Bechte dieser weiteren Lage auch noch die wenigen Bouleaux,
welche uns von ihrer Gesammtzahl 17 bisher nicht begegnet sind, im
Anschlüsse an B. 10 zuweisen. Es sind dies B. 3 und B. 17, von
denen der erstere Urkunden der Könige Emerich, Andreas und Bela
von Ungarn (Huillard-BreTioUes App. n^ 73, 74, 76, 79, 82, 83), der
1) Es muss hier darauf hingewiesen werden, dass auch Raum filr Initialen
hie und da in den Fragmenten frei gelassen ist.
*) Erben druckt beide nach dem Original im Vaticanischen Archiv. Im
Ottobonianus finden sich hiezu die Noten: »pracdictam litterp.m VII (al. VIII)
sigillis invenimus sigillatam*. Auch im Summarium wird bei jenen 2 Urkunden
Friedrich II, die Besiegelung mit Goldbulle ausdrücklich hervorgehoben. Für die
Sorgfalt der Anlage des Codex spricht folgendes. Nach Erben hat das Original
von I. n* 1845 die Jahrzahl CCIII statt CCLIII. Erst^res findet sich auch in der
Copie unseres Codex, es ist aber dazu bemerkt: »Et attende quod videtur maxi-
mus error in anno domini. Sed ita invenimus*. Nachträglich wurde dann L
zwischen CC und III eingeschoben. Nach diesen Urkunden ist die Hälfte von
fol. 17 imd fol. 17' ganz leer gelassen, letzteres auch nicht mit dem Linien-
schema versehen. Sicher aber ist kein Wechsel der Iland und Dinte bei diesen
Einschüben zu constatiren.
Der Willebrief für die Römiache Kirche v, J. 1279. 395
letztere 5 auf die Senatorie yon Rom bezügliche Urkunden (Huillard-
BrehoUes App. n« 68—72) enthält. Aehnlich wie wir dies früher
gefunden, können auch diese llVg Urkunden einen vollen Quinternio
umfessen, wenn wir sehen, dass 12 Vg Stücke den uns vorliegenden
ausfällen.
Wir haben also im Ganzen fär diese erste (xruppe der Fragmente
des Liber Frivilegiorum 6 Lagen gewonnen, die in drei von einander
unabhängige Theile derart zer&Uen, dass der erste einen Quinternio
der Bubricae des Gesammtcodex darstellt, der zweite auf 3 Lagen die
12 Deutschen und Sicilischen Bouleaux, der dritte auf 2 Lagen die 5
übrigen enthielt. Diese Codificirung wurde ebenso, wie wir dies schon
bei den zwei anderen Gruppen constatirt haben, sicher von Archivaren
des Bömischen Stuhles gemacht. Dies erhellt aus einigen Notizen, welche
aber die Art der Besiegelung der auch im Original vorhandenen
transsumirten Urkunden oder über die Nichtauffindbarkeit derselben
gegeben werden; es geht dies ferner mit absoluter Sicherheit aus
einer Dorsualnote auf dem Originale von K 8 hervor, welche zugleich
das Yerhältniss beider Theile der Godification trefflich beleuchtet:
nRegistr. exceptis tribus litteris regis Ungarie*, worunter eine andere
Hand schrieb: «Iste tres littere fuerunt postea registrate per Gardi-
nalem ' ^). K 8 ist eben jener Transsumpt, welcher abgetheilt beiden
Theilen zugewiesen wurde.
Wann diese amtliche Arbeit entstand, lässt sich nicht mehr be-
stimmen. Der Umstand, dass eine der Lagen (ID) von der Hand
geschrieben ist, welche den Quaternio mit Urkunden der Budolfinischen
Zeit bearbeitete, und dass die gleichartige Anlage aller Fragmente
überhaupt die Gleichzeitigkeit ihrer Abfassung voraussetzt, gibt uns
eine untere Grenze. Man könnte geneigt sein, die Arbeit nach Assissi
zu verlegen, wohin nach der Katastrophe von Anagni die päpstlichen
Archivalien gebracht worden waren. Aber dagegen spricht doch, dass
es kaum zu denken ist, wie der fleissige Johannes de Amelio, als er
i. J. 1339 die vorhandenen Originale daselbst im päpstlichen Aufkrage
transsumirte, nur den geringen Bruchtheil von 6 oder 7 Bouleaux, die
*) Einen Beweis für die Amtlichkeit dieser Arbeit möchte ich auch darin
sehen, daas diese Notizen stets im Plural abgefasst sind. Sie sind vom Schreiber
des betrefiFenden Quaternio, jedoch mit anderer Dinte, in die leeren Zeilenreste am
Schlüsse der Urkimden und nur wenn kein solcher vorhanden am Rande gesetzt.
') Die Deutsch-Sicilischen Rouleaux wurden also zuerst abgeschrieben. Es
sei auch hier darauf hingewiesen, dass die beiden Lagen II und III, die je einem
der beiden Theile angehören, von verschiedenen Händen geschrieben sind. Weiters
ist za bemerken, dass den Deutsch-Sicilischen Rouleaux ihr Schreiber kurze Re-
gelten am Rande beisetzte, was der Schreiber der andern nicht that
396 Kaltenbrunner.
doch alle vorhanden gewesen sein mussten, in seine Arbeit einbezogen
haben sollte. Man kann vielmehr annehmen, dass derselbe alle da-
mals zu Assissi liegenden auch transsumirt hat, und wir können uns
diesem Glauben um so sicherer hingeben, als weder das ürkunden-
verzeichniss von Avignon a. 1366 (Muratori Antiq. It. VI), noch der
Vorrath der ßouleaux, welcher dem Piatina am Ende des 15. Jahrh. in
Rom zur Verftigung stand, noch die neueren Verzeichnisse, die ge-
legentlich der Invasion der Franzosen zu Paris angelegt wurden, noch
auch schliesslich der jetzt nachweisbare Bestand der Bouleaux im
Vaticanischen Archive über die 6 (resp. 7) von Johannes de Amelio
bearbeiteten Bouleaux hinausgeht. Lässt man dies aber gelten, so
muss die Codificirung der Bouleaux und die Abfassung des Liber Pri-
vilegiorum überhaupt in eine frühere Zeit zurückverlegt werden, und
vielleicht irren wir nicht, wenn wir sie gerade um die Zeit von 1279
setzen, in welcher, wie aus der letzten der uns erhaltenen Lagen selbst
deutlich hervorgeht, man an der Curie so grosse Aufmerksamkeit und
Beachtung dem Verhältnisse zum deutschen Beiche zuwandte.
Auf Grund der vorangehenden Ausführungen sind wir nun in der
Lage, die ursprüngliche Zusammensetzung des Liber Privilegiorum zu
erkennen. Ich stelle die Beste der alten Polürung, die hiefur als
Stütze dienen, zusammen.
Lage m. fol. 23—30 alt 11—18.
, Vn. fol. 47—53 „ 37—44.
IV. fol. 32—39 . 69—76.
, VUL fol. 54—61 , 157—164.
n. fol. 12—21 , 218—227.
Da das Summarium bei Martene und auf fol. 1 — 10 des Codex
nicht blos die jetzt in ihm enthaltenen 12 Transsumpte, sondern auch
noch weiteres Aktenmaterial der Bömischen Kirche verzeichnet, wie
aus seinen ersten 3 Absätzen deutlich hervorgeht, so haben wir es au
die Spitze des Codex zu stellen und als gesondertes Fragment au&a-
assen. Wie seine Blattverweise zeigen, die stets in unmittelbarem An-
tichluss an das Begest der Urkunde sicher auch von gleicher Hand mit
gleicher Dinte eingetragen sind, ist es erst nach der Vollendung und
Foliirung des Codex entstanden ; es weist auch eine nur ihm angehorige
Hand auf; wir werden es daher nicht mit in die alte Foliinmg ein-
beziehen, sondern werden fol. 1 auf den Beginn jenes Quintemio
setzen, den wir dem jetzt erhaltenen Quatemio 23 — 30 (III) voran-
gehend gefunden haben, der mit B. I begann. So sind wir aucli
nicht geuöthigt^ in Folge der alten Foliirung dieses Quatemio nut
11 — 18 eine subsidiäre Foliirung der Gruppe der Deutsoh-Siciliscben
Der Willebrief för die Römische Kirche v. J. 1279. 397
Transsumpte anzunehmen, sondern können sie als Beste der ursprüng-
lichen allgemeinen ansehen. Allerdings scheint dieser Construetion
entgegenzustehen, dass die jetzige zweite Lage, auf der die zweite Gruppe
der Rouleaux beginnt, die alte Polürung 218 — 227 tragt. Aber wir
könnten, auch wenn das Fragment des Summarium ausser Betracht
gelassen wird, diese zweite Abtheilung in unmittelbarem Anschluss an
die Deutsch-Sicilischen an dieser ersten Stelle des Codex nicht unter-
bringen, da schon auf dem alten Blatte 37 (jetzt 47) die Sicilische
Urkundengruppe beginnt, denn wir haben die beiden Gruppen der
Bouleaux aus fünf ganzen Lagen mit mindestens 42 Blättern bestehend
gefunden. Es läge nun nahe, die Foliirung des Blattes 12 mit 218
als Hauptstützpunkt zu betrachten und von da zurück die Deutsch-
Sicilische Bouleauxgruppe einzureihen. Dies yerhindert aber das Sum-
marium, da es ausdrücklich besagt: „primo (d. i. an erster Stelle des
Codex) ponuntur duodecim litterae Innocentii IV.*, was auch zugleich
deutlich ausdrückt, dass auch noch anderes Material in ihm rubricirt
gewesen sei Ohne Bedenken aber können wir diese Zerreissung der
Rouleaux vornehmen, da ja im Summarium selbst gesagt wird, dass
die zweite Gruppe »sub speciali tractatu* anderswo im Codex ein-
getragen sei, und wir weiters aus der Dorsualnotiz des R. 8 erfahren,
dass ihre Registrirung später erfolgte, als die der Deutsch-Sicilischen
Rouleaux.
Hat das Summarium wirklich und noch dazu in dieser Ausführ-
lichkeit alle Urkunden des Codex rubricirt, so müssen wir ihm jeden-
falls einen bedeutenden Umfang zuweisen. Es folgten ihm also dann
die Deutsch-Sicilischen Rouleaax mit 3 Lagen, einem Quinternio
(1 — 10), dem uns erhaltenen Quatemio 11 — 18 und einer weiteren
Lage, wahrscheinlich einem weiteren Quatemio (19 — 26). Die darauf
folgende vierte Lage (27 — 36) müssen wir schon der zweiten Gruppe
der Fragmente, den Sicilischen Urkunden zuweisen, denn wir sahen,
dass auf fol. 47 (alt 37) ein Quatemio inmitten einer ihr angehörigen
Urkunde beginnt. Als fünfte Lage (37 — 44) kommt dieser uns er-
haltene Quatemio VII. Die hierauf bis fol. 69 (jetzt 32) fehlenden
24 Blätter vertheilen sich auf 3 Quatemionen, denen wahrscheinlich
das jetzige Blatt 45 angehört, worauf als neunte Lage (69 — 76) der
jetzige Quatemio IV eintritt. Ihm schliesst sich als 10. Lage jene
an, welcher wir als letzte Blätter die jetzigen 40 — 43 zugewiesen
haben. Diese Lage war höchstwahrscheinlich ein Quatemio, denn von
ihrem Beginne auf fol. 77 an bis zum fol. 157, mit dem sich uns
die alte Foliirung wieder zur Verfugung stellt, sind gerade 80 Blät-
ter = 10 Quatemionen. Als 20. Lage ist uns sodann wieder er-
398 Kaltenbrunner.
halten der Quatemio foL 157—164 (VIII) mit Urkunden der ßudol-
finischen Zeit, die, wie wir sahen, sich noch weiter fortsetzen und
höchstwahrscheinlich schon vor fol. 157 begannen. Von da bis zum
fol. 218 (jetzt 12), dem nächsten erhaltenen alten folio sind 53 Blätter,
die sich nicht ohne Bruchtheil auf Lagen vertheilen lassen. Es kann
jedoch, um diese Schwierigkeit zu lösen, ein Gebrauch im Eegister-
wesen der Curie herangezogen werden. Wenn nämlich die Briefe eines
Jahrganges oder die eüier Gruppe innerhalb eines solchen nicht mehr
die letzte der ihr zugewiesenen Lagen vollftillten, in Folge dessen die
letzten Blätter dieser Lage frei gelassen wurden, so bezog man diese
leeren Blätter nicht in die Folürung oder Folioberechnung ein, son-
dern setzte dieselbe vom letzten beschriebenen Blatte über auf das
erste der nächsten eine neue Gruppe beginnenden Lage. Die 53 Blätter,
mit denen wir es zu thun haben, umfassen sechs volle Quaternionen
und eiuen üeberschuss von 5 Blättern, welche dem sechsten Quaternio
angehören mussten. Nehmen wir also entweder an, dass die Budol-
finische Gruppe auf irgend einem der nach fol. 164 folgenden Qua-
ternionen auf dessen fünftem Blatte ende und darauf am nächsten
Quaternio eine neue Urkundengruppe beginne, oder führen wir die
Budolfina bis hart an fol 218 heran und denken sie uns schliessen
anf fol. 217, das das fünfte Blatt des 26. Quaternio wäre, oder lassen
wir an dieser Stelle die den Budolfina folgende Gruppe enden, so
haben wir die Lösung fui diese Schwierigkeit gefunden, die allerdings
kürzer aber auch gewaltsamer abgethan werden könnte durch die
Annahme, es seien zwischen 164 und 218 3 Quaternionen und 3 Quin-
temionen gesetzt gewesen, und der Foliator hätte ein ihnen zu-
gehöriges Blatt übersprungen. Mit fol. 218 begann mit der 27. Lage
die zweite » sub speciali tractatu " registrirte Gruppe der Eouleaux, die,
wie wir gesehen haben, noch auf eine weitere Lage übersetzten, so
dass wir mindestens 28 Lagen dem Liber privilegiorum zuweisen
müssen, von dem uns so traurige Beste im Ottoboniauus erhalten
worden sind.
J
Sicard von Cremona über Rechte des
Kaisers.
Zu den auf die Rechte des Kaisers, insbesondere bei der Papst-
wahl bezüglichen Canones, welche Gratian im Decret Dist 63 zu-
sammenstellte, begnügen sich die mir bekannten Decretisten durchweg
mit der Bemerkung, dass jene Bechte aus den schon von Ghratian selbst
geltend gemachten Gründen kraftlos geworden seien. Aber aus der um
1180, vgl. Schulte in den Wiener Sitzungsber. 63, 336 ff., geschriebenen
Summa des Sicard von Cremona ergibt sich, auf welche Gründe hin
kaiserlich gesinnt« Canonisten zur Zeit Friedrichs I. jene Rechte dem
Kaiser noch immer glaubten zusprechen zu dürfen, während auch der
Verfasser selbst mit seiner Ansicht zurückhält, also kaum die sonst
übliche schlechtweg zu theilen scheint. Ich gebe den Text nach Hs.
der Hof bibliothek zu München, Cod. lat. 11312 f. 29, verglichen mit (B)
Cod. lat. 8013 f. 21:
De imperatore queritur, si debeat interesse electioni summi sacer-
dotis^) et episcoporum. Videtur: Dist. Ixm: Principal i. Reatina.
Nobis. Lectis [c. 15 — 18]. Agatho. Adrianus. In sinodo
[c. 21 — 23]. Cum longo [c. 25]. Quia [c. 28]. Item quia patronus
est Romane ecclesie; patronis vero hec gratia concessa est, ut prelatos
in ecclesüs sni patronatus eligant, ut Causa xvi. q. u: Si quis
episcoporum [c. 8] et q. ultima: Deere vimus [c. 32]. Quod
autem sit patronus per hoc probatur, quia patritius, ut Dist. ead.:
Adrianus [c. 22]. Item quia, cum sentiat onus patronatus, ut eam
videlicet teneatur ab impugnatione defendere, sentire debet pariter
honorem et emolumentum. Item quia, si de apostolici fide dubitaverit
imperator, debet ei tamquam examinatori sue fidei confessionem ex-
ponere, ut C. xxv. q. i: Sa tagen dum [c. 10]. Item quia, siquid
apostolicus iniuste committit, imperiali iuditio emendare promittit, ut
C. u. q. vu: Nos [c. 41], Item quia Gregorius et alii plures augustos
dominos appellabant, eis sicut in re, sie in nomine reverentiam ex-
*) B: pontificis.
I
40Ö 3. Picker.
hibebaut, ut Dist. Ixm: Salonitane [c. 24]. Item qoia imperialis
maiestas, cum multiplici gaudeat privilegio, miuoris et inferioris ^)
videretur conditiouis, quam privata persona; privata uamque persona
ex constructione, fiindatione, ditatione nanciscitur ius patronatus;
imperator vero ecclesiam Komanam construxit, fundavit et ditavit, ut
C. XU. q. i: Futuram [c. 15]. Eis omnibus probatur imperatorem esse
patronum. § Econtra pro apostolico facere videntur: Dominica in-
stitutio; dominus enim Petro terreni et celestis imperii iura^) com-
misit, ut Dist. xxu: Omnes [c. 1]. Item imperialis concessio; Con-
stantinus etenim Petro sedem imperialem reliquit et Petro concessit,
ut C. xiL q. i: Futuram [c. 15]. Inde est, quod apostolicus potest
imperatorem deponere et alium substituere, ut C. xv. q. vi: Alius
[c. 3]. Item necessitas et spetiaUs traditio; nam causa necessitatis,
hereticorum videlicet et scismaticorum ecclesiam persequentium, repre-
sentabatur principibus electio pontificum, ut Dist. Ixm: Principibus
[dict. ad c. 28]. Quod autem fit causa necessitatis, cessante necessitate
cessare debet pariter, quod urgebat, ut C. i. q. vu: Quod [c. 7]. Item
quod spetialiter conceditur alicui, non est trahendum ad sequentia;
hoc autem spetialiter principibus concessum est, ut Dist. xxiu: In
nomine [c 1]. Item principum resignatio, utD.lxm: CumAdrianus.
Ego [c. 29. 30] et sequentia. ' § ßespondemus: Hec et bis similia
circa ista nonnulla possunt studiosius allegari. Qualiter autem bis et
sirailibus vicissim responderi possit, omittimus. Nichil enim assertive
dicimus vel in scripta redigimus. Oratianus vero solutionem ex causa
necessitatis assumit, ut Dist. Ixm: Principali^) [dict. ad c. 28].
J. Ficker.
*) B: deteriorifl. ») A: cel. imperia. ») So, «tatt: Principibus. ,
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV.
Von
E. T. 0 1 1 e n t h a 1.
Vorbemerkung.
Der geneigten Verleihung eines römischen Stipendiums durch das
hohe k. k. Ministerium für Gultus und Unterricht, für welche ich
meinen tiefisten Dank abzustatten habe, und dem liebenswürdigen Ent-
g^enkommen der Vorstände und Beamten des vaticanischen Archives
und der vaticanischen Bibliothek verdankte ich die Möglichkeit, den
handschriftlichen Stoff zu vorliegender Untersuchung über einen Theil
der päpstlichen Begister zu sammeln.
Die Wahl der untersuchten Periode hieng mit andern den römi-
schen Stipendisten gestellten Aufgaben zusammen; die Beschränkung
auf die Bullenregister ergab sich aus dem Umstände, dass die Serie
der Brevenregister, welche sich nicht im vaticanischen Archive be-
findet, erst nach meiner Abreise von Bom wieder aufgefunden oder
doch wieder zugänglich gemacht wurde.
Den nächstliegenden und hauptsächlichsten Stoff für diese Arbeit
boten natürlich die im vaticanischen Archiv aufbewahrten Begisterbände
selbst. Sie bilden die concrete Grundlage, aus der die theoretischen,
leitenden Begeln für die Begisterftthrung zu abstrahiren sind.
Eine weitere Beihe handschriftlicher Quellen sind dann officielle Auf-
zeichnungen und Instructionen für die Amtsführung, wie sie damals schon
in den verschiedenen Abtheilungen der päpstlichen Eauzlei in Gebrauch
waren. Es ist mir nicht gelungen die amtlich geführten und beglaubigten
Originale dieser Eanzleibücher au&ufinden, wol aber enthält die vati-
canische Bibliothek zahlreiche Copien derselben. Ihr Charakter ist nicht
zu verkennen: es sind die Handexemplare von Eanzleibeamten, welche,
wie aus einzelnen päpstlichen Constitutionen bekannt ist, verpflichtet
MittheilangeD, Ergftnximgsbd. I. 27
402 Ottenthai.
waren, Abschriften der Regulae caneellariae und der andern ein-
schlägigen Verordnungen binnen fester Frist zu erwerben. Ich hoffe
auf die Einrichtung dieser Codices an anderer Stelle zurückkommen
zu können, hier sei nur noch bemerkt, dass ein Theil der von mir
benutzten gleichzeitige Gopien, andere dagegen, wie man schon aus
den Zusätzen ersieht, erst unter den folgenden Pontificaten entstanden
sind, ein Umstand aber, der auf die Gorrectheit und Yerlässlichkeit
dieser Abschriften ziemlich wenig Einfluss hatte, daher ich auch bei
Citirung der Ck)dices nähere Angaben über diese Handschriften für
überflüssig hielt, üeber andere von mir benutzte Aufzeichnungen
wird am betreffenden Ort näheres mitzutheilen sein.
Endlich suchte ich, soweit als möglich, Originale dieser Päpste
einzusehen. Die reichste Ausbeute gewährte mir das Staatsarchiv zu
Florenz, wo mir die aufopfernde Oefalligkeit von Cesare Paoli binnen
weniger Tage die Durchsicht von circa 100 Urschriften ermöglichte;
ausserdem bin ich noch 0. Leyi am k. Staatsarchiv zu Bom und
0. Bedlich am k. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck für deren Unter-
stützung bei diesen Forschungen lebhaftest verbunden.
Soll das vorliegende Thema irgendwie eingehender behandelt
werden, so taucht immer wieder die Frage auf, welches war die
Organisation der päpstlichen Kanzlei? Für die ältere 2jeit bis zu
Ende des 13. Jahrh. ist ja durch mehrere vortreffliche Abhandlungen
Licht und Einsicht gewonnen, seit dem Ende des 16. Jahrh. haben
curialistische Schriftsteller die Einrichtungen und Oebräuche ihrer Zeit
wiederholt geschildert. Dazwischen ist aber eine klaffende Lücke von
mehr als zwei Jahrhunderten, welche vom diplomatischen Standpunkt
aus gar nie eingehender behandelt wurden, während die Darstel-
lungen dieser Verhältnisse durch Eirchenhistoriker und Ganonisten
für unsere Zwecke keineswegs genügen. Und doch fallen gerade in
diese Zeit eine Reihe der wichtigsten Neuerungen. So war ich ge-
zwungen, die Organisation der päpstlichen Expeditionsbehörden des
15. Jahrh. bei Forschung und Darstellung in grösserem Masse zu
berücksichtigen, wiederholt auch weiter nach rückwärts auszuholen,
als es sonst der Oegenstand meiner Untersuchung erfordert hätte.
Jedoch lag es weder in meiner Absicht, noch hätte es der Umfang
meiner handschriftlichen Forschungen gestattet, eine vollständige Dar*
Stellung der Kanzleiorganisation zu geben; ich gieng auf alle diese
Verhältnisse nur insoweit ein, als dieselben mit der B^istrirung in
Zusammenhang stehen. Daher hielt ich mich zu ungleichmäasiger
Behandlung der einzelnen Behörden, ja auch der verschiedenen Auf-
gaben derselben berechtigt.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 403
Der gleiche Gesicbtsponkt leitete mich auch in AuBnutzaug der
Druckwerke. Von den einschlägigen päpstlichen Constitutionen ist mir
hoffentlich keine pablicirte entgangen. Viele zerstreute Notizen bieten
natürlich auch sowol moderne Darstellungen als gleichzeitige Schriften,
wie etwa der Briefwechsel der damaligen päpstlichen Beamten. Doch
scheint mir fCLr meine nächsten Zwecke der Zeitaufwand, welchen die
systematische Durchsicht einer so ausgebreiteten Literatur erforderte,
dem YoraussichÜichen Ertrage nicht die Wage zu halten, ich be-
schränkte mich deshalb auf wichtigere oder eben zur Hand liegende
Werke.
Nicht ftlr alle Institutionen und deren Details vermag ich Belege
aus gleichzeitigen päpstlichen Erlässen beizubringen, ich musste mich
mehrfach mit Beweisstellen aus den spätem Fontificaten bis zu An-
fang des 16. Jahrb. (Leo X.) herab behelfen. So mag manche Einzelheit
des Yon mir gegebenen Bildes für die Zeit Martin V. und Eugen lY.
noch nicht zutreffen, im allgemeinen aber ist bei Beobachtung der
nöthigen Vorsicht dieser Vorgang ohne Zweifel berechtigt, denn der
Charakter der päpstlichen Verwaltung ist im ganzen ein sehr conser-
yatiyer, an einmal vorgenommenen Neuerungen — und dieselben
fallen bei unserm Vorwurf meist noch ins 14. Jahrh. — wird mit
grosser Zähigkeit und Beharrlichkeit festgehalten. Es kommt noch
insbesondere dazu, dass es sich in den von mir benutzten Constitutionen
späterer Zeit fest immer um Bestätigung von Satzungen der Vor-
gänger und alter Oebräuche oder um Wiederherstellung solcher gegen-
über eingerissenen Missbräuchen handelt.
L Umfang, Arten und Reihenfolge der noch erhaltenen
Register Martin V. und Eugen IV.
§ 1. Moderne und ursprüngliche Eintheilung.
Das frühzeitige Bestreben der päpstlichen Curie, die schriftlichen
Acte ihrer Verwaltung durch Eintragung in Copialbücher in Evidenz
zu halten, £uid die grösste Schwierigkeit in der so rasch und anhal-
tend zunehmenden Ausdehnung ihrer amtlichen Thätigkeit. Man war
gezwungen auf R^istrirung des Einlaufes zu verzichten, sich auf
Eintragung der in amtlicher Eorm erlassenen Actenstücke zu be-
schxunken, auch da noch eine gewisse Auswahl zu treffen. Die gleichen
Verhältnisse hatten weiter zur Folge die schärfere Ausbildung und
strammere Oi^anisirung der verschiedenen päpstlichen Aemter, deren
Delegirung zu selbständiger Erledigung vieler Oeschäfbe im Namen,
unter dem Siegel und unter Verantwortlichkeit des betreffenden Amtes
27*
404 Ott;e[nthaL
oder dessen Vorstandes. So finden wir zu Beginn der avignonesischen
Periode Kammer und Pönitentiarie als eigene Aemter, theilweise aach
die Bota Bomana, alle führen eigene Kanzlei, eigene Siegel, eigene Be-
gister, wie uns viele noch erhaltene Amtsbücher beweisen.
Daneben wurden wie von Alters her in ein eigenes Begister ein-
getragen die im Namen und mit dem Siegel des Papstes ausgestellten
Schriftstücke. Aber auch die Bullen nahmen an Zahl ungemein zu,
man suchte die üebersichtlichkeit durch immer weiter gehende Ein-
theilung des Stoffes zu wahren. Ein wichtiger Wendepunkt trat mit
dem zunehmenden Gebrauch der Breyen ein. Von andern Beamten,
in anderm Stil und anderer äusserer Form abgefasst, lag es nahe,
sie auch getrennt zu registriren. Nach dieser naturgemassen Ein-
theilung werden noch heute die Bq^ter im päpstlichen Archiv ge-
schieden in Begistra bullarum, B. brevium und B. cameralia (von der
Kammer erlassener Schriftstücke). Wir haben es hier fast ausschliess-
lich nur mit den Begistra bullarum (litterarum) apostolicarum zu thun,
die Serie der Begistra brevium ist in die Untersuchung nicht ein-
bezogen.
Im 14. Jahrh. begann man bekanntlich an der Cuhe die Begister-
copien zuerst auf Papier einzutragen, um sie dann mit Müsse und
Sorg£ftlt auf Pergament umzuschreiben, gegen Ende des Jahrhunderts
unterliess man die Beinschrifk auf Pergament immer häufiger, seit der
Zeit des grossen Schismas finden sich Pergamentregister nur noch
vereinzelt an der Curie zu Avignon, in Bom und Pisa registrirte man
nur noch auf Papier^). Es kamen daher die letzteren in amtlichen
Gebrauch, wie die Pergamentregister der früheren Zeit. Darum hat
man auch bei Neuordnung des vaticanischen Archives die Papier-
register aus Avignon als eigene Serie behandelt, die Pergamentregister
von der ältesten Zeit an mit den ausschliesslich auf Papier ge-
schriebenen in eine fortlaufend gezählte Beihe vereint Der Begierung
Martin V. gehören n« 348—859, der Eugen IV. n^ 360—384, der
Nicolaus V. n^ 385 — 435 an, es sind oder wollen (mit einer Ausnahme)
alle Begistra bullarum sein, die Brevia dieser Päpste bilden bereits
eine eigene Serie.
In dem hier zu behandelnden Zeitraum ist für die Begister gutes
starkes Papier von Eleinfolioformat verwendet, ungeföhr derselben
Grösse wie in den Papierregistem seit Clemens V.*), während die
Pergamentregister ja grösstes Format benutzt hatten.
1) Munch Aufschlasse über das päpstliche Archiv. Uebersetzt von LOwenfeld.
Archivalißche Zeitechr. 4, 106. •) Nämlich sowol für die unter Clemens V. be-
ginnenden Camcralregister als die seit Johann XX ll. erhaltenen Ballenregister.
Die BullenregiBter Martin Y. und Eugen IV. 405
Der Einband dieser Begister ist, wie schon frühere Forscher
bemerkt haben i), nirgends mehr der ursprüngliche. Der jetzige stammt
etwa aus dem Ende des 17. Jahrh.*) nnd besteht wie bei den älteren
Banden aus grünem Leder bei den Registern Martin V., aus rothem
bei denen Eugen IV. und Nicolaus Y. Auf dem Bücken findet sich
eine drei&che Besseichnung: 1. mit eingedruckten Goldlettem eine Titel-
angabe entsprechend der modernen innen im Bande (etwa Eugenii IV.
Secret. a. Xu. XIII. L. 11.); 2. mit weisser Farbe aufgestrichen die
Ordnungszahl des Bandes (Tomus) unter den Begistem des betreffen-
den Papstes; 3. eine aufgeklebte weisse Etiquette mit der Nummer
des Bandes in der ganzen B^^terreihe von Johann Viil. an. Auf
der Innenseite des Deckels oder auf den Yorsteckblättem steht dann
der moderne Titel des Bandes gleich dem auf dem Bücken befind-
lichen, nur etwas weitläufiger (im oben angefahrten Falle: Eugenii IV.
BuU. secrei a. XII. XML Florentie, Senis, Bome, liber IL tomus VI.).
Der Inhalt dieser Aufechriften ist theilweise den alt«n Titeln
entnommen. Auf Grund solcher Anhaltspunkte wurden sammtliche
Begistra bullarum in drei Gruppen getheilt: B. secreta, B. litterarum
de curia, R officiorum, und dann bei jedem Papst durchlaufend ge-
zahlt (R Martini V. L. I— XII, Eugenii IV. L. I— XXV). Für die
Bestimmung des Alters dieser Eintheilung sind yon grösstem
Werih die aus weichem Pergament bestehenden ursprünglichen
Einbanddecken, welche bei mehreren Bänden noch Tollständig
erhalten sind, bei anderen wenigstens die vordere oder rückwärtige
Decke, und so den betreffenden Bänden beigebunden sind. Es ist
das der Fall bei den B. 356, 857, 371—378, 881. Die beiden ersten
ermangeln jeder Au&eichnung, interessiren uns also nicht weiter, die
andern enthalten Aufschriften und Notizen verschiedenen Alters. Am
sichersten zu bestimmen ist die Inschrift auf dem rückwärtigen Deckel
▼on B. 372 und 881. Sie zeigt das mit der Tiara gekrönte Wappen
Eugen rV. und folgende Worte auf drei Spruchbändern links, rechts
und unter dem Wappen: Eugenius — papa quartus — B. Badeker. Ich
setze diese Schrift in die Mitte des 15. Jahrk, abo der Begierang
Eugens ungefähr gleichzeitig*).
*) Mnnch-LOwenfeld 1. c 129. *) Ich kann die Zeit nicht genau be-
stimmen, da keiner dieser Bände ein Wappen trSgt. Nach Dadik Iter Roma-
nom 2y 25 wären die miter Innooenz XIL (1691-1700) gebundenen durch rothes
Leder und das Wappen der PignatelE kenntlich, andererseits dürfte der Eisband
sp&ter fallen als Baynalds Forschungen, da dieser die Bände in anderer Weise
citixt, s. 8. 406. *) unter den noch ungeordneten Papsturkunden des k. Staats-
axchives in Born fand ich eine unvollendete des Cardinalbischofe Jordanus von
406 Ottenthai.
Auch die nächst ältesten Schriftzeichen auf den Vorderseiten der
Deckel, in gothischer Bücherschrift, stark verrieben und beschmutzt, ge-
hören wol noch meist dem 15. Jahrb. an^). Sie finden sich bei Bd. 381,
372 — 375 von gleicher Hand, bei 376 — 378 in etwas abweichender
Form, daher wol von anderer Hand geschrieben. Es sind Titel-
aufschriflen, deren Wortlaut sich nur auf die Stellung der Bände inner-
halb der Serien der B. de curia und officiorum bezieht. Wol ent-
halten diese alten Einbanddecken ausserdem noch Numerirungen, welche
jedoch nicht viel älter zu sein scheinen als die Aufschriften aus dem
Anfuig des 17. Jahrb., mit denen sie auch correspondiren« Hier erst
sind im Oegensatz zu den älteren Titelüberschrifben die Bände Eugens
zusammenhängend von 1 — 25 gezählt; so B. 372 = lib. 17,
373 = 1. 18, 376 == L 22 u. s. w. Diese Nummern hat man, wol
gelegentlich des neuen Einbandes, auch auf der Innenseite der Decke
oder sonst wo angemerkt, wir finden sie auch bei den Bänden, die
der alten Decken entbehren, auch in den Begistern Martin Y. und
können so die Goncordanz für die ganze Sehe herstellen. Sie waren
bereits zur Zeit Baynalds vorhanden, der die Begister in seinen
Annales ecdesiastici danach citirt^). Die Divergenz mit der jetzigen
Albano, eine Mittheüung an den Bischof von Speier betrefiEs einer Ehedispens
vom 18. Pontificatsjahr Martins, welche auf der Bückseite von gleicher Hand die
gleiche Zeichnung und Inschrift enthält. Eine weitere Spur über den Zusammen-
hang mit den päpstlichen Registern konnte ich nicht finden; ich weiss auch
sonst nichts über B. Radeker, als dass er sich in R. £72 als Bremensis be-
zeichnet.
^) Dafis die Aufschrift in R. 874 R. buH de curia quartum des Papstnamens
entbehrt, könnte für Entstehung vor Eugens Tod geltend gemacht werden.
*) Ich habe die Mühe nicht gescheut, mir den Beweis für diese üeberein-
stimmung auch durch Vergleich der Raynald'schen Citate mit meinen Notizen
herzustellen, ein Verfahren, das um so nothwendiger ist, als mindestens in der
von mir benutzten Mansischen Ausgabe mancherlei üble Druckfehler und Versehen
namentlich in Zahlen vorkommen. Danach kann ich folgendes constatdren. R. ciürt
von den Bullenregistem Martins nie die libri offidorum 8 4 8 — S 5 1 , noch auch den liber
expectativarum n^ S57, der aber schon an diesem Platze stand, da n^ 856 als L. de
curia 6, 858 als L. de curia 8 bezeichnet ist. Die Bände 852—855 bezeichnet er gleich
wi^ jetzt als L. de curia 1, 8—5; 856 als L. de curia, nicht secretus, 858 ent-
sprechend dem jetzigen Doppeltitel. Die üebereinstimmung mit Tabelle I ist
eine so genaue, dass ich nicht erst spedelle Belege anzuführen brauche. Reg. 859,
jetzt als Brevia M. et £. lib. IX, tom. 12 bezeichnet, kennt er als Lib. brev. 4,
wie sich aus seinem Citat a. 1428 § 25 ergibt. In diesem Zusammenhang mögen
auch Erwähnungen angeführt werden, die eine Eenniaiiss uns jetzt verlorener
Bände Martins vorauszusetzen scheinen: a. 1424 § 14 ist L IX de curia p. 46,
a. 1429 § 21 1. X de curia p. 80 citirt. Von letzterer Angabe kann ich cou-
statiren, dass es Reg. 858 f. 80 also = L de curia 8 ist, ersteres ebenfEÜls ver-
Die BuUenregister Martin V. und Eugen IV. 407
Zahlung stammt nur daher, dasa bei Martin Y. die Libri officiorum
nicht mitgezahlt worden oder yielmehr am Schlosse standen, also
Bayuald die Bande 352—358 ab L 1—8 zahlt, wahrend um-
gekehrt die Tier L officiorom Eogens jetzt am Schloss stehen,
damals als 1. 1 — 4 gezahlt worden. Diese Differenz erhöht sich von
376 an om 1, da man bei der yon Baynald gebrauchten Zahlung
noch Tom Band 21 wosste, während er bei Anbringong der jetzigen
Komerirung bereits yerloren war, daher nicht mehr berücksichtigt
wurde.
Schon dasa die ältesten Aufschriften auf allen noch erhaltenen
ursprünglichen Einbanddecken jede Spur von durchlaufender Zählung
der Bande eines Pontificates yermissen lassen, beweist, dass damals
eine solche noch nicht existirte, Baynald dagegen &nd sie sichtlich
schon Tor. Sie geht auch noch hinter die ron Paul V. 1611 be*
fohlene Errichtung eines eigenen vaticanischen Archiyes zurück. In
einem Inyentar Ton 1587 sind Eugenii lY. Über I bulL sign, litt B.
et HP 24, di?ersorum buUarum sign. 1. B. et n^ 26, Eugenii lY. litter.
sign. L (K) et n» 25 citirt^), die eine Identität mit B. 378—380
ftiTizflltrf« Cütat dürfte eine YerwechBltmg mit L. IX breTium sein. Dass endlich
nicht an L. 81 cur. p. 15 (a. 1420 § 8 = 858 1. de curia II£) zu glauben sei,
ist selbetFerständlich. Fflr die Begister Eugens gestaltet sich der Nachweis
schwieriger nicht nur wegen der gr&ssem Zahl, sondern auch wegen der minder
genauen Citirweise R.*8, der hier nie mehr die Registerkategorie (de curia etc.)
angibt. Der Ausgangspunkt der Zählung ist L. officiorum I (^ 881), doch sind
die Tier offenbar schon damals so genannten Bftnde nie erwfihnt, sondern nur
L. y, VI, Ym— XX, XXU— XXVI. Bei einer grossen Aniahl derselben konnte idi
die üebereinstimmung der Angaben mit unsem Bänden spedell oonstatiren, so
bei L 5 (860) a. 1440 § 1, 1. 6 (861) a. 1442 § 11, a. 1445 § 5, L 8 (868) a. 1480
f 3, 1. 10 (S65) a. 1488 § 25 und oft, L 11 (866) a. 1489 § 10, L 12 (867) a. 1489
I 22 (aber dt. als 1. 2), L 18 (868) a. 1444 § 2, L 14 (869) a. 1446 i 2, L 15
(870) a. 1482 f 24, L 24 (878) a. 1446 § 1, 1. 25 (879) a. 1446 § 5, 1. 26 (880)
a. 1448 f 1. Bei den Gitaten von über IX, XVI— XX, XXII, XXm stimmt im
allgemeinen Jahr und Folio mit den Bänden 864, 871—877. Dem gegenüber
scheinen mir einzelne nicht passende Ci^itate ebenso zu erklären zu sein, wie bei den
Hegistem Martins, so etwa, wenn a. 1442 § 8 1. VI p. 270 und 1444 § 18 L XIV
p. 44 citirt wird, was bei 861 f. 270 und 869 f. 44 nicht zutri£Ft L. 28 (877) soll
eine ganze Reihe von Briefen aus a. VII, X« XI enthalten, während ich mir wenig-
stens nicht vermerkte, dass unter den Briefen von a. XIV und XY so viele filtere
seien ; vielleicht gehören sie zu L XX (^ 875). Eine Differenz anderer Art ezistirt
in der Zählung der Bfinde 878 — 880, die bei Baynald als L 24—26 numerirt sind,
während in den Registern 878 und 879 als 1. XXIY und consequenter Weise
880 =r L XXy gesetzt sind. Im übrigen deckt sich RaynaLds Zählung vollkommen
mit der aus dem Anfang des 17. Jahrh.
*) YgL unten § 8 gegen Ende.
408 Ottenthai.
(= nP 24, 24*, 25) kaum bezweifeln lassen können. Wir haben es
also mit einer erst 100 - 150 Jahre nach der Begierungszeit jener
Päpste nachweisbaren Zusammenstellung zu thun.
Ich habe diese jüngere Zahlung und Benennung als Tabelle I
zusammengestellt, sie erweckt in Beziehung auf beides manche Be-
denken. Die Einreihung der Secretregister, f&r welche die alten Ein-
banddecken vollständig fehlen, spottet jeder chronologischen Beihen-
folge und erregt damit ebenso Zweifel an ihrer Bichtigkeit. Dass
Band 862 mit Bullen des a. XIIL beginnend im Begister selbst als
Begistrum primum secretum bezeichnet ist, während es jetzt als
drittes Secretregister rangirt, und auch bei Baynald der unmittelbar
vorausgehende Band 361 bereits als 1. secretus citirt wird, macht diese
Zählung vollends haltlos.
Um den ursprünglichen Bestand, die ursprüngliche Benen-
nung, Eintheilung und Zählung der Begister dieser beiden Päpste zu
erkennen, müssen wir also von der jetzigen Ordnung absehen, auf gleich-
zeitige Zeugnisse allein uns stützen. Ich gebe das Besultat dieser For-
schung als Tabelle IL Bevor ich aber meine Aufstellungen im einzelnen
begründe, muss ich die Wahl des Eintheilungsgrundes und die vor-
züglichsten Haltpunkte für die Zuweisung der einzelnen Bände er-
örtern.
Der Eintheilungsgrund der gegenwärtigen Anordnung ist vom
Inhalt hergenommen, aber wie später näher zu zeigen sein wird,
Beg. secreta, de curia, officiorum bilden keinen rechten Gegensatz, es
gibt z. B. auch B. secreta de curia. Zeigt femer auch der fiactische
Inhalt der Begisterbände, dass eine scharfe Scheidung der Bände nach
diesem Gesichtspunkt unmöglich ist, so legt das nahe, einen höheren
Eintheilungsgrund zu wählen. Ich finde denselben in der Scheidung
der Begister nach den Bureaux, in welchen registrirt wird. Ich be-
finde mich bei dieser Wahl in vollem Einklang mit den gleichzeitigen
Aufschriften der Begister, welche dieses Moment oft genug betonen;
die dieser Eintheilung entspringenden Begisterklassen stehen zu ein-
ander in ausschliessendem Gegensatz, alle ursprünglich bestandenen
ünterabtheilungen schliessen sich diesem System natürlich und zwang-
los an. Ich unterscheide also Litterae {=■■ bullae) registratae in camera
apostolica, L. registratae in cancellaria, L. registratae per secretarios,
oder wie ich kurz citiren werde: Kammer-, Kanzlei-, Secretärregister.
Auch über diese beiden Centralbehörden der päpstlichen Begierung,
sowie über das Institut der Secretäre wird im U. Abschnitt ausführ-
licher zu sprechen sein, hier schicke ich nur voraus, dass es sich bei
dieser Eintheilung nicht nur um Eegistrirung im Auftrag verschiedener
Die Bullenregisier Martin V. und Eugen IV. 409
Behörden, sondem auch durch verschiedene Aemter mit getrenntem
Personal handelt Die Eintragung im Bester beanspruchte ja öffent-
liche Glaubwürdigkeit^), es musste also ein Beamter da sein, der f&r
die Bichtigkeit des Inhaltes Ifürgte, das ist der coUationirende Beamte,
der Begistrator. Es lag gewiss im Interesse der Curie, diese Beamten
jederzeit fBr jede registrirte Urkunde in Evidenz zu halten, daher
unterfertigen sich dieselben vielfach von Stück zu Stück mit ihrem
eigenen Namen. Die Constatirung dieser Gollationatoren und des Amts-
charakters derselben ist somit ein wichtiger Haltpunkt fCLr die Be-
urtheüung der Stellung des betreffenden Begisterbandes. Doch nicht
überaU findet sich so ausfiLhrlicher Gollationsvermerk, es wird oft nur
.Coli.* gesetzt oder es unterbleibt jede ünterfertigung; letzteres be-
sonders häufig in Bänden, in welchen nur 6iR Collationator thätig ist,
was bei den Secretärregistem Begel ist Die Curie kannte aber den
Oeranten f&r die Eintragungen dennoch, da jeder Secretär in sein
Begister nur von ihm selbst signirte Briefe einzutragen pflegte. Wir
können wieder umgekehrt schliessen, dass ein Begister, dessen Bullen
alle vom gleichen Secretär signirt sind, auch wenn ein Collationator
nie angegeben ist, ein solches Secretärregister sei
Damit werden die Beweisgründe, die der zu classificirende Band
selbst liefert, meist noch nicht erschöpft sein. Wol jeder Band bekam
bei seiner Anlage eine Aufschrift; eine Beihe davon sind noch er-
halten theils auf f. 1 des Begisters vor Beginn des Textes, theils auf
einem Yorsteckblatt. Dass sich in mehreren Fallen Schrifbgleichheit
mit den ersten Einträgen in das Begister zeigt, also nicht blos stricte
Gleichzeitigkeit, sondem auch Urheberschaft der competentesten Seite
sichergestellt ist, macht dieselben besonders werthvoll, deren Abgang
doppelt bedauerlich.
Einen Ersatz f&r den Mangel oder die Unvollständigkeit derselben
geben oft die Ueberschriften der In die es. Es liegt auf der Hand
wie wichtig solche Inhaltsverzeichnisse namentlich bei Bänden waren,
die durch mehrere Jahre fortgeführt wurden. Es ergab sich da
geradezu die Noth wendigkeit gleichzeitiger Anlage solcher „ Bubri-
cae* = Bubricellae = Bepertoria. Unter Martin V. wurden sowol
in der Begistratur der Bittschriften als in der der Bullen fliegende
Indices an den Wänden angebracht zum gemeinen Yortheil und um
die Mühe langen Nachsuchens zu vermeiden*). Zunächst wird das
1) S. § 6, 10. ') Venerabiles viri registratores supplicationum et litterarum
apostohcarum querulanter noHs (dem Stellvertreter des Kämmerers) exposuerunt,
quod cum ipsi publicis studentes comioodis rubricellas quasdam parietibus afBgant
410 Ottenthai.
yielleiclit bei den »Litterae gratiam vel iustitiam contmeiites'' au-
geordnet worden sein, aber dasselbe Bedürfniss lag doch auch ftir
Administrativaete vor. Im Zusammenhang mit solchem Gebrauche
dürfte sich am besten die Einrichtung des Inhaltsverzeichnisses in den
Bänden 363, 364, 376—379, 383 erklären. Hier wird von der sonst
gewöhnlichen Einreihung nach Seiten oder Blättern theilweise ab-
gesehen. Wie es scheint, wurde nach einem gewissen Princip vor-
gegangen, aber in sehr unvollkommener Weise. Am ehesten könnte
man bei Band 379 behaupten, dass die Briefe nach den Empfängern
zusammengestellt wurden. Meist geschah bei diesen Bänden die Ein-
tragung von einer Hand (376 — 379, 383), aber immer in verschiedenen
Absätzen, die aber mit dem Tinten- und Schriftwechsel im Begister
oft nicht stimmen. Bei R. 363, 364 wechseln auch die Hände, theilweise
sind es die betreffenden Begisterschreiber selbst, welche das Inhalts-
verzeichniss weiter ftlhren, dazwischen sind aber auch wieder grössere
Partien in einem Zug ein-, respective nachgetragen. So strenge Qleich-
zeitigkeit der Bubricae, die für die Yerwerthung der Üeberschriften
derselben wichtig ist, findet sich dann auch, wenn statt eines zu-
sammenhängenden Index am Band jeder Urkunde ein kurzes Begest,
ein Schlagwort des Inhaltes gegeben wird, wie bei B. 349 (f. 1 — 22),
366, 382, wo diese Angaben theilweise von den betreffenden Begister-
schreibem gemacht werden, oder bei B. 367, 370, im letztern Band
ersichtlich vom Gorrector oder Gollationator, der auch sonst viele Be-
merkungen zuschrieb.
Begel aber ist Anlage des Index nach den Blättern geordnet
(R. 348—355, 360—362, 365—375, 381)i). Sind dieselben von ver-
schiedenen Händen geschrieben wie bei B. 360, 372, 373, 375 oder
doch in Absätzen, so wird von vornherein gleichzeitige Entstehung,
wenigstens des An&nges, zu vermuthen sein; sind sie in einem Zug
geschrieben (E. 348—355, 361, 362, 365—371, 374), so wird sich das
Alter derselben aus der Schrift ergeben; mit Ausnahme der beiden
oben als modern, d. h. als der Zeit des jetzigen Einbandes angehörig
bezeichneten, sind sämmtliche dem 15. Jahrh. zuzuweisen. Aber f&r
uns handelt es sich um noch strengere Fixirung der Gleichzeitigkeit,
als des Zeitraumes, der mit der Vollendung des Bandes endet, da er
ja in einem andern Bureau aufbewahrt werden konnte, als in dem er
geschrieben wurde, was für seine Bezeichnung nicht gleichgiltig ist
et quedam repertoria componant, ut longo inquisitionis labor absit . . . R. div.
Cam. IS f. 29' vom 2. März 1480.
<) R. 8 57 -- 8 59 fehlen de; R. 856, 880 haben nur moderne Inhaltsver-
zeichniBse.
Die Bulleniegister Marfan V. und Eugen lY. 411
Dieser Fordening entapricht die Abfiissung des Inhaltsyeraeichnisses
durch die Begisterschreiber selbst, ohne dass aber die Kichtidentitat
derselben schon das Oegentheü erweisen könnte. Ich kenne nur
einen solchen genau oonstatirbaren Fall. Ein Mann ibt an den Inhalts-
verzeichnissen von B. 367 (a. IV. V.), 873 (a. IV. V.), 874 (a.V— VHI.),
361 (a. X— XIV.), 376 (a. Xm. XIV.), 377 (a. XIV. XV.), 368 (a. XIV. XV.),
860 (a. X— XVI.), 369 (a. XVI.) in der Weise betheiligt, dass die Indices
Yon B. 861, 367 ^)— 369, 874 ganz von seiner Hand sind, in 878 und
860 schon begonnene von ihm zu Ende geführt wurden, bei K 376
die üeberschrift der Bubricae von seiner Hand ist, wahrend er bei 377
neben das schon vorhandene Inhaltsverzeichniss noch kürzere Schlag-
worte an den Band setzte*). Der zeitliche, örtliche und inhaltliche
ümJEuig seiner Arbeit') ergibt offenbar eine nachträgliche revidirende
Thatigkeit, das ersieht man namentlich auch aus folgender beim ersten
Theil von 360 von ihm gemachten Notiz: Et sie finis istius primi
qointemi qui alias non fuerat de huiusmodi registro, sequuntur alie
mbricelle totius registri, verte tna foUa; er hat die Bubr. dieses
Qointems und des zweiten Theiles von f. 294 an geschrieben. Die
meisten der von ihm bearbeiteten Bande enden erst mit den letzten
Begierungsjahren Eugens, man wird also auch den Beginn seiner
Thatigkeit erst dahin oder in den Anfang des Pontificats Nicolaus V.
▼erlegen können, während sich als terminus ad quem April 1455 er-
gibt^). Von den Titeln und Aufschriften der Bubricae gilt mutatis
mutandis genau dasselbe wie Ton den Titeln und Au&chrifben der
Begister selbst; auch diese Ueberschriften fehlen theilweise.
Auf eine andere Classe Ton Zeugnissen ftr richtige Einordnung
der Begister brauche ich nur hinzudeuten, es sind das alte genauere
Citate derselben. Ich fiwd üst nur kanzleimassige: Verweise von
einem Begisterband auf den andern, also salvo errore unbedingt glaub-
') Hier besteht er nur ans einem Blatt (=: f. 1 — 18 des Registers), während
sonst Schlagworte am Band stehen. *) Auch im Band 870 (E. 25 a) scheint eine
Bemerkung bei den Bubricae ron ihm herzurühren. *) Da dieselbe noch oft zu
citiren sein wird, bezeichne ich den sonst unbekannten Mann einfach als Rubri-
cator N. *) Im Beg« 869 ist n&mlich auf einem der letzten Bl&tter (f. IZ) noch
eine Urkunde Tom 13. Begierungerjahr Eugens registrirt (während sonst von f. 12
ab solche des 16. stehen), welche vom Secretär Petrus de Nozeto collationirt ist,
der erst unter Nicolaus V. in dieses Amt eintrat und darin als yielbeschäftigter
Secretär blieb, bis er yon Galiit IIL April 1455 entlassen wurde (Gaetano MaxLni
Gli Archiatri pontifici 2, 147 Anm. S, ygL 208). Da dieser Nachtrag in dem vom
Rubricator N geschriebenen Index fehlt, muss das InhaHsverzeichniss yor den
Rücktritt des Piero da Nooeto fallen.
412 OttenthaL
würdige Angaben, nur leider nicht immer pracis genug, um verwerOiet
zu werden.
Ich habe die Indices ausführlicher besprochen wegen ihrer Be-
deutung fdr die Frage, ob der Um&ng der einzelnen unserer jetzigen
Bände auch dem ursprünglichen Bestände der betreffenden
Register entspreche. Erschwert wird die Untersuchung Tielfeu^h durch
zweierlei umstände. Erstens, dass man aufgehört hat die einzelnen
eingetragenen Briefe zu numeriren^), nur mehr nach Blättern zahlt.
Zweitens ist durch die Gebrechlichkeit des Papiers und das wieder-
holte Einbinden eine Zählung der Quatemionen unmöglich geworden,
sowol absolut unmöglich, da der Bücken der Lagen oft gerissen ist,
als relativ unthunlich,, da jetzt die Bände so tief geheftet sind, daas
man yiel&ch den Einband zerreissen müsste, um das Quatemionen-
gefüge zu constatiren. Aeussere Kennzeichen dafür mangeln fast ganz,
da eigene Quaternionenaufechriften fehlen, die Beclamantes, wie sie
noch die Fergamentregister aus Ayignon aufweisen, ausser Gfebrauch
gekommen sind.
Die Papierregister des 14. Jahrh. sind geradezu nach Quater-
nionen') geführt worden, die dann nach Jahrgängen zu Banden
zusammengefügt wurden, wie es der Bedarf eben erheischte. Da er-
kennen wir die einzelnen Hefte vielfach schon aus der wechselnden
Beschaffenheit und Grösse des Papiers, neben der spätern durchlaufen-
den Folürung des ganzen Bandes finden wir noch die Blattbezeich-
nungen der einzelnen Quatemen. Das erste Blatt eines jeden pflegt
den oder die Schreiber desselben zu nennen. Es heisst etwa . Quater-
nus Ambrosii* oder ,Jo de Bata'^ und zu Ende dieses Heftes «Ex-
pleyit J. de B. '^ Nie greift der Text einer registrirten Bulle auf einen
zweiten Quatemio über, lieber lässt man das letzte Blatt ganz oder
theilweise unbeschrieben. Dagegen ist von einem Quaternus litterarum
de curia anni primi, von einem Quaternus de nuntüs in Anglia die
Bede; so setzte sich das Begister eines Pontificatsjahres aus einer Reihe
theilweise auch innerlich selbständiger Quaternen zusammen^).
') Diese Neuerung dürfte wol noch in die ayignoneBiscbe Zeit MLen. Wenig-
stens das Papierregister n^ 46 des dortigen Gegenpapstes Benedict XUL, das ich
in Händen gehabt habe, zählt nur mehr in der späteren Weise. Vereinzelt war
das schon im 18. Jahrh. der Fall; vgl. Ealtenbrunner Römische Studien L in den
Mittheilungen des Instituts 5, 255. >) S. auch Munch-Löwenfeld 98. Doch darf
man natürlich nicht die alte Bedeutung von Quatemio = 8 Blätter zu Gnmde
legen, es sind vielmehr Hefte von sehr yerschiedenem Umfange (vgL Wattenbach
Schiütwesen 2. Aufl. 146), von 20—80 und mehr Blättern. *) Ich entnehme
diese Notizen den Papierregistem Johann XXII. a. I, pars I, II und Benedict XUL
a. XII. {n^ 45, 46), die ich för solche Zwecke durchsah.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen lY. 413
In unsern Registern dagegen findet sich Eintheilung nach Heften
nur mehr in besonderen Fällen^); Anklänge daran begegnen auch
noch in Begistem yom ersten Begierangsjahre Martin Y.: in B. 348
wird £ 17 auf dem ersten Blatt des zweiten Quatemus (aber ob von
dem Begisterschreiber?) vermerkt quintemus secundus de officiis^). Im
übrigen ist die Einheit jetzt eine andere geworden, nicht mehr der
Quatemio oder die Vereinigung aller Qoaternionen eines Pontificats-
Jahres, sondern das «Buch*, Liber, das ohne Bücksicht auf Jahres-
wechsel fortgefährt wird, so lange das Papier reicht, darum wird
jetzt citirt Begistrum litt, de curia primum, nicht mehr B. 1. de c anni
primi, die durchlaufende Blattzahlung des Bandes ist jetzt das Orien-
tirungsmittel. Und so ist denn die Foliirung fast durchaus eine
alte, sehr oft gleichzeitig mit der Eintragung ins Begister, wie sich
ans Verweisen von dem einen Blatt auf das andere ergibt; besonders
bezeichnend ist da eine Notiz B. 362 f. 148 ,ut in precedenti folio
GXLV*. Andere Male ist allerdings die Foliirung erst gleichzeitig mit
dem Index angelegt, was wol zu beachten ist. Ausser beim Band 356,
einem Theil Ton 374 und der zweiten Paginirung yon 361, die arabische
ZijBPem haben, hat man sich immer römischer Zahlzeichen bedient. Der
Ausgangspunkt der Foliirung ist stets, auch wenn schon eine Anzahl
Blätter f&r die Bubricae frei gelassen waren, das Blatt, auf dem die
Eintragung der Bullen beginnt.
Die Untersuchung der Papiersorten ergibt häufig kein sicheres
Besultat f&r oder gegen ursprüngliche Zusammengehörigkeit. Am
ehesten noch die Abweichungen des Formates; verschiedene Wasser-
zeichen finden sich bei ganz unzweifelhaft im originalen Zustand er-
haltenen Bänden, sowie es andererseits gar nicht auffallen kann, dass
bei Entstehung im selben Bureau innerhalb kurzen Zeitraumes in yer-
achiedenen Bänden die gleiche Sorte verwendet wurde, z. B. in den
einzelnen Theilen von K 370.
§ 2. Die ursprüngliche Ordnung der Begister Martin V.
Die ursprüngliche Ordnung der Begister Martin V. — das gleiche
gili auch fOr den folgenden Paragraph — habe ich übersichtlich in
der Tabdle, Beilage 11, dargestellt. Um kurz und unzweideutig citiren
zu können, habe ich dann die Begister jedes Papstes durchlaufend
1) So etwa wenn ein grösserer Gomplex von Briefen für einen Empfänger
erlassen wurde (S60ft); auch Breven scheinen so geführt worden zu sein, daB. 867
f. 80 der »Quatemus brevium anni VIII.« citirt ist «) In R. 857 vom gleichen
Jahre findet sich öfters die Aufschrift de beneficüs vacaturis (f. 58, 69, 101, 197,
291), doch sicher nicht immer am Beginn neuer Quaternen.
414 Ottenthai.
numerirt. Die Bezeichnung M 1, E 2 (= B. Martins 1, B. Eugens 2)
will also keinesw^s ftlr eine diesen Begistern entnommene gelten, noch
auch die Oesammtheit der M oder EBande als eine zusammengdiörige,
chronologische Beihe hinstellen; die in den yerschiedenen Bureaux ge-
führten bilden vielmehr ganz getrennte Serien« Ebenso laufen unter den
Eammerregistern die Libri of&ciorum und bullarum de curia ganz
parallel nebeneinander. Ihre Einordnung ist nach der bisherigen
Zahlung der Bände bei Martin und bei Eugen yerschieden, ebenso
auch nach der altern Anordnung, steht dort aber wieder bei beiden
Rlpsten im Gegensatz zur modernen. Es ist also kein fester Gebrauch
eingehalten worden, und so habe ich denn in beiden Etilen die
Begister der L. offidorum vorangestellt
Bei den Begistra secretariorum habe ich die vom gleichen Secretar
gefCQirten Bände zusammengestellt, die so entstandenen Beihen nach
den Anfangsjahren, und wo dieselben zusammenfiEÜlen , nach der
Anciennität der Secretäre folgen lassen, also z. B. das des Foggio vor
dem des Andreas de Florentia.
M 1. Der Titel wol von der Hand, welche die ersten Bullen
eintrug, steht auf dem ersten Blatt des Begisters £2^), er lautet:
Begestrum primum Utterarum apostolicarum coUectorum et aliorum offi-
cialium quorumcumque per ss. patrem n. d. Martinum . . . papam Y.
receptorum, Constantie inceptum a. I. pontificatus eiusdem. Yoraos
gehen Bubrice primi libri officiorum, von einer gleichzeitigen Hand in
einem Zug geschrieben. Das Begister enthält 206 Blätter, ist sorg-
fSlüg gefOhrt wie alle älteren Bände dieses Papstes. Die Einreibung
unter die B. camerae ergibt sich aus den Namen der collationirenden
Beamten J. Comitis, Jo. Corduveiii, M. G^rbasii, Luphardus, L. Bobring,
P. de Trillia, welche mit Ausnahme des dritten sämmtlich als Kammer-
notare nachweisbar sind. Dass dieser Band im gleichen Bureau wie
das ausdracklich als Eammerregister bezeichnete M 5 geführt wurde,
lässt sich auch daraus folgern, dass die Notiz über die Bischo&weihe
des Yicekämmerers in beiden Bänden von gleicher Hand (f. 88 und
f. 173^ eingetragen ist Endlich ist för sämmÜiche Kammerregister
darauf hinzuweisen, dass nach dem 1440 aufgenommenen Inventar^)
die so bezeichneten Bände wirklich in der Camera apostoHca auf-
bewahrt wurden.
M 2. Die Titelaufschrifti') steht eben&Ils von gleicher Hand wie
die ersten Urkunden auf f. I. Yoraus gehen Bubrice IL libri ofi&dorum,
^) Das vorausgehende als 1 signirte Blatt enthält eine nachträglich ein*
geschriebene Bulle des zweiten Pontificatsjahres. • <) S. Beilage n*^ 8. *) Be-
gestrum Becundum Utterarum =: M 1 bis receptorum, Florentie inceptam a. tertio
Die Bulleniegister Martiii V. und Engen lY. 415
in einem Zug erst nach Vollendung des Bandes geschrieben, da auf
£ 59 und 117 cassirte Bullen nicht aufgenommen sind. Die Folürung
des 288 Blätter zahlenden Bandes dagegen war noch während der
Eintragung hergestellt, da bei den eben erwähnten Gassirungen auf
die Nenregistriirung (f. 251, 289) yerwiesen ist. Der Charakter als
Kammerregister ergibt sich ebenÜEJls aus den Personen der Collationa^
toren J. Gomitis, M. Gerbasü, Maunan., P. de Trillia, TOn denen der
erste und letzte erweislich Eammernotare waren; ygL auch M 1.
M 8. Der auf f. 1 des Registers angebrachte Titel ^) ist von der
Hand des ersten Schreibers im Register. Voraus gehen Rubrice III.
registri litterarum officialium et aliarum. Sie sind eben£ftlls in äinem
Zug, und zwar erst nach 1428 eingetragen, da eine in diesem Jahre
auf Befehl des Vicekämmerers cassirte Bulle Tom Jahre 1425 (f 182)
daselbst fehlt. Die Einreihung in diese Gruppe (ygl. auch M 1} basirt
auch hier wieder auf den Namen der Collationatoren: Ant. de Sarzana,
J. Gomitis, L. Robring, P. de Trillia, die allesammt Kammemotare
waren.
M 4. Das Register beginnt ohne Aufschrift, der in der Tabelle
gebotene Titel entstammt daher den alten Rubricelle. Dass diese Be-
zeichnung die ursprüngliche und richtige ist, ergibt sich zur Genüge
aus dem Inhalt, aus der Verwendung gleicher Schreiber wie in M 3
und aus dem zeitlichen Anschmiegen an das vorausgehende Register').
Der ganze Band von 199 Blättern zeigt geringere Sorgfalt als die
Torausgehenden; als Gollationator findet sich ausser dem Kammer-
notar Ani de Sarzana noch Baldemottus de Sarzana, der uns im
Kammerregister E 4 wieder begegnen wird. — Vgl M 1.
M 5. Der auf f 1 des Registers stehende Titel lautet: Regestrum
primum litterarum apostolicarum de curia et aliarum in camera apostolica
regifltratarum . . . d. Martini pape V., iuceptum Gonstantie a. primo. Koch
yersändlicher citirt ist er im Reg. Diy. Gam. 7 £ 246 bei Nennung
des f. 189 stehenden Briefes vom 18. Juli 1418: R. primum litterarum
apl. de curia et aliarum litterarum apostolicarum d. n. pape cameram
apostolicam tangentium, in dicta camera registrari solitarum.
Des gleichen Inhaltes ist auch die Aufschrift der Rubrice, die in ^inem
Zug und erst nach erfolgter Gassirung mehrerer Stücke eingetragen
pontificatos eintidem: ebenso ist aacb M 1 f. 192 mit den Worten liber secundus
ofBcioram f. 156 factisch f. 156' dieses Bandes gemeinte
*) Regestram tertinm . . . receptorum, Rome aqud s. Mariam maiorem in-
ceptom a. VI. pont. eiusdem. ') M 8 hat znletet Briefe von non. iun., V. id.
iun., kl. mal., a. X; M 4 beginnt mit solchen von IV. kL iuL, Xm. kl. inl. des
gleichen Jahres.
416 Ottenthai.
sind. Die Foliirong des 299 Blätter enthaLtenden Bandes ist alt. Als
Collationatoren treten auf ausser L. Bobring und P. de Trillia, die
sich f. 226 selbst als notarii camere bezeichnen : J. Comitis, Jo. Cordu-
yerii, G. de Lambardis, Luphardus, alles Eammemotare. Wir sind
diesem Band gegenüber in einem besonders günstigen Yerhaltniss, er
ist von den bisher aufgezahlten der erste, welcher ausdrücklich und
in der unzweideutigsten Weise als in der apostolischen Kammer regi-
strirt bezeichnet wird, sämmtliche Collationatoren sind als Eammer-
notare bestimmt nachweisbar. Diese Aufschrift, sowie ähnliche in
M 7, 8 bezeugen positiv, dass die Ton Eammemotaren collationirten
Register in der Camera apostolica geführt wurden, erweisen also die
Berechtigung des Bückschlusses Tom coUationirenden Beamten auf das
Bureau der Begistrirung.
M 6. Die üeberschrift ist auf f. 1 des Registers nachträglich
eingetragen, es war kein Baum dafür ausgespart. Voraus gehen die
in ^inem Zug geschriebenen Bubrice m. libri litterarum apostolicarum
de curia d. Martini pape V . Wichtiger für die Classificirung des Bandes
ist der hier zutreffende Verweis in M 7 f. 46 auf eine littera ut in
libro nL litterarum apostolicarum in camera registratarum f. CXXXVIIII
conünetur, der Band ist also mit Fug als 1. III. litterarum de curia
in camera registratarum zu bezeichnen. Die Foliirung des 387 Blätter
starken Bandes ist gleichzeitig, eine f. 263 cassirte Bulle ist yom
Collationator als «in&a f. CCCI' registrirt bezeichnet, ein zwischen
f. 32 und 33 beigebundenes Blatt mit Papstbriefen in Begisterschrift
ist unfolürt. Als Collationatoren finden wir die bekannten; J. Comitis,
M. Gerbasü, P. de Trillia, Ant. de Sarzana (bei einer Cassation). —
Vgl M 5.
M 7. Die Ton Hand des ersten Begisterschreibers auf f. 1 des
Bandes eingetragene Üeberschrift^) charakterisirt den Band ähnlich
wie M 5, während der Index sich nur Bubrice IV. registri litterarum
apL de curia nennt Der Band urnfsisst 292 Blätter. Als Collationa-
toren begegnen die aus den Eammerregistem M 2 und 3 bekannten
J. Comitis, M. Gerbasü, Maurian., Ant de Sarzana, F. de Trillia.
M 8. Die üeberschrift, fast gleichlautend wie im vorigen Band'),
ist Ton gleicher Hand wie die erste Bulle auf f. 1 geschrieben. Der Titel
des Inhaltsverzeichnisses ist ausgefressen; der Band zahlt 299 Blätter.
Als Collationatoren begegnen die bekannten Eammemotare J. Comitis,
<) Registram quartum litterarum apostolicarum de curia et aliaram in
camera apostolica registrataram tempore . . . Martini . . . pape Y., inoeptum Borne
pont. einsdem d. n. anno quinto. *} Regestrum quintum litterarum = M 7 . . ^
pape V., inceptum Romc ap. s. Fetrum pontificatuH eiusdem d. n. a. septimo.
Die Bullenregister Martin V. und £ug6n IV. 417
L Bobring, Ant. de Sarzaua, P. de Trillia; f. 43 coli, per me Lauren-
tium de Botella notarium camere.
M 9 um&sst nur f. 1—26 des Bandes n'> 356 1). Jeder alte
Titel fehlt, das Inhaltsyerzeicliniss mit der Aa&chrifk Bubricella
tomi YI. bnllanim secretarum d. Martini pape V. ist modern. Das
Register selbst beginnt f. 2, die Foliimng ist alt. Die Berechtigang
den Band als K camerae zu bezeichnen, ergibt sich daraus, dass der
grösste Theil Ton Ani de Sarzana geschrieben und coUationirt ist,
daneben kommt als Collationator noch ein anderer Eammernotar,
L. Bobring, vor; ygl. M 5. Für die nähere Bezeichnung des Bandes
sind wir auf spatere Quellen angewiesen. Bajnald nennt ihn (1428
§ 8) liber YI. de curia, jetzt ist er als B. secretum bezeichnet, aber
wir wissen nicht, auf welchen Bestandtheil des Bandes sich diese An-
gabe bezieht, noch worauf sie sich stützt. Nach der ganzen Sachlage
ist M 9 wol kochst wahrscheinlich B. de curia, doch unterlasse ich
die AusftÜlung dieser Bubrik in der Tabelle.
M 10. Dieser Band entbehrt alter Aufschrift und des Inhalts-
yeizeichnisses. Wiederholt, zum Theil am Beginn neuer Quatemionen,
findet sich von einer der Abfassung des Bandes gleichzeitigen Hand
ober dem Text bemerkt ,de vacaturis beneficüs'*). Diese Notiz ent-
spricht dem Inhalt, der nur aus solchen Frorisionen und Frovisionsman-
daten besteht DieFolürung ist alt, der 315 Blatter umJEissende Band ist
sehr sorgfaltig geführt Im Gegensatz zu den vorher beschriebenen
Banden fehlt jegliche Angabe der E^anzleiyermerke ausser der Taxe. Das
ist es aber nicht, was zunächst gegen eine Einordnung unter die
Eammerregister spricht, sondern dass jeder Hinweis auf die Kammer
fehlt, auch Gassirungen stets auf Befehl des Vicekanzlers erfolgen,
endlich dass die beiden collationirenden Beamten Antonius de Fönte
und Franciscus de Agello, sowie Jacobus de Cerretanis, welcher eine
spatere Gassation vermerkt, nicht Beamte der Gamera sind, sondern
als Begistratores litterarum apostolicarum der Gancellaria angehören;
8. M 11.
M 11 entbehrt wie das vorausgehende Begister des alten Titels
und des Inhaltsverzeichnisses. Die moderne Aufschrift Diversarum
totius pontificatus de curia lib. YIII. entspricht dem Inhalte nach
■) Ueber den 2. Theil des Bandes 856 s. bei M 12. *) Die gleiche Be-
zeichnung findet sich am Schnitt anf der Unterseite des Buches in einer Schrift,
die dem Charakter der ältesten Inschriften auf den ürsprQnglichen Einbanddecken
nahe kommt, also wol noch dem 15. Jahrh. angehört. Ueber den Gebrauch, den
Schnitt der Begister zu signiren, s. Dudik Iter 2, 47; er findet sich auch sonst
in vielen Archiven.
mtthtOiuigen, Srgftnziuigsbd. X. 28
418 Ottenthai.
mehreren Bichtimgen. Dieser Band umfasst alle Pontificatsjabre Mar-
tin V., er enthält nicht blo3 ,de curia*' ausgestellte Briefe, sondern
auch so benannte Abtheilungen, er ist endlich des yerschiedenartigsten
Inhaltes, und da dafnr der Ausdruck Liber (registrum) diversarum
kanzleimässig war, wie die Cameralregister beweisen, dürfte ein ähn-
licher Titel an der Spitze dieses Bandes auch ursprünglich gestan-
den haben. Jetzt um&sst das Register nur mehr f. 25 — 294 in
ursprünglicher Foliirung. Der mannigfaltige Inhalt wurde nach ge-
wissen Rubriken geordnet, wie sie in den Registern der avignoneäischen
Periode üblich waren, die einzelnen Gruppen dann wieder nach Jahren
unterabgetheilt^). Zwischen denselben hat man überall freien Raum
gelassen, der dann zu Nachtragungen benutzt wurde, welche den über-
geschriebenen Jahren (und Inhaltsangaben?) keineswegs immer ent-
sprechen. Ob die Anfange dieser einzelnen Abtheilungen je auf neue
Quaternionen fallen, ist im allgemeinen nicht zu sagen. Fohirung
und Format sprechen dafür, dass der Band schon ursprünglich ein
Ganzes bildete, sonst wären wol auch die beiden De curia über-
schriebenen Gruppen yereinigt. Bei dieser Anlage sind natürlich viel-
fach Blätter unbeschrieben geblieben, wahrscheinlich wurden riele
leere ausgerissen, da die Foliirung oft Sprünge macht ^), ohne dass in
Folge davon unvollständig registrirte Urkunden zu finden wären.
Auch in diesem Band ist nie der Ingrossist genannt, wogegen
sich die Gollationatoren: Fr. de Agello, Ant. de Ponte, Jo. de Gerretanis,
Pe. de Gasatiis, Bartholomeus (de Vincio, eps.) Valvensis, Ricoldus stets
unterfertigen. Drei davon kennen wir schon aus M 10, Fe. de Gasatiis
und Bartholomeus Yalvensis sind anderweitig als Registratores litte-
rarum apostolicarum nachweisbar^ keiner als Eammernotar, umgekehrt
tritt keiner der in M 1 — 9 vorkommenden Gollationatoren hier auf, das
weist unbedingt auf Registrirung in anderem Amt hin als bei den
früheren Bänden, und dieses Amt ist entsprechend der Stellung der
Gollationatoren die Gancellaria; M 10 und 11 sind Registra cancellariae.
M 12. Ich knüpfe an das oben über M 9 gesagte an. Mit dem
unbeschriebenen f. 27 des Bandes 356 beginnt ein neuer Theil etwas klei-
neren Formates. Die frühere Foliirung ist fortgesetzt, von f. 30 an (f. 28
und 29 sind stark lädirt) finden wir auch eine eigene in arabischen
') Diese Gruppeo und meist auch die ünterabtheiltuigen haben eigene üeber-
schiüten: f. 25 De curia a. I, f. 87 a. H, f. 71 a. III, f. 80 a. XII; f. 95 De
capellanatu honoris a. I, f. 96 a. II, f. 98 a. IV, f. 106' a. IX, f. 108 a. XIL
f. 111 De conservatoriis a. III, f. 188 a. lY u. s. w.; von t 207 an wieder De
curia a. VI— XIII. «) So folgt auf f. 87 f. 51, auf f. 68 f. 71, dann unmittelbar
auf einander f. 81, 84, sr,, 95; auf f. 259 (leer) f. 279.
Die Bullenregister Marl in V. und Eugen IV. 419
Ziffern wol uoeh des 15. Jahrh., welche bis Ende des Bandes durch-
geht, so dass f. 80 = f. 8, f. 67 = f. 40 der zweiten Zählung
ist Von diesem einheitlich foliirten Theil hat f. 1—8 (= t 28
bis 35) wieder anderes Papier und Format als f. 9—40 (= f. 86—67),
auch Wechsel der Handschrift fallt mit diesem Abschnitt zusammen.
Vor allem im ersten Quatern sind Bullen Tom 7. bis 12. B^ierungs-
jahre in einem Zug eingetragen ohne jede ünterfertigung, im letzteren
solche YOm 12. bis 14. Pontificatsjahr gleichzeitig mit Zuf&gung von
Eanzleibemerkungen. Der erste Abschnitt präsentirt sich also wol als
Copie eines älteren Registers, die aber nach der Foliirung schon früh-
zeitig mit dem originalen Begister in Verbindung gebracht wurde ^).
Nor letzteres kommt fiir uns weiter in Betracht. Dass eine alte
AufiBchrift fehlt, ist bei der jetzigen Einreihung und Gestalt desselben
fast selbstrerständlich. Mit M 10 ist ihm gemeinsam, dass nie Secretär
noch Ingrossist der Originale genannt werden, dagegen sorgfaltig Taxe
und CoUation vermerkt ist Revidirender Beamter ist Poggius, der
bekannte Humanist und päpstliche Secretär; wir haben es also mit
einem von ihm geführten Begister, einem Begistrum secretariorum
zu thun*).
§ 8. Die ursprüngliche Ordnung der Begister Sogen IV. ^)
E 1. FQr den Titel des Bandes ist die obere Hälfte yon f. 1
leer gelassen, aber nie ausgefüllt worden; ebenso ermangeln dieBubricae
einer Ueberschrift. Der beiliegende Theil der früheren Einbanddecke
trägt in alter Schrift die Bezeichnung Primus officiorum. Einen ganz
gleichzeitigen Beleg für diesen Namen finden wir in E 4, wo f. 123
nur der Anfang einer Urkunde registrirt ist mit dem Verweis ut in
libro primo offitiorum f. LVI, was bei E 1 zutriflfl. Das Inhaltsver-
zeichniss ist in mehreren Absätzen und von verschiedenen Händen
gefertigt; der Band umfasst 276 Blätter und ist mit leidlicher Sorg-
falt geführt. Für die Begistrirung in der Kammer spricht ausser der
bei M 1 erwähnten die L. officiorum im allgemeinen treffenden Notiz
des Inventars von 1440 noch die Persönlichkeit des GoUationators: es
ij Sollte etwa der erste Theil des Registers Poggios so schlecht erhalten
gewesen sein, dass man ihn mit Weglassung der Kansleinotizen copirte und mit
dem besser erhaltenen Theil zusammenband ? — Dass man in den ersten 8 Blättern
erst nachträglich registrirte Concepte aus dem 7. bis 12. Regierungsjahr sehen
sollte, scheint mir ganz unwahrscheinlich.
*) Als Fortsetzung dieses Registers unter Martin erscbeint dann E 16. Die
Anlage ist jener gleichartig, was Ober jenes gesagt wird, ist auch hier zu be-
achten.
^ Vgl. die Einleitung zn § 2.
28*
420 OttenthaL
ist der Eammernotar Angelas de Ferusio, der zugleich Begistrator
litterarum apostolicaram in camera apostolica registrandarum ist^).
E 2 ist ohne jede alte Aufschrift. Die Richtigkeit der modernen
ergibt sich aus dem Inhalt und dem genauen Zusammenpassen des
Anfangs mit dem Ende von E 1, das nur um 10 Tf^e Ton ersterem
absteht (a. Y. XII. kal. mart. — 11. kal. mart.). Das Inhaltsverzeich-
uiss ist durch Schlagworte am Blattrand ersetzt Die Folürung des
263 Blätter starken Bandes ist gleichzeitig der Niederschrift, indem
f. 164 bemerkt wird, dass die zu inserirende Bulle f. 70 stehe; ebenso
ist f. 251 auf f. 202 yerwiesen. Dass wir es mit einem E[ammer-
register zu thun haben, zeigen unabhängig von allem andern schon
die Namen der coUationirenden Beamten; es unterfertigen sich Ang.
de Ferusio, H. Foulani, F. Lavezius, F. Farviiohannis, M. Thennini,
die mit Ausnahme des F. Lavezius sämmtUch als Kammemotare zu
erweisen sind; vgl. E 1.
£ 3. Die Inschrift^) auf dem Yorsteckblatt vor dem Inhaltsyer-
zeichniss Ton gleichzeitiger, jedoch von dem ersten Begisterschreiber
verschiedener Hand, gehört ebenso zum Index wie zum Begister. Ob
die Bubricae selbst auch Ton dieser Hand geschrieben sind, kann ich
wegen der yerschiedenen Schriftgattungen, die dabei yerwendet wur-
den, nicht sagen. Der Index von gleicher Hand wie bei B 10 — 12,
ist nicht ganz nach Blättern geordnet, nicht in ^inem Zug geschrieben,
also wol gleichzeitig, um so mehr als der Codex nur 77 Blätter zahlt.
Als Collatiouatoren dieses Begisters finden wir die schon aus E 2
bekannten F. Lavezius und F. Farviiohannis.
^) D. C. (=: Reg. Diversanim Cameralium) 16 f. 56'. — Einmal (f. 1980 oollationirt
ein LudovicuB loco Aiigeli, einen Gassationsvemierk von 1487 hat der Eammernotar
R. Paradisi eingetragen (f. 262). Der Band 860 beginnt mit einem Quintemus,
enthaltend : »Facultates . . . concesse . . . episcopo Albanensi s. R. ecdesie cardi-
nali de Fuxo vulgariter nnncupato, pro eodem domino nostro in dvitate Ayenio-
nensi vicario generali (1482 Mai 25). Der Rubricator N bemerkte am Schlüsse
des Inhaltsverzeichnisses : Et sie finis istius primi qointemi, qui alias non foit
de huiusmodi registro. Die wahre Zugehörigkeit ergibt sich aus der bei den einzelnen
Stücken am Rand beigefügten Concordanz »Libro offidorum primo f.GLII* o. s. w.
Es mag sich vielleicht nicht einmal um doppelte Registrirung nach dem Original,
sondern nnr um eine Copie von E 1 handeln; in jedem Fall ist sie gleichzeitig
und von der Kammer ausgegangen, denn die Stücke sind vom gleichen Kammer-
notar Angelus de Pemsio eigenhändig collationirt ; ich bezeichne das Heft mit
E la.
') Indpit über offitiomm domni £. pape quarti die XII. mensis iunii anno
a nat. d. MCCCGXLV. ind. octava, pontificatus yero prefoti ss. domini nostri Eugenii
p. quarti a. XV. H 12. Juni. [| Et sequuntur Rubrice principaliter.
Die Bullenregisier Martin V. und £ugen IV. 421
E 4b Eine Ueberschrift^) exisiort nur am Beginn des Index,
sowie auf der ursprflngliclien Einbanddecke. Beide enthalten keine
f&r die Emreihong massgebende Bezeichnung, beide haben die Voll-
endung des ganzen Bandes zur Voraussetzung, so sind denn auch die
Bubricae in ^em Zug nach Blättern geordnet eingetragen. Die
Berechtigung diesen Band als Eammerregister zu bezeichnen, schöpfe
ich wieder aus den Persönlichkeiten der Gollationatores Ang. de Perusio,
über den bei E 1 hinlänglich gesprochen, und Baldemottus de Sarzana,
welcher auch in M 4 Torkommi Ich habe den Band als B. de curia
eingetragen, obwol diese Bezeichnung nur in der modernen Aufschrift
enthalten ist, den Orund lege ich bei E 5 dar.
E 6. Die Au&chrift des B^psters auf f. 1 und die für uns
wichtigere des Index') sind Yon gleicher Hand und ganz gleichzeitig
der Niederschrift des Begisters eingetragen, denn nur die Bullen der
ersten acht Blatter des Begisters sind noch yon derselben Hand ver-
zeichnet, wahrend die Fortsetzung wechselnde Schrift in mehreren Absätzen
zeigt Hier findet sich also die gleichzeitige Benennung als B. litt.
de curia, er ist femer als der zweite Band dieser Beihe aufgef&hrt^.
Indem auch E 6 — 8 entsprechende alte Titel haben, wird es uns
möglich. Bände, die mit Ordnungszahlen yersehen, aber nicht als
R de curia bezeichnet sind, obwol sie zeitlich und nach ihrer Anlage
Tollständig in diese Beihe hineinpassen, ebenfalls unter die B. de curia
einzureihen, so bei E 4, 9, 10. Der Band enthalt 291 Blätter, von
denen die beiden letzten erst nachträglich (mit Bullen Ton a. Yill
und a. IL) beschrieben wurden. Als GoUationator treffen wir A. de
Perusio (Tgl. E 1); wiederholt wird die Bichtigkeit der Eintragung
durch dessen Substituten Jo. de Gravia und Ludoyicus (s. E 1) yer-
bürgt Daraus folgt also wieder Begistrirung in der ap. Kammer.
E 6. Da der auf f. 1 des Begisters f&r die Ueberschrift aus-
gesparte Baum unbenutzt blieb, musste ich mich f&r die Tabelle an
den Titel der Bubricae halten. Derselbe lautete ursprünglich: Bubrice
qainti libri buUarum de curia incepti tempore ss. d. n. Eugenii . .
<) Babrioe pximi libri bullamm bb. d. n. Eogenii pape quarti, de anno
piimo et Becondo. Von dem Titel auf dem alten Einbanddeckel ist nnr mehr zu
lesen Begistmm . . . || Eugenii pape IV. de anno primo et secundo, am Ende der
ersten Zeile scheint Ca (Curia) gestanden zu haben. ') Begistrum secondum
d. n. £• div. Providentia pape quarti a. d. MCCCCXXXII in mense maii inceptum.
Bnbrice secondi libri buUarum de curia incepti tempore ss. d. n. R dir. prov.
pape IV., anno eius secundo. *) Im Inhaltsyerzeichniss von E 1 ist zu £ 800
bemerkt: Hie Tenit registranda littera potestatiB ciyitatis Perusii . . . que regi-
etrata est in libro bulL de curia II. f. XLIII, doch muss ein Irrthum in den
Zahlen sein, das Citat trifPt nicht zu.
422 OttenthaL
pape IV. anno quinto. Der Bubricator N^ corrigirte dann beide
quinto, das erste in III., das zweite in IV. Man wird ohne jeden
Skrupel diese corrigirten Zahlen als die auch ursprünglich allein richtigen
erklaren dürfen, der Band beginnt mit Litterae anni IV., E 7 heisst
zweimal Liber lY. de curia. Neben der Aufschrift der Bubricae sind
noch von gleicher Hand die Bullen der ersten vier Blätter notirt, dann
hat der Bubricator N den Index in Einern Zug vollendet. Der Band
umfasst 808 Blätter alter Foliirung, die aber wie das ganze Begist^er
nicht frei von Nachlässigkeiten ist, man sprang z. B. von f. 92 sofort
auf £ 99 über, ohne dass der Tenor der auf beiden Blättern ein-
getragenen Bulle dadurch gelitten hätte. OoUationatoren sind die uns
bekannten Kammemotare A. de Perusio und Ant. de Sarzana.
E 7. Der Titel des Begisters, von gleicher Hand wie die ersten
Bullen eingetragen, steht vor dem Inhaltsverzeichniss, den auf f. 1
des Begisters für die üeberschrift ausgesparten Baum hat dann ein
anderer benutzt, noch einmal, aber unvollständig den Titel anzu-
bringen <). Der Index ist vom Bubricator N in einem Zug nach
Folien geordnet geschrieben. Die Foliirung des 277 Blätter um£Etssen-
den Bandes ist bis f. 101 mit romischen, dann mit arabischen Ziffern
gemacht. Als CoUationator findet sich wieder A. de Perusio. Den
Charakter dieses Bandes als Begistrum camerae zeigt auch folgen-
des: f. 112 steht die Supplik um das Mandat, dass die Begistratores
supplicationum ac litterarum apostolicarum tam in comuni regestro
quam in regestro camere gewisse Bullen zu löschen beauftragt
werden mögen. Dann heisst es : Viso dicto . . . mandato, de mandato
. ... camerarii ex determinatione totius camere cassata fuit de registro
dicta buUa.
S 8. Der Titel des Begisters^) auf £ 1 ist nochmals in etwas
veränderter Wortstellung an die Spitze des Index gestellt, beide Male
von der gleichen mit dem ersten Begisterschreiber wol nicht identi-
schen Hand, die dann auch die Anfertigung der Bubricae begann,
während die Fortsetzung derselben andere Schriften, zum Theil die
gleichen wie das Begister selbst aufweist, die Aufschrift und der Index
sind also streng gleichzeitig. Der Band umfasst 278 Blätter alter
Foliirung. Die Persönlichkeiten der Collationatoren A. de Perusio,
*) S. oben S. 411. ') Registrum bullarom de curia d. £. pape IV. qoar-
tum, inchoatum Florende de a. MCCCCXXXV.; f. 1 heisst es nur R. b. de curia
tempore ss. in Christo patris et domini ; ähnlich ist auch der Titel auf der alten
Einbanddecke: Regestrum buUarum de curia quartum. ^) Er lautet vollstän-
dig: De curia || Regestium quintum d. n. pape Eugenii lY., inoeptum Ferraiie
pont. eiusdem a. VIII. : ebenso auch auf der alten Einbanddecke in Schritt des
15. Jahrh. Regestrum V. bullarum de curia d. Eugenii quarti.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 423
R. Paradisi, M. Tbennini and H. Foulani ergeben Führung des Registers
in der Kammer. Vgl E 1, E 2.
S 9. Das Register entbehrt eines Titels, der schon von E 6, 7
her bekannte Rubricator N hat eine Aufschrift vor das Inhaltsver-
aseichniss gesetzt, die jetzt in Folge Beschädigung des Blattes schon
▼er dem Papstnamen abbricht, nicht mehr enthält, als in die Tabelle
aufgenommen ist. Die Rubricae selbst rühren von anderer wol ganz
gleichzeitiger Hand her, wenigstens ist eine allerdings ohne Zeitangabe
£ 1 am Kamen des Adressaten gemachte Correctur nicht berücksichtigt.
Der alte Einbanddeckel hat keine über das 16. Jahrh. zurückgehende
Aufechrift (Eugenii IV. liber Vü.), dagegen ist im Index von E 13
bei Verzeichnung der f. 154 stehenden Bulle vermerkt: Petrus ürsu-
lensis constitnitur administrator monasterii . . ., registrata per errorem
in libro VTI^ buUarum de curia f. GXII, was in E 9 zutrifft. Der
Band umfasst 314 Blätter alter Foliirung. Als CoUationatoren finden
sich M. Thennini, F. Parviiohannis, F. Lavezius, von denen die beiden
ersteren als Eammemotare, der letzte oft im Verein mit ihnen vor-
kommt; s. E 2.
B 10. Weder Index noch Register selbst besitzt eine üeber-
Schrift, ich habe daher in die Tabelle die Bezeichnung auf der alten
Einbanddecke aufgenommen, deren Richtigkeit auch durch gleichzeitige
Angaben zu erhärten ist: E 13 f. 234 ist eine Facultas obtinendi
beneficia cassirt mit dem Hinweis ,ut patet in libro Vm. buUarum de
curia f. L*, £ 3 f. 30 ist zu einer Bulle vermerkt: Executoria huius
bulle registrata est in 1. VIIL de curia f. CXJLXV, beides trifiPt in E 10
zu. Die Rubricae sind nicht ganz nach Blättern geordnet, nicht in
einem Zug, aber von einer Hand geschrieben, von derselben, die auch
die Indices der beiden folgenden, vielleicht auch den des vorausgehen-
den Bandes anfertigte. Mit E 9 ist dieser Band auch insofern ver-
knüpft, ab in beiden Bänden gleiche Schreiber verwendet wurden, so
ist der Anfang von E 10 gleicher Hand wie E 9 f. 180 und S. Die
Foliirung des 318 Blätter starken Bandes ist streng gleichzeitig, was
sich nicht nur an der wechselnden Tinte, sondern vor allem auch aus
dem Tügungsvermerk f. 187' ergibt: Gassata ... et registrata infra
f. OOCXVn. P. Parviiohannis. Neben diesem Notarius camerae col-
lationirt F. Lavezius die Einträge. Ueber beide vgl. E 9.
B 11. Auch dieser Registerband entbehrt des Titels, dagegen
steht auf dem Blatt vor Beginn des Inhaltsverzeichnisses die in die
Tabelle aufgenommene Aufschrift^) von derselben Hand, welche auch
*) Sie lantet vollBtändig : Rabrice libri noni bullarum de curia, incepti Borne
de mense Februarii anno a nativitate domini MCCCCXLVI*«', pontif. d. n. d. £•
424 OttentliaL
in Absätzen und nicht ganz nach Blattern einreihend den Index
schrieb; sie ist identisch mit dem Schreiber der Bubricae in E 3, 10, 12.
Der Band omfässt 302 Blatter in alter Foliirung. Die Gollationatoren
sind auch hier wieder F. Parviiohannis und F. Lavezius, es ist also ein
Begistrum camerae.
E 12. Der Titel i) steht auf eigenem Yorsteckblatt Tor Beginn
des Inhaltsverzeichnisses von gleichzeitiger, aber weder mit dem ersten
Begisterschreiber, noch mit dem der Bubricae identischer Hand. Eine
gleichzeitige Bestätigung erhalt man femer aus E 3<). Das Inhalts-
yerzeichniss ist von gleicher Hand wie in E 3, 10, 11. SpecieU f&r
unsem Band, der die gleichen Jahre um&sst wie E 3, lässt sich auch
abgesehen von der stossweisen Eintragung die strengste Gleichzeitig-
keit mit der Begistrirung selbst nachweisen : f. 76 steht ein Provisions-
mandat mit der Bemerkung des Collationators: CSassata et registrata
in presenti libro f. CXXYI. In den Bubricae nun war dieses Mandat
schon vor der so rasch erfolgenden Gassation eingetragen s), erst von
anderer Hand wurde auch da die Cassation notiri Daraus lässt sich
auch auf den Zeitpunkt der Abfassung des Index in den andern Tom
gleichen Mann rubricirten Bänden scUiessen. Dass die Foliirung des
250 Blätter umfassenden Bandes ebenfalls gleichzeitig ist, ergibt sich
aus obigem Citat sowie aus ähnlichem Verweis von f 57 auf f. 56.
Als Gollationatoren begegnen auch hier wieder F. Lavezius und
F. Farviiohannis (s. E 9), eine von den beiden nicht unterfertigte
Bulle (f 240) hat dann nachträglich der unter Nicolaus Y. zum Eammer-
notar ernannte Simon Gousin unterschrieben*).
E 18. Nur in seltenen Fällen ist die Stellung eines Begister-
bandes durch den Titel so präcis bestimmt, wie hier durch die Auf-
schrift auf dem Yorsteckblatt von gleichzeitiger, in den Bubricae, nicht
diy. provid. pape lY. anno qninto decimo. Die gleicbe Bezeichnung von der-
selben Hand aucli im Index von £ S, wo zum Regest der f. 40 eingetragenen
Bulle vermerkt ist: N. de Buudandia . . . recipitur in penitentiarium . . ., ut
patet in libro IX. de curia f. XI. Ebenso lautet auch die Aufschrift auf dem bei-
gebundenen alten Einbanddeckel: Nonus de curia d. Eugenü pp. IV.
>) liber decimus ss. d. n. Eugenii IV. de ciiria, inoeptus priuLa die mensis
octobris a. d. MCCCCXLVI, ind. IX. pontificatus eiusdem d. n. pape anno XVI.
') Im Index ist zu f. 58 bemerkt: Commissio receptionis eius iuromenti
registrata est per errorem 1. X. de curia f. XIV, was mit unserem Bande stimmt.
") Dagegen ist die AufiM5hrift des Inhaltsverzeichnisses Rubricelle decimi
1. de curia d. Eugenii pape IV. erst später zugefügt worden.
^) Seine Ernennung zum notarius et scriba camere apostolice ist unter dem
18. August 1448 im Reg. Nicolaus V. n^ 485 f. 106 gemeldet.
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen lY. 425
aber im B^ister selbst wiederkehrender Hand^). Nur weil nach der
bisherigen Eintheilong eine Zahlnng von liber secretus I— X bei
no 860 — 370 zu prasomiren ist, erwähne ich, dass aach E 9 f. 197'
zu einer nnyoUstandig registrirten Bulle bemerkt ist: Posita sunt hie
per errorem, sed registrata in libro primo secreto L GGLXXVIII
(= E 13). Dass Schlüsse ex silentio sehr bedenklich waren, zeigt die
Ao&chrift des Index: Bubrice bullarum in presenti libro r^istratarum;
dieselbe ist Ton gleicher Hand wie der Haupttitel und die in &nem
Zuge eingetragenen nach Folio geordneten Bubricae. Die Folürung
des 282 Blatter umfassenden Bandes ist ganz gleichzeitig, denn f. 148'
▼erweist der Begisterschreiber ut in precedenti folio GXLV. Collationa-
toren sind M. Thennini, P. Paryiiohannis, F. Layezius. Ihre Nennung
kann uns für diesen Band nicht mehr erweisen als die Titelaufschrift,
aber wir können damit auch fdr das Pontiflcat Eugen lY. constatiren,
dass in den ofQciell als Begistra camerae bezeichneten Bänden wirk-
lich Eammemotare coUationiren, können damit auch hier die Be-
rechtigung ableiten, Bande ftbr Eammerregister zu erklaren, in denen
Eammemotare oder solche Manner collationiren, die immer mit
jenen zusanmien genannt werden (wie F. Lavezius). Schon aus diesem
Grunde gehören also E 2, 3, 8 — 12 unter die Begistra camerae.
E 14b Die gleichzeitige Aufschrift des Begisters') steht auf dem
Yorsteckblatt; Ton derselben Hand ist zu Beginn des Inhaltsyer-
zeichnisses gesetzt: Bubrioe presentis libri . . ., wahrend der Index
selbst von wechselnden Händen, theilweise von den Begistersdireibem
selbst z. B. bei f. 81, 41, in yerschiedenen Absatzen eingetragen, also
dem Begister ganz gleichzeitig ist. Ebenso ist auch die Folürung des
309 Blatter um£E»senden Bandes gleichzeitig, wie sich aus dem Yer-
merk des Collationators f. 17': Nota quod executoria presentis bulle
est registrata per errorem in presenti Ubro f. xxm ergibt Dass dieser
Band in der Kammer registrirt wurde, folgt aus der Ordnungszahl im
Yerhaltniss zu den Titeln von E 13 und 15, sowie aus den Persön-
lichkeiten der CoUationatoren P. Paryüohannis und F. Lavezius, end-
lich auch aus der Betheiligung des gleichen Schreibers an diesem und
dem folgenden Bande.
E 15. Die auf eigenem Blatt stehende Titelaufschrift 3) dieses
Bandes scheint mir Ton gleicher Hand herzurühren, welche das Begister
1) Ich ergftnze die Angaben in der Tabelle; R. L b. b. in camera apostolica
registrataram, inceptnm Senis de mense Maü MCCCCXLIII^ pont 88. in Chr.
patiis et d. n. domini Eugenii div. prov. pape quaxti a. XIII^ *) über II.
secretus bullarum, inceptns Rome de mense octobr. MCCCCXLIIII pontificatus
8. d. n. d. Eugenii pape IV, anno XLV. *) R. s. b. i. c. a. registratanim, in*
426 Ottenthal.
begann und welche auch schon in E 14 schrieb. Die in der Auf-
schrift fehlende Ordnungszahl lässt sich aus gleichzeitigen in E 15
wirklich zutreffenden Citaten erganzen: E 3 f . 20' Gassata quia regi-
strata in libro tertio secreto f. XXIV. P. Paryiiohannis; beim Inhalts-
verzeichniss von E 10 zu f. 299 Eidem (J. de Gortonio) conceduntur
alie certe facultates, ut patet in libro DL secreto f. GXXYII. Die Bubricae
ohne eigene TTeberschrift sind von verschiedenen Händen, stossweiae,
nicht ganz nach Folio geordnet eingetragen. Als Gollationatoren unter-
fertigen auch hier wieder P. Paryiiohannis und F. Lavezius.
E 16 a, b. Zunächst sei dieser Beisatz a, b erklart E 16 war
ursprünglich ein Doppelband, dessen erster Theil bis f. 359, der zweite
von f. 360 bis f. 530 reichte. Daher sind zwei Drittel von f. 359'
leer, daher haben die Bubricae beider Theile besondere Aufschriften,
daher bezieht sich der Vermerk f. 215' Gorrecta et registrata in alio
volumine ad cart. OOCCLVI nachweislich auf f. 456 von E 16. Da
aber beide Bände fortlaufende Foliirung haben, innerlich zusammen-
gehören, in ganz gleicher Weise angelegt sind, so habe ich es vor-
gezogen, den gegenwärtigen Einband zu respectiren, und nur durch
den Zusatz von a, b die ursprOngliche Zweitheilung anzudeuten.
E 16 beginnt ohne Titel, die üeberschriften der Bubricae^), weldie
ftlr a und b am Anfang des Bandes unmittelbar aufeinanderfolgen,
ergeben fär den Charakter des Bandes nichts weiter. Beide Indices
und deren Aufschriften sind von ^iner Hand und wenn auch mit
wechselnder Sorgfalt in einem Zuge geschrieben. Das bedingt, da der
Doppelband alle Pontificatsjahre Eugens umfasst, Abfassung am Schiusa
von Eugens Begierung, vielleicht fallt sie auch noch etwas später, der
Charakter der Schrift würde dem nicht widersprechen; sicher hud der
Bubricator den Codex schon verstümmelt vor: Inhaltsverzeichniss wie
Text beginnen beide erst mit f. 41. Die ersten Zeilen dieses Blattes
enthalten den Schluss einer Bulle von a. XIV, der Best dieser Seite
ist leer, f. 41' beginnt mit Briefen von a. I. Eugenii IV. Diese firag-
mentarisch erhaltene Bulle ist von Poggio coUationirt, es kann aich
aber nur um ein auf leer gebliebenem Blatt, wie sie sich in diesem
Band öfters finden, nachgetragenes Stück handeln, denn die gleich-
zeitige Eintragung der folgenden Bullen aus den ersten Pontificats-
jahren ist, um nur eines zu erwähnen, schon durch die wiederholten
ceptum Borne die IX. mensis iunii ind. octava, a. d. MCCCCXLV, pontificatas
Banctiäsimi d. n. Eugenii diyina Providentia pape IV. anno XV.
') a) Bepertorium litteramm in hoc preeenti registro registratarum tempore
B. d. n. E. papc IV. 6) Incipiunt rubrice litteranim apostolicarum in hoc libro
de mandato d. n. pape regisiratanim.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 427
datirten Taxinmgs-, Registrirungs- und Cosaationsvermerke des Gollatio-
oators sichergestellt^). Der erste Band endet mit Urkunden von a. XII,
der zweite beginnt mit einem Quaternio von 20 Blättern (f. 360 — 379),
die Stücke des 11. und 12. Begier ongsjahres enthalten, alle in einem Zug
eingetragen und erst am Schlüsse mit einem den ganzen Quaternio um-
fiassenden GollationsYermerk versehen, dann laufen wieder die Bullen
▼on a. Xn — XVI fast Stück f&r Stück eigens coUationirt weiter. Die
Folürung beider Bande ist ursprünglich, da, wie oben erwähnt, £ 215'
auf f. 456 verwiesen ist Die Art der ünterfertigung erinnert an
M 10 — 12, an diese beiden Bande speciell dadurch, dass der Name
des Ingrossators und des signirenden Secretars bei der Eintragung
in das Register stets unterdrückt wurde. Als Gollatinator erscheint
Poggiua Seine Handschrift, im Laufe der Jahre wenig verändert, ist
namenäich durch den Vergleich mit M 12 sichergestellt Wie seine
Tbatigkeit au&ufSEissen sei, ersieht man bei etwas ausführlicher Ver-
merken: Begistrata, (cassata) per me Poggium secietarium; das steht
parallel einem Begistrata, (coUationata) per me A. de Perusio registra-
torem'), es bezeichnet das Eintreten für die Richtigkeit der Registratur
wie in andern Fallen die ein&che Unterschrift oder .Coli.* Und man
sieht, wie ernst Poggio das genommen, so dass nur ausnahmsweise
Bullen seiner Unterschrift, Ergänzung oder Gorrectur entbehren. Poggio
bezeichnet sich häufig ausdrücklich als Secretarius, um so weniger ist
zu bezweifeln, dass er in dieser Eigenschaft das Register geführt hat,
denn in der Kammer bekleidete er gar keine Würde, in der Kanzlei
nur die eines Scriptor litterarum apostolicarum. E 16 ist also Re-
gistrum litterarum apostolicarum registratarum per Poggium secre-
tarium, Secretärregister.
E 17 — 10. Die mit dem Secretär Andreas de Florentia in
Berührung stehenden Register müssen zusammen betrachtet werden.
Es sind das die Bände 370 und 367, welche enthalten:
a) 370: 1. f. 1—195 Bullen von a. I— VL,
2. £ 196—282 Bullen von a, I— XI.,
3. f. 283—296 Bullen des a.VL
b) 367: 4. f. 1—108 Bullen von a. IV— X,
5. f. 104—199 Breven von Eugen IV. a. VII. biß Nico-
laus V. a. L,
6. f. 200—292 Bullen von a. IX— XIV. Eugens.
') ^. B. f. 56 (Bulle von Apr.) Expedita die 7. iulii cum alia; bei Bullen
aus a. pont. V. f. 77 Registiata per me Poggium secretarium a. V.; f. 86 Rta.
XVm. sept. (Bulle v. Julii; f. 78 Bulle von Mai 19. 1485. Rta . . . P., die 28. mai
14 85 habmt c duc; f. 400 Cassata ... die XIV. menB. dec. a. 1442.
s) £4 f. 1, £5 f. 186,
428 Ottenthal.
Wie weit lasst sich yor allem der ursprüngliche Bestand beider
Bände constatiren. Bd. 370 hat zu Beginn gar kein Inhaltsverzeich-
niss mehr, zu dem f&r Theil 2 hat eine andere Hand, wahrscheinlich
der Bubricator N bemerkt: Nota, yacant iste sequentes rubrice (d. h.
yon f. 288 — 296), idcirco quia in principio registri ponuntur. Also
bestand damals mindestens die Absicht, f&r Theil 1 und 8 eigenen
Index zu machen. Dazumal war auch Theil 2 schon beigebunden, er
hat gleiches Papier wie die beiden andern, kann aber nicht ursprüng-
lich mit den Abschnitten 1 und 8 ein Ganzes gebildet haben, weil
er eine Gopie ist, welche nach der einheitlichen und promiscue er-
folgten Eintragung yon Bullen des 1. bis 11. Begierungsjahres (ygL
E 25) nicht yor 1441 entstanden sein kann, also yiel spater als die
gleichzeitigen Eintragungen der beiden andern Theile. Dass man
mitten im Bande einen freien Baum yon fast 100 Blattern gelassen,
der später für diese Gopie benutzt worden wäre, ist schon dadurch
ausgeschlossen, dass f. 196 deutlich Spuren yon Verwendung als SchmutE-
blatt zeigt, dass f. 282' mitten im Gontext einer Bulle abbricht, deren
Schluss sich nicht mehr in Bd. 870 findet Die nächste Frage ist, ob
Theil 1 und 8 ursprünglich ein Ganzes bildeten. Dafür kommt zu-
nächst der Schluss des ersteren Abschnittes in Betracht F. 161 ist
überschrieben: Eugenii 4. annus 4., £ 177 beginnen ohne eigenes
Bubrum die Bullen des 5. Jahres, f. 188' — 189 stehen drei Stücke des
a. VI, f. 189' Formeln, f. 190 eine Urkunde yon a. II, f. 193 eine
yon a. IV, f. 195' Notizen über Gassirung eines Basler Edictes yon
1431 Sept 11, und anderes. F. 190--195' scheint also erst nachtrag-
lich zu allerlei Eintragungen benutzt worden zu sein. Das findet sich
wol auch in Bänden, welche ohne Zweifel in ihrem ursprünglichen
Bestände erhalten sind, aber der Ort der Nachtragungen macht wahr-
scheinlich, dass es sich um den Abschluss eines Heftes oder Bandes
gehandelt habe. Zur Sicherheit ist aber nicht zu gelangen, weil auch
hier das Quaternenyerhältniss nicht genügend festzustellen ist Sicher
beginnt ein neuer mit f. 196, wo aber der yorausgehende endet, weiss
ich nicht; f. 190 — 195 konnten also auch irrthümlich beigebundene
Blätter sein, dann würde sich f. 283 yorzüglich an f. 189' anschliessen.
Um nach keiner Seite yorzugreifen, citire ich E 17a = £ 1 — 195,
E 17 b = f. 283—296, über Th. 2 s. E 25.
Band 367 enthält yoran ein Blatt Bubricelle tertii libri bullarum
de Florentia d. Eugenii pape IV. i) yom Bubricator N, also nicht ganz
^) Bedeutung und Sinn dieser Aufschrift liegt ziemlich im dunkeln. Die
nächstliegende Deutung ist wol, dnss er als dritter der in Florenz begonnenen
Bände bezeichnet werden solle (so auf Titeln R. inceptnm Florentie, auch im Register
Die Bullenregister Martin V. und Eugen lY. 429
gleichzeitig geschrieben, sonst stehen Schlagworte am Bande der Ur-
kunden. Auch die Folürung ist nicht ganz gleichzeitig, f. 63 und 64
sind später eingeschoben, wahrend £ 65 die Fortsetzung der f. 62
b^onnenen Bulle enthält; für das ursprüngliche Yerhältniss der Theile
ist also hieraus kein Schluss zu ziehen. Jedenfcdls sind alle drei
gleichzeitig geführte, originale Begister. Nach den An&ngen der Ein-
tragung wäre es nicht ausgeschlossen, dass man ähnlich wie bei M 11
an Yerschiedenen Stellen des Bandes nebeneinander zur gleichen Zeit
Bullen r^istrirt habe. Andere Umstände aber sprechen dagegen,
dass auch Theil 5 mit den beiden andern ursprünglich ein Ganzes
gebildet habe. F. 104 beginnt mit der Aufschrift »pro brevibus* und
enthält eine französische Federprobe; sollte man diese mitten im Band
angebracht haben? Theil 4 reicht bis a. Eugenii XL, der letzte bis
a. Xiy., der mittlere enthalt Breven auch aus den beiden letzten Jahren
Eugens und £ 179'-- 189 vom ersten Jahr Nicolaus Y. Sollte man
wirklich den mittlem Theil des Begisters noch durch drei Jahre, nach-
dem der letzte abgeschlossen war, zu Eintragungen benutzt haben? ^)
selbst £ 1 £ 226 dtirt Quere istam bullam in 1. bullarum incepto Florentie f. 268,
was sich auf £ 6 beziehen muss). Engen war nun nach dem aus Rajnald Ann.
sich ergebenden Itinerar in Florenz von 1484 (a. IV.) Juni bis 1486 April und
wieder von Februar 1489 (a. YIII.) bis Ende 1442. Der Titel kann sich also auf
den Beginn von E 18 a (f. 1) oder £ 18 b (f. 200) beziehen. Ist enteres der Fall,
80 ist nach den Anftngen der uns erhaltenen Register die Reihenfolge der in
Florenz begonnenen £ 6, 20, 18 a. Nun ist aber £ 21 (860) von dem gleichen
Rabricator als 1. primus de Florentia bezeichnet; das trifiEt für den zweiten Auf-
enthalt zu, wenn £ 18 b kein eigener Band war. Für diesen Aufenthalt wfire
dann der verlorene L. VI. de curia und £ 22 s= 1. U, III de Florentia. Aber ob
der Rabricator N diesen Aufenthaltswechsel so scharf beachtete, nm danach getrennt
xn zählen? £ 21 ist jetzt als der erste Band Eugens aufgestellt; sollte das schon
damals der Fall gewesen sein? Freilich wäre auch nach dieser modernen Ein-
theilung £ 18 der vierte, nicht der dritte in Florenz begonnene Band; ich wage
auch darauf kaum hinzuweisen, dass nach der jetzigen Reihenfolge Eis der dritte
der vom RubricatorN mit Index versehenen B&ode wäre (860, 861, 867) — über
ein non liqnet ist nicht hinauszukommen.
I) Das QuatemengefÜge gibt keinen Ausschlag, spricht aber eher für meine
Ansidit. Sicher beginnt mit Th. 6. f. 200 ein neuer Quatemio; bezüglich der Abtren.
uung von Th. 4. und 5. l&sst sich nur constatiren, dass der eine Quatem f. 95—102, der
andere f. 105—114 nmfasst. £& bleiben also dazwischen zwei Blätter, deren Ge-
fllge und Yerhältniss su den andern ich nicht anzugeben vermag. F. 108 ent-
hält den Schluss einer f. 101' begonnenen Bulle, f. 104 bereits Breven. Sollten es
Ueberreste von Deckblättern sein? Die Brevenabtheilung scheint nach einzelnen
Quatemen geführt worden zu sein, f. 189^ welches einen Quatem endet, hat das
Aussehen eines Schmutzblattes und f. 80 ist verwiesen quam quere in quatemo
brevinm a. YIII« (= f. 118). Auch dieses Gitat lässt an getrennte Führung der
Brerven denken, sowie umgekehrt die Angabe f. 111' Similis est in registro bnllaram.
430 Ottenthal.
Ich halte es vielmehr für gerechtfertigt, Theil 5 als ursprünglich
selbständigen nach Quatemen zusammengesetzten Liber breTium zu
betrachten und bezeichne ihn als E 19, reihe ihn aber hier nnd nicht
unter die Brevenregister ein, da er als Analogon zu den in Bd. 370
eingestreuten Breven erscheint, weil femer diese Breyen von den
gleichen Schreibern registrirt wurden wie die Bullen dieses Bandes
und in Folge dessen auch mehr&ch irrige Eintragungen yorkamen,
Bullen im Quaternio breyium stehen und umgekehrt. Dagegen konnten
Th. 4. und 6. Bruchstücke des gleichen Bandes sein : f. 79 beginnen die
Bullen des 10. Jahres Eugens, zuletzt eine yon a. XI; f. 200 — 202
stehen Bullen des 9., dann solche des 10. Pontificatsjahres, doch würde
das nicht ausschl^gebend sein bei der chronologisch ungeordneten
Führung, den mehrüac^hen Nachträgen auf zuerst leer gebliebeneu
Blattern in allen diesen Theilen; mehr Gewicht konnte darauf gelegt
werden, dass die gleiche Hand in den letzten Blättern yon Th. 4 (bis £ SO')
und in den ersten yon Th. 6 schreibt. Aber so gut wie bei beiden Theilen
yon E 16 können auch hier beide ursprünglich getrennt gewesen sein,
noch immerhin um&ngreicher, als manche andere Bände. Kurz nach
Eugens Begierungsantritt begann man also das erste Heft (E 17 a)
und setzte es bis ins 4. Jahr fort. Ende 1434 fieng man ein neues
Heft an (E 18 a) und trug nun in beide gleichzeitig ein, yon welchen
aber E I7a, b mehr Bullen enthalten als E 18 a. Im 7. Pontificats-
jahr begann man ein eigenes Heft für die Breyen (E 19), während
die BuUeuserie bis zum annus 14 fortlief, yon 1440 an yielleicht in
einem neuen Heft (E 18 b).
Alle diese Hefte yerrathen Beziehungen zum apostolischen Secretar
Andreas de Plorentia. E 17a, b entbehrt durchwegs der Unter-
schrift eines Collationators, so yielfach auch Correcturen und Bemer-
kungen yon zweiter Hand ersichtlich sind, Notizen, die theilweise
scbliessen lassen, dass der Schreiber derselben auch mit der Ausferti-
gung der Bullen zu thun hatte. So wenn es f. 155' heisst: In eodem
tenore scripsi Oaleotto Boberto, oder f 27 sex alias scripsimus.
Entscheidend ist, dass f 47', 48, 101, 103, 117', 151, 162' Priyat-
briefe des A. de Florentia an Lionardo Aretino, Francesco de Legname
aus Padua und Paolo Barbo stehen. Das erklärt sich doch nur, wenn
Andreas der Begistrator dieses Bandes war; yom gleichen Standpunkt
aus ist wol auch die Aufnahme der yielen Breyen zu erklären, deren
Verfasser der gleiche Secretar gewesen sein wird. Bestätigt wird
diese Ansicht dadurch, dass die Originale der hier eingetragenen
Bullen ausnahmslos yon A. de Florentia unterfertigt waren, soweit
das Register solche Secretärsignaturen überhaupt wiedergibt; obwol
Die BuUenregister Mattin V. und Eugen IV. 431
nur die Minderzahl der Bullen solche Unterschrift bietet, sind deren
doch zn Tiele, als dass man die stete Nennung des gleichen Secretars
auf blosen Zu&U zurAckfOhren könnte^). E 18a nennt öfter den
signirenden Secretar, bis auf einen Fall (f. 31 Blondus) ebenfalls stets
Andreas ; auf f. 20 befindet sich ein Stück mit zahlreichen Gorrecturen,
die zum Theil mit der Sigle k versehen sind, wol Andreas. Man
wird dafOr namentlich die Analogie Yon E 18 b, das sonst dem vorigen
so sehr verwandt ist, anf&hren dürfen, f. 249 ist die Person eines
Execntors geändert und dazu vermerkt: Gorrepta (! statt Gorrecta) de
mandato d. n. pape vive vocis oracnlo michi facto A. de Florentia. Ist
er hier ausdrücklich als Corrector genannt, so ist um so mehr zu be-
achten, dass auch in diesem Theil stets nur Andreas als Originale
subscribirender Secretar genannt wird. Man wird dieses letztere Mo-
ment genügen lassen müssen, um auch das kleine Heft E 17 b fOr
diesen Secretar in Anspruch zu nehmen. Für die Brevenabtheilung
E 19 fehlen gleichfalls directe Beweise für solche Einordnung, bei den
Breven sind Eanzleiunterschriften nie wiedergegeben, von den wenigen
darin enthaltenen Bullen habe ich mir nur von der f. 113 stehenden
Commission, auf welche E 18 a f. 40 verwiesen ist, angemerkt, dass
A. de Florentia als Secretar genannt ist Das Hauptgewicht wird da
auf den ganzen Zusammenhang zu legen sein, in dem E 19 mit E 18
überhaupt, namentlich bezüglich der Schrift steht. Man wird mit
Eecht schliessen dürfen, dass in diesem Fall gleiche Schrift auch
gleichen Registrator voraussetze. — Beim ausgedehnten Masse, in dem
die Gurialen von der Bewilligung Substituten für ihre Amtsführung
zu verwenden, Gebrauch machten, mag sich wie bei den Kammer-
notaren auch hier stellvertretender Collationator finden. E 18b f. 214
sind Correcturen unterfertigt mit Jo. Amelrici, f. 214' mit Gorr. Jo.,
E 17 a f. 40 B(^^trata) Jo., ich führe das als weiteres Moment an
für die Zusammengehörigkeit dieser Bande ^).
£ 20 ist wieder ein einheitlich angelegter Band. Ein Titel fehlt
▼ollständig; das Inhaltsverzeichniss nach Blättern geordnet, in einem
Zug geschrieben von einer Hand, die dem vielfach beschäftigten
Bubricator N mindestens sehr verwandt ist, trägt nur die Aufschrift
M E 4 f. 88 ist bemerkt Nota de littera capitaneatus Nicolai de Tolentino
qne fuit registrata in librie secretis d. Andree de Florentia secretarii d. n. pape.
£ 17 f. 18' steht allerdings ein Passbrief für diesen päpstlichen General, aber
ich weiss nicht, ob man diesen als L. capitaneatus bezeichnen darf, sonst wäre
sogar ein offideller Name für das Register gewonnen.
') üeber weitere Register von A. de Florentia und das oben besprochene
Stück aus 870 f. 196 bis 282 s. £ 25.
432 Ottenthai.
Bepertorium. Der Codex umfasst 411 Blätter alter Foliirang. Die
Schriften tragen vielfach schon den Charakter der humanistischen
Antiqua. In seiner Anlage zeigt der Band die grosste Yemrandtschaft
mit E 16 — 19: von den Eanzleinotizen ist nie der Secretar, was auch
mit dem Inhalt, den vielen hier aufgenommenen Breven und litterae
clausae zusammenhängen mag, äusserst selten der Name des In-
grossators und die Taxe copirt, nur ausnahmsweise ist ein Collationator
genannt, dagegen umfiusst die vielfach durch leere Blätter durch-
brochene Eintragung den bedeutenden Zeitraum von sieben Jahren,
enthält auch nicht im Namen des Papstes ausgestellte Briefe, auch
blosse Formeln (f. 95 1), auch f. 36, 72?). Ausser Papstbriefen treffen
wir auch Instrumente der päpstlichen Kammer. Wiederholt ist der
'Name des ausfertigenden Eammemotars genannt: es ist Blondus
(f. 44^ 57), der sich dabei selbst .camere apostolice notarius, sanctis-
simi domini nostri et camerarii secretarius* nennt; wir besitzen
ja auch unabhängig davon in den Gameralregistern Zeugnisse genug,
dass Blondus dieses Kammeramt bekleidete und auch ausübte*). Blondus
ist aber auch als der Collationator dieses Bandes zu betrachten: bei
zwei cancellirten Bullen (f. 143, 143^) hat er eigenhändig hinzu-
gefügt: Cancellata de mandato ss. domini nostri et fiiit plumbum
incisum. Blondus; von gleicher Hand ist £ 128 » Blondus' an den
Band gesetzt und wol auch f. 149 Bandbemerkungen gemacht Wir
haben somit zwei Beihen von Thatsachen, welche zu widersprechen-
den Schlüssen zu führen scheinen: cameraler Inhalt spricht für den
Charakter eines Begistrum camerae, die Art der Führung für den eines
B. secretariorum. Die Losung des Widerspruches haben wir jedenMls
in der Person des Begistrators zu suchen, der einerseits als Kammer-
notar der Camera apostolica angehörte, andererseits seit 1434 oder
1435 den Posten eines Secretarius apostolicus bekleidete. Es fragt
sich nur, in welcher Eigenschaft er das Begister führte. Die übrigen
Kammerregister, die auch mehrere und regelmässig unterzeichnende
Collationatoren aufzuweisen pflegen, bilden eine geschlossene Beihe, in
welche E 20 (und 21) in keiner Weise hineinpassen; vor allem aus-
schlaggebend scheint mir aber, dass wir auf den Originalen den
Begistraturvermerk B^ apud me Blondum finden, analog dem B. per
Poggium, während es bei Begistratur in einem Kammerregister stets
heisst B^ in camera apostolica. Steht also die Existenz eines von
Blondus geführten Secretärregisters fest, war er als Kammemotar in
der Lage, die von ihm gefertigten Instrumente eventuell auch als
•) Regifltj^ta pro habenda forma, sed non facta. ») Vgl. § 6.
Die fiüllenxegiater itartin V. und £ugen IV. 433
Formeln in sein Begister aa&onehmen, so werden wir nicht zweifel-
haft sein können, wie wir die sonst durchaus den Secretärregistern
entsprechenden Yon Blondus geführten Bände E 20 und 21 zu classifi-
oiren haben: als Begistra secretariorum.
B 21. Band 360 beginnt mit einem ^Quinternus qui alias non
fuerat de huiusmodi registro*, wie der Bubricator selbst gesteht, yglE 1.
Dann erst kommt das ursprüngliche Begister mit einer Aufschrift ^)
in Majuskel auf f. 1, wol von der Hand geschrieben, welche auch die
ersten Bullen eintrug. Das InhaltsTcrzeichniss des Bandes ist mit
dem des vorangehenden Quintemus zusammengebunden, yon einer
gleichzeitigen Hand mit der Aufschrift Bepertorium litterarum in hoc
Yoltimine registratarum begonnen und bis f. 293 in einem Zug fort-
geführt, dann tritt der Bubrieator li, der ja auch den Quinternus
mbrieirte, f&r den Best des Bandes als Fortsetzer auf; zum Titel
f>e er hinzu: Bubrice primi libri Engenii de Florentia (vgl. E 18).
Der Band um&sst 345 Blatter alter Folürung.
Von den Kanzleiunterfertigungen der Originale sind relativ am
häufigsten die Subscriptionen der Schreiber wiedergegeben, öfter auch
die Taxe resp. ,de curia", «gratis*, nur in wenigen Fällen der sig-
nirende Secretar: f. 94, 95, 352 — 355. Es ist stets Blondus, ebenso
findet er sich auch f. 4, 50 bei zwei Eammerinstrumenten*), ein
Collationator ist nie genannt^). Die Anhaltspunkte, Blondus als Begi-
strator zu bezeichnen, sind an und f&r sich nicht sehr gewichtig,
bekommen ihre ganze Bedeutung erst durch die Vergleichung mit
E 20, mit dem es sowol durch den cameralen Inhalt wie die Art der
Führung und die Nennung des Blondus übereinstimmt Als entschei-
dender Faetor tritt dann noch das zeitliche Aueinanderpassen beider
Bande dazu. E 20 enthalt erst auf den letzten 10 Blattern Bullen des
10. Pontificatsjahres, in E 21 sind die ersten Bullen von Mitte April,
alBO vom zweiten Monat des 10. Begierungsjahres — E 20, 21 um-
&88en somit das Begister des Secretars Blondus von 1434 — 1447
(Eng. a. IV— XVL). *
S 22 — 24 bespreche ich zusammen. Das Bindeglied ist der
Secretar Barthol omeus Boverella, welcher in allen dreien aus-
achliesslich allein als Secretar genannt ist Gemeinsam ist allen auch der
*) BegiBtrum ballamin Florentie inchoatum XXIII. aprilia MCCCCXL, pontifi-
caioB BS. d. n. Eugenii pape IV. anno decimo. >) F. 184', 185 steht an der
Stelle, wo sonst die Taxe int, »pro Blondo*, aber ich weiss nicht, worauf es sich
beziehen soll, ob auf 8ignirung deg Secret&rs, auf Taxe, Stellvertretung des In
grossator oder Registratur. *) Nur wiederholt der Vermerk »Coli.* f. 218, 256,
268, 270, 895.
Mittheilunfen, Eriftnxaiiffsbd. I. 2U
4Si Ottcnthal.
Mangel eines Titels, wahrend andrerseits jeder Band für sich ein
geschlossenes Ganzes bildet, an dessen ursprünglichem Bestand kein
Zweifel haftet.
E 22 beginnt mit dem Index i), welcher nach Blattern geordnet^
in ^inem Zug vom Bubricator N eingetragen ist Der 281 Blatter
um&ssende Codex hat eine doppelte Foliirung, eine alte in römischen
Ziffern, welche den Bubricelle entspricht und eine jüngere in arabischen
Ziffern, unyollständig, grundlos Blätter überspringend. Die Kanzlei-
unterschriften der Originale, also Secretär, Ingrossist^ Taxe, sind hier
regelmässig angegeben, Breven fehlen, GoUationator ist nur in wenigen
noch zu besprechenden Fällen genannt.
E 23 beginnt mit den Bubricelle »istius presentis XIIII. libri de
curia d. Eugenii pape IV. ', von gleicher Hand und in gleicher Weise
eingetragen wie in E 22. Die Benennung als L. XIV. de curia ist
also nicht ganz gleichzeitig, auch kaum Copie einer ursprünglichen,
denn L. X. de curia der in der Kammer geführten Register ist erst
im 16. Jahr Eugens begonnen; dass die Secretär- oder auch Kanzlei-
register einheitlich nach »De curia' gezählt wurden, ist ausgeschlossen,
ich führe hier nur den nächstliegenden Grund an, dass der Babri-
cator N in keiner seiner Aufschriften bei den übrigen Bänden dieser
Glasse eine solche Zählung verwendet. Die Erklärung wird in einem
lapsus calami zu suchen sein: nach Analogie anderer Au&cfariften
wird sich die Ordnungszahl nicht auf den Band, sondern da3 Pontifi-
catsjahr, in dem er auch wirklich begonnen wurde, beziehen (vgL die
Aufschrift von E 24). Die Foliirung des 141 Blätter umfiissenden
Bandes ist auch nicht ganz gleichzeitig, denn f. 109, 1 10, etwas grösseren
Formates und von anderer Hand als die benachbarten Blätter ge*
schrieben, sind erst später eingeschoben. Betreffs Wiedergabe der
Kanzleiunterschriften gilt dasselbe wie bei E 22, nur dass Secretär
oder Taxe öfter ausgelassen ist. Ein Collationator ist nie genannt
E 24 beginnt mit dem ebenfalls vom Bubricator N und in gleicher
Weise wie in den vorigen Bänden geschriebenen Inhaltsverzeichnisse).
Der Band enthält blos 76 Blätter, von denen ursprünglich nur 70
beschrieben waren. Einzelne der hier betheiligten Schreiber waren
auch schon in E 23 beschäftigt, z. B. der dort f. 1 — 14 schrieb, findet
sich hier f. 24 wieder. Durchaus ist der Ingrossator genannt, Taxe
und Secretär fehlen öfter, ein gleichzeitiger Collationator stets.
*) Die üeberschrift lautet: Rubricelle buUaruiu d. Eugenii IV. pontificatue
vero eius a. XIL^ incept Florentie.
') Die üeberschrift lautet : Rubricelle bullarum is4u8 preseniia libri de anno
pcntificatns d. Eugenii XVI.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 435
Ich faabe schon gesagt, daes di« Originale aller in diesen drei Bänden
eingetragenen Bollen yom Secretar Bartolomeo Boyerella signirt waren.
Eine näere Beziehung desselben za diesen Registern ergibt sich auaf
folgendem: E 22 f. 38 bei einer ProvisionsbuUe von 1442 Oct 25 ist
bemerkt, dass diese Pfirüode am 22. Oct. resignirt worden war «pro*«
sente me Bartholomeo Boverella sanctitatis sue cubicolario et secretatio
et pro memoria hoc in folio notayi* (der Zusatz ist eigenhändig). E 24
£ 73 ist eine Bulle f&r den Herzog von Bretagpoie nachgetragen, deren
Quellenangabe lautet: Sumptum de registro bullarom expeditarum per
d. B. de Boverella fe. re. Eugenii IV. Becretarinm et registratarum
apud ipsnm de mandato prefati d. Eugenii. Dieses Oitat bezieht fiieh
auf die E 23 f. 16 — 17' eingetragenen Beserranzen ftr den genannten
Fürsten und ist besonders wichtig, weil es im Wortlaut mit jenen
Begistratunrermerken der Originale, in welchen Secretare genannt
werden, übereinstimmt Dass in E 24 f. 67 sich der Vermerk « Correcta
per me Fe. Ximini* findet, der in den direct als Secretärregister
bezeichneten Bänden Nieolaus V. thStig ist, spricht ebenfalls f&r den
gleichen Charakter Yon E 24. Die Zusammengehörigkeit der drei
Bände E 22 — 24 bezeugt auch die Aufeinanderfidlge der Daten ^).
Dauaeh scheint evident, dass dieselben die yom Secretftr B. Boyerella
gefBhrten Begister seien.
Doch steht ein Hindemiss aitgegen: in E 22 ist zweimal (f. 4
und 6) vermerkt Coli per me R Paradisi und £ 2 Duf^licate fuerunt
Bupradicte littere ... et ascultate de verbo ad verbum per me R Paradisi,
d. h. es tritt der Mann, der im Kammerregister E 8 als Gollationator
genannt, auch sonst als Eammemotar nachweisbar igt, auch hier als
Gollationator auf. Damit hängt wol auch zusammen, dass der Bubri«
cator N ober den Titel des Inhaltsyerzeichnisses noch setzte: B. de
Camera apostolica'). Der Einwand hat noch nach einer andern Seite
hin Bedeutung. Aus der Tabelle Beilage n^ 2 ersieht man, dass nach
der ältesten Zählung das Begistrum 1. de curia VI. fehlt, und zwar
•) In E 22 schlieest f. 275' VII. VI. febr. a. >;ni, f. 277/ kl. apr. a. XIV,
f. 278' = 280 m. non. apr. a. XIV, f. 280' kl. apr. a. XIV. £ 28 beginnt f. 1
III. kL apr. a. XIV, f. 4 IV. non. apr. u. b. w.; endet f. 1S9' XII. kl. ian a. XV,
(£ 141' dat ut flopra), E 24 beginnt f. 1 XVI. kl. apr. a. XVI, f. 2' IV. non. mart.
a. XV, wobei ich erinnere, dass der 12. Mftrz als Erönungstag Epochen^ ag ist.
*) Die Bände E 22-24, namentlich, aber der erste, weiohen auch durch
regelmSsaige Angabe der Kanzleinotizen, besonders des Secretare von den Re-
gistern der übrigen Secretare ab, stehen darin den Kammerregistem näher. Aber
die Art der Ffihrong lag gewiss auch in dieBem Punkt im Belieben des Schreibers
und Collaiionators ; man sehe nur auf die Versobiedenheit in den beiden Kandei--
registem M 10 und 11.
29* '
4&6 Öttentkal.
ist das jenes, welches die Ballen von Sept 1441 (a. XL) bis Ende
1443 (a. Xni.) enthielt; nun fallt auch der Anfang von E 22 (Juli
1442 a. XIL) zwischen E 8, in welchem B. Paradisi als Collaüonator
aufhitt and E 9. Dass E 22 schon wenige Jahre später vom Babri-
cator N nicht als B. de curia bezeichnet worden sein sollte, wäre aof-
£&11end, aber nicht unmöglich; dagegen spricht gegen solche Einreihung
entschiedener der mangelhafte Anschluss an die Bände E 8 einer- und
E 9 andrerseits. Zwischen den Schiassdaten von E 8 und den An-
fangsdaten von E 22 hegt beinahe ein Jahr; durch diese ganze Zeit
wären somit keine in die Gurialregister au&unehmenden StQcke aus-
gefertigt, resp, nie der f&r die Datirung massgebende Act Yollzogen
worden. Ferner reichen in E 22 die Ballen bis April (Mai) a. pont.
XIV., in E 9 beginnen sie mit IIL id. ian. a. XIH, erst f. 47' steht
da die erste Bulle aus dem 14. Begier ungsjahr Eugens. Einen so mangel-
haften Anschluss der AnfAugs* und Schlussdaten aufeinanderfolgender
Bände habe ich bei Eammerregistern sonst nie beobachtet^), um so
bedeutsamer wird da das haarscharfe Aneinanderpassen yon E 22 und
E 2S<). Ebenso wenig hat meines Wissens Bariolomeo Boyerella je
eine Stellung in der Camera apostolica bekleidet. Man wird also
E 22-- 24 unter die Secretärregister zahlen und das Vorkommen des
B. Paradisi anderweitig erklären müssen. Ich wQ^ste daflir sonst
keinen plausiblen Qrund, als dass man aus einer uns nicht erkenn-
baren Veranlassung von Seite der Eammer Gewicht darauf legte, die
Begistrirung gerade dieser Bullen durch einen Eammemotar zu be-
glaubigen, und man als ein&chstes Mittel, statt nochmaliger Begi-
strirung im Eammerregister, durch den Kammemotar den Eintrag im
Secretärregister unterfertigen liess^).
B 25 beginnt ohne alten Titel, auch das InhaltsTerzeichniss ist
modern, aber ein Blick auf^ Inhalt und Zusammensetzung des Bandes
genügt, um die jetzige Bezeichnung «BoUaram diversarum liber* als
zutre£Pend zu erkennen. Die erste Anlage stammt wol vom Jahr 1443,
dem 13. Begierungsjahr Eugens; das erste Stück ist vom 15. April dieses
■) VgL § 12. *) Auch daran ist nicht zu denken, dass etwa £ 2S
in der Eammer begonnen, dann an den Roverella übergegangen sei. Abgesehen
davon, dass schon der Anfang desselben das unwahrscheinlich macht und nirgends
ein dem entsprechender Abschnitt kenntlich ist, verbieten es auch die Schrift-
verhältnisse. Von gleicher Hand ist zun&chst f. 1— -21 geschrieben, dann taucht
sie wieder auf f. 28—29, f. 81, f. 46, ein anderer sehr beschfiftigter Schreiber
begegnet suerst f. 29, dann f. 48, 65, 64—66, während nach dem oben citirten
Passus f. 88 schon Roverella eine Eintragung machte. Es mQssten also die
Schreiber mit dem Registerband das Bureau gewechselt haben, was gewiss nicht
anzunehmen ist ') Ygl. § ß.
Die Bullenregisier Martin V. und Eugen IV. 437
Jahres. Die Eintragang erfolgte grappenweise, f. 1 — 20' fbr daa
aFagonisch-sicUianiBche ESnigshans, ?on zweiter Hand £ 22—27 f&r
den König von Polen 7on Februar and März 1442, daran haben sich
Nachtrage aas derselben Zeit von verschiedenen Händen fbr yerschie-
dene Adressaten angeschlossen. Eine neue Gruppe, ebenfiüls f&r daä
aragonische Königshaus beginnt f. 31, reicht bis f. 43^ Von gleicher
Hand und in Einern Zug sind hier Bullen yom 24. September 1448 bis
1. April 1445 registrirt, also ist die Gruppe frühestens erst April 1445
eingeschrieben worden. Es folgen Nachtrage von verschiedenen Händen,
die auch zwischen f. 27 und 80 zu constatiren sind, aus den Jahren
XV, XVI, m, XVI, XV f&r verschiedene Destinatare, bis f. 62 reichend,
jedoch mit üeberspringung von f. 50' — 52. Die letzte Gruppe be-
ginnt f. 68 mit zwei Stücken des XUL, einem des XI., drei des XIV.
und einem des XVI. Begierungsjahres Eogens, dann folgt von gleicher
Hand noch eine Beihe von Urkunden Nicolaus V. anni I. et IL ; es
kann also die Eintragung dieser Gruppe fr&hestens im XVI. Jahre
Eagens, vielleicht gar erst unter dessen Nachfolger begonnen worden
sein. Der Bestand des Bandes ist der ursprüngliche, der Anfang der
einzelnen Gruppen ist vom Beginn der Quatemen unabhängig, ein
Collationator der Eintragung ist nie genannt Mit der Wi^ergabe
der Kanzleinotizen der Originale ist es bei den verschiedenen Ghruppen
sehr verschieden gehalten, auch bei den einzelnen Nachträgen ist das zu
constatiren. Soweit die Unterschriften der Secretäre aus den Originalen
herübergenommen sind, lassen sich zwei Abtheilungen unterscheiden:
in der ersten trifft man stets nur die des B. Boverella, bei der zweiten
(von f. 68 an) stets nur die des A. de Florentia; gerade bei den üat
Stück f&r Stück gesondert nachgetragenen Bullen des ersten Theiles
ist der Secretar ziemlich oft genannt und immer nur B. Boverella.
Möchte nun schon die Analogie mit M 11 darauf hinführen, den Band
als nicht in der Kammer geführt zu bezeichnen, so wird diese strenge
Zweitheilung nach Secretären das nur unterstützen können; es spricht
das ftlr den Charakter als Secretärregister. Dass der spätere Theil
dieses Bandes von einem andern Secretar als der frühere geführt
wurde, darf bei einem Liber diversarum nicht Wunder nehmen.
üebrigens ist uns noch ein anderes Heft eines Liber diversarum
des Andreas de Florentia erhalten, das B. 370 f. 196 — 282 ein-
geschobene, von mir schon oben als Copie bezeichnete Stück ^). Den
An£äng machen Bubricae der sieben Quatemen, die das Heft zählt*).
') 8. £ 17. *) Diese Zählung warde hier offenbar angewendet, weil das
Heft noch nicht foliirt war, denn von separater Führung jedes dieser Quatemen
{b h 12, 2 h 10 Bl.) ist keine Rede: die Bullen gehen vom einen auf den andern
iZB OttenthfrL
F; 203 beginnen die Eintragangen der Bullen, ^sanachst bis £ 210
'iPucultates eines Legaten nach Frankreich aus dem zweiten Begieronge-
jahre Engens, daran 8chlie8s0n sich Bullen ßir verschied^i^ Destinatare
bis zum 11. Jahre ohne Wiedergabe der Kanzleinotisen, yiel£EU!h mit
Weglassung der Datirung. Fast drei Seiten bleiben dann leer, £ 221
•enthalt anter eigener Rubrik eine Serie undatirter Ablassbriefe, £ 222'
«oidUch tritt Tinten- und Handwechsel ein. Diese neue Hand (B)
schreibt nun bis zum Schlüsse des Heftes, d. h. bis f. 282', tragt die
Bubricae ein und ist identisch mit der Hand, welche in E 25 £ 63—89
schrieb. Auch der Schreiber B setzt nur in seltenen Fallen die Kanzlei-
notijBen. Der gäiize von dieser Hand herrührende Theil macht den
Eindruck in einem Zug fortlaufend geschrieben zu sein, so gleich-
ipässig ist Ductus und Charakter der Schrift Nie finden sich frei-
gelassene Blätter oder Seiten, was um so auffallender ist, wenn man
die; chronologische Reihenfolge der Stücke im Auge behäli Alle im
zweiten und dritten Quatern eingetragenen Bullen entbehren der
Daten; £ 239 kommt ein Stück aus a. IV., £ 240 a. L, £ 241' a.YI.,
£ 244 a. VIU., £ 245 a. IX, £ 249 a. VIIL, £ 259 a. L, £ 264 a. IV^
£ 265 a, VI., £ 268^ a. HL, E., £ 269 a, Vjn., £ 269' a. XI., £ 271
a; V., £ 274' a. IK., £ 278 a. X., IX. Man ist dadurch jeden&lls in
die Nothwendigkeit versetzt, Abüassung erst a. poni XL anzunehmen.
Es ist aber auch Gopie, denn £ 241 rührt der Vermerk »Begistrata
per me A. de Florentia' von der Hand des Schreibers her, die nicht
etWA die des Secretärs sein kann. Ausserordentlich auffallend bleibt
dani^ aber noch die grosse Zahl bedeutend älterer Stücke von theil-
weise ganz momentaner Bedeutung, wie von Geleitsbriefen, die ohne
jede chronologische Ordnung untermischt sind. Ich weiss eine plau-
sible Erklärung nur in der Annahme zu finden, dass wir es mit der
Abschrift eines Begistrum diversarum zu thun haben. Dieselbe mochte
yielleicht bis a. XIIL oder XIV. heraufreichen, d. h. bis zu Beginn des
vom gleichen Schreiber eingetragenen Theiles von E 25, denn f. 282'
bricht eine Bulle im Text ab, und in den Bubricae ist eine Fortsetzung
mindestens angekündigt, indem noch steht: Bubricae octavi (quaterni) ^).
Auch dieser Theil bedingt nach der oben citirtcn Notiz auf £ 241
einen Zusammenhang mit Andreas de Florentiu, in dessen Begister er
auch jetzt eingefügt ist. Um dieses doppelten Zusammenhanges willen
über, auch zeigt sich nirgends etwa beim ersten auf einem neuen Quatern be-
ginnenden Stück Schrifl- oder Tintenwechsel, wie man es nach dem Index er-
warten sollte.
') Dieser Abschnitt von Bd. 870 stünde also zu £ 85 in einem fthnliohen
Yerhaltniss wie die ersten 8 Blätter von M 12 zum Rest des Bandes.
Die Biillenregister MartiQ V. und Eugen IV. * 439
reihe ich diesen Theil von Band 370 hier ein and benenne ihn E 25 oc,
indem ich durch diese unselbständige Anlehnung seinem Charakter als
Ciopie und unserer mangelhaftea Eenntniss über Ausdehnung und Be-
schaffenheit der Vorlage desselben Rechnung tragen möchte.
Die Bändezahl erscheint durch diese neue Classificirung nicht
wesentlich verändert, obwol zwei Bände der früheren Einordnung aus-
geschieden wurden: Reg. n^ 359 und 384. Die Gründe sind folgende:
359 enthält die moderne Aufschrift Martini V. et Eugenii IV. brevia
liber IX., tomus XII.; wie schon oben erwähnt, findet er sich bei
Raynald unter den Registern Martin V. als 1. IV. brevium und in diese
Serie passt er auch viel mehr als unter die Bullenregister, da nur ganz
vereinzelt Nicht-Breven aufgenommen sind. Entscheidender aber für
den Ausschluss ist, dass wir es nicht mit einem gleichzeitigen Register,
sondern mit einer spätem Copie zu thun haben. Von f. 1 — 164 ist
alles gleichmässig von einer Hand eingetragen und umfasst doch nach
den nur spärlich wiedergegebenen Dateu Briefe Martins vom 10. bis
12. Pontificatsjahr, dann von f. 59 an ohne jeden äusserlich kennt-
lichen Abschnitt Breven Eugens von a. I — X., alles in Antiquaschrift
etwa um die Mitte des 15. Jahrh. geschrieben. F. 165 beginnt eine
andere etwas jüngere Hand, die auch die (arabische) Foliirung weiter
führt und bis f. 219' grossen theils dieselben Stücke wie im ersten
Theil enthält, von f. 221 — 235 Breven aus dem 4. bis 7. Jahre Eugens.
884 ist modern bezeichnet als Eugenii IV. officiorum tomus IV.
VITahr ist die Beziehung auf die ^^officia*', dass es aber nicht eine
Fortsetzung von E 1 — 3 sein kann, folgt schon daraus, dass E 3 bis
an das Ende von Eugens Regierungszeit reicht. 384 enthält über-
haupt keine Litterae apostolicae,' sondern nur im Namen des Kämmerers
Franciscus Condolmer ausgestellte Verleihungen von Aemtern und
ProtokoUirung der darüber geleisteten Eidschwüre ^). Er gehört also der
Sehe der Cameralien an und kam überhaupt nur irriger Weise unter
die Register der Papstbriefe, wurde aber schon unter Raynald dahin
gezählt
In diesem Zusammenhange ist noch die Frage zu berühren, ob
und wie weit der ursprüngliche Bestand der Register durch Ver-
luste Euibusse erlitten habe. Ich kann aber hier auf den Verlust
ganzer Serien wie bei den Kanzleiregistern nicht eingehen, kann auch die
Behauptung, dass Register der Secretäre Paul de Capranica, Bartolomeo
da Montepolcianio und Cincius existirt haben, erst in anderem Zu-
sammenhang begründen, muss mich hier auf die Bemerkung be-
*) Vgl. Römische Berichte IV. in Bd. 6 der Mitth.
440 OttenthaL
schränken, dass die Register der vier SecretSre Poggios, A. de Florentia,
Blondos und B. Boverella olme Zweifel vollständig erhalten sind, da
sie ungefähr gleichzeitig mit dem Eintritt dieser Männer in das
Secretariat beginnen und dann bis an das Ende von Eugens Ponti-
fieat laufen^).
Ich beschränke mich also hier wesentlich auf die Eammerregister.
Indem diese Bände schon gleichzeitig mit bestimmten Titeln versehen
wurden und innerhalb der einzelnen Oruppen numerirt waren, sind
Verluste um so leichter zu constatiren. Sicher ist, dass uns noch die
gleiche Anzahl Bände erhalten ist, welche Baynald verwerthet*). Ein
Blick auf die Tabelle Beilage n^ 2 genügt zu constatiren, dass zwei
Bände der Begistra litterarum de curia fehlen, der zweite Martin Y.
und der sechste Eugen lY.^) Der Eugens ist jedenfalls schon im
16. Jahrh. verloren gegangen^), Baynald erwähnt beide nicht mehr.
Eine Bulle Martin Y. Dai id. aug. a. pont. I. wird in den Gameral-
registem citirt als entnommen: Begistro inütulato secreto litterarum
apostolicarum de curia cameram apostolicam tangentium in camera apoeto-
lica registrari soUtarum^). Sowie.* der Titel zu keinem der uns bekannten
Register Martins passt, findet sich diese Bdle auch in keinem der
Bände, die in Betracht kommen könnten, weder in M 5 oder 11
noch in dem modern als L secretus bezeichneten Reg. n^ 356. Aus
der gleichen Tabelle ersieht man femer, dass für die Jahre Martins
XII — ^XIY kein De curia-Band mehr vorhanden, dass der von a. IX — XTT.
(M 9) äusserst mager ist. Allerdings enthält M 11 gerade einen
eigenen Abschnitt De curia-Briefe von a. IX— XIII., aber das gleiche
ist auch bei den ersten Jahren Martins der Fall; es wird also auch
hier trotzdem das Kammerregister weiter gef&hrt worden sein, zumal
man keine Yerminderung der ürkundenexpeditionen voraussetzen sollte.
Zu Beginn der Regierung Martins nach der langen Sedisvacanz zeigte
sich momentan erhöhte Thätigkeit der EanzleL Es galt bei Fürsten
und Yölkern das alte Ansehen wieder zu gewinnen. Der Papst hatte
sich beeilt, den Reformplänen des Concils durch rasche Erledigung der
zahllos eingelaufenen Expectanzsuppliken zuvorzukommen*); meist aas
den letzten Januartagen 1418 datirt, bilden sie einen stattlichen Band
von 315 Blättern (M 10). Dann aber trat Ebbe ein. Zwar hatten.
<) Höchatens könnte ein Heft von A. de Florentia registrirter Ballen von Engen
a. XIV— XVL, eine Fortsetsong von £ 18 b verloren sein. *) Ueber scheinbare
Verluste nach den Citaten Raynalds p, oben S. 406 Anm. 2. *) Der erttere
wird Bullen von ungefähr September 1418 bis September U19 enthalten haben,
über den andern vgL das bei* £ 22 S. 486 bemerkte. *) Siehe S. 44S.
•) D. C. 6 f. 180. «) Vgl. Hlbler Die Constanzer Beformatian 44 Anm. 184-
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen IV. 441
die Goneordate mit den einzelnen Nationen dem päpstlichen Stuhl viel
mehr Bechte und Einkünfte gelassen, als nach den ersten Anträgen
und nach den Vorschlagen der Beformpartei erwartet werden durfte:
die Beserrationen und Proyisionen der consistonalen und andern
Pfründen, die Annaten und die Expectanzbriefe, die Dispensen und
Indulgenzbriefe, alles das wurde nur, viel&ch nicht einmal gar stark
beschränkt, nicht aufgehoben^), und diese Concordate fanden practische
Geltung*). Aber die crassesten Missbräuche hatten natürlich das meiste
Geld eingebracht und gerade diese waren abgeschafft, die Concordate
waren nur auf fünf Jahre abgeschlossen, was war vom flachsten Goncil
KU erwarten? Diese Unsicherheit yerminderte das Angebot der Parteien,
es ist ständige ESage in den Briefen aus den curialen Kreisen, wie
ed mit dem päpstlichen Hof schlecht und schlechter stehe, kein Ver-
dienst Torhanden sei; viele rissen sogar aus'). Aber an der Curie
yerlor man den Muth nicht, man eroberte und reorganisirte den
Kirchenstaat, die päpstlichen Diplomaten knüpften wieder allerorts
Verbindungen und Beziehungen an. Buhe und Stätigkeit trat an Stelle
der früheren Stürme, Bom erlangte einen guten Theil seiner kirch-
lichen und politischen Autorität wieder. Dass damit auch die Thätig-
keit der Kanzlei — sowol was Verleihungen als was politische und
kirchliche Verwaltung und Begiemng betrifft — zunahm, ist selbst-
verständlich. Darum hören auch z. B. bei Poggio die Klagen über
dürftigen Gewinn auf; der Secretär Bartolomeo da Montepolciano stirbt
1429 als wolhabender Mann^). An diesen Verhältnissen wird die in
den letzten Jahren Martins in Bom herrschende Pest nicht allzuviel
geändert haben, der Papst zog nur in den heissen Sommermonaten
aus der Stadt fort, im Winter war also die Mortalität wol nicht eine
zu grosse. Ich glaube also auch den Verlust eines Begistrum 1. de curia
in Camera apostolica registratarum von a. (IX.?) XII — XIV. Martin V.
annehmen zu müssen.
Es ist übrigens kein bioser Zu&ll, dass die Spuren dieser Ver-
luste mit Ausnahme des zwischen E 8 und E 9 fehlenden Bandes alle
auf die Zeit vor 1434 hinweisen. Im Juni dieses Jahres erhoben sich
die Bomer in Folge der Schädigung der städtischen Interessen durch
die mehrjährige Fehde Eugens mit den Colonna gegen den Papst.
Eugens Neffe und oberster Beamter, der Kämmerer der römischen
0 Vgl. den Abdruck der Acten bei von der Hardt und besser bei Hübler
L c 188 ff., sowie die synoptische Znsammenstellnng 1. a 218 ff, *) Hübler
1. c. 281 ff >) Poggii Epistolae ed. Tonelli 1, 77 n» 22 von U22(?) Mai 85,
94 n^ 5 von 1428 Oct 8. *} Voigt Wiederbelebung des classischen Alter-
thuns 2, 26, 27.
442 Ottenthai.
Kirche Francesco Coudolmer, warde von der Seite des Papstes als
Gefangener hinweggeschleppt, dem Papst selbst drohte ein ähnliches
Schicksal, dem er sich mit genauer Noth durch rasche Flucht auf dem
Tiber entzogt). Plünderung des päpstlichen Palastes und der Häuser
der Garialen war das landesübliche Nachspiel. Dabei wurden auch,
wie der Papst ausdrücklich klagt, Bullen- und andere Amtsregiater
entwendet^). Wol beauftragte der Papst die beiden Commissäre, welche
die Freilassung des Kämmerers erwirken sollten, auch ganz besonders
auf die Bückgabe der Begister zu achten. Aber bekannt geworden
ist nur der Erfolg betreib der Freilassung des Kämmerers. Und da
man die Amtsbücher gewiss nicht aus antiquarischer Specolation oder
Liebhaberei fortgenommen hatte, sondern entweder aus blinder Baub-
und Zerstörungsgier, oder auch aus wolberechneter Absicht, sei es durch
Vernichtung, sei es durch widerrechtliche Benutzung derselben sich
Yortheile zu rerschaffen, so ist in jedem Fall zweifelhaft, wie viel die
päpstlichen Commissäre in diesem Punkte erreichen konnten.
Am 18. Januar 1440 wurde offenbar im Zusammenhang mit der
Bestellung eines neuen Gustos librorum camerae in der Person des
Florentiners Paulus de Fastellis*) ein Inventar aller in der Kammer
befindlichen Begister aufgenommen^). Diese Amtsbücher sind zum
grossem Theil Begister von Gameralacten, zum Theil aber auch Bullen-
register. Von Martin Y. besass die Kammer damals 6 Bände B. bull,
de curia, 4 Bände B. bull, officiorum. Die letzteren kennen wir noch
vollständig, M 1 — 4; Beg. de curia besitzen wir inclusive M 9 ftlnf,
rechnen wir den verlorenen 1. de curia U. dazu, so kommen wir auf
6 Gurialregister, wie sie das Inventar hat. Ist M 9 wirklich das letzte
B. de curia des Jnventars und besass es den heutigen umfang, so
fehlte auch damals schon in der Kammer das B. de curia für die
letzten Jahre Martins oder falls dieses vorhanden war, liber IL de curia.
Jedenfalls befand sich der oben erwähnte L. secretus buUarum de curia
in Camera apostoUca registrari solitarum nicht mehr in der Kammer^).
Alle folgenden Bubriken beziehen sich nur auf Gameralia^). Von
•) 8. Raynald Adü. 1484 § 9, Voigt Enea Silvio Piccolomiui 1, 78 mit
weitern QuellenangabeD. «) E 20 [f. 1, gedruckt bei Theiner CD. dominii
B. sediB 8, 825 n« 271. •) D. C. 20, f. 126'. Die Bestellung geschah am 27. Jan.
1440, am folgenden Tag Übergaben die im Inyentar genannten Notare die BOcher.
*) Den auf Marlin V. und Eugen IV. bezüglichen Theil s. Beilage n^ 8.
*j Das R. secretnm d. Benedict! de Gaidaloctis des Inventars, ist gewiss
liicht damit zu identifidren. B. de G. war dericus camerae, später Thesaurarius,
wir haben es also jedenfalld mit einem cameralen Amtsbuch zu thun.
*) B. diyersarum neunt das Inventar von Martin V. 8 Bände» wir kennen
ebensoviele: D. C. 4—9, 11, 18 während doch nach der alten Zählung zwischen
Die BuUenregister Martin V. und Eugen IV. 443
Eugen IV. besass die Eammer damals ftlaf Bände buUarum de curia,
£wei b. officioram, gleichviel wie wir aus derselben Zeit (£1, 2, 4 — 8).
Ueber eine Reihe späterer Inventare hat Ealtenbranner theils
schon Bomische Studien L^) berichtet, theils wird er noch ausführ-
licher darüber handeln. Ich verdanke es seiner Freundlichkeit, die
Angaben derselben über Begister Martin V. und Eugen IV. schon hier
einfügen zu können. Am wichtigsten, weil systematisch angelegt, ist
fllr diese Untersuchung das im Cod. Vai 5302 f. 88 enthaltene, nach
1555 angelegte. Es bezeichnet sich als Inventarium omnium instru-
mentorum in archivio camerae apostolicae Bomanae existentium^), und
zahlt auf: Martini V. buUarum de curia libri duo et unus intitulatus
de beueficiis vacaturis ac secretorum liber unus et alius facultatum
eiusdem legati, Martini et Eugenii bullarum über unus; Eugeuii IV.
bullarum libri decem, deficiente sexto et bullarum diversorum libri
quatuor »c secretorum 1. IV et alii tres secreti intitolati A. de Fiorentia.
Also Yon Martin V. zwei von den Bänden M 5 — 8, M 10 und M 12
oder wahrscheinlicher schon den jetzigen Band 356 (M 9 und 12);
der L bull. M. et E. ist ohne Zweifel der Brevenband n^ 359. Die
10 Bände Bullen Eugens deficiente sexto können nur die 10 B. de
curia sein, von denen auch heute L VI fehlt Für die übrigen ist der
Combination freier Spielraum gelassen. Es führt zu keinem Besultat
die einzelnen Möglichkeiten eingehender zu besprechen, die Gitate sind
zu wenig genau und zuverlässig; um Verluste seit jener Zeit wird es
sich wol nicht handeln >).
Viel wichtiger ist, dass schon damals alle die verschiedenen uns
jetzt erhaltenen Kegisterclassen in der Eammer vereint waren: die
eigentlichen Eammerregister, die Secretärregister und das Kanzlei-
register M 10, dass also unser Bestand aus den in der Libreria
11 und 18 einer fehlt, der war also wol gleichfalls ecbou 1440 verloren: die
Zabl der Bftnde Engens ittimmt mit der unsrigen überein.
') MittheiluDgen 5, 276 ff.
*) ibid. 6, 280 Anm. S. *) Kennt ja doch auch Baynald nicht mehr
Bände wie wir, und alle hinlänglich piäcisen Citate dieser Inventare lassen sich
aof uns noch erhaltene Register dieser beiden Päpste reduciren. Das Inventar
von 1587 is. Kaltenbrunner 1. c. 289 Anm. 1) verzeichnet aus der Guardnrobba des
Papstes: Eugeitii lY. 1. bull. R. n® 24, 26, 25, die wol den von Raynald so be-
leichneten (sp&ter 24, 2i, 26 numerirten) £ 11, 12, 25 gleich sind, umsomehr als
n* 26 1. divers, bullarum heisst (vgl. S. 486); ferner Marüni V. bulL IV de curia
n» 46 (=3 M 7 ?). Ist ebenda Eugenii IV. 2<> provisionum n^ 82 genannt, mOchte
ich nicht einmal an ein Kanzleiregister denken, sondern an ein camerales (Taxen
oder Annatenveizeicbniss), da die unmittelbar zuvor und nachher genannten ähn-
licher Art sind. Das Inventar von 1591 fa. a. 0.) citirtBrev. et bulL Eugenii lY.
coopert coramine antiquo f. 411, nach der Feüozahl == £ 20.
444 Oiienthal.
secreta vaticana aufbewahrten, 1616 mit den in der Kammer befind-
lichen Banden vereinten Begistem^) kaum mehr einen Zuwachs erhielt
Die Erklärung, auf welche Weise Bände wie M 10 in die Gamera
apostolica sich yerirrten, möchten wol die beiden andern Inyentare
von 1587 und 1591 bieten, welche uns eine Menge Bullen- und
Gameralienregister, sowie andere Schriftstücke m den Appartem^its
des Papstes aufgespeichert zeigen, die dann nach dem Ableben des-
selben von den Glerici camerae inventarisirt wurden, ohne dass sie
deshalb aus der Kammer zu stammen brauchten").
IL Die päpstlichen Begistraturen.
§ 4. Die Expedition der Fapatbriefe bis Bnr Begiatrinmg.
Ich beabsichtige in diesem Abschnitt den Verlauf der Expedition
mit Ausschluss der Begistrirung zu schildern, will aber keineswegs
die früheren Stadien der Beurkundung erschöpfend darlegen, sondern
dieselben nur soweit berücksichtigen, um die verschiedenen Momente,
in welchen die Begistrirung eintreten kann, nachweisen, den üeber-
gang der Bulle an die mit der Begistrirung betrauten Bureaux yer-
ständlicher machen zu können.
Johann XXIL erscheint nach allen Seiten als Beformator des
päpstlichen Kanzleiwesens. Diese alte Tradition der romisdien Curie
und deren Schriftsteller wurde von den Maurinem aufgenommen, hielt
sich bis zum heutigen Tag. Wie weit das im einzelnen b^rründet ist,
wird noch eingehender zu untersuchen sein, dass er z. B. bezüglich
der Anfertigung und Ausstattung der Originale keine Neuerungen
getroffen hat, ist yon Diekamp nachgewiesen^). Im ganzen und grossen
und etwas allgemeiner gefasst unterliegt es sicher keinem Zweifel,
dass die Organisation der Aemter und die Geschäftsprazis der spatem
Zeit durch die ersten avignonesischen Päpste eingeführt wurde. Die
Einrichtung der päpstlichen Kanzlei zu Beginn dieser Epoche lernen
wir am zusammenhängendsten kennen aus den Ton Merkel publicirten
«Documenta aliquot, quae ad Bomani pontificis notarios et curiales
pertinent'^), welche mehreren etwa dem Ende des 13. Jahrh. an-
') Vgl. Marino Marini Memoria istoriche degli archiii della s. sede in
Lämmer Monument a Vaticana 451.
'} So heisst es auch in der Aufischrift des letzteren In^entan: ubi (in
Camera) aliqui ex eis diu extabant.
*) Zum päpstlichen ürkundenwesen von Alexander IV. bis Johann XXIL
Mittheilungen des Instituts 4, 497.
«) Archivio stoxico italiano. Appendiee Tomo 6, 199-— 158.
Die Bullenregisteir Martin V. and fiugen tV. 445
gekSrigen^) officiellen An&eicliiiuiigen entnommen sind. An der Spitze
steht der Yicekanzler als Chef aller Beamten, die mit der Aosfertigiing
der Papstballen inVerbindnng stehen, als Leiter des ganzen Urkunden-
Wesens. Er nimmt Einflnss auf die Vertheilong der Oeschäfte und
die Ab£Ei8sang der Concepte, namentlich betont aber wird sein Ein-
greifen nach erfolgter Beinschrifb, er legt sie dem Papst zur Signirung
Tor, er macht seinerseits das Eanzleizeichen ab Befehl, die Stücke zu
bnlliren und dann auszuhändigen.
Im übrigen leiten die Geschäfte in erster Linie die Notarii apo-
siolici, sechs oder sieben an Zahl, ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist der
Yicekanzler. Die Notare nun haben die Petitiones, die von den Parteien
eingereichten Gesuche, zur Vorlage an den Papst vorzubereiten, auf
einen Botulus zusammenzuschreiben nnd dann demselben vorzulesen«
Hat der Papst diese Bitten genehmigt, so haben die Notare die C!on-
cepte zu machen, zu signiren und zur Mundirung an die Schreiber
abzugeben. Für so wenige Männer gewiss eine riesige Aufgabe; sie
haben daher auch ünterbeamte für die AbfAssung der Concepte:
Abbreviatores. Dieselben sind nicht mehr blos Privatbeamte der
Notare; obwol wiederholt und energisch ihre Unterordnung unter
dieselben betont ist, werden die Abbreviatoren doch vom Yicekanzler
vereidigt und wenigstens vom Momente an, als die Petitio vom Papst
genehmigt ist, kann der Abbreviator alle ursprünglich dem Notar zu-
stehenden Acte vornehmen, er kann nicht nur die Minuten abSEuraen,
sondern auch signiren, der Yicekanzler kann ad examinationem litterar um
auch Abbreviatoren berufen.
Ebenso sind auch die Ligrossisten — schon hier wie in der spätem
Zeit scriptores litterarum apostolicarum genannt — nicht blos vom
Yicekanzler, sondern auch von den Notaren abhängig: neueintretende
Schreiber haben sich den letzteren vorzustellen, der Bescribendarius,
der Bureauchef der Schreiber, wird der Reihe nach vom Yicekanzler
und von den einzelnen Notaren ernannt ,in signum iurisdictionis,
quam habent vicecancellarius et notarii in scriptores ' >).
Gleichen Banges mit den Notaren ist dann noch der Auditor
litterarum contradictarum, der Vorstand des Amtes, in dem Einspruch
g^en Briefe, welche Bechte Dritter verletzen, erhoben werden konnte 3),
und der Corrector Utterarum apostolicarum, dessen factische Thätigkeit
ziemlich im dunklen bleibt^).
Die laufenden Geschäfte der Expedition werden also nicht, oder
nur zum geringsten Theile vom Yicekanzler persönlich besorgt, sondern
>) Vgl. Diekamp a. a. 0. 507. *) Merkel 1. c. 187 n» 10.
*) Diekamp 1. c. 524. «) Diekamp 1. c. 520.
446 öttcnttial.
vielmehr wesentlich durch das GoUeg der Nötare, die stets in dessen
unmittelbarster Umgebang erscheinen, sie führen mit ihm gemeinsamen
Haushalt, reiten zusammen bei feierlichem Au&ug unmittelbar hinter
dem Papst, Vicekanzler und Notare assistiren dem Papst in camera
ad exequenda maadata eins, beide unterstehen blos der Jurisdiction
des Papstes, beide üben die Jurisdiction über die ünierbeamten aus.
Der amtlichen Stellung nach ist jedenfalls der Abstand zwischen Vice-
kanzler und Nota.ren geringer als der zwischen den Notaren und den
untergebenen Abbrenatores und Scriptores.
Die Weiterbildung erfolgte dann namentlich in zweifacher Rich-
tung: 1. die Notare treten zurück, und zwar nicht nur insoferne die
Abfassung der Concepte immer mehr Sache der Abbreviatores wird^),
sondern sie werden geradezu von der Leitung der Kanzlei yerdrangt
2. Für die verschiedenen Phasen der Beurkundung entwickeln sich
eigene selbständige Aemter: es entstehen besondere Bureaux für die
Bittschriften, für die Abfassung der Concepte, der Reinschriften, für
die Besiegelung und für die Registrirung; das officium s. Poenitentiariae
scheidet ganz aus dem Kreise der Kanzlei aus^), gewisse Kanzlei-
geschätte gehen auf die Secretarii apostolici über. Die bei der Gan-
cellaria verbleibenden Aemter sind eiuander coordinirt, treten unmittel-
bar unter die Leitung des Vicekanzlers^).
Die ganze Umwandlung scheint allmählig und schrittweise vor
sieh gegangen zu sein, mir ist wenigstens in kdnem der zahlreichen
Clodices, welche Kanzleir^eln und im Anschluss daran die übrigen
für die Kanzlei massgebenden Constitutionen enthalten, eine solche
umfassende Reformbulle des 14. Jahrb. aufgestossen. Da die päpst-
liche Diplomatik des 14. Jahrb. noch ganz brach liegt, muss ich mich
mit der Darstellung der Kanzleiorganisation zur Zeit Martin V. und
Eugen IV. begnügen, ohne den Zusammenhang mit der Vergangen-
heit überall herstellen zu können.
An der Spitze der Cancellaria steht auch jetzt der Vicecancel-
larius s. Romanae ecclesiae. Dass das Amt in Avignon ein cardi-
nalizisches geworden ist, legt beredtes Zeugniss von seiner Bedeutung
ab; der Vicekanzler heisst das rechte Auge des römischen Bischofs^).
») Vgl. Phillips Kirchenrecht 6, S92. 894. ») Wann? Unter Clemens V. ist
schon eine Reduetion der Scriptores poenitentiariae nOthig^. Bullainum Romanam ed.
Tann'n 4, 225. *) Interessant für diese Entwicklung ist die (jegenüberatelluDg^
der Kanzleiämter nach der Extravagante Johann XX (I. Ad regimen und naxAi der
Aufzähluncif im deutschen Concordat von 1418 bei üübler Constanzer Reformation
IT.\ Anm. 7. *) Constv Caliz4 III. »Assidua nostri« Ciampini De abbreyiatorum
de parco maiori statu. Rom 1691 21 § 2: locus praesidentiae einsdom cancellariae
dexter ocnlus Romniii pontificis non immerito appellatur.
Die äullenregistcr Martin V. und fingen tV. 44?
Biese Yorstandachaft ist keineswegs ein bloses Ehrenamt, sie ist mit
wirklicher Qeschäftsthätigkeit verbanden, unterzieht sieh der Vice-
kanzler derselben nicht selbst, was meist nur wegen Abwesenheit von
der Curie geschieht <), so ernennt er oder ausnahmsweise auch der
Papst selbst einen Begens, Praesidens, Locumtenens cancellariae*).
Die Machtbefugnisse des Yicekanzlers haben zugenommen : er kann
nicht blos wie schon im 13. Jahrh. Briefe nach Genehmigung des
Actes (der Supplik) durch den Papst selbständig expediren^), sondern
bei Briefen minder wichtigen Inhaltes erfolgt jetzt auch die Bewilli-
gung nur durch den Vicekanzler, indem er die Supplik mit , Con-
cessum' unterfertigt, so dass der Papst, in dessen Namen doch das
Stück ausgestellt ist, von demselben gar keine Eenntniss erhält^).
Ihm sind endlich die Beamten der Kanzlei untergeben. Die Ernen-
nungen erfolgen zwar meist unmittelbar durch den Papst, begreiflich
da ja die Stellen f&r schweres Geld gekauft wurden; nur einzelne
Abbreviatoren hat vielleicht der Yicecancellarius ernennen können^).
Dagegen haben alle den Eid in seine Hände abzulegen, von ihm in
das Amt eingef&hrt zu werden ; das gilt sowol für die coUegial organi-
sirten Bureaux der eigentlichen Kanzlei: für die Dataria, die Abbrevia-
toren, Scriptoren, Bullatoren und Begistratoren, als ftb: die theilweise
aus Kanzleibeamten herausgewachsenen oder doch mit der Kanzlei in
viel&chem geschäftlichen Yerkehr stehenden Gorporationen der Notarii
apostolici ^), Auditores causarum palatü apostolici, Ad vocati consistoriales ').
I) Im Ernennungspatent dei VioekanzlerB Job. tituli s. Laurentii in Lucina
heisst C8: iiludque (officium) extra cariam Romanam exercere non posBe« £ 17
f. 213'; 1468 wird ein Locnmtenens ernannt »cum propter aeriii intempeiiem et
pestilentiam qoae in urbe yiget, statuimus hac acbtate durantibos feriis non-
jinnquam ab urbe recedere et extra aliquando morarL* Ciampini de Vioe-
cancellario. Rom 1697 105.
*) Eine Reihe solcher Ernennungen Ciampini a. a. 0. 99 — 103, S. 107 eine
durch den Papst erfolgte, da der vom Vicekauizler bestellte schwer erkrankt war.
') Merkel L c 140 : Iste sunt littere que solent dari eine lectione et transeunt
per audientium.
*) Die Kanzleiregeln seit Johann XXI LI. (von der Hardt Magnum Concil.
Gonsiantiense 1, 96 S) entballen einen eigenen Abschnitt De potestate vicecanoel-
larii, der die bezOglichen Besiimmungen zusammenfasst (beim Abdruck der Reg,
Mar'infl ist er irrthOmlich ausgelassen).
*) YgL Const. Siztus IV. »Divina aetemi dei< Bull. Rom. b, 258, § 25. 27,
wo es sich allerdings am eine Concession bei Wiedererrichtung de» Abbreviatoren-
collegg handelt.
*) BnIL Rom. 4, 684 § 15-17, 5, 208 § 4, Ciampini De abbr. statu 12 § 2.
^) Ciampini De vicecanc. lie, 116. Im Cod. Yat. 888S, der verschiedene
Vonübläge zur Reform der Kanzlei an^ der Zeit Alezander VI. enthält» heiwt
443 Ütt6ntiial
Bei ditöer zweiten Classe handelt es sich aber vielfach ntur um gewisse
Ehreprechte als Ueberbleibsel früherer Verhältnisse, die gegenüber der
selbjständig gewordenen Stellung dieser Gorporationen ziemlich bedeu-
tnngslos oder auch streitig geworden sind. Formell ist er also noch
das Haupt aller Behörden, die mit der regelmassigen Expedition der
Papstbriefe irgendwie zu thun haben, sein eigentlicher Wirkungskreis
umfasst aber nur mehr die Gancellaria.
Schon zu Ende des 13. Jahrh. war es Begel, Petitiones
(Suppliken) einzureichen, welche durch Verschiedene dem Papst
übergeben wurden, durch Cardinale, durch den Gamerarius, in gewissen
Fällen auch durch die Notare selbst Dieser Gebrauch hat sich immer
mehr befestigt, eine sichere Basis erhielt er durch die Anordnung
Benedict XIL alle Suppliken von Onadensachen zu registriren^), eine
Sitte, die sich noch erhalten hat, der wir die Begistra supplicationum
verdanken >). Im 15. Jahrh. werden mit geringen Ausnahmen alle Gnaden-
und Bechtssachen nur mehr auf Grund eingereichter Suppliken') ver-
liehen, aber die Notare haben damit nichts mehr zu thun. Es existiren
eigene Beferendarii, welche sie zu begutachten und dem Papst
vorzulegen haben, worauf er, falls er das Gesuch bewilligte, in be-
stimmt charakteristischer Weise mit «Fiat', «Fiat ut petitur' u. s. w.
unterzeichnete. Die Supplik wird dann dem Datarius übergeben;
er hat das Tagesdatum der päpstlichen Entschliessung hinzuzusetsBen,
die Begistrirung in den Supplikregistern zu veranlassen und zu über-
wachen, sowie schliesslich die Originalsupplik zur Expedition des Briefes
an die Kanzlei zu befördern^).
ed f. 64' Ciroa dominos auditores ro^, advocatos, procuratores et notarios qui
sunt etiam de pertinentibus ad reyerendissimum d. Vioecanoellarium. — Ueber
sein VerhSltni-iS zu den apostolischen Secretftren siehe § 6.
^) Baluze Vitae paparum Avinion. 1, 282. >) YgL Mnnch-LOwenfeld 184.
*j Sie waren an den Papst direct gerichtet und beginnen, wie man aus
einzelnen in die Bullenregister eingetragenen ersieht, wie auch jetzt noch mit
der Aufschrift »Beatissime pater*.
^) Ich gehe auf diese YerhSltnisse, da sie meinem nächsten Zweck zu ferne
liegen, nicht näher ein. Dass Referendare die Suppliken vorbereiten, ergibt sich
aus den EanUeiregeln Eugen IV. 97, 99, 104. Ueber die yexschiedenen Arten
der Unterzeichnung ist in den Kanzleiregeln oft und ausführlich die Bede, nuui
vgl. die bei y. d. Hardt Conc Const 1, 954 ff. 965 ff. und Mansi Nova Coli. 24, 29 fL;
28, 499 ff. gedruckten Johann XXIIL und Martin Y. Die amiliche Thätigkeit des
Datars in der Zeit Martin V. vermag ich nicht festzustellen ; aber gewiss be-
zeichnet damab dieser Name nicht mehr den AushSndiger wie frflher, Bondem
den Beamten, welcher das Datum der genehmigten Suppliken zu vermerken hat
(vgL Bangen Die rOmische Curie S96 ff.). Ich fiuid auch nur einmal in einer
gelegentlichen Notiz einen Datar genannt: Joh. de Seys heisst M 5 t 159 Datarius
Die BnUenregister Martin Y. und Eugen lY. 449
Die Yerleihong der Bischofsstühle und der grossen Abteien geschah
im Consistoriom, ebenda erfolgte unter Umstanden aach die Berathung
and Beschlnss&ssang über wichtige Constitutionen und Decrete. Sonst
ergiengen die Yon amtswegen im Interesse der geistlichen oder welt-
lichen Verwaltung erlassenen Briefe entweder aus freier Initiative des
Papstes oder auf Anregung einer der obersten Regierungsbehörden,
der Camera apostolica, des Vicecancellarius u. s. w. Dann aber war
gewiss eine Reihe von Angelegenheiten, die im Namen des Papstes
beurkundet wurden, standig den obersten Behörden zur Entscheidung
überlassen, namentlich konunt da der Camerarius f&r die weltliche
Begierung (des Kirchenstaates) und f&r Finanzsachen in Betracht;
Ksse finden sich daher ebenso im Namen des Papstes (in den Registra
bnllarum) wie in dem des Camerarius (in den Reg. diy. cameral.) aus-
gestellt. In solchem Falle kam der Act (oder mündliche Befehl) von
denConsistorialbeamten^), aus demCabinet des Papstes oder denBureaux
der genannten Verwaltungsbehörden an die Kanzlei, denn dort erst
bekommt er stets die dem Stilus curiae entsprechende Ausführung.
In der Cancellaria selber bestehen (ausser der Registratur, Ton
der spater zu reden ist) drei grosse unmittelbar dem Yicekanzler
untergebene Bureaux: das der Concepte, das der Reinschriften und die
Bollaria für die Besiegelung.
Die Beamten für die Anfertigung der Concepte sind die schon
seit dem 13. Jahrh. genannten Abbreviatores litterarum apo-
stolicarum. unter Benedict XIL scheint ihre Zahl auf 24 fixirt
worden zu sein'), spater muss sich dieselbe wieder erhöht haben, das
Constanzer Concil hat sie auf 25 Terringert'), doch drang das ofiFenbar
so wenig durch, wie viele andere Beschlüsse dieser Versammlung, d. h.
Buiu (pape). — DasB die Supplikregister unter dem Datar btanden, ergibt sich
för sp&tere Zeit aus den RefoTmvorschl&gen des Cod. Yat. 8888 und ans der Refotm-
bulle Leo X. »Pastoralis ofBcii* B. R. 5, 598 § 84. Datarius und Supplikregister
anterstanden dem Yicekanzler, der nach der 78. Eanzleiregel Martins das Recht
hat, quod possit corrigere in snpplicationibus signatis etiam consistorialibus et
bolhs nomina et cognomina. Üeber den spätem Geschäftsgang der Dataria
s. Bangen 406 ff. — Die durch die Signatura gratiae und S. iastitiae erledigten
ausserordentlichen Grnaden- und Rechtssachen wurden in gleicher Weise ezpedirt,
nur dass eigene Referendare den Vortrag hatten.
*) Diese Anweisungen heissen — später wenigstens — Cedulae consistoriales:
Übi yero ecdesia seu monasterinm yigore cedulae consistorialis expeditur Const.
Leo X. »Pastoialis ofBcii« B. R. 5, 574 § 7. Im Cod. Yat. 8888 heissen die Acte
Über alle aus ConsistorialbeschlÜssen heryorgegangenen Bullen so. *) Const
Pius II. »Yioes illius* Ciampini De abbr. statu 25 § 1 : Cum igitur literarum
apostolicarum abbreTiatorum numerus quem f. r. Benedictus papa XIL predecessor
noster XXIY dumtaxat esse statuit ... *) Hübler Const. Ref. 171.
IfitäMiliinctil, Iigiiisiiiigtbd. I. 80
450 Ottenthal.
Protections wesen und Geldnoth hinderten die Ausf&hrung; schon ftLnf
Jahre später klagt Martin über den Numerus ezcessivus^); bei der
Ervfreiterung und Neuorganisirung des GoUegs unter Pius IL wurde
die Zahl auf 70«), unter Sixtus IV. auf 72») festgesetzt. Unter Martin V.
und Eugen lY. waren die Abbreviatoren Tielleicht noch nicht so fest
organisirt wie die Schreiber, erst unter Pius II. scheinen sie ähn-
liche Statuten ei'halten zu haben '^), aber die Geschäfbstheilung war schoa
unter Martin vollständig durchgeführt. Damit hängen auch die Bang-
classen dieses Amtes zusammen. In Eugens Constitution «Romani
pontificis '^ % welche die Eanzleiorganisation regelt, ist Tom parcus
maior abbreviatorum die Bede, das setzt auch einen parcus minor
voraus, und wirklich heisst Antonius Davidis litt. apL abreviator secunde
presidentie^), während Ant. Maria de' Tuscani abbreviator praesidentiae
maioris ist^). Etwa 15 Jahre später spricht Galixt DL in der Con-
stitution .Assidua nostri' von einer dritten Classe, den Abbreviatores
primae visionis^) als einer bestehenden und bekannten, sie wird also
auch in die Zeit Martins oder doch Eugens zurückreichen; es ist die
unterste.
Das Abfassen der Concepte (confectio minutarum) war Sache aller
drei Abtheilungen ^); schwierigere Fälle wurden nur den gewandtem
zugetheilt, also namentlich dem alten Stock der Abbreviatores de
parco maiori, die auch noch zu Ende des 15. Jahrh. die Stütze des
ganzen Amtes sind^^). Die Abbreviatoren haben dann weiter die
Bevision der vom Ingrossator mundirten Briefe, das heisst ,cancel-
lariam teuere' im engsten Sinn des Wortes. Zunächst erfolgt die
Vergleichung der Beinschrifb mit der Minute, welche der untersten
Classe der Abreviatoren den Namen gegeben zu haben scheint ^^),
') Quoniam scriptoram apostolicarum et poenitentianae nostrarum liiterafum
ipsarumque litterarum abbreviator um moderno tempore ezcessivus est numeruB.
Martin Y. Const. Bomani pontificis Ciampini De abbr. statn 15 § IS. ') Ciampini
1. c. »5 § 25. ') Bull. Born. 5, 258 § 5. «) In der Constitntion »Yices iUioa«
Ciampini 1. c. 25. *) Ciampini 1. a 1 7 §] . '^j £ 9 f. 1. ^) Marini Degli arcbiatri
pontifici 2, 159. >) Ciampini 1. c. 21 § S. Nach der in der folgenden Anmerkung
citirten Const. Sixtus lY. hätten diese drei Classen schon unter Benedict XIL
existirt, was doch sehr fraglich ist. ^\ Das ergibt sich ganz «klar aus der Con-
»titution Sixtus lY. »Divina aetema« B. R. 5, 255 § IS (= Ciampini L c. S8)
Supplicationes . . . per distributorem . . . dictis septuaginta duobus abbreviatori-
bus et non alii, servata iustitia et aequalitate . . . distribuantur. ^^) Cod.
Yat. S88S f. 55 Abbreviatores de parco minori et prima visione nesciunt iacere
minutas . . . teneantur dare minutam oorrectam per unum abbreviatorem de
parco maiori; über die Yertheilung der Minuten s. auch Leos Reformoonstitatiou
B. R. 5, 58S §22. »') W11.S die prima visio eigentlich sei, finde ich nirgends
Die Bollenregister Martin V. und Eugen lY. 451
darauf erst die entscheidende feierliche «ludicatura* im parcus maior
Tor dem Vicekanzler oder dem Gancellariam regens. Nach der ausführ-
lichen Beschreibung in den Gonstitutionen « Bomani pontifids * Martins
und Eugens^) ist das die Vei^leichung der Beinschrifk mit der Supplik,
betrifft also den Inhalt und die Einhaltung des Stilus cancellariae').
Der Vollzug dieser üeberprüfung wird seitens der AbbreTiatoren durch
Unterfertigung in tergo des Originals >), seitens des Vicekanzlers per
aliquod signum pro earum expeditione (die Buchstaben L. G.) be-
leugt*).
Auf die Abbreviatur beschrankt sich jetzt auch die E[anzleithätig-
keit der Notarii apostolicL Der Titel ist allmählig durch massenhafte
Verleihung gemein geworden, daher bezeichnete man schon in dieser
Zeit und auch officiell die in der Kanzlei verwendeten Notare als
Protonotarii. Sie bestehen noch in der alten Siebenzahl oder
eigentlich zu sechsen^), da ein Posten mit dem Amt des Vicekanzlers
gesagt, aber im Cod. Vat. 8888 f. 53' heiflst es : Abbreyiatores de prima viaione
qm debent levidere bullas in prima Tisione, aodpiunt neque yident boUas, ita
quod opus est, postquam bulle sunt plumbate, eas rädere, ita quod redduntur
deformate, das bedeutet doch eine üeberprfifnng, ob die Minute riditig mundirt
wurde.
^) Giampini l.c.l2§8, 17§1. *) Interessante Aufzeichnungen über solche
Jadieatmen (aus der zweiten H&lfte) des 15. Jahrh. finden sich in den von Mei-
naardos behandelten »Päpstlichen Formeldammlnngen* N. Arehiy 10, 68—71.
*) Nach § 1 dieser Constitution Eugens kOnnte man glauben, dase sich die Judi-
cafctir auf alle Briefe beziehe, aber schon in der Regel 61 Bonifaz IX. werden
in diesem Zusammenhang nur die L. gratiam vel iustitiam oontinentes aufgezählt,
die L de curia und secretae entgegengestellt In der That befinden sich auf den
Yon mir eingesehenen Briefen der letztem Art sowie bei manchen Commissionen
(L. minoris iustitiae?) keine derartigen Unterschriften. «) So wie am Ende des
18. Jahrh. der Gorrector litterarum apoetolioarum neben den Notarii rangirt
(s. oben S. 445), finden wir ihn jetzt mehrfach in engem Zusammenhang, ja fost
als Spitze des Parcus maior abbreriatorum genannt, so in den Const Calixt IIL
und Pius n. Giampini L o. 21 § 5, 6, 22 § 2, 4, 6 u. s.w. Auch in den Reform-
vorschlBgeB des Cod.Yat. 8888 heisst es: Corrector pamm soUicitat cancellariam,
wodurch eine Beziehung auf die Audienüa oontradiotarum ausgeschlossen erscheint ;
doch ergibt sich seine Amtsthätigkeit aus keiner der Constitutionen über die
AbbreTiatoren; was Cohelius Notitia cazdinalatus 208 und Giampini De Yioecanc. 181
sagen, ist ungentkgend. Dass der Posten ftbr die Ausfertigungen von grosser Be-
deotong war, zeigen die Geschenke, die ihm der Deutschordens-Gesandte macht,
Voigt Stimmen ans Rom in Ramners Taschenbuch 1888 S. 125. Ist etwa jene
Gorrectur der Minuten, wie wir sie in den Goncepten in den Arehetypa finden
(8. § 11), ihre Aufgabe oder greifen da schon die Secret&re ein? — Vgl auch
Diekamp L c. 528. *) Martin V. Constitution Ober die Kanzlei ,In apostolicae
diguitatis* B. R^ 4, 688 § 10: ad cancellariam litterarum iustitiae notarii, qui sex
ease debent, . . . debeant oonvocari.
80*
452 OttenthaL
yerbonden ist^). Ein fester gegliedertes Golleg wie die alten j&pet-
liehen Notare scheinen sie nicht zu bilden. Heisst es auch in der
Eanzleiconstitution Martin Y. ^Bomani pontifids' Ton den Notaren
,ad quorum officium plurimarum litterarum confectio et expeditio
pertinent*^'), so ergibt sich doch aus allen einschlagigen Verordnungen,
dass es sich nur um die Minuten der consiatorial verliehenen Pfründen
und der Litterae de iustitia handelt. Alle Bischofssitze und die Eloster,
deren Einkünfte nach der fEür den päpstlichen Zehent gemachten
Schätzung 200 Goldgulden überstiegen, wurden nicht auf Grund von
Suppliken, sondern im Gonsistorium vergeben^); sowie die Frotonotare
am Gonsistorium theilnahmen, so auch an der Expedition der dort
beschlossenen Briefe. Die Litterae de iustitia sind in Processsachen
erlassene Briefe^), der Gegensatz ist L. gratiae. Die Minuten dieser
Bullen zu fertigen wäre also Aufgabe der Frotonotare gewesen, aber
wie sie sich schon im 13. Jahrh. Ton den Geschäften immer mehr
zurückzogen^), haben sie allmählig den Stilus curiae ganz verlernt:
es wird trocken ausgesprochen: Notarii illas (litteras) per se fiu^ere
nequeunt, sed per abbreviatores fieri fiwjiunt^). Und zwar ist die Ein-
richtung getroffen, dass jeder Notar seinen eigenen 7) von ihm be-
stellten und von Fall zu Fall entlohnten Abbreviator hat, der aber
über seine specielle Tauglichkeit — er musste wegen der Justizbriefe
auch rechtskundig sein — durch eine von dem Vicekanzler aus den
1) Eugen lY. überträgt 1487 an den Cardinalpriester Franz Condolmer yio&-
concellariatum . . . cum protonotariatu iUi adnexo £ 2 f. 106'. ^ Giampini
L c 15 § 18 und in Eugens gldchnamiger Constitution L c 20 § 14. *) Martin Y.
Const. »In apostolioae« § 2, Leo X. Const. »Pastoralis officii« B. R. 5, 574 § 7. Ygl.
Bangen B. Curie 78. ^) So heisst es in der oben dtirten Const. Martin Y. § 10
von der cancellaria litteraxum iustitiae: Quodque in eadem canoeUaria litterae
executoriae super sententiis in Bomana curia latis, nisi • . ., minime possint expedixi;
und in der Constitution Martins für die Auditores rotae und Notare »Romani
pontificis* B. B.4, 718 § 80 Quoniam frustra ferrentur sententiae, nisi esaent qni
exequerentur easdem, ... et notarii dicte sedis qui illarum minutas deberent oon-
ficere, non conficiunt. Den näheren Inhalt übersieht man aus den einzelnen Posten
des Taxbuches bei Woker (Das Finanzwesen der Päpste) 167 De 1. maioris iustitiae,
178 Del. minoris iustitiae ; nur dass bei ersterer Abtheilung durch eine der beim
ganzen Abdruck nicht so seltenen Fahrlässigkeiten der Abschnitt De officüs deri-
corum etc., der mit dieser Rabrica beginnt, wie schon aus S. 189 zu ersehen ge-
wesen wäre, noch unter die L. i. maioris eingereiht ist. Formeln und Instruc-
tionen für solche Justizbriefe in den Bänden 8, 4, 5, 1 1 der von Meinardus behandelten
»Päpstl. Formelsammlungen des 15. Jahrb.* N. Archiv 10, 58 ff. — Die Theilong
in L i. maioris und minoris findet sich schon in der Const. Bomani pontificis
Eugens § 10. >) Diekamp Z. p. ürkw. Mitth. 4, 524. ^) Ciampini I. c.15 i 18.
^ Quilibet protonotarü suum debent habere abbreyiatorem Martin Y. Conat.
»Sanctissimua dominus*, Ciampini L c. 16, und ähnlich oft.
Die BuUeniegiBter Martin V. und Eugen IV. 453
übrigen AbbreTiatoren ernannte Commission früher geprüft wurde and
dann erst vom Eanzleicbef dem betreffenden Notar zugewiesen wurde ^).
Die GonsistorialproYisionen wurden, wie es scheint, an den ge-
wöhnlichen Kanzleitagen, die L. iustitiae in eigener Camera de iustitia
oder Ganoellaria iustitiae zu 14, 8 Tagen oder auch dreimal wöchent-
lich erledigt'), beide stets in Anwesenheit der Protonotare, deren
actiyes Eingreifen aber nur bei den ersteren sicher zu constatiren ist:
debent corrigere minutas promotionum seque a tergo litterarum sub-
scribere'). Die Taxe beider Bullengattungen gehorte den Proto-
notaren^).
Die Abbreyiatores notariorum wurden wol aus den Kanzlei-
abbreviateren genommen, es scheint das schon aus der Constitution
Eugens .Bomaui pontificis* zu folgen^); wo hatte man auch ausser
diesem Colleg Männer gefunden, welche alle die erforderlichen Eigen-
schaften, Kenntniss des Bechts und des Amtsstiles vereinten ?<^)
Das Concept kam dann in die Kanzlei der Ingrossisten, der
Seriptores litterarum apostolicarum. Dieses Colleg ist schon
zu unserer Zeit yollstandig einheitlich organisirt. Die Zahl der Schreiber
wurde gleich&Ils durch das Constanzer Concil fixirt, es sollten wie
seit altersher^ deren 101 sein^). Die Beduction sollte, wie in den
I) Const. »Bomani pontifids* Martin V. f&r die Kanzlei und gleicbnamige
£uge& tV. Giampini L c. 16 § 18, 14; 20 § 14: Item qma notarii . . . abbreTiatoree
. . . aliquando minus redpiunt peritos et ezx>erto8 . . ., statoimos, quod nnllas
notarius de caeiero in sanm redpiat abbreviaterem, -nid priua didd vioecancellarii
aocteritato per alioe nbi asBistentes abbreviateres eiaminatus foerit et appro-
batus et tamqnam talis per yioecanceUariam piaefatum ipei notario afldgnatas.
*) Martins Constitutionen »Sanotissimns dominns* Giampini 1. o. 16, »In apoeto*
licae« B. R. 4, 688 § 10, und »Bomani pontificis« § 8 (Eugens § 10). •) Const.
Martins »Sanctiasimus* L c ^) Nach der Constitution Plus IL > Vices ülius* soll der
Distribntor abbreriatorum die Taxen aller Briefe notiren ezeeptis L simplids
iustitiae ac proyisionum ecdesiaram et monasteriorum quae fiunt consistorialiter
et per protonotarios. Giampini 26 § 6. *) Gancellaria L iustitiae huiusmodi saltem
send in septimana . . . teneatur, ad quam noiarii dictae sedis, qui sex numero
esse debent eonunque et alii in formandis notis in iustitia vd in iure sufifidentes
abbreviatores, quorum nomina in pyctado abbreriaterum sint descripta, accedere
. . . debeant, leider ist nicht klar, ob nur die et alii oder alle Abbreviatoren, auch
die der Notare in dieser Amtsliste aufgenommen sein mussten. *) Dafür zeugt
audi, dass in Formelbfldiem der päpstlichen Abbreviatur sich Muster für L. gratiae
und L iustitiae yereint finden, es ist das Bd. 11 und 6 der yon Meinardus im
N. ArdL (10, 64 ff.) besprodienen. ') £ 7 f. 120 doneo . . . scriptorum numeri
ad antiquum eorum numerum, Tiddioet G et unius, reductio debita facta foret.
^ Hflbler Gonst. Bef. 170. Es ist natürlich ein Versehen, das (Kolleg der Serip-
tores L a. mit den erst 1507 von Julius II. (Gonst »Sicut prudens* B. B. 5, 458)
cresrten Scripteree ardiiyii Bomanae curiae zu yerwechseln, wie H. Anm. 17 thut.
454 Ottentharl.
Verleihungen öfter ausgesprochen wird, dadurch herbeigef&hrt werden,
dass nur mehr durch Todiall oder Besignation erledigte Posten besetzt
wurden, aber keine andern. Eugen IV. hat dann die altern Verord-
nungen über das Schreiberamt in der Constitution «Sicut prudens'
vom 7. Juni 1445 zusammengefasst^), sie ist unsere wichtigste Quelle.
Bis ins Detail wird da die Organisation festgesetzt, einen bedeutenden
Raum nimmt die Regelung der finanziellen Seite und die Verwaltung
der gemeinsamen Einkünfte ein. Das Amt war eine eintragliche
Finanzquelle für die päpstliche Kammer^), der Papst hatte daher allen
Grund, geordnete Geschäftsführung nach dieser Seite zu veranlassen.
So erklärt sich auch der fQr moderne Verhältnisse sonderbare Aus-
spruch, dass die von amtswegen, also gratis zu schreibenden Briefe
eine Last für die Schreiber seien (§ 13). Das Schreiberamt war lebens-
länglich, die Verleihung dem Papst vorbehalten; Vereidigung und Ein-
führung ins Amt war Sache des Vicekanzlers. Die einzelnen Glieder
des Collegs waren alle gleichberechtigt: ihrer aller Aufgabe war es
mit Ausschluss sämmtlicher andern Beamten allein die Mundirung der
Litterae apostolicae zu besorgen'). Sie müssen sich daher einer Auf-
nahmsprüfung in constructu et scriptura unterziehen (§ 4). Sie brauchen
ihr Amt nicht persönlich auszuüben, können auch einen Vertreter
unter ihren Amtsgenossen dazu nominiren (§ 16, 31), daher finden
wir auch auf der Flica der Bullen aussen rechts, dem für die Schreiber-
unterschrift gebräuchlichen Platz, oft zwei Namen statt änes, z. B.:
pro F. de Padua {i G. de Callio. Zur Regelung des Geschäftsganges
innerhalb des Amtes ernennt der Vicekanzler (§ 23) eine Reihe von
Chargen mit dreimonatlicher Amtsdauer. Ich erwähne nur jene, die
für uns Bedeutung haben. An der Spitze des Amtes steht der
Bescribendarius. Seine Aufgabe ist, die aus der Abbreviatur
übersendeten Minuten zur Reinschrift zu vertheilen, über rechtzeitige
Ausfertigung zu wachen, die mundirten Stücke zu taxiren, den
Schreibern das aus den Taxen resultirende Einkommen zu verrechnen
und monatlich auszuzahlen; er hat die Disciplinargewalt über seine
CoUegen (§ 8 — 15, 40). Ihm zur Seit^ steht der Gomputator, welcher
die vom Rescribendar vorgenommenen Taxirungen zu überprüfen hat
^j Beilage n^ 4. >) Der Deotschordena-Geistlichä Andreas Schönaa (Soonaw),
der zaerBt 1488 in den-Regiatern als Ingrossator erwähnt ist, hat diesen Posten
mit mehr als 700 Goldgolden bezaUt, Voigt Stimmen 147, und später als die
Curie wieder in yoUem Glanz dastand, hat Enea Silvio Piccolomini als Cardinal
erklärt, ein solcher Posten sei nicht unter 1000 Goldgulden zu haben. Brief
no 509 (Voigt Arch. t Ost. Gesch. 16, 417).
') Vgl. Beilage n» 4 § 66.
Die BuUenregister Martin Y. und Eugen IV. 455
(§ 17, 41), die beiden Auscaltatoren, welche die GoUatiou der Grossae
mit den Minutae vorzunehmen haben (§ 18, 42)^). Die niedrigem
Fonetion&re wählt das Golleg autonom.
Ich kehre nochmals zum Bescribendar zurück. Die Obliegenheit,
die Minuten zu vertheilen, soll einerseits den Scriptoren gleichmassigen
Verdienst, andererseits rasche Expedition der Curialbriefe sichern; da
mit Ausnahme ganz unbedeutender Stücke jedes vom Bescribendar
veriheilt werden und an ihn zurückgehen musste, wenn nicht ein aus-
drücklicher Befehl des Papstes anderes gebot (§ 29, 80), so waren damit
auch viele Schleichwege abgeschnitten. Das wichtigste für uns ist
aber die Taxirung, welche der Bescribendar nach der Taxliste Jo-
hann XXTT. und den Zusätzen Eugen lY. (§ 8) vorzunehmen hatte;
Briefe, für welche mehr als vier Oulden zu zahlen waren, darf er nur
mit Zustimmung der Deputirten des Gollegs taxiren, qui se pro fide
in plica subscribant (§ 9). Auch bei den «gratis pro deo' zu ex-
pedirenden Briefen ist er an Zustimmung und Unterschrift der Deputati
und Sindici defensores gebunden (§ 37). Wie verhält es sich nun in
den Originalen? Die Taxe steht in der linken untern Ecke des Briefes
durch die Plica verdeckt Bei den Originalen, welche ich bisher sah,
sind in der überwiegenden Zahl der Fälle autographe Unterschriften
beigefügt'), aber soweit die Begister Schlüsse zulassen, dürften sie
doch öfter gefehlt haben. Bald ist ein, bald sind zwei Beamte unter-
fertigt, häufiger namentlich unter Martin V. letzteres. Wo zwischen
den beiden Unterschriften stärkerer Unterschied der Tinte und der
Feder herrscht, ergibt sich immer, dass die Taxsumme vom Erstunter-
fertigten eingetragen ist Litteras ingrossatas taxare ist aber Aufgabe
des Bescribendars, während von dessen Unterschrift in der Constitution
Eugens nicht direct gesprochen ist. Es unterfertigt aber in der That
der Bescribendar, denn in § 1 der Constitution ist als Bescribendar
Ambrosius de Dardanonibus genannt, seine Unterschrift findet sich
wirklich gleichzeitig von April bis Juni 1445 bei der Taxe 3).
Der für die Datirung der Bulle massgebende Tag braucht aber natür-
lich nicht mit dem der Taxirung durch den Bescribendar zusammenzu-
&llen, beide können auch in verschiedenen Monaten liegen, und so
^ Eine Yergkichüng seiner Reinschrift mit der Minute hat auch schon der
Scngitot vorzunehmen. In der Confirmation NicolausY. »PastoraÜB ofßcii* (Cod.
8. (>oce in Oemsaleme n* 89 (BibL Vittorio Emanuele in Rom) sec. 17 f. 48:
Plneterea quod nnllus eomndem scriptomm litteras per eum scriptas restituat,
nifli prius cum nota ipsas auscnltayerit diligentcr et eas seoandum notam vel
minntam ocnrexeiit antedictam. *) Das Verhfiltniss ist S6 : 8. ^ E 10 f. 86,
50, 67', 80', 82, 86 (Apr. 8, 28, Mai 21, Jmd 6), £. 28 f. 128' (Apxil 15).
456 Ottenthai.
moss man denn die Amtsdauer des Bescribendars nicht nach dem
Datum der Bulle bestimmen. Es findet sich yielmehr oft das Datum
der Taxirung selbst angegeben. Der Bescribendar setzt links Yon der
Taxe und Unterschrift häufig noch einen stark abgekürzten Monats-
namen (feb., iuL, oct.), der nie vor jenen der BuUendatirung, wol aber
oft nach denselben fallt. Die Bedeutung kann, meine ich, nicht
zweifelhaft sein: der Bescribendnr hat monatlich den Schreibern die
Taxertragnisse auszuzahlen (§11, 14), er muss also auch seine Bech-
nungen und Bücher nach Monaten geordnet führen, und setzt nun
gewissermassen zur Gontrole den laufenden Monat, unter dem er die
Taxe eintrug, an den Band der Bulle. Nach diesem Haltpunkt be-
rechnet, geben die Taxunterschriften die yoUkommen zutreffende Liste
der Yon drei zu drei Monaten wechselnden Bescribendare, indem
während dieses Zeitraums stets je der gleiche Name bei der Taxe auf-
tritt. Da statutenmässig die lucrativen Aemter des Bescribendars,
Gomputators und Auscultators nur in Intervallen von zwei Jahren
bekleidet werden durften^), was man auch streng einhielt, ist eine
Verwirrung der Beihe durch unmittelbar folgende Wiederwahl der-
selben Functionäre ausgeschlossen*).
Die Bedeutung der zweiten Unterschrift weiss ich nicht sicher anzu-
geben. Den in der Constitution Bugens ftbr die Unterschriften der Deputati
und Sindici defensores angegebenen Normen entspricht sie nicht: von
beiden soll sich die Majorität unterfertigen, Deputati aber sind 4 — 8
(§ 19), Sindici 3 — 4 (§ 20), auf den Originalen ist unter der des
Bescribendars immer nur eine Unterschrift. Auch sollen jene nur bei
höher als 40 gr. taxirten Briefen unterfertigen, während ich mehrfach
bei viel höheren Summen nur eine oder gar keine Unterschrift, da-
gegen noch öfter bei niedrigeren Taxen zwei fand<^). Es wxurde also
0 S. Beilage n« 4 § 57. >) Aus den RegiBtem liessen sich natürlich reiche
Belege bringen, doch auch aus meinen Notizen über Originale lässt sich der
Wechsel ersehen: Datirung 1440 Mai 4, Tazunterschr. Mai Bonannns; D. 1440
Juni 6, TU. Juli P. de Vivianis; D. 1440 Sept. 9, TU. Oot M. de Bossis; D. 1440
Oct 10, TU. Nov. M. de Bossis.
") Ich gebe auch hier nur Beispiele aus Originalen:
1426 März 11 Taxe 40 grossi ohne ünterschr.
1428 M9xz 11 ,
> 40 ,
» ohne ünterschr.
1485 Sept. 2S ,
» 200 ,
» eine ünterschr.
1417 Deo. 18 ,
2 1
, Ewei ünterschr.
1427 Juni 22 ,
> 4 1
> » >
1440 Oct 10 ,
> 12 ,
» » >
1488 Febr. 2 ,
> 18 ,
► » >
1440 Sept 20 :
. 22 ,
* > »
Die BnUenregister Martin Y. und Eugen IV. 457
die beKttgliclie Yerordnang Engen IV. nicht darchgefthrt, das Jahr
1445 bezeichnet in der herkömmlichen Praxis keine Aenderong, erst
unter Siztos lY. &nd ich öfter drei Unterschriften bei der Taxe. Die
zweite Unterschrift bleibt fast ausnahmslos f&r je eine Beecribendar-
epoche gleich, höchst wahrscheinlich ist es ein Yertreter der Depatati
(oder yielleicht der Gomputator) ^).
Die Taxirung durch den Bescribendar ist f&r den weitem Verlauf
der Beurkundung namenUich darum wichtig, weil die yon demselben
calcolirte Taxe auch f&r die andern Bureanx, f&r die Abbreviatur,
Bdllarie und das Begister massgebend war^. Dass die Abbreyiatoren
gleiche Taxe erhielten, ist in deren Gonstitationen mehr&ch aus-
gesprochen^), daher kann auch eine Abänderung oder Aufhebung der
Taxe im allgemeinen nicht mehr stattfinden, si iudicate fuerint per illos
de paroo maiori (§ 85).
Das dritte Amt, welches bei der Expedition der Papstbriefe be-
theiligt ist, ist die Bnllaria, das Siegelamt Hier existiren zwei
Cüassen yon Beamten: die Gustodes bullae oder Bullatores^) und die
Fratres barbati oder Plumbatores. Erstere haben die Taxen ftbr die
Besiegelung zu computiren und zu erheben^), die Fratres barbati
waren Gistercienserconversen, deren Aufgabe die BuUirung selbst war^).
Die Münze, in der die Taxe berechnet wurde, ist auch jetzt noch wie bei
Johann XXEL (Biekamp L c 4, 510) der GrossuB, und zwar 10 gr. = 1 Qoldgolden
(§ S8). Die Schreiber erhalten die Entschädigong für Ungere Curialbriefe und
zahlen kleinere Strafen in Groachen (§ 18, 29), M 5 f. 285' iat die Bulle bezeichnet
alB in grossa tazata ... ad XL gr. papalee.
*) In den erst später redigirteu Statuten der Scriptores (S. Beilage n^ 4)
heiast es : Si littere taxantor ultra XL grossos, äubscribantar per unum ex depu-
tatis, ut cayetor supra in constitutione »Item qaotiens occurrent* (= § 9 der
Consl). Plettenberg Notitia congregaiionum et tribunalium ouriae Romanae
(Hildisiae 1698), der natörlich den Gebrauch seiner Zeit im Auge hat, sagt S. 861 :
Bulla . . . taxatnr per rescribendaiium, taxatae suam manum apponit oomputator.
*) VgL Woker Finanzwesen der P&pste 82. — Daher finden wir andererseits in der
Kanzlei der Scriptores die beiden tenentes librum taxarum in plumbo, welche an
den Tagen der BuUimng die daselbst erhobenen Taxen yerzeiolmen, um so eine
Goniroie zu haben, fiüls sich bei der monatlichen Verrechnung Ixrthümer ein-
gesohliohen h&tten (§ 22, 40). <) So in der Const Pius IL »Yices illius« Ciampini
1. a 26 § 4 ; Emolumentum vero quod habebunt LXX abbreyiatores . • . ait una
taza aequalis taxae quae dator pro grossa scriptoribus. Dass das mit der Praxis
stimmte s. § 8. ^) Der erstere Aufdruck in dem bei Ciampini nicht aufgenommenen
Paragraph Über dieses Amt in der Const. Martins »Romani pontificis*; der letztere
umfiusendere in der Const »In apostolicae« B. R. 4, 684 § 12. «) So heissen
sie denn auch im Cod. Yat. 8888 Magistri seu taxatores in plumbo. ^ Bangen
fi. Curie 446. Zuerst erwfihnt finde ich einen solchen MOnch unter Nioolaus Y.
Beg. n' 887 f. 261 Jaoobus Alojs. Sdiiacca oonversus ord. Cisterdensis, litterarum
458 Ottenthal.
Nicht zu yerwechseln mit den taxirendeu Magistri plumbi sind
die Taxatores litterarum apostolicarum, die gleichfalls ihren
Sitz in der Bullaria gehabt haben müssen. Die altern Kanzlei-
constitutionen erwähnen sie nicht, obwol wir deren Unterschriften auf
den Originalen unserer Zeit finden. Am klarsten spricht sich ein
Reformyorschlag des Cod. Vat. 3883 f. 72 aus: In bullaria plumbi
fnerunt inter alios officiales iam diu per pontifices tres deputati pro
tempore quos taxatores appellarunt, ad eum finem ut diligenter bullas
que expediuntur per cancellariam, inspicerent, ne ipsi pontifices malicia
rescribendariorum debito suo fraudarentur et demum, ut in bollis
manus apponerent cum prefiiite (?) äugende (?) taxas cancellarie quo
minus debito per rescribendarios taxate forent. Hier handelt es sich
um die Taxirung der Briefe im allgemeinen, nicht um jene ftü: die
Bullirung wie bei den Magistri plumbi. Die gleiche DiiETerenz zeigt
sich auch bei den Emennungspatenten in unserer Zeit: Bartholomeus
Dellante de Pisis, apostolice camere clericus deputatus taxator litterarum
apostolicarum in bullaria iurayit etc. (1422) i); 1436 befiehlt der
Cardinalkämmerer taxatoribus et bullatoribns, ut partem fiructuum ex
officio taxationis dictarum litterarum, quam temporibus preteritis B. Del-
lante percipiebat, lustino de Planta adyocato consistoriali dictarumque
litterarum taxatori ... zu Übergeben'). Beiden gemeinsam pflegt die
Weisung ertheilt zu werden, Briefe weiter zu expediren^).
Der fiscalische Zweck dieser Institution ist aus der oben citirten
Stelle des Cod-Yat. 3883 hinreichend klar; damit hängt es ohne Zweifel
zusammen, dass man hohe Kammerbeamte zu diesem Amte wählte^),
apostolicarum bullator. Woker macht diese armen MGnohe aowol im Commentar
(84) wie im Abdruck des Taxbuches zu fratres barbari! — Mit diesem Amt war
auch die Pflicht yerbunden die verstorbenen Päpste einzubalsamiren. Oido Rom.
XIV. in Mabillon Museum Italicum 2, 529.
1) D. C. 8 f. 156'; f. 78' ist das gleiche gemeldet mit den Worten B. D.
reoeptus fuit ad officium taxationis bullarum. ') D. C. 19 f. 178. Aehxdich
befiehlt er f. 19S' taxatoribus 1. a. ut Nicolaum de Forlivio taxatorem dictarum
litterarum ad officium suum . . . admittatis, 1440 ergeht ein ähnlicher Befehl an
Taxatores et bullatores 1. a. betreib Petrus de Comitibns decretoram doctor et
oamere apostolice clericus, der ad officium taxatorie dictarum litterarum ernannt
war D. C. 20 f. 152. *) So ergeht ein Mandat an die Taxatores et bullatores
litterarum apostolicarum, nt bulLas Regia Castelle in bullaria d. pape existentes
ad MDXXYIII flor. taxatas expediatis et ad registrum transmittatis D. G. 7 f. 89.
Beide Aemter werden nebeneinander genannt, wenn der Befehl auch an abbrevia-
tores, scriptores, correctores und regi^tratores geht D. C. 9 £ 8. *) loh kenne
1417—1447 ftinf Taxatores, einen gewissen Alfinus nur aus Untersohriften in
Originalen, von den andern waren B. Dellante und Petrus de Comitibua Kammer-
dleriker, Justinus de Planta hat seine Carridre auoh in der Kammer gemaoht
Die BuUe®iflter Martin Y. und Engen IV. 459
dass dieeelben den Diensteid in die Hände des Kämmerers abzulegen
hatten 1). Das Detail der Geschäftsfbhrung kenne ich nicht naher, es
war jedenfialls yerbondeu mit einer Leetüre der betreffenden Briefe,
das Amt wird wiederholt bezeichnet als Officium taxatorie et lectionarie
buUarum (litterarum) apostolicarum*). Kach einer spätem Quelle sollte
sich ihre Thätigkeit auf die per cancellariam expedirten Briefe be-
schränken, doch trifft das f&r unsere Zeit noch nicht ganz zu^). Die
Taxatoren hielten regelmässig Dienstag, Donnerstag, Samstag Sitzung
ZOT Erledigung ihrer Arbeiten^); die Zahl der gleichzeitig im Amt
befindlichen zu constatiren, reichen meine Notizen nicht aus. Wichtiger
f&r unsere nächsten Zwecke ist, dass in manchen Fällen der Taxator
sich rechts vom Taxvermerk des Rescribendars unterfertigt mit An-
gabe von Jahr und Tag der Expedition. Die Formel ist ständig, z. B.
Expedit in. non. dec j{ anno XIII. K. de Astis. Die specielle Be-
deutung dieser Unterschrift und warum man sie nur in gewissen
Fällen anbrachte, weiss ich nicht^).
denn er war unter Johann XXIII. looamtenenH camere ac curie camere generalis
anditoris (D. C. 8 f. 19), sein Nachfolger dagegen Christophonxs Rogeriun scriptor
penitentiarie Reg. Nicolai Y. n^482 f. 188\> die frfthere Stellung des Nicolaus
de AsÜB de Forlivio kenne ich nicht; Aber P. Parriichaimis s. Anm. 8.
i) Im Bestallnngsbrief des F. de Comitibus E 2 f. 181' Volnmus quod ante-
quam dictum officium exercere incipias, in manibus camerarii solitum prestes in
forma iuramentum. Doch standen sie nach den Kanzleiregeln Martin Y. auch in
gewisser Abhängigkeit vom Yicekanzler, s. unten Anm. 6. *) So £ 2 f. 181' das
Ton Nie de Astis und F. de Comitibus bekleidete Amt, so R. 482 f. 188' lustinus
de Planta tazator et lectionarius bullarum. Wenn 144S der Eammemotar P. Parvi-
iofaannis ad officium lectorie bullarum ap. in bullaria apostolica more Romane carie
bnllatarum depntirt wird, gehört er sicher ins gleiche Amt, denn seine Aufnahme
wird tazatoribus et buUatoribus dictarum bullarum apostolicarum befohlen. YgL
auch unten Anm. 5, sowie § 8. *) YgL die oben aus Cod. Yat. S888 und
die in der zweitfolgenden Anm. dtirte Stelle; ich kenne auch zwei per cameram
expedirte Originale mit solcher Unterdchiift, vgl. § 7. *) Ygl. die § 8 vor-
gebrachten Gründe ftbr die Beziehung der Rechnungsbücher des 8t. de Prato auf
die Taxatoies litterarum apostolicarum. *) In den Regeln Martin Y. Yen der
Hardi 1, 984 heisst es: Item quod in quibuscunque litexis snper gratüs benefidali-
bna in bulla per unum ex lectoribus scribatur in plica literae poet taxam dies
menais per calendas nonas yel idus et deinde in registro scribatur dies mensia et
aniraa modo oonsimili. Et huiusmodi literae de registro tradantur parti. Et
qnod snper hoc lectores et registratores et eorum derid praestent in manibus yice-
ca&cellarii iurameotum. Et qnod huiusmodi scriptnrae stetnr et plena fides ad-
hibeatnr in iudido in Romana coria et extra. Damit kann dodi nur diese Unter-
schrift der Tazatores oder Lectores, wie de hier heissen, in bnllaria gemeint
aeÜD. Der Zweck derselben ergibt dch andi hier nicht, der yoranagehende uncl
nachfolgende Abeats hat keinen Bezug darauf.
460 Ottenthai.
Ich yersuche nau noch den Gang der Beurkundung per canoel-
lariam in chronologischer Beihenfolge zu schildern. Der Act (in der
Begel also die Supplik) wurde an den Yicekanzler oder Begens can-
cellariam geschickt, der ihn durch den Senescalcus cancellariae'), das
Vermittlungsglied zwischen den einzelnen Bureaux im Einlaufisjoumal
yerzeichnen') und dann den Abbreviatoren der Beihe und den Fähig-
keiten nach zutheilen lässt. Auf Orund dieses Actes fertigt der be-
treffende Abbreyiator die Minute an^), welche oft, wenn der Goncepts-
beamte niedriger Ordnung des Kanzleistils noch nicht ganz mächtig
war, Yom Abbreyiator de parco maiori corrigirt werden musste^).
Wieder an den Senescalcus zurückgestellt, wird das Goncept durch den
Sollicitator oder Procurator der Partei in die Kanzlei der Ingrossisten
gebracht^). Daselbst werden die Minuten vom Bescribendar in Emp&ng
genommen, nach der Beihenfolge der Schreiber im ofßcieUen Kanzlei-
yerzeichniss denselben zugetheilt, respectiye den standigen Substituten
derselben, nur die Zierschrift konnte durch Lohnschreiber gemacht
werden^). Hat der Ingrossist sein Operat mit der Minute yerglichen
und sich auf der Plica unterfertigt, so kommt es an den Bescribendar,
der es allein oder in wichtigem Fällen unter Beiziehung der Deputati
und Sindici defensores tazirt und unterschreibt, der Gomputator revi-
dirt die Taxe, die dann yon der Partei an den Bescribendar (oder den
betreffenden Schreiber?) erlegt wird^. Darauf reyidiren die Aos-
cultatores die Correctheit der Beinschrift und die kanzleigerechte Aus-
') Das Amt des Senescalcus oder Castos cancellariae wurde stets duroh einen
Sciiptor bekleidet und war wenigstens seit 1489 lebenslAngUch. In diesem Jahr
yerleiht es Engen lY. dem Scriptor 1. a. Andreas de Pftllasago (te eznunc per-
petumn seneecalcum . . . cancellarie fadmus) £ 80 f. 874, 1445 dem scriptor et
abbreyiator St. de Indidbus de Yarisio quamdin in humanis egeris, nachdem es
inzwischen Barth, de Novaria innegehabt hatte E 2 f. 857'. ') Martin Y. und
Engen lY. Const. »Romaai pont.* Ciampini 1. c 14 und 17 § 5. *i Ein Goncept
ist regelmässig yoransznsetzen, directe Fertigong der Beinschrift nach dem Act
(Mnnch-L&wenfeld 82) kann nur Ausnahme gewesen sein. In allen Constitaiionen
wird die Expedition so geschildert, dass zuerst eine Minute angefertigt wird, die
dann erst den Beinschreibem überbracht wird; der Scriptor hat seine Groeaa
mit der Minute zu vergleichen, nie ist yon Yorlage der Supplik an den Bein-
Schreiber die Bede, und gerade bei gradösen und justiciellen Briefen ist auch von
dem Goncept die Rede. *) YgL oben 8. 450 Anm. 10. *) Die Protonotare er-
hielten ihre Qeschfilte wol auch durch den Yicekanzler zugewiesen, da sie froher
förmliche Eaazleibeamte waren, ausser der Abbreviatur ist die Expedition der
yon ihnen zn erledigenden StQcke gleich den übrigen, in diesem Amt treten sie
theilweise an Stelle der Abbreviatoren. ^) Beilage n^ 4 § 66. ^ Nicolans V.
in der Gonst Pastoralis ofBcii (vgl. S. 455 Anm. 1) Sciiptores . . . litteras rescciben-
das . . . impetranti eas satisfiuHione premissa restituere . . . habent.
Die Bnllenregisier Martin V. und Eugen IV. ' 401
feridgung bis ins Detail^), leiten eyentaell den Brief zur Correotur oder
neaerliehen Hundirong an den Schreiber zurück'). Jetzt kann die
lättera, wenn niebt ein specieller Befebl des Papstes früher anders
geboten hat, an die Abbreviatur zurückgehen. Wieder tragt sie der
Senescalcus cancellariae in sein Einlaufsjoumal ein, um sie der Beihen-
folge nach, immer Torausgesetzt, dass kein gesetzliches Hindemiss ob-
waltet oder der Leiter der Kanzlei «ex rationabili causa' andere Folge
der Erledigung anordnet^), allmählig zur Expedition zu bringen. Zu*
erst kommt sie an den Abbreviator primae visionis, welcher sie, wie
ich yermuthe, mit der Minute yergleicht und signirt^), dann wird sie
in den parcus maior gebracht und mit der Supplik verglichen^), die
Einhaltung des Stilus curiae geprüft; kleinere Versehen konnten hier
gebessert werden^), sonst aber musste der Brief nochmals an den
Beinschreiber zurück. War der Fall complicirt, entschloss man sich
auch hierzu nicht schnell, sondern conferirte erst noch mit den Audi-
tores rotae und andern Fachleuten^.
Gieng alles glatt ab, so brachte der Senescalcus den Brief an den
Vicekanzler oder dessen Stellvertreter zur üblichen Signirung. Nach
Bezahlung der Taxe kam der Brief in die Bullaria zur Besiegelung
und (revidirenden) Bestimmung der Oesammttaxe. Endlich kam der
Brief noch eventuell in die Audientia litterarum contradictarum und
dann, wenn kein Einspruch erhoben wurde, konnte er — der Zeit-
punkt der Begistrirung bleibt hier absichtlich unberücksichtigt —
endlich dem Destinatar ausgehändigt werden.
§ 5. Ezpeditio per seoretarios.
Hanfig finden wir auf den Papstbriefen die Unterschrift aposto-
lischer Secretare. Ihre Thatigkeit und Stellung fallt nur zum geringern
Thefl in den Bereich der Guioellaria, ihr Antheil an der Ausfertigung
*) Dass die Thatigkeit des Auscultator zuletzt fiUlt, ergibt sich aus § 42 der
Beilage n^ 4, der auch schon die Unterfertigung des Schreibers voraussetzt, im
Gegensatz zum Gebrauch des 18. Jahrh. s. Diekamp L c. 4, 527. *) Scriptores
. . . non veniunt ad canoellariam ... et sie, si necesse est corrigere bullam, est
opus, sit manu diversa. Cod. Vat. 888S. Dass der Schreiber selbstverschuldete neue
Mundirung zu besorgen hatte, besagt die Const. Eugens Beilage 4 § 28. *j Giam-
pini 1. c. 17 § 1. «) Cod. Vat. 8888 f. 54 Abbreviatores de paroo maiori . . .
ponant nomen suum supra nomen abbreviatoris prime vitdonis yel alibi. ') Nach
dieser Amtsthätigkeit sind M 11 f. 205 die Unterschriften der Abbreviatoren als
die der »Auscultaiores« bezeichnet. ^ Beilage n<> 4 § 66. 7) Cod. Vat. 8888
Consuevenmt abbreviatores de parco maiori Ringiilis diebus et similiter auditores
rote [convenire? in canoellaiia] et disputabantur ibi diebus quibus non tenebatur
cancellaria neque roia, dubia et fiebant doctL
462 OttenthaL
päpstlicher Briefe und Erlässe fordert daher eine zusammenhängende
Behandlung. Auch diese Institution hat ihren Anüäng in Avignon
genommen^). Die Stellung der Secretare war anfangs offenbar eine
unserem BegrifiP yon Secretär (a secretis, ab epistolis) ganz entsprechende
zunächst private; auch später noch erlosch das Amt mit dem Tode
des Papstes, in den Constitutionen Martins und Eugens, welche Beform
der Eanzlei betreffen, ist ihrer nicht eigens gedacht, die Verhaltniase
der Secretare als Corporation scheinen &ctisch erst durch lunocenz Ylil.
geordnet worden zu sein.
Die Secretare bekleideten Vertrauensposten dem Papst gegenüber,
sie standen in beständigem directen Verkehr mit ihm, es entwickelte
sich wol ein persönliches Verhältniss zwischen beiden, wie wir das von
B. Boyerella unter Eugen IV. oder von Pier da Noceto unter Nico*
laus V. hören. Der erstere war zugleich Cubicularius des Papstes, das
bezeichnet die Stellung sattsam.
Schon früh suchte man berühmte Schriftsteller zu diesem Amt
heranzuziehen: Petrarca wurde fElnfmal ein Secretariat angetragen, er
konnte sich aber zu dessen Annahme nie entschliessen oder stellte zu
hohe Forderungen^;. Coluccio di Pier de Salutati, Zanobio da Strada,
lionardo Bruni (Aretino) waren päpstliche Secretare; kurz neben
juristischer Bildung, auf die man offenbar auch zur Zeit Martin V.
noch Gewicht legte, gab vor allem die Tüchtigkeit der Feder den
Ausschlag. Die aus den Priyatbriefen herausgebüdete minder feier-
liche Beurkundungsart der Breven (Litterae in forma breyi) lag natur-
gemäss yon Anfang an im Wirkungskreis der Secretare, yon einem der
ältesten, Zanobio da Strada, ist noch ein Band Breyen erhalten^). Die
Expedition derselben yom Beurkuudungsbefehl bis zur Begistrirung
und Aushändigung an die Partei erscheint auch in allen späteren
Constitutionen als ihre besondere Aufgabe, in der ersten Hälfte des
15. Jahrh. haben sie auch ohne Zweifel theilweise noch selbst die Rein-
schriften gemacht^).
Daneben bildeten die Secretare das Pressbureau der Päpste, wenn
ich mich so ausdrücken darf; ich erinnere nur an die giftigen In-
^) Es wäre wol eine lohnende Aufgabe, den Anföngen und der Entwicklung
des Secretariats bis zu Martin V. herab nachzugehen; ich kann auch hier ffüat
das 14. Jahrh. nur einzelne Notizen geben. *i Voigt Wiederbelebung 2, 4.
>) Voigt Wiederbelebung 2, 6. *) Im Staatsarchiv zu Florenz sah ich ein
Breye von 14S9 Dec. 14., das von Poggio selbst geschrieben ist, ein anderes
gleicher ProYenienz von 1487 Jan. 6. ist von ihm blos unterfertigt. Eigene Breven-
Schreiber setzte erst Alezander VI. mit der Constitution »Com ad sacxosanctae«
von 1508 Apr. 1. (Cod. Vat. S747) ein. Vgl. auch S. 47 i Anm. U.
Die Bnllenngisier Martm V. und Engen IV. 463
veetiyen Poggios gegen das Basler Oondl. Gerade für solche Zwecke
brauchte man die besten Federn, namentlich im Zeitalter des Humanis-
mos, das aaf Schönheit des gesprochenen und geschriebenen Wortes
den Hauptton legte. So strömten die schöngeistigen Literaten der
neuen Bichtung eifrig dem Secretariat zu, das ausbrechende Schisma,
der dadurch entzündete Kampf, welcher yom CSabinet des Fürsten bis
zur breiten Masse des Volkes herabstieg, musste ihrer Feder, dem
diplomatischen Geschick, das sie sich mindestens zutrauten, doppelten
Werth verleihen. Man wird die grössere Einflussnahme der Secretäre
auf den Geschäftsgang, die damit zunehmende Einträglichkeit ihres
Amtes wenigstens vermuthungsweise mit dem Schisma in nahe Ver-
bindung bringen dürfen.
Doch diese Thätigkeit kann hier nur gestreift, nur im allgemeinen
auf den Stand und Bildungsgrad der Secretäre hingewiesen werden.
Wir haben uns weiterhin mit Ausschluss der Breyen nur mit ihrem
Aniheil an der Expedition der Fapstbriefe sub plumbo zu beschäftigen,
welcher sicher bis in die Zeit Gregor XI. zurückreicht Das äussere
Kennzeichen desselben ist die Unterschrift des Secretärs am rechten
Bande der Bulle unter der Plica; dieser anfimgs gewählte Standort
wurde dann jederzeit beibehalten. In zufallig mir bekannten Originalen
finde ich solche Unterschrift seit den ersten zwiespältig gewählten
Ripsten Clemens VH und Urban VI. Schon seit dieser Zeit scheinen
sie sich wesentlich in jener Stellung befunden zu haben, in der ich sie
unter Martin V. naher nachweisen kann. Sie haben da die Expedition
1. gewisser Indulte per cancellariam, 2. von Verleihungen und Curial-
briefen per cameram secretam.
Ich beginne mit ihrer Thätigkeit in der Kanzlei, obwol
sie die jüngste ist: Martin V. übertrug den Secretären aus finanziellen
Gründen die Expedition von Verleihung des Notariats, der Benutzung
Yon Tragaltären, der Erlaubniss, Messe an interdicirten Orten und
vor Tagesanbruch zu lesen, der Gonfessionalien und aller Ablässe^).
In Folge dieser Begnadigung hatte also der Vicekanzler die ein-
laufenden yom Papst signirten Suppliken solchei: Indulte den Secre-
tären zu übergeben, welche die Concepte machten oder machen
1) Ich kenne diese Bewilligimg nur aus der Insertion der genehmigten
Snpplik in der Balle Innooenz VIII. ,Non debet reprehensibile* von 1487 Dec. 81.
B. R. 5. SSO ff. § 15. Diese Bolle ist Oberhaupt die yorzügÜch^te Quelle unserer
Darstellung, ältere Constitutionen f&r die 8ecret&re sind nicht bekannt, alle curialen
Schriftsteller knüpfen erst an die^e an. (Die yon CoheUus Notitia ciiirten Werke
Ton Zeochins De repnblica ecdesiastica und von Vestrios Practica waren mir un-
zugänglich, scheinen auch nach den Gitaten nichts weiter zu bietea.)
464 Ottentbai.
liessen^) und dieselben, nachdem sie mundirt waren, in der Kanzlei,
wie aoBdrücklich betont wird, zu überprüfen, zu signiren und endlich
dem Yicekanzler zur Expedition an das Siegelamt zu überreichen hatten.
Die Secretäre traten also hierin vollständig an die Stelle der Abbreyia-
toren^), es handelte sich dabei um die Abbreviatorstaze, Martin nennt
ea eine Goncessio super certis emolumentis per eosdem (secretarios) de
nonnuUis minutis percipiendis und auch Innocenz Vlil. betont, daas
(minutae) cum inde proyenientibus tazis et emolumentis an die Secre-
täre kommen sollen^). Die mir bekannten Originale solcher Briefe
stimmen damit vollkommen überein, d. h. sie haben stets Unterschrift
der Secretäre, nie solche von Abbreviatoren. Dass bei einzelnen auch
die »Signa expeditionis ' des Vicekanzlers stehen, beweist gerade die
Expedition in cancellaria. Mit dieser Thätigkeit in der Gancellaiia
hängt es femer zusammen, dass die Secretäre semper hactenus fiierint
etiam cancellariae nostrae apostolicae membra und daher auch vicecaucel-
larium in eorum caput recognoscere et reputare debeant (§ 5), wahrend
sie doch durch den Kämmerer vereidigt werden, daher hatten sie
nach den spätem Statuten auch mensarii qui in banco dictorum
secretariorum a prindpio ipsius cancellariae usque ad finem sedere
teneantur^).
Darauf beschränkt sich die Thätigkeit der Secretäre in der Oan-
cellaria, dagegen expediren sie viele Briefe per cameram. Um
jedem Missverständniss vorzubeugen, will ich gleich bemerken, dass
es sich nicht um das Amt der Beverenda camera apostolica, die aus
dem Schatzamt herausgewachsene Behörde handelt, sondern um die
Gabinetskanzlei des Papstes. Wol werden beide häufig schlechtweg
Camera geheissen, aber oft ist auch im Zusammenhang mit Bullen-
expedition die obige Bedeutung von Camera scharf genug hervor-
gehoben. Sie heisst dann Camera secreta, so gerade wiederholt in
*) Das folgt namentliöh aus dem Passus etiamsi . . . snpplicationes . . . ali-
quibus abbreviatoribus distributae eesent; auch im Cod.Yat. 8888 ist das noch
erwfthnt: Secretarii qni habent toxas mazime indulgentiarum . . . oonfessionalium,
non fadunt minutas et partes cognntur ire ad abbreviatores de parco maioii.
>) Dass also diese Briefe keiner Unterschriften der Abbreviatoren bedürfen, ist
auch noch in Leo X. Const. »Snmmi bonorum* 6. R. 5, 682 § 2 ansgesprochen.
*) In den Const. für die Abbreviatoren ist auch ausdrücklich die Rede von den
taxae litteranim quae per secretarios nostros in eadem cancellaria expedi-
untur, ex quibus abbreviatores ipsi non participabunt. Ciampini L o» 86
9 6. Aehnlich Const Sixtos IV. »Divina aeterna« B. R. 5, 254 S 9. «) Ood.
Vat 8749 f. 118. Der Codex enthält die Constitutionen für die Secretftre von
Innooens VIII. bis Alexander VL, am Ende die Statuten, die in dieser Fassung
daher wol erst in das 16. Jahrh. gehOren werden.
Die Bollenregister Martin V. und Eugen IV. 465
der Constitution Innocenz VIII.^); im Begister Nicolaus Y. n^ 386
f. 70' ist eine Supplik eingetragen mit der Bemerkung: Et super ista
sapplieatione fiierunt confecte bulle et ezpedite per cameram per
d. Petrum de Nozeto secretarium et fuerunt Scripte per L. de Castel-
liono — und am Schluss: Sic concessit dominus noster in presentia
mea P. de Nozeto in camera sua'). Die Erledigung der durch das
Cabinet des Papstes gehenden Schriftstücke ist also die eigentliche
Aufgabe der Secretare; daher ist ihrer auch stets gedacht, wenn
Auftrage bezüglich Briefen ergehen, die tam per cancellariam quam
per cameram erlassen werden.
Zu den per cameram ezpedirten Briefen gehören zunächst viele
De curia ausgestellte. Als eigentlicher Geschaftskreis der Gancellaria sind
in den Constitutionen und in den Begulae cancellariae stets die Bullen
für die ,a sede apostolica gratiam vel iustitiam obtinentes'' erwähnt <),
danach ist dort das ganze Yer&hren, namentlich die Judicatur im
Parcus maior (Controle über Einhaltung der Eanzleiregeln) eingerichtet.
Der Inhalt der L. de curia ist ein anderer, er berührt sich yiel-
&ch mit den von den Secretären ausgefertigten Breven, ist nur theil-
weise durch herkömmliche Formeln eingeengt, die Ab&ssung der-
selben erforderte oft grossere stilistische Gewandtheit, da auch das
Gros der auf Politik und Verwaltung bezüglichen Stücke (soweit sie
noch sub plumbo erlassen wurden) hierher gehört^).
Dass nun diese Stücke einer andern Behandlung unterliegen,
zeigt schon eine Begel BoniJEiz IX. (61), wonach littere buUa nostra
bullate . . . gratiam yel iustitiam continentes . . . que non fuerint ex-
pedite per cancellariam et que non habeant signa consueta cancel-
larie, . . . reputentur nulle . . ., exceptis dumtaxat litteris de curia et
secretis. Die Ausnahme muss sich doch auf die Expedition durch die
Kanzlei und auf die Unterschriften dei Abbreyiatoren beziehen. Noch
deutlicher heisst es in der Constitution Sixtus lY. .Quoniam regnan-
tium*: Preterea cum expeditio buUarum que non sunt de curia,
per cameram yideatur potius adinyenta pro partium subleyatione quam
pro iniuria alten inferenda. Hier ist also die Expedition der Curial-
briefe durch die Kammer direct ausgesprochen, und zwar nicht als
Begünstigung oder Ausnahme^).
>) § 2 Litterae apostolicae quae per eosdem secretarios tam in canoellaria quam
per cameram secretam pontiücis ezpediuntur; § 8 Plumbatores teneantor
bullas . . . per dictam cameram nostram secretam expeditas . . . portare
ad gecretariam eandem. *) Ueber Camera = Wohnzimmer des Papstes, s. auch
Phillips K. B. 6, 40S. >j So in der Einleitung zu Eugen IV. Const. »Romani
pontificis« Ciampini 1. c. 17. *) Vgl. § 9. ») Vgl. Voigt Enea Süvio 2, 288:
MittheUoDfen, Erg&nzangtbd. I. Sl
466 0;i;teiithaL
Allerdings ist in der grossen Constitution Innocenz VIIL sowie
in den folgenden Privilegienbestatigungen f&r die Secretäre dayon keine
Bede, wir können aber bei vielen Verordnungen für Eanzleicollegien
bemerken, dass yor allem jene Momente heryorgehoben werden, die
mit den Taxen und Emolumenten derselben zusammenhängen, wäh-
rend deren eigentliche Amtsobliegenheiten mehr in den Hintergrund
treten. De curia-Briefe aber ,de sui natura gratis scribende sunt'.
In diesem Zusammenhang hören wir auch zuerst yon der Expedition
derselben durch die Secretäre. Die Ingrossisten hatten die Aas-
fertigung der L. de curia zu sehr yernachlässigt, eine strengere Ver-
ordnung Urban V. war unausgeführt geblieben, daher bestimmt Gre-
gor XI. quod (scriptores) litteras de curia et alias de nostro . . .
mandato gratis scribendas . . . schbere . . . non postponant et post-
quam illas scripserint, ipsas mittant secretariis, qui
minutas fecerint^). Also die Secretäre machen die Gonoepte der
Curialbriefe und überprüfen sie wie bei der Expedition in der Gan-
cellaria die Abbreyiatoren, das ist offenbar der Zweck der Bückstel-
lung. So nennt sich auch Poggio in einem Brief an Niccolo Niccoli
nur den Verfasser, nicht den Urheber einer Constitution gegen die
Minderbrüder, die nach ihrem Inhalt offenbar «de curia' zu expediren
war*). Andererseits finden wir ja der Judicatur der Beinschriffen
durch die Abbreyiatoren entsprechende Subscription der Secretäre seit
Clemens (VU.) gerade bei der weitaus überwiegenden Zahl der De curia
erlassenen Briefe.
Doch sind manche auch in der Gancellaria expedirt worden, nicht
»Dagegen haben wir yon Pias (II.) eine Reihe yon Bullen und Breyen, die nicht
aus der Cancelei sondern aus dem Cabinet des Papstes heryorgiengen und zum
Theü sogar aus seiner Feder.*
'} Const »Statutum per felicis« B. B. 4, 565. Ich fand diese Bulle nur in
der Turiner Ausgabe des B. B. Der Text id yerstümmelt, der über die Yerthei-
lung der Minuten an die Scriptoren handelnde Satz wird erst durch eine Ergän-
zung yerstftndlich, wie ich sie nachstehend dem Sinne nach zu machen suche.
Statutum . . . super scrihendiB htteris apL per scriptores litterarum ipsarum exi-
stentes . . . modificantes . . ., mandamus quod litteras de curia . . . qua« per no^t^oB
secretahos aut rescribendarium qui pro tempore fuerit, distributionem [facientesj
eisdem [assignentur], fideliter inira competentem terminum eis per aliquem ex
eisdem secretariis assignandum, cessante impedimento legitime quod . . . statim
notilicare debeant, de bona httera scribere . . . non postponant. *j Poggü
epistolae ed. Tonelli 1, 296 n® 8 : Sunt ßicta praeterea oertae coubtitutiones et
decreta atque edicta quorum ego non anctor sed opifex fui . . . Üaec igitur,
cum ita decreta essent mihique nota, qui iUa edideram« — Daher enthalten die in
Hannoyer befindlichen Formelbücher yon Abbreyiatoren nur Muster iHr L. giatiae
et iustitiae, ausser unter der Rubrik »Cruciata«. N. Arch. 10, 47—56.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen lY. 467
durch die Secretäre. Der Beweis ist allerdings nur selten direct zu
fahren. Mangel der Secretärsunterschrift auf dem Originale würde
noch nicht unbedingt zu diesem Schlüsse berechtigen, so lange er
nicht durch Subscription der Abbreviatoren ersetzt wird, minder wich-
tige Stücke mochten so gut als das in der Gancellaria der Fall war,
auch ohne Unterschrift des Secretärs expedirt werden. Vollends, wenn
sieh nur im Begister solcher Deiect zeigt, ist er öfter auf andere
Gründe zurückzufahren^}. Ebensowenig beweist folgender Fall: im
Staatsarchiv zu Florenz >) ist eine Ausfertigung des Decretes «Inscmta-
bilis aeterni* gegen das Basler Goncil (1437 Dec 31) ,de curia' aus-
gestellt, ohne Unterschrift eines Secretärs, dagegen mit denen der
Abbreviatoren la. de Ugolinis und la. Branchatius, femer mit den
Siglen des Eanzleiyorstandes. Aber während der Begistraturvermerk
fehlt, steht am obern Schriftrand: Auscultetur quod cum hbro con-
cordet, es ist also ein&ch ein DupUcat, ausgestellt nach der Copie im
ofiKdellen Liber cancellariae, wie solches yon Martin Y. und Eugen IV. dem
Yicekanzler zugestanden ward^). Da kann die erste Ausfertigung natür-
lich immerhin durch den Secretär signirt gewesen sein. Dagegen finden
wir bei andern L. de curia im Begister ausdrücklich bemerkt: Expedita
per cancellariam, ohne dass je bei solchen Stücken ein Secretär ge-
nannt wäre, auch in Bänden nicht, wo sonst die Kanzleiunterschriften
sorgfältig wiedergegeben sind. M 5 f. 62 — 86' stehen die für den
Cardinal von Pisa als Legaten unter dem 1. Jan. 1418 ausgestellten
Facultates, vier davon (f. 80', 84, 84', 85) mit de curia und expedita
per cancellariam, alle andern mit de curia und Secretär; die gleiche
Bezeichnung per cancellariam tragen ebenda f. 159, 165' Constitutionen
über Kanzleireform und super non appellando, M 11 Bullen über
Verurtheilung der Schriften von Hus und Wicli^ Verurtheilung des
Grafen von Armagnac (sämmthch Ad fut. rei memonam), während
wieder Insertion eines Concilbeschlusses gegen Ketzer per secretarium
expedbrt ist Der Grund der yerschiedenen Expedition ist nur in den
wenigsten Fällen ersichtlich^); im ganzen überwiegen die per secre-
tarios expedirten L. de curia weitaus; Originale und Begister ergeben
da das gleiche Besultat
') Vgl. § 11. *) Fond E. acquisti Strozziani. *) In der Const »Bomani
pontifids« Martin V. § 6, Eugen 17. § 8. Ciampini L c. U, 19 : Item statuimos et
ordinamoB quod nnlla ex congtitationibus dictae canoeUariae cnique detur . • .,
niei priiu per asaistentes eosdem illam dandam fore, fuexit iudicatum et tone per
duoB ex eis yideatur et aignetor in dorso et per alios duoB ex abbreviatoribus
com libro cancellariae auBcoltetur diligenter, qui se subscribant in eodem et deinde
signo eiufldem TJoecancellarü, nt est moxis, dgnetar. *) YgL auch S. 466 Anm. 2.
468 Ottenthai.
Die Expeditio per cameram secretam findet sich aber auch für
Litterae gratiam yel iustitiam coutiuentes, für welche sonst die im
Yorigen Abschnitt geschilderte Expedition in der Cancellaria Regel
war. Der oben erwähnte Brief Nicolaus V. ist auf Qrund einer Supplik
ausgestellt, gehört also zu dieser Kategorie, in der Constitution Inno-
cenz YUI. für die Secretäre § 13 heisst es: Litterae conficiendae super
supplicatione concessionis secretariatus . . . expediantur tarn per can-
cellariam apl. quam per cameram secretam, in der BeformbuUe SixtosIV.
„Quoniam regnantium*' wird unter der Bubrik ,De secretariis '^ aus-
geführt, die Expeditio bullarum per cameram solle stattfinden, quando
per cancellariam iuxta stilum consuetum non possunt expediri propter
aliquos defectus non multum grayes aut notabiles, yidelicet in errore
narrationis yel in aliqua clausula obmissa yel aliqua superflue posita,
also in Fällen, die für gratiöse und justizielle Briefe zutreffen. Die
Expeditio per cameram war somit ein Ausnahmsyerfahren für derartige
Briefe, bei dem die Kanzleiregeln umgangen werden konnten; dadurch
erklären sich die yielen yon Secretären unterfertigten Onaden- und
Bechtsbriefe.
Der Gang der Beurkundung ist aber bei dieser Glasse yon per
cameram expedirten Briefen nicht so leicht festzustellen. Sicher ist,
dass sie wie sonst auf Grund einer Supplik yerliehen, dass sie yon
den Scriptores litterarum apl. geschrieben^), endlich, dass sie yon den
Secretären signirt wurden. Dagegen ist schon zweifelhafter, wer die
Minute macht. Nach der Gonst. Pius IL „Vices illius' haben die
Abbreviatores, wie schon oben erwähnt, yon allen Briefen ausser den
durch die Protonotare und yon den Secretären in der Cancellaria
expedirten una taxa aequalis taxae quae datur pro grossa scriptoribus
supradictis tam de literis quae per eandem cancellariam quam etiam
de illis quae per cameram expediuntur') und Sixtus IV. befiehlt in
Bestätigung dieser Anordnung die ünterfertigung der per cameram
expedirten Briefe durch zwei Abbreyiatoren, quia taxae 1. a. quae ex-
pediuntur per cameram, praefati septuaginta duo abbreyiatores notitiam
forsan habere non poterunt plenariam^). Diese Vorsicht erklärt sich
nur, wenn die Abbreyiatores die Briefe nicht, zur Judicatur erhielten^
sonst hätten sie die yom Bescribendar angesetzte Taxe ja sehen müssen*);
>) Fast alle, die als Scriptores litterarum apoBtolicarum nachweisbar ^ind,
haben auch yon Secretären signirte Briefe geschrieben, speciell auch der R. SSG
f. 70' genannte L. de Castelliono. ^) Ciampini 1. c. 26 § 4. >) Gonst »Divina
aetema* B. R. 5, 257 § 2S. Bezeichnend ist auch, dass in diesem Fall die Unter-
schriften derselben in die Plica neben die Siegelschnüic gesetzt werden soUen,
während sie sonst a tergo stehen. ^) So heisst e^ auch in der zweiten Ab>
Die Bullenregister Marlin V. und Eugen IV. 469
erhalten sie aber trotzdem von den per cameram expedirten Briefen
Taxe, so kann dieselbe nur fQr die Minute sein. Abgeschwächt wird
diese Folgerung nur dadurch, dass es sich um ein käufliches Amt
handelt, also das Einkommen desselben wol im richtigen Yerhältniss
zur Kaufsumme, nicht aber zur aufgebundenen Arbeit sein musste. Auch
erregt einiges Bedenken, dass wir schon vor der definitiven Constituirung
des CoUegiums der Secretare bei den per cameram expedirten Briefen
den Sommator erwähnt finden^), der nach der Constitution Alexander VI.
«In eminenti* die Aufgabe hat recipiendi yidendi summandi et refereudi
litteras, quae per cameram apostolicam expediuntur^); hat er also auch
die Minute zu machen?
Dass die Abbreyiatoren jedenfalls nicht die Judicatur der per
cameram expedirten Briefe hatten, dafür ist schon die eben besprochene
Stelle aus der Const. Sixtus IV. ein treffender Beleg. Die Unterschrift
der Abbreyiatoren ist das Zeugniss von deren Kevision, nie findet sich
solche ünterfertigung mit der der Secretare zusammen, noch auch (ausser
in den Originalen der von den Secretären in der Cancellaria expedirten
Indulte) je neben letzterer die Expeditionssiglen des Vicekanzlers; an Stelle
der Beglaubigung in der Cancellaria tritt die Unterschrift, das , signare *
der Secretare. Diese ünterfertigung in die gleiche Phase der Beurkundung
zu setzen, wie die der Abbreyiatoren, empfiehlt die Analogie mit den von
den Secretären in der Kanzlei expedirten Indulten, sowie die Verordnung
Gr^or XI. betreffs der Expedition der Curialbriefe, endlich auch die
Beformbulle Leo X., welche die Bezahlung der Taxa quinta vor der
Ablieferung an das Sigelamt anordnet^). Dagegen besagt die Con-
stitution Innocenz Vlll: Flumbatores . . . teneantur . . . buUas . . . per
dictam cameram nostram secretam expeditas, cum pi'imum per ipsos
fuerint plumbatae, portare ad secretariam . . . ut cum ipsarum taxis et
tenoribus describi notari subscribi . . . expediri per aliquem ex ipsis
secretariis possint (§ 8), worunter man doch kaum nur die W^ahr-
nehmung der Taxe yerstehen kann.
Die Secretare erhielten nämlich von den per cameram expedirten
Briefen eine eigene Taxe, welche Taxa quinta (d. h. neben den ge-
wöhnlichen für Minute, Beinschrift, Bulle und Register zu bezahlenden)
oder Taxa secretariorum heisst (§ 16). Nach curialer Gepflogenheit
war sie gleich der vom Bescribendar calculirten, weshalb man aller-
dings Grund hatte, sie in der Secretarie zu verzeichnen^). Erwuchsen
theilung des von Woker gedruckten Taxbuches 191 : Sic in omnibus bullis quae
expediontur per cameram, non est necesse ponere primam visionem.
0 S. den in Beilage n® 5 gedruckten Brief, in dem ich ihn zuerst genannt
finde. *) B. R. 5, S78 § l. •) B. R. 5, 594 § S5. *) Erhoben wurde die
470 OttentHaL
aucli sonst den Parteien aus dieser Art von Expedition grössere Kosten^),
so erofihete sie andererseits sichtlich allen Schlichen Thür and Thor.
Siztos lY. muss in seiner Constitution ^Quomam regnantium* be-
tonen, das Verfahren sei nicht dazu aufgebracht andern Unrecht zuzu-
fligen'). Daraus erklart sich auch, dass die Expeditio per cameram
unter Martin Y. und namentlich Eugen lY. schon so häufig geworden
ist, dass man sie kaum noch ein ausserordentliches Yerfahren nennen
kann*).
Also alle oder wenigstens alle wichtigeren Kategorien von Papst-
Taxe wahrschemlich im Siegelamt (§ 16). Die Secretäre begnügten sich aber bald
nicht mehr mit den rechtmässigen Gebühren: A Calixti . . . tempore . . . Becre-
tarii apostolici pro singulis litteris que per dictam cameram gratis expediebantur,
aliquando totam taxam, qua iUe si gratis non expedirentur, taxari debuissent et
interdum lY yel III sen II ducatos . . . perdpere convenissent. Const. Alex. YI.
»Iniunctam nobis* im Cod. Yat. 8749.
1) Woker Finanzw. d. Päpste 84, Leo X. Reformbulle B. B. 5, 582 § ei.
s) Cod. Yat 8888. — YgL auch über die einzuschlagenden Schleichwege den Brief
Beilage n'* 5. •) Nach den beiden Constitutionen Gregor XT. und Innooenz YIII.
sowie nach den dazwischen liegenden Zeugnissen ist kein Zweifel möglich, dass
die Ton den Secretären signirten Briefe auch durch dieselben expedirt wurden,
dass sie per cameram = durch das Cabinet des Papstes giengen. Es ist noth-
wendig das besonders hervorzuheben, weil in der Yerordnung Alexanders YL,
welche das Amt des Summators zu einem lebenslänglichen erklärt (»In eminenti*
B. R. 5, 878), offenbar yon solcher Expedition aber als durch das Eammeramt, die
Rev. Camera apostolica erfolgend, gehandelt ist. Die Aufgabe des Summators,
der auch durch diese Behörde in sein Amt eingeführt wird, ist: litteras per
(apostolicam) cameram expediendas more solito redpere videre summare ac nobis
. . . seu praesidentibus diotae expeditioni deputatis referre . . . illasque ad camerae et
secretariae regfistra dirigere. Es handelt sich da wol nur um die Gnaden- und Rechts-
briefe, von denen es auch in dem vom päpstlichen Auditor Gundesalvus de Villa
Diego 1476—1492 abgeÜBLssten Tractatus de cardinalium excelentia et dignitate
et de ofßcio vicecancellarü (Cod. Yat. 8188) heisst: Nee iper hoc iudicare intendo
bullas que per cameram apostolicam expediuntur, quoniam ille per papam iudi-
cantur. Diese Bullen gehen also doch zugleich durch das Cabinet des Papstes;
auch die Bulle Innocenz YIIL, welche den als Beilage n^ 5 gedruckten Brief pro-
vocirte, trägt die Kennzeichen der Expeditio per cameram secretam: Secretärs-
Unterschrift, Namen der Abbreviatoren bei den Siegelschnhren, und doch erwähnt
der Brixnerische Agent Zahlungen an den Summator, zugleich dass er die Bulle
beim Secretär statt in der Camera aplica. registriren Hess, um Sportein zu ersparen,
was bei der Expedition in letzterem Amt selbst doch nicht möglidi gewesen wäre.
Exp. p. cam. apostolicam schliesst also Exp. p. c. secretam nicht aus, sie bezeichnet
(für diese Zeit) nur den Antheil, aen die Kammer an den durch das Cabinet des
Papstes ergehenden Gnaden- und Rechtsbriefen hat, indem gewisse Acte der Be-
urkundung durch den von ihr abhängigen Summator vorgenommen werden. Ein
solches Zusammenwirken ist um so erklärlicher, als die Secretäre auch sonst mehr-
fach von der Kammer abhängig sind«^
Die Bullenregisier Iflartin V. und Eugen IV. 471
briefen, die überhaupt sab buUa erlassen werden, können -sowol per
cameram als per caucellariam expedirt werden, können Unterschrift
des Secretärs oder der Abbreviaturen tragen, nur die den Secretaren
Yon Martin V. yerliehenen Indulte werden in jedem Fall und aus-
schliesslich Ton Secretaren signirt sein.
Es ist gerade auch mit Bücksieht auf den Inhalt der per cameram
ezpedirten Bullen bezeichnend, dass der Secretar bereits unter Martin Y.
der Gewalt des Kämmerers untersteht, in dessen Hände den Treueid
ablegt Allerdings hat der Gamerarius oder dessen Stellvertreter die
Jurisdiction über alle Gurialen, aber der Eid des Secretärs setzt ein
specielleres Yerhaltniss voraus, er verspricht die ihm vom Papst oder
dessen Kämmerer übertragenen Geschäfte getreulich zu erfüllen i).
Üeber den Geschäftsgang in der Secretarie weiss ich nur wenig Details
anzugeben. Hervorgehoben wird stets, dass die Thätigkeit der Secretäre
auf unmittelbaren Befehl des Papstes erfolge, der entsprechend ihrer
Stellung ihnen auch oft mündlich ertheilt wird. Dabei ist nicht immer
klar, ob sie einen solchen Auftrag erhalten oder vollziehen in ihrer
Eigenschaft als Secretäre, d. h. als in bestimmter Weise an der Expedi-
tion der Papstbriefe betheiligte Beamte oder als Vertraute des Papstes.
Wenn z. B. E 15 f. 81 Stephanus sanctissimi domini nostri cubicularius
ac d. B. Boverella episcopus Adriensis dem Begistrator ex parte sanctis-
simi d. n. befehlen, eine von B. Boverella signirte Bulle sine aliqua
solutione plumbi registrique restituere, so wird Boverella vermuthlich
ebenfalls als Kämmerhng mit dieser Au%abe betraut gewesen sein,
nicht als signirender Secretar. Aehnhch mag es sich auch bei Gas-
sirungen, die sie de mandato pape anordnen, verhalten.
Als Begel scheint wie bei den Abbreviatoren und Ingrossisten
gegolten zu haben, dass eine dem Secretar einmal zugewiesene Arbeit
ganz von ihm ausgeführt werden sollte, auch wenn die einzelnen
^) Der Eid dee Secretärs F. Ser Land! de Orlandinis lautet wesenthoh Biv.
Garn. 4 f. 88): negotia michi a. d, papa vel eiofi camerario conunisea . • . fideliter
geram et sollicite exercebo in scribendo notando et registrando ea que fiierint
officio meo secretarintos opportana et res que mee costodie committentur ad
cameram apostolicam . . . pertinentes fideliter custodiam. Wir haben es aber, ob-
wol der Eid in einem Camerabregister steht, nicht mit einem Seoretarius Oamerarii
zu thun, Ml f. 46 steht das Ernennongspatent desselben Secretärs, er wird in
dicte sedis secretarioram numerum et consortium aufgenommen, dem Secret&r
Benedictas de Andoria wird gleichfalls aufgetragen quod in manibus • • . camerarii
vices gerentis prestes . . . solitum inramentum M 2 f. 46' ; vgl. auch § 8. -- Es
fehlte also der Kammer nicht an Haltpunkten auf gewisse Amtsgeschfifte der
Secretftre starkem Einfiuss zu gewinnen. Auch die von ihnen geführten Bullen-
register kamen dann an die Kammer s. S. 484 Anm. 8.
472 Ottcnthal.
Phasen derselben sichüicli durch einen langem Zeitraum getrennt
waren. Oft finden wir bei Eintragungen von Duplicaten und theil-
weise geänderten Neuausfertigungen den gleichen signirenden Secretar
genannt; nicht immer, aber dass es als Becht galt, mochte man aus
der Bemerkung, welche E 13 f. 124 zu einer von Blondus signirten
Bulle gemacht wird, vermuthen: Correcta gratis de mandato d. n. pape
facto per Cincium in absentia Blondi. Mehrfache zu einer Verleihung
gehörige Briefe wie die Anzeigen bei einer Bischofswahl oder die
Executorien bei PfründenTcrleihungen, welche ja auch bei der Tax-
berechnung immer als ein Ganzes aufge&sst wurden, sind stets vom
gleichen Secretar signirt, oft auch längere zusammengehörige Reihen
für einen Destinatar; so stehen M 6 f . 147 — 170 55 Briefe für den
Cardinallegaten nach Böhmen, welche ftlle von I. de Templis unter-
fertigt waren, und ebensolche M 7 f. 1 — 21, aber verschiedenen Datums,
desungeachtet alle mit der Signatur des Bart, da Montepulciano.
AehnUch E 12 f. 64 — 68 acht Facultates pro coUectore. Aber auch das
Gegentheil kommt vor, so bei den schon erwähnten Facultäten für
den Cardinal von Pisa, die von vier verschiedenen Secretären expedirt
waren. Ob eine regelmässige Yertheilung der zu erledigenden Stücke
wie bei den Abbreviatoren und Scriptoren statt hatte, möchte ich be-
zweifeln, es wird viel mehr von der Fähigkeit des Einzelnen, von der
Ounst des Papstes und von der Verwendung in andern Geschäften
abgehangen haben i).
Im ganzen wird gewiss die Geschäftsführung eine weniger ge-
ordnete und gleichmässige als in der Kanzlei gewesen sein, da die
einheitliche Organisation fehlte. Die Secretäre bildeten noch kein ge-
schlossenes CoUeg, hatten keine festen Statuten, ihre Zahl wechselte,
je nach dem Bedürfniss nahm man mehr oder weniger auf: als die
Unterhandlungen über Unterwerfung der morgenländisehen Kirche
fertige Kenner der griechischen Sprache verlangten, engagirte man
Georgius Trapezuntius und Nicolaus Sagundinus^), andererseits nach
dem Tode des B. da Montepulciano trug man Poggio die üebernahme
von dessen Geschäftskreis an^).
Der Titel eines Secretarius apostolicus wurde auch als Auszeich-
nung an Humanisten verliehen, die nie in ein wirkliches Dienstver-
*) Konnten die Secretäre Stellvertreter haben wie Abbreviatoren und Scrip-
toren? M 2 f. 82 steht pro A. de Reate lo. de Beate, f. 279' pro P. Ebioioen.
P. de Trilhia, M 11 f. 148' Pe. de Montella pro B. de Montepolidano ; doch waren
lo. de Reate und Pe. de Montella nicht Secretäre. Im Secretärregister des A. de
Florentia collaüonirt einigemal lo. Amelrici vgl. S. 481. •) Voigt Wieder-
belebung 1, 4C1. 482; "2, 47. 118. ») Poggii ep. ed. Tonelli l, 289 n« S9,
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 473
hältniss traten. In Folge dessen liat sich für die eigentlichen Amts-
secretare, die auch an den Einkünften theilnahmen, die Bezeichnung
Secretarii participantes gebildet, die ich zwar noch nie unter Martin Y.
oder Eugen lY. &nd, die aber unter Galixt III. schon gang und gäbe
war^); der letztere Papst setzte auch die Zahl derselben auf sechs fest^).
Dringende Veranlassung dazu hatten erst die masslosen Ernennungen
Nicolaus V. geboten, welche Titel und Amt entwertheten.
Unter Martin V. und Eugen IV. weise ich folgende Secretarii
apostolici nach^):
Franciscus episcopus Aretinus (unterfertigt sich F. Aretin.)
als Episcopus referendarius et secretarius bezeichnet 1418*), Bischof
von Arezzo von 1414 bis 1433^), als Secretar von Beginn der Begie-
ruBg Martin V. bis März 1420 thätig.
lohannes deTemplis, Secretar von Martins Begierungsantritt
bis Sommer 1422, er war Archidiaconus campanie in ecclesia Bemensi^).
Paulus de Capranica (unterfertigt sich vielfach P. de Orapanica,
später P. Ebroicen.) seit 1420 Episcopus Ebroicensis'), seit 1427 Juni 16
Erzbischof von Benevent, gest am 31. Dec. 1428; Secretar von 1417
bis 1425, Begistrator litterarum apostolicarum seit 1426^).
Cincius Pauli de Urbe, civis Bomanus^), Scriptor unter Jo-
hann XXin., zum Secretar ernannt am 28. Nov. 1417 1*^), zum Notar
142111), ist als Secretar verwendet 1417—1445.
«) Siehe die Citate bei Marini Archiatri 2, 1S8 Anm. 8. Petrus de Noxeto
lieisst unter Nicolaus V. Secretarius secretus, Marini ebenda 2, 148, eine Bezeich-
nnng, die yielleicht dem spätem Secretarius domesticus entspricht (Const. Inno-
cenz VUI. § 14) und zu der die Stellung dieses Secretärs wol passen würde; doch
scheinen die Bezeichnungen nicht so fest gestanden zu haben: in den Reformvor-
schlagen des Cod. Yat 8888 f. 94 heissen die Secretäxe, welche Briefe per camer am
ezpediren, secretarii secreti, wie sonst participantes. ») Const. Innoc. VIII. § 1.
') Ich ordne sie nach ihrem Auftreten in den Regiatereinträgen, dagegen sind
meine Behelfe zu unvollständig, um sie nach ihrem Eintritt in das Secretariat
der Vorgänger Martin V. einzureihen ; die Angaben über andere von ihnen be-
kleidete Aemter und Würden beziehen sich nur selten auf den Zeitpunkt der
Ernennung, stammen meist aus zufälligen Erwähnungen derselben. *) D. C. 8
f. 124'. *) Die Angabe Über die Regierungsdauer hier und bei den folgenden
Beamten, die zugleich Bischöfe waren, entnahm ich, wenn nicht die Quelle aus-
drücklich citirt ist, aus Gams Series episcoporum. •) M 2 f. 177. ^ Und
zwar heisst er schon in Bulle vom 1. März electus M 2 f. 6 ^) Bereits am
28. Jan. 1429 wird sein Amt neu besetzt M 4 f . 84. Vgl. § 7. ») So ge-
nannt M 5 f. 198, M2 f. 177. Voigt Wieder beleb. 2, 22 identificirt den später
lebenden Agapito Cenci Rustici mit dem obgenannten, indem er die von Marini
Archiatri 2, 187. 188 über beide gegebenen Notizen fälschlich auf 6ine Person
bezieht. »•) Marini Archiatri 8, 187. ") M 2 f , 177.
474 OttenthaL
Petrus de Trillia (oder Trilhia), ursprünglich in Diensten
Benedict XIII., Notarius et scriba camerae seit Johann XXIII. i),
resignirt auf dieses Amt 1419^). Secretar seit Johann XXIII. ^), als
solcher unter Martin V. in Verwendung bis 1424.
Angelus de Beate, vielfach zu politischen Sendungen verwendet
unter Johann XXm. und Martin Y.^), als Secretar aufgenommen am
27. Dec. 1417*), als solcher im Amt bis 1420.
lobde Restis, nach Marini^) schon seit Alexander Y. Secretar,
unter Johann XXm. auch Lector in audientia Utterarum contradictarum^),
mit A. de Beate zusammen als Secretar aufgenommen, ist als solcher
nur 1418 nachweisbar, gest. vor 1424^).
Benedictus de Pileo, Scriptor und Abbreviator unter Alexan-
der Y.^, als Secretar in Verwendung 1418—1422.
Michael dePisis, notarius camerae, als Secretar aufgenommen
am 13. Jan. 1419^), im Dienst nachweisbar von Februar 1419 bis 1431
fast noch das ganze erste Begierungsjahr Eugens.
Franciscus de Montepolitiano, war schon Secretar unter
Bonifaz IX. ^), signirt unter Martin Y. Briefe vom 21. Februar bis
26. August 1420. Marini a. a. 0. scheint ihn fär identisch zu halten mit
dem F. Aretin. unterfertigenden Secretar, der zugleich seit 1414 Bischof
von Arezzo war. Die Dichtigkeit dieser Behauptung vorausgesetzt,
wäre es höchst auffallend, dass dieser Franciscus, der sich zuerst nach
seinem Geburtsort, dann nach seinem Bischofssitz genannt hätte, nun
auf einmal ohne ersichtlichen Grund wieder zu seinem frühem Namen
herabgestiegen wäre. Beachtenswerth ist allerdings, dass das Ver-
schwinden des einen und das Auftreten des andern Namens so auf-
einanderfallt, dass die erste von F. de M. signirte Urkunde nach der
letzten von F. A. unterzeichneten zur ünterfertigung gekommen sein
könnte, während nach den Daten der Bullen selbst beide Namen
nebeneinander vorkommen würden, also verschiedenen Personen ent-
sprechen müssten, was mir auch aus obigem Grund durchaus vrahr-
scheinlicher ist^®).
1) Marini 1. c. 2, 108 Anm. 4. >} D. G. 8 f. 68. •) Marini L c 8, 103
Anm. 2. «) D. C. 8 f. 48'. ') Marini 1. c. 2, 108 Anm. 4. ^ Nach Poggios
Brief von^ 1. Jan. 1424 ed. Tonelli 1, 102 n^ 8, in dem er von einer Restitution
von Secretärtaxen erzählt, bei welcher A. Losohi den »executor testamenti Job*
spielen soll. Auch in den Unterschriften der Bullen nennt er sich stets nur Job.
^) Marini 1. c. 2, 102; s. auch Voigt Wiederbel. 2, 21. Wattenbach Ben. de Pileo
in der Festschrift zur Begrüssung der Heidelberger Philologenversammlung 1865
ist mir nicht zugänglich. •) D. C. 8 f. 180. ») Marini 1. c 2, 58. *<*) Die
Yerwerthimg der von Marini 1. c Anm. 8 gegebenen Notizen muss ich unterlassen,
da man nicht deutlich ersieht, auf welchen Namen sie sich beziehen sollen*
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 475
Bartholomeus de Montepoliciano, Scriptor 1418, Proto-
notar und Referendar^), als Secretär in Diensten 1421—1429, gestorben
Yor dem 9. Juli dieses Jahres >).
Antonius de Luschis, 1403 Staatskanzler in Mailand, 1406
Secretär und Scriptor unter Gregor Xu., zum Notar und Abbreviator
unter Johann JL2Liii. ernannt^), wird Secretär unter Martin V. am
12. Dec. 1418^), yiel&ch in Amtsgeschaften abwesend^), bei der ür-
kundenezpedition nachweisbar 1422 — 1434.
A. Anagninus kommt als Secretär in den Jahren 1423 — 1425
wiederholt yor, ich kann den Mann nicht weiter nachweisen^).
Poggius (Gian Francesco Poggio Bracciolini), geb. 1380, gest.
1459, in papstlichen Diensten seit 1403 als Scriptor, unter Martin V.
auch Scriptor s. poenitentiariae^, seine Ernennung zum Secretär meldet
er an Niccolo NiccoU als Neuigkeit am 15. Mai 1423^), in diesem
Amte nachweisbar Ton 1423 Juni bis 1453.
Dominions de Gapranica, als Glericus camerae aufgenommen
1423^), electns Firmanus 1425, wird Cardinal 1426 (aber nicht pro-
mulgirt), ist Gubemator Ferusii generalis 1430 1^), als Secretär nach-
weisbar 1424—1426.
Melchior de Scribanis erscheint als Secretär 1426 — 1429,
starb wahrscheinlich noch dieses Jahr^^).
Johannes de Langusco, als Secretär bezeichnet 1429 Oci 10^^),
aber bei der BuUenezpedition erst unter Eugen IV. Ton 1431 — 1433
*) Voigt Wiederbelebung 2, 26. •) Brief Poggioa an Niccolo Niccoli, To-
nelli 1, 288 n® 87, Voigt Wiederbel. 2, 27, wonach natürlich dessen Annahme auf
S. 26, dass B. de li. noch unter Eugen lY. gedient habe, zu streichen ist.
«) Voigt Wiederbel. 1, 506; 2, 18. 19. *) D. C. 8 £ 56. ») Pftsse für ihn
von Sept 1421 M 6 f. 246 (in Privatangelegenheiten), 1428 Sept. M 7 f. 258,
1424 Juli, 1425 Aug. M 8 f. 41. 219, das letzte Empfehlungschreiben für ihn von
1485 Oct £ 6 f. 274; Tgl. auch Voigt Wiederbel. 2, 277. <) Marini 1. c 1, 241
Anm. b nennt ihn unter den Secretären nicht, die Initiale A passt zu keinem der
Secretftre, die etwa in Anagni heimisch gewesen sein könnten. Ein Anton de
Anagni war nach Gams Bischof von Todi 1429—1484. ^) Marini 1. c 2, 127,
Voigt Wiederbel. 2, 7. •) Epistolae ed. Tonelli 1, 87 n^ 2. ») D. C. 8 f. 157'.
*^) Nach der modernen Aufschrift des R. div. Cam. 12. '0 Martin V. schreibt
Petro tt. 0. Stephani in Celio monte presb. cardinali, s. sedis legato (B. 859, f. 55) :
Quoad priores litteras scias, fuisse nobiscum Ferenüni tres secretarios, quorum
Cindus et Poggius asserunt se illa brevia non scripeisse, Melchior de Scribanis,
qui erat tertins et iunior, defunctus est Et is forsan illa scripsit . . . Dat. Rome,
die vorausgehenden Brexen sind Ton a. XII. '<) Magister I. de L. secretarius
et fiamiliaris noster erhält Pass in Amtsgeschaften M 4 f. 78 ; auch Marini 1. a 1,
241 Anm. b bezeichnet ihn als Secretär Martins, dass man ihn nicht früher in
den Registern findet, könnte auch mit dem Verlust von Bänden aus den letzten
Jahren Martins zusammenhSngen ; vgl. S. 441.
476 Ottenthai.
nachweisbar; von Nicolaus V. erhielt er ein neues Patent am 1. Sept.
14471).
Andreas de Florentia, Scriptor unter Gregor XII. und Jo-
hann XXIII., Referendar 14322), heisst Secretarius scriptor et abbreviator
litt. apl. bei der Ernennung zum Notar 1435 3), als Secretar bei der
BüUenexpedition thätig 1431 — 1447 (auch noch unter Nicolaus V.) *).
Flavius Blondus, nachweisbar als E^mmernotar von 1433 ab,
als Notarius camere, sanctissimi d. n. et camerarii secretarius bezeichnet
1435 Juli 6 6), wird Scriptor litt. apl. 1436 April 13«), als Secretar
bei der Bullenexpedition betheiligt von 1434 Juli bis 1447 (und noch
unter Nicolaus V.) ^).
lohannes Aurispa, bedeutender Oräcist, heisst 1437 Secre-
tarius 8), von ihm signirte Briefe 1438 — 1444 und unter Nicolaus V.
wieder^), vielfach als Gesandter verwendet, seiner Reiselust auch sonst
folgend, daher oft von der Curie abwesend i^).
Ghristophorus Oaractonus, scriptor et familiaris 1436^^),
wird Episcopus Coronensis 1437 Febr. 27 1«), Registrator litterarum
apostolicarum 1443 1>), stirbt 1449, kommt als Secretar vor 1437, 1439.
Bartholomeus Roverella, subdiaconus Rodigiensis ecclesie
Adriensis diocesis, legum doctor et cubicularius pape, erhält Commende
1441^^), heisst Sanctitatis sue cubicularius et secretarius 1442 >^), ist
Scriptor litterarum apostolicarum 1443 1«), electus Adriensis 1444 Juül5,
findet sich als SecreiÄr thätig von 1442 — 1447^^).
0 £ 19 f. 185' = Marini 1. c. 2, 186 Anm. 2, jedoch mit falscher Beziehung
auf 1446 und Eugen IV., während das Datum »anno primo* lautet. *) Motu
proprio Eugen lY. von 148:2 Jan. 17 den namentlich aufgezählten Referendaren
Prärogative verleihend Cod. Vat. 4988 f. 45. •) E 16 f. 98. *) Er igt aus
der Familie Fiocchi (Voigt Wiederbel. 2, 89) : sein Oheim Stephanus war Canonicus
LateraneneiB, ein von demselben ererbtes Haus bestätigt ihm Nicolaus Y. 144s
Febr. 7 B 406 f. 257 (hier heisst er auch decretorum doctor). Er besass mehrfoch
Pfründen in Toscana, Marini ]. c. 2, 186, aber an der Curie diente er schon
vor dem Aufenthalt Eugens in Florenz (anders Voigt 1. cU •) E 20 f. 57.
*) E 8 f. 8. ^) Diese Daten stimmen auch mit der Darstellung Biondos in seiner
Supplik an Pius IL um Ernennung seines Sohnes zum Eammeinotar, deren Inhalt
in die Bulle Pius II. übergieng. Wilmans, der sie in den GOttinger g. Anzeigen
1879 S. 1496 abdruckt, nimmt die Zahlen vielleicht etwas zu scrupolös, nach der
Darstellung der Bulle sollte man — obwol es nicht direct gesagt ist — glauben,
Biondo habe sofort nach Ernennung zum Secretar das Kammemotariat nicht mehr
ausgeübt, was entschieden fiilsch ist: nach den R. div. cam. 17—19 war er hia
1488 als Notarius camerae thStig. ^} Marini 1. c. 2, 142 Anm. 2. *) Voigt
1. c. 2, 84. «») Voigt 1. c 1, 560; 2, 87. 88. "j E 18 f. 80. ") Marini
1. c. 1, 164 Anm. b. *») Vgl. § 7. «*) E 21 f. 128. ««) E 22 f. 88. ") E 1^
f. 429'. «^ Die Erklärung seines Vorkommens bei Bullen von 1484, 1488 s. S 12.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen FV. 477
Georgias Trapezantius, geborner Grieche, ungefähr 1437
wegen der ünionsverhandlungeu mit den Griechen an die Curie ge-
zogen i), als Secretär an der Bullenexpedition betheiligt 1444 — 1447
(auch noch unter Nicolaus V.) *).
Ganz yereinzelt konunen noch Tor: N. Lamengus 1418 Aug. 18^),
L de Aretio 1419 Apr. 1 und 1420 Febr. 29, Aug. 27*). An Leo-
nardus Aretinus (Lionardo Bruni) ist wegen der geänderten Führung
des Beinamens wol nicht zu denken, obwol die betreffenden Briefe
während des Aufenthaltes Martins in Florenz fiallen^). Nicolaus
Sagundinus de Siponto, als Secretär angenommen 1439 wegen der
Verhandlungen mit den Griechen, sehr yielfisbch zu Gesandtschaften
verwendet«), unterfertigt einmal 1441, öfters unter Nicolaus V.*^. Es
handelt sich da wenigstens im letzten Fall um einen Secretär, der wol
wegen seiner anderweitigen Geschäftsthätigkeit äusserst selten zur
Bullenexpedition herangezogen wurde. Theilweise konnte das auch
bei den folgenden Secretären der Fall sein, deren Unterschrift ich auf
Bullen nie &nd, weder auf Originalen noch im Begister, die aber kaum
alle blos Ehrensecretäre waren, da wenigstens einzelnen bei der Er-
nennung ausdrücklich Antheil an den Emolumenten zugesichert wird.
Gasparinus de Barzizis de Pergamo, recipitur in secretarium 1417
NoY. 24^). lohannes de Corvinis de Aretio, aufgenommen am
7. Febr. 1418 mit Verleihung der Emolumente^). Paulus Ser Landi
deOrlandinisde Florentia, aui^enommen am 10. Febr. 1418, gleich-
falls mit Verleihung der Emolumente ^ ^). Magister BaptistaCichala
utriusque iuris doctor, lanuensis, aufgenommen 1418 April 13 ^i).
Benedictus de Andoria ducis lanuensis secretarius wird mit Ver-
leihung der Emolumente als Secretär aufgenommen am 1. Mai 1420^^).
lohannes lux leistet den Eid als Secretär in der Kammer am
28. Mai (1421?) 13). Thomas de Biciochis de Arimino, als
«) Voigt Wiederbel. 2, 46, 189 ff. «) Vgl. auch Marini 1. c. 2, 186 Anm. 2.
') M 5 f . 1 52', etwa Nicolaus de Clemangis, der nach Marini ]. c. 2, 82 Anm. 2
Secretär Benedicts XIIL war? *) Or. Florenz (Arch. Mediceo) und M 2 f 2S', 71.
*) Vgl. auch Voigt Wiederbeleb. 2, 18. •) Marini 1. c. 1, 201 Anm. c, Tgl.
Voigt WiederbeL 2, 118. ^) Marini 1. c. 2, 186 Anm. 2. ») M. 1 f. 2. — Da
er nur Ehrensecretär ist, fällt auch Voigts Bedenken (Wiederbel. 2, 21 Anm. 8)
fort. ^) Ml f. 46' tibique concedimus quod Omnibus indultis privilegiis im-
munitatibus gagiis emolumentis honoribus et oneribus aliis secretariis nostris con-
cessis uti gaudeas. <<>) M 1 f. 46. ^i) M. 1 f. 88 cum honoribus privilegiis
exemplionibus et oneribus solitis. ") M 2 f. 45'. Die Einführung durch die
Kammer erfolgte am 27. Juni, D. C. 8 f. 45. ") D. C. 8 f. 79; Marini 1. c. 1, 121
Anm. c; 2, 159, nennt ihn lux oder Lax, bezeichnet ihn als Engländer, der noch
unter Calixt IIL und Pius IL dient.
478 0|tten1ihal
Secretär bezeichnet 1431^). Fernandus Dias de ToUeto decretorom
doctor, lohannis regis Gastelle et Leonis referendarius wird als Secretär
aufgenommen mit Verleihung aller Prärogative 1440 Mai 22^). Mel-
chior Bandinus conr. ßodi hospitalis s. lohannis HierosolinL can-
cellarius nee non Magnani, Brundosii et Gamereni preceptoriarum dicti
hospitalis preceptor wird als Secretär angenommen 1444 Ä.pril 27 s).
Eneas Silvius de Ficcolominibus, firiiher Secretär FeUx V., wird
als Secretär Eugens vereidigt im Sommer 1446^).
Schon diese nur auf zufallig aufgestossenen Notizen beruhenden
Angaben zeigen, dass alle möglichen Aemter und Würden mit dem
Secretariat compatibel waren, darunter gerade auch die yerschiedensten
Eanzleiämter, es handelt sich da nicht etwa um Niederlegung des einen
bei Erlangung des andern. Bezüglich der Eammeramter habe ich das
schon bei Biondo bemerken können; es kommt sogar vor, dass Bullen,
die Ton Petrus de Trillia als Secretär signirt sind, von ihfd als Regi-
strator collationirt werden^), oder dass Andreas de Florentia einen Brief
als Scriptor mundirt und als Secretär expedirt^), in beiden Eigen-
schaften auf dem Original sich unterfertigend.
Die einzelnen signirenden Secretäre sind an der Expedition der
Bullen — ich wiederhole, dass von Breven hier nicht die R«de ist —
in sehr verschiedenem Grade betheiligt. Auch mehrere der von mir
in der ersten Liste aufgeführten Secretäre kommen so selten vor, dass
man wenigstens von einer regelmässigen Verwendung derselben bei
,der Expedition nicht sprechen kann, dahin gehören lob, F. de Monte-
politiano, A. Anagninus, loh. Aurispa, Christ. Oaratonus, Georgius
Trapezuntius. Aber auch nach Ausscheidung dieser Männer ist die
Zahl der gleichzeitig verwendeten Secretäre sehr wechselnd; unter
Martin V. sind lange Zeit ziemlich gleichmässig verwendet 7 — 9
(F. Aretin., P. de Capranica, P. de Trillia, L de Templis, B. de Pileo,
Gincius, A. de Beate im ersten Jahr; dieselben nebst B. de Monte-
poUciano, M. de Pisis a. IlL; Gincius, B. de Montepoliciatio, M. de Pisis,
») E 17 f. 57. Nach Marini 1. c 2, 868 schon Secretär unter Martin V. Er
nennt femer 1, 241 Anm. b als Secretäre dieses Papstes »Francesco Prendibene,
Teodorico di Altamore, Bartolomeo de Yincio, Barontino da Pistoja, Giacomo
Spinola, Pietro Liberiominis altrimente Francomme*. Gegen seinen löblichen
Gebrauch unterlässt es M. hier, Quellenbelege anzuführen and so kann ich Marinis
Angaben, obwol sonst seine Arbeit auf ausgedehnter und kritischer Benutzung
der verschiedenen Register beruhte, hier nur mit der grössten Reserve folgen, da ich
Franchomme blos als Abbreviator (aus M 22, £ 8) Barth, de Vincio nur als Scriptor,
Registrator und Bischof von Valva kenne. •) £ 2 f 118' = E 17 f. 218 (und&tiit).
*) £ 2 f. 218'. *) Voigt £nea Silvio l, 176. 867. ») Z. B. M 2 f. 280; M 5
f. 171', 172, 178, 196', 197 ; M 6 f. 6. •) E 2 £ 207, £ 7 f* 169, £ 8 £ 184.
Die Bullenregister Martin V. und Engen IV. 47d
A. de LoBchiB, Poggius, D. de Caprauica, M. de Scribanis a. IX.), durch
drei Jahre dann sechs Secretäre (die eben genannten ausser D. de
Gapranica), in den beiden letzten Jahren sinkt die Zahl durch den
Tod des B. de Montepoliciano und M. de Scribanis auf vier herab,
ohne dass eine neue Ernennung erfolgt wäre. Ani Loschi war meist
in Geschäften abwesend, M. de Pisis finde ich in den beiden letzten
Jahren Martins auch nie unterfertigt, sondern erst unter Eugen IV.
wieder, so dass thatsächUch auf Cincius und Poggius die ganze Oe-
schättslast ruhte ^). Im ersten Jahr Eugens finden wir sechs Secretäre,
es wachsen ausser M. de Pisis und Loschi noch lacobus de Langusco
und Andreas de Florentia zu, im folgenden Jahr sinken sie wieder
auf fänf, da M. de Pisis nicht mehr genannt wird, und bleiben in
dieser Zahl bis ins yierte Begierungsjahr, nur dass hier Blondus an
die Stelle des L de Langusco tritt. Nun verschwindet auch Ant. Luschus
und bis ins 12. Begierungsjahr (1442) sind ausser den oben er-
wähnten selten vorkommenden Aurispa u. s. w. nur mehr vier Secretäre
thätig: Cincius, Poggius, Andr. de Florentia, Blondus. Cincius war
alt und zog sich wol mehr von den Geschäften zurück, signirt wenig-
stens immer seltener, das mochte Veranlassung geben, den B. Boverella
ins Amt zu berufen und bis Eugens Tod stark zu beschäftigen.
Ich komme nun zu der uns zunächst berührenden Thätigkeit der
Secretäre bei der Expedition der Papstbriefe, zu ihrem Antheii an der
Führung der Begister. Die grosse Constitution Innocenz YllL sowie*
die altem Bullen über die Kanzlei erwähnen denselben nicht aus-
drücklich, dagegen ist in der Bulle Alexander VL über das Amt des
Summators unter dessen Obliegenheiten aufgeführt: litteras per prae-
dictam cameram expediendas ... ad camerae et secretariae apostolicae
registra dirigere^) und in der Beformatio curiae Leo X. wird nach der
Begelung der Taxen für die Breven jene der Taxe^ pro registratura
bollae angehängt"). Daraus erfahren wir im allgemeinen, dass in der
*) VgL den Brief Poggioa an Niocolo Niccoli vom 9. Juli 1429, Tonelli 1,
288 n^ 87 : Accessit autem subita receBsio atque improvisa pontificia, a quo im-
petrare non potui ut ad vos venirem, cum dioeret solum Oincium non posse
ei BatisiiEU^re : itaque ne se relinquerem yoluit . . . Ant. Luschus . . . secundo vento
se in portum contuht, neque afticitur bis molestiis campanis . • . Saluta eum
verbis meis — er war also zu Florenz. *) »In. eminenti* B. R. 5, S79 § 1.
') »PaBtoralis offidi* B. R. 6, 595 § 85, allerdings mit ganz sinnloser Interpunction,
es musa Spalte 2 gelesen werden : Et quia nimis labohosum esset . . . enumerare,
volumns . . . quod taxa unius brevis . . . non eicedat tres ducatos. Pro registra-
tura unius bollae, si triginta quinque linearum numerum non excedat, quatuor
dumtazat, si ezcesserit sex . . . carlenos cancellariae recipere valeant statt non
excedat tres ducatos pro registratura unius bullae; si etc.
480 Ottentbal.
Secretarie Register geführt wurden und dass die Secretare Antheil an
den Emolumenten derselben hatten. Aus den Registern unter Martin Y.
und Eugen IV. ergibt sich, wie ich schon in §§ 2 und 3 ausgeführt
habe, dass einzelne Secretare BuUenregistrirung in der Weise leiteten,
dass sie die gemachten Einträge selbst collationirten (M 12, E 16).
Die Secretare föhrten das Register über die Ton ihnen selbst
ezpedirten Briefe. Diesen Zusammenhang zeigt die Bemerkung E 24
f. 73: Sumptum de registro bullarum expeditarum per d. B. de Boverella
fe. re. Eugenii pape lY. secretarium et registratarum apud ipsum de
mandato prefati d. Eugenii, oder die autographe Aufschrift des Reg.
Nicolaus Y. nP 385 : Regestrum primum . . . Nicolai Y. ... de "^ bullis
expeditis per d. Petrum de Noxeto sanctitatis sue secretarium et de
mandato eiusdem sanctitatis ^ue per me Petrum Ximini registraüs et
collationatis. Scheinbar finden wir hier allerdings nur ein Erforderniss
der Secretärregister, nämlich dass es nur vom einen (registrirenden)
Secretär signirte Bullen enthalten soll und, wie eine Durchsicht des
Bandes (in dieser ganzen Serie sind meist alle Eanzleinotizen ein-
getragen) zeigt, mit wenigen Ausnahmen auch wirklich nur solche
enthält. Auch in den folgenden Bänden (bis n^ 403) ist die grösste
Zahl der Urkunden von diesem Mann signirt, die der ersten Jahre
auch von P. Ximini coUationirt, später lösen ihn lo. de Pontremulo
und Desiderius de Bistorff ab. Daneben aber greift P. de N. auch
• selbst ein. R. 385 f. 74 vermerkt er eigenhändig, dass die eben
registrirte Bulle von März 1444 bis Sept. 1447 liegen geblieben sei,
R. 400 f. 41 sagt der Collationator: Et de anno sexto dedit michi
d. Petrus ad ponendum in libris; lo. de Pontremulo registrirt zu-
gleich Breven dieses Secretärs (S. 484). Pe. de Noxeto ist also zu-
gleich Leiter des Registers, nur dass er für gewöhnlich nicht selbst
collationirt, und zwar muss das für alle diese gleich angelegten Bände
gelten. Diesen Sachverhalt bestätigt auch der Registraturvermerk auf
Originalen. Im Statthaltereiarchiv zu Innsbruck befinden sich drei
Bullen vom 12. Mai 1453 für die Kirche und den Bischof von Brixen
unterzeichnet von Pe. de Noxeto, der Registraturvermerk lautet Rta.
apud me Pe. de Noxeto, ist jedoch nicht autograph, wol aber die am
Rand stehende Subscription D. de BistorfF. Wir haben es hier offen-
bar mit dem Registraturvermerk eines dieser durch oder ftlr den
Secretär F. de N. geführten Register zu thun, die Art des Yermerkes
entspricht aufs vollkommenste der Sachlage in jenen Bänden, auch
insofern P. de N. nomineller, aber nicht factischer Registratur ist.
Register und Originale zusammengehalten zeigen also, dass die Expeditio
per secretarium zusammenfallt mit der Signirung des Originals durch
Die BaUenregister Martin V. und Eugen IV. 481
denselben, dass die von den Secretären geführten oder doch geleiteten
Bester wirklich nur von Secretären, nnd zwar in der Begel blos vom
i^pstrirenden Secretar signirte Briefe enthalten, so dass man mit
vollem Becht das Register nach dem betreffenden Secretar nennt, yon
labri secreti d. A. de Florentia oder yon einem Sumptum collationatum
per me B. secretarium ss. d. n. pape ex registro meo secreto >) spricht.
Weiter folgt daraus die Berechtigung, auch analoge Begistratur-
vermerke der früheren Fontificate so zu deuten. Ich fand bisher fol-
gende Secretäre, welche jedesmal auch die betreffende Bulle signirten,
a tergo genannt: B^ per Paulum Ebroicensem de mandato d. n. pape^),
fita per me B. de Montepoliciano de m. d. n. pape 3), B^ per me Pog-
gium secretarium de m. d. n. pape*), B** de m. d. n. pape Cin(cius)*),
Registrata apud me Blondum^). Wir haben also von all diesen Männern
geführte Begister und wol auch bei allen persönliche Betheiligung
an der Begistrirung anzunehmen, nur ob die Namen des B. de Monte-
poUciano und des Cincius auf dem Begistraturvermerk autograph seien,
kann ich nicht vollständig verbürgen, sondern nur als höchst wahr-
scheinlich erklären.
Der Begistraturvermerk des Poggio stimmt vollständig mit der
Art seiner Unterfertigung als Gollationator in M 12 und E 16?). Die
Begister der beiden andern Secretäre aus der Zeit Martin Y. müssen
verloren sein, ein Blick auf die in § 2 bei jedem Band aufgeführten
üeberschriften und Collationatoren zeigt, dass keiner dieser 12 Baude
den beiden Secretären angehören kann. Ebenso vrird es, wie ich gleich
hinzufüge, mit dem Begister des Cincius sein. Dass uns die Secretär-
register des Blondus in E 20 und 21 erhalten sind, glaube ich schon in
§ 3 bei Besprechung dieser beiden Bände erwiesen zu haben. Natürlich
verbürgen die einer sehr kleinen Zahl von Originalen entnommenen
Belege in keiner Weise vollständige Eenntniss der als Begistratoren
auftretenden Secretäre: Gitate, aus denen sich Begister des A. de
Florentia und des B. Boverella ergeben, habe ich oben angeführt^),
wahrend ich keinen entsprechenden Begistervermerk fand. Dürfen
*) R. Brev. n^ 6 (vgL jetzt auch Ealtenbrunner in Mitth. 6, 82) letztes Blatt.
B = Boverella? ") Or. Florenz fond ürbino von 1422 Jan. 14. «) Or. ebenda
1424 Juni 17. *) Ott. Florenz fond Rif. Atti publ. von 1428 Mai 7 und fond
8. Appollonia von 14S9 Oct. 18. ') Or. Florenz fond s. Maria Noyella von
1482 Aug. 11. •) Ott. Florenz fond s. Francesco di Kesole 1489 Aug. 22, Rif.
Atti publ. 1489 Dec. 22, 1441 Apr. 25. ^) Da heisst es etwa: Gratis de man-
dato d. n. pape. R^ per me Poggium secretarium de ipsiua mandato M 12
i 86. 87, R<« gratis de m. d. n. pape Poggius £ 16 f. 41. 44. 86 etc., R^ per
me Poggium secretarium de mandato d. n. pape E 16 f. 47. 58 etc. ^) VgL
andi das f 8 über E 17—19, 22—24 gesagte.
Kittlieilimsexi, Ergftnzongtbd« I. 82
482 OttenthaL
wir aber aus der Aufschrift von ß. n^ 385 die Folgerung ziehen, dasa
jeder Secretär ein eigenes Register führte? Ich komme darauf zurück,
dass in diesem wie in den übrigen dem P. de Noxeto zugehörigen Banden
vereinzelt auch von andern Secretaren signirte, also expedirte Bullen
Aufnahme fanden. Solche Notizen finden vnr auch im Begister des
Poggio: Expedite per B. Boverellam cum clausula corrige in registro.
Correcte et cassate alie. Poggius^); Morin. et B. Boverella expediveruni,
ego registravi. Poggius^), und im Begister des A. de Flore ntia ist ein
von Blondus signirtes Original eingetragen (s. S. 431). Auf diese
Weise dürften nun auch die von den seltener auftretenden Secretaren
expedirten Bullen, soweit dieselben in Secretarregister einzutragen
bestimmt waren, absorbirt worden sein. Es dürfte also aus der Zeit
Eugen lY. ausser dem Begister des Gincius kein Secretarregister ver-
loren sein. Es wäre doch auch ein sonderbarer Zufall, dass nur die
Begister der meistbeschäftigten Secretäre, aber auch alle die ver-
schiedenen Bände und Hefte eines Poggio oder A. de Florentia voll-
ständig, dagegen von allen weniger beschäftigten gar nichts erhalten
wäre.
Die Aufnahme von Papstbriefen in die Begister der Secretäre ist
also einerseits dadurch bedingt, dass dieselben durch die Secretäre
expedirt waren; dass auch vielfach Litterae clausae, die meist ohne
Secretärsunterschrift erlassen wurden, und Breven aufgenommen wur-
den, hängt eng mit diesem Eintheilungsgrund zusammen. Unbedingt
ausgeschlossen sind die gänzlich in der Cancellaria expedirten Briefe,
und ich wüsste kein einziges dem entg^enstehendes Beispiel anzu-
führen 3). Dagegen finden wir ganz positiv, dass per cameram expe-
dirte Briefe in das Secretarregister eingetragen werden, indem B. 386
zu den von P. de Noxeto geführten gehört und die f. 70' registrirte
Bulle ausdrücklich als per cameram expedirt bezeichnet wird^). Es ist
eine Littera gratiam vel iustitiam continens, da sie auf Orund einer
Supplik ausgestellt ist und wir treffen solcher sehr viele in den
Secretärregistern; in den Bänden, welche die Secretärsunterschrift
wiedergeben (die des B. Boverella, Pe. de Noxeto), ersieht man sofort,
dass sie alle „ per cameram * ausgestellt sind, das gestattet einen Bück-
») E 16 f. 454', ähnlich 454. «) Ebenda f. 525', f. 527 Eta- Poggiu«,
expedivit B. Roverella. •) Wenn in E 16 unter den vielen flüchtig und apho-
ristisch hingeworfenen Notizen auch Namen von Abbreviatoren begegnen (£198
RaiBchop, f. 259 Abbas s. Pauli et CiprianuR), so brauchen damit nicht Unter-
schriften auf Originalen gemeint zu sein. Die meisten dieser Bemerkungen be«
ziehen sich auf Taxen und Intercession für Erlangung der Briefe. ^) S. die & i6S
mitgetheilte Stelle.
Die Bullenregister Maitin V. und Eugen IV. 483
schluss anch auf jene Register, welche diese Signaturen regelmässig
unterdrücken, in denen sonst diese Expeditionsart nur durch einen
Zu&ll positiT zu erweisen ist^). Auch die Ton den Secretaren in der
Kanzlei expedirten Indulte wurden wol nur dann in die Secretar-
register aufgenommen, wenn sie per cameram giengen, die meisten mir
bekannten Originale solcher haben das Begistraturzeichen der Cancellaria.
Eine andere Schranke findet die Au&iahme in diese Register an
den papstlichen Eammerregistern, welche alle das Interesse der Kammer
berührenden Briefe enthalten sollen'), aber sei es, dass solche Bullen
doppelt eingetragen wurden, oder dass man auf Schleichwegen das
Kammerregister umgieng, oder dass man endlich diese Vorschrift nicht
80 genau einhielt, es finden sich in den Secretarregistem alle Gattungen
und Arten Yon Papstbriefen, wenn sie nur überhaupt durch Secretäre
expedirt sind: Constitutionen und Decrete kirchlichen und politischen
Inhaltes, Breven und andere laufende Correspondenzen, Verleihung,
Entziehung und Bestätigung von Pfründen, Indulten und Privilegien
jeder Art, Dispensen, Exemptionen, Indulgenzen, Ernennungen zu
geistlichen und weltlichen Aemtem, Passbriefe, Sentenzen und Rechts-
sprüche, sowie auf Einleitung und Führung Ton Prozessen bezügliche
Mandate u. s. w. Die Secretärregister geben somit ein getreues Bild
des vielfältigen und verschiedenartigen Antheils der Secretäre an der
Expedition der Papstbriefe überhaupt. Bemerkungen von den Secre-
taren zu den von ihnen nicht blos expedirten, sondern auch registrirten
Briefen hinzugefügt, zeigen sie noch speciell in solcher Thätigkeit:
De mandato d. nostri pape registriren sie nicht blos, sondern cassiren
auch Eintrage oder corrigiren sie 3). Poggio ist auch bei der Aus-
händigung wichtiger Bullen zugegen*), B. Roverella verzeichnet selbst
die in seiner O^enwart vom Papste entgegengenommene Resignation
einer Pfründe neben dem Eintrag der Neuverleihung ^).
1) 8o deute ich die Notiz in E 16 f. 289: Registvata gratis pro deo Poggias;
faerat ezpedita per Ciprianum, sed timens arrestum voluit per cameram. >) Siehe
§ 6. ^ Bemerklich sind namentlich Notizen wie folgende: E 16 f. 400 Cassata
per me Poggium secretarium ... de mandato speciali d. n., pontificatus ss. d. n.
Eugenü pape lY. anno XII. michi primo per r. p. archiepiscopum Florentinum,
postea verbotenuB dicta die facto. P., E 18 f. 249 Coirecta de mandato d. n. pape
viye vocis oraculo michi facto. A« de Florentia. ^) M 1 2 f. 46' (Absolutio comitis
Armeniaci) Bta. de mandato d. n. pape. Poggius. Domini cardinales . . . tradideront
bollam suprasdiptam oratoribus dacis Sabaudie cum promissione quod servabunt
capitula etc. et secundum iUa tradent ballam vel restituent. Et heo ita pro-
misenmt in mea preeentia. ^) E 22 f. 88' D. G. B. redgnavit . . ., eandem re-
ögnationem idem 88. d« n. acceptavit . . . presente me Bartholomeo Roverella sancti-
tatis fue eabioolario et seoretario et pro memoria hoc in folio notavi
484 OttenthaL
Die lockere Organisation des Secretariats hat ohne Zweifel eine
Bückwirkung auch auf die Secretärregister geübt. Keine andere Be-
gisterart ist so verschiedenartig, theilweise so nachlässig gef&hrt. Nor
Foggio darf man solchen Vorwurf nicht machen. Er tritt uns mit
jener Sorgfalt und Oenauigkeit entgegen, die wir bei dem eifrigen
Büchersucher voraussetzen, die seinem bekannten philologischen Fleiss
wie seiner berühmten Handschrift entspricht. Unterlassung des Col-
lationsvermerks fallt A. de Florentisi, Biondo*) und B. Eoverella zur
Last, dem ersten ausserdem Führung in unordentlichen Heften mit
Untermischung von Privatbriefen. Die Begistrirung der von den
Secretären eingetragenen Bullen erfolgte wol in dem Arbeitslocale der
Secretäre, nicht in der Gancellaria, da sie nicht als Mitglieder der
Kanzlei diesem Geschäft oblagen. Es liegt kein Orund vor, hier eine
räumliche Trennung von der Eintragung der Breven anzunehmen;
unter Nicolaus Y. aber werden angeftlhrt Brevia registrata per lohan-
nem de Pontremulo in camera d. Fe. de Noxeto^). Der gleiche Mann
coUationirt auch im Secretärregister (der Bullen) des Pe. de Noxeto
E. 403 und später ist immer von Eegistra secretariae die Bede**).
§ 6. Die Begistra Camerae.
Der Camerarius erscheint seit Ende des 12. Jahrh. als der oberste
Vorstand und als Leiter der päpstlichen Hofhaltung. Schon seit jener
Zeit war das Amt vielfach von Cardinälen bekleidet, ein klarer Beweis
seiner Wichtigkeit^). Seine und seines Amte» Stellung hat seitdem
keine wesentliche Einbusse an Ansehen und Wirkungskreis erlitten.
Zu Anfang des 15. Jahrh. ist der Kämmerer noch immer der wich-
tigste Beamte neben, de facto vielleicht vor dem Vicekanzler. Der
Kämmerer und die Beverenda camera apostolica haben die Jurisdiction
über die ganze Curie und die gesamrote Familie des Papstes, also auch
0 Damit mag zusammenhängen, dass er auf den Orr. vermerkt R. apud
me B., wie das auch bei P. de Noxeto der Fall ist. «) Reg. Brev. tom. 6 f. 1.
') Damit scheint allerdings der in den Statuten der Secretäre aus dem 16. Jahrh*
(vgL S. 464 Anm. 4) stehende Eidschwur nicht zu passen: Ego N registrator
in cancellaria iuro, quod . . . bullas accuratissime registrabo, et auscultabo,
Bumpta fideliter extraham nee partibus sine solutione solita consignabo, de illis
tam in dicta cancellaria quam in dicta secretaria exactis bonum et legale
computum reddam, er wird ohne Zweifel erst einem spätem Stadium entsprechen.
— Auch die Geschichte unserer Registerbände ist damit unvereinbar, die Secretär-
register kamen vielmehr, wie die Arbeit des Rubricator N (vgl. S. 411) oder die
ünterfertigung des Kammernotars Gaspar Blondus am Ende der Secretärregiater
Nicolaus y. zeigt, sehr früh in die Kammer, also an jenes Amt, von dem die
Secretäre auch sonst mannigfoch abhängen. ^) Phillips Kirchenrecht 6, 407 £
Die BullenregiBter Martin Y. und Eugen 17. 485
über die Expeditionsbeamten, die Finanzyerwaltung und die Begierung
des Kirchenstaates. Diesen ausgedehnten Qeschafbskreis lenkten unter
dem Kämmerer, abgesehen von der Criminaljustiz, ftlr welche ein
eigener Auditor generalis existirte, der Thesaurar als oberster Ein-
nehmer und die ülerici camerae, eben&lls hochstehende Prälaten, die der
ganzen übrigen Verwaltung vorstanden; und zwar erledigten sie wichtige
Angelegenheiten collegial unter Vorsitz des Kämmerers oder Vice-^
kämmerers mit Beiziehung einiger Fachbeamten ^). Daran schloss sich
ein grosser Korper von allerlei Executivbeamten, namentlich be-
nöthigte man hier auch ein zahlreiches Schreiberpersonale zur Führung
der verschiedenen Bechnungs- und Amtsbücher ^).
Die Beurkundungen dieses Amtes mussten in der strengen Form
des Bechts geschehen, um sie jederzeit in den zahlreichen Prozessen
verwenden zu können. Da hielt man sich an die landesgebräuchliche
Form der Ausfertigung durch öffentliche Notare, der Kämmerer be-
stallte eine Anzahl derselben als Notarii camerae oder N. curiae
camerae apostolicae, welche ausser ihrem allgemeinen Notariatseid noch
speciell f&r die Kammer vereidigt und verpflichtet wurden. Sie bilden
den Kern und Hauptstock der Expeditionsbeamten der Kammer, welche
die im Namen des Kämmerers oder dessen Stellvertreters oder des The-
saurars ergehenden Mandate und Correspondenzen, sowie die erforder-
lichen Instrumente und Contracte zu schreiben, zu unterfertigen und
auch zu registriren haben. Auf letzteres wird nicht wenig Gewicht
gelegt, weil die Begister so notariell beglaubigte Abschriften des Aus-
laufes wurden*^).
Sowol die politische Verwaltung des Kirchenstaates als die all-
gemeine Finanzverwaltung bringt die Kammer in Beziehung zur
Expedition auch von Papstbullen. Indem der Kämmerer, respective
die Kammer der intellectuelle Urheber auch der im Namen des Papstes
fCir diese beiden Sphären erlassenen Actenstücke ist, hat er auch deren
Zurückhaltung, Abänderung oder Oassirung zu veranlassen. Andere
Berührungspunkte ergeben die Taxen und Sportein, welche theils für
') Ich verweise im allgemeinen auf die lichtvolle Darstellung bei Phillips
Eirchenrecht 6, 408—487. •) Vgl. meine Bemerkungen über pftpstl. Cameral-
register des 15« Jahrb., Römische Berichte IV. in Mittheilungen Band 6. ^ Ich
verweise hier nur auf die von Leo X. bestätigten Eammerstatuten B. B. 5, 707
Cap. 24 ^Notarii camerae) in libris ipsius camerae ad id deputatis registrent ex-
tense et ad longum omnes et singulos contractus inter (cameram) et quamcumque
personam . . . initos et quascunque scripturas ad ipsam cameram pertinentes . . •
qui contractus et scriptnrae per notarios ipsius camerae et non per alios regi-
Btrentur sub poena ducentormn ducatorum auri pro qualibet vice.
486 Ottenthal.
die Aasstelluug von Ballen, theils für den Inhalt der Yerleihongen an
die Kammer zu bezahlen waren. Die Eammercleriker haben nach den
von Eagen lY. bestätigten Statuten der Kammer^) die Ballen über
Verleihung Ton Consistorialpfründen (bullas maiorum ecclesiaram ac
monasteriorum) unter Verschluss zu halten, Ton den andern Pfründen
(reliquorum autem beneficiorum quae supplicatione impetrantor) die
Verpflichtung seitens der Kammer entgegenzunehmen, d. k die in
allen diesen Fällen geforderten Abgaben^) zu bestimmen imd ftkr
deren Einhebung zu sorgen. Zu diesem Behufe nmssten die Originale
also in die Kammer gebracht werden, daher tragen sie oft den Ver-
merk Ad cameram, Fortetur ad cameram ; daher berichten die Kammer-
bücher die Aushändigung solcher Proyisionsbriefe durch die Kammer^).
Gerade Kammerbeamte wurden meist als Taxatores L a. in bullaria
gewählt, und konnten so überwachen, dass die der Kammer ge-
bührende Summe bezahlt und abgeliefert wurde; diese Taxatores
wurden deswegen auch vom Kämmerer vereidigt*).
Bei Briefen, welche die Kammer nicht nur wegen der sie treffen-
den Quote der Beurkundungstaxe berührten, sondern deren Inhalt in
die Machtsphäre der Kammer fiel, oder auch bei solchen, welche eine
länger dauernde Amtshandlung durch die Kammer erforderten, etwa
Frozess über Annatenzahlung oder deren Höhe herbeifährten und
ähnlichem, lag es im Interesse dieser Behörde, eine amtliche Copie
davon zurückzubehalten, nach dem Brauch der Curie solche Briefe in
ihrem Bureau zu registriren.
Schon früh hat man denn auch auf die Kammer bezügliche Bullen
zusammengestellt. Kaltenbrunner hat bereits für das 13. Jahrh. solchei
und zwar zum Theil von sehr interessanter Anlage unter Urban IV.,
Clemens IV., Martin IV. und Bonifaz VIII. nachgewiesen*). Freilich
scheint hier jede Andeutung zu fehlen, ob dieselben auch in der Kammer
registrirt wurden. Bestimmter ergibt das die Bezeichnung eines
Registers Clemens VI.^): Reg. litt apostolicarum camere apostoUoe,
>) In der Constitution ,In eminenti« 6. R. 5, 78 § 6. 7. ') Sie bestanden
im einjährigen, respective halbjährigen ErtrSgniss der Pfründen, vgL Bangen R. Curie
458 f., Hübler Const. Ref. 82 und in den localia undecomque venerint, letztere
»Trinkgelder« waren auch von Aemterverleihungen zu entrichten. •) D. C S
f. 152 ist die Uebergabe von 10 Bullen betreffend die ProTido epiacopi Elborensis
an dessen Procnrator aufgezeichnet, D. C. 4 f. 130' meldet die Kammer von
Provisionsbriefen Gregor XII. apostolice camere . . . ut moris est representatis,
die dort verschollen. *) Vgl. S. 458 und § 8. ») Römische "Studien I. Mitth. 5,
268 ff. •) Werunsky Römische Berichte III. in Mitth. 6, 145. Ich konnte
diesen Auft«atz erst von der Correctur dieses Bogens an benutzen.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 487
ganz zweifellos ist es seit Gregor XIL^) und Alexander V., von welchem
die Kammer 1418 eine Gopie aus Begestro intitulato litterarum apo-
stolicarum de curia dicti domini Alezandri et cameram apostolicam
tangentinm et aliarom litterarum apostolicarum in Camera apostoliea
registrari solitarum*) ausstellt. (}anz ahnliche Bezeichnungen finden
sieh dann in den Beg. Martin Y. und Eugen lY., welche ich schon
oben in §§ 2 und 3 mitgetheilt habe, sowie als Begistraturvermerk
auf den Originalen: «Bta. in camera apostoliea', manchmal mit Hinzu-
f&gung des abgekürzten Namens des Begistrators.
Eine Bezeichnung wie Begistrum litterarum apostolicarum de curia
et alianiTn litterarum apostolicarum d. n. pape cameram apostoli-
cam tangentium in dicta camera registrari solitarum^)
ergibt mit aller nur wünschenswerthen Deutlichkeit die Führung des
betreffenden Bandes in der Kammer und den Grund dieser Abzwei-
gung: Begistrirung der Litterae tangentes cameram. Als solche sind
in erster Linie de curia expedirte bezeichnet; ich habe schon auf den
Antheil des Gamerarius und dessen Amtes an diesen Erlassen hin-
gewiesen^). Damit ist aber der Kreis der die Kammer interessirenden
Briefe ja keineswegs geschlossen. Es gehören dahin vor allem sammt-
liehe Ernennungen fOr Aemter an der Curie und im Kirchenstaat^),
f&r welche ja oft bedeutende Taxen oder gar ein Kaufschilling zu
erlegen waren, der Kammerer stand zudem ja an der Spitze aller
Curialen. Diese Art von Begistern wird zusammenge&sst als Hegistra
offipialium oder officiorum, die betreffenden Bände beider Päpste ent-
halten üst nur derartige Schreiben (M 1 — 4, E 1 — 3).
Ich habe eben&Us bereits oben angedeutet, dass die Elammer an
vielen Ausfertigungen von Pfründenyerleihungen Interesse hatte. Das
bestimmt die Abtrennung gegenüber den Kanzleiregistern, welche sonst
vorzugsweise Litterae gratiam vel iustitiam continentes au&ahmen,
aber auch gegenüber den Secretärregistem, welche Briefe jeder Art
enthielten, &lls sie durch Secretäre expedirt waren; sämmtliche per
') D. C. 7 £ 140 heisst es: In libris et registris camere apottolice lit-
teranim apostolicarum de curia reperitur littera Gregorii XIL *) D. C. 4 f. 196.
") D. C. 7 f. 246. «) Ygl. auch § 9. ») Der Vicek9mmerer beauftragt am
10. Not. 1441 die Taxatoren und Bnllatoren, quatenuB omnes et singulaB bnllas
aeu litt. apl. concementes queconque officia tam spiritnalia quam temporaha per
suBimoe pontifices conferri consneta ac quaacunque alias in registro camere apo-
stoHce registrari solitas ad dictam cameram transmittatis, nt in registro dicte
camere registrentor et miica tasa dnntaxat solyatur. Auf einer Verleihung der
Podeatarie Ton Yiterbo 1427 Mai 12 (Or. Florenz fond Pistqja) hat der Kammer-
noiar lo. de Gallesio die Vereidigung in die Hfinde des Eftmmerers vermerkt.
488 OttenthaL
cameram secretam ausgefertigten Bullen konnten auch ins Kammer-
register kommen^), so war die Bücksicht auf die Camera vollständig
gewahrt. Wir finden daher in den Eammerregistern sowol Briefe, die
durch die Cancellaria, als solche, die durch die Secretaria expedirt
wurden, und die dem entsprechend Unterschriften der Abbreyia-
toren oder der Secretäre aufweisen. Doch sind die ersteren häufig
durch den Vermerk Per cancellariam, Ezpedita per cancellariam ersetzt').
Diese gratiosen Briefe stehen zuerst zusammen mit den L. de curia,
sind aber später unter Eugen IV. vielfach in die Abtheilung der
K secreta aufgenommen^).
Die Führung der Eammerregister ist Sache der Notarii camerae,
als der Expeditionsbeamten dieses Bureau^). Gerade das ist noch in
den Eammerstatuten, wie sie Leo X bestätigt, betont: Item quia buUae
apostolicae fideliter tractandae et registrandae sunt, . . . omnes buUae
in praefata camera registrandae per ipsos notarios camerae et non per
aliquem alium registrentur^). So wird auch Angelus Bariholomei de
Ponte de Perusio in einem uns erhaltenen Ernennungspatent als Apostolice
camere notarius litterarum apostolicarum in camera apostolica regi-
strandarum registrator^) bezeichnet. Ebenderselbe coUationirt oft in
den Kammerregistem und unterfertigt sich als »Begistrator* ^, wir
werden also in diesen collationirenden Beamten die Begistratores zu
sehen haben.
Der Ausdruck ist vieldeutig. Um den persönlichen Antheil, den die
^) In der Institutio Bummatom (B. B. 5, 879 § 1) wird es als desBen Ob-
liegenheit bezeichnet litteras per diotam cameram expediendas ad camerae et
(aut?) secretariae apostolicarum registra dirigere. Vgl. S. 470 Anm. S. — So er-
klärt sich wol auch das S. 485 bemerkte Vorkommen des Eammemotars R. Para-
disi im Secretfirregister E 22 : die drei Briefe, eine Facultas und eine Electio mit
zugehörigem Schreiben würden ins Kammerregister gehört haben, statt sie dort
nochmals zu registnren, beglaubigte man den Eintiag im Secretärregister durch
einen Eammernotar. *) Ganz yereinzelt kommt auch der Vermerk de camera
vor. Es ist dies ein de curia ähnlicher Expeditionsmodus, denn nie ist damit
Tazangabe verbunden, dagegen heisst es einmal de camera et de curia. Dass die
Kammer an den so signirten Stücken besonders betheiligt ist, liegt theils auf der
Hand (Ml f. 40 Ernennung eines CoUectors, £ 5 f. 118 Absolutio pro collectore),
ist in andern Fällen zu yermuthen (M 5 f. 72 Facultas für Legaten, auch über
Benefioialsachen in seiner Legation Appellationen zu entscheiden, M 8 f. 151 Pass
für aragonische Bischöfe zur Reise nach Rom in kirchlichen Geschäften). *) 8. § 9.
*) S. oben S. 485. *) B. R. 5, 707 Cap. 25. Das gleiche wird Cap. 24 yon allen
andern Schriften der Kammer gefordeit, s. S. 485 Anm. 8. Aehnlich auch in der
Reformb. Leo X. »Pastoralis offidi« B. R. 5, 574 § 9. •) D. C. 16 f. 56'. Mein Ex-
cerpt läset in Zweifel, ob er darin zum Registrator oder, was wahrscheinlicher,
zum CustoB librorum camere ernannt wird. ') E 6 f. 186.
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen IV. 489
Eammemotare an der Segistrirong der Bullen nehmen, kennen zu
lernen, empfiehlt es sich, eine Umschau auf die yon den gleichen
Beamten gef&hrten Segister der Eammeracte, die sogenannten Begistra
diyersarum cameralium, zu halten^).
Die Eammemotare haben yielfEU^h selbst in diese Begister ein-
getragen*). Bei individueller ausgeprägten Handschriften ist das sicher
zu erweisen, namentlich wenn derselbe Mann dann auch den Gol-
lationsYermerk hinzufBgte, oft mit anderer Tinte. Ist so einmal das
Factum festgestellt, so lasst sich die Schriftgleichheit auch weiter
constatiren. Es ergeben sich folgende Combinationen. Notar A signirt
das Original, tragt es in das Begister ein imd coUationirt es da, in-
dem er zur Beproduction seiner Unterschrift aus dem Original etwa
nur hinzuf> ,et colL', ,et coli, idem*; oder aber die Eintragung
ins Begister erfolgt durch Notar B, die Gollation wieder durch Notar A,
oft in der Weise, dass erst er die Signirung aus dem Original ergänzt
und in diesem Fall seine Gollation wie oben bemerklich macht, beide-
mal ist dann die Unterschrift des Gollationators und die aus dem
Original copirte Unterschrift des signirenden Notars yon gleicher
Hand, aber autograph. Ebensooft kommt es aber auch vor, dass
Notar A das Original signirt, Notar B es in das Begister eintragt imd
coUationirt oder auch letzteres durch Notar G geschieht. Oft endlich
ist nicht zu bestimmen, ob die Eintragung von einem der Notare ge-
macht ist, namentlich unter Eugen lY. scheint das seltener geschehen
zu sein. Gewicht ist darauf zu legen, dass die Praxis mit den yon
Leo X. bestätigten Statuten, die also alter Gewohnheit entsprechen,
übereinstimmt Danach werden wir nun das «r^istrare*' der Kammer-
notare in den BuUenregistem zu beurtheilen haben.
Auch da unterfertigen sich die reyidirenden Beamten in der Begel
bei jedem Stück mit dem ausdrücklichen Vermerk: GoUationata per
me N. Ebenso haben sie auch hier Fapstbriefe selbst eingetragen,
80 dass der Gollationsyermerk yon gleicher Hand wie die Bullen-
copie, aber dennoch autograph ist. Besonders durch den Vergleich
mit den B. diy. cauL konnte ich das zu yoUer Eyidenz bringen für
folgende Begistratoren: I. Gorduyerü*), I. Gomitis*), P. de Trillia^),
0 Daher auch auBnahmsweiBe in El f. 280 ein Kammeract (Eid des Col-
lectors) oder in D. C. 5 f. U8 eine Bulle Martins eingetragen ist. — YgL meine
Bemerkungen über päpstliche Cameralregister in Mitth. Bd. 6. *) üeberrest alten
Gebranches, wie er ähnlich schon im sicilischen Register Friedrich II. herrschte?
Philipp!, Reichskanzlei d. letzten Staufer 82. ■) M l f. 2', M 5 f. 25' hier zu-
gleich Scriptor »et coli, per enm«. ^) M 1 f. 28', SO. >) M 6 f. 194,
bis 197.
490 Ottenthai.
L. Bobring^), Antonius de Sarzana (sehr häufig) ^), H. Foulauii^), Balde-
mottus de Sarzana^), F. Lavezius^). Die Fälle dOrften aber ungleich
zahlreicher sein, als ich nachweisen kann; abgesehen dayon, dass ich
diesen Sachverhalt erst später in vollem Um£Euig erkannte, ist die
Constatirung der Schriftgleichheit zwischen den kurzen oft flüchtig
hingeworfenen Gollationsvermerken und den sorgsam in anderer aber
keineswegs gleichbleibender Schriftart eingetragenen Gopien auch da-
durch erschwert, dass uns der Vergleich mit nicht autographen Unter-
schriften der Gollationatoren in den Bullenregistern fehlt Also auch
hier ist Uebereinstimmung mit den Statuten Leo X.^) Jedoch treffen
wir ganz regelmässigen Collationsvermerk und Begistercopien von den
Händen der Kammernotare selbst vorzugsweise nur in den Bullen-
wie Gameralregistern Martin V.; es handelt sich wol um eine Beform,
eine strengere Geschäftsftlhrung, die bald wieder laxerer Praxis Platz
machte.
Ich habe bisher stets die coUationirenden Beamten der Begistra
litterarum apostolicarum in camera apostolica registratarum als Kammer-
notare bezeichnet, wesentUch nur auf das spätere Zeugniss der E^ammer-
statuten hin, es obliegt mir noch, die Bichtigkeit dieser Voraussetzung
ftür die erste Hälfte des 15. Jahrh. im einzelnen zu erweisen. Von
einer Beihe von Gollationatoren haben wir directe Zeugnisse, dass sie
dieses Amt bekleideten:
Luphardus Tepoldi clericus Goloniensis dioc., publicus apo-
stolica et imp. auctoritatibus ac apostolice camere notarius^).
Petrus de Trillia . . . renuntiavit officio notariatus camere^).
Ludolphus Bobring clericus Lubicen. dioc., apostolice camere
notarius^).
«) M 8 f. 85S 821. «) M 8 f. 66-109, 278, 804, M 4 f. 1—10', 11'— 25, 29',
82' etc., M 8 £ 48 ff., M 9 bis auf ein Stück ganz, E 6 die eisten Stücke von ihm
geschrieben. *) £ 2 f. 111 et colL per me fl. Foulani. «) £ 4 f. l', 8, S' etc.
>) £ 9 f. 212 and wie es scheint vielfach in den früheren nicht von ihm ool-
lationirten Partien dieses Bandes. ^) Auch die Reformbulle Leos B. R. 5, 574
§ 9 setzt diese Sachlage voraus, indem sie Taxen der Kammemotare für die
Registrirung nach dem Umfang der Stücke bestimmt, wie bei den Kanzleiregistem
für die Scriptores registri (587 § 26). ^ Bezeichnet sich selbst so D. C. 8 f. 118.
F. 160 dieses Bandes heisst es: 1425 die dominica que fnit XYI« m. septembr.
hora ve8peromm(!) vel quasi magister Luphardas Tepoldi de Benrade apostolice
camere notarius diem sunm dausit extremum. In der Zwischenzeit, d. h. 1418 bis
1425, finden wir ihn häufig in diesen Gameralregistern (8—9) genannt, theila als
GoUationator der Eintragungen, theils als ünterfertiger der Originale deneLben.
«) D. C. 8 f. 68 von 1419 Mai 18, in D. C. 4 und 5 (1418—19) findet er dch sig-
nirend und ooUationirend. *) D. C. 8 f. 1 (1414); ebenso nennt sich er und
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 491
Laurent ins de Botella unterfertigt sich als ap. camere no-
tariuai).
Antonius Johannes Ghibriel de Sarzana clericus Lunensis
dioc erhalt das officium notariatus curie camere am 12. Juni 1424>).
Angelus Bartholomei de Ponte de Perusio camere apostolice
uotarius, litterarum apl. in camera apl. registrandarum registrator^).
BobertuB Paradisi wird Notarius camere apostolice am 8. Aug.
i486*).
Petrus ParTÜohannis canonicns Autissiodorensis, 1443 ad
ofiBcium lectorie bullarum apostolicarum in bullaria buUatarum depnta-
tos^), wird bei der Aufnahme zu familiaris noster domesticus et con-
tinuus commensalis auch bezeichnet als camere apostolice notarius^).
Finden wir also hier eine Beihe Ton Eammemotaren in drei-
facher Thätigkeit: als ünterfertiger der von der Kammer erlassenen
Schriftstücke, als GoUationatoren der Eintrage in die Gameralregister
imd als Begistratoren in den BuUenregistem, so werden wir um-
gekehrt nach Analogie der obigen Beispiele auch andere Männer,
welche nach diesen drei Seiten beschäftigt sind, ab Notarii camere
betrachten müssen, wenn auch zufallig kein mir bekanntes Actenstück
sie so nennt. In diese Beihe gehören: L ComitiB*^), Johannes Cordu-
?erii®), C. de Lambardis*), Hugo Foulani^o)^ Miletus Thennini^i).
Nun bleiben noch die Gollationatoren M. Gerbasü, Maurian(us), Balde-
mottus de Sarzana und Franciscus Lavezius Übrig, von deren Stellung
und Thätigkeit mir jede Nachricht fehlt. Auf dieses argumentum ex
silentio ist aber, obwol es sich zum Theil um viel beschäftigte Gol-
lationatoren handelt, kein besonderes Gewicht zu legen, ist es ja auch
nur ein Zufall, dass ich P. Paryiiohannis aas dem Emennungspatent
P. de Trillia in der üntencbiift M 5 f. 826, wie ich schon 8. 416 erwähnte. In
den Gamerahegistern D. C. 4—11 ist er in obbeschriebener Webe th&tig 1417—1427.
0 Ms f. 48. In den Oameralregistern D. C. 4, 5, 8, 9, 11, 18, also von
1417^1481 thätig. *) D. C. 8 £ 191, als oamere apostolice notarius auch in
Eammerhriefen Ton 1429, 1480 (D. C. 11 f. 281, 18 f. ll) bezeichnet, in den Bftn-
denD. C. 9, 16, 17, 19 collationirt er bis 1486. *) 8. 8.488, ebenso in Bei-
lage n^ 8. In der gewöhnlichen Thätigkeit der Kammemotare begegnen wir ihm
B.C. 16—20 (1481—1440). ^) D. C. 19 f. 194, in seiner Amtsthäügkeit treffen
wir ihn Reg. n» 884, D. C. 19, 20 (1486—1444). «J D. C. 20 f. 217, vgl 8. 459.
') E 11 £ 118'. In den Oameralregistern fand ich ihn nie thätig. ^) In den
D.C. 4— 8 thätig (1417— 14i5). •) In R. D. C. 4 (1417—1418) thätig. ») In
denD. C. 4— 11, 16—20 thätig (1417—1487). *^) D. C. 20 Ton 1489—1448 als
Kammemotar thätig. ^0 In Reg. 884, D. C. 18—20 (1484—1448) in der Stel-
lung eines Eammemotars thätig. Beweis för obige Annahme ist auch, dass er
S 2 f. 112 sieh »ColL per me M. Th. notarium« unterüertigtt
492 OttenthaL
zum päpstlichen Familiareu als Eammemotar nachweisen kann. Es
wird vielmehr der Analogieschluss gerechtfertigt sein, dass diese vier
CoUationätoren dieselbe Stellung innehatten wie die 13 andern, mit denen
sie in den gleichen Bänden gearbeitet haben. Oder sollten sie Sub-
stituten f&r andere Notare sein? Für A. de Perusio unterfertigen sich
ja E 1 und ß wiederholt Ludovicus und lo. de Oravia. In andern
päpstlichen Aemtem, bei Abbreyiatoren und Schreibern, musste der
Ersatzmann stets aus demselben Beamtencollegium genommen werden;
bei den Eammerregistem möchte man das bei der so starken Betonung
ihres rechtskräftigen Charakters erst recht vermuthen, also diese vier
auch um dessentwiUen für Eammernotare halten. Leider kann ich
die oben genannten beiden Substituten nicht weiter nachweisen und
kenne sonst keinen sichern Fall von Stellvertretung i).
Bei den Secretärregistern haben wir als Begel Führung jedes
Bandes durch änen Secretär gefonden. Bei den Eammerregistem ist
das Ausnahme, trifft, wie die Liste der GoUationatoren in §§ 2 und 3
zeigt, nur bei E 1 und E 7 zu. Nach den Bestimmungen Leo X. er-
folgt die Beyision') durch monatlich wechselnde Mensarii, so dass also
alle Eammernotare der Beihe nach sich dieser Mühe unterziehen
mussten. Für unsere Zeit gilt das nach keiner Seite, weder finden
sich in den Bullenregistem alle Eammernotare wieder, noch hat ein
monatlicher oder überhaupt nur in regelmässigen Fristen erfolgender
Wechsel statt. Es revidiren oft mehrere Notare in einem Bande
gleichzeitig, aber sie sind meist in ungleichem Masse beschäftigt, so
dass man die einzelnen Bände yiel£a.ch in Abtheilungen zerlegen
könnte, die vorzugsweise von einem Notar coUationirt sind'), nur in
>) In M 6 f. 285' steht der Yermerk 0. per me B. de Gnidalott. apostolice
camere clericum, voraus geht ein durchstrichenes in absenüa, soll das heiBsen
in absentia notarii? Derselbe collationirt auch M S f. 88. *) Reformbulle
LeoX. »Pasfcondis« B. R. 5, 575 §9 Bullae registratae auacoltentor per unum
ex notariis d. camere, videlicet per mensarium, qui in signum ausoultationis
manum apponere in registro et de mala auscultatione teneri debeat. — Dasselbe
besagt wol auch die Bestätigung der Eammerstatuten (B. R. 5, 708 § 9). *) Ich
habe §§ 2, 8 die in jedem Band vorkommenden Ck)llationatoren aufgezShltt hier
suche ich, soweit die Angaben der Register und die mehr oder minder grosse Voll-
ständigkeit meiner Excerpte ausreichen, die Zeitdauer ihrer Thätigkeit im Register
festzustellen. lo. Corduverii von Nov. 1417 bis oca. Aug. 1418, coU. regel-
mässig M 1 bis f. 81', M 5 bis f. 140. L Comitis von Decemb. 1417 bis 1424,
ooll.regelm.nQr 1419 M 2 f. 1— 71, M 6 f. 1—14. P. de Trillia von April 1418 bis
1424 März, coli, regelm. M 1 f. 86 bis Schloss, M 5 f. 165 bis Schluss, M 7 f. 256 bis
SchlusB, M 8 f . 1—20 oft mit I. Comitis zusammen. Luphardus 1418 Juli, Aug.,
colLMöf. 141— 148. C. deLambardiskommtnurMsf. 148' 1418 Aug. i? vor.
M. Gerbasii von Febr. 1420 bis 1428 Sept., coli, regehn. M 2 £ 77—251 (1420
Die Bullenregister Harun V. und Eugen IV. 493
den Banden, in welchen F. Paryiiohannis und F. Lavezius nebeneinander
Yorkommen (E 2, 3, 9 — 12, 14, 15), finden sich beide Unterschriften
is beständigem raschen Wechsel, collationirten also beide gleichmässig
nebeneinander. Diese beiden unterfertigen sich auch regelmässig wieder
wie in der frühem Zeit Martins. Die nur vereinzelt collationirenden
Notare stehen meist an der Grenzscheide längerer zusammenhängender
Beihen. Bei häufiger vorkommenden Collationatoren deckt sich der
Zeitraum^ der Thätigkeit im Bullen- und in den Reg. div. cam. so ziem-
lich^); warum aber von gleichzeitig im Amt befindlichen Notaren bald
der eine, bald der andere mehr für diese Aufgabe verwendet wurde,
entzieht sich wegen Unkenntniss der biographischen Details dieser
Personen der Beurtheilung.
bis 14S8), M6 f. 15 bis Schluss, M 7 f. 1—148' (1420—1428 Dec.). Maurian.
von Mai bis Juli 1428, colL regelm. M 2 f . 168—250, M 7 f. 258'- 268'. L. Ro-
bring von 1424 Mai bis 1425 Sept. stets nur vereinzelt. L. de Rotella coli.
mir 1424 M 8 f. 48. A. de Sarzana von cca. Aug. 1424 bis 14S4 Ende, colL
regelm. M 8 f . 88' bis Schluas, M 4 f. 1—77 (1424—1428, dann ist in diesem Band
nur mehr selten Collationator genannt), M 8 f. 42 bis Schluss, M 9 gftnzHch (1424
bis 1429), £6 f. 1 — 182' (zweite Hälfte von 1484). Baldemottus de Sar-
zana von März 1480—1481, kommt M 4 und E 4 vereinzelt vor. Angelas de
Perusio von März 1481—1489, coli regelm. E 1, 4, 5, E 6 f. 186 bis Schluss,
Et, Es f. 1—85, E2 f. 1— 94'(?). R. Paradisi (1487—1489) corrigirt und col-
lationirt vereinzelte Stacke in £ 8. H. Foulani (1489—1441) tritt nur vereinzelt
auf £ 2, E 8, wo er f. 207'— 208', 226—281' zusammenhängend ooUationirt.
M. Thennini von März 1440 bis 1444 Mai, oolL zusammenhängend E 2 f . lU'
bis 202, E 8 f. 141'— 201, E 18 f. 1 — 142'. P. Parviiohannis von 1444 Aug.
bis 1447 Febr., colL regelm. E 9 f . 182'— 206', dann bis zum Schluss des Bandes
zusammen mit F. Lavezius, ebenso £ 10—12, E 18 von f. 281 bis Schluss und E 14
f. 1—80, dann bis zum Schluss und £ 15 zusammen mit F. Lavezius, E 2 f . 229'
bis 285, dann bis zum Schluss und E 8 mit F. Lavezius. F. Lavezius von Nov.
1444 bis 1447 Febr., stets zusammen mit P. Parviiohannis in E 2, 8, 9—12, 14, 15.
— Die Begistraturvermerke der Originale »Rta. in camera apostolica* haben nur
selten Siglen, aus denen sich auch nicht viel ergibt. Auf Urkunden von 1425
Jörn 80, 1427 Mai 17, 1480 Nov. 11 fand ich ein bestimmt stilisirtes A, das
graphisch an die Unterschrift des Ant. de Sarzana erinnert. Ein ganz anderes
mehr gothisches traf ich auf Urkunden von (1481?) Febr. 18, 1482 Jan. 29, Mai 80,
Aug. 28, 1484 Oct. 1. Die Unterschrift des A. de Perusio hat im Register andere
Form, aber es könnte doch ihm angehören unter der Voraussetzung, dass die erste
Bolle, die auch schon von Eugen IV. ist, zu 1482 gehöre. Eine Bulle von 1481
Jimi 7 trägt die Sigle Phi. Ist damit etwa der Eammemotar Philippus de Piscia,
der zwar sonst im Ballenregister nie vorkommt, gemeint?
^ Nur eine bedeutendere Ausnahme ist zu erwähnen : Pe. de Trillia resignirt
1419 Mai 18 auf sein Kammemotariat (D. C. 8 f. 68), findet sich nach meinen
Notizen auch seitdem in den D. C. nicht mehr, coUationirt aber in den Bullen-
registem noch bis. 1424. Eine beMedigende Erklärung dieser evidenten That-
Sache weiss ich nicht zu geben.
494 OttenthaL
Die verschiedenen Collationatoren des Kammerregisters waren als
Eammemotare einandemcoordinirt, man mochte daraus schliessen, dass
sie es auch in ihrer Stellung im Register waren; die Bestimmungen
über die Begistrirung unter Leo X setzen das auch voraus. Anderer-
seits mag es auch kein Zufall sein, dass gerade A. de Ferusio Begi-
strator heisst und sich so unterfertigt; es mochte die Leitung der
E[ammerregister ganz in seine Hand gelegt gewesen sein, da neben
ihm nur A. de Sarzana durch einige Zeit zusammenhangend registrirt;
doch horte diese Einrichtung jedenfalls nach dem Bücktritt oder Tod
des A. de Ferusio wieder auf.
Die collationirenden Eammemotare sind yerantwortliche Leiter
des Begisters, sie unterstehen auch in dieser Beziehung zunächst' dem
Kämmerer und der Bev. Camera apostolica. De mandato . . . domini
camerarii ex determinatione totius camere cassirt A. de Ferusio in Folge
eines vom Fapst an die regestratores ... in regestro camere er-
gangenen Mandates eine Bulle ^); mit der Bemerkung Gorrecta (cassata)
de m. d. camerarii (yicecamerarii) begleiten die Eammernotare Yiel£Eu:h
Aenderungen und Tilgungen^). Die Camera hat ja in vielen Fallen
zu entscheiden, ob eine Bulle ihren Intentionen entspricht, die Bulle
wird dort beurtheilt und auch yerurtheilt, bei den Cassationsbefehlen
des Kämmerers ist oft auch angegeben, dass er die Bulle abschnitt
(scissit plumbum).')
I) £ 7 f. 112. >) Beispiele in Fülle bietet jedes EammeiregiBter; ich be-
schränke mich hier auf eine auch sonst interessante Notiz, £ 5 f. 29 ist am Rand
bemerkt: Casaata est piesens bulla, quia poetea s. d. n. papa yoluit se super ip»a
deliberare et sie non habuit effectum . . . ftdt registrata presens bolia ex parte
cniusdam solhcitatoiis regis ill. Polonie, qni veniebat cum deoeptione et dizit
quod ipsa bulla de mandato ... camerarii eta adstatim deberet regi-
strari, sed non habuit effootum ut supra. *) Nach den von Leo X. bestfttigten
Kammeistatuten C. 23 hätten auch die Eammercleriker einen unmittelbaren Antheil
an den Bnlleniegistem : Ipsaeque bullae registratae et sumpta . . . per unum ei
dericis . . . fideHter . . . ausoultentar, et si quid in registro omissum . . . reperiator,
corrigatur manu ipsius elerici talisque correctio per ipsum clericum nomine tao
appoBito approbetur. Ich finde dafür keinen Anhaltspunkt in unsem Registern, sowie
auch die Reformbulle Leos nur von Auscultatio des Eammernotars spricht
Die ünterbcbrüt des Eammerclerikers B. de Guidalottis glaubte ich anders er-
klären zu mtlssen s. 8. 492, sonst finde ich nur in E 5 öfter zu Correctoren den
Namen »Gelus« gesetzt, der unter den Eammerclerikem nie genannt wird, ich
traf nur 1480 einen lacobus Gelus capioerius eocl. s. Mazimini de CSajerone Tnron.
dioc. Ccentiatus in legibus cubicularius d. pape erwähnt (D. C. IS f. 61). In
andern Bänden ist oft, auch wenn ein Collationator sich unterfertigt) an den
Band »colL* gesetzt; man wird wol kaum eine sichere Beziehang auf die Kanmer-
cleriker darin finden wollen.
Die BcilleiiregiBteT Martin Y. und Eugen IV. 495
Natürlich konnte der Papst jederzeit auch diesen Begistratoreu
direct Befehle zusenden: Cassata de m. d. n. pape findet sieh öfter,
und auch Correcta de m. d. n. p. Ebenso konnten aber aach die
Vorstände jener Aemter, welche die hier eingetragenen Ballen expe-
dirten, bei Correctar oder Neuausfertigung derselben den Eammer-
notaien den Auftrag zur Begistrirung dieser Zusätze ertheilen; wir
finden daher wiederholt: Correcta de mandato N. secretarii (in der
Begel desjenigen, der die erste Bulle signirt hatte) oder de mandato
d. vioecancellarii, da ja auch per cancellariam ezpedirte Bullen in die
Macht- und Interessensphäre der Kammer gehörten.
§ 7. Die Begistra oanoellariae.
Die Begistra camerae enthalten nur die die Kammer tangirenden,
die B. secretariorum nur die von den Secretären ezpedirten Bullen, es
ergibt sich daraus die Existenz einer dritten Art yon Begistem, welche
specieU die per cancellariam expedirten Stücke umfasst; ich nenne sie
kurz Begistra cancellariae.
Den Kammer- und den Secretärregistem sind aber von der ganzen
uns bekannten Begisterreihe des vaticanischen Archiyes alle Bände
Martin Y. und Eugen lY. bis auf M 10 und M 11 zuzusehreiben. Sollen
also nur diese beiden Bände jene älteste Kategorie von Begistem aus-
machen, welche nach einer Verordnung des 13. Jahrh. der Yicekanzler
stets in eignem Gewahrsam haben soll ? i] und nachdem die Expec-
tanzbriefe Yom ersten Jahr Martin Y. allein einen Band füllen, soll
ein zweiter im übrigen für den ganzen Pontificat desselben ausgereicht
haben, soll der Gebrauch unter Eugen lY. erloschen sein? Aber die
Constitution , Fastoralis officii* Nicolaus Y. Ar die Schreiber ist be-
zeichnet als Begistrata lib. 98 f. 294 in registris cancellarie*),
und noch unter Leo X. sind die Begistra cancellariae und die Officiales
registri bullarum cancellariae ausdrücklich erwähnt 3), in der grossen
BeformbuUe dieses Papstes sind Bullenregister im Zusammenhang mit
der Kammer, mit der Cancellaria und mit den Secretären getrennt
besprochen^). Hätte man aber wirklich unter Martin Y. und Eugen lY.
eine augenblickliche Aenderung in der Begistereintheilung getroffen, wo
ist dann die Hauptmasse der per cancellariam expedirteki Briefe regi-
strirt? Im Kammerregister stehen nur wenige davon, die meisten
sind Yon Secretären signirt, und dass die Secretärr^ister iu der That
1) Merkel o. a. 0. 188 n» 25. *) Cod. s. Crooe in Gerusaleme n« 89 f. 89
(TgL 8. 455 Anm. 1). *) Die Kammernotare aollen fOr RegiBtrirung gleiche
Taxe erhalten qnantam in registro caooellariae B. R. 5, 707 o. i6 und 708 | 9,
«) »Pastoralis ofiBdi« B.B. 5, 571 § 9, I 24^86, I 85.
496 Ottenthai.
nur solche letzterer Art enthalten, folgt aus Innern Griinden, ist z. B.
bei den von B. Boverella gefiihrten Bänden positiv zu bellen. Dass
die Gancellaria nur in so geringem ümiange noch geurkundet habe,
ist unmöglich, davon hätte ein so grosser Beamtenkörper nicht leben
können, dem widerspricht auch das statistische Yerhältniss zwischen
den beiden Expeditionsarten, wie es aus den Originalen beliebig zu-
sammengewürfelter Archive resultirt: der Begistraturvermerk auf den
nach ihren Unterschriften per cancellariam expedirten Briefen deutet
meist auf jene Gollationatoren hin, die wir in M 10 und M 11 finden^
nur selten auf die Kammerregister. Wir haben also ein£Ekch den Ver-
lust oder doch die Nichtkenntniss dieser Begisterart zu bedauern.
Baynald kannte, wie schon früher ausgeföhrt, nicht mehr B^ister-
bände als wir, auch von allen spätem Forschern citirt nur Oaetano
Marini in seinem zweibändigen Werk Degli archiatri pontifici, Bom
1784, für welches er ja die päpstlichen Archive in grossem üm&ng
und mit emsigstem Fleiss ausgebeutet hat, zwei Begisterserien: Begistra
in archivio vaticano und Begistra in archivio Datariae. Erstere, gleich
gezählt wie bei Baynald, entsprechen den uns bekannten Begistern,
wie ich mich durch mehr£EMihe Stichproben überzeugte^), letztere aber
sind ebenso bestimmt als eine wirklich davon verschiedene Serie zu con-
statiren, indem deren Citate in keiner Weise bei dem uns bekannten
Complex von Begistern zutreffen. Die ältesten von Marini citirten
Begistra in arch. Datariae sind von Bonifaz IX., die jüngsten von
Faul IV., also rund von 1400 — 1560, von allen dazwischen liegenden
Fäpsten ausser einigen nur ganz kurz regierenden sind solche erwähnt
Der oftmalige Zusatz B. bullarum in arch. Datariae kennzeichnet
ihren Inhalt im allgemeinen^); was wir näher davon erfahren, würde
dem Charakter von Eanzleiregistern recht wol entsprechen: es handelt
sich zumeist um Ffründenverleihungen, daneben finden wir Indulte
anderer Art, nicht selten auch Aufnahmspatente zu Aemtem, die zwar
käuflich waren, aber doch einen clerikalen Charakter an sich trugen,
wie die Stellen eines Scriptor, Abbreviator oder Akolyten*); Constitu-
tionen wie über die Beductio scriptorum poenitentiariae mögen recht
wol durch die Eanzlei expedirt worden sein^). Da es sich ÜEist immer
M Z. B. (Eugenii) lib. ofiP. 1 pag. 234 = £ 1 f. 284 (1, 148 Anm. h) oder Eag.
tom. 8 p. 158 — E 18 f. 158 (1, 186 Anm. b), t. 11 p. 241 = E 17 f. 241 etc.
') Erst von Julias IL sind einmal Brevia lulii U. in a. Dat. erwähnt 2, 276, wie
man flieht in abweichender Citirung. ') Wenn ee sich nicht etwa nxu: um
Bullen handelt, deren Adressaten solche Würden inne hatten« ^) Ausnahmen,
die obigem Charakter widersprechen, sind äusserst selten, so eine Bulle über Er-
werbung eines CSastells, Ernennung eines Einnehmers der Herdesteuer, Prorogatio
treuge unter Boni^ IX. (1, 144 Anm.b; 2, 218 Anm. 4; 881).
Die Bullenzegister Martin V. nnd Engen IV. 49?
nur um Gitate in den Anmerkungen handelt, laast sich nicht sagen,
ob diese Bullen per cancellariam oder per secretarios expedirt waren,
der einzige Tollstandige Abdruck^) beweist wenig, da wie wol schon
in Marinis Yorh^e jede Eanzleiunterschrift fehlt, die dieser sorg-
faltige Autor sonst nie anzuf&gen unterlasst.
Schwierig ist, sich in der Einordnung der einzelnen Bände zurecht
SU finden >)• Marini citirt Tomi, die bei dem Pontificat jedes Papstes
mit n^ 1 beginnen, daneben setzt er Annus des Papstes, der offenbar
zum Titel gehört, denn er steht mit dem Ausstellungsjahr des be-
treffenden Briefes oft im grellsten Widerspruch, ist ebenso oft niedriger
wie höher als das Datum der betreffenden Bulle, es kann also auch
unmöghch eine Bezeichnung des Bandes nach dem Zeitpunkt der ersten
») 2, 115 n»41.
*) Ich reprodadre Marinis Citate f&r die Zeit von 1417—1447, und zwar
geordnet nach den tomi, lasse dann den »annus* der Signatar, das redudrte Datum
und den Inhalt des Stückes, endlich den Fnndort bei Marini folgen.
Martin y.
t. 1 a. y. — Reduotio scriptorum poeni-
tentiariae 2, 144(4).
t. 2 a.yil. 1419 — yerldhnng einer Commende l, 295 b.
t. 4 a. X. 1429 'Vi, Dispens Ton Ghorbesuch 1, 122 a.
t. 5 a.y. 1421 *%o Bischofsemennung 1, lS9b.
t 6 p. 164 a.iy. 1420 % , 1,124h.
p. 227 a.3L 1425 «yi, , 1. 99 c.
t. 7 a. IIL 1418 — Abs. ab excommunicatione 1, 295 b.
t 8 a.XL 1427 «Vs Bischofsemennung 8,112(2).
1 12 a. XIII. 1429 «%| Dispens von Ghorbesadh l, 122 a.
il8 a.XIIL 1480 — Bischofsemennung 2,117(6).
Eugen ly.
i 1 a. L 1481 — Bischo&emennnng 1,158 h.
t. 8 a. Xy. 1488 <% Ehedispens 2, 115.
t. 8 p. 89 a.Xyi. 1482 ^V, BischoÜBemennung 2,117(5).
p. 50 a.IX. (1488 Vs) > 1,168 h.
p. 161 a. IX. 1444 Vi Invest eines Johanniters 1, 156 e.
t 4 p. 75 a.XIlL 1486 -- Prorision 1, 158L
p. 99 a.yL — Castellyerleihnng 1,144 b.
p. 154 a. y. 1489 ^Vr BesitBcinweis. in Pfrflnde 1, 188d.
t 5 a. XUL 1482 ^Vii Zehenteinhebersemennung 2, 128 (4).
i 7 p. 2 a.X. — Scriptorsemennung (?) 1,200 h.
p. 41 a.XIIL — CSollectoxsemennung 1,429 b.
p. 70 a. XL — Scriptorsernennnng 1, 287 b.
p. 145 a.XIIL 1487*% Ffiründenverleihung 1,187 b.
p. 808 a.XIIL 1487«% -« 1,154 b.
t. 8 a.yiIL — Scriptozaemennung (?) s, 186(8),
lüttheflangeni Erginsongsbd« I» 88
498 ^ttentbal.
Eintragung gemeint sein. Diese Jahreszahlen scheinen sich auch nicht
auf den ganzen Band zu beziehen, und ihr Wechsel innerhalb des-
selben ist ebenso unerklärlich wie ihr Yerhältniss zu den Daten der
einzelnen Briefe. Besser harmonirt die Folge der Bände mit den
Daten der Briefe, jedoch darf man sich auch hier nicht eine fort>
laufende Beihe denken, es handelt sich rielmehr zum Theil um neben-
einander geführte Bände, ohne dass sich aber aus den spärlichen An-
gaben, etwa aus dem Inhalt, der Theilungsgrund ersehen Hesse. Man
wird überhaupt in der Generalisirung dieser wenig zahlreichen Daten
nicht vorsichtig genug sein können; die Existenz aber, und zwar einer
bedeutenden Zahl von Bänden und die Hauptrichtung des Inhaltes
dieser Begister ist gesichert. Diese Punkte erhalten eine gewichtige
Unterstützung durch Angaben Dudiks in Iter Bomanum 2, 27, die
er wol nur von Marino Marini erhielt. Danach , stellte die Dataria'
unter Bonifaz IX., Gregor XL (etwa XII.?), Eugen IV., Nicolaus V.,
Faul IL, Alexander YL Bullen folgenden Inhaltes fQr mährische
Destinatare aus: Verleihung oder Bestätigung von Privilegien und
Indulten, Unionen, Ablässen; Facultäten zu Elosterreformen, Gommis-
sionen in Kirchen sachen, Annullirung von Bullen des Basler Goncils.
Uebertragen wir Dudiks Ausdruck in die richtige Fassung: das Archiv
der Dataria enthält Begister derartiger Bullen aus der angezogenen
Zeit, so kommen wir auf das gleiche Resultat wie mit den Citaten
des Gaetano Marini. Die nähere Einrichtung dieser Begister möge
dann der glückliche Wiederauffinder oder Benutzer dieser Bände be-
schreiben, dem man unter der jetzigen liberalen Leitung der päpst-
lichen Archive und Sammlungen den Zutritt gewiss nicht versagen wird ^).
t. 9
p. 116
a.XlV.
US2 «V«
Scriptorsemennung
1, 158 f.
p. 167
a.XVI.
H85 —
Pfründenverleihiuig
1. 158 i.
p. 171
a.L
1481 «'Ai
BischofBemennTing
1, 110&
p. 188
a. XII.
1447 %
Tranelatio episcopi
1, llBc
p. 192
a.XI.
—
Scriptorsemennimg (?)
2,188(8).
f. 10
a.XI.
(vor 1488)
Pfründenverleihung
2, 182(8).
tu
p. 216
a. XIV.
1486 V,
Bischofsemennung
1, 188C
p. 223
a.xvr.
1487 /e
»
1, 188b.
t. IS
p. 58
a.XI.
1484 /,
Secretärsemennung
1, 164a.
p. 64
a.VI.
1442 %
Pfründenverleihung
2, 14S (S).
*) Dudik theilt ebenda auf Grund von Angaben M. Morinis mit, dass die
Franzosen auch dieses Archiv nach Paris transportiren Hessen, dass es aber M.
glQckte, über 700 durch Sorglosigkeit eines rOmischen Beamten als Macnlatnr
verkaufte Bände (in Rom oder Paris ?) wieder zu erwerben. — Die Registra sappli-
cationum, die gleichzeitig zu benutzen wären, von Martin V. bis Pius VIT. befinden
sich gleichfalls in der Zahl von 669 Bänden in der Datarie. Moroni Dizionario
di erud. storico-ecdeBiasüea 19, 114.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen tV. 4dd
Der Inhalt, wie er sich aus der Gombination dieser beiden Quellen
ergibt, lasst diese Register als Nachfolger der & litterarum com-
mimium des 14. Jahrh. erscheinen. Begister dieses Namens finden wir
aach unter Martin V. und Eugen IV. citirt. M 5 f. 235' ist ein Privileg
für die Jaden eingetragen und dazu bemerkt: Sciendom est quod pre-
dieta bulia in registro communi litterarum apostolicarum debebat
legistrari, sed quia iam registratores deFerraria, ubi fuit expedita,
reeesserant, de m. d. n. pape fuit in registro isto camera registrata.
E 7 f. 112 ist eine Bulle de concurrentia in beneficiis vacantibus cassirt
and zur Begründung die diesbezüglich an den Papst gerichtete Bitte
eingetragen, er möge rey. patribus et yen. dominis registratoribus
sapplicationum ac litterarum apostolicarum tarn in communi re-
ge stro quam in regestro camere die Oassation gewisser früher er-
gangener Briefe anbefehlen. Dass hier den Gegensatz zum Eammer-
register das Secretarregister bilden sollte, scheint mir ausgeschlossen,
denn der yorliegende Name ist nie für dasselbe gebraucht, und die
drei gleichzeitigen des Poggio, A. de Florentia und Biondo enthalten
keine Gasairung von Urkunden der in Frage stehenden Goncurrenten.
Es bleiben also nur die in der Kanzlei geführten Register übrig und
der Inhalt heider Stücke passt ja bestens zu den in der Dataria be-
findlichen und zu den altern B. litt commiimum ^). Also auch in den
uns erhaltenen Bänden Martin V. und Eugen IV. ist eine dritte Serie
?on Begistem dieser beiden Päpste citirt, es ist somit auch der gleich-
zeitige originelle Charakter derselben yerbürgt, wie er sich ftir M 10
und 11 auch unmittelbai* aus dem Augenschein ergibt.
Die beiden uns erhaltenen Beprasentanten der in der Cancellaria
geführten Register gehören nicht der Hauptreihe dieser Serie an.
*) Auf einen solchen Band besieht sich fast Kweifellos folgende Proyenienz-
angäbe einer Bulle Martin V. : libro primo de beneficÜB de exhibitis et de diverus
formis d. Martini p. V. anno quartodeoimo f. CGXCIX. Meinardus Päpsi liehe
Formelsammlungen, N. Archiy 10, 7i. Auch andere Cifate scbeiaen, jedoch in
unbestimmterer Form auf diese Register hinzudenten : £ 5 f. 55 Bulla non venit
hie registranda, quia beneficialis ebt, yielleicht auch £ 5 f. 144 zu Reservation eines
Klosters: Gassata, quia debet esse in registro maiori, wobei ich aber auf die Be-
merkung Ealienbrunners R. St. Mitth. 5, 278 yerweise. Nicht mit den Registra
canoeUariae (= R. 1. oommun.) zu yerwechseln ist der über oder Quinternus
cancellariae, der alle für die Cancellaria und deren Amtsthätigkeit wichtigen
Constitutionen und Verordnungen enthielt, so namentlich die Regfulae cancellariae^
bei deren einzelnen Bestimmongen oft hinzugef> ist >et placet ponere in libro
cancellariae*. £benda befand sich auch die ofGdelle Mntrag^g des deutschen
Conoordats: in libro cancellariae s. R. eoclesiae in quo Romanorura pontificum
coBstitutioneB et ordinationes solent conscribi. Hübler Consta Ref. 165, der ihn aber
fälschlich für das Kanzleiregister im gewöhnlichen 8inn hielt
88*
500 OttenthaL
M 11 ist ja Liber bullaram diversarum, der in yerschiedenen Abthei-
lungen nahezu die ganze Kegierungszeit Martins um&sst, umgekehrt
enthält M 10 beinahe nur jene Litterae de beneficiis yacaturis, welche in
Folge der yon Martin Y« Ende Januar und Anfangs Februar 1418
massenhafb signirten Suppliken^) ausgefertigt wurden. Um so mehr
wird das in beiden Banden übereinstimmende als Charakteristicum der
ganzen Serie gelten dürfen. M 10 und 11 ist yor allem gemeinsam,
dass hat ausnahmslos am Ende der einzelnen Briefe der collationirende
Beamte genannt wird. Wir haben unter diesen Männern die leitenden
Beamten des Begisters zu sehen, mehrere dayon werden uns ander-
weitig ausdrücklich als Begistratores litterarum apostolicarum genannt
Ich lasse die Liste aller nachweisbaren folgen.
Franciscus de Agello, episcopus Tudertinus yon 1407 bis
1423 (oder 1424) Dec, wird Erzbischof yon Bari, stirbt 1458; erhält
als Litterarum apostolicarum registrator yom Yicekanzler Befehle 1418
Noy. 18, findet sich als Gollationator in M 10 und 11 yon 1418 bis
1424 Dec. 14.
Antonius de Ponte, episcopus Concordiensis, erhält mit dem
yorigen zusammen am 18. Noy. 1418 als Begistrator litterarum apo-
stolicarum einen Auftragt), ist als Gollationator nachweisbar yon Be-
ginn der Begister Martin Y. bis 1420 Juli in M 10 und 11, bei
Begistraturyermerk in Bulle yon 1419.
lacobus de Gerretanis, iurisperitus, cantor Taurinensis ec-
clesie, litterarum apostolicarum scriptor 1418'), als L. a. registrator
bezeichnet zuerst 1423^), als super regestris magister deputatus 1428
Juli 6, findet sich als Begistrator auf Originalen yon 1421 Noy. bis
<) H&bler 1. c. 44 Anm. 184. •) D. C. 4 f. 162' Bev. patribuB . . Concor-
dienfii et . • Tudertino episoopis 1. a. registratoribuB mandamus etc. Ebenso
beruft sich der Yicekämmerer auf beide in einer Littera testimonialis yom 22. Dec
1418 D. C. 5 f. 8. — Da Ant de Ponte in M 10 und 11 so oft als Gollationator
genannt ist, ist ohne Zweifel er unter dem BiBobof yon Concordia gemeint Er
wurde 1402 Bischof dieser DiOoese, 1409 yon Gregor XXL zum Patriarchen yon
Aquilqja ernannt, ohne sich aber gegen den yon Alezander Y. und Johann XXIII.
anerkannten Antonius Panoiera, noch auch gegen den 1412 gewählten and yon
Haitin V. anerkannten Ludwig v. Teck halten zu können. In Concordia folgte
inzwischen H. de Strassoldo als Bischof, aber A. de Ponte führte diesen Titel nodi
auf dem Constanzer Goncil, Rubels Mon. eccL Aquil. 1006, 1086. Das Chron. IV.
patr, AquiL weiss nur zu melden: A. de P. ConcordiensiB episcopus foctos fuit
patriarcha et oonfirmatus per Gregorium XII. papam, sed non habuit patriarcha-
tum et recessit et abiit ad curiam Romanam et ibi mortuus est absque
patriarchatu et episcopatu, ibid. Anh. 15; nach Rubels 1086 hätte er 1418 den
8itz »Hjdruntum« erhalten. •) M 5 £ 169. ^) M 7 f . 281 in einem Fftssbriei,
1426 zusammen mit Paulus epe. Ebxolcen. s. 8. 601 Anm. 2.
Die Bollenregister Martin Y. und Eugen IV. 50l
1426 Jan. yermerkt; in M 10 and 11 als Collationator von 1420 Sepi
(oder erst yon 1421 an?) bis Febr. 1428, Bischof yon Teramo YOn
1429 Jan. bis 1440 Juli
Paulas de Gapranica, episcopas Ebroicensis, dann Erzbisebof
Ton Beneyent, stirbt am 31. Dec. 1428, Secretar yon 1417 — 1425 1), er-
halt als Registrator litterarum apostolicarum Befehl des Vicekammerers
1426 Sepi 12>), als Collationator kommt er nie yor>).
Petras de Gasatiis, archidiaconos Camane eoclesie, scriptor
et ^miliaris noster 1419^), mit lacobas de Cerretanis zusammen als
super regestris magister deputatus erwähnt 1428 Juli 6^), er übt das
Officium registratoris in registro buUarum apostolicarum loco Pauli
archiepiscopi Beneyentani aus und behält es auch nach dessen Tod^).
Er findet sich als Registrator in Orr. yon 1428 Noy. bis 1429; als
Collationator in M 11 sicher yon 1424—1480^.
Nicolaus Gesari, episcopus Tibortinus, cubicularius pape, wird
1429 Jan. 23 zum Registrator litterarum apostolicarum ernannt, da
das Amt durch den Tod des Erzbischofs yon Beneyent Paul de Gapra-
nica yacant war^). In den ersten Jahren Eugens als Majestatsyerbrecher
und wegen anderer Vergehen in der Engelsburg gefimgen gehalten,
floh er und wurde des Amtes entsetzt (1435), muss sich aber dann
mit dem Papst ausgesöhnt haben, da Nicolaus V. 1450 Juli 31 das per
obitum Nicolai episcopi Tiburtini erledigte Officium registratoris neu
besetzt®). Als Registrator oder Collationator traf ich ihn weder in
Originalen noch in Registemi<>).
Bartholomeus, abbas monasterii s. Bartholi(I) in Ferraria, wird
an Stelle des Nicolaus episcopus Tiburtinus (quem) dicto registratoris
officio priyayimus, zum Litterarum apostolicarum registrator ernannt
1435 Juli pi). Vielleicht kam er nicht in Besitz seines Amtes, da
') Siehe 8. 478; nach Erlangung des Registratoramtes scheint er das Secre-
tariat znrfickgelegt oder doch nicht mehr ausgeflbt zu haben. *) D. C. 9 £ 198.
P. episoopo Ebroicensi et lacobo de Cerretanis 1. a. registratoribas mandamas . . .
') Die ünterfertigang auf einem Or. yon 1422 Jan. 14 bezieht sieh ohne Zweifel
auf das Secretftrregister ; s. 8.481. «) M 11 f. 111. *) B.C. 11 f. 168'.
Petro episoopo Electen. et d. Arpino de Aleiandria super supplicationum et
d. lacoho de Cenetanis et d. Petro de Gasatiis L a. scriptoribos super boUamm
sea litterarum apostoUcamm regestris ipsommque registratoribus per « . • dominnm
nostram . . . magistris deputatis • . . mandamus (soll es statt ipsorumqne registra-
toribas etwa heiBsen ipsommque regestroram scriptoribus?) *) D. C. 11 f. 225
von 1429 Jan. 8 ; s. S. 508. ^ Er ooUationirt allerdings sdion eine Bulle von
a. L, wie auch la. de Cerretanis M 11 f. 181—206, doch scheinen alle diese auf
die Hnssiten bezOglichen Briefe erst spftter hier registrirt worden za sein. *) M 4
f. 84. •) Beg. n^ 488 f. 108. >^ 8. das 8. 506 über den An. zeichnenden
Begisterbeamten gesagte. ><) £ 1 <^ 2S7 =s E 20 £ 84.
502; Ottenthai.
sich kein Beleg f&r seine amtliche Thätigkeit findet und sein Vor-
gänger bald begnadigt worden zu sein scheint.
Bartholomeus de-Vincio, als Scriptor litt apL Ton 1418 bis
1426 thätig^), wird Bischof von Yalva 1427, ist als B. epificopus Yal-
vensis, litterarom apostolicarum registrator bezeichnet 143 1>). Bei
Begistraturrermerken finde ich ihn 1435—1441.
Christophorus Oaractonus, episcopus Coronensis, papst-
licher Ballenschreiber und Secretär^), erhält den vierten Theil Officii
registratoram litterarum apostolicarum tunc yacante(m) per mortem Bar-
tholomei epiflcopi Yalvensis und ein weiteres Viertel am 7. Man 1443^),
stirbt 1449; als Begistrator fand ich ihn auf einer Bulle von 1447
unterfertigt »Coron.*.
Ausserdem kommt als GoUationator in M 11 noch yor Bicoldas
von 1427 — 1429, dessen autographe ünterfertigung ich auf einem
Original von 1428 Not. 11 fand, üeber seine Lebensumstande habe
ich keine Nachricht gefunden.
Begistrator ist die allgemeine Bezeichnung f&r die leitenden
Beamten dieses Begisters. Daneben gebraucht man in schärferer Tren-
nung gegen die Scriptores registri schon unter Martin V. den Aus-
druck Magister registri^). Die Begistratoren des Kanzlei- oder Gommun-
registers heissen in einer Beiho von oben angefahrten Fällen, deren
Deutung ganz zweifellos ist, schlechthin Begistratores litterarum sea
bullarum apostolicarum; wenn man damit vergleicht, wie sorgrffltij;
A. de Ferusio als Begistrator litterarum apostolicarum in camera
apostolica registrandarum bezeichnet wird, liegt es nahe jene einfieushe
Benennung als speciellen Titel fQr die Leiter der Kanzleiregister, als
der ältesten Begistergattung, aus der sich die übrigen erst heraoa-
bildeten, zu betrachten.
Die Begistratores litterarum apostolicarum werden vom Fapst er-
nannt, vom Kämmerer oder Vicekämmerer vereidigt^). Es gab in der
Gancellaria vier Begistratores, wie Eugen bei der Ernennung des Bischo&
von Coronea ausdrücklich sagt^. Aber die reichen damit verbundenen
1) M 2, 5, 8. ») £ 1 f. 115'. M 11 f. 109 ooUationirt er eine Bulle des Jahxea
1427, die aber nach dem Datum der yorausgehenden.erst nach dem 5. Jan. 14rSO,
algo möglicher Weise erst unter Eugen eingetragen ist. ') Siehe 8. 476. «) £ S
f. 211'; 8. Anm. 7. ^) In dem bei Ciampini . Pe abbreTiatorum statu 15 aas*
gelassenen § 1 1 der Bulle »Romani pontificis*, 8. § 12 dieser Abhandlung. *) I>a8
ersieht man aus den angeführten firnenmmgsdecreten. ^) £ S f . 211'. Wegen
dessen Legationsreise nach Constantinopel de quarta parte offidi registratomm
litterarum apostolicarum tunc yacante, . . . tibi duxerimus providendum, ... de
alterius medietatis predicti officii, quam certo tempore apud nos dignis ex causis
retli.uimus, medietate pariter auctoritate apostolica proyidemus, ut ex quatuor
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen lY. 503
Emolomente, vielleieht wol auch iie nach dem Scliisma überall ein-
tretende Minderung der Geecbäfte bewogen die Päpste, zwei dieser
Stellen nicht etwa an&ubeben, sondern unbesetzt zu lassen und deren
Einkünfte direct an sich zu ziehen. Dieser Gebrauch war offenbar schon
bei Beginn von Martins Begiemng im Schwünge, denn in den Mandaten
der Kammer an die Begistratoren werden nie mehr als zwei genannt
Versucht man die Reihe der Begistratoren im Sinn der obigen
Ernennung Eugens f&r unsere beiden Päpste zu reeonatruiren^ so muss
man noch im Auge behalten, dass hier wie bei so vielen andf ra curialen
Aemtern Stellvertretung gestattet war. Die Begistratores waren ja
hochgestellte Personen, vielfach Bischöfe, Paul de Gapranica behielt das
Amt noch als Erzbischof von Benevent bei; als solchen war ihnen
aber die Ausübung desselben zu mühevoll^ sie waren auch oft durch
andere Aufgaben vom Sitz der Curie fem gehalten, ich erinnere hier
wieder an den Bischof von Goronea und dass demselben die Einkünfte
eines B^istrators geradezu zur Bestreitung der Beise in den Orient
▼erliehen wurden. Es wurde im Emennungspatent wol direct das
Becht der Substitution ausgesprochen, und zwar unter Beibehaltung
aller Emolumente. So ist es beim Bischof von Tivoli^) und dasselbe
ergibt sich f&r dessen Vorgänger P. de Gapranica. In einem unmittel-
bar nach dessen Tode erlassenen Mandat befiehlt der Vicekämmerer
dem Petrus de Gssatiis: Cum de mandato (pape) officium registratoris
in r^fistro bullamm apostolicarum loco . . . Pauli olim archiepL Bene*
ventani temporibus preteritis usque in presentem diem exercuistis, . . .
mandamus quod non obstante decessu . . . Pauli . . • officium registra«
toris uti consuevistis, sequamini'). Seine Befugniss konnte ja nur
erlöschen, wenn er blos f&r Paulus ausgewählter Substitut war. Daraus
erklärt sich wol auch^ dass Petrus hier wie in zwei firfiheren Erlässen')
nur als Litterarum apostolicarum scriptor et abbreviator titulirt wird,
als Begistrator nur zusammen mit lacobos de Cerretanis und in einer
etwas unklaren Weise genannt wird^j, die vielleicht damit zusammen-
dicti ofBcii parfibus daas partes integre habeas ipsisque et earum emolnmentis,
qaoad vixeris, tamqam tno officio perfmaris.
') M 4 f. 84 . . . te regütratorem dictarum littenuum . . . facimas . . . tibi-
qae offidam ipBum . . . per te, qaoad Tixeris, etiam si te fonan ad aliam cathe-
dralem, eüam metiopolitanam ecdesiam interim transferri oonüngat, aut alinm
clericam jdonetim et fidelem per te depotandam ponendnm et amovendum . . .
cum provisione emolumentis honoribuB et oneribns consuetts eo modo et forma,
quibus dictns archiepiscopus gaudebat, . . . (gubemandam) oonferimus . . .
') D. C. 11 f. 225. Nach dem Zeitpunkt des ersten Auftretens muss er schon
etwas früher etwa ffir Fr. de Agello registrirt haben. •) Pflsse M 11 f. 111,
148 von 1420, 1424. *) ($iehe 8. 501 Anm. 5.
504 OttentliaL
hängt, das8 er nur durch den Eammerer zum Verweser des Begisters
bestellt wird. Beiden wird dann aufgetragen die üebersiedlung der
Begistratur yon S* Maria sopra Minerva nach dem neuen päpsüiehen
Palast bei SS. Apostoli Torzunehmen, das Mandat geht zugleich an die
Vorstände des Supplikregisters, tou denen der eine Bischof ist; es ist
also gar kein Zweifel, dass beide in gleicher Weise fistctische Leiter des
i^anzleiregisters waren, obwol damals der Erzbischof von Benevent
noch lebte. Fe. de Gasatiis unterzeichnet auch ebenso die Eintrage
in das Begister und den Begistraturvermerk auf dem Original wie ein
wirklicher Begistrator, nur seine Amoyibilität und der Nichtbezug der
Taxen unterschied ihn als Substituten.
Theoretisch ist aber zwischen dem Begistrator und dem blosen
Verweser dieses Amtes scharf zu scheiden. Für die Beihe der yom
Papst ernannten Begistratores ist nicht der Nachweis des Gollationirens
im Begister oder der damit zusammenhängende Begistraturvermerk der
Originale massgebend, sondern die glaubwürdige Bezeichnung desselben
als Inhabers dieses Postens, in erster Linie das Ernennungsdecret,
daneben wol auch die sociale Stellung: ein Bischof konnte Begistrator,
aber nicht wol ein anderer Bischof dessen Stellvertreter sein. Ich
halte für Begistratoren im bezeichneten Sinne: die Bischöfe von
Concordia und Todi, Paul de Gapranica als Nachfolger des Frana de
AgeUo und lacobus de Gerretanis ab Nachfolgei: des A. de Ponte ^),
an Stelle des Erzbischofs von Benevent trat der Bischof von Tivoli,
B. deVincio Bischof vonValva wol an jene des Bischofs von Teramo,
Bartolomeos Nachfolger war erweislich der Bischof von Goronea. Wie
lange das Intermezzo der Wirksamkeit des Abtes von S. Bartolo
dauerte, weiss ich nicht zu sagen ^). Für einen Pe. de Gasatiis oder
Bicoldus bleibt hier kein Baum, umgekehrt sind aus der Liste der
GoUationatoren wahrscheinlich Paul de Gapranica und der Bischof von
Tivoli zu streichen.
Aber die Stellvertretung brauchte wol nicht immer eine solche zu
*) Ja. de Gerretanis nimmt unseres Wissens in der geistlichen Hierardiie
keinen so hervoxragenden Platz ein wie die andern Registraturen, nach Erlangung
der Bischofswürde scheint er auf sein Eanzleiamt verzichtet ku haben. Aber er
heisst stets Begistrator, wird als solcher mit Paul de Gapranica auf eine Lixiie
gestellt, endlich sein Auftreten schliesst sich vorzüglich an das Verschwinden des
A. de Ponte an, daher halte ich ihn fQr wirklichen Begistrator.
>) Es ergibt sich also folgende Beihe:
A. de Ponte 1417— U20. " Fr. de Agello 1417—1424.
la. de Gerretanis 1421—1428. Paulas de Gapranica 1426—1428.
Barth, de Vincio 1481-1442. Nicolaus Gesari 1429-1450.
Ghrist. GaratonuB 1448^1449. (Bartholomeus abbas 1485.)
Die BnUienzegisier Harfu^ T. und Engen IV. 505
sein wie bei Pe. de Gasatiis. In M 10 sind als Gollationatoren aufl*
schliesBlicli A. de Ponte und Fr. de Agello unterfertigt, in M 11
aoflserdem la. de Cerretanis, Pe. de Gasatiis, Bicoldos. Es ist nun eine
gemeinsame Eigenthfimlichkeit dieser beiden Bande, dass zu Beginn
der einzelnen Stücke Yor der Initiale M(artinQs) meist ein abgekürztes
Wort steht, bei den von A. de Ponte unterfertigten ausnahmslos A,
bei den Ton lacobus de Cerretanis la, bei den von Petrus de Gasatiis Pe,
bei den Ton Bicoldus collationirten StQcken BL Der Zusammenhang
dieser Siglen mit den Taufnamen der betreffenden Gollationatoren springt
in die Augen, während ein solcher etwa mit dem Wechsel der Schrift
der Eintragungen in keiner Weise besteht. Anders yerhalt es sich
bei Frandscus de Agello, da sollte mau Yome Fr. erwarten, das findet
sich nie, dagegen eine Beihe anderer Siglen: Ar, Ou7(^), Os, lo, B,
M, IM (verschränkt), ün (in gothischer Gursive), die letzten drei nur
in M 10. Die Beziehung zur Gollation ist auch hier unzweifelhaft,
da M 10 f. 157' eine von A. de Ponte collationirte, darauf von Fr. de
Agello corrigirte Bulle ausser dem A auch die Sigle IM tragt. Ich
habe bei der Durchsicht des Bandes die Gollationatorenunterfertigungen
f&r autograph gehalten, mir auch nicht bemerkt, dass bei der des
Fr. de Agello darüber ein Zweifel sei. Hat also der Bischof von
Todi stets selbst unterzeichnet, so mochte er doch Andern die that-
sachliche Bevision und namentlich auch den Begistraturvermerk auf
dem Original zu machen, respective zu erganzen überlassen haben.
Denn die Siglen der andern Gollationatoren, die ja deren Namen ent-
sprechen, finden sich in gleicher Weise beim Begistraturvermerk^) und
die Anbringung derselben auch im Begister scheint mir nur eine Gon-
trole der Begistraturvermerke zu sein. Auch die in Verbindung mit
Fr. de Agello angebrachten dürften auf den Originalen wiederkehren >).
umgekehrt können wir aus den Kegistraturvermerken constatiren, dass
1430 — 1445 irgend ein stellvertretender Mann im Kanzleiregister thätig
war, dessen Sigle An sich innerhalb dieser Zeit sehr oft auf Originalen
zeigt 5), er könnte der Amtsverweser far Nicolaus B. v. Tivoli ge-
I) Daher stammen meine früher gemachten Angaben über das Vorkommen
der einzelnen Begistratoren bei Originalen. ') Zwei Bullen von 1420 Juli 15
und 1422 Mai 27 (Florenz St. A.) haben den Termerk Bta. Frandscoa de Agello,
im Bauch des R Buchstaben in Verschrftnkmig, die fast die gleichen Conturen
zeigen wie die von mir oben als Qs aufgelöste Sigle. *) Dass es Begistratur-
vermerk des Eanzleiregisters ist, ergibt sich daraus, dass die meisten der so be-
zeichneten Originale per cancellariam ezpedirt sind« es passt femer zeitlich zu
keinem E[ammemotar, nach den wechselnden Secretärsignirungen , mit denen
zusammen es vorkommt, auch nicht zum Secretärregister des A. de Florentia.
Eher konnte es Anseimus Fabri litterarum apostolicarum oorrector und Referen-
506 Ottenthai.
Wesen sdn, welcher aasdrQcklicb das Becht der Stellyertretung er-
halten hatte; das wäre ein analoger Fall, wie bei F. de Gasatiis,
wahrend Fr. de Agello sich nur in gewissen Functionen substituiren liess.
Wie in den Eammerregistern, ja noch viel mehr kommen hier
die gleichzeitig dienenden Begistratoren in einem und demselben
Bande vor, und zwar in häufigster Abwechslung, sie f&hren das Begister
vollständig coordinirt, auch die blos provisorischen Geschaftsleiter er-
scheinen nie als unter dem Befehl des zweiten Begistrators stehend.
Ob diese Begistratoren ähnlich wie die Kammernotare die Ein-
tragung in das Begister selber gemacht haben, ist von vorneherein
sehr zweifelhaft, in ein Paar Fällen könnte es der Schriftbefund bei
Fr. de Agello und la. de Cerretanis insofern nahelegen, ab der Gol-
lationsvermerk nach Schrift und Tinte keine Verschiedenheit von der
Bullencopie erkennen lässt^). Für die Fertigung der Gopien dienten
regelmässig die Scriptores registri oder Clerici in registro scri-
bentes. Ihre Zahl war von altersher acht«), wurde dann aber ver-
mehrt. Zu Beginn der Begierung Martin Y. waren dreizehn zu
fixem Monatslohn von 4 Eammergulden angestellte, wogegen sie aber
keinerlei Ansprüche auf Taxen oder irgendwelche Entsch^ädigung seitens
der Parteien hatten s); umgekehrt haben die Begistratores keinen An-
spruch auf Antheil am Salar der Schreiber^). Die Einführung in das
dar des Papstes, wie er Cod. Tat. 4 9 SS f. 45 heiest, sein; wenigatens fUllt bei
einem von ihm ala Abbreviator unterschriebenen Or. (Innsbruck, Ton 1488 Febr. 4)
seine Subscription und das An im Registraturrermerk durch gleich blasse Tinte
und gleiche Buchstabenform auf.
«) M 10 f. 804', 806 für erstem, M 11 f. 227—281 fiir letetern. «) Siehe
B. B. 5, 594 § 84. s) Die X. mensis decembris (1417) d. Ludoyicos locumtenens
(camerarii) de oonsensu dominorum clericorum camere apoBtoUce ordinavit, qaod
in registro buUarum domini nostri sint ista vice XIII scriptores boni et quilibet
habeat pro salario cuiuelibet mensis florenos quatuor de camera, salva ordiDatioue
et dispositione d. n. pape. Item ordinaTit quod scriptores ultra dictum salarinm
nihil accipiant a partibus neque petani D. C. 3 f. 42. Dass sich diese Verord-
nung auf die Scriptores der Kanzleiregister bezieht, schliesse ich nicht nur
daraus, dass allein bei dieser Registergattung solche Unterbeamten ausdrQcklicb
erwähnt sind, sondern besonders aus dem Erlass auf der Rückseite des gleidien
f. 42. Eodem die prefatus locumtenens etc. de voluntate clericorum huinsmodi
ordinavit, quod in registro supplicationum servetur consuetudo nntiqua etc. also
in ganz ähnlicher Weise för ein mit der CanceUaria in Verbindung stehendes
Amt Verordnung erlassen wird. Später gab es zwölf Schreiber nach der Reform-
bulle Leo X. B. R. 5, 594 § 84 ut olim ob non dissimilem necessilatem in registro
quoque bullarum ordinatum scimus, in quo novi quatuor pari modi scriptores
aliis veteribus octo adinncti fuerunt. Sie beziehen eine nach dem Umfang des
Eintrages bemessene Taxe ibid. 587 §26. *) Const. Martin V. »In apostolice«
B.R. 4, G84 § 18.
Die Bullenregister Martin V. and Eugen IV. 507
Amt erfolgt selbstTerstandlicli darcli die Begistratoren^), die Ernen-
nong und Vereidigung durch den Kämmerer >), sie sind Beamte, nicht
blos Priyatschreiber der Begistratoren ; ihr Amt ist uuTereinbar mit
dem nines Scriptor litterarum apostolicarum^).
Wie weit entsprechen nun die beiden Bande Eanzleiregister MIO
und M 11 sowie die Originale, deren Begistraturvermerk Eintragung
in diese Begisterserie verbürgt, der Ton mir aufgestellten Scheidung,
enthalten also nur durch die Kanzlei ezpedirte Bullen? M 10 fällt
▼oUstandig innerhalb dieser Grenzen, insofern der Inhalt aus lauter
Expectanzen besteht; die Kanzleiunterschriften sind leider stets unter-
drückt bis auf den Expeditionsvermerk des Taxator in bullaria. Der-
selbe findet sich wol auch bei von Secretaren expedirten Briefen,
jedoch selten, die eigentliche Aufgabe dieser Taxatoren soll sein, ut
diligenter bullas que expediuntur per cancellariam, inspicerent^), das
hanfige Vorkommen dieses Vermerks in M 10 entspricht also recht gut
dem Charakter eines Begisters von Kanzleiausfertigungen.
M 11 dagegen nennt stets den oder die expedirenden Beamten,
ungleich häufiger als in jedem andern der uns bekannten Bände
finden sich die Unterschriften der Abbreviatoreu vermerkt, sind also
Expeditionen der Kanzlei registrirt, aber recht oft stossen wir doch
auch auf Stücke, die von Secretaren signirt sind, und zwar handelt es
sich in diesem Bande nicht um jene Indulte, welche von den Secretaren
in der Gancellaria expedirt und deswegen mit vollem Becht in das
Kanzleiregister eingetragen worden sein können. M 11 enthält zwei
Serien von Curialbriefen^), die erstere enthält &st ausschliesslich von
Secretaren signirte, es folgt eine Abtheilung De capellanatu honoris,
bei der das gleiche zutrifft, erst die nächste Gruppe der Gonservatoria
besteht durchwegs aus per cancellariam expedirten Briefen, dazwischen
aber sind später auch wieder solche andern Inhaltes mit Secretärs-
unterschrift eingeschoben worden, in der zweiten Gruppe der L. de curia
stehen Briefe beider Expeditionsarten in buntestem Wechsel.
*) 1416 befiehlt der Vicekämmerer den beiden Begistratoren GuilL Voyrum
ad scribendam et regiBtrandum litteras apostolicas in rec^istro litterarum apo-
stolicarum recipere D. C. 4 f. 162'. Scriptorea registri bullarum . . . non vicecancellarii
solnm sed etiam magistrorum correctioni snbiiciantur. Reformbnlle Leo X. B. R. 5,
587 §26. *) 1422 Juni 17 verleiht der Kämmerer aactoritate camerariatuB
officii Peiro Hure presbitero Cenomanen^is diocesis, anct. apl. publioo noturio den
dnrch den Tod des Guillermus de Verlhis in registro litterarum apoBtoÜcarum
erledigten Schreiberposten D. C. 7 f. 66. Der hier genannte G. de V. ist wol der
in der vorigen Anm. genannte G. Voyrus, dessen Aufnahme ebenfalls der Kämmerer
befiehlt *) Eugens Constitution fQr die Schreiber, BeiL n<> 4 § 5. ^) Cud,
Vat 8888 f. 72. >) Siehe S. 418.
508 OttenthaL
M 11 ist nun allerdings ein Begistram litterarum diTersarum, in
das man vielfach Briefe aufiiahm, welche in die andern Beihen nicht
passten; es mochten solche Amtsbriefe mehr aus Zu&ll in diese Begi-
stratur verschlagen worden sein, da für deren Begistrirung keine oder
nur eine geringe Entschädigung geleistet wurde, wird sich keine Begi-
stratur um deren Aufaahme bemüht haben. Bei andern Stücken wird
auch die Gancellaria ein vorwiegendes Interesse an der Begistrirung
gehabt haben, so etwa bei der Ernennung der Ehrencaplane wegen
deren Prärogativen in Erlangung von Beneficien. Oder eine Bulle
berührte verschiedene Aemter gleichmässig, welche alle eine ofßdelle
Copie in ihrem Begister zu haben wünschten, und es fand daher eine
mehrfache Begistrirung statt So steht das gleiche Mandat des Papstes
an den Kämmerer M 5 f . 216^ und M 11 £ 51, Marini Archiatri 1, 153
Anm. h erwähnt die Ernennungsbulle für den Bischof Christ. Gtaratonus
als in Beg. arch. Dat. a. IX. b IIL p. 50 und in arch.Vai t XXTTT.
p. 211 (=E3 f. 211) stehend^). Das würde sich durch doppelten
Begistraturvermerk des betrefiPenden Originales controliren lassen^),
&lls nicht etwa verschiedene Ausfertigungen in die verschiedenen
Begister eingetragen wurden. So steht M 11 f. 18 eine de curia
expedirte Kreuzzugsbulle für den König von Portugal vom 4. April
1418, dieselbe vom gleichen Secretar signirt M 5 f . 153', jedoch hier
zwischen Bullen aus dem August und mit dem Vermerk: Duplicata in
Aussicaco, L. Bobring propria. Also erst das Duplicat wurde ins Kam-
merregister eingetragen, was doch gewiss als Willkürlichkeit zu be-
zeichnen ist
Solche. Unregelmässigkeiten scheinen gerade hinsichtlich der Ein-
tragung von Briefen, die durch die Secretäre ezpedirt waren, in das
Kanzleiregister öfter und bei den verschiedensten Gruppen der durch
die Secretäre signirten Bullen vorgekommen zu sein, die Begistra can-
cellariae scheinen also häufiger benutzt worden zu sein als die Expeditio
per cancellariam. Diese Ausnahmen stossen jedoch die zu Eingang dieses
Paragraphen aufgestellte Begel, dass dieses Begister für die durch die
Gancellaria expedirten Bullen bestimmt war, keineswegs um. Ich möchte
<) Aehnlich 2, 167 Anm. 4, wo Beziehung der Citate auf Bullen yerschiedeaen
Inhaltes ganz ausgeschloBsen ist. ') Ein Or. zu Florenz (fond Cambio) vom
11. Nov. 1480 (£. gestattet den Malatesta den Bau eines Hauses am Meere) hat
doppelten Registraturvermerk, Ria. in camera apostolica und R mit An. im Baudi,
also auch Vermerk des Eanzleiregisters s. S. 503. Doppelte Registrirung einer Bulle
im Kammer- und Becretärregister fond ich wiederholt: die Ernennung des Abtes
Bartholomeus zum Registrator steht Elf. 2S7 und £ 20 f. 84, die des F. Dias
zum Secretar £ 2 f. 118' und E 17 f. 218.
Die BuUenregister Martin V. und Eugen IV. 509
mich da auch auf das Besultat herofen, das sich aas den yon mir ein-
gesehenen Originalen ergibt: Ton 59 Urschriften, die den Vermerk des
Kanzleiregisters tragen, sind 13 yon Secretaren signirt, 5 dayon ge-
hören zn den Ton den Secretaren in der Gancellaria expedirten In-
dulten, bei dreien mag dieselbe irgendwie betheiligt gewesen sein^), nur
bei den restlichen 5 weiss ich keinen Grund f&r die Eintragung in das
Kanzleiregister anzugeben, doch sind alle L. communes'), was auch
▼on den 46 per cancellariam expedirten Originalen mit Vermerk des
Kanzleiregisters gili
§ 8. Die Taxen für die Begistrirung.
Die Taxen und Sportein, welche an die Registratur zu bezahlen
waren, bespreche ich hier zusammenhangend, weil die einzelnen Begister-
arten sich diesbezüglich yiel&ch gleichstehen, in andern Punkten die
Nachrichten zu allgemein sind, um stets die Beziehung auf eine be-
stimmte Begisterserie feststellen zu können.
Die Gebühr f&r die Begistrirung entspricht grundsätzlich der ftbr
die Beinschrüt aufgestellten, sie bildet eine der yier, xespectiye fünf
gleichen Taxen, welche nach diesem Ansätze auch für Conoept, Bein-
Bchrift, Besiegelung und eyentuell auch an die Secretare zu bezahlen
waren. Dieses Pnncip hat schon Johann XXII. in der Taxbulle «Cum
ad sacrosanetae* ^) aufgestellt und noch Leo X. anerkennt es als Basis
fOr die Sportein der Begisterbeamten^). Das gilt für alle drei Serien,
ftbr die Eanzleiregister sagt es Leo X. a. a. 0., für die Eammer-
r^ister lässt es sich aus einer Taxirungsnotiz unter Martin V. er-
weisen (S. 510 Anm. 4), für die Secretarregister bieten die gleichfiJls
unten zn erörternden Notizen Poggios unzweideutige Belege.
*) Es unterfertigt sich in allen dreien der Taxator in bullaria, bei zweien
dayon finden sich auch in dorao Unterschriften, jedoch am Seitenrand, nicht an
dem für die Abbreyiatoren gebräuchlichen Platz. *) Drei Dispensen a defectu
natalium, eine Ermächtigung zu Elosterunion, eine Dedaration über das Grehalt
eines Beamten. *) Eandem taxationem cum moderamine praedicto qnoad prae-
fatas litteras in registro nostro servari yolumus, cum faerint registrandae. Ean-
dem etiam taxationem quoad praefatarum litterarum notas scilicet giatiae cum
antedicto numero abbreviatores observent. Extray. Johann. XXII. Tit. 18 (Fried-
berg G. J. G. 2, 1218). ^) Qnoniam magistri registri bullarnm in arbitriis oom-
ponendis ac taxandis grayius exoedebant, et tarnen unam taxam instar acriptorum
eis debere ex litteris fe. re. lohannis papae XXII., praedecessoris nostti, manifeste
ostendebatur, ad quam dimissis Omnibus reduci cupiebant. Gonstit. »Pastoralis
offidi« B. B. 6, 684 § 24. nichtig erkannt hat das Yerhältniss bereits Woker Finanz-
wesen der F&pste 88 und namentlich Diekamp Znm p. Urkw. Mitth. 4, 515, wäh-
rend Munch die im Register, resp. auf dem Gr. yermerkte Summe für die Ge-
sammttaze hielt.
510 OttenihaL
Die Begistertaxe wird daher auch nach der gleichen Münze be-
rechnet wie die übrigen, nach Orossi^). Die Höhe der Taxe fusst
noch immer auf den von Johann XXIL aufgestellten Sätzen <). Sie
schwankt zwischen zwei Groschen und vielen hunderten Groschen.
Es genügt ein Blick in das von Woker^) edirte Taxbuch, dessen meiste
Posten wol auch schon für unsere Zeit zutreffen. Die Bestimmung
der Taxe war ausserordentlich complicirt, da nicht blos der Haupt-
gegenstand der Verleihung oder überhaupt des Inhaltes nach dem
gebräuchlichen Ansatz taxirt wurde, sondern alle Zusätze, die so-
genannten Clausulae noch auf den Preis einwirkten, ebenso spätere
Gorrecturen (corrige in registro), Neuschreibungen in Folge Irrthnms
der Partei, Duplicate etc.; in den beiden letzten Fallen sollte nur die
Hälfte der ursprünglichen Taxe gezahlt werden, doch hat man sich
oft darüber hinausgesetzt^). Es waren auch nicht immer die einzelnen
Bureaux in gleichem Masse betheiligt. Für die Littera executoria einer
Provision z. B. wurde kein yollständiges Goncept entworfen, sie wurde
auch im Register nur mit wenigen Worten eingetragen, während der
Seinschreiber und der Plumbator die gleiche Mühe hatten wie mit dor
Bulla principalis; daher sollte auch nach der Anordnung Johann XXII.
der Abbreviator f&r die Executorie nur zwei Grossi erhalten. Ich will
damit nur andeuten, dass die Taxe ßir das Register mit der der Bein-
Schrift und der der Bulla doch nicht immer ganz übereinzustimmen
braucht
Das sind die officiellen Amtstaxen, aber damit sind die Auslagen
der Partei ftlr die Urkundenexpedition keineswegs erschöpft. Abgesehen
von üeberschreitung der Taxe, gegen welche Elagef&hrang und Deber.
prüfiing durch die Taxatoren in der BuUaria^) immer nur einen un-
genügenden und umständlichen Ersatz geboten haben wird, hat sich
die Sitte herausgebildet, dass der einzelne speciell bei der Expedition
betheiligte Beamte noch eigens eine Entschädigung erhielt Bereits
>) Vgl. S. 456 Anm. S. >) Siehe den £id des RescribendaTs in Beilage
no 4 § 40. >) Das Finanzwesen der Päpste 6. 161 - ISO. «) M 5 f. 285' heisst es
Ton den Ausfertigungen eines JndenpriTilegs : Item est sdendum qaod iata bnlla
non fuit tasata in grossa nisi ad XL gr. papales, quia no?em duplicate
fuerant de ea, quarum quelibet ad totnm fnit tazata et tic fuenint
in unirerso XL flor. oamere pro grossa, quos isti ladei pro registro sicat pro
grossa etiam solverunt. Item in buUa fuit taxata ad LX flor. camere et sie fuit
pro biüla et registro C flor., quos ego Petras de TriUia recepi de m. d. mei vice-
camerarü, oui ipsCos) poftea tradidi, teste m. p. hie appoeita. (Von anderer Hand):
Ita est, LudoTicus eps. Magalonen. locumtenens d. camerarü d. n. p. Istos Cfior^
tradidi de m. d. n. pape Odoni de Barris cubioulario d. ju p. et reoeptori pec-
cuniarum in palacio d. n. pape. ^) Siehe 8. 458.
Die Bullenregister Martin V. nnd Eugen IV. 511
zu unserer Zeit bestaBd dieser Brauch offenbar schon in weitem üm-
&ng, denn in der CJonstitntion f&r die Schreiber hat Eugen ly. den-
selben eine Entschädigung f&r die mehr als 25 Zeilen langen Amts-
briefe zuerkannt*). Wie nun erst bei den auf Bitten der Parteien ab*
gefassten Briefen ! In den Reformvorschlägen des Cod. Vat. 3888 aus
der Zeit Alexander VI. werden diese Zuschlage als etwas selbstver-
ständliches betrachtet, Klage wird nur darüber geführt, dass die Expedi-
tionsbeamten in letzter Zeit diese Forderungen mitunter um das Fünf-
&che gesteigert haben und dass sie immer neue Fälle zur Erpressung
finden, der Kreis derer, die solche fordern, sich stets erweitere, z. B.
nicht blos die Fratres barbati, sondern auch schon deren Famuli solche
Extraabgaben verlangen*). Wenn ein Nachlass der Taxe gewährt wird,
bezieht er sich selbstverständlich nur auf die eigentlichen Amtstaxen,
nicht auf die Nebensporteln der betreffenden Beamten.
Die meisten Bände enthalten nur die auf dem Original vermerkte
Taxe der Beinschrift, denn sie ist bis auf gleich zu besprechende
Ausnahmen in der Manier der Originale und sehr oft gefolgt vom
Namen des Bescribendars eingetragen. Ebenso enthalten die Begister
auch meist nur jene Vermerke über Taxbefreiung, welche bereits auf
den Originalen stehen. Mit Ausnahme der Litterae de curia und der
Verleihungen an solche Personen, denen kostenfreie Expedition aller
Briefe ihres Amtes oder ihrer Würde wegen zustand, wie an Gardinäle,
Beamte der Kanzlei und der Kammer, veri familiäres papae u. s. w.,
war eine ausdrückliche Vergünstigung des Papstes zu Befreiung von
*) BeiL no 4 § 1 8. Nicolaos Y. in seiner Bestätigung verbot wieder alle über
die Taxe hinausgehenden Zahlungen. ') Bezuglich der ftlr die Registrimng ge-
zahlten Nebensporteln bin ich nur auf RflckschlQsse aus etwas späterer Zeit an-
gewiesen. In den Vordergrund treten auch hier wieder die Beamten des Kansdei-
registers. Die Magistri registri, die allein die Taxen beziehen sollen, fordern
daneben noch fast für alle Ausfertigungen Gaben, deren Ausmass Leo X. in seiner
Reformballe amtlich festgesetzt hat (etwa V^o ^^' Taxe). Das Gleiche thut er
anch mit den Geschenken, welche die Registerschreiber bei wichtigen Expeditionen
neben ihrem nach der Arbeit berechneten Lohn erhalten (B. R. 5, 684 § 26, 585
I 26). Etwas anders liegt die Sache bei den Kammer- und Secretärregistetn. Bei
beiden ist von eigenen Regibterschreibem nicht die Rede. Bei den erstem ist
Voraussetzung, dass der Eammemotar selbst eintrage, nnd es ist dann seine Sache,
ob er sich substituiren Ifisst and nur selbst revidirt. Ebenso ist es der Privat-
Bchreiber des Secretärs, der dessen Register schreibt. Da lauft also das Bestreben
darauf hinaus, durch die Nebensporteln den Lohn für die Schreiber herauszu-
schlagen, der sich nach dem Umfang der Leistung richtet. Leo spricht in der
gleichen Bulle den Secretären pro registratura unius bulle, si XXXV linearum
Dumerum non excedat, quatuor dumtaxat, si excesserit ... sex carlenos can-
cellartae zu 595 § S5, vgl. 574 § 9 betrefib der Eammerregister.
512 OttenthaL
den Taxen nothig, welche gewohnlieh gleichzeitig mit der erbetenen
Qratia oder lustitia erfolgte und brevi manu auf der Supplik intimirt
wurde, von wo sie ins Concept und auch in die Seinschrift Qber-
gieng. Da ist aber der Sprachgebrauch näher zu beachten. Der Aus-
druck Gratis ubique bedeutet kostenfreie Expedition durch alle Bureaux,
wie sie als Gratis pro persona d. cardinalis, gratis pro secretario etc.
den oben bezeichneten Personenclassen gewährt wurde ^). Gratis de
mandato d. n. pape bezieht sich nur auf Erlassung der Taxe ftbr die
Seinschrift; andererseits konnte ebensogut auch nur für das Begister
oder nur fUr die Bulle, oder was häufiger der Fall ist, kostenfreie
Expedition im Siegelamt und in der Begistratur gewährt werden, was
durch Bta. gratis, Gratis pro bulla duntaxat, Gratis in bulla et registro
bezeichnet wird. Ausser den für die ganze Expedition geltenden Ver-
merken auf den Originalen: De curia. Gratis (ubique) und Taxe ohne
Beschränkung, ergeben sich also noch folgende Combinationen: Gratis
de mandato d. n. pape für Seinschrifb ohne Angabe der andern Taxen,
Begistrata gratis mit Taxe für Beinschrifk, Begistrata gratis de man-
dato d. n. pape ohne Taxe, also zusammengezogen aus Bta. gratis,
gr. de m. d. n. p., Gratis de mandato d. n. p. pro bulla duntaxat
neben Taxe für Beinschriffc, Gratis in bulla et registro mit Taxe f&r
Beinschrift (im Begister auch oft ohne letztere Taxe^)). Bei den Tier
letzten Fällen ersieht man die kostenfreie oder kostenpflichtige Ein-
tragung in das Begister unmittelbar aus dem Original, denn die Be-
ziehung des gratis nur auf Begistrirung allein oder auch auf Bein-
schrift scheidet sich streng nach dem Mangel oder dem Zusatz von de
mandato d. n. pape.
Ob f&r die Begistrirung auch zu zahlen war, wenn die Beinschrift
nicht taxpflichtig war, und wie hoch fäctisch die Begistertaxe war,
können wir nur aus dem Begister des Foggio E 16 ersehen, der nicht
blos die Taxe der Grossa bei der Collation zufügt, sondern zugleich
oder später auch die für die Begistrirung erhobene anmerkt >). Man
J) Vgl. Innoc YIIL Consi f&r die Seoretäre B. R. 5, SS2 § 9. *) Wol weil
sie dann für die Begistrirung keinen Werth hatte, denn sollte damit gesagt sein,
dass auch die Beinschrift taxfrei sei, so würde es einem Gratis ubique oder doch
einer Befreiung bis auf die Secretärtaxe gleichkommen, da die Taxe iiir die Minute
sich stets nach der f&r die Reinschrift richtet, indem Dibtributor abbreriatoruin
omnem taxam ooncordato prius pictacio scriptorum (ezceptis litteds bei denen
den Abbr. keine Taxe zukommt) verzoichnet (Ciampini De abbr. statu 26 § 9) und
nie eine eigene Befreiung yon der Conceptstaxe ausgesprochen wird« Eine solche
Taxbefreiung würde man aber sicher klarer ausgedrückt haben. *) Die Taxe
der Beinschrift setzt Poggio ähnlich wie in H 10 und 11 zwischen die Worte des
CollationsvermerkeB. Da derselbe in E 16 mit Bta. zu beginnen pflegt, könnte
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 513
ersieht hier, dass das ein&che Gratis de m. d. n. pape sich nur auf
die Beinschrift bezieht, wie Diekamp schon für das 13. und 14. Jahrh.
betont^), indem sich wiederholt Vermerke finden wie E 16 f. 259:
Bta. gratis de mandato d. n. pape, F. de Padua habuit pro bolla et
registo duc XL. Ferner findet sich auch in vielen Fällen der ein-
fache Vermerk Bta. gratis de m. d. n. pape Foggius ohne Notiz über
erhobene Summen, was Gratis ubique entsprechen wird. In manchen
Fällen mussten freilich die Parteien sich trotzdem zu Taxzahlungen
bequemen. So heisst es etwa f. 318': Non fuit taxata, sed habuit
B. RoYcrella pro bulla et registro duc. VI et scriptor III Po.^)
Die Bezahlung der Taxe erfolgte wol im betreffenden Bureau.
Nicolaus V. verordnet, dass der Scriptor die Grossa an den Sollicitator
iü' bestimmter Frist abzuliefern habe, , satisfiEM^tione premissa*' >), die
Abbreviatoren haben wenigstens in ihrer durch Sixtus IV. erfolgten
Organisation durch drei aus ihrer Mitte ihre Emolumente zn erheben,
zu verwalten und zu vertheilen^). Die Taxa quinta oder secretariorum
aber wurde in der Bullaria erhoben^). Ebenda wurde dann die Siegel-
taxe selbst gezahlt Die BechnungsbQcher der päpstlichen Kammer
aus der Zeit Johann XXIII. sprechen von Expensae factae per bul-
man Vermerke wie Rta. tax. XXX. Po. auch auf die Registertaxe beziehen. Die
unzweifelhaft richtige Deutung ergibt sich daraus, dass diese Taxe doch auch
oft Yor das Rta. gesetzt ist, während auch de curia oder gratis auf gleiche Weise
Platz wechselt, wobei es sich ereignen kann, dass es heisst Rta. gratis . . . und
daneben doch die Taxe der Registrirung vermerkt ist. Dagegen können sich bei
dieser Ausdrucksweise andere Zweideutigkeiten ergeben. Rta. gratis de mand.
d. n. p. Po. kann sich auf Erlassung von Taxe für Reinschrift und Register be-
ziehen = Rta. — p., Rta. Po., oder nur für Reinschrift = Gr. — p., Rta. Po.,
oder für Register aJlein = Rta. gr., Rta. de m. d. n. p. Po. Den ersten Fall er-
kennt man, wenn daneben die Taxe f&r Bulle allein ungegeben ist: habuit bul-
lator pecuniam statt des Üblichen habuit pro bulla et registro, das im zweiten
Fatl dastehen kann, während die letzte Eventualität durch Beifügung der Taxe
ftir die Reinschrift controlirbar ist.
*) Z. p. Urkw. Mitth. 4, 616. «) Aehnlich f. 28S' Rta. gratis, habuit F. de
Padua duc. X pro bulla et registro quam vis non taxata (f. 420 Rta. gratis, scrip-
tores habuerunt duc. VII, bullator IL Po. bezieht sich nur auf taxfreie Regi-
ßtiirung). ") Con^t. »Pastoralis officii* Cod. 8. Croce in Gerusaleme 89 f. 84 vgl.
S. 465 Anm. 1. ^) , Divina aeterna* B. R. 5, 254 § 9. 10 Et quod emolumenta
dictorum abbreviatorum sint una taxa ... et ezigantur in communi per tres ex dictis
abbreviatoribus . . . cum onere tenendi tres libros oomputorum etc. ') Const.
Innoc. VIII. für die Secretäre »Non debet*. B. R. 5, 8S4 § 16 quintam taxam . . .
per secretarios ... in bullaria earundem litterarum sive etiam alibi exigi solitam.
Die Reformbulle Leo X. B. R. 5, 595 § 85 verordnet ut (secretarii) quintam taxam
bnllarum . . . per se capere (possint) sine barbatorum ministerio et antequam
ad plumbum mittantur.
HiitheilaDsen, BrgUuunffBbd. I. 84
514 OttenthaL
latores, die in Folge von Eammeranweisungen ausbezahlten Summen
sind als habuit N. a buUatore eingetragen, der Bechnungsleger yer-
zeichnet: reeepi a bullatoribus introytum decime lectionis^). Es kam
aber auch Tor, dass die Bullentaxe erst zusammen mit der fi&r das
Register bezahlt wurde. Die Taxe pro registro cassirt der Registrator
ein. In der oben erwähnten Bulle für die Juden M 5 f. 235' sagt der
CoUationator von der Taxa pro buUa et registro: quos ego P. d. Tr.
reeepi de mandato d. mei vicecamerarii cui ipsos postea tradidi'). 1426 be-
fiehlt der Vicekämmerer den Registratoren Paulo ep. Ebroicen. ot laeobo
de Cerretanis: singulas pecuniarum sumraas ex emolumentis registri
dietarum litterarum provenientes per totum mensem presentem thesau-
rario integraliter persolvatis^), und Poggio notirt in seinem Register
E 16 f. 449 Dedi don Matheo duc. X pro buUa et registro oder f. 525
!Nil cepi pro buUa et registro^). Wo anders soll nun der Registrator
diese Summen in Empfang genommen haben als in der Registratur?
Daher wurden auch die Briefe bis zur Bezahlung dieser Taxe in der
Registratur arrestirt^), daher erhält der Registrator den Auftrag, vom
Rescribendar taxirte Bullen Gratis in bulla et registro zu expedireu
und liefert sie ohne Zahlung aus^).
Das Erträgniss dieser Taxen sollte nach der Taxbulle Jo-
hann XXII. zur Entschädigung der Beamten für ihre Arbeit verwendet
werden; seitdem ein Theil dieser Aemter gekauft werden musste,
bildeten diese Taxen die Sicherstellung für die Verzinsung des ein-
gelegten Capitals. Der Rescribendar hat den Schreibern monatlich
das Erträgniss der Taxe für die Mundirungen zu verrechnen und aus-
zubezahlen'^), ebenso halten es, wie schon erwähnt, die Abbreviatoren,
die Taxa quinta der Secretäre wird stets imter den Emolumenten der-
selben aufgezählt.
An den Taxen der Registrirung aber participirt auch der Papst>,
respective die Kammer und der Vicecancellarius. Es ist schon des au
die Registratoren ergehenden Befehles, die Monatseinkünfke des Re-
I) Guasti GH avanzi deir archivio di nn Pratese. Arcb. st-or. italiano tom. I S.
(1884) S. 41, 184 if , 196. ») Siehe S. 510 Anm. 4. ») D. C. 0 f. 198'. <) Vgl.
auch die Anm. S. 515, *) D. C. 5 f. 19' Vicecamerarius . . . regist ratoiibufl bul-
lanim apostolicanim (committit) roandafum pape . . . certas bullas . . . Alberti de
Alberfis . . . super prepositnra 8. Florini in Conflnentia penes vos arrestatas . . .
ei<1em A. de A. libere tradi facialis. ") E 15 f. 81. Ein Cubiculanua pape nnd
H. Uoverella preceperunt micbi F. I^avezio ex parte sr. d. n., quod dicte due bulle
rcstitncrentur gratis in plumbo et in registro et ita de mandato ss. d. n. pape per
ipsos ambos michi facto restitni ipsas duan bnllas sine aliqua solutione pltimbi
rcgistriqup. — Vgl. auch Cohelius Notitia cardinalatus t*2). ^) Beil. n* 4
§ 11, 14.
Die Bullenregister Martin Y. and Eugen IV. 515
gisters an den Thesaurar abzuliefern, gedacht worden. Der Registrator
litieramm apostolicarum Stephanus de Praio yerzeichnet in den eben
erwähnten Bechnongsbüchem einerseits die Eingänge yon der Siegel-
und Registertaxe, andererseits die aus diesen Einnahmen bestrittenen
Aasgaben. Letztere erfolgen auf Orund unmittelbarer mündlicher oder
schriftlicher Befehle des Papstes, noch häufiger in Folge you An-
weisungen der Kammer auf diese Summen. Die Erträgnisse dieser
Taxen kommen an Florentiner Banquiers als Zahlung fttr geleistete
Darlehen, werden zum Unterhalt des päpstlichen Hofes in Constanz,
zur Verpflegung des Hus verwendet; die Summe, die ftlr Eanzlei-
requisiten ausgegeben wird, ist nicht der Rede werth; Verwendung
der Gelder f&r Bezahlung der Begistratoren ist wenigstens in den
Auszügen Ouastis nie gebucht und mit den Ueberschüssen würde den-
selben kaum gedient gewesen sein, denn die Kammer beanspruchte diese
Einkünfte so sehr, dass sie gelegentlich mehr auf dieselben anwies,
als einlief. Da konnte die Quote f&r deu Registrator schon früher
abgezogen worden sein, dagegen nach den Notaten Foggios in E 16^)
wurde die ganze Registertaxe abgeliefert. Er hat nämlich oftmals die
Yon der Bullen- und Registertaze an Franc, de Padua oder Andere
abgefi&hrten Beträge vermerkt. Fr. de Lignaniiue de Padua war
Kammercleriker und wurde 1443 zu noster sedisque apostolice et
camere thesaurarius ernannt (E 2 f. 167'), ausserdem liefert Poggio
') Die von Poggio zam Collationsvermerk hinzugefügten Notizen über Tax-
bezahlung und manchmal auch Über andere Details der Expedition sind sehr ver-
schiedener Vollständigkeit, auch keineswegs in allen Fällen da. li'indet sich nur
ein Personenname, etwa F. de Padua, oder nur eine Zahl allein oder mit solchem
Namen, so ist eine Deutung nur im Zusammenhalt mit andern Angaben und nicht
stets möglich. Steht z. B. f. 104' Tax. LXXX. Rta. de m. d. n. pape Po., F. de
Pftdua 16 und ganz ähnlich f. 147', nar Taxa LX, F. de Päd. 12, so soll das
heissen, dass F. de P. 16, resp. 12 Ducaten, den doppelten Taxbetrag, erhält;
andere Male ist wenigstens die MOnzsorte angegeben oder es steht auch »habuit*
mit Summe, aber Öfter unter Fortla^sung des Namens der erhaltenden Person.
— Ausführlichere Notizen sind: F. de Padua habnit duc. 6 gr. 6 (zuvor: Tax. 85)
f. 127, und sehr häufig F. de Padua habuit pro bulla et registro. Verhältnisse
der Taxe der Reinschrift in Grossi und des von F. de Padua eingenommenen
Betrages in Ducaten: gr. 50: duc. 10, gr. 60: duc. 12, gr. 80: duc. 16, gr. 200:
duc. 40, daneben auch gr. 40: habuit duc. 82; gr. 110: dua 27. Femer auch
wiederholt buUator habuit pecuniam ohne Angabe der Summe, einmal f. 802
bullator habuit pecuniam pro bulla et registro (tax. 16), f. 160' bullator et re-
gistrnm habuit pecunias, f. 826 F. de P. habuit a Roberto pro bulla et registro,
wiederholt Robertus habuit buUam, Hugo habuit, dann kommt in ähnlicher Zu-
sammenstellung vor: Don Matheus, B. Roverella und ein Tragur. (Ludw. Scarampi
B. V. Trau) habuit (bullam). Ueber das Yerhältniss von gratis neben der Register-
taxe s. S. 518.
84"
516 Ottenthal.
Taxe an Dou Matlieas und B. Royerella ab, die beide Gabicularii des
Papstes waren; also diese Gelder kommen an die Kammer oder an
den Papst selbst. Die Höhe der hier notirlien Summe entspricht im
Durchschnitt der doppelten (pro bulla et registro), respective der ein-
fachen Taxe (pro registro allein) der Reinschrift, d. h. wenn ein StQck
zu 60, 80, 100 Grossi taxirt ist, erhält die Kammer 12, 16, 20 Dueateu,
falls keinerlei Befreiung eintritt, es wurde also die volle Taxe f&r
Bulle und Register an die Kammer abgeliefert^).
Dass auch die Cubicularii (geheimen Kämmerer) des Papstes als
Einnehmer solcher Taxen erscheinen, ergibt sich u. a. aus der Quittung
Eugens für den Decan von Yienne Petrus de Sennagio cubicularius et
familiaris noster. ,Gum itaque a kaL mai proxime preteriti usque in
presentem diem tu pecunias nobis et apostolice camere pertinentes,
que proyenerunt et percipiuntur ab ofSciis buUarie et registri litterarum
apostolicarum et nonnuUas alias pecuniarum suramas acceperis'^).
Ebenso bezieht auch der Yicekanzler, wie es in dem Ernennungsdecret
von Eugens Neffen Franz Condolmer vom 1. Mai 1437 heisst, Emolu-
menta presertim ex registro litterarum apostolicarum quarumcunque
et alia qualitercunque debita aut percipi solita^).
So erklärt sich erst das Interesse an üeberwachung der durch den
Rescribendar erfolgenden Taxirung, welches zur Einsetzung eigener
Taxatores gerade in der BuUaria führte, um den Papst gegen die be-
trügerische Bosheit des Rescribendars, gegen den Versuch der Schädi-
gung durch unrichtige Taxirung zu schützen (S. 458).
Diese Verwendung der Registertaxe scheint sich auf die ver-
schiedenen Registergattungen zu erstrecken. Ich will nicht weiter
betonen, dass in den Aufschreibungen des Stephanus de Prato schlecht-
weg von den Introitus et Exitus so der Bulle wie des Registers ge-
redet ist; dass es die Registra secretariorum trifft, sehen wir aus E 16,
dass es die Registra cancellariae umfasst, sehen wir aus dem S. 514
citirten Mandat des Vicecamerarius an die beiden Leiter dieser R^ister
lacobus de Cerretanis und Paulus de Capranica, die Monatseinkünfte des
Registers au das Schatzamt abzuführen; bei der Ernennung des Bischofs
von Coronea zum Registrator wird direct ausgesprochen, dass die
Päpste das Einkommen von zweien dieser Posten seit längerer Zeit
aus gewichtigen Gründen selbst bezogen hätten (S. 502). Pur die
Kammerregister weiss ich freilich nur ein Beispiel anzuführen: der
') Wie bedeutend diese l^lnanzquelle war, ersiebt man darauB, da« Stephanus
de Prato in 40 Monaten för Bulle und Regiatet 44820 flor. auri 7 gr. einnahm.
Guasti 1. c. 171. ») E 5 f. 178'. •) E 2 f. 106'.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 517
Vermerk über die Taxirung des schon öfler citirten Privilegs für die
Jaden M 5 f. 235' (S. 510 Anm. 4) schliesst mit der Angabe des Vice-
kämmerers, dass er die Taxe f&r Siegel und Registrirung einem Cubi-
cularius übergeben habe; es handelt sich allerdings hier um eine nur
zufallig ins Kammer- statt in das Eanzleiregister eingetragene Bulle
(S. 499).
Aus dem Emennungsdecret des Bischöfe von Coronea ersieht man
ferner, dass die Begistraturtaxen doch nicht vollständig für die Kammer
und den Papst verwendet wurden, wie man aus den Büchern des
Stephanus de Prato schliessen mochte; vielleicht hat nur Johann XXIII.
Geldnoth zu so umfassender Verpfandung der Begistereinkünfte ge-
zwangen? Ebenso dürfte es sich mit den Taxen aus der Bullaria ver-
halten. Dass dieselben hier oft gemeinsam mit denjenigen für die
Begistrirung genannt werden, dass in den Bechnungsbüchern des
St. de Prato die Ertragnisse der Siegeltaxen nach Anweisongen der
apostolischen Kammer oder des Papstes selbst ausgegeben erscheinen^),
dass ebenso auch in E 16 in vielen Fällen zusammen mit der Begister-
taxe jene für die Bulle als an F. de Padua abgegeben verzeichnet wird,
ist beiläufig schon erwähnt worden; desungeachtet war die Stellung
eines Bullator oder Magister plumbi eine lucrative, unter Alexander VT.
bezahlte man mehr als 3000 Ducaten daftlr'). Es wird sich also bei
beiden Aemtern um Beduction der Stellen und provisorische Besetzung
derselben, femer um Einlieferung der Taxen an den Thesaurar behufs
besserer Controlirung der Summen, endlich um Auszahlung der treffen-
den Antheile an die Beamten durch die Kammer gehandelt haben.
Zu erörtern wäre noch, in welcher Eigenschaft die obgenannten
Begistratoren diese Aufiseichnungen über die Bullen- und Begister-
taxen führten. Die des Stephanus de Prato, welche uns glücklicher-
weise in ihrer ursprünglichen Form erhalten sind, zerfallen in zwei
nach ihrem Wortlaut von ihm eigenhändig geführte Theile^): Ein-
*) Guasti 1. c. 89 glaubt, dass die Taxen ftir Registrirung an die Kanzlei,
jene fBr die Balle an die Kammer kamen und bemfb sich dafür auf eine Er-
zählung des Yespasiano, in welcher es sich aber nur um den Gegensatz von
Expeditio per canceljariam und £xp. per cameram dreht. *) So vertheidigen
die Magistri plumbi im Cod. Vat. 8888 f. 64 die höheren Extrasporteln, welche sie
forderten: Unusquisque nostrum hoc tempore ultra 8000 ducatos exposuit. —
Ißaat sich fQr theilweise ROckbehaltang der Taxe in der Bullaria der öfter wieder-
kehrende Ausdruck habuit buUator pecuniam in E 16 deuten? ') Ich habe
hier namentlich den Cod. 8o2 der Roncioniana im Auge, da Guasti leider nur
über diesen auch nach der technischen Seite hin ausführlichere Mittheilungen
macht L c 8. 171—200, dasselbe gilt aber wol auch von den darauf angeführten
Bänden 884, 885.
518 üttenthaL
nahmen und Ausgaben. Der erstere verzeichnet die an jedem AmUb^
(genannt lectio) von Bulle und Register entfallenden Taxen. Stephanus
notirt blos die Sunmie ohne nähere Angaben, es heisst etwa: Lectio
prima bulle de mense ian. valuit flor. 60, Begistrum valuit flor. 49,
gr. 5 1). Wir erfahren also nicht, wer diese Taxen einhob, noch ob
das bei dieser Gelegenheit geschah. Es kann sich da wol nur um die
Erkennung der Taxsumme durch die Taxatores in bullaria handeln,
denen ja Lectores beigegeben waren'); es ist begreiflich, dass man
da nur jene Taxen aufzeichnete, die an die Kammer oder den Papst
flössen. Die Verausgabung beider Taxen wird getrennt gebucht, zuerst
die Segister-, dann die Bullentaxe. Bei jener gebraucht Stephanus
die Wendung Dedi (solvi) N. de pecaniis registri, bei dieser Habuit
N. a. buUatoribus. Er hat somit die Bullentaxe nicht selbst ein-
genommen, sondern nur jene des Registers kam in seine Hände, weil
er Begistrator litterarum apostolicarum war 3). Man ersieht nicht
welchen Registers, der kurze Ausdruck Registrator 1. a. würde am
ehesten auf das E^anzleiregister hindeuten; um so auffallender ist dann,
dass er nicht blos diese Taxe auf Befehl des Kämmerers an Parteien
auszuzahlen, sondern auch noch die Verausgabung einer andern Taxe
zu buchen hat^). Das erklärt sich nur daraus, dass St. zugleich eine
bedeutende Stellung in der Kammer einnimmt, dort schon früher mit
der Verrechnung von Kanmiergeldern betraut war^) und auch jetzt
noch keineswegs nur die aus Register und Bulle fliessenden Summen
zu verwalten hat^). Zur Gontrole benöthigte er auch jene Auf-
zeichnungen der Eingänge, welche durch die Taxatores in bullaria
geführt wurden. Mit der Registratur stehen diese Aufzeichnungen nur
ganz äusserlich dadurch in Zusammenhang, dass St. zugleich auch das
Amt eines Registrators inue hatte.
Poggio dagegen und die Beamten des Kanzleiregisters unter
«) Ibid. 172. «) Vgl. S. 459. ») Guaati 1. C 172, 179, 180 etc. S. 175
heiüst 68 Rev"""" d . . . camerariatus officium r^gens maudiivit nobis regiBtratoribns
per cedulam bigillatam buo nitio . . . ut omnes introytus registri tradere debe-
remus ... *) Die Bullatoren z. B. führen nach dem Attest des Kammerderikers
I. de Calvis in Bd. 888 (Guasti 1. c 41) nur Anfzeichnuxigen über die Einnahmen
ihrer Taxe und die nöthigen Auslagen, geben das übrige Erträgnies an die
Kammer ab, vgl. auch Guasti 185. ^) Römische Berichte IV. in Mittheilungen
Bd. 6. >) Besonders instructiv ist da Cod. SSO (Guasti 818 f.), eine dem Papst
zur Approbirung vorgelegte Aufzeichnung Über die Pecunias per me 8t de P.
solutas de pecuniis bulle et registri, worin aber auch Taxen von Pfründen imd
andere in der Hand Stefanos liegende Gelder erwähnt werden. So liefern ihm
auch ausnahmsweise die Bullatoren das Geld direct ab: Recepi a bullatoiibuä
intro^'tum decime lectjonis, Guasti 196,
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen lY. 519
Engen IV. haben die Taxgelder an den Schatzmeister oder die Cubi-
cularii des Pi^tes abzuliefern; sie bekleideten eben keine Stellung in
der Kammer. Damit entfiel auch die Veranlassung, solche Bücher zu
fähren wie Stephanus de Prato. Die Notizen des Poggio in E 16
können nicht als solche gelten, geben sich schon durch ihre Flüchtig-
keit als blose Privatarbeii Dass aber der Begistrator, der die Taxe
f&r sein Amt einhob, ein Interesse an dieser Summe und deren rich-
tigen Ablieferung hatte, kann nicht Wunder nehmen; auffallend da-
gegen ist die oftmalige Erwähnung der Siegeltaxe, auch in Fällen wo
schon der Wortlaut eine Einhebung derselben in der Begistratur aus-
schliesst Sollte das mit der Quelle, aus der Poggio schöpfte, etwa
ähnlichen Bechnungsbüchern wie die des Stefano da Prato zusammen-
hängen? ^) Auf dieser Verwendung der Begistertaxen beruht nun, wie
ich meine, der starke Einfluss, den der Gamerarius auf die Kanzlei-
r^ster nimmt; er hat die Begistratoren der Kanzleiregister zu ver-
eidigen und einzuführen >), er bestellt nach dem Tod eines derselben
den provisorischen Amtsleiter ^), er verordnet die Zahl der Begister-
schreiber und den Lohn derselben und befiehlt den Begistratoren die
Zulassung neu ernannter. — Sollte dieser Gesichtspunkt nicht auch
von Einfluss gewesen sein für den Amtseid, den die Secretäre dem
Kämmerer zu leisten hatten?
§ 9. BegiBtra de curia und seoreta.
Eine häufige Eintheilung der Begister ist die in Begistra de curia
und B. secreta. Was, bedeutet dieselbe, worauf bezieht sie sich?
Die Begister der erstem Art sind genauer bezeichnet als Begistra
litterarum (bullarum) de curia^), also Sammlung einer bestimmten
I) Nur miissien dieselben die von den Taxatores fiir Bulle und Register
jedes einzelnen Briefes calculirte Taxe enthalten haben, wie ja wol über-
haupt in den betreffenden Verzeichnissen des St. de Prato nur ein ad hoc ge-
machter summarisdier Auszug dieser »Lectiones« zu sehen ist. ') So bei der
Ernennung des Bischofs von Tivoli: Mandantes exnunc ven. fratri Benedicto episcopo
Rechanatensi in camerariatuä officio locumtcnenti v. f. Francisci archiepisoopi Narbo-
nensis camerarii nostri, ut recepto a te . . . fidelitatis . . . inramento, te ad huius-
modi officium . . . admittat. M 4 f. 84, ähnlich bei der Ernennung des Abtes von
S. Bartolo : et mandamus . . . thesaurario nostro, recepto prius a te de ipso officio
fideliter et laudabiliter exercendo fidelitatis debita in forma iuramento, te ad huius-
modi officium . . . recipiat et admittat *) Siehe das S. 508 über Petrus de
Casatüs gesagte. «) So bei allen Bftnden Martin Y. und Eugen IV., die gleich-
zeitige oder doch alte Aufschriften haben, mit Ausnahme von E 12, der sich
LiberX. de curia betitelt; ebenso auch unter NicolauaY., mindestens R. 406 (die
Titel der folgenden Bftnde habe ich mir nicht mehr notirt) über bullarum de curia.
— Aehnlich schon seit Urban IV. Kaltenbrunner R. St I. Mitth. 5, 248.
520 Ottenthai.
Classe von Bullen. Die Originale derselben sind dadurch kenutlich,
dass sie ober dem Namen des Ingrossators den Vermerk De curia
tragen. Dieser Gebrauch ist seit Clemens IV. (1265) zu belegen^),
während die Urkundenart jedenfalls schon seit Innocenz IV. bestand^).
Für die Bedeutung des Ausdruckes De curia scheint mir die Auf-
schrift eines dem 13. Jahrh. angehörigen angiovinischen Begisters
besonders charakteristisch: «Littere directe eidem iustitiario super
f actis Curie et privatorum*' ^), während im Begister selbst die
einzelnen Briefe mit ,de curia* oder «privata* bezeichnet sind. Der
Beleg stammt von einer den Gebrauchen der römischen Curie nahe-
stehenden Begierung, die Bezeichnung wird sichtlich in beiden Kanz-
leien gleich gebraucht: nach den von Merkel publicirten Eanzlei-
gebräuchen des 13. Jahrh. sollen die Ingrossisten gewisse Briefe
rescribere sine aliqua dilatione, preponendo eas omnibus aliis, nisi
essen t negotia curie^), da begegnen wir ähnlichem Ausdruck, ähn-
licher Gegenüberstellung wie in den neapolitanischen Begistern.
Dass nun die Negotia oder facta curie den Inhalt der L. de curia
bilden, zeigen f&r die altere Zeit (das 13. Jahrh., aus dem noch wenig
Originale mit dieser Aufschrift bekannt sind) die Begistra litterarum
curialium oder curie: sie enthalten unter Innocenz IV. meist Briefe
betreffend die grossen und kleinen politischen Actionen der Päpste, die
Verwaltung des Kirchenstaates sowie der ganzen Kirche in geistlicher
wie weltlicher Beziehung^). Im 15. Jahrh., wo die Kanzleiyermerke
auch regelmässig in die Begister eingetragen wurden, ist das Urtheil
nicht mehr von der Bezeichnung des ganzen Bandes, sondern von der
des einzelnen Briefes abhängig, da lässt sich also das Gebiet der
Litt, de curia direct und mit voller Bestimmtheit abgrenzen. Es umfasst
alle jene Actenstücke, welche der Papst nur im Interesse seines geist-
lichen oder weltlichen Begimentes, nicht auf Bitte von Privatpersonen,
um denselben damit Gunst oder Gnade zu erweisen, ausfertigen lässi
Daher «Littere de curia de sui natura gratis scribende sunt*^), nicht
*) Diekamp Zum p. Urkundenwesen Mitth. 4, 508, Berget Les regiBtres
d' Innocent IV. XXXIX. *) Ealtenbrunner R. St. Mitth. 5, 244 und spedell fiir
Innocenz IV. b. die nähern Ausföhrungen bei Bergei XX. ') Fanta Die angio-
vinischen Begister im Archivio di stato zu Neapel Mitth. 4, 458. 455, wo auch
ein gutes erläuterndes Beispiel angeföhrt ist : es ergehen fast gleichlautende Auf-
träge von einer erhobenen Beisteuer Beträge auszuzahlen, in zwei Fällen kommt
das Geld an die k. Kammer, da sind die Briefe mit »de curia*, im dritten an
einen Privaten, da ist der Brief »piivata* signirt. ^ Arch. stör. Italiano.
Append. 5, 187 n<> 8. ') Vgl. Berger XXI, auch Ealtenbrunner R. 8t. Mitth. 5, 219.
') Beilage n° 4 § 18. Diese Folgerung hat für das 18. Jahrh. schon Berger XXI
bezüglich unentgeltlicher Registrirung gezogen. Wenn Diekamp Zum p. Urkw.
Die Bullenregisfier Martiii V. und Engen lY. 521
wie andere Briefe in Folge einer speciellen Bewilligung des Papstes.
Es fehlt daher auch in der Taxbulle Johann XXII. wie im spätem
Taxbach jeder derartige Posten^). De curia expedirt wird also die
ganze politische Correspondenz, soweit sie überhaupt noch sub plombo
erledigt wird, Decrete und Constitutionen allgemeiner Katur, weuu sie
nicht blos Privilegien Einzelner sind, alle Erlasse im Interesse des
päpstlichen Fiscus und der Camera apostolica'), sowie alle entsprechen-
den weltlichen Verordnungen f&r den Kirchenstaat.
Die Litterae de curia theilen übrigens alle innem und äussern
Merkmale mit den übrigen Papstbriefen, nicht einmal der Gang der
Expedition, die mit der Erledigung betrauten Bureaux sind ihnen aus-
schliesslich eigen. Mit Ausnahme directer Verleihungen von Pfründen
und Indulten dürfte sich kaum eine Art der Papstbriefe finden, die
nicht auch De curia ausgestellt werden kann: Mandate, Monitorien,
Sentenzen in streitigen Sachen, Ernennungen von Beamten, und zwar
auch Yon so gut situirten wie CoUectoren, auch Facultates zu Ver-
leihung von Pfründen und Indulten, fiills sie päpstliche Legaten be-
treffen, alle Bechte und Privilegien, welche solchen päpstlichen Bot-
schaftern auf den Weg mitgegeben werden, sind De curia ausgestellt.
Indulgenzen mussten die Kirchen meist mit schwerem Geld erkaufen,
kam das Erträgniss aber in die päpstliche Kammer, wie bei den fUr
den Türkenkrieg ausgeschriebenen Ablässen, so wurde der Brief De curia
signirt*).
Aus diesem Gesichtspunkt erklärt sich die gleiche Bezeichnung
und die Zusammenstellung nach Inhalt und Form so verschiedener
Briefe sehr woL Bei einzelnen Stücken allerdings bleibt die Veranlas-
sung zur Wahl dieser oder jener Signirung dunkel, oder liegt auch
Inconsequeuz offen zu Tage. Passbriefe z. B. sind meist De curia, in
einzelnen Fällen auch Gratis signirt; dass Familiäres papae ihre Ernen-
nung bald de curia, bald gratis, bald gegen Bezahlung erhalten, mag in der
Stellung der Einzelnen begründet sein, aber wir finden solchen Wechsel
auch bei den Patenten anderer Beamten, wie beim Senator alme urbis,
bei Podestas, Bectoren, Notaren u. a. ; ja mitunter ist auch eine Facultas
Mitth. 4, 508 auf Grund eine» Hpeciellen Falle» bezweifelt, ob sie auch graii» zu
schreiben waren, so ist zu beachten, dass der betreffende Brief (8. 588 n® C) nicht
den Vermerk De curia trägt, den man allerdings erwarten soUte. Unter Martin Y.
und Eugen lY. fand ich nie neben De curia eine Taxe verzeichnet.
>) Auch Moroni Dizionario 5, 280 sagt noch von den »Bolle per via. di curia*
dasselbe, obwol er yiel spätere Yerhftltnisse im Auge hat. S. auch die von Dndik
Iter 2, 41 angezogene Stelle. *) Ygl. 8. 484—485. •) So z. B. eine im
&1aat<arch. zu Florenz Fond Un di Cortona befindliche Bulle von 1489 Oct 7.
522 OiicnthaL
f&r Legaten Gratis signirt. Es kann da im Einzel&U Irrthum des
Beinschreibers oder Versehen der Registratur mitwirken, es mochten
aber auch solche Fälle überhaupt verschieden erledigt werden. De
cnria-Briefe trugen nichts oder nur wenig ein, es lag also im Interesse
der betheiligten oft sehr geldsOchtigen Beamten bis in die nächste
Umgebung des Papstes hinauf, die Zahl der curialen Briefe möglichst
2u beschränken. Im einen Fall mochte das glücken, im andern nicht;
und wieder konnte gerade bei Besetzung von Beamtenposton über-
haupt zweifelhaft sein, wie der Brief zu classificiren sei, und also auch
ohne Fraus widersprechende Entscheidungen ergehen.
Eine andere Frage ist, wie weit in Wirklichkeit das Begistrum
litt, de curia nur Gurialbriefe und ob es alle um£E»st Noch unter
Innocenz lY., unter welchem diese Scheidung erst aufkam, hat man
ange&ngen, auch andere Bullen in diese Begisterabtheilung einzu-
tragen^). Unter dessen Nachfolgern dauert das fort, wir finden darin
nicht nur Beser?ationen bischöflicher Kirchen, die ja einer politischen
Bedeutung nicht entbehrten, sondern auch Verleihung von Pfründen'),
des Palliums^), und ähnliche.
Auch in den Papierregistern des 14. Jahrh. scheint solches vor-
zukommen^). Schon hier und in den Bänden des 15. Jahrh. ist die
Gonstatirung der L. de curia durch Aufnahme der Eanzleivermerke sehr
erleichtert Das erste B. 1. de curia Martin V. hat den ursprünglichen
Charakter ziemlich rein bewahrt, von 249 Stücken sind 197 oder 80 7o
De curia signirt, es findet sich keine Pfründen Verleihung darin; bei den
folgenden Bänden trifft man immer mehr der letztem Art und über-
haupt taxirte Briefe. Das geht unter Eugen IV. weiter, im letzten
B. de curia seines Pontificates, E 12 sind unter 246 Briefen nur
mehr 38 oder 15% curiale, so dass also die gleichzeitige Aufschrift
Liber de curia wol für die Serie des Bandes, aber kaum für die ent-
haltenen Briefe zutrifil Unter Kicolaus V. tritt wieder eine Besserung
ein, im Beg^ter n^ 406 (=^ B. 1. de curia L) ist etwa die Hälfte der
Briefe de curia ausgestellt.
Die curialen Briefe waren andererseits nie vollständig in die als
Begistra litterarum de curia bezeichneten Bände aufgenommen, weder
im 13.^) noch im 15. Jahrhundert. Der Orund der Auswahl ist in
>) So erwähnt Berger XXII unter den L. curiales ,diff<§rente8 lettree obtenues
par r^glise de 8. Salvatore de Lavagna*. *) S. Ealtenbrunner 1. c. 5, 248.
3) 8. Ottenthai 1. c. 5, 129. «) Vgl Werunsky in Mitth. 6, 148 und ak Analogie,
dass auch in den SecretregiBteru mehrfach L. communes stehen 8. 154. *) Siehe
Berger XXill. ; für Benedict XI. und Cleqiens V. vgl. das Mittheilungen 5, 189
gesagte.
Die Bullenregister Martin Y. and Engen lY. 528
der altera Zeit ganz dunkel ^). auch unter Martin V. und Eugen IV.
nur theilweise zu constatiren. Wir finden L. de curia, wie schon er-
wähnt, in allen drei Begisterserien, wol nach dem Hauptgruudsatz,
daas die Eanzleiregister die per cancellariam, die Secretarregister die
per cam. secretam expedirten, endlich das Eammerregister die die Camera
ap. tangirenden Briefe enthalten sollen. Der f&r letzteres B^ister mass-
gebende Gesichtspunkt kreuzt sich mit dem für die beiden andern
geltenden, wir finden daher oft L. de curia in den Secretärregisteru,
aber auch in den Eanzleiregistem, wir treffen da auch von Secretaren
expedirte Gurialbriefe, was auf ganz speciellen Anlass zurüdczuf&hren
sein wird (s. S. 508).
Dass aber so wenige L. de curia in den danach benannten Be-
gistern stehen, beruht nicht allein auf dieser Zersplitterung der Gurial-
briefe nach den sie expedirenden Behörden, sondern auch darauf dass
alle B. L de curia von Martin Y. bis Nicolaus Y.') in der Kammer
gef&hrt wurden^), als ihren Inhalt curiale und andere nach der
Gepflogenheit im Kammerreg^ter einzutragende Briefe definiren^). Es
gehören also auch alle papstlichen Gameralbriefe, sowie gewisse per
cameram secretam d. pape expedirte Pfründen- und Indultrerleihungen
hierher und finden sich wirklich in diesen Bänden; es wird mit einem
Wort mehr Gewicht darauf gelegt, ob der Brief das Interesse der
Kammer berührt, als ob er De curia expedirt seL
Eine andere Bezeichnung der Begister ist als Begistra secreta.
Bekanntlich laufen seit Johann XXII. drei Abtheiluugen der Pergament-
register nebeneinander her: B. commun., de curia und secreta. Inhalt
der letztem ist gaxiz wesentlich die laufende Correspondenz mit den
ausserhalb der Curie befindlichen Beamten, mit Fürsten, Staatsmännern
und den Terschiedensten andern Personen, also die politische Corre-
spondenz im weitesten Sinn des Wortes, dann aber auch aus mehr
persönlichen Yerbindungen des Papstes hervorgegangene und die Yer-
1) Da88 man gemiaae f&r die Curie wichtige Schreiben zu einer Gruppe ver-
einigen wollte, hat Berger (XXI) sicherlich Recht, aber für die so beschränkte und
nngleichmfissige Zuweisung der Gurialbriefe an die R. L de curia weiss er auch
keine Erklärung zu geben. *) Für diese Zeit kann ich die Thatsache erweisen,
Anfang nnd Ende derselben wäre noch klarzulegen. *) Ich nehme nur auf die
durch alte und yerlässliche Aufsdiriften als solche bezeichneten oder im Zusammen-
hang damit als solche erweislichen Bände, wie sie in der Tabelle Beilage n^ 2
zusammeugeaiellt sind, Rücksicht. Das Secretarregister £ SS hat allerdings auch
die Ueberschrift ȟber de curia*, jedoch ist dieselbe erst durch den Rabricator nud
in einer auch sonst der Emendation bedürftigen Weise erfolgt, sowie auch im
übrigen nichts berechtigt, diesen Band ans der Serie der Ton B. Roverella ge-
führten Register herauszoreissen, s. 8. 484. *) Ygl. S. 487,
524 Ottenthai.
waltung der Kirche betreffende Briefe*). Neben der Form de» ge-
wöhnlichen Briefes bei Mittheilungen und Höflichkeitsschreiben kommt
ganz wesentlich die des Mandates hier zur Verwendung, also eine
sowol bei den L. de curia als den L. communes yielgebrauchte
ürkundenart. Die Expedition geschah nach Ausweis der unter dem
Namen Archetjpa erhaltenen Concepte solcher Ausfertigungen im yat.
Archiv meist De curia*).
Näher bezeichnet werden diese Bände als: (Bubrice) Reg is tri
literarum secretarum . . . lohannis . . . pape XXII. que per eius
cameram transierunt ^). Also B. literarum secretarum wie K 1.
de curia. Litterae secretae aber sind nichts anderes als litterae clausae:
(durch Siegel) geschlossene Briefe^), wie es der Inhalt dieser Stücke mit
Nothwendigkeit fordert. Die zweite Eigenschaft ist dann, dass diese
Briefe per cameram d. pape transierunt, d. h. durch die Gabinets-
kanzlei des Papstes, nicht durch die Gancellaria expedirt wurden^).
*) Ein recht belehrendes Beispiel bieten die von Dndik Iter Rodl 2, 88—120
für die böhmischen LMnder aus den Begistem Johann XXIL gegebenen AusEQge,
da jedesmal der Registerband genau citirt ist; dass auch Cameralsachen auf-
genommen sind, berichtet Werunsky Mitth. 6, 146. ') YgL Weronsky in Mitth. 6,
142— U4. •) Dudik I.e. 64, 67. ^) Im Secretärregister E 20 sind Briefe
f. 202' an E. Sigmund, f. 216 super decanatu Compostellensi, f. 226' Recomman-
dation an E. Ben^ als »secreta* bezeichnet, während im Inhaltsyerzeichniss jedes
mal zugeschrieben ist »Littera clausa*. Auch Du Gange erkl&rt s. y. littera patens:
Litterae clausae sigillo quod secreti vocatur, sigillantnr. So ist offenbar auch
die Stelle im Brief Clemens IV. (Potth. 19051 1 aufzufassen: Non soribimuB tibi
nee fauiiliaribus nostris sub bulla, sed sub piscatoris sigillo, quo Romani pontifices
in suis secretis utuntur = Wir schreiben dir . . . unter dem Fischerring, den die
Päpste (sc. in solchen Fällen) bei ihren Geheimbriefen verwenden, denn der An-
nulus piscatoris wurde jederzeit nur als Versohlusssiegel gebraucht» jedoch lange
offienbar nur ftbr ganz vertraute Correspondenz, sonst wurde auch daf&r die Blei-
bulle verwendet, im 15. Jahrh. noch so gut wie in der von Berger XXXV III für
das 1 S. geschilderten Weise. Wieder wird im Register Nicolaus III. T. 40 diese
Besiegelungsart bei Briefen des a. Ilf. erwähnt, während der Index die Briefe des
2. Jahres als secretae bezeichnet (Ealtenbrunner R. St. I. 266). Dieser Band ent-
hält wesentlich politische Correspondenz und entspricht also auch nach dem Inhalt
den spätem Seoretregistern. Heisst es in dorso eines der in den Archetypa auf-
bewahrten Concepte von Secretbriefen: Mitto magnum pergamenum, ut iadatis
magnam formam litterarum, sicut fieri potest propter indudendum [V am] (Mitth n,
148), so weist das gleichfalls auf einen mit Verschlusssiegel versehenen Brief hin.
— Es kann natürlich nichts gegen solche Auffiassung der L. seoretae beweisen,
wenn der um Mitte des 14. Jahrh. geschriebene Index des Registers Inno-
cenz III. a. III. dasselbe als R. L secretarum bezeichnet, während 1. patentes darin
stehen, worauf sieh Munch-Löwenfeld 82 statzt. Nebenbei bemerkt entspxidit die
von M. angenommene sorgßlltigere Behandlung der L. secretae der regelmässigen
Expedition per cancellariam. ') Vgl. S. 464 f. Als Corrector einer solchen
Die BoDenregister Martin Y. imd £ugen IV. 525
Nach beiden Seiten entsprechen die in diesen Secretregistern enthaltenen
Briefe ganz wesentlich den später in forma breyi, als Breven aus-
gesteUten Schreiben, welche stets (mit dem Fischerring aufgedrücktes)
Verschlusssiegel hatten und ja auch von den Beamten «a secretis''
der Gabinetskanzlei des Papstes, von den Secretaren expedirt wur-
den^). Um einen Brief geheim zu machen, brauchte ihm aber nicht
gerade Yerschlusssiegel angehängt zu sein, es genOgte, ihn durch
einen yertrauten Boten zu überschicken oder in einen verschlossenen
Brief einzuschliessen. Da auch solche Briefe ins Secretregister ge-
hörten, bezeichnet man es unter Clemens VI. genauer als (Bubr.) litt.
ap. tam patentium quam clausarum, que per eins cameram transierunt,
oder als (Bubr.) regestri liti secretarum et commissionum, que tran-
sierunt per eins cameram').
Ich gehe nun auf unsere Begister des 15. Jahrb. über. Es finden
sich da folgende gleichzeitige Benennungen: Tenor bulle a MartinoY.
emanate in registro intitulato secreto litterarum apostolicarum de curia
cameram apostolicam tangentium, in camera apostolica registrari soli-
tarum, s. S. 440; Begistrum secretum bullarum in camera apostolica
registratarum lautet ziemlich übereinstimmend die Aufschrift von £ 13
bis 15; E 4 f. 82 wird verwiesen auf eine Littera registrata in Ubris secretis
d. Andree de Florentia secretarii d. n. pape; im Begister Nicolaus V.
n^ 402 ist das auf £ 406 folgende Blatt überschrieben: Yigesimus
primus quintemus secretus. Bei allen diesen Citaten fallt sofort auf,
dass nicht von Begistem der Litterae secretae die Bede ist, sondern
das Buch als Secret bezeichnet wird. Von den B^^tern Nicolaus V.
tragen nun eine Anzahl Bände von n^ 386 — 403 (jedoch nicht alle) auf
den alten Einbanddecken in Schrift vom Ende des 15. oder AnCcmg
des 16. Jahrb. die Aufschrift «Liber secretus", dann ist n^ 404, 405
modern als L. secretus de curia bezeichnet. Die erste Gruppe ist
nach Anlage und Collationatoren das vom Secretär Petrus de Noxeto
geführte Begister, die beiden letzteren Bände sind wie die folgenden
De curia-Begister (406-431) von Eammemotaren coUationirt, also
Begistra camerae. Begistrum secretum deckt sich somit im erstereu
Falle mit Begistrum secretarii, was auch bei den Citaten Libri secreti
Andree de Florentia, Begistrum meum secretum des Secretärs B.
Minate ist einmal Franciflcus Dotarinfl et secretariiu d. L pape bezeichnet. Werunslcy
1. c. 144.
<) Das Secretregister Innocenz Vf. n" 240 bezeichnet sieb als R. littenuram
editaram et compilatanim per magistmm Zenobium, also der vom 8ecret2r
Z. de Strada Terfiusten Briefe (Werunsky L c. 154), wonach 8. 464 Anm. t zu
yerbessem ist, •) Wenrnskr in Mittb. C. 15C.
526 OttenthaL
(S. 481) statthaben dürfte: es bezeichnet das vom Geheimbeamten ge-
führte Register!).
Diese Bedeutung trifft aber nicht mehr zu, wenn es sich um
Segistra secreta handelt, welche in der Kammer geführt werden. Der
Gegensatz von «secretum* kann hier nur , publicum* sein. In dem
modern als B. secretum de curia bezeichneten Register Nicolaus V.
11^ 405 ist f. 9 vermerkt: Cassata et registrata in registro publice
de curia lib. X. Also heimliches und öffentliches De curia-R^^ter.
Der gleiche Gegensatz dürfte dann auch bei dem verlorenen R. secre-
tum de curia Martin V. stattfinden. Bei den Secretregistem Eugen IV.
wäre der Gegensatz geheimes und öffentliches Kammerregister, denn
E 13 — 15 tragen sowie im Titel auch sonst nach keiner Seite den
Charakter eines De curia-Registers.
Worin bestand aber die Oeffentlichkeit oder Heimlichkeit? R. se-
creta de curia können vorzugsweise aus geschlossenen Briefen bestanden
haben ; die R. secreta Eugen IV. enthalten sogut wie gar keine L. de
curia, sondern der Inhalt der R. secreta betrifft meist Vergabungen von
Pfründen in den verschiedenen Formen als Provisionen, Ezpectanzeu,
Gollationen, auch Translationen und Reservationen; daneben geistliche,
seltener weltliche Indulte. Allerdings stehen auch L. de curia darin,
aber im allgemeinen ebenso sporadisch, als umgekehrt in den De curia-
Registern Pfründen Verleihungen: im ganzen sollen die Reg. de curia
die auf die geistliche und weltliche Verwaltung bezüglichen Stücke ent-
halten, die R. secreta die (zumeist per cameram expedirten) Gnaden-
und Rechtsbriefe. Was in diesen als Regel und was als durch Irr-
thum veranlasste Ausnahme zu betrachten sei, zeigen folgende Ver-
weise: im R. de curia VII (E 9) f. 197' b^ann man eine Gewährung
von Pfründencumulirung zu registriren, brach aber bald ab mit der Be-
merkung: Posita sunt hie per errorem, sed registrata in 1. Vk secreto
f. 278 (^=. E 13), im Inhaltsverzeichniss von E 13 findet sich die
Notiz: Petrus ürsulen. constituitur administrator monasterii 8.Megrie (!)
in civitate s. Agathe, registrata per errorem in libro VII^^ bullarum de
curia f. 112 und in R. de curia 11 (E 5) f. 55 ist zu einer gleich&lls
nur unvollständig eingetragenen Bulle hinzugef>: Nota, ista balla
non venit hie registranda, quia est beneficialis. Also der Eintheilangs-
grund scheint nicht zweifelhaft, aber wie man dazu kam, diese Gruppe
als Registra secreta zu bezeichnen, ist mir unerfindlich, da weder au
*} Dieser Auffassung folgend hat man später alle Secretärregister Eugen IV.
mit den drei ursprOnglich als R. secreta bezeichneten Bänden E 18— 15 xu einer
Gruppe, der der R. secreta zusammengestellt.
Die BnUenregister Martin V. und Eugen IV. 527
geschlossene oder sorgfiltiger au&ubewabrende Briefe noch an eine
besondere Beziehung zu den Secretären^) im Gegensatz zu den B. 1. de
curia, die ja meist Ton den gleichen Beamten expedirt sind, zu
denken ist
Die angezogene Serie beginnt nach der gleichzeitigen Aufschrift
von £ 13 erst mit dem 13. Pontificatsjahr Eugen IV. Wo wurden nun
die p^ cameram expedirten Pfründenverleihungen früher registrirt?
Die R de curia enthalten nach meinen Notizen vor dem Jahre 1443
kaum mehr solche gratiöse Briefe als nachher; dasselbe Verhältniss
waltet in den Secretärregistern vor und nach diesem Zeitraum. Sollte
eine ganze Serie spurlos verschwunden sein? Ich glaube vielmehr,
dass der Brauch, Pfründenverleihungen durch die Camera secreta zu
expediren, mit der vollen Gousolidirung der Curie viel häufiger ge-
worden sei und damit die Veranlassung geboten habe, dieselben in
eigenem Baude zu registriren.
Ich &8se das Resultat über die Begistra secreta nochmals zu-
sammen: den B. litteramm secretarum des 13. und 14. Jahrb. ent-
sprechen jetzt sowol dem Inhalte als dem Qaug der Expedition uach
die Begistra brevium, vielleicht auch die Begistra secreta de curia; die
Begistra secreta genannten, von den Secretären geführten Bullen-
register sind mit den R litt secr. nur darin verwandt, dass alle daselbst
enthaltenen Briefe auch durch die Cabinetskanzlei des Papstes gegangen
sind; die unter Eugen IV. in der Kammer geführten Begistra secreta
scheinen ausser dem Titel kaum einen besonderu Vergleichspunkt mit
jenen zu bieten.
III. Die Einrichtung der Begisterbände.
§ 10. Die Snsaerliehe JBinrichtung der Begister.
Die Stetigkeit der Tradition, dieses Hauptmittel der curialen
Politik und Verwaltung, um allen ihren Institutionen das Ansehen
unvordenkly^heu Alters und damit hoher Ehrwürdigkeit zu geben,
zeigt sich auch in jeder Kleinigkeit, so hier in der Art und Weise
wie die Begister geführt werden.
Es ist im ganzen das System, wie es sich zu Ende des 13. Jahrb.
herausgebildet hatte, festgehalten. Nur ist an Stelle des theuern
Pergaments das billigere Papier getreten, man verwendet nicht mehr
') Nicht einmal der Oegeneatz trifil zu, das» die 8 R. secreta nur per secre-
tarioe ezpedirte Briefe enthalten, in £ 14 finden sich f. 29', 89, 44', 72, 72', 78',
1\ 225', 2S0', 281 per cancellariam ezpedirte.
528 OttenthaL
das grosse Pracht-Folioformat, sondern kleines handliches, da ist auch
kein Grund mehr vorhanden zu schöner Ausschmückung. Die
lUuminirung und Miniirung der Adressen, die prachtige Verzierung
der Initialen fallt fort, kaum dass eine schmucklos sachliche üeber-
Schrift, höchstens in Majuskelbuchstaben, voransteht; nur etwa der
Anfimgsbuchstabe der ersten Bulle des Bandes ist Ton grossen Dimen-
sionen, wird mehr verziert, aber hier wie bei den Titeln ist stets blos
Tinte, nicht Farbe verwendet; mitunter ist auch die erste BuUe
eines neuen Pontificatsjahres in ähnlicher Weise ausgezeichnet. Einen
Haltpunkt fQr das Auge bildet der Anfangsbuchstabe jeder Bulle
M(artinus), E(ugenius), indem er grösser und breiter gemacht wird,
auch auf den Seitenrand vorspringt, doch überragt er die andere
Schrift oft nur unbedeutend.
Horizontale Linien fehlen durchaus, der gut eingeschossene und
rasch arbeitende Schreiber brauchte dieses Hilfsmittel nicht. Für die
nöthige Oleichmässigkeit war duich die nach alter Sitte beibehaltenen
Yerticalen gesorgt, welche rechts und links einen breiten Band, etwa
je Vs ^^T^ Ve ^^^ Blattes absonderten, der für allerlei Gorrectureu,
Vermerke und Zusätze bestimmt war, von welchen noch weiter zu
sprechen sein wird; auch oben und unten wird ein bestinmiter Baum
frei gelassen.
Auch die Kürzungen und sonstigen Umänderungen, welche
das Original beim Eintragen in das Begister erleidet, entsprechen
wesentlich dem alten Brauch. Der Wortlaut der Bulle wird bei-
behalten, es musste ja eventuell nach dem Begister eine der ersten
Ausfertigung congruente zweite erlassen werden können, aber man
kürzte in den formelhaften, bei gleicher Sachlage gleichlautenden
Theilen, indem man entweder nur die Anfangsworte der Formel, oder
bei kurzem Sätzen oder Satztheilen wol nur die Anfangsbuchstaben
aller Worte schrieb. Palacky Italienische Beise 12—15 und Munch-
Löwenfeld Aufschlüsse über das päpstliche Archiv 107 — 122 haben
über die Abkürzungen und deren Auflosung gehandelt, der Ge-
brauch speciell des 13. Jahrh. wurde am eingehendsten von Kalten-
brunner Bomische Studien I. 236 — 238 erörtert, viele Punkte dieser
Ausführungen gelten auch noch für das 15. Jahrh. Begelmässig
gesetzt wird nun der Name des Papstes, aber ohne Titel, ferner der
Anfang der Orussformel, ebenso gewöhnlich ist die Kürzung der
Schlussformeln NuUi ei^o, Si quis und die der Datirung durch Aus-
lassung der Worte pontificatus nostri; dagegen scheint mir (ausser
bei M 10) sonst im Gontext weniger gekürzt zu sein als früher,
namenÜieh die Wiedergabe gewisser Wendungen nur durch die Anfangs-
Die Bnllenregister Martin V. und Engen lY. 529
baclistaben der Worte bemerkte ich nicht so oft. Vielleicht hangt das
anch damit zusammen, dass bei gratiSsen Briefen in Folge der subtilen
Ausbildung der Begulae cancellariae verdoppelte Vorsicht in der Copirung
geboten war, da die mangelhafte Wiedergabe einer einzigen unschein-
baren Klausel grosses Unheil anzurichten im Stande war^).
Noch starker konnten zusammenhangende Reihen gekürzt werden.
Der ein&chste Fall liegt ?or, wenn ausser der Bulla principalis noch
eine Littera executoria oder wie bei Besetzung der grossen consistorialen
Pfründen Anzeigen an den Landesherren, das Gapitel u. s. w. erfolgen.
Da blieben Narratio und Datirung bei allen Stücken gleich, konnten
also fortfallen und ahnlich wie schon im 13. Jahrh. notirte man solche
Briefe mit: Simili modo (scribitur) usque . . . Dat. ut supra. Wenn
ftir den gleichen Destinatar eine Beihe von Briefen erlassen wurde,
z. B. die yerschiedenen Facultates f&r einen Legaten oder neu ernannten
Bischof, so ändert sich oft nur der Gegenstand der speciellen Verleihung,
wahrend sonst alles von der Adresse bis zur Datirung gleich bleibt.
Die Bullen solcher Serien beginnen daher mitEidem usque..., enden Dat
ut supra. Diese Behandlung gilt geradezu als Begel, Yom Hauptbrief
getrennte Begistrirung der Ezecutorie wird als Irrthum bezeichnet^),
der aber doch öfter vorkommt. Solche Ezecutorien schliessen sich
vollständig an die B. principalis an, beginnen häufig nicht einmal
mit eigener Zeile, auch die Angabe der Eanzleinotizen erfolgt für beide
gemeinsam, während bei Serien für gleichen Destinatar (Eidem . . .)
doch jedes Stück selbständig registrirt wird; verirrt sich eine solche
Facultas aus der Beihe heraus oder gar in einen andern Band, so
suchte man später durch Verweisungen die Concordanz herzustellen^).
Oft wurde endlich eine Anzahl von Briefen gleichartigen Inhaltes an
die diversesten Destinatare als zusammenhängende Oruppe eingetragen.
Man b^nügte sich dann die verschiedenen Adressen zu notiren, oder
wenn minder wichtige Details abwichen, wie bei I&sen, Geleits- oder
Ablassbriefen, vermerkte man die Differenzen in Form eines mit Simiti
modo eingeleiteten Begestes^), copirte nur den ersten Brief vollständig.
^ So führen die Reformvorachlftge des Cod.yat. 8888 ans dem verwandten
Gebiet der Supplikregister als Beispiel an, dasB ein grosser Prozess bei der Rota
dadurch verlorengegangen sei, dass in diesem Register irrthümlich statt deroga-
tione predicta snrrogatione p. geschrieben war. *) Z. B. £ 14 f. 86': Hec est
execntoria sequentis bnlle, qne iuerant registrate divisim per errorem. ^ So
heisst es £ 10 im Inhaltsverzeichniss zu der f. 299 registrirten Bolle: £idem
etiam oonoeduntur alie certe facultates, ut patet in libro UL secreto f. 127 (£ 15).
^) Recht florgiSltigen Registratoren wie Poggio genügte solcher Vorgang nicht, er
hat M 18 mehrere derartige £intragmigen eigenhändig vervoUatändigt.
XmbtUimciB, frfimoDffilkU L 85
530 Ot;tenth^L
Der Anfang der einzelnen Briefe ist in den altern Begistern durch
die beigeschriebene Nummer und die minirte Adresse oder doch Initiale
gekennzeichnet, im 15. Jahrh. dagegen nur noch durch etwas über-
höhten Anfangsbuchstaben und grosseres Spatium zwischen den auf-
einanderfolgenden Stücken. Dieser leere Baum wird dann zu allerlei
Eintragungen benutzt. Vor allem unterschreibt sich hier als am Fuss
des copirten Stückes der eollationirende Beamte, weiter finden aus dem
Originale herübergenomimene Unterschriften von Eanzleibeamten und
Taxen hier ihren Platz.
Die Stellung der Eanzleinotizen^) im Register ist natürlich
durch die Originale beeinflusst. Der Ingrossator unterfertigt sich auf
der Aussenseite der Falte (plica) rechts (s. S. 454), darüber steht, wenn
der Scriptor nur Substitut war, der Name jenes, dem die Minute
eigentlich zur Beinschrift zugewiesen war, ferner falls das Stück nicht
zu taxiren war, der Vermerk De curia oder Gratis; in der Plica innen
rechts der Name des expedirenden Secretars, innen links die Taxe
sammt Unterschriften und rechts davon eventuell der Expeditionsvermerk
(S. 459); die Unterschriften der Abbreviatoren aber befinden sich auf
der Bückseite. In den sorgfältiger geführten Begisterbänden hat man
alle diese Notizen aufgenommen. Naturgemäss copirte man sie zuletzt;
in hunderten von Fällen, wenn nämlich die Tinte gegen Ende des
Stückes etwas andere Farbe hat, bestätigt das auch die Autopsie. Der
Platz derselben im Begister wechselt, ausser dem Spatium am Ende
der Stücke hat man auch den Seitenrand dazu benutzt. In den ersten
Begisterbänden unter Martin V. kommt der Name des Secretars auf
den linken, Taxe respective De curia oder Gratis auf den rechten
Seitenrand neben den Beginn der Bulle; die Unterfertigung des
Schreibers der Stellung im Original entsprechend an den Fuss des
Stückes rechts, so dass links davon etwas tiefer noch der Collationator
sich unterfertigen kann. Der Vermerk Expedita per cancellariam —
die Unterschriften der Abbreviatoren werden, wol wegen ihrer Stellung
in dorso, seltener wiedergegeben*) — wird an den gleichen Platz
gesetzt, wo sonst der Name des Secretars steht In M 11 stehen per
cancellariam und per cameram expedirte Briefe stark untermischt, um
1) Ich fasse als Kanzleinotizen oder Kanzleivermerke zusammen alle Unter-
schriften der Eanzleibeamien auf den Originalen und die andern von denselben
ebenda gemachten vom Tenor der Bulle unabhängigen Eintragungen, yne TazeD^
Ezpeditionsvermerk. >) In manchen ('allen sind ihre Namen mit dem ge-
bräuchlichen Vermerk Exp. per canc combinirt, es heisst etwa Ii^ de Viceuiia, per
cancellariam E 9 f. 212 = E 15 f. 157, im letzteren Band noch G. Gönne» A. de
Corte.'-iis, per cancellariam; G. de Elten, p. c
Die Bullenregister Martin T. und Eugen lY. 531
nun die Unteröchriften der Abbre^ialoren und Secretäre auseinanderhalten
zu können, hat man die ersteren auf dem linken, die letzteren auf dem
rechten Seitenrand angebracht. Im 7. Begierungsjahr Martin Y. begann
man (M 3 und 8) die Taxe analog ihrer Stellung im Original links am
Fnss der Gopie einzuzeichnen, während De curia und Gratis zunächst
noch den früheren Platz beibehalten. So war der Brauch auch beim
Begierungsantritt Eugens. Schon in dessen erstem Pontificatsjahr trug
ein Schreiber (E I f. 17—23) auch diese Angabe an der dem Original
entsprechenden Stelle in das Begister ein und dieser Vorgang fand
Nachahmung, so dass also jetzt De curia und Oraiis entweder ober
den Namen des Ingrossators oder doch am rechten Seitenrand zu
Schlnss der Bnlle zu stehen kommt Bei dieser Vertheilung blieb es
dann fürder unter Eugen lY.
Doch ist das nur von den Eammerregistern zu verstehen, in den
Kanzlei» und Secretarregistem werden dieselben mehr yernachlässigt
Am nächsten stehen den Eammerregistem sowol durch regelmässige
Angabe als nach d^r Stellung der Eanzleinotizen die Begister des
Bart Boverella E 22—24. M 10 und 12, E 16 a, b geben stets nur
die Taxe der Orossa, eventuell auch die Eintragung des expedirenden
Taxator in buUaria an, und zwar zwischen die Worte des Gollations-
oder Begistrirungsvermerkes hineingestellt, z. B. Antonius XXI. XII. kl.
aug. a. I. de Ponte (M 10), Bta. de curia. Poggius (E 16). Letzteres
gilt auch bei M 11, wo aber meist auch der signirende Secretär oder
Abbreviator, jedoch nie der Schreiber genannt wird. Bei den übrigen
Secretarregistem aber herrscht nach dieser Seite volle Willkür, beider
Mehrzahl der Urkunden sind die Eanzleinotizen gar nicht oder doch
nur unvollständig eingetragen und soweit sie berücksichtigt wurden,
nehmen sie die mannig&chsten, auch in den einzelnen Bänden unregel-
mässig wechselnden Stellungen ein.
Auf YoUatändigkeit in dieser Bichtung wurde also kein Oewicht
gelegt, die Nachlässigkeit des Begisterschreibers auch viel weniger als
bei den Eammerregistern durch die GoUationatoren gut gemacht. Die
Kammerregister sind überhaupt viel regelmässiger und sorgsamer ge-
itthrt als die Secretärregister; doch bedingen auch andere Gründe die
mangelhaften Angaben der Kanzleivermerke in den letztern: in einigen
Banden derselben stehen zahlreiche Breven und Litterae clausae, deren
Elanzleiunterschriften in den Begistern überhaupt nicht wiederkehren.
Schlimmer ist, dass da wol auch die Adressen ausgelassen wurden,
doch wird das sowie Fehlen des Papstnamens und der Datirung auch
mit der UnvoUständigkeit der Vorlage des Begisterschreibers in Ver-»
bindung stehen (S. 548). Der Name des Papstes wird bei den Breven
532 OttenthaL
meist in eigener Zeile yorangestellt wie bei den Originalen und Gon-
cepten derselben^).
Bei der üntersucliung, in wie weit innerhalb der einzelnen J3ande
Schriftwechsel stattfinde und wie viele Hände man in jedem unter-
scheiden könne, ist gleichartige Schulung der Schreiber im allgemeinen
nirgends zu verkennen. Der Schriftcharakter kann wenigstens
bei sorgfaltiger Eintragung eine gewisse Yerwandtschafk mit der Form
der gleichzeitigen Bullenschrift so wenig verlaugnen, als das etwa bei
den Registern aus dem An£EUig des 14. Jahrh. der Fall ist; nur finden
sich in der Begisterschrift mehr cursiye Elemente und um so mehr,
je rascher und eiliger eingetragen wird. Wir treffen yiel&ch Ueber-
gänge von gebrochener zu Benaissanceschrift und theilweise schon
recht modern aussehende Gorsive, das Zurücktreten der alten Tradition
war gewiss auch wesentlich bedingt durch die humanistische Richtung,
welche im obem wie im untern Kanzleipersonal zahlreich vertreten
war. Die Breven wurden ja schon unter Martin Y. in reiner Antiqua
geschrieben, jene Bullenregister, welche derartige Stücke enthalten,
gehen auch im Gebrauch der neuen Schriftart voraus, so ist in E 20
vielfach Antiqua verwendet
Der Einfluss der Schrift des Originals auf die des Registers
geht theilweise bis zu einer Nachahmung derselben; ich kann hier
nur einzelne mehr in die Augen fallende Umstände verfolgen. Dabin
gehört, dass manche Schreiber in gewissen Fällen für den Papstnamen
zu Beginn der Bulle Majuskelbuchstaben verwenden, eine Auszeichnung,
die in den Originalen von Gonstitutionen und Bullen im engern Sinn
ebenfalls Regel ist Besonders zu erwähnen sind die Subscriptionen
der Eanzleibeamten. Schreiber wie Secretare haben ihre Unterschrift
viel&ch schon ganz individualisirt, die Wiedergabe der einzelnen Kamen
erfolgt in den sorg<iger geführten Registern, und zwar auch wenn sie
durch verschiedene Hände geschieht, mit vieler Oleichmässigkeit; als
ich später Einsicht von Originalunterschriften derselben Männer nahm,
konnte ich häufig nach meiner Erinnerung die Nachahmung constatiren.
So wie nun bei den Originalen der Text der Bulle noch in eckiger
Minuskel geschrieben wird, bedient sich der Scriptor auch bei der
Unterschrift ähnlicher Schriftzeichen. Die Secretare dagegen, deren
Autographe ich kennen gelernt habe*), unterfertigen bis etwa auf
1) Merkwürdiger Weise geschieht das auch wiederholt bei ConstitQtianen
Ad fut rei memoriam (z. B. E 16 f. 48, £ 18 f. 18, E 21 f. 812), während ich bei
Originalen diese abweichende Stellung nie bemerkte. *) Nämlich noch die des
F. Aretinns, L. de Aretio, A. de Luschis, Cindas^ Fogf^na, Blondus, L de Lan-
gusco, A. de Florentia, B. Roverella.
Die BuUenregister Martin V. und Engen IV. 533
Miehael de Pisis und Bartholomeus de Montepoliciauo alle in Antiqua;
den gleichen Charakter pflegt die Beproduction der Unterschrift im
R^^ister zu haben, auch in den zahlreichen Fallen, in denen dieselbe
sicher durch den Begisterschreiber, nicht durch einen collationirenden
Beamten eingetragen ist. Die Taxen sind auch in dieser Zeit in den
Originalen noch so geschrieben wie zu Ende des 13. Jahrh.^), theil-
weise vertical übereinandergesetzt, es ist von sehr seltenen Ausnahmen
unterbrochene Begel, dass im Register auch diese Eigenthümlichkeit
der Urschrift beibehalten wird. Da bezeichnen wieder die Collationa-
toren das modernere Element, wo sie in den Eanzlei- und Secretar-
registem die Taxe der Beinschrifb beif&gen (M 10 — 12, E 16 a, b), geschieht
es in gewöhnlicher Schreibart, theilweise schon mit arabischen Ziffern.
Auch in der Datirungszeile erkennt man yielfach die Nach-
ahmung des Originals. Wie dort sucht man auch in den Registern
die Zeile mit der Angabe des Pontificatsjahres abzuschliessen, aber
auch ganz auszuftQlen, schreibt daher je nach Bedarf die letzten Worte
in weiten Zwischenräumen, oder nimmt umgekehrt, wenn der Raum
knapp ist, Ton der Nachahmung der Originale in litteraler Schreibung
der Zahlen Abstand. Schon in den Registem des 14. Jahrb., z. B.
denen Clemens Y., war diese ftbr die Correctheit der Zahlen po wichtige
Oewohnheit>) eingebürgert und gewiss nicht absichtslos. Sie ist in
der weitaus grossem Zahl der Falle auch jetzt beibehalten und auch
auf die immer häufiger verwendeten Incamationsjahre^) übertragen,
bei denen aber mehrfach ein Mittelweg benutzt wird, d. h. nur ein
Theil der &hlen, die Einheiten oder Zehner und Einheiten litteral
geschrieben werden, etwa MCCCCXXXX primo (E 22 f. 67).
Dass die graphische Beschaffenheit der Vorlage so sehr auf die
Registerschrift einwirkte und der Registerschreiber bei de^ damals
') Vgl. Diekamp Z. päpsfL XJrkw. Mitth. 4, 609 und meine Bemerkungen
ibid. 5, 188. *) Man gebrauchte die litterale Schreibweise der Zahlen in den
Originalen offenbar bewusst zar Yerhinderung von Fälschungen. Eugen IV. hat
aas diesem Grund sogar 1482 Sept. 11 yerordnet die Zahlen des Tagesdatums in
den Bullen so zu schreiben: Eugenius papa IV., ut in litteris apostolicis com-
mittendi crimen falsi per amplius occasio tollatur, . . . ordinavit quod inaniea
dictiones numerales que in dictis litteris ante kaL non. et ydus immediate poni
consueverant, per litteras et sillabas eztense soribantur et iUe ex diotis litteris in
quibuB hniusmodi dictiones aliter Scripte fuerint., ad buUam non mittantur Cod.
Yat. 4988 f. 46'. Originale des Innsbr. Statthaltereiarchives, die ich daraufhin
durchsah, ergaben, dass diese Vorschrift auch durchgeführt wurde. ') Während
unter Martin Y. die litterae sub filo cannabis nach altem Brauch blos nach Ponti-
ficatsjahr datiren, findet sich in den Originalen der gleichen Kategorie von Papst-
briefen unter Eugen lY. stets auch das Incamationsjahr.
534 Ottenthai.
üblichen Schulung in den verschiedenen Schriftgattungen solcher Re*
producüon sowie andern Launen seiner Hand in hohem Orade ge*
wachsen war, erschwert selbstredend die Scheidung der Hände
ungemein. Wol sind einzelne Handschriften so charakteristisch und
gleichmässig, dass man deren Identität im ersten Augenblick con-
statiren kann, z. B. jener, die den letzten Theil Ton E 25 und das als
£ 25 a bezeichnete Hefb des Bandes 370 schrieb. Wol gewähren oft
Aeusserlichkeiten gute Haltpunkte: die Manier wie die Initiale des
Papstnamens gemacht wird oder die Stellung der Kanzleinotizen, so
setzt z. B. ein bestimmter Schreiber E 21 f. 1 — 50' den Namen des
Scriptors stets unten links; aber solche Dinge werden bald Gemeingut,
oft auch von den Einzelnen nicht consequent genug durchgef&hrt, um
jederzeit sichere Schlüsse zu gewähren. Viel besser steht es, wenn die
Unterschrift des Schreibers im Register dazutritt, das ist aber nur der
Fall, wenn der coUationirende Beamte auch selber die Einträge macht,
wie bei A. de Sarzana, lo. Gorduyerii, F. LaTezius und Andern vor*
kommt (S. 489). Besonders der erstgenannte, welcher ja sehr Tiel&ch
selbst copirt, ist ein eclatanter Beweis f&r die verschiedenen Wand-
lungen, welchen die Schrift einer Hand in Folge verschiedener Dis-
position, Feder, Tinte, Eile u. s. w. unterliegt; ohne das beständige
Correctiv der autographen Subscription und ohne den Yei^leich mit
den Eintragungen desselben in den B. div. cameral. würde man kaum
geneigt sein alles einer Hand zuzuschreiben, was man jetzt ganz sicher
als Autograph dieses Notars erklären kann.
So ergab sich von selbst die Beschränkung, das Yerhältniss der
Schriften und die Zahl der in einem Bande thätigen Schrei-
ber nur beim Zutreffen besonders günstiger Umstände festzustellen.
Das Resultat ist ein sehr verschiedenes. In manchen Bänden ist der
Schriftwechsel selten, in M 1 sind höchstens zwei Hände zu unter-
scheiden, M 9 ist bis auf ein Stück ganz von Ant. de Sarzana ge-
schrieben, E 16 zeigt stets die gleiche Handschrift, in E 23 glaubte
ich drei verschiedene Hände zu erkennen. Natürlich spielt da der
Umfang des Bandes und der Zeitraum, auf welchen sich die Ein-
tragungen erstrecken, eine Rolle, aber keineswegs eine ausschlag-
gebende: E 16 umfasst 530 Blätter und alle 16 Regierungsjahre Eugens,
A. de Sarzana kommt durch 11 Jahre vor, während der kleine Band
E 24, dessen 69 Blätter (ursprünglicher Eintragung) nur Stücke änes
Jahres enthalten, drei oder vier Hände aufweist. In andern Bänden
mögen ein halbes Dutzend oder noch mehr Schreiber eingetragen
haben. Dass derselbe Schreiber in verschiedenen im gleichen Bureau
geführten Bänden arbeitet, ist schon früher angedeutet und eigentlich
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen IV. 535
selbstverständlich ; aosser bei A. de Sarzana habe ich ein solches Yer-
failtniss bemerkt swiachen E 9 und 10, E 14 and 15, E 18 und 19,
E 23 nnd 24, E 25 und E 25ou
Hast wichtiger als die Scheidung der Hände ist f&r uns die
Beantwortung der Frage, ob Stück ftir Stück oder grössere Partien
in einem Zug eingetragen wurden. Wenn nicht rasch aufeinander
die Hände wechseln, kommt es in erster Linie auf den Wechsel der
Tinte nnd des Ductus der Schrift an. Solcher tritt zwar auch
bei zusammenhängender Niederschrift ein, wenn Tinte nachgeschüttet,
Federn neu geschnitten werden etc., sowie andererseits auch die
Aecnratesse des Schreibers in Auswahl und Behandlung des Schreib-
materiales diese Differenzen Rir uns mehr oder weniger yerwischt, aber
die grosse Menge gleichartiger Vorkommnisse wird schliesslich beweis-
kräftig: fiQlt Wechsel der Tinte und des Zuges der Schrift meist
gerade mit dem Beginn der Stücke zusammen, treten diese Erschei-
nnngen, wenn nicht gerade yon Stück zu Stück, so doch in kleinen
Zwischenräumen auf, so lässt das sicher auf ilofortige mit der Expedi-
tion der einzelnen Briefe oder zusammenhängenden Bullenreihen gleich-
zeitige Eintragung schliessen. Bis auf eine schon besprochene Aus-
nahme (E 25 a) trifft dies bei allen yorliegenden Bänden zu^).
Manchmal registrirte man freilich zunächst nur einen Theil des
Briefes, brach dann ab und liess etwa freien Baum für die Fort-
setzung. Solche Unterbrechung der Begistrirung mochte durch
mancherlei Umstände veranlasst werden. Ausser Nachlässigkeit oder
Eile des Begisterschreibers konnten auch amtliche Bücksichten daran
Schuld tragen, etwa Zurücksend ung der noch in der Begistratnr be-
findlichen BuUe an ein anderes Bureau nothig werden, wie E 5 f . 53'
bei einer onyoUständigen Eintragung bemerkt ist: Nota quod ista
bnlla non est integraliter registrata, quia debuit corrigi. Später wurde
dann wol der Best noch nachgetragen. Vielleicht ist auffallender
Tinten- und Zagwechsel, wie man ihn manchmal mitten in einem
Stftcke trifii, darauf zurückzuftlhren. Beichte der frei gelassene Baum
f&r die Nachtragung nicht aus, so musste man noch den Seitenrand
hinzunehmen, wie etwa E 20 £ 896', E 22 f. 127; der zweite Theil
der letztern Bulle ist yon gleicher Hand wie die darauffolgende, jedoch
mit anderer Tinte geschrieben. M 8 f . 206 ist auch der Seitenrand
für die Naehtragung benutzt, sie geschah aber, noch bevor die folgende
Bulle yollständig copirt war, bei welcher daher der Name des Secretärs
yon seinem gewohnlichen Platze weichen musste. Erkannte man den
') Tgl. anch die Aasf&hrozigeii in § 12.
536 Ottenthal.
für die Fortsetzung bestimmten Baum sofort als zu klein für deu
Nachtrag, so cassirte man den schon eingetragenen Theil: Gassata quia
non fdit satis spacium ad complendum M 2 f. 153, ähnlich geschah es
auch, wenn der Brief gar nicht mehr ausgehändigt wurde: Non habuit
effectum steht E 2 f. 12 bei einem unvollständigen Brief. Es finden
sich auch solche Torso ohne erklärende Bemerkung, da mag die
Unachtsamkeit der Begisterbeamten die Ergänzung versäumt haben.
Auf solche Nachträge war man überhaupt oft bedacht, das
beweisen die vielen unbeschrieben gebliebenen Blätter und durchaas
nicht allein in Bänden, die von vornherein mehrere geschlossene
Gruppen und Abtheilungen enthalten sollten wie die Begistra diver-
sarum M 11 und E 25. In E 16 a f. 242—244' steht eine Serie von
Facultates für den gleichen Adressaten, ist nun die obere Hälfte von
f. 245 leer gelassen, so setzte man offenbar voraus, dass noch eine
Facultas zuwachsen würde. In andern Fällen ist die Veranlassung,
warum solche Blätter frei blieben, nicht mehr nachzuweisen, jedoch
daran zu erinnern, dass in manchen Bänden das Inhaltsverzeichniss
nach Destinataren zu ordnen versucht wurde (S. 410). Wurden so
reservirte Blätter fQr ihren ursprünglichen Zweck nicht benSthigt oder
verwendet, so hat man sie oft später, mitunter erst nach Jahren, zu Ein-
tragung beliebiger Bullen gebraucht, ein Umstand, der bei plötzlichen
Sprüngen in der chronologischen Beihenfolge stets zu beachten ist
Wir haben bisher nur die Copirung der Urkunde im Auge
gehabt, daneben kommen noch Notizen und Zusätze der Begi-
stratur vor, für welche ja reichlich Baum vorhanden ist. Dieselben
rühren entweder vom Begisterschreiber oder vom Gollationator oder
von dritter unbekannter, d. h. weder als Begisterschreiber noch als
Gollationator constaürbarer Hand her. Vielleicht am wenigsten zahl-
reich und bedeutsam sind die der ersten Art: Aufschriften, welche den
Beginn neuer Jahre oder Abtheilungen angeben^), Verweis auf Begi-
strirung an anderer Stelle, wenn der Schreiber noch während der An-
fertigung der Gopie seinen Irrthum gewahrte'), oder fidls er sich bei
Begistrirung von Originalinserten die Mühe, die inserirte Bulle einza-
tragen, ersparen wollte 3), oder sonst Verweis auf Stücke, die mit dem
gerade copirten inhaltlich in Zusammenhang stehen^), Vermerk, dass
1) Beispiele daftir § 2 und § 8. <) M 6 f. 188' steht nur die Adreese, die
dann sofort vom Registerschreiber canceUirt wurde, mit dem Beisatz, quia in libro
ofBcialium registrata est, ähnlich E 1 f. 121, 226 (vgl. S. 419), £ 7 f. 117, £ 18
f. 80 (vgl. Ö. 429 Anm. 1). *) £ 2 f. 164 patet de residuo in hoc libro t LXX.
^) E 5 fl 76 ist der Anfang der Bulle registrirt, dann fortgefahren: MartiiHu
predecessor noster ecdesie Treverensi etc. de verbo ad verbum ut in buUa immi-
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen TV. 537
schon seine Vorlage der Eanzleionterschriften darbte^) u. s. w. Die
▼om Begistrator oder dessen SteUvertreter bei Collation der Begister-
copien gemachten Zusätze und Notizen hängen theils direct mit der
Beyision der Eintragungen selbst» theils mit späterer Benatzung des
B^^isters durch das Amt zusammen. In erste Linie gehört da natür*
lieh die mit eigenhändiger Namensunterfertigung verbundene Bestäti-
gung, dass das Stück collationirt worden sei, andere Zusätze beziehen
sich auf unmittelbare Ergänzung und Gorrectur der einzelnen Bullen
oder auf die überwachende Führung des ganzen Bandes und die Ver-
wendung desselben im innem Dienst, also zweckdienliche Verweisungen,
Notizen über Taxen, Aushändigung, Vereidigungen, Besignationen
und ähnliches. Die spätem Nachträge des Gollationators betrefiPen dann
Beformationen der hier registrirten Bullen und dadurch nothig ge-
wordene Correcturen, Gassationen, Ausstellungen Ton Duplicaten etc.
Ich habe manche derartige Notizen schon im Lauf der Erörterungen,
namentlich bei Untersuchung der Aufgabe und Thätigkeit der Begi-
stratoren in den verschiedenen Aemtem angeführt Bei den Zusätzen
von unbekannter Hand wird es viel&ch nur an uns liegen, dass wir
die Anonymität nicht lösen können, sie stammen jeden&lls auch aus
der Feder von Begisterbeamten, vielleicht auch von sonst gleichzeitig
in den Begistem thätigen Schreibern oder GoUationatoren, denn nur
selten lässt sich eine bedeutend spätere Eintragung constatiren. Lihalt-
lich deckt sich daher diese Gruppe wesentlich mit den beiden voran-
gehenden*). Ueber die den Lidex vertretenden an den Band gesetzten
Schlagworte, welche sich von Angabe der Adressen bis zu formlichen
Begesten steigern, vgl S. 410.
§ 11. Begistrirung nach Gonoept oder OriginaL
Die Copie im Begister kann entweder nach dem Concept oder
nach dem Original angefertigt sein. Für die ältesten Papstregister,
nent(eT) precedenti continetiir, usque ad illam dausulam, E 17 f. 28 ein einlanfender
Brief mit dem Vennerk : Besponsum invenies in XXL foUo sarsum compntando.
') Z. B. E 2 f. 165 non habet secretarinm, f. 167 non habuit secretarium nee
taxim nee gratis. >) Ich wähle nur einige Belege aus der Fülle solcher Notizen
aas: Prescripta littera fuit perdita in via, ideo fuit facta de novo sub eisdem
▼erbis M 6 £ 140^ £ 20 f. 72 steht ein Brie^ iedenfaUs aus dem 5. Pontificatsjahr
(Datirong nicht aufgenommen), dann Duplicata die ultimo lulü anno VU. Eisdem fuit
directa aimilis littera et sub dicta data scripta per N. de G. M 6 f. 278'. E 8
£ 121' bei einem Brief von 1489: Item habuit similem fkoultatem sub daiV. id.
iun. a. XL (= 1441). Hec est bnlla exequutoria eins bulle, que est in tertio folio
E 22 £ 855. — Nomen sGriptoris non est bei einer BuUe, in der der Name des
Ingrosaisten nicht aufgenommen wurde, M 6 £ 147'.
538 Ottenthal.
die wir noeh kennen, wird die Losung dieser Frage durch die un-
günstige üeberlieferung derselben in unvollständigen Abschriften sehr
erschwert, sie ist jeden&Us bis heute noch nicht erfolgt. Die Meinung
Ewalds, Levis, v. Pflugk-Harttungs geht dahin, dass die Register Gregor L,
Johann VllL, Gregor VII., mit welchen sich diese Forscher eingehend
beschäftigt haben, nach den Concepten gefertigt seien. Beim Charakter
der in diesen Registern enthaltenen Briefe liegt das gewiss nahe, aber
ein positiver Beweis dafür ist meiner Ansicht nach noch nicht er-
bracht Dann folgt bekanntlich wieder ein Zeitraum von mehr als
zweihundert Jahren, aus dem wir nur vereinzelte Citate und Fragmente
von Begistern kennen ; erst seit Innocenz DI. ist uns eine fortlaufende
und zusammenhängende Beihe von Begisterbänden erhalten, welche
theilweise das unverkennbare Gepräge stückweiser Entstehung tn^n,
der Mehrzahl nach aber wenigstens so gut wie gleichzeitige Bein-
oder Abschriften (von Originalregistem oder Kladden) sind. Inzwischen
hat sich die Umbildung des päpstlichen Kanzlei- und Urkundenwesens
schon gänzlich vollzogen: die Organisation der päpstlichen Yerwal-
tungs- und speciell der Expeditionsbehörden des 13. Jahrh. ist die
feste Basis, auf der die Ourie später dann weiter gebaut hat, daher
hat auch der Vorgang der Begistrirung seit dieser Zeit f&r uns ein
actuelles Interesse.
Fast sämmtliche Forscher, die in jüngerer Zeit ihre Stimme darüber
abgegeben haben, urtheilen, dass damals die Begister nach den Origi-
nalen geführt wurden. Ich erwähne ausser Delisle in seinem Memoire
sur les actes d'Innocent IIL Munch, der eine grosse Zahl von Begist^n
durchsehen konnte und seine Meinung namentlich darauf stützt, dass
bei Gopien feierlicher Privilegien auch Bota, Unterschriften des Papstes
und der Cardinäle etc. von erster Hand eingetragen seien*), Berger,
der aber auch Begistrirung nach dem Concept als Ausnahme gelten
lässt^), Diekamp'), der aus dem Vergleich der Begistraturnotizen auf
den Originalen zu diesem Schlüsse kommt. Viel vorsichtiger and
skeptischer äussert sich dagegen Kaltenbrunner^), der alle Bände von
Innocenz III. bis Bonifaz VIII. durchgesehen, einen Theil derselben
eingehend untersucht hat. Er führt Momente an, die ftlr das eine
und solche, die fQr das andere sprechen, in Erwägung aller Umstände
genügen sie ihm aber nicht, eine feste, allgemeine Begel au&ustellen.
Bodenberg in der Einleitung zu den in den Mon. Germ, publicirten
*) Mondi-Löwenfeld B. 90. •) Les registres d*Innocent IV. Pk^&oe XVI,
XVIL •) Neuere lit. 2. p. Dipl Hisi Jahrbuch 4, 246. ^) ROm. Studien I.
)iitth. 5, 228 ff.
Die Bullenregister Mariin Y. und £ugen IV. 539-
Epistolae aaec. XTTT. glaubt bis Innocenz IV. Eintragung nach Gonoept,
Ton da an nacb dem Original erweisen zu können^). Soyiel fiber die
Register des 13. Jahrb. Ein neuer Abschnitt beginnt dann mit Jo«
hann XXTT., insofern seit diesem Papst eine viel grössere Zahl von
Originalregistem erhalten ist. Da handelt es sich natflrlich nur mehr
um den Begistereintrag in diesen und nicht in den schönen CSopien
auf Pergament^X welche Ton den Forschem der Bequemlichkeit wegen
Seist ausschliesslich benutzt wurden. Leider fehlen nodi bestimmtere Auf-
schlösse über dieses Yerhaltniss bei den Papierregistern des 14. Jahrb., der
Brauch der römischen Curie lasst sich in diesem Punkte nicht quellen-
massig bis zum Beginn der uns beschäftigenden Periode rerfblgen.
Aus diesen Differenzen in der Auffassung ersieht man die Schwierig-
keit, die wahre Sachlage zu erkennen b). Es ist das b^preiflich, da
man so Tielfach mit unbekannten Grössen zu rechnen hat. Die Frage
ist, ob ein Stück nach dem Goncept oder nach dem Original in das
Begiater eingetragen sei, und f&r ganze grosse Zeiträume besitzen wir
weder Originalconcepte noch Originalregister, sehr wenig Original-
briefe; auch für spatere Zeit (13. Jahrh.) noch Concepte so gut wie
gar nicht, Originalregister nur theilweise; es mangelt Gelegenheit, die
Copien in den Begistern mit den Originalausfertigungen zu yergleichen.
Bei den Papstregistern des 15. Jahrh. ist die Sachlage schon günstiger:
yiele Originalregister, zahfareiche Originale von Papstbriefen, deren
Vergleich mit dem Begister allerdings durch die Art des Begistratur-
yermerkes erschwert wird. Dagegen hat die Zahl der ProfcokoUtheile^
welche nur dem Original, nicht auch dem Goncept eigen sind, zu-
genommen, wir sind — zum Theil in Folge dessen — über den Vor-
gang der Beurkundung und deren einzelne Phasen gut unterrichtei
Aber die Concepte mangeln leider &8t ganz oder sind wen^stens bis
jetat unbekannt Vielleicht hat ein ireundlicher Zufall auch über diese
so günstig gewaltet, wie über ältere des 14. Jahrh^ welche gegen-
wärtig in 13 Bände gesammelt als Archetypa epistolarum Innocentii VI.
') Für einzelne Fälle wie fQr den Brief n® 809 hat er die Art der Begi-
strirung aUerdinge nchergestellt. *) Es ist also irrig, wenn Dndik Iter 2, 72
aus der Notiz des Pergamentregisters : Gorreeta com papiro auf Eintragung nach
dem Originalpapierconoept schliesst, der Aufdruck deutet nur auf das Original-
register hin. und auch der Vermerk im Pergamentregister Johann XXIL a. IX.
tom.V. f. 168 n® 988 Nomen archiepLiCopi (des Destinatars) nee data in nota
erat, müsste er&t mit dem Fapierregister yerglichen werden, bevor man ihn als
Beweis f&r Begistrirang nach Conoept verwenden darL *) Zur Vergleichnng
▼erweise ich auf die Gebrauche der sicilianischen Kanzlei des 18. Jahrh. Ficker
Urkundenlehre B, 87. 88, Fanta in Mitth. 4, 456 und auf die der deutscheu KanzW
unter Karl lY. Lindner Urkunden wesen Karl IV. 169 ff,
540 OttenthaL
im vaticaniBcheu Archiv stehen^). Beim Mangel gleichzeitiger Minuten
müssen wir dieselben fQr die Erkenntniss dieser Vorlagen in unserer
Zeit heranziehen.
Diese Minutae^ wie die Goncepte in der Kanzleisprache des
15. Jahrb. heissen, stehen auf Einzelblättem, deren Orosse nach dem
Bedür&iss wechselt, der Zwischenraum der weit abstehenden Zeilen
und der Seitenrand gibt reichlich Platz f&r Gorrecturen, die Schrift
ist der in den Registern gebrauchlichen yerwandi Der Papstname
fehlt in der Begel, die Adresse ist vollständig, yon der Ghrussformel
9 Salutem ' notirt. Dann folgt der Context ohne weitere Auslassungen,
nur die Schlussformeln NuUi ergo, Si quis sind die wenigen Male, als
sie überhaupt vorkommen, in der üblichen Weise gekürzt. Datirung
(Angabe von Ort, Tag nach romischen Kalender, Pontificatsjahr) ist,
soweit ich sehe, stets angegeben, die ZufÜgung derselben geschieht
theils durch den concipirenden, theila durch den corrigirenden Beamten.
Waren in einer Sache mehrere Ausfertigungen nöthig, so wurden sie
auf dem gleichen Blatte nach alter Sitte mit Eisdem oder In enndem
modum und der Datirung Dat. ut supra nebst den nothigen Aendemngen
hingeschrieben.
Natürlich finden sich viele Gorrecturen, sowol von erster Hand
als von der des revidirenden Beamten. Die Zusätze des letztern sind
ausser sachlichen und stilistischen Verbesserungen auf der Bückseite
befindliche Angaben des Zeitpunktes bis zu dem die Gbrossa zu liefern
ist, auch Angabe der Ezpeditionsart; Werunsky hat dieselben wol
richtig erklärt. Ausserdem findet sich dann gewöhnlich noch ein be-
stimmt stilisirtes B mit durchgelegtem i-abnlichen Abkürzungsstrich,
das ich gleich wie Werunsky als Begistraturvermerk fiEissen zu müssen
glaubte, namentlich da ich bei zwei Minuten notirt fimd: Begistretm*
in secundo (?) anno und Begistretur in suo mense, womit auch die
autentische Auf losung dieser Sigle geboten sein möchte >). Wir haben
also hier einen Hinweis auf Begistrirung nach dem Concept
Minuten des 15. Jahrh. feuid ich, wie erwähnt, nur sehr wenige.
') Die altern Nachrichten über dieselben bei Munch-LOweiifeld 80 und 1S2,
auch bei Dudik Iter Rom. 2, 72 sind jetzt überholt durch die Beschreibung Werunskys
in Mitth. 6, HO ~- 145, der nur etwa noch hinzuzufügen wftre, dass die Blätter
früher auch einen breiten Seitenrand für Gorrecturen besassen, der dann bei der
Zusammenstellung der Bftnde, weil unbeschrieben, meist fortgeschnitten wurde,
doch fiuid ich in dem von mir durchgesehenen Band 244 B Minuten, an denen er
theilweise erhalten ist. Sonst war ich wesentlich zu gleichen Resultaten ge-
kommen wie W. *) W. mOchte sich für Begistrata entscheiden, weil daneben
das Datum der Registrirung verzeichnet zu sein scheint; nach meiner Erklirung
würden sich diese Zahlzeichen auf den Registrirungsbefehl zu beziehen haben.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 541
Ihr Fomiat ist, wie bei den altern Schmalfolio oder auch Octav, stets
mit Seitenrand für Correctoren. In E 25 ist zwischen f. 21 und 22
ein Brevenconcept eingeheftet: der Papstname Eugenius pp. IUI. wie
bei Bremen in eigener Zeile, dann die Grussformelf deren erster Buch-
stabe C(arissime) Torragt, die äussere Adresse mangelt; Gorrecturen
theils zwischen den Zeilen, theils seitwärts, der corrigirende Beamte
fugte dann auch die Datirung »Dai XX. noT.*^ hinzu. Im Tom. 6 der
Brevenregister^) sind einige Originalconcepte eingeklebt, als f. 14 die
Hittheilung an Johann Hunyady über Verleihung der goldenen Böse:
der Papetname fehlt, die Adresse schliesst mit Salutem, die Datirung
hatte der Goncipist mit Dai Bome angedeutet Poggio, der das
Stück corrigirte, fügte am Ende noch einen Satz zu und ersetzte die
Datirung durch die Angabe Dat. currens; am obem Ende signirte er:
Secreta Pog.*) Als f. 154 finden wir ein Blatt mit drei Cioncepten für
Breven Nicolaus V. an Eleonore von Oesterreich und deren Gemahl
Sigmund von TiroL Der Papstname geht in eigener Zeile voraus,
Grussformel bis Salutem, Schluss mit «Dai eta*; obwol Gorrecturen
von zweiter Hand da sind, ist die Datirung nicht ergänzt. Das dritte
Breve steht auf der Bückseite des Blattes, vom ersten ist auch die
äussere Adresse ang^eben.
Diese wenigen Goncepte des 15. Jahrh. betreffen wie der aller-
grosste Theil der in den Archetypa enthaltenen fewt ganz frei zu stili-
sirende Stücke, daher ist auch in beiden Gruppen der Gontext vollständig
angeführt Beide stimmen auch in der willkürlichen Behandlung des
Protokolles und zwar sowol seitens des Goncipienten als des Correctors
überein. Um so weniger kann man aus diesen Minuten eine Norm
für die Gestalt und Vollständigkeit der Goncepte von gratiösen und
justitiellen Briefen ableiten, also auch eine directe Vergleichung mit
der Form und Eigenthümlichkeit des Begistereintrages nicht durch-
führen. Auch enthalten die uns bekannten Goncepte des 15. Jahrh.
keinen directen Hinweis auf Begistrirung.
Soll die Frage, ob nach Goncept oder nach Original registrirt
wurde, gelöst werden, muss man sie mit einer zweiten combiniren:
in welchen Phasen der Beurkundung konnten die Stücke überhaupt
0 Vgl. darfiber jetzt Ealtenbnumer R. Studien U. Mitth. 6, 82. *) Ebenda
ist noch ein anderes Brevenconcept ohne Papstname, Adresse und Datirung, auch
ohne Gorrecturen, also vielleicht ein liegengebliebener Entwarf eingeheftet, ein
ähnlicher ganz formelmässiger (te in officio . . civitatis nostre . • pro u. s. w.)
f. 177. Aehnlich ist auch in den Archetypa die Minute einer Ernennung zum PodesÜt
von Todi für den von Orrieto benutzt und noch zugefügt: Item distriboator pro
alia ciTitate.
542 OttenthaL
in das Register eingetragen werden? 1. Erühestens nach Abfassung und
Oorrectur der Minute im Coneeptsbureau vor Ablieferung derselben an
das Amt der Schreiber — Begistrirung nach Gonoept, wie sie z. B. Ficker
U. L. 2, 38 für das Register Friedrich II. annimmt. 2. Das Goneept wurde
dann mundirt, die Reinschrift durch Schreiber durchgesehen und taxirt;
darauf konnte entweder das Goneept oder das Original zur Eintragung
an das Register kommen. 3. Von der Kanzlei der Scriptores kommt
die Rei^xschrifb je nach der Expeditionsart zur Ueberprüfiing an die
Abbreyiatoren zurück oder an die Secretäre und konnte nach erfolgter
Revision in diesen Bureaux registrirt werden, oder 4. die Eintn^ung
erfolgte erst nach der Besiegelung und Beyision der Taxen in der
Bullaria — in beiden Fällen Begistrirung nach dem Original
5. Nachdem durch die Yergleichung des Conceptes mit der BeinsehriA;
im Beyisionsbureau die üebereinstimmung beider constatirt war, konnte
das Original den letzten Phasen der Beurkundung zugeführt, das Gon-
eept dagegen an die Begistratur geschickt und dort copirt werden —
Begistrirung nach Gonoept, wie sie namentlich Lindner für Karl IV.
und seine Nachfolger im Auge hat Die Begistercopie enthalt also
den Wortlaut des corrigirten Conceptes schlechtweg (I. 2. 5.) oder den
des unvollständigen Originals, wie es aus der Kanzlei der Scriptores
kam, nur mit der Unterschrift des Schreibers und den Taxen (2.),
oder wie es aus dem üeberprüfungsbureau hervorgieng, also auch mit
Unterschrift der Abbreviatoren respective des Secretars (3.), oder den
des ganz vollendeten, vollständigen Originals, also auch mit Vermerk
der Expedition aus dem Siegelamt (4.). Für die sub 2 und 5 statuirten
Fälle ist noch theoretisch der Möglichkeit zu gedenken, dass man die
betreffenden Kanzleinotizen auf dem Goncepte nachgetragen habe, oder
auch dass das inzwischen fertiggestellte Original gleichfalls noch an
das Register kam, um die nach dem Goneept gemachte Gopie damit
zu vergleichen, so dass also die Bevision sich auf eine andere Vorlage
bezieht als die ursprüngliche Eintragung, letzteres kann natürlich auch
bei dem sub 1 statuirten Fall zutreffen.
Am positivsten lässt sich, womit ich daher beginne, der Beweis
für Benützung des vollständigen Originals erbringen. Eine derartige
Begistrirung liegt wol auch in der Natur der Sache begründet bei
allen Verleihungen von Gnaden und Bechten. Nur wenn die Begister-
copie mit dem expedirten Original constatirter Weise gleichlautend war,
hatte die Curie die Gontrole gegen Fälschungen, den autentischen Text
bei allen sich erhebenden Zweifeln und Streitigkeiten in Händen.
Eine Urkunde muss nach vollständigem Original registrirt sein,
wenn die ursprüngliche Eintiagung des Begisterschreibers (im Gegensatz
Die Bullenregister Martin V. und Engen IV. 54S
zu Nachtragen durcb den Collationator) alle Kanzlei anterschriften und
Zasatze^ welche dem Original bis zur letzten Phase der Beorkundang
(Besieglimg, ünterfertigung durch Papst and Gardinäle) zugefügt
werden, umfiEtssi Oegen diesen Satz liesse sich höchstens einwerfen,
es könnten alle diese Zusätze im Concept nachgetragen worden
sein^). Der Zeitpunkt der Kegistrirung und der umfang der Ein-
tragung bliebe da allerdings der gleiche, aber die vorhandenen Con-
cepte geben keinen Anhaltspunkt fQr solche Praxis, andere Umstände
sprechen direct dagegen: die Nachahmung der äussern Merkmale des
Originals, der verlängerten Schrift, der Sperrungen in der Datirungs-
zeile, ganz besonders aber die Imitation der autographen Unterschriften
der Eanzleibeamten, welche ja in jedem Stücke andere sind'). Ferner
erwähnen zahhreiche Bemerkungen sowol des Begisterschreibers als
des CoUationators das Vorliegen des Originals. Ml f. 39 und E 8
f. 89 macht der Collationator die Bemerkung Ita in originali; andere
sprechen von der Bückgabe des Originals an die Kammer oder die
ParteL Auch Mandate an die Begißtratoren in den Beg. div. cameraL
sprechen das klar aus, so befiehlt der Vicekämmerer Kegistratoribus
bnllarum apostolicarum . . . certas bullas . . . penes tos arre-
statas . . . tradi libere ÜEtciatis, und ein andermal befiehlt er Taxa-
toribus litterarum apostolicarum, ut bullas.., in bullaria d. pape
existentes ... ad registrum transmittatis« ut moris est^).
Begistnrung nach ergänztem Concept ist also abzulehnen.
In den letztgenannten Belegen ist auch auf das bündigste aus-
geeprochen, dass die Begistrirung der letete Act der Beurkundung sei.
So heisst es auch in den Begeln Martin V., ein Lector solle in der
Bullaria auf die Plica der Beinschrift Datum vermerken et deinde
in registro . . . scribatur modo consimili. Et huiusmodi
literae de registro tradantur parti^). Also durch die Begi-
stratoren erfolgt dann auch die Aushändigung an die ParteL
Was da amtlich als Begel au^estellt wurd, trifft auch in der
That bei der überaus grossen Mehrzahl der Stücke in allen Kammer-
') So Lindners Annahme betreffii der Diplome Karl IV. Urkundenlehre 162.
*) YgL 8. 5S2 ff. — Freie Erfindung dnrch den im Stilos cancellariae bewanderten
BegistexBchreiber, wie Kalienbronner R. St. I. Mitth. 5, 283 bei ilhnliehen Vor*
kommnissen des 1». Jahrh. annimmt, ist hier aasgesohloweD. *) D. C. 5 f. 19',
D. C. 7 f. 39. *) Vgl. S. 459 Anm. 5. Als Schlussstein der Beurkundung er-
scheint die Kegistrirung auch in den Regeln Bonifaz IX. n® 49 : Ordinayit dominus
noster . . . quod decetero huiusmodi impetrautes . . . teneantur infra annum
ezpedire litteras suas totaliter, videlicet super benefidis usque ad registrum in-
dnare, prelati vero teaeantur eas faoere portari infra dictum terminnin ad the-
saurariam, ut moris est (ygl. S. -iSG).
544 Ottenthal.
und auch in mehreren Eanzlei- und Secretarregistem (M 11, E 22 — 24)
zu, d. h. die Kanzleinotizen sind regelmässig und vom Begisterschreiber
selbst eingetragen. Dieses durch Autopsie gewonnene Besultat laset
sich nur au den Registern selbst nachprüfen, ich kann höchstens noch
einige besonders hervorstechende Einzelheiten erwähnen. Der verhaltniss-
mässig seltene Expeditionsvermerk des Taxators ist E 7 f. 132' ganz
sicher vom Begisterschreiber gleichzeitig mit dem übrigen eingetragen.
Ebenso sind die in Folge der Wahlcapitulation Eugen lY.^) üblich
gewordenen Cardinalsuntel^chriften bei Ernennung höherer Kirchen-
Staatsbeamter häufig direct und ursprünglich vom Begisterschreiber
copirt (E 1 f. 5, 6', 26', 27, 33, E 4 f . 10, 120, 156', 157', 212 u. s. w.).
Wenn die gebräuchliche Art Litterae executoriae nur mit wenigen
Worten im Anschluss an die Bi41a principalis einzutreten, auf Begi-
strirung nach Concept schliessen lassen könnte, so weisen auf das
Oegentheil nicht nur jene Fälle hin, in denen beide getrennt ein-
getragen sind'), sondern auch bei der gewöhnlichen Begistrirung, dass
die Angabe der Kanzleinotizen für beide gemeinsam, manchmal (be*
sonders bei der Taxe) auch für die Executorie getrennt erfolgt
Bei der grossen Zahl der registrirten Urkunden sind auch der
Ausnahmen viele, in denen die Bulle nicht vollständig vom Begister-
schreiber eingetragen wurde. Eine Glasse derselben besteht darin, dass
manche Kanzleinotizen fehlen oder durch den Collationator nachgetragen
sind. Am seltensten ist das mit der Unterschrift des Ingrossators und
dem Vermerk De curia oder Oratis der Fall, öfters bei der Angabe der
Taxe mit den zugehörigen Unterschriften, bei dem Namen des Seere-
tärs und des expedirenden Taxators in der Bullaria. Also die späteni
Unterschrifl;en der Originale fehlen öfter. Um das aber vollständig
zu würdigen, muss ich nochmals an die locale Stellung dieser Vermerke
erinnern: der Name des Beinschreibers, sowie De curia oder Gratis
stehen auf der Aussenseite der Flica, die andern Angaben auf der
Innenseite durch den Umschlag verdeckt, so dass man, um dieselben
bei besiegeltem Original copiren zu können, erst vorsichtig die Falte
öffnen musste, durch welche ja die Siegelschnüre durchgezogen sind.
Ich will sagen, dass durch Nachlässigkeit und Versehen des Begister»
Schreibers viele solche Unregelmässigkeiten entstehen konnten. Nur
so erklärt es sich, dass oft die einer früheren Beurkundungsphase
entsprechenden Kanzleinotizen fehlen oder vom Collationator nach-
getragen sind, während spätere noch von der Hand des Begister-
A) Baynald Ann, 1481 § 7. >) Etwa £ 8 f. SO mit dem Vermerk £xecatoria
huius bulle registrata est in 1. VIIl. de curia f. 265. Vgl. 8. 529.
Die Boüenreguter Martin Y. imd fingen IV. 545
sdureiben herrflhreiL M 1 f. 9 fehlt der Name des Beinschrelbers,
indeae De caria and Secretar Tom Begisterschreiber copirt sind. Die
beiden letztern Notizen gab man damals im Begister an den Band zu
AnfEuag, den Schreibemamen zu Füssen der Bolle; der Begisterschreiber
Tergass also offenbar nur den letsteren Namen za copiren, denn im
Original steht er mit De curia zusammen, beide werden in der Kanzlei
der Scriptores gleichzeitig eingetragen. £s kann also auch nur Nach-
lässigkeit des B^psterschreibers sein, wenn De curia oder Gratis allein
ansgekssen wurde, wie M 2 f. 28', 25, 44, 47, E 13 f. 267' etc, oder
wenn De curia und Name des Secretars Tom Collationator zugefügt
eind, wie E 8 f. 186. Gar nicht selten ist der Secretar vom Begister*
Schreiber eingetragen, während die im Original früher verzeichnete
Taxe der Beinschrift fehlt, wie M 5 f. 108', M 9 £ 8, E 12 f. 53 u. s. w^
oder Tom Collationator nachgetragen ist, wie Ell f. 9, 16, 28 etc,
E 12 f. 59, 63, £ 13 £ 261', 27(5' etc., E 15 £ 5, 10 eta; E 12 £ 53 ist
sogar der Secretar allein vom Begisterschreiber eingetragen, während
Name des Ingrossisten und Taxe fehlen. Der Monatsname neben der
Taxe ist in den Originalen von gleicher Tinte wie letztere, im Begister
findet sich wol auch dieser allein vom Collationator nachgetragen
(£ 11 £ 47', E 12 £ 117, 121). M 10 enthält nie Unterschriften von
Schreibern oder Abbreviatoren, dagegen ausser Taxe oft Expeditions-
Termerk dee Taxator in bullaria, so dass also mindestens Collation
nach vollständigem Original anzunehmen ist
Das Fehlen einzelner Kanzleinotizen oder deren Nachtragung
durch den Collationator kann somit blos dann auf Begistrirung nach
unvollendetem Original zurückgehen, wenn der Defect blos die spatern
Eanzleivermerke trifft, ist aber allein dafür noch nicht beweisend, da
es ebenso, wie oben gezeigt, durch Nachlässigkeit entstanden sein
kann. Anders verhält es sich schon, wenn im Begister Theile der
Bulle fortgelassen sind und Baum für den Nachtrag ausgespart ist
Vorzugsweise kommt das bei der Datirung in Betracht Wir wissen,
dass schon in Originalen unfeierlicher Litterae des 12. Jahrh. solche
Nachtragung statt hatte ^); bei umfassenderer Eenntniss solcher Fälle
aus dem 15. Jahrh. würde sich vielleicht constatiren lassen, in welcher
Phase der Beurkundung die Nachtragung vorkam, ich kann nur sagen,
dass sie wie andere Gorrecturen der Beinschrift durch den Ingrossator
des betreffenden Stückes geschah >). Häufiger fand ich den Fall in
*) Diekamp in Mitth. 8, 5SS; 4, 505. >) Ich fimd nur zwei Beispiele, eine
Ezemption von der Geiichtsbarkeit der Ordinarien 1420 Juh 15 und einen Abiaas-
brief von 1444 Nov. 12 (beide Florenz, fond S. Maria Novella und Montepuldaao),
KitUMilnngeD, XrfiiiiiiiiitlkL h S6
546 OttentliaL
den Registern. Man ersieht, dass die genaueren Angaben im Origtnial
oft erat nach der Taxirang und Signirang durch den Secretar ergänzt
wurden, in einer Reihe von Fällen hat der Registerschreiber alle diese
Notizen eingetragen, während die Zuf&gnng der Tages^ oder in der
Nähe des Epochentages auch der Jahresdaten durch den CoUationator
geschieht oder auch ganz unterbleibt (E 1 f. 8'; E 12 f. 76, 113';
E 15 f. 1; E 18a f. 22; E 22 f. 45, 64^66 etc.). Da ftUt die Er^
gänzung des unroUständigen Originals auf einen der spätesten Momente
der Beurkundung, ob sie, respecti^e die Registrirung, vor oder nach
der Besiegelung anzunehmen sei, ist in der Regel nicht zu entscheiden >).
Es ist schon im vorigen Paragraph angedeutet, dass der Name des
Secretärs oft andere Tinte als die übrige Bulle zeigt Bleibt dann
zweifelhaft, wer ihn eingetragen hat, so ist in solchen Fällen, oder
falls die Secretärsunterschrift ganz fehlt, auch nicht festzustellen, ob
die Registrirung mit unvollständiger Datirung vor oder nach diesen
Zeitpunkt fällt (E 21 f. 128, 133; E 24 f. 12 u. s. w.). Dass der Name
des Secretärs erst zusammen mit dem Tagesdatum eingetragen wurde,
glaube ich E 15 f. 245 sicher behaupten zu dürfen. Eine Nachtragung
der Daten zusammen mit Taxe oder Name des Schreibers fand ich nie,
sie ist darch die ganze Sachlage ausgeschlossen, dagegen wird aber
Registrirung vor der Revision durch den Secretar vorgekonunen sein.
Fehlen im Register auch die Jahre oder die ganze Datirung, so hat
da auch Nachlässigkeit eingewirkt, z. B. bei einer Reihe von Facnltates
fiir den B. v. Olmütz M 4 f . 193—198 hat die erste nur die Datirung
Rome ap. s. apostolos, während die andern auch die Zeitangaben be-
sitzen. Wol deswegen ist Mangel der ganzen Datirungszeile seltener
verbessert worden. Der Schreiber mag aber auch solchen Ausweg
gewählt haben, wenn etwa auch die Jahresdaten noch nicht feststanden,
da Datirungen öfter mit MGOCC . . . enden. Nachdem aber in solchen
Fällen doch einzelne E[anzleinotizen vom Registerschreiber eingetragen
sind (E 13 f. 119', E 17 f. 294', E 21 f. 13', E 22 £ 71, B 24 £ 12
u. s. w.), handelt es sich wiederum nur um Registrirung nach unvoll-
im erstereo Tag und Pontificatsjahr, im zweiten nnr Tag je vom gleichen Schieiber
nachgetragen.
I) YgL was S. 469 über den Zeitpunkt der Signimng durch den Secret&r
gesagt ist. — Dass das nachgetragene Datum wirklich später fällt als die oxitoU-
Btändige Registrirung der Bulle, glaube ich in folgendem Fall seigen zu kOnnen:
£ 12 ist nach der gleichzeitigen Aufschrift prima die m. octobr. begonnen, die
erste Bulle, sonst vom Registerschreiber yoUstAndig eingetragen, weist von anderer
Hand ergänztes Tagesdatum nonis octobr. auf; das Datum wurde also erst 7 Tage
nach der Registrirung festgestellt, es kann sich wol nur auf die Pnbiidnmg be*
ziehen (N. dedaratur echismattous).
Die BnUenregister Martin V. und Engen IV. 547
ständigem Original^ nicht nach Conoept Das betrifft zum Theil auch
BtUe, die man auf den ersten Blick wol anders deuten möchte:
E 17 b £ 294 — 295 stehen drei Bullen verschiedenen Inhaltes, alle mit
iNuBi etc.* endend, wie das beim Concept, aber natürlich nie bei der
Beinechrift vorkam; das zweite Stück aber nennt den Beinschreiber,
wir haben es also wieder nur mit willkürlicher Kürzung des Originals
sn thnn.
Schliesslich möge noch ein Moment für Begistrirung nach Original
im allgemeinen, nämlich der Begistraturvermerk auf den Origi-
nalen, besprochen werden. Im 18. Jahrh. und unter den avignonesi-
schen I%peten (wenigstens unter Clemens V. und Johann XXIL)
enihSlt er ausser dem Bta. die laufende Nummer des Stückes im
Register, die Eintragung erfblgte also vor der Aushändigung der
Gross» an die Partei, das Original kam in die Registratur, um dort
signixt zu werden. Mit Becht folgerte Diekamp*) daraus, dass miin
auch die Registercopie nach dem Original fertigte (resp. damit ver-
glich). Da die B^^ter des 14. Jahrh. nach Pontificatsjahren geordnet
sind, ist so jede Bulle mit Leichtigkeit aufeufinden. Der Gebrauch des
15. Jahrh. bezeichnet dagegen einen entschiedenen Bückschritt, indem
weder Nummer noch Folio noch Band angegeben ist, ein Fortschritt
liegt wieder in der Andeutung der Begisterserie oder des verantwort-
lichen Begistrators. Ersteres stets bei den Kammerregistern, bei
welchen der Vermerk in tergo lautet: Bta. in camera apostolica; in
der Höhlung des B manchmal noch eine Sigle für den Namen des
Begistrators, die beim Begistraturvermerk des Eanzleiregisters (einfach
Bta.) Begel ist, während bei den Secretärregistern der Begistrator
seinen Namen voll auszuschreiben pflegt Die Namen und deren
Stglen') sind durchwegs autograph; da in den Kammer- und Kanzlei-
registem vielGach mehrere Collationatoren nebeneinander thätig waren,
h&tte sich gar nicht ?on vorneherein sagen lassen, welcher Begistrator
das bezügliche Stück revidiren würde, die Sigle konnte also erst nach
wirklich erfolgter Begistrirung in das Original eingetragen werden
(S. 505). Nur bei den Secretärregistern ist auch eine andere Deutung mög-
lich, worauf ich noch zurückkomme. Davon al^esehen müssen also alle
Bullen, welche einen Begistraturvermerk mit autographen Namen des
Begistrators haben, durch die Begistratur gelaufen sein, es gelten
folglich auch bezüglich der Eintragung in das Begister die oben ge-
zogenen Schlüsse. Lautet der Vermerk nur Begistrata ohne eigenhändigen
Zusatz des Begisterbeamten, so spricht der Wortlaut zwar eben£Eklls für
I) Vgl. 8. oZS Anm. 8. *) Natflrlich der &ctisehen Begistratoren, s. 8. 480.
86*
548 Ottetitlial.
Begistrirung vor Auslieferung der Orossa an die Partei, dooli kann
da oder wenn der Begistraturvermerk ganz fehlt, ähnlich wie in
andern Kanzleien auch eine laxere Praxis eingerissen und nach dem
Goncept registrirt sein, muss es aber nicht, indem Nachlässigkeit, ab-
weichender Gebrauch bei mehrfacher Ausfertigung u. dgL genügende
Erklärung bieten kann.
Wir sind da auf ein argumentum ex silentio für Begistrirung
nach Concept angewiesen, wie mehrfach in dieser Frage; einen
directen Beweis solcher Eintragung aus der Gestaltung des Textes,
aus Znsatzen oder Auslassungen, welche sich nur dadurch erklären,
bin ich nicht oder nur unvollständig zu erbringen im Stande; über
eine Wahrscheinlichkeit ist häufig nicht hinauszukommen. Bei Begi-
strirung nach Goncept sind wieder vorzugsweise zwei Möglichkeiten
ins Auge zu fiussen: entweder man behielt die Minuten zurück und
trug dann eine grössere Zahl auf einmal, etwa schon nach gewissen
Gesichtspunkten geordnet, ein oder die Abschriften wurden sofort bei
Expedition der einzelnen Stücke gemacht. Ersteres ist ohne Frage
viel leichter zu erkennen, die Gleichmässigkeit der Eintragung, die
chronologische Beihenfolge iL s. w. wird bald und sicher auf diesen
Schluss führen; der zweite Fall dagegen, der schon wegen des Schrift-
und Tintenwechsels bei unsern Begistem allein in Betracht kommt,
hat schon mehr mit der Begistrirung nach den Originalen ganein.
Eine Beihe von Momenten, bei denen man zuerst an B^istrirung
nach dem Goncept denken möchte und auch gedacht hat, beweisen
isolirt auftretend noch gar nichts: Vorkommen bedeutend älterer
oder auch jüngerer Stücke, unyollständige Eintragung wegen vorzu-
nehmender Gorrecturen, vielSeKihe und sachliche Aenderungen in den
Begistercopien, Fehlen oder Nachtragung der Datirung oder der
Eianzleinotizen, Bemerkungen wie non expedita, cassata, distaxata,
erklären sich auch anderweitig. So ist fllr vereinzelte Stücke, nament-
lich bei nicht sehr sorgföltig geführten Bänden, Eintragung nadi
Goncept schwer zu erweisen.
Finden sich aber im Gegensatz zu kanzleigemässem Gebrauch
längere Beihen von Briefen ohne Eanzleiunterschriften, ohne Datirung,
so wird das wahrscheinlich machen, dass die fehlenden Theile bei der
Begistrirung noch nicht vorhanden waren, also dem Begisterschreiber
nur das Goncept vorlag. Die Yermuthung gewinnt, wenn wir beide
Haltpunkte vereint finden wie bei E 20, wo nur einmal Kanzleinotizen
eingetragen sind (f. 308), die Datirung sehr oft fehlt oder blos an-
gedeutet ist.
Diese doppelte ünvoUständigkeit tritt nun ganz besonders bei
Die Bnllenreg^ster Martin V. nnd Engen IV. 549
Bieven und geschloBsenen Briefen (L. claiuae, secretae) herror, bei
denen BegiBtrirang nach der Bullirong wegen Verwendung des Ver-
achlusBsiegelB ausgeschlossen ist. Aber auch die Eansleinotizen der-
selben, Unterschrift des Secretars bei den erstem, des Beinschreibers
nnd manchmal auch des Secretars bei letztem, fehlen stets in den
BegisAem, ebenso auch oft die Datinmg, wie von E 20 gesagt wurde;
oder es heisst nur Dat. currens =^ zur Zeit der Beinschrift laufendes
Datum, wie Poggius auch auf dem früher besprochenen Brevenconcept
oorrigirte. Begistratunrermerk fehlt beiden Brie%attungen durchwegs.
Sie durften also nach dem Goncept registrirt worden sein. Hier ist
nun nochmals daran zu erinnern, dass die Concepte ähnlicher Briefe
des 14. Jahrh. den Vermerk Begistretur oder, wenn Werunsky Becht
haben sollte, sogar Begistrata tragen, was nur bedeuten kann, dass
nach den Minuten registrirt wurde, wie es einmal in einem Secret-
rqpster heisst: CoUatio huius quatemi iacta est cum minutis^).
Bei den Secretarregistem konnte dieselbe überhaupt eher vor-
kommen, da die Minuten theilweiae von den Secretaren herrührten
und jedenEsdls behufii üeberprüfung der Originale in demselben Bureau
verblieben, in dem diese Begister geführt wurden. Das h&ufige Fehlen
der Kanzleinotizen, die geringere Ordnung in den Secretarregistem
stünde damit in Einklang. Da mag es auch vorgekommen sein, dass
der Secretar schon bei der Signimng unter der Plica auch den Ver-
merk Bta. per me N. secretarium auf den Bücken setzte, ohne Bück-
sieht darauf ob das Stück überhaupt und ob es nach dem Original
registrirt wurde*).
Namenilich die Begister Poggios M 12 und E 16 konnten auf
Goneepten basiren, aber auf fortlaufend eingetragenen, denn Zug und
Tinte wechseln oft und P. hat fast jedes Stück separat collationirt
Der Begisterschreiber hat nämlich gar keine Eanzleinotizen auf-
genommen, für die Datirung oder doch für die genaueren Zeitmerkmale
ist öfter leerer Baum gelassen, mehrfiEUsh sind ganz irrige Zahlen
eingetragen*). Aber Poggio händigte nach seinen Notizen die Originale
') VgL Wercmsky 1. c. 154, aeine gegentheilige Mmnniig S. 146 scheint mir
onbegrtlndet. >) Daf&r ■piftdie wenigstens der Vergleich mit dem Qebrauch
anderer Kanzleien, s. fllr die deateche Reidukanalei dee 14. nnd 16. Jahrh. lindner
Urkundenlelure 107, Zimerman in Mittheilnngen 8, 119. *) FQr Eintragong
nach Gonoept scheint die Datimng f. 6t spedelle Anhaltspnnkte bu bieten: Dat.
Borne apod s. Petitim a. d. MCOCX}XXX tertio, III. non. apr., a. pont. tertio,
Poggio oorrigirte die Ortsangabe in b. Crisogonam, beide tertio der Jahresmerk-
male in IV. Um eine zweite Ausfertigung mit geänderter Datimng kann es sich
bei der Gorrectnr nicht handeln, da schon von f. 60 an die Briefe des FV. Ponti-
550 Ottentbai.
selbst aas, er revidirt aucli die Begistereintrage damit, denn er gibt die
Taxen der Beinsehriften (die am ehesten auch aaf den Goneepten Ter«
zeichnet werden mochten) auch einigemal in der den Originalen
eigenen Weise, erwähnt mehrmals den Expeditionsvermerk des Taxator
in bullaria (f. 52, 431, 493) und die Signirung durch den Secretar
(f. 320 ego signavi, f. 454' Expedita per B. Boverella cum clausa [offen-
bar clausula] corrige in registro). Es wäre also an Eintragung nach
Concept und Bevision nach Original zu denken.
Auch die Bände des A. de Florentia E 17 und 18 enthalten mehr*
hxih Breven uud die Angabe Dat. currens, E 17 f. 123 heisst es sogar
Dai ponatur currens, was sicher nur durch Vorli^e des Gonceptes er*
klärlich ist; auch bei Bullen fehlen häufig die Eanzleinotizen. Sind
aber dann doch wieder Schreiber oder Secretar oder auch beide ge-
nannt, so zeigt das, dass Begistrirung nach Concept auch hier nicht
als einzige oder gewöhnliche Methode galt Die verschiedenen Momente,
die beim ersten Begisterband des Biondo E 20 auf Eintragung nach
dem Concept hinweisen, sind schon erwähnt, in E 21 dagegen ist
ziemlich oft der Name des Ingrossators, und zwar durch den Begister-
Schreiber genannt Endlich in den Bistern des B. Boverella B 22
bis 24 sind anfangs regelmässig und auch in den spatem Partien
noch oft genug alle Eanzleinotizen durch den Begisterschreiber bei-
gefttgt
So wenig also fQr die in den Secretärregistem eingetragenen
litterae patentes Begistrirung nach Concept ausschliessliche Begel
genannt werden könnte, ebenso wenig möchte ich bezweifeln, dass
ausnahmsweise ein solcher Vorgang auch in andern Begisterserien
beliebt wurde. Sind z. B. M 8 f. 236 die Varianten einer zweiten Aus-
fertigung mit dem Beisatz «Correcta de min.' angegeben, so heisst
das wol: corrigirt nach der Minute, ähnlich wie E 20 f. 201 wie BoUe
auch in den Daten corrigirt und zum Incarnationsjahr vermerkt wird:
intende si sexto vel septimo, was wieder auf ein unvollständig datirtes
Concept hindeutet^).
ficatBJabres laufen und weil daa Tagefidatum nicht geändert wurde ; ich kann mir
nur denken, dass der Begisterschreiber ein blos mit Tag yersehenes Copcept vor
eich hatte, wie das 8. 641 besprochene und nun die andern Angaben &lflck
combinirte.
1) E 10 f. 240' ist einer Bulle beigefügt: Correct Sumptum de mandato
d. n. pape et promisit prodnoere infra sex menses buUas originales ad conigen-
dum. Bas verstehe ich so : der Brief wurde hinterdrein reformirt. die Aendeningen
ins Register eingetragen, dem Destinatar eine beglaubigte Abeohrifb davon (Sump-
tum) gegeben, bis auch die Originale oonigirt werden; da konnte die Correofear
im Regiater wol nur nach einer Oedula (also Concept) gemacht werden.
Die BaüeiuregiBier Martin ¥. und Eugen IV. 551
Wie Binizagoiig nach Goneept und nach Original in der That
nebeneinander hergieng, zeigen noch etwas spätere Belege. In den
BefonnTorschlagen aus der Zeit Alexander VL im Cod. Yai 3883 heisst
^ £ 66: Incipiam ad r^istra boUaram et supplicationum tamquam
deppendentia a cancellaria et primo ad registrum bullarum, nam anti-
quitos buUe consueyerunt registrari in dicto r^stro et non minnte,
at hodie sepius registrantur minute et non bulle . . . Die gleiche
Warnung erlasst auch Leo X. in der BeformbuUe „Pastoralis officii'
Tom Jahre 1513 B. K 5, 587 § 26 an die Scriptores registri bullarum
. . . non autem super minutis sed super buUis originalibus registrent
8ub poena in eisdem (Sixti lY.) oonstitutionibns explicata. — Begi-
strirung nach Original ist Gesetz, Eintragung nach Goneept tief ein-
gewurzelter Missbrauch.
Ich &88e das Resultat nochmals zusammen: Begistrirung nach
f ollstandigem Original ist erweisliche Begel f&r die Kammer- und flir
einen Theil der Kanzlei- und Secretarregister, findet sich auch in den
flbzigen Begistem mindestens in Sinzelfillen verwendet. Begistrirung
nach unvollendetem Original lauft als Ausnahme überall nebenher.
Begistrirung nach Goneept ist Begel f&r Breven und Litterae elausae,
wird in grösserem Umfang wol auch sonst in den Seoretarr^stem
verwendet, jedoch viel£Etch verbunden mit Bevision an Hand des Origi-
nals; findet sich ausnahmsweise in allen Begisterarten.
§ 12. Die chronologische Heihenfolge der Bintragongen.
In den meisten unserer Begister laufen die Actenstücke ohne jede
äussere Unterbrechung bis an das Ende des Bandes fort. Um die
Beihenfolge der Daten in den einzelnen Banden würdigen zu können^
ist zweierlei zu beachten: die Beihenfolge, in welcher die Bullen an
die Begistratur abgeliefert wurden, und zweitens die Ordnung, in
welcher die eingelaufenen in das Begister eingetragen wurden.
Für ersteres ist es ganz wesentlich, die Bedeutung des Datums
zu erkennen. Die Beziehung der Datirung auf die Aushändigung wie
in den feierUchen Bullen der altem Zeit (Datum per manus) hat ganz
aufgehört^). Data, wie auch in dieser Zeit immer geschrieben wird,
bezieht sich stets auf einen früher liegenden Zeitpunkt; da kommt
zuerst jener Moment in Betracht, in welchem sich der Papst persön-
lich mit der zu beurkundenden Angelegenheit beschäftigt. Bei der
*) Auch di£ feierlich ausgestattete, vom Papst und von den Oardinälen ui^ter-
scbiiebene Balle tiber die Yereinigang der griechischen Kirche mit der rOi/ifischen
vom 6. Juli 14 SO (Florenz, iond S. Francesco di Fiesole) hat die gewöhnliche Da-
tirungaformeL
552 OttenthaL
grossen Menge von Gnadenerweisungen aller Art nnd bei den Ter-
schiedenen Bechtsbriefen geschieht das nur beim Vortrag, den der
Beferendar dem Papst über die Supplik des Oesuchstellers erstattet
Im günstigen Fall wird die Bittschrift dann vom Papst unterfertigt,
die weitere Erledigung ist in der Begel Sache der ExpeditionsbehSrden.
Ein eigener Beamter hatte schon damals die Aufgabe, auf den Suppliken
den Tag der Bewilligung durch den Papst zu yerzeichnen, er f&hrt
danach den Titel Datarius und das Bureau, das sich allmahlig f&r die
Behandlung der Gnadensachen entwickelte, hiess Dataria (s. S. 448).
Diese Function ist so wichtig, weil der Zeitpunkt der Signirung der
für die Bechtskraft der Bewilligung massgebende ist^). Daraus folgt
nun ganz nothwendig, dass dieses Datum auch f&r die littera selbst,
die über diese Sache ausgefertigt wird, bestimmend sei, wie das schon
in den Eanzleiregeln Benedict Xu. ausgesprochen ist'). Nicht anders
ist es bei minder wichtigen Fällen, deren Erledigung siftudig don
Yicekanzler übertragen ist; als unterschied wird da stets nur betont,
dass er die Bewilligung der Petition durch «Goncessum*, nicht durch
«Fiat* ausdrückt
Wichtige Angelegenheiten, bei denen der Papst den Bath od«r
Consens der Gardinäle einholen wollte, werden in den Consistorien er-
ledigt^), dahin gehören auch die Verleihungen consistorialer Pfründen.
An Stelle der zustimmenden Signirung der Supplik tritt hier die
mündliche Willensäusserung des Papstes, deren Inhalt und Zeitpunkt
durch die Gedulae consistoriales den Expeditionsbehorden übermittelt
wird. Für die Consistorialproyisionen mindestens ist jedenfalls nach
Analogie der übrigen Gnadenbriefe diese Handlung als Zeitpunkt der
Datirung zu betrachten. Bei andern consistorial erledigten 6^^-
*) So heisat es etwa in den Eanzleiregeln ürban Y. n® 27 : Item oidinarit
. . . qiiod fii . . . ille cui de prebenda huiusmodi provisum fuerit, • • . tempore
date sQpplicationis per ipsum dominum nostrum super hoc signate non dt etatu
legitime, . . . provisio . . . viribus non subsistat; in der 88. Regel Eugen IV.
wird in Streitigkeiten über kirchliche Benefiden ein Termin bestimmt: infina
annum a die date oommissionls desnper signate. — Vgl Bangen ROm. Carie 408 f.
*) N<i 4 Item mandavit aervari qnod data in fine rotulorum habentinm md (?)
plures petitiones signatas apposita. ponatur in litteris omnium gratiaram in
eisdem rotulis contentarum, ezoeptis gratiis habentibus dataa aliquas Bpeciales in
quibus apponitur data illa sibi contigna et propinqua dam^axat^ in aliis reto
precedentibutf et sequentibus, ut premissam est, data communis alia apponator.
Also das Datum, das am Ende dieses Bitt^chritten-Bodels steht^ gilt ftlr die Aus-
fertigungen sftmmtlicher Verleihungen, wenn nicht bei einzelnen noch spedeUes
Datum dazugeschrieben ist VgL auch Begel Martin V. in v. d. Haxdt 0>ii&
Con0t.. 1, 976. *) Cohelius Not. Cardinal. 4S, Bangen BOm. Curie 77 £
Die Bnllenregister Martin V. und Engen lY. 553
itinden wird es sich fragen^ ob das Consistorium den Gharsktar der
BerBthimg oder feierlicher Publicirang einer Entschliessung trog. Im
letstem Fall wird yom Tag des Gonsisiorinnis datirt, mochten die
Ballen n. b. w. schon firüher vorbereitet sein, so dass sich das Datum
eben&lls auf die Handlang, die aber spater als die Beurkundung fallt,
besiehti).
Ich bin von den Verleihungen im weitesten Sinn (litterae gratiam
▼el iustitiam continentes) ausgegangen, weil deren geschäfUiche Be*
handlang aus praktischen Gründen von jeher grössere Beachtung
gefanden hat, uns daher naher bekannt isi Etwas anders yerhüt es sich
bm der gewöhnlichen Erledigung jener Yerwaltungs- und Begierungs-
aete, welche der Initiative des Papstes und der Vorsteher der obersten
earialen Aemter entspringen. Soweit da der Papst davon persönlich
Kenntniss nimmt, spielt der an den vortragenden Beamten oder un-
mittelbar durch einen Gubicularius an die Ezpeditionsbehörden er-
lassene viel&ch nur mündliche Beurkundungsbefehl (de mandato d. n.
pape vive vods oraculo mihi hcbo) eine grosse Bolle. In wichtigem
Angelegenheiten war dem Papst das Goncept vorzulegen, dann wird
deat Zeitpunkt der Genehmigung desselben, eventuell der Beinschrift,
(Fertignngsbefehl) fbr die Datirung massgebend gewesen sein. Je
mehr es sich aber um currente Actenstücke, PSsse, Quittungen, Be-
commandationsschreiben tmd ahnl. dreht, um so mehr verschmilzt die
Handlang mit dem Beurkundungsbefehl; je formloser der mündliche
Auftrag dazu war, desto weniger wird man auf die genaue Wiedergabe
dieses Zeitpunktes Gewicht gelegt haben. Im Gegensatz zu den
Gnaden- und Bechtsbriefen begann der Werth solcher Erlasse fbr den
Desftinatär erst im Momente ihrer Aushändigung, ein Pass z. B.
hatte meist nur eine vom Datirungstag an gerechnete Giltigkeit auf
bestimmte Zeit (presentibus post in (VI,VIII) menses a data presentium
minime valituris). Man wird daher in solchen VSIlen die data currens,
den Tag der Beinschrift eingetragen haben').
Auch sonst wurde nicht immer streng der Zeitpunkt der Hand-
lang festgehalten, von amtswegen ausgesprochen ist das in der
78. Begel Eugen IV.: Voluit quod super petitionibus . . . signatis et^
non datatis expediantur littere sub data diei qua ponuntur in can-
i) ISn einsdilftgiges Beispiel liefert die sehon oben angeeogene Bulle von
1489 Juli 6. Aus den GoncilaacieB wissen wir, dass das Beeret in Form einer
pftpstlichen Bolle in der 8itsnng vom 6. JuH verlesen und von beiden Parteien
nnterseliTiebeii wurde (Baynald Ann. 1489 § 7 und 8>. Die Bolle, die wirklich
das Datom dieses Tsges trftgt, moss wegen dieser ünterfertigungen schon mondirt
g^we^en sein. 1 Vgl. die RUle rascher Registrirang S. 560.
554 Ottenthal.
cellaria (zwischen Signirang und Ablieferung in die Eanslei erfo^
Eintxagung in das Supplikregister), nisi data sit petita vel yerisimiliter
posset constare ex supplicatione, quod d. n. yoluerit sub prima data
expediri. Es konnte also durch den Papst ein bestimmtes Datum für
die Reinschrift ausgesprochen werden^); als Regel aber eradieint auch
hier Datiruug nach der Signirung durch denselben.
Der Abstand zwischen Datirung und Reinschrift und somit, da
ja meist nach dem Original registrirt wurde, auch zwischen Datirung
und Registrirung ist ausserdem nicht weniger durch die verschiedenen
Gomi^icationen der Expedition bedingt Eine Littera in forma brevi
wurde über Auftrag des Papstes an den Secretär sofort von demselben
concipirt, mundirt, in dessen eigenes Register eingetragen, gesiegelt
£ 17 f. 16' steht ein Breve an die Florentiner vom 11. Juli 1431, das
die Antwort auf ein, wie das Register meldet, am gleichen Tage
empfangenes Schreiben der Stadt ist, es dürfte auch kaum später
registrirt sein, da die folgenden Briefe (Breven) vom 12. — 15. Juli
datirt sind*). Bei Qnadenbriefen dagegen muss das zu expedirende
Stück durch Supplikregister, Abbreviatur, Kanzlei der Scriptores, wieder
in die Abbreviatur zurück (respective in die Secretarie), durch die
Bullaria, eventuell auch durch die Audientia litterarum contradictarum
laufen und unterliegt in allen diesen Bureaux mehrfachen Amts-
handlungen').
Gesetzt auch es bestand f&r alle Bureaux die Yorsehrift, jedes
einlaufende Stück innerhalb dreier Tage zu expediren^) und es sei
diese Frist regelmässig eingehalten worden, so konnte dieser Zeitraum
noch durch andere Hindernisse sehr vergrössert werden. Ausserordent-
liche Ereignisse, wie Reisen der Päpste, oder kleine Verzögerungen«
wie durch die vielen Festtage, will ich gar nicht einbeziehen. Die
') Es werden ROckdatirungen zu Gunsten des Petenten gemeint sein. In
der 19. R^el Bonifaz IX. ist der Fall gesetzt, quod in aliqua supplicattone petaiui
data anterior (deren Bewilligung besonders erfolgen müsse, vgL auch Regel
Martin V. v d. Hardt 976) und in den Reformvorschirigen des Cod. Vat. S888 heisst
es f. 98 Datarius de antidatatione notatus officio suo intelligatur priTatus. Voraus:
daiiruDgen kann ich quellenmfissig nicht belegen, denn wenn es £ 17 f. S6 hei&st:
Die XVII. aiigusti ftiit registrata littera passus pro . . . sub data XVII^ kaL decembris
anno primo, beruht das . wol nur auf Verschreibung fQr septembris, da die vor-
ausgehenden und nachfolgenden Schreiben TOr die Kai. des September fallen,
s) Vgl. die bei Werunsky in Mitth. 6, 148 angeführten Beispiele schneller Erledi-
gung ¥on Secretbriefen. ') Vgl. S. 4C0. «) Für die Schreiber in ISugen«
Constituiion, Beil. n^ 4 § 29, ftir die Supiilikregister, später wenigstens, nach der
Const Iimocenz VIIL im Cod. Vat. 888S f. 70 ,£tsi de cuncfis*, für das Ballen-
xegister s. unten.
Die BuUenregister Ifartiii V. und Engen IV. 555
fliüBdiien Aete der Expedition mosstön doreh die Procuratoren der
Biktstelkr beiriebea wevdeiif Ton deren Eifer und gefBiltem Beutel
kieng die fiaachheit der Erledigung vielfach ab^). Auch sonst erfolgte
oft Tertogerung durch die Destinatare, so zwar dass in den Eanxlei-
regeln Termine aufgestellt werden mussten, innerhalb derer bei Strafe
der Annullirang die Expedition der Suppliken usque ad registrum zu
erfolgen hatte. Die älteste Verordnung von BoniÜEiz IX. bestimmt die
Frist eines Jahr««^. Dazu kommen die Klagen über die üntOchtig-
keit des Eanzleipersonales, die oftmals die Oassirung Yon Minuten und
Beinsehriften yeranlassten. Schon Martin gebot unter strengen Strafen,
die durch Schuld der Kanzleibeamten unbrauchbar gewordenen Bein-
sehriften in kfirzester Frist durch neue zu ersetzen >). Endlich konnten
sieh aneh wahrend der Ausfertigung noch Anstände ergeben, die eine
ZorflcUeitang der Sache an den Vicekanzler oder gar an den Papst
erfordurten^).
Bei Gnaden- und Bechtsbriefen, welche ja nach der Handlung
datirfc werden, ergpbt sich die Dauer der Beurkundung bis zur Ab-
lieferung der Orossa aus der Bullaria in die Begistratur durch den
ExpeditionBTermefk des Taxator litt, aj^ in bullaria (s. S. 459). Be-
eonders instrucÜT ist da M 10, das ausschliesslich ProYisionen und
Prorisionsmandate vom ersten Begierungsjahre Martin V. enthält; die
gzoese Mehrzahl derselben hat Daten zwischen VIL U. febr. und
HL non. febr^ f. 69 Tom XUL U. mart, einige Stocke feilen zwischen
15. Juni und 18. JuH Die hier fest stets rermerkten Expeditions-
dftten^) laufen Tom 16. April (£ 79, der Proyisionsbrief datirt yon
V. kL febr.) bis zum 2. August (£ 315, Brief yon IL kL febr.), und
syrar so, dass die meisten in den Juli feilen; die Expeditionsdaten der
yon Juni und Juli datirten Briefe aber sind nicht etwa jünger als die
<) Nioolaiu V. sagt aasdrücklidi in der Bestfttigimg der Constitotioii Eagens
illr die Schreiber, der dreiULgige Fertigangstermin yerstehe neh nur »flatigfilctioiie
taxe premiflsa«. Cod. S. Croce in Gteninleme 89 8. S. 455 Annu 1. *) Siehe
8. 548 AnnL 4. Aehnlich n^ 58, So; Innocenz VIL n^9; Gregor XIL n* 10. *) In
der Constitution »Romaoi pontificis« Ciampini De abbr. statu 15 § 10; fthnüch
Engen IV. in der Const f&r die Schreiber f 28. *) Z. B. nadi der 24. Regel
Bonifu IX.: Dedarant . . . qood nullateniis detar ipsa reservatio, nisi papa
poneret mann sna propria »detur reserratio specialis« et ultra hoc oonsoJator
idem dominos noster et eins mandatam et aeconda iussio eipectetar, oder in den
Regeln Marlin V. y. d. Hardt Conc Gonst 1, 977. •) Leider etwas yerstSnimelt,
indem stets Ezpedita und der Name des Taxators fehlt; das Datnm ist nrisofatti
CollationsTermerk and Taie der Reinschrift gestellt (z. ß. F. YYH, XIL kaL aog.
1410 de AgeUo), kann sich aber nicht auf die CoUation beziehen, da es nidii
stetig fortsefareitet
556 OitenthaL
der andern^). Es yerstrichen also zwischen den yerschiedenen Phasen
der Beurkundung bald f&nf Monate, manchmal aber nur zwölf Tage.
Ich stelle nun noch die übrigen mir aus den Originalen und aus den
Registern bekannten Falle zusammen, mit Angabe des Inhaltes, wo
ich ihn mir notirte:
1417 XIII. kl. dec. a. I. Exp. IIL non. dec a. 11. Permutatio pro-
bende»).
1418 VII. kl. febr. a. I. Exp. IV. kL mart a. UI. — »).
1420 V. id. mart a. IIL Exp. XIV. kL apr. a. HI. Consenratoria*).
1420 II. id. nov. a. III. Exp. VIIL kl. mai. a. IV. Gonservatoria«).
1421 XVin. kL febr. a. IV. Exp. XVIL kL febr. a. IV. CSonser-
▼atoria*).
1421 Xm. kl. febr. a.IV. Exp. XII kl. mart a.IV. Gonserratoria«).
1421 V. id. febr. a. IV. Exp. V. kL mart a. IV. Conservatoria*).
1424 ILnon.deca.Vin. Exp. XIX. kL ian. a. VIIL Gonsertatoria^).
(1425)111. kl. sept a. IX. Exp. XV. kL ian. a. IX. Collatio o£Bcii^).
1427 III id. noY. a. XI Exp. VIII. kL dec. a. XII. Confirmatio
proventuum**).
1429 non. mal a. XII. Exp. II kL iun. a. XII. Mandat proridere^
1429 XV. kl. noY. a. XII. Exp. III. non. dec a. XIH Mandat pro*
ridere«).
14S4 n. non. febr. a. III Exp. XVII kl. apr. a. IV. Indultum
percipiendi fructus beneficiorum^.
1489 IV. id. mart a. IX. Exp. XII. kl. iun. a. IX Provisio«).
1440 IV. non. mai. a. X. Exp. II id. maL a. X. Incorporatio»).
1440 VI. id. oct a. X. Exp. IV. id. nov. a. X. CoUatio^.
1443 VI kl. apr. a. XIH. Exp. XV. kL dec a. XVI. CoUatio»).
1444 in. non. apr. a. XIV. Exp. II non. apr. a. XIV. Collatio»>
1445 XIII kl. apr. a. XV. Exp. VI id. apr. a. XV. — *«).
1446 VIII kl. sept a. XVI. Exp. die XII sept a. XVL — i^).
«) Z. B. : f. 87 Dat. HI. kl. febr., Exp. XIV. kl. aug.
f. 87' > IL non. iuL, , XIIL kL aug.
f. 89 » kL febr., » X. kL ang.
f. 61' , IL kL febr., , ILid,ial.
f. 68' » anon-iuL, > XIIL kL ang.
f. 190' » m. kL febr., » die 12. iulii
f. 191' > XL kl. iuL, > IL icL inL
f. 192' , IV. kL febr., , II.id. iuL
») Florenz, Staatsarchiv. ») Rom, Staatsarchiv. *) M 11 f. 112', 118,
184', 184', 185, 167. •) M 8 f. 240'; a. IX. der Datinmg ist offenbar VerstoBs,
nicht Voransdatirung. ^) Innsbruck, Statthaltereiarchiv. ^) Florenz, StA.
Nach der Dorsualnotiz erfelgte am letztem Tage auch die Resignation des irühem
Besitzers. ») E lö t 216'. •) E 22 f. 278'. ") E 14 £ 225'. •«) E 16 £ 4«:^.
Die Bullenregistor Martin V. und Engen IV. 557
üeberblicken wir diese allerdiiigs nur kleine Liste, so ergibt sich
zwar ein gewisser Zusammenhang zwischen dem Inhalt der Balle nnd
dem ZOT Benrkimdung benöthigten Zeitraom, den längsten findet man
stets bei Pfrfinden Vergabungen^), den kürzesten bei ConseryatorieD und
Mandaten (die yiel&ch vom Yicekanzler gewährt werden konnten). Viel
acdBhUender sind aber die zwischen wenigen Tagen und mehreren
Jahren schwankenden Abstände bei gleichinhaltlichen Stücken. Aller-
dings kann auch so lange Verzögerung durch die oben geschilderte
Fahrlässigkeit der Behörden und Parteien oder durch sachliche Schwierig-
keiten hervorgerufen worden sein^), aber wir treffen, wie ich vor-
greifend bemerken muss, auch Gurialbriefe, deren an nnd für sich
raschere Expedition sich um Monate verzögert hätte b).
Diese grossen Intervalle erklären sich nun viel&ch auch daraus,
dass man spätere Ausfertigungen nach der f&r die erste massgeben-
den Handlung datirte*). Duplicate, die aber oftmals wol nicht viel
später fallen^) als die erste Ausfertigung, sind im Register stets nur
mit Duplicata per N. vermerkt, woraus voller Gleichlaut mit der ersten
auch in der Datirung zu schliessen ist Doch nahm man das Wort
nickt immer so streng: E 17 f. 59' steht bei einer Bulle, die mehr-
hche Zusätze erhalten hat: Duplicata fuit hec littera et illud impositum
quod stat in margine et data secunde littere est VIIL id. febr. {^r= dex
Datirang des ersten Briefes). Das ist also eine veränderte Neuaus-
fertigung mit Beibehaltung der ursprünglichen Datirung. Aus Notizen
im Begister ersieht man, dass solche auch noch nach längerer Zeit
erfolgten, M 10 f. 277 ist der Provisionsbrief mit Expeditionsdatum
und CoUation vollständig eingetragen gewesen, dann wurden viele
Conrecturen vorgenommen, auch die Namen der Ezecutoren geändert;
die Datirung V. kL febr. a. L blieb unberührt, während an Stelle des
durchstrichenen Expeditionsdatums vom 19. Juli 1418 vom gleichen
CoUationator F. de Agello vermerkt wurde: Beportata correcta et
expedita non. ian. a. V. Zwischen beiden Ausfertigungen liegen also
SVs Jahre. E 16 f. 454 steht die Verleihung eines Priorats als Gom-
mende DaiV. nou. mart. a. XII., die Unteriertigung Poggios lautet:
*) Ausser E 22 f. 27 8^ wo wol ein Iirthum oder eine Unregelmässigkeit voraos-
snseteen mt, *) S. auch S. 668 Anm. 1 sowie Diekamps Bemerkungen lOtth. 4, 526.
•) 1£ o f . 141 solche Ton Jan. 1418 unter Stücken aus dem Juli, f. 174 Tom Mai
unter Briefen aus dem November, E 22 f. 25 1^ 258' Sentenz gegen die Sforza
dat. IV. kL dec. a. XIL unter Stücken vom Nov. des folgenden Jahres, also vielkicht
nur Versehen. ^) VgL Fioker ürk. Lehre 1, 800. *) Es ist mehrfach erwfthnt,
daas sie vom Schreiber der ersten Ausfertigung gemacht wurden, E 7 f. 97 gar
Duplicata tribas vicibus per ipsum I. de St
558 Ottenthal.
Gorrecta, expedita oorreota in registro per B. BoyereUa die YL aog.
1444. So bestimmt äussern sich die Begistraioren freilich selten, man
erkennt solche doppelte Ausfertigungen meist nur daraus, dass zwei
Gollationatoren oder ein GoUationator zweimal unterzeichnet ist, das
eine Mal mit ColL per me N., dann noch mit Gorr. per me N.
Allerdings konnte man Correcturen auch noch am Original yornehmen,
der Notar F. Lavezius bemerkt E 15 £ 193 ansdrficküoh: Comeia
in.balla etiam originalL Aber viel&ch sind die Aendenmgen so um-
fangreich, treffen so wichtige Punkte, auch Namen, Geg^enstand imd
umfang der Verleihung, dass an Eintragung in das Original gar nicht zu
denken ist Man ersieht oft auch aus der Angabe eines andern Schretbers
und Secretars, dass man es mit einer zweiten Ausfertigung mit der
frühern Datirung zu thnn hat. Ist die AussteUnngszeit der letztem
nicht festzustellen, so kann doch über den Zeitraam der ersten Be-
urkundung keine Irrung entstehen, solange die zweite nicht selbst&ndig
registrirt wurde ^). Hier ist nur zu constatiren, dass die Daten der
zur selben Zeit an das Register abgelieferten Bullen die allenrerschie-
densten, selbst um Jahre differirende sein konnten.
Den Zeitraum, innerhalb welchen die an die Begistrator einlaufenden
Stücke in das Register eingetragen werden mussten, fixirte Martin Y. auf
drei Tage: Quodque clerici in dioto registro scribentes qui litteras eis
traditas in&a tres dies extunc immediate sequentes (cessante impedimento
legitime) non registraverint, a dioto registro penitus amoti existant*).
— Cessante legitime impedimento, damit konnte diese Ordnung wieder
über den Hauten geworfen werden, wenn auch in der Einleitung dieses
Paragraphen den Begistmtoren strenges Vorgehen unter den grössten
Straten zur Pflicht gemacht wird. In der Reformatio cnriae et ofB-
dalium vom März 1423 («Romani pontificis*) wird den Register-
Schreibern vorgeworfen, dass sie die Bullen nur gegen Zahlung be-
sonderer Summen registriren wollen, dann aber auch die letztein-
gelaufenen allen altem Torziehen; von nun an sollen nur die Magistri
regifitri ex rationabili vel urgenti causa davon abweichen dürfen').
>) Man hat umgekehrt sogar auch Neuausfertigungen unter geändertem
Datum mitunter auf dieBem kürzesten Weg, durch Gorrectur der oxsprUnglichen
Begiatereopie eingetragen und zwar noch, nachdem der betreffende Reguterband
bereits abgeBchloBsen war. £ 1 S f. 20' sind die Daten YIU. kL mai a. L, in IL id.
mart. a. YII. umgeändert, während auch alle umgebenden Stflcke aus a. VIL und,
80 daas auch der erste Eintrag einer Neuausfertigung entsprechen wird. ') »In
apostolicae« B. R. 4, 684 § 18. *) Cäampini De abbr. statu 12 Ifiast den auf die
Regiöter bezüglichen Paragraph dieser Constitution aus, den ieh daher nach 6m
i^asmmg des Cod. Yat 4990 verglichen mit der ziemlich differirenden des Ood.
Die BnUenregister Martm V. nad Eugen IV. 559
Prftfen wir die Einbaliaiig dieser Yerordnimg, so ist za anterBuchen:
wurde die Ordnung der Einlieferang an die Bqpstratnr und wurde
der gesetEÜche Termin fär die Begisiaining eingehalten.
Die Beihenfolge der Briefe ist im allgemeinen eine chronologisch
stetig fortschreitende, natfirlich in jener Latitüde, welche die ungleichen
Daten der gleichzeitig eingelaufenen Briefe erfordern. Der beste Be-
weis dafür ist das Zusammenpassen von Ende und Anfang aufeinander
folgender Bande, das bei grosserer Willkür in der Eintragung nicht so
m^lich ware^). Innerhalb kleinerer Abschnitte folgen die Daten oft
ganz chronologisch aufeinander, kaum um einige Tage vor oder zurfiek»
greifend >). Aufßdlend ist, dass mitunter die Eintragungen oder minde-
stens die Datirungen ganzer Monate fehlen, so ist M 1 von IL kl
inn. (£ 81') auf kL aug., YL kL aug., non. nov. übergesprungen (f. 82
hb 86). Aehnlich E 1 f. 171 von II. kl. nov. a. IL auf YIL kL apr.
a. HL (fc 171'), E 23 von IV. non. mai. (f. 150 auf IV. non. aug. (f. 16),
von YU. kl. sept. (f. 45) auf IL kL novembr. etc. Die Bullen der
dazwischen liegenden Monate kehren auch spater nicht wieder. Die
Veranlassung dürfte in ganz unberechenbaren Zufälligkeiten zu suchen
sein'). Die Unterbrechung der Beihenfolge durch um Wochen oder
Monate altere Daten steht in geradem Verhältniss mit der Menge der
Palat. 647 f. SS hier folgen lasse. Item quod littere apostolice pro sola taxa
illarum debeant regiatraxi ... Et intellesimns quod tarn prefati quam alii in
registro snpplicationum scriptorea supplicationes et litteras ipsas aut nolunt aut
nimium differunt registrare, nisi prius data eis a partibus i^iqua pecunia et
novissimas prioribta prefemnt, hoc fieri decetero distridaus inhibemus, statuenteB
quod supplicationes et littere predicte ad registra dilate prias omaes registrentur
quam alie quecunque qne ad ipsa registra postmodum deferuntur, ni&i forte
magistri registrorum ipsorum ex aliqua rationabiU vel urgenti cansa aliquas
supplicationes vel litteras prius mandaverint registrari; et ita iurent sciiptores
dictoram registrorum, cum ad id officium decetero assumentur, fideliter observari
ipsique magistri id fkciant districtius observari.
*} Ich lasse als Probe Anfang und Schluss der ersten Bfinde Martin V. und
der letzten Eugen IV. folgen: H 1 schliesst kl. febr. a. III., M 8 be^nt IX. kl.
mart. a. IIL, endet IIL, IV. kL nov. a. VI., M 8 beginnt kL sept. a. VI., non. dec.
a. VII., endet non. iun., V. id. iun., XIII. kL apr., kL mai. a. X., M 4 befirinnt
IV. kL iuL a. X. — E 18 endet V. kL oct, X. kl. oct. a. XIV, E 14 beginnt
de mense oot a. XIV., endet Juni 1445, £ 15 inoeptum IX. m. inn. 1445, endet
Febr. 1447. *) Solche kleine Schwankungen sind vielleicht dadurch entstanden,
dass man im Register die Zahlen der Ealenden oder Iden vorwärts statt rückwfirts
zählte, es kommen merkwQrdig oft Reihenfolgen wie XIL, XIU., XIV. kaL (febr.)
oder V., VL, VIL id. (iuL) vor. ») Z. B. die riesigen Sprünge in E 18 a f. 14
IV. id. iun. a. V., £ 15 XIIL kL iuL a. VL, f. 17 IIL id. dec a. IIL, f. 18 VIL kL
mal. a. VIL hftngen offenbar mit der gleichzeitigen Fflhrung von £ 17 b durch
den gleichen Secretär suaammen, 8. S. 480.
560 OttenthaL
daronter enthaltenen Gnaden- nnd Bechtsbriefe, doch ist anch hier ein
chronologisches Fortschreiten mit den übrigen Daten nicht zu Ter-
kennen. Umgekehrt gehören die jüngsten (yorauslaufenden) Daten
einer Beihe meist den rascher expedirbaren Briefgattongen, nament-
lich den Corialbriefen an. Im ganzen und grossen ist also die Beihen-
folge im Begister sicher zugleich die der Einlieferung der Bullen an
dieses Amt
Die Frage, welchen Zeitraum die Begistrirung selbst erforderte,
ist schwer direct zu beantworten. Datirte Begistraturyermerke sind
überhaupt nicht häufig, ich kenne speciell keine Bulle, bei welcher
sich zugleich der datirte Expeditionsvermerk des Taxator in bullaria
fände; das Yerhältniss des datirten BegistrirungsYermerkes zur Datirong
des nächstfolgenden Briefes kann fOr den Zeitraum der Begiatrirong
nicht massgebend sein. Ich muss die Frage etwas weiter stellen:
welcher Zeitraum liegt zwischen Datirung und Expedition ans dem
Begister? Dann kann man durch Vergleich mit den Belegen für die
Dauer der Beurkundung bis zur Expedirung aus der Bullaria auek für
die Zeit der Begistrirung Wahrscheinlichkeitsschlüsse ziehen. Idk lasae
die vorzüglichsten Belege folgen: M 5 £ 109 ist bemerkt: Die XXVIL
m. april. fiiit expedita litt salvusconductus sub data VL kL maL Da
liegt, weil sich das Expedita sicher auf Erledigung in der Begistratur
bezieht, nur ein Tag zwischen beiden Acten. Qbxlz ahnlich sind Fälle
wie E 17 f. 54 Die loyis XXYII. decembris fiüt registrata litt passoa . . .
sub data currenti VL kal. ian., f. 57' Die lune XIY. ian. fuit registrata
litt passus . . . sub data idus ianuarii, f. 126 Die X februarii fiiit
registrata 1. passus . . . sub dat. YIII. id. febr. E 7 folgen die Datirungen
f. 31, 31' datYIU. kl. febr. a.y., f. 32' eine Extravagante Boni&zVIll.
mit der Bemerkung: Collationata et registrata per me A. de Feruaio
die XXV. ian. de mandato et deliberatione totius camere MOOCCXXXVI,
es wurden also die beiden erstern Stücke noch an dem für die Da-
tirung massgebenden Tag in die Begistratur gebracht und da ein-
getragen, ebenso auch noch die Extravagante und alle drei Stücke
sofort durchgesehen. Die Baschheit, mit der hier die Begistrirung auf
den Zeitpunkt des Datums folgt, schliesst Datirung nach der Handlang
geradezu aus, wir lernen da das Intervall zwischen Mundirung and
Begistrirung kennen. Doch auch sonst wurde oft rasch registrirt
M 11 f. 26' ist eine Bulle ,Ad perpetuam rei memoriam* von ÄVil. kL
sept a. pont I. cassata de mandato speciali d. n. pape facto mihi ore
suo ... in Qebennis die XXL augusti, nach der Ortsangabe sicher
des gleichen Jahres; die De curia ausgestellte Bulle ist also mindestens
vier Tage nach ihrer Datirung in das Begister eingetragen und
Die BnUenregister Martin V. und Engen IV. 561
collationirt worden. Die A^bsolutionsbulle f&r den Ghrafen von Armagnac
TOQ VII. id. apr. a. poni XIII. (M 12 f. 45) tragt die Bemerkung
Poggios: Die martis XVIIL apr. a. pont. quo sapra d. cardinales commis-
saiii — tradiderunt bollam supraseriptis oratoribus ducis Sabaadie^). —
Sonst treffen wir etwas grössere Zeitabstande: M 12 f. 37 — 38^ stehen
mehrere Briefe von VII. kl. sept. a. XIL Expedite omnes littere istius
provisionis (Bisthumsyerleihang) gratis de mandato ac registrate per
me Pogginm de m. d. n. pape VII. nov. 1429. E 6 f. 33 Amts-
patent Ton XIX. kl. sept a. IV.; de mandato ss. domini nostri in
Bcriptis facto Florent. VI. kl. dec. a. pont. IV. cassata fuit. E 10
f. 240 Verleihung eines Priorates Dai id. sept. a. XV., Schluss-
bemerkang: Correei sumptum de m. d. n. pape . . . XXV. octob. 1445.
Den Zeitpunkt der Begistrirung vermerkt Poggio unzweideutig E 16
f. 86' (Declaratio super expectativis) Dat. V. id. iul. a. V., Rta. gratis de m.
d. n. pape XVIII. sept., f. 95 (Dispensatio et praerogatiyae pro olerico
quodam) Dai X. kl. dec. a. V., Bta. de m. d. n. pape Poggius die
III. dec a. V. M 5 f. 235' Privileg für die Juden dat. Mantue IL kl.
febr. a. 11., nach beigefQgter Bemerkung zu Ferrara ezpedirt und noch
registrirt, aber nachdem die Begistratores registri communis schon
weitergezogen waren, also zu Ende des Aufenthaltes. Martin reiste am
7. Februar von Mantua ab, ist am 13. zu Ferrara, halt am 26. schon
feierlichen Einzug in Florenz*).
Der Zeitraum zwischen Datirung und Begistrirung schwankt also
ungefihr zwischen denselben Grenzen wie der zwischen Datirung und
Expedition aus der Bullaria. Findet man sehr grosse Zwischenräume,
wie E 16 f. 65' eine Bulle von XI. kl. mai a. I. mit der Datirung der
Eintragung (?) XII. oct. 1484, oder f. 77' eine Dispens von XVII.
kl. febr. a. III. mit dem Vermerk Bta. per me Poggium secretarium
a.V., während beide Male die umgebenden Urkunden aus den in den
Vermerken genannten Jahren sind, so wird wahrscheinlich wie bei den
S. 557 aufgezahlten Fallen an Neuausfertigung unter ursprünglicher
Datirung zu denken sein. Manchmal ist das wol ausdrücklich gesagt.
E 16 b f. 456' steht eine Bulle von id. iuL a. IX. zwischen Briefen
des 14. und 15. Pontificatsjahres unterfertigt: Correcta Poggius. Es
sind aber keine Correcturen zu sehen, dagegen steht der gleiche Brief
schon E 16a f. 215', wohin auch die Daten passen, aber cancellirt mit
dem Vermerk: Correcta et registrata in alio yolumine ad cartam 456^
<) Aehnlich El f. 181 Bulle yon IV. kl. iul. a. IL Cassata, quia poBtea cor-
recta fiiit et Sequilar immediate in altera latere. Das muss rasch geschehen sein,
da derselbe Schreiber his f. 187 schreibt. >) Rajnald. Ann. 1419 § 8. Vgl.
S. 510 Arno. 4.
MittbMlnnffeii, KrfftnsQDfibd. I. 97
562 Ottenthal.
quia hie non pokiisset corrigi^). Oft wird auch ohae Vermerk des
CoUationators schon das Datum der ürkande zu solchem Schluss
ftihren'); sind Secretär und Schreiber angegeben, so wird sich yiei-
leicht auch erweisen lassen, dass diese nur zum Jahr der B^istrining,
nicht in jenes der Handlung passen. Der Secretär Bartholomeus
Boyerella tritt erst 1442 in sein Amt ein, da beginnt sein Seeretar-
register, in keinem vor dieser Zeit abgeschlossenen Band treffen wir
seine Signaturen. Stehen nun E 18 f. 58, 65 yon ihm signirte Ballen
yon a. IX. und X. (die umgebenden aus a. XIIL), f. 169 von a. IV.
(die umgebenden aus a. XIV.), E 22 ebensolche von a. XL, V., XL,
VI., XI. (f. 39', 45', 67', 124, 235, die übrigen Bullen von a. XIL
und XIIL), so wird man mit vollem Fug auf Neuausfertigung schliessen
können. Freilich liegt bei der grossen Stetigkeit des Eanzleipersonals
der Fall selten so günstig.
Je geringer der Zeitabstand der aufeinander folgenden Daten ist,
um so schwerer wird Neuausfertigung von VersSgerung in einem
Expeditionsamt und speciell in der Registratur zu scheiden sein.
Einen sichern Anhaltspunkt gewähren aber dafür oft die Unterschriften
des oder der Taxatoren der Reinschrift, die auf allen während densn
dreimonatlicher Amtsdauer taxirten Briefen wiederkehren^), so dass
umgekehrt alle Briefe mit gleichen Unterschriften innerhalb dreier
Monate taxirt sein müssen. Neuausfertigungen oder Verzögerungen
in den ersten vor die Reinschrift fallenden Stadien der Beurkundung
haben Nennung der laufenden Taxatoren zur Folge, im Beviaions-
bureau der Abbreviatur oder Secretarie, in der Bullaria oder Registratur
liegen gebliebene Stücke dagegen haben Taxunterschriften einer frühem
Zeit. Von October bis December 1446 bekleidete Ugolinus das Amt
eines Rescribendars; finden wir nun in E 12 zwischen den Bullen mit
Daten aus diesen Monaten auch Briefe f. 59 XIL kl. nov. a. XV. (1445),
') Auch kleinere Rückläufe der Oatirung basiren oft darauf. £ 8 f. 6 steht
ein Brief von III. non. aug. zwischen zweien von il. kl. und von V. id. aug., f. Z*
kehrt die gleiche Urkunde wieder mit dem Vermerk Est regifitrata supra f. 6, hier
steht sie zwischen Bullen aus dem October, da anderer Secretär und Reinschreiber
genannt sind, kann es sich nur um Neuausfertigung handeln. *) E 11 f. 2.55'
8t«ht z. B. mitten unter den Bullen des 16. Regierungsjahi'es eine vom Notar
F. Lavezius ooUadonirte aus dem 14. Regierungsjahr; merkwürdig ist, dass nun
später von einem mit 8. unterfertigenden Corrector viele Aenderungen vorgenommen
wurden, die sich aber nicht auf die Datirung erstrecken, also wol abermals eine
Ausfertigung unter ursprünglichem Datum ergieng. Wenn zur letscten Bnlle in
E 16 f. 529 von kL mart. a. XLV. vermerkt ist Rta. post obitum Eugenii de man*
dato d. n. pape Nicolai V., wird sie nicht drai Jahre in der Begistiatur ge-
legen seiu. •) Vgl. S, 455.
Die Bnllenregister Martin Y. nnd Eugen IV. 563
f. 88 Xn. kl. iun. a. XIIL (1443), f. 125 VH. kl. dec. a. XIV. (1444),
die alle ügolinus als Taxator nennen, so können die Beinschriftien der-
selben erst in den drei letzten Monaten von 1446 taxirt worden,
müssen also wol Neuausfertigungen sein.
Dieses Verbältniss ist Begel, wenn es sich um grosse Zeitdifferenzeu
zwischen den Daten benachbarter Urkunden, um ein Jahr oder noch
mehr, handelt i). Auch bei Bullen, deren Datum nur wenige Monate
hinter den gleichmässig fortschreitenden Zeitangaben eines Bandes
zurQekbleibt, ist oft der der laufenden ürkundenreihe entsprechende
Rescribendar genannt^), was jedoch in diesem Fall nicht auf Keuatis-
fertignng zu beruhen braucht, sondern wahrscheinlicher auf Verzögerung
in den der Taxirung yorausgehenden Phasen der Beurkundung. Nicht
selten aber ist bei so geringen Zeitabstanden auch der dem Datum
der Bulle entsprechende Bescribendar unterfertigt, wird also auch be-
züglich der Taxunterschriften die laufende Beihe unterbrochen. Eiu
Paar Beispiele auch dafär: In E 12 folgen aufeinander:
f. 2 Dat. V. kl aug. a. XVI. Tax. sept. lo. de Augeroles,
f. 5 „ XV. kl. apr. a. XVI. „ apr. de Galyis,
f. 7' „ VI. id. iun. a. XVL , iun. la. de Calvis,
f. 8 ff non. oct. a. XVI. „ oct ügolinus,
f. 9' ff id. oct. (sie) a. XVL ff sapt. lo. de Augeroles,
f. 1 1 ff XL kl. oct a. XVL . « oct ügolinus,
welcher nun meist bleibt, indem la. de Galvis von April bis Juni,
lo. de Augeroles yon Juli bis September, ügolinus von October bis
December Bescribendar war. £ 13 folgen f. 30' — 56' Bullen dat id.
iun. bis VI. kl. ian. a. XIIL ¥om Bescribendar lo. de Steccatis in den
Monaten October bis December 1443 taxirt; f. 59' — 122 Bullen von
Juli a. XIIL bis März a. XIV. vom Bescribendar A. de Strata in den
Monaten Januar bis März 1444 taxirt, dazwischen steht auf f. 90' eine
*) Nur eine Auanahme Rtiess mir auf, wo die Tanmterschrifb einer früherii
Zeit entspricht. £ 12 f. 887' findet man unter Bullen aus Februar 1447 eine
dat. 17. non. oct. a. XIV. (1444) mit der Taxangabe apr. -* XXXVI — A. Dardanon.«
lo. de Tefel. Während im letzten Vierteljahr von 1444 Bonannus, von Januar 1447
an lo. de CoUis Rescribendar war. treffen wir die in unserer Bulle genannten vof
April bis Juni 1445 (a. XV.), vgl. 8. 465, so das« also diese »Concessio perinde valere«
von der Signirung der Supplik bis zur Reinschrift ein halbes Jahr, von da bis
zur Regigtrirung fast zwei Jahre liegen blieb. ') So iet etwa 1447 Januar bift
Februar lo. de Coliis Reeoribeudar. Er findet sich in E 12 auch als Tasator von
Bullen: f. 184 dat. IlL non. nov. (144^6) aber erst als im Febr., f. 250' dat. IX«.
H dec (1446), auch als erst im Febr. taxirt bezeichnet; 1442 October bis December
Rescribendar Amoldus, £ fiS auch als Taxator von Bulle(n dat. XVI. kL iun. abe|r
erat als im October taxirt bezeichnet, bei dat. IIL ,id. aug. IV., id. sept.. u. s. ^
87*
564
OttenthaL
yom 1. NoTember 1443 datirte Bulle yon lo. de Steccatis taxirt. E 22
f. 4 — 22 taxirt N. de Cremonensibus Ballen yon Augost und September,
er ist Rescribendar yon Juli bis September 1442, f. 34' — 70 taxirt sein
Nachfolger Amoldos Bollen yon Mai bis December 1442, dazwischen
kommt wieder f. 62' N. de Cremonensibus als Taxator einer Bulle yon
III. kL ang. a. XII. yor.
Die Beurkundung yerzögert sich also öfters noch in ihren letzten
Stadien. Vielfach mag dann entsprechend den früher erwähnten Klagen
die Schuld auf die Begisterbeamten fallen. Aber es sind das immer-
hin nur Ausnahmen, im ganaen bilden die yon Vierteljahr zu Viertel-
jahr wechselnden Taxatoren auch in den Registern geschlossen aufein-
anderfolgende Reihen, auch beim Wechsel der Taxatoren treten nicht zu
starke Schwankungen ein ; ein Beweis, dass innerhalb solcher Grenzen
die nach der Vollendung der Reinschrift noch folgenden Acte der
Beurkundung inclusiye der Registrirung sich in regelmassiger Folge
und in ziemlich kurzer Zeit abzuwickeln pfl^ten.
Beilagen.
1. Tabelle der Register Martin V. und Eugen IV. nach der jetzigen
Anordnung.*
f
Jetzige
i
Raynalds
1
En<h8lt.a.pont.
B. B.
Bezeichnung
Benennung
r
Martini quinti
848
officiorum
1
__
1—3.
Ml
849
>
2
—
—
3-6.
M2 '
850
>
3
—
—
6—10.
M3
851
>
4
—
—
10-14.
M4
852
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Ep. de curia
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357
expectat. l. VII.
10
—
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1.
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358
diyers. de curia
1.VIII.
11
Ep. de curia
(diy.L de curia)
8
1—18. (14.)
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359
et Eugenii IV.
breyia 1. IX.
12
Breyium 1. IV.
10. bis Bog.
a.7.
Die Bullenregister Martin T. und Engen IV.
565
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11
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de curia
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1-2.
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£p. de curia
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14—15.
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16.
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divers.
21
Ep. de curia
26
18 bis Nie. 2.
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—
(8)
15—16.
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25
(*)
' Die zweite Columne enthält die moderne Benennong nach den Bücken-
aadchriften der Bftnde, erentaell mit den angegebenen OrdnnngKahlen der ein-
zehien Kategorien ; die dritte Colomne die am Bflcken weise angestrichene Nummer
dee Bandes unter den Registern des betreffenden Papstes (TgL 8. 405). Die rierte
Columne entspricht der Besdchnung bei Baynald, welche der dassifioiruag und
Z&hlung in den Aufechriften aus dem Anüuig des 17. Jahrh. gleich ist; diese
Numerirung ist in der fünften Columne wiedergegeben, und zwar unter Zugrunde-
legung der Qtate Baynalds, die in Klammem stehenden Zahlen aber sind nur den
entsprechenden Auftchiiften der Register entnommen, da B. die betreffenden
Bfinde nicht citirt Die letzte Golumne enthalt die yon mir in dieser Abhandlung
über die Bullenregister gebrauchte Zählung.
566
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2. Die ursprüngliche Ordnung der
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Die BullenregUter Martin V. und Eugen IV.
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568 Ottenthal.
3, Verzeichniss der 1440 in der päpsüichm Kammer b^dUekm
Register Martin V. und Eugen IV.
(Rsy. (fiv^t, eamwal. 20 f. 124*,)
In nomine domini amen. Anno a nativitate domini MCOCCXL, die
XVIII. m. iannarii, pont. ss. d. n. domini Eugenii divina Providentia pape IV.
anno IX^ fuit factum inventarium omnium registrorom camere aposiolioe
tempore prefati ss. d. n. Eugenii et nonnullomm aliorum summorum ponti-
iicum factorum, in presentia dominorum laoobi de Racaneto, Nicolai de I^ys
et lacobi Turloni dicte camere clericorum ac ser Angeli de Perusio dictonun
registrorum custodis et mei notarii infrascripti.
Et primo registra tempore prefati ss. d. n. Eugenii facta:
Begistra obligationum et minutorum servitiorum II,
» solutionum U,
» diversarum V,
» bullarum officiorum U,
» »de curia V^),
» thesaurarie tempore Franc, de Boscolis depositarii VII,
» » » Franc, de Padua II,
» » cum illis de Mediois lY,
Begistrum unum duplicatum tempore F. de Boscolis I,
Begistra capitulorum gentium armorum II,
Begistrum obligationum particularium I,
Begistra bulletarum camere apostolice III,
» iuramentorum officialium II,
Begistrum formatarum I.
Sequuntur registra tempore fe. re. Martini Y. i'acta et primo:
Begistra bullarum de curia YI,
» , officiorum lY,
Begistrum secretum d. Benedicti de Guidalottis I,
Begistra diversarum YIU,
> obligationum communium et minutorum servritiorum III,
» solutionum lY,
» quietantiarum Y,
» capitulorum gentium armorum II,
> thesaurarie X'),
Begistrum contra collectores I,
Begistra iuramentorum officialium II'),
Item quatemi clericorum antiqui II,
» tractatus Quia(?) ut audio, brevis nota concilii,
Begistrum obligationum particularium I,
» procuratorum I,
> de schismate I,
> formatarum I.
(Folgen Begister aus der Zeit des Schisma.)
B. Paradisi manu propria.
*) Corr. auB IV. *) Gleichzeitig corr. aus XU •) Sofort corr. aus L
Die Bnllenregister Martin V. und £ug«n lY. 569
4. CangtHution Eugen IV, fi^ die Scriptares Utterarum apoetolicarum
(1445 Juni 7) nebst Auszügen aus deren Statutenbuch.
Diese Coiutitation steht im R. n« 877 (E 10 f. 156), ausserdem fand ich sie
in Cod. Vallicell. J. 80 und im Cod. Ottobon. 920 der Yaticana, in beiden letztern
Hss. rasammen mit andern Verordnungen Ar die Schreiber, in Paragraphe zerlegt,
welche mit Rubriken yersehen sind. Diese praktische Einrichtung habe ich beim
Abdruck umsomehr beibehalten, als sie offenbar schon sehr früh im Bureau der
Schreiber von amtswegen getroffen wurde, denn die Gliederung stimmt in beiden
Codd. ToUständig überein. Der Cod. Yallicell. (Y) ist nach der Schrift etwa um
die Mitte ^et 15. Jahrh. geschrieben, war jedenftlls im Jahr 1470 schon in
praktischer Yerwendung, da der damalige Besitzer, der auch mehrtach Cor-
recturen anbrachte, auf dem letzten Blatt vermerkte : Benedicti de . . . (Loch) pro
coUegio soriptorum ad Paulnm IL pont. max. oratio in feste Epiphanie ooram
ipso pontifice et cardinalibus habita a. salutis 1470, Rome ap. s. Marcum. Der
Cod. Ottobon. (0) bezeichnet sich auf dem ersten Blatt: Ex libris Laurentii
Roma secretarii apoetolici und ist zwischen 1500 und 1514 geschrieben, da erst
eine Verordnung aus letzterem Jahr mit anderer Tinte nachgetragen ist. Wir
haben es wol mit zwei Exemplaren der Constitationed et statuta scriptorum zu
thun, welche sich nach der Bulle Eugens (§ 1) jeder Schreiber sofort nach seinem
Amtsantritt Terschaffon musste. Daher sind auch spätere für die Scriptores er-
lassene Verordnungen hinzugefügt Beide haben eine Fortsetzung (16 Paragraphe)
Yon Anordnungen, die das SchreibercoUeg autonom treffen konnte und die nach § 89
ins Statutenbuch einzutragen waren. In Y folgen sie als Constitutiones noye un-
mittelbar auf die Bulle Eugens, in 0 dagegen sind zwischen §§40 und 41 der
Conat. Eugens eine Verordnung Sixtus lY., diese 16 Paragraphe und einige weitere
Zusfttae eingeschoben, an die Bulle Eugens dagegen päpstliche Constitutionen
angehängt, von denen nur die dritte den Namen des Ausstellers (lunocenz VUI.)
nennt, darauf folgen Statuten der Schreiber, endlich mit anderer Tinte Bullen
Leo X., so daes die Anlage etwa unter Alexander VI. fiUlt. Das QueHenverhältQiss
ist dahin zu präcisiren, dass R eme Copie aus dem Original ist, da die EAnzlei-
notizen angegeben sind, Y und 0 können nicht aus R, oder doch nicht aus R
allein geflossen sein, da sie mehrfach ein Plus haben, dem gegenüber das Minus
in R sich nur als Auslassung erklärt; V und 0 besitzen eine gemeinsame Quelle,
wahrscheinlich die nach dem Or. gemachte Copie im officieüen Statutenbuche des
Schreiberamtes, wobei aber mehrfisushe Zwischenglieder anzunehmen sind. Zugrunde-
zulegen ist R, ich konnte aber nur die bereits nach den andern beiden Codd.
gemachte Copie mit R coUationiren, und so mOgen mehrfach die Orthographie
und irrelevante Lesarten Yon Y oder 0 stehen geblieben sein. Mit der Angabe
von Varianten verfahre ich möglichst sparsam : alle Abweichungen in Y und 0,
welche für den Sinn beluiglos oder entschiedene Verderbnisse sind, ignorire ich,
ebenso blose Schreibfehler yon R. Die Eintheilung in Paragraphe ermöglicht es,
für unsem Zweck gleichgiltige Bestimmungen zu Übergehen; bei der Const. Eugens
gab ich aber doch stets die Rubrica an, während ich von den spätem Zusätzen
überhaupt nur das wichtigste aufoahm und zur leichtem Citirang die laufende
Zählung fortführte; da ich mich noch im letzten Momente zu einer Streichung
entschlosB, entsprechen die S. 454, 456, 460, 461 dtirten §§ 57 und 66 nun §§ 52
und 57.
570 Ottt^iithal.
1. Quod quiUbet scriptor teneatur habere statuta infra
mensem. Eugenius episcopus servoa servomm dei. Ad perpetoam rei
memoriam. Sicut prudens pater familias ad laudabilem dispensationem glorio-
somque regimen familie domus sue reotitudinemque vivendi operosis virtatum
»tudiis libenter intendit ac cuncta qua illi profatura gont, aoate ooneddera-
tionis indagine perscrutatur et sai mataritate consilil circomspicit, diligenter
normam illi semper prebens et ordinem cum honestate iastitis et sinoera
ratione vivendi, ut seclusis vitiis sentibusque ondique evalsis in ea splendide
virtnies plantentur et inserantor que assiduom &actum afferant soavis
odoris laudis commendationis et fame: ita et nos parit^ ad dilectos
filio8 et familiäres nostros, litterarom apostolicamm scriptores, soUicitodinis
nostre partes paterna oordis affectione dirigimos, cupientes quod ipsi scrip-
tores pro tempore existentes evulsis vitiis plantatisque virtatibos debite
reformationis decore refdlgeant ac officium scriptorie litteramm eamndem
per singulos ipsos scriptores pro tempore existentes in huiusmodi officii
exerdtio, cniuslibet privati commodi affectione semota, cum sinoere fidei
integritate et mutue caritatis ardore invicem et erga cunctos alios absque
personarnm acceptione laudabiliter r^;atur et virtuose gubemetnr ad Isndem
omnipotentis dei deooremque^) et decus cancellarie saorosanote Romane
ecclesie nee non rei publice utilitatem et personarum omnium ad eandem
oancellariam [in] expediendis Htteris super eorum gratiis eis auctoiitate apostolica
oonceasis concurrentium votivam expeditionem celeremqne profectum. Cum
itaque, licet a felicis reoordationis lohanne XXU., Benedicto XII., Gregorio XI.
et Martin o Y. Bomanis pontifioibus predeoessoribus nostris a nobisque etiam,
quamplnra constitutiones et statuta circa regimen et gubemationem pre-
sertim offidalium nee non offidorum dicte cancellarie provide emanaverint,
pro eo tarnen quia mundi cresoente malitia illa postmodum debit« obser-
vata non fuerunt nee observantur ad presens et ex temporum variatione ac
novis emergentibus casibus moderatione addiüonibusque utilibus non est
dubium indigere nee non etiam cum ea hinc inde sparsa sint, ut ipsoram
notitia sit per unumquemque ex dictis scriptoribus facilius liabita> inantea
perpetuo inviolabiliter observentur, resecatis superfluis illa innovare seu
ipsorum constitutionum et statutorum effectum dumtaxat aliaque honesta
officio ac scriptoribus predictis necessaria oontinentia consütutiones et statuta
de novo edere et insimul in uuum tradere plurimum utile et necessarium
fore neo non ad reformationem decoremque et honestatem offidi ac scrip-
torum huiusmodi oedere dinoscatur: nos offidi quod inter alia Bomane curie
offida nobis velut peculiare, ac scriptorum eorundem qui familiäres noetri
existunt, reformaticni et indemnitati, prout ex debito nobis licet immeritis
iniuncte apostolice servitutis officio tenemur^ salubriter providere et utiliter
intendere cupientes, constitutionibus et statutis predecessomm eorundem
et nostris predictis inherentes, dilectorum quoque filiorum magistromm
Ambrodi de Dardanonibus rescribendarii et Frandsci de Padua sindici de-
fensoris neo non aliorum officialium ac universorum et dngulorum scrip-
torum litterarum earundem in hac parte supplicationibus incliuati, matars
desuper deliberatione ipsisque constitutionibus et statutis diligenter per nos
recensitis et examinatis, infraaoripta constitutiones et statuta, que omnia et
1) BVO, wol SGU verbeesem honoremque.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV. 571
»ngala vim perpetne constitationis habere decemimus et sub penis in illi»
oontentiB precipimus inriolabiliter obseryari, ex certa scientia auctoriiate
spostolica tenore presentium constitaimus edimus et faoimas. Mandantes
exnano d. f. nostro Francisco tituli s. Olemenfis presbitero cardinali eiusdem
s. Bomane eocleBie vicecancellario et (com ipse Eranciscus cardinalis pro tutela
ac defenaione Christi fidelium nee non perfidonun Tarchorum expugnatione,
qnas pro viribas enitimnr et dextera domini assistente propitia perficere
intendimns, ad presens agat in remotis) ven. iratri nostro Honofrio Fran-
cisco episoopo Melfiensi prediotam canoellariam de mandato nostro regenti
eonunqne snccessoribns, quatenas predicta omnia et singala per nos de
novo edita constitutiones et statuta, penas in eis oontentas contra illa non
obaervantes debite execationi demandando, faciant cam omni diligentia in-
violabiliter observari, eque ut hactenus observentur, stataimus quod rescri-
bendarins oeteriqne officiales ac singuli scriptores litteraram earundem nee
non et aeneficallus qai costos est dicte cancellarie, presentes et faturi nova
oonstitationes et statuta huiusmodi inira mensem a die publieationis pre-
sentium computandam, videlioet rescribendarius officiales et scriptores secum
ae senescallus predicti, in loco prefate cancellarie habere et de hoc inira
alinm mensem dictum vicecancellarium seu regentem oertificare sub pena
duorum florenorum auri de camera lapsis mensibus predictis cuilibet qui
premissa non adimpleverit, per rescribendarium ipsarum litterum pro tem-
pore existentem in ultra ponendo teneantur, ac decernentes infraseripta et
non alia oonstitutiones et statuta, nisi per nos aut suocessores nostros
Romanos pontifices in futuro de novo edi contigerit, per scriptores prefatos
in postenim perpetuis ftituris temporibus inviolabiliter observari.
2. Quod capellanus habeatur, qui quottidie celebret
missam in cancellaria et quales missas dicere teneatur.
3. Quod numerus scriptorum sit centum et unus et
oegotia sna collegialiter tracteni Item cum multitudo con-
fnsionem pariat, nos tarn ex predecessoribus prefatis quam nostris desuper
eisdem scriptoribus concessis privilegiis et antique consuetudini inherentes
statuimus et ordinamus, quod dicti scriptores, quornm numerus retroactis
causante schismate excessive adauctus iueiat, modernis vero temporibus ad
antiquum, videlicet centum et unius, numerum reductus fore dinoscitur,
centum et unus, qui collegium faciant et pro quibuscunque collegium ipsum
concementibus tractandis negotiis in aliquo honesto loco ad id^) per eos
deputando collegialiter congregari et sie congregati negotia predicta iuxta
modum et formam infrascriptos expedire teneantur et iure aliorum col-
legiorum vivant, dumtaxat et non plures sint nee esse debeant.
4. Scriptores honesto habitu utantur et quales vestes
ge Stare teneantur. Item cum deceat scriptores litterarum earundem
qui familiäres nostri sunt, ut prefertur, et per quorum manus etiam ardua
queque negotia nostra tractantur, vires esse litteratos nee non ad scriben-
dum habiles et ydoneos ac bonorum morum honesteque conversationis et
fame, statuimus et ordinamus quod inantea perpetuis futuris temporibus
singuli scriptores prefati in curia et extra habitu honesto, videlicet nimia
Wevitate vel, nisi eis ratione alterius dignitatis officii. gradus vel ordinis
») VO, fehlt in R.
572 OttenthaL
oompeiat, longitudine non not^ndo, per unam palmam a terra distanie
incedant. Quodque decetero nuUi officinm scriptorie litteramm haiusmodi
oonferatar et soriptores ipsi ad recipiendam aliquem in scripiorem litteranun
earandem quavis auctoritate compelli nullatenns possint, nisi de legitiino
thoro procreatas et ad minus in constmota et soriptora mens et expertns
nee non bone fame et honeste conversationia ac in sacris seu minoribos
constitutus vel saltem clericali caractere insignitus aut clerious com nnica
et^) virgine damtaxat ooniugatos et nnllom ex infrascriptis offidis obtinens
vel exercens existat ac XYIII. sue etatis annom attigerit, mandantes tribna
aut quatuor ex illis") scriptoribus quibus yiceoancellarius seu regens can-
celLariam pro tempore existens examen de novo admittendi in soriptorem
iuxta laadabilem et bactenus observatam cbnsuetudinem, quam etiam nos
tenore presentium approbamus, duxerit committendum, una cum sindids de-
fensoribus dicti officii ipsum de novo admittendum in oonstmctu et scrip-
tura examinare ac de aliis qualitatibus premissis se informare diligenter
debeant et teneantur. Inhibentes quoque districtius yicecanoellario regenii
et successoribus prefatis ac rescribendario et oomputatori pro tempore existen-
tibus ceterisque officialibus et scriptoribus litterarum earundem, ut nnllum
in soriptorem litterarum predictarum recipiant et admittant ac in pitaphio
ipsorum scriptorum describant, nisi per tres vel quatuor alios') scriptores
ac sindicos defensores predictos habilis et sufficiens ac omnes quaiitates
antedictas babens repertus fuerit et, nisi irater filius aut nepos ex iratre
scriptoris fuerit, quos ad solutionem huiusmodi teneri nolumus^), XIX florenos
auri de camera et quinque Turonenses quorum decem unum florenum anri
similem valeant, ante sui admissionem realiter et cum efiectu persolverii
Decernentes nichilominus de novo recipiendum in soriptorem huiusmodi
iuxta antiquam et laudabilem bactenus observatam consnetudinem per duos
menses a die sue ad dictum officium admissionis computandos mediate
emolumentorum huiusmodi offidi carere debere nee post lapsum mensinm
huiusmodi reintegrari posse, nisi iuraverit et alias legitime ooram reecri-
bendario deputatis et sindicis probaverit se huiusmodi presentium litteramm
nostrarum copiam realiter et cum effectu penes se habere, ac irritum et
inane quitquam contra statutum ordinationem mandatum et inhibitionem
nostra huiusmodi per quoscunque quavis auctoritate sdenter vel ignoranter
contigerit attemptari. Per huiusmodi autem statutum et Ordinationen non
intendimus prohibere nee prohibemus, quando aliquod ex in&ascriptis offidis
obtinenti vel exercenti officium scriptorie conferatur, et ad illud admittatur,
dummodo reliquas quaiitates supradictas habeat et ante suam ad huiusmodi
officium scriptorie admissionem officium per eum obtentum predictum dimittat
vel exercitio huiusmodi abstineat realiter et omnino.
5. Habentes certa officia, ut hii non possint admittiad
officium scriptorie. Officia vero de quibus supra, sequuntur et*)
sunt ista, videlicet camere apostolice generalis nee non quorumcunqne
palatii apostolici causarum auditomm et audientie contradictarum notariatuom
ac ipsius audientie contradictarum ac penitentiarie^ procuratorum et scrip-
•) R, fehlt VO. •) V, tribus quattuor et ilHs RO. ») 0, III, IV et
alioB RV. *) in R corr. aus volumus, wie VO haben. ») R, et fehlt in VO.
•) V, penitentie RO.
Die Bullenregister Martin V. und Engen IV. 57S
tomm tarn in sapplicationam per nos sea de mandato nosiro signatarum
quam etiam litteraram nostraram registris et servientiam armonun ac
cursonun et qaecnnque alia officia qae ioxta commmiem reputationem
yiliora sea minora dictis officiis fore oensentar.
6. Inter qaos dividuntar iocalia. looalia vero de quibus
sapra, dc^) diatribni volamos: vicecancellario seu regenti pro tempore
hmosmodi dno, rescribendario duo, computatori anns, aoscoltatohbas unus,
thesaurario nniis, lectoribns in audientia contradictamm nnus, oorrectori
eonqnestaam Y grossi Toronenses, tazatori eorandem conqueBtaum unus,
seneeoallo sea cnstodi canoellarie dao, reliqoi*) vero octo flöreni thesaurario
capelle eorandem scriptornm pro illios ornamentiB et aliis neoessitatibas
aasignentor.
(6^) Qaod eligantur offioiales ut infra. Preterea . . .^) pro
salubrioribas regimine et gubernatione ooU^gü scriptornm huiusmodi, per
qQot et qoales personas ipsom oollegium regi et gubernari nee non quid
ad nninscmnscnnque personarom predictarom offioinm pertinere ac per
qnantom tempas eorum officia dorare velimos, presentibos dncimos sta-
taendum.
7. De electione rescribendarii. Statuimos igitor et ordinamas
quod ad haiosmodi regimen et gubernationem singnlis trimestribos secan*
dum modnm et formam infrascriptos ex ipsis scriptoribns nnns fidelis
diligens longa experientia doctns practicns et expertos qni XXV. bue etatis
annmn ex^rit et ad minus per quinquennium scriptor litteraram earan-
dem faerity in illoram rescribendarium eligatur et deputetur; qui quidem
sie electus et deputatus, antequam officium suum hniusmodi exercere in-
dpiaty iuramentum in vioecancellarii seu regentis pro tempore existentispre-
dicti manibus iuxta foiTuam inferius in rubrica de iuramentis per offioiales
prestandis annotatam prestare teneatur.
8. Bescribendarius distribuat minutas et de hiis que
gratis expediuntur. Ad officium autem rescribendarii pertinere volu-
mus quascnnque ingrossandas minutas scriptoribus distribuere et ingrossatas,
si taxande fiierint, iuxta lohannis predecessoris nostri pre&ti taxas seu nostras,
cum taxas huiusmodi reformare intendimus, postquam reformate fuerint,
taxare; non taxandas vero »gratis de mandato*, si desuper a nobis vel
sucoessoribus nostris pro tempore existentibus mandatum manu nostra vel
successorum predictorum signatum emanaverit, aut »gratis pro deo«, si id
impetrantis paupertas exegerit ipseque impetrans personaliter in Bomana
curia Aierit, iuxta tarnen formam statuti de litteris pauperum inferius per
nos editi signare.
9. Litteras taxe summam florenorum lY excedentes taxet
cum consilio deputatorum et subscriptione. Item quotiens
occurrent littere maioris taxe quatuor florenorum, illas cum consilio et
deliberatione maioris partis deputatorum suorum, qui se pro fide in plica
ab intra subscribant, taxare teneatur, quod si non fecerit, puniatur in taxa
littere ac sub simili pena taxe quam eo ipso contrafaciens incurrat, nullam-
1) RY, tapra sequnntur et sie 0. *) B^ contradictarum unus, seueacallo
aeu c. c duo, oorrectori iustitie minoris est anius (!), taxatori oonquestaam Y grosaos,
reliqoi YO. *) Die phrasenreiehe Begrfindxing übergehe ich.
574 Ottenthai.
que sab simili pena taze ex litteris taxandis et non Gomputandia, yidelicet
non ponendis in pitaphio, signare vel taxare^), nisi in presentia oomputa-
toris et maioris partis deputatorum, qui similiter pro fide in plica ab intn
8e sabscribant.
10. Quod resoribendarius faciat singulis menaibaa con-
gregationem et puniat delinquentes. Preterea aingalis menaibns,
ad minus videlioet in illorom principiis et qaotiens sibi pro dicto eoliegio
scriptorom expediena visam fuerit, collegium scriptorum oonvooare ac de-
linquentes scriptores iuxta delinquentinm exigentiam panire et omnibas et
singalis scriptoribus presentibus equalitatem distributionum faoere ei si in
primo defeoerit in secondo, si vero in seoundo etiam defeceht, in teriio
mensibus dei'ectus huiusmodi suppleat, alioquin solvat et satisfaciat scriptori
cui non distribuerit partem suam et recipiat in attende sapra, si quid
aileri dare et distribnere ex sua negligentia omisit, non stricte tarnen
considerando de duobus vel tribus florenis in üne trimestris; et faeientes
rationem contra rescribendarium qui equaliter non distribuerit, faanc con-
stitutii}nem plenarie exequantor et alioa rescribendarios suocesaores doceant
huiusmodi constitutionem in posterum efficaciter observari et si &cientes
rationem ac compotum huiusmodi hoc facere neglexerint, resoribendarius
suocessor ad instantiam et querelam scriptorum quibus non faerit distri-
butionum equalitas observata, sub pena saiarii et emolumentorum snomm
facere et exequi teneator, que pena applicetur capelle antedicte.
11. Subtrahat attende singulis mensibus et quantam').
fiescribendarius insuper scriptonbus in attende existentibus det 11, Ulf
lY, y aut VI vel Vlll florenos secundum magnum aut parvum attende
ipsorom mense quolibet, ut huiusmodi attende succesive de&lcetur et pita-
phium reducatur ad paritatem per bonam et providam distributionem et
illud idem servetur ultra.
12. De tempore absentie concedende et quomodo con-
cedatur. Item dictus resoribendarius cum consilio et assensu deputa^rum
ßt sindioorum defensorum seu ntmioris partis eorum, indigentibus scilicet
et volentibus ire ad balnea vel ad alia loca pro saiiitate recuperanda seu
Qonservanda, unius mensis, dommodo quod in balneis vel aliis locis huius-
modi ratione sanitatis per maiorem partem dicti mensis steterit, hdemper
iuramentum seu ydoneos testes ipsis rescribendario d^utatis et sindicis
defensoribus fecerit, aliis vero recreationis seu alia ratione vel alia qufbcun-
que causa a Bomana curia recedere volentibus XY dierum absentiam dom-
taxat et semel in anno dare possit et non alias nee aiio modo, nisi de
expresso mandato nostro vel suocessorum nostrorum prediQtorum noatra vel
illorum manu signato ; si vero contrarium fecurit, illud irritum sit et inane
ac ipai rescribendario pro tempore ponatur in ultra. Yolumus autem quod
huiusmodi pro tempore concesse absentie notentur in libro düigenter, ut
omni tempore appareat, quibus ille concesse fuerint et ipaarum quelibet
semel tantum in anno et non pluries concedatur.
') RYO, Herr Dr. Skodlar verglich auf meine Bitte diese und andere unklare
Stellen noch m als mit dem Register; sc. debeat oder voliimus aus § 8, was eich auch
noch auf convocare, punire, &oere im folgenden Paragraph zu beziehen hat ^) Y.
Ti'noatur subtrahere vel diäcompuiare attende üingulorum quolibet menae Ü.
Die Bullenregister Martin V. und Eugen TV. 575
13. De litteris de curia et qualiter scribi et remuae-
rari debeant Et insuper, quoniam onei-a in partes divisa facilius sup-
portantor et qoi oommodom sentit, onus seutire debet ac propterea^ cum
pleromque littere de curia que de sui natura gratis scribende sunt, scribi
babeant» dictos rescribendarius pro tempore nomina omnium et singulorum
aoriptorum, quibus per ordinem littere de curia huiusmodi pro tempore
distribuantur, in uno libro notare et si tales littere de meliori et formosiori
littera scribende sint, illas melius et pulcbrius sohbentibus, alias vero aiiis
scriptoiibus equaliter pro posse distribuere teneatur nee pro aliqua ex dictis
litteris de curia scriptori illam scribenti in attende aliquid in pitaphio
ponat, nisi huiusmodi littera numerum XXY linearum quarum quelibet
XXVI dictiones in se contineat, forsitan excederet, quo casu scriptori pro
huiusmodi littera Y Turonenses quorum X unum florenum auri de camera
valeant) et si XXV huiusmodi linearum numerum exoesserit, pro qualibet
linea in quo excedet, sextam partem similis Turonensis in attende ponere
nee non huiusmodi excessivas litteras cuilibet scriptori incipiendo a prinio
in ordine et successive usque ad ultimum continuando distribuere^).
14. Quod in fine cuiuslibet mensis fiat ratio et per
quos et [de] concordando pitaphio cum libro pitaphii et
libro plumbi et de erroribus corrigendis. Preterea, cum in fine
cuiuslibet mensis ratio sive computum fieri debeat iuxta laudabilem hactenus
observatam consuetudinem, quam et inposterum perpetuis fiituris tempori-
bus inviolabiliter per presentes decemimus observandam, quod dictus rescri-
bendarius ad huiusmodi rationem seu computum deputatos et sindicos
defensoros nee non aliquos alios ad minus IV bene practicos doctos et ex*
pertos ex ipsis soriptoribus vooare teneatur, quodque deputaü seu vocati
ad rationem et computum huiusmodi aliquam gratiam, videlicet reintegrando
seriptorem de novo admissum aut ratione absentie aliquid in pitaphio in
attende ponendo seu alias quomodolibet, nisi iuxta presentium oonstitu-
tionum et statutorum formam ac teuerem facere non presumant, alioquiii
cuilibet contrarium facienti pena II florenorum auri de camera prefate
eapelle applicandorum irremissibiliter inferatur ac prefati deputati eadem
vel sequenti die, . postquam fecerint rationem vel computum, revideaut
pitaphia dicti exacti mensis cum libro pitaphiorum, in quo nomina omnium
seriptorum et quid in mense in summa scripserint nee non attende et
ultra eorum denotentur, et si aliqui errores commissi fuerint, corrigant et
emendent etiam cum infrasciipto libro taxarum in plumbo sicque toUentur
suspitiones et oblocutiones.
15. De iuribus pitaphiis et libris officii conservandis.
Continuetur autem dictus über pitaphiorum iam duclum inceptus et reponatur
in capsa in qua cum IV clavibus, una rescribendario, alia computatori,
reliquis vero duabus duobus ex sindicis defensoribus dicti officii assignandis,
iura et privilegia dicti officii conserventur, rescribendarius vero contrafaciens
salarium suum perdat eo ipso. Districtius autem inhibemus dicto pro
tempore rescribendario, ne durante tempore officii sui aliquas pecunias
tangat vel recipiat ex officio pro aliquo negotiu seu facto officium huius-
modi coucernente nee possit aut debeat ponere seu scribere in pitapbio
') RVO, .-c. teneatur, vgl die vorletzte Anmerkung. ; ;
576 Ottenthal.
aliquem scriptorem de novo admittendam, etiam per scriptores deputatos et
sindicos defensores predictos habilem et ydoneum repertum, ut prefertar,
sine oonsensu et deliberatione scriptorum collegialiter coogregatoram vel
maioris partis eorum, nisi de special! nostro vel successorum predictorum
mandato nostra^) vel illoram mana signato, quod si aliquem oontra haius-
modi inhibitionem admiserit, rescribendarie officio privatos et per unum
annum emolomentoram officii suspensas ezistat eo ipso ac taliter admissus
habeatur pro non admisso et de pitaphio deleator.
16. Quilibet eligat sibi scriptorem et rescribendarias
non potest eligere et quod rescribendarias et compntator
non scribant. Item aliquas vicarias non &ciat, hoc est pro aliquo
scriptore ex se ipso et sua ordinatione scribi faciat quovis modo, sed solum
scriptor ille qui per alium scriptorem pro se scribere facit, habeat eligere
scriptorem unum qui pro eo scribat, nee ipse nee etiam compntator die-
tarum litterarum pro tempore existens aliqaas litteras taxandas yel non
taxandas yel etiam de curia pro quibus aliquam mercedem oonsequantur'),
scribant, prout nee de presenti soribunt, set sibi 3) pro eorum portionibus
et salariis provideatur de litteris bonarum taxarum; si vero oontrarium
fecerint, penam X Turonensium contrafacientibus pro qualibet littera in
ultra per sindicos aut rescribendarium subsequentem ponendorum-incurrant
17. De electione computatoris et eins officio et quod
rescribendarius ad eins arbitrium reducat taxas. Geterum,
quoniam duorum testimonio stat omne verbum et propterea credatur ab
antiquo inventum fuisse computatoris ofßcium, nos illud tenore preaentium
approbantes statuimus et ordinamus, quod dictis singulis trimestribus secnn-
dum modum et formam infrascriptos ex prefatis scriptoribus unns fidelis
diligens practicus et expertus qui XXIII. sue etatis annum exegerit et per
triennium ad minus scriptor fderit, in computatorem eligatur et deputetur
quodque in computatorem electus et deputatus huiusmodi iuxta laudabilem
hactenus observatam consuetudinem litteras taxatas diligenter computare et
si quas minus aut ultra debitum forsan taxatas viderit', antequam illas
oomputet, rescribendarium pro tempore et si rescribendarius non acquieverit
ac taxam correxerit addendo vel minuendo, prout iustum iuerit, sindicos
defensores ac deputatos predictos desuper avisare teneaturv
18. De electione auscultatorum et eorum officio. Quia
vero in auscultatoribus pro parte pendet auctoritas expeditionis litterarum,
pari modo singulis trimestribus eligantur et deputentur in auseultatores
duo fideles et longa experientia practid et experti qui ad minus per quin-
quennium scriptores fuerint, quique diligentes se exhibeant in auscultando
Jitteras rescribendas et rescriptas et prudenter advertant et nullum Vitium
in ascultatis litteris transire permittant, virgulent litteras et oongruitated
et incongruitates cognoscant, pre ceteris acuant oculos in datis litterarum
diminutionibns et additionibus litterarum diligenter perspectis tenoriboSy ne
ialsitas aliqua committatur.
19. De electione deputatorum et eorum officio et in
eorum electione aliqui remaneant de antiquis. Et insuper ut
rescribendarius eo consultius et absque nota aliqua officium suum exeroeat,
») y, fehlt RO. •) VO, consequatur R. ») R, ipsi VO.
Die Bullenregister Martin Y. und Engen lY. 577
quo plorimoram ei assistentium oonsilio et auxilio uti poterit, similiter
dictis singalis trimestribus eligantor et deputentur lY vel YI seu YIU ex
ipsis scriptoribus qui peritiores et aptiores esse videantur et assistant
rescribendario in singalis agendis occarrentiboS; maxime concementibus
honorem statam et conservationem prefati ooUegii; et in sapplementum
negligentie rescribendarii, si rescribendarius per eos desuper requisitus id
faoere neglexerit, possint coUeginm hniosmodi convocare exponere et noti-
ficare oocarrentiam et deinde prooedere iuxta matoram^) et providam de-
liberationem coUegii prelibati; qaodqne hniosmodi deputatio domtaxat per
trimestre tempns dnret, in seqnenti vero alia depatatione remaneant U
vel m ex antiqnis, qui novos deputatos de singalis oocorsis et oocarrendis
pro atilitate et commodo offidi plenius yaleant informare agere defendere
et exeqoi, proat faerit expediens et opportonnm.
20. De erectione defensoram officii et eoram exercitio.
Preterea qaoniam param est statata edere, nisi sint qoi illa exeqaantar
nofinnteneant et observari faciant, eligantar sea depatentar simili modo ex
scriptoribos predictis singalis trimestribas huiasmodi tres aut qaataor fideles
bone fame et conversationis animosi et diligentes, qoi odio amore timore
et pretio sepositis invigilent et stadeant qaod tam sapra qoam infra per
nos edita constitationes et statata inviolabiliter per nnomqaemqae ex diotis
officialibas et scriptoribas observentur, et non observantes aat in aliqao
circa illa qaomodolibet delinqnentes, etiamsi rescribendarias aat alias ex
dictis officialibas faerit, vioecancellario sen regenti pro tempore predictis
deferre et notificare neo non quod delinqaentes pro modo delicti paniantar
et ab hac pena realiter et omnino exigantar ac in sindicandis officialibas
nomine officii contra huiasmodi sindicandos generalia capitala dare et qaod
contra ipsos sindicandos absolationis vel condemnationis per sindicos ad id
depatatos infra terminom desaper statatam sententia feratar sea promul-
getar, diligenter et cam effectu insistere teneantar, penas qaas contra
delinqaentes exeqni facere neglexerint, eo ipso incarsari.
21. De electione thesaurarii et eias officio. Eligatar qao-
qae singalis dictis trimestribas anas ex ipsis scriptoribas fide et facaltati-
bas ydoneas in thesaararium dicti officii, qai caram et regimen pre&te
capelle sascipiat caique consignentar omnia in scriptis qae sant et erant
ad servitiam eiasdem capelle pro tempore depatata et describantar in ano
libro mansaro apud rescribendariam pro tempore existentem et etiam in
ano alio libro mansaro apad ipsom thesaararium, qui etiam caram et onus
habere teneatur de rebus ipsis capelle diligenter custodiendis et reassig-
nandis loco et tempore, prout per rescribendariam et deputatos pro tem-
pore existentes faerit dictum factum et ordinatum.
22. De electione tenentium libram plumbi. Et insuper
duo ex ipsis scriptoribas fideles et experti singalis trimestribas eligantar
et deputentur qui teneant librum taxarom in plumbo, diligent.er singulis
diebos plumbi ad locum plumbi accedere et in ipso libro taxas litterarum
describere ac in fine cuiuslibet mensis, dum computum sive ratio fiet,
dictum libram portare, et si qua dubia in pitaphiis rescribendarii et
compatatoris emerserint, per dpsius libri inspectionem declararentur, ac de
^ Y, natnram RO.
MittheUiuiKen, Eisrftniongsbd. I. CS
578 Ottenthal.
officio huiusmodi fideliter ezercendo iuramentuin in manibos rescribendarii
in presentia coUegii seu maioris partis scriptoram prestare teneantur, alioquin
iuzta per eos in huiusmodi exercendo officio commissam negligentiam sindi-
corom arbitrio puniantur.
23. De rescribendarii electione et computatoris et de
modo elig^sndi. Omnium autem singulorum o^dorum predictoram
officia tantum trimestre durare volumus, ita quod dictus rescribendarius
per Vni vel VI dies ante finem sui officii collegium scriptorum huiuBmodi
pro eligendis et deputandis officialibos predictis congregare debeat et teneator
ac per scriptores congregatos huiusmodi, maturis consultatione et delibera-
tione prehabitis habitoque respectu non ad personas, cum in unitate cantatis
et dilectionis pro ipsius coUegii augmento et conservatione se ut firatres ac
ut unius corporis membra invioem diligere et habere debeant, sed ad per-
sonarum merita nee non eiusdem coUegii commodum pariter et honorem,
tres vel quatuor pro rescribendario et totidem pro computatore ac sex pro
auscultatoribus ex fidelioribus et peritioribus dicti coUegii iuxta formam
inferius annotatam eUgantur nee non sie electorum nomina yiceoanceUaho
seu regenti pro tempore presententur, ita ut inconcusse prima die mensis
ex sie electis et presentatis dumtaxat, nisi aUud per nos vel suocessores
nostros pro tempore fueht ordinatum, per vicecanoeUarium seu regentem
huiusmodi novi rescribendarius computator et auscultatores fiant^) et nomi-
nentur, decernentes irritum et inane si secus super hiis per vioecanceUarium
seu regentem huiusmodi quomodoUbet fuerit attemptatum.
24. De salario rescribendarii computatoris ausculta-
torum et eorum qui tenent librum plumbi. Ex officiaUbus vero
predictis iuxta laudabilem et hactenus observatam consuetudinem rescriben-
darius computator et auscultatores Ubrum plumbi tenentes dumtaxat ab
officio huiusmodi salaria percipiant, videUcet rescribendario pro salario et
eiuB pitaphio V et II pro collatione, computatori similiter pro eins pitaphio
et salario lY, cuilibet ex auscultatoribus III, ex tenentibus librum in
plumbo unus floreni^) auri et non plus vel minus secundum quaUtatem
temporis et distantiam loci ac ipsorum scriptorum determinationem singolis
mensibus in attende assignentur, prout hactenus extitit observatum.
25. De electione sindicorum et tempore electionis . . .^
statuimus et ordinamus, quod quilibet rescribendarius pro tempore per
lY vel Y dies, postquam ad officium rescribendario assumptus seu deputatos
fuerit, coUegium pro eligendis sindicis qui rescribendarium et omnes alios
et singulos officiales preteritos sindicent, sub pena privationis salarii sui
congregare debeat et teneatur.
26. De officio sindicorum et quid facere teneantur.
Eligantur autem ex ipsis scriptoribus tres viri utique timentes deum, iustitie
et rei publice amatores, qui summarie simpliciter et de piano sine strepita et
figura iudicii, sola facti veritate inspecta, etiam absque alicuius iudiciarii ordinis
forma servata, rationem de gestis nee non administratis predictis videndi
diligenter et examinandi nee non omnes et singulos officiales predictos
corrigendi mulctandi puniendi et absolvendi, prout iustum fuerit, potestatem
») R, auscultatores eligantur fiant YO. >) R, unius floreni YO. •) Die
belanglose Arenga übergehe ich.
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen FV. 579
habeant, ita tarnen quod infra menaem a die deputationis eorum numeran-
dum rescribendariom et officiales predictos sindicasae absolvisse vel mulctasse
teneantor sub duspensione ^) emolumentorum ab officio per unum mensem,
et qaod rescribendarius pro tempore existens sab dupli penis^) qoas contra-
facientes eo ipso incurrerent, in&a alios XY dies ponendo ouilibet contra-
facientium penam per eum incoraam in ultra, banc oonstitutionem exequi
teneator omnino ad instantiam sindicorum defensorum officii et coius intererit
nee non quorumcumque aliorum scriptorum supra boc querelam facientium.
27. Quod scriptores teneantur Interesse misse per eorum
capellanum oelebrande saltem diebus festivis.
28. De servando stilo in scribendo et de rescribendis
faciendis et infraquotdies. Item quod dicti scriptores sint diligentes
in scribendo litteras in bona forma ac vigilent et sequantur et studeant
stilum canoellarie antiquum et laudabilem in omnibus observare et si littere
ipsorum defectu rescribende fuerint, eas suis babeant expensis rescribere seu
rescribi facere infra tres dies a die requisitionis partis numerandos absque
solutione vel remuneratione, etiam si eis gratis oblatum faerii
29. Quod non scribatur sine distributione et de tem-
pore ingrossandi minutas. Quodque nuUas scriptor aliquam litteram
gratiam vel iustitiam continentem sine distributione rescribendarii vel alterius
potestatem habentis scribere presumat, exceptis Htteris de iustitia a floreno
infra inclusive taxandis aut > gratis de mandato* expediendis; qui vero oon-
trarium fecerit, eo ipso penam Y Turonensium ipsi contrafadenti in ultra
ponendorom pro qualibet littera incurrat et si rescribendarius neglexerit
boc exequi, pro qualibet littera similem penam incurrat. Ac singuli scrip-
tores notas seu minutas sibi distributas infra tres dies ultra a die illius
sibi ÜEicte presentationis numerandos scribere vel scribi facere et ingrossare
ac illab et alias quascunque, etiam »gratis de mandato^ expediendas, impe-
tranti vel sollicitanti seu alteri cuicunque scriptas taxatas et in pitapbio
positas et non aliter aut »gratis de mandato^ vel »gratis pro deo^ seu
alias, prout ipsarum litterarum natura requirit, per ipsum rescribendarium
signatas, nisi huiusmodi littera ei per rescribendarium boc modo, videlioet
»recipe de curia*, faerit distributa, restituere teneatur. Si quis vero con-
trarium fecerit, eo ipso penam taxe qua diota littera etiam gratis signanda
alias fuisset taxanda, duplicate iuxta quandam per dictum lobannem pre-
decessorem nostrum desuper editam oonstitutionem per rescribendarium pro
tempore existentem ab ipso contrafaciente irremissibiliter exigendam et
capelle antedicte applicandam pro qualibet littera incurrat, et si rescriben-
darius dictam penam taxe exigere neglexerit, pro qualibet littera simili
pena taxe plectetur.
30. Quod non restituantur littere sine taxa, nisi sint
signate »gratis* et quando restitui possint^. Yerum quia
1) YO, suspensionis R. *) R, sub dupla pena YO. ') Darauf bezieht sich
auch die in 0 inseriite Yerordnung Sixtus lY., von der ich einen Auszug hersetze:
Cum ordinationes ab Eugenio lY. scriptoribus date temporum malitia in desuetu-
dinem oonverse sunt, nos, quia accepimus scriptores litteras apL per eorum inanus
scriptas et sine rescribendarii lioentia subscriptas et sine eins licentia et manus apposi-
tione partibus aut sollidtantibus eau tradere, tnandamus, ne quis scriptor ea que sibi
88*
580 Ottenthal.
plerumque casus oocorrere possent, quibos minus honestum seu utile foret
huiusmodi statutum observare, volumus et decernimus quod, si forsan pro
tempore alicui soriptori quod aliquam per eum ingrossatam litteram absque
eo quod per rescribendarium taxetur vel signetur, sollicitanti vel alteri
restituat, si per nos vel successores nostros vel aliquem ex nostris seu
ipsorum suooessorum cubicularios secretos aut aliquem alium ad id per nos
vel dictos successores pro tempore deputandum in scriptis seu oraculo vive
vocis mandatum fuerit, hoc casu litteram scriptor restituendo huiusmodi
taxe duplicate totaliter penam predictam evitet, dummodo, ut via fraudibus
penitus precludatur, dictus scriptor infra tres dies a die sibi facti mandati
huiusmodi computandos in scriptis illud presentet, alioquin nomen et
cognomen cubicularii vel deputati, si per cubicularium vel deputatum, ut
prefertur, sibi factum fuerit, ac numerum et, nisi quod secretam habeat
iniunctum fuerit, materiam litterarum predictarum rescribendario et uni ex
sindicis defensoribus prefatis notificet, ut ipsi rescribendarius et sindici
defensores super inde se possint de veritate informare; alioquin si pre-
sentationem vel notificationem huiusmodi infra prefatos tres dies non fecerit,
taxe duplicate penam antedictam incurrat et si mendax repertus ^erit,
ultra dictam penam ab emolumentis officii per unum mensem suspensus sit
ipso facto.
31. Non scribens habeat unum dumtaxat pro se scrip-
torem soribentem. Item quod quilibet scriptor non scribens habeat
unum dumtaxat scriptorem pro eo^) scribentem nee rescribendarius pro
tempore existens admittat alium a predioto, et si contrarium fecerit, tem
scriptor quam rescribendarius penam V florenorum qualibet vice et pro
quolibet eorum incurrat capelle predicte applicandam, quam rescribendarius
suocessor auferat suspendendo eos ab emolumentis offiicii, nisi') tamen
emolumenta capelle applicentur antedicte.
32. De modo distaxandi litteras et de taxa mutanda.
Item ad fraudes et suspitiones evitandas nunquam decetero fiat taxa mutata,
sed potius littera distaxetur et littera de novo rescripta taxetur nee in
pitaphiis pro diminutione aliquid ponatur, sed cum casus emerserit dimi-
nuendi taxam, fiat diminutio non taxata^) littera, presente computatore et
aliquibus ex deputatis, quorum duo in plica littere inscribant signumque
aliquod faciant super hoc ad fidem in pitaphio; etiamsi diminutio fiat in
eodem mense, id quod toUitur de littera, tollatur de pitaphio, si vero
littere essent de mensibus preteritis, id quod demitur, ponatur in attende.
33. Quod scriptores accedant ad funus sociorum de-
functorum.
34. Quod recedentes a curia significent diem recessionis
et reversionis. Preterea quod scriptores recedentes a curia significent
recessus eorum rescribendario et si secus fecerint, interim careant emolu*
secrete scribenda commissa erunt-, alicui audeat quoqno modo revelare neque tiUe
persone sine sui nominis subscriptione absque speciali nostro mandato et rescri'
bendarii etiam subscriptione litteram aliquam restituere presumat, litteris minoris
iastitie in forma pauperum ac ad unum beneficium simplidbuB benefioüs dam-
taxat conceptis (!).
•) RVO. •) RV, ipsa 0. >) R, intaxata VO.
Die Bullenregister Martin V« und Eugen IV. 581
mentis ofifioii pro eo tempore quo absentes fuerint, etiamsi absentia aliqna
gavisuri essent et revertentes ad coriam similiter rescribendario se repre-
sentent et si se non presentaverint, pro absentibus habeantor.
85. De tempore litterarum distaxandarum et de Pro-
rogationen) temporis. Item quod littere taxate^), si partes vel scrip-
tores vellent seu peterent illas distaxari, teneantur et debeant in fine
trimestris illas distaxandas rescribendario presentare, alias elapso trimestri
nullatenos distaxentor, nisi per rescribendariom et computatorem, postqaam
fdennt presentate et iosta oaosa fderit tempos prorogatum; et si iudicate
faerint per iUos de parco et expedite, tnnc nallo tempore distaxentor,
prout antiqoitas extitit observatum, nisi forsan essent expedite contra vo-
luntatem et intentionem impetrantis.
36. Quod scriptores non teneant concubinas.
37. De litteris signandis in forma pauperum et aliis
pro deo gratis concedendis. Com autem pauperibus nollatenus sit
deneganda elemosina, tum de eomm paupertate constat et pretextu elemosine
meroes laborantium subtrahi non debeat, antique et diutine desuper obser-
vate consuetadini inberentes statnimus et ordinamos, quod rescribendarius
pro tempore tma cum maiori parte deputatorum et sindicorom defensorum
qoi se in plica littere subsoribant, litteras expectativas ad unum beneficium
tantom et etiam super benefido vacante non reservato ouius fnictus XY
libiamm Turonensium parvorum secundum conmiunem extimationem valorem
annuum non excedant, et pro presente in Bomana curia reoeptisque super
illius paupertate duorum fide dignorum testimonüs et eiusdem pauperis
iuramento dumtaxat, alias vero litteras quascunque non, nisi ut prefertur,
et de consensu omnium et singulorum deputatorum et sindicorum defen-
sorum predictorum qui in plica littere similiter se scribant, > gratis pro
deo* in totum nee etiam pro medietate, nisi de consensu maioris partis
huiusmodi qui similiter in plica littere se scribanti et in omnibus casibus
antedictis non nisi pro presente signare possii Quod si contrarium fecerit,
penam taxe ipsarum sie signatarum litterarum duplicatam eo ipso incurrat.
38. De numero familiarium domini vicecancellarii et
regentis, quibus gratis concedi littere debeant. Ceterum
quoniam plerumque nonnulli sub nomine familiaritatis vicecancellarii seu
regentis cancellariam huiusmodi, licet revera tales non existant, non modo
pro eis sed etiam pro ipsorum beneficiorum ecclesiasticorum, videlicet super
indulgentiis et alias litteras^, »gratis pro familiari domini vicecancellarii*
seu »gratis pro familiari domini regentis* litteras expediunt seu expedire
üadunty nos herum malitiis obviare volentes statuimus et ordinamus, quod
inantea perpetuis futuris temporibus vicecancellarius pro XXX et in illius
dumtaxat absentia regens predioti pro YIII familiaribus suis continuis com-
mensalibus, qui ad minus per unum annum illorum servitiis continuo
insteterint et non pro pluribus nec^) alias litteras gratis habeant; quodque
nomina et oognomina XXX seu YIII familiarium huiusmodi, ne idias firaudi
locus existat, in aliquo libro cancellarie predicte describantur ao pro ipsorum
*) 0, prerogativa y. •) V, taxande RO. •) RVO, wol zu emendiren:
pro ipsorum beneficÜB eocleBiasticis • . • indulgentiis et aHis litteris. *) YO, nee
fehlt in R.
582 Ottenthai.
personis tantum et non beneficiis, ac in ipsis litteris quod talis familiaris
continuus commensalis et de numero predicto existat et servitiis predictis
continuo per annum institerit, expresse ponatur, alioquin rescribendarius
qui secus fecerit, non modo taxe qua secus signata per eum littera venisset
taxanda, duplicate penam, sed etiam excommonicationis sententiam, a qua
quavis auctoritate absolvi non possit, nisi huiusmodi penam ante omnia
eidem capelle realiter persolverit, incurrat eo ipso.
39. Quod determinationes et negotia scriptorum per
fabas fiant et ad partitum ponantur. Et insuper quia onitis-
cuiuscunque coUegii felici regimine et conservatione illud potissimum fore
dinoscitur, ut in discutiendis terminandisque negotiis certi raodi et forma
serventur, per quos singule ipsius collegii persone libere et secore, omni
aententie timore postposito, vota sua iuxta eorum rectam conscientiam super
agendis seu terminandis negotiis buiusmodi prestare valeant, statuimus et
ordinamus quod inantea perpetuis futuris temporibus tarn electiones offici-
alium quam alia quecunque per coUegium huiusmodi scriptorum tractanda
negotia per fabas secrete per unumquemque scriptorum in pixide ponendas
fiant concludantur et terminentur. Quodque ea omnia et singula dumtaxat,
quecunque et qualiacunque fuerint, in congregationibus coUcgii huiusmodi pro
tempore faciendis proponantur et ad fabas seu partitum^) ponantur, qae
primo per duas partes ex tribus partibus ex rescribendario deputatis et
sindicis defensoribus prefatis insimul ad hec primitus congregatis conclusum
et terminatum fuerit*), decemendo in'itum et inane quicquid per dictos
scriptores contra statutum et ordinationem huiusmodi proponi concludi et
t-erminari seu alias quomodolibet attemptari in posteram contigerit. Quem
yero modum seu quam formam dicti scriptores in huiusmodi congregationi-
bus in sedendo proponendo et vota per fabas scrutando tam in officialimn
electione quam aliis per eos coUegialiter tractandis determintmdisque negotiis
nee non ipsos scriptores ad huiusmodi congregationes vocando et non
yenientes puniendo et venientes premiando nee non penas presentibus in-
flictas exigendo et, ut citius et realiter exigantur, statuendo in omnibusque
aliis et singulis ac circa premissa necessariis seu quomodolibet opportunis
servare debeant, per aliquos ex ipsis scriptoribus ad id per huiusmodi
collegium deputandos, quibus super hiis plenam t«nore presentium oon-
cedimus facultatem, statui et ordinari volumus, decernentes omnes et sin-
gulos modos et formas quos sie deputati scriptores circa premissa statuerint
et ordinaverint, per eos et alios scriptores litterarum predictarum presentes
et futuros firmiter observari ac in libro in quo huiusmodi nostra oon-
stitutiones et statuta scriberentur, post illa*) ad peipetuam rei memoriam
scribi debere.
40. luramentum rescribendarii. luramenta*) vero per offi-
ciales predictos prestanda seu illorum forma sequuntur: Ego N. rescriben-
darius iuro, quod officium per vos domine vicecancellarie vel per vos domine
regens cancellariam apostolicam de mandato domini nostri ad tres menses
michi commissum dili genter et fideliter exercebo fraudem et dolnm circa
illud nullatenus committendo. Item quod de YII florenis auri de camera,
") R, porticum VO. ») RVO, itätt conclusa terminata fixerint. •) VO»
illam R. *) luramenta — sequuntur fehlt in VO, luramentum R.
Die BuUenregist^r Martin V. und Eugen IV. 583
IV Tidelioet pro salario officii rescribendariatus et xmo pro pitaphio et II
pro collatione, iuxta observatam consaetudinem singalis mensibas [a] scrip-
toribas rationem seu oomputom pitaphii faoientibas micbi in attende po-
nendis qaolibet mense oontentas ero nee ultra bos per me vel aliom
redpiam vel recipi faciam qnovis modo nee faciam vicariam pro aliquo alio
scriptore» quamdiu rescribendariüB ftiero. Item quod in distribuendis notis
seu litteris semper fideliter et sollicite nullis amore prece precio odio vel
ranoore ductus, prout potero, equalitatem et paritatem servabo. Item
concta secreta ratione of&oii predicti micbi committenda seu communicanda
secrete observabo ao ea biis quibus ex of&do predicto pro ea scribenda^)
oommunicare babebo, secrete scribenda et expedienda oommittam. Item
quod omnia statuta et oonstitutiones per ss. d. n. dominum Eugenium
papam IV. ultimo edita neo non taxationes litterarum per fe. re. lohannem
papam XXII. ordinatas soriptas et insertas in libro taxarum canoellarie alias
iuxta oonsuetudinem bactenus observatam secundum consilium deputatorum
meomm fideliter observabo. Item quod omnes litteras apostolicas per me
taxandas, exoeptis litteris de curia et illis dumtaxat, que de mandato sanctissimi
d. n. pape »gratis ubique* aut de mandato vestro »pro deo* vel alias ad
scribendum gratis signate fuerint, scriptoribus qui eas scripserint in pitapbio
fideliter computabo, nullam de eis scienter oomputare illis qui eas, ut pre-
feriur, scripserint, quomodolibet pi^termittendo. Item quod non exponam
nee solvam aliquid de officio alicui persone nee taxabo aliquid super officio
neo dabo absentiam alicui scriptori, nisi de voluntate scriptorum vel maioris
partis et ipsis congregatis, neo aliquo quesito colore recipiam munus vel
eusenium pro faciendo aliquid in officio rescribendarie. Item quod pro
huiusmodi officio assequendo nicbil dedl aut promisi per me aut alium
nee quenquam rogavi nee alius me procurante rogavit. Item quod nulli
dabo sive distribuam notam vel litteram ad scribendum illi^, quem d. papa
vel vicecancellarius ad tempus vel in perpetnum duxerit suspendendum,
salvo per omnia mandato vestro, sie me deus adiuvet et beo sancta dei
evangelia.
41. luramentum computatoris. Ego N. iuro, quod officium
computationis^ litterarum apostolicarum taxatarum micbi ooncessum per
TOS domine vioecanoellarie seu per vos d. regens cancellariam apostolicam
de mandato d. n. ad tres menses diligenter exercebo, videlicet omnes tam
gratie quam iustitie per me prius visas et advertenter inspectas et non
verbo seu ad dictum vel ad relationem alicuius recte et fideliter oomputabo,
fraudem aut dolum scienter nullatenus committendo. Item quod pro buius-
modi officio assequendo nil dedi vel promisi per me vel alium nee quem-
quam rogavi nee aliquis me procurante rogavit, sie me deus adiuvet et
beo sancta dei evangelia.
42. luramentum prestandum per auscultatores. Ego N.
iuro, quod officium auscnltationis micbi oommissum diligenter et fideliter
exeroebo, fraudem aut dolum circa illud nullatenus committendo. Item
nullam litteram auscultabo, que non ^erit taxata et computata et alia
babeat debita ac solita signa expeditionis canoellarie. Item quod pro buius-
■) R, eo scribenda VO, man sollte erwarten pro ea scribendo. ') BVO,
wol zu em^ndiren quod noUam — illi. ') VO, feblt in R.
584 Ottentbal.
modi oflioio assequendo nil dedi vel promisi per me yel aliüm nee qoeni-
quam rogavi nee aliquis me procuiante rogaviti sie me deus adiavet et
heo sanota dei evangelia.
43. luramentum depatatorum ad assistendum rescri-
bendario super taxis. 'Ego N. ioro, quod offioiom ad assistendam
refloribendario litterarum apostolicaram micbi oommissum mazime super
ooncernentibus bonorem statum et oonservationem ooUegii scriptorum dili-
genter et fideliter exercebo et in singulis agendis et occurrentibus eidem
rescribendario assistam, &ciendo onmia et singula que ad meum spectant
officium, sie me deus adiuvet et bec sancta dei evangelia.
44. luramentum sindicorum defensorum. Ego N. sindicus
defensor coUegii et offidi scriptorie litterarum apostolicaram iure, quod
officium micbi oommissum diligenter ac fideliter exercebo, constitutiones ac
statuta per sanctissimum d. n. Eugenium papam lY. super reservatione
officii scriptorum litterarum earundem noviter edita inviolabiliter per unum-
quemque ex officialibus et scriptoribus prefatis observari faciendo et non
observantes aut in aliquo contra illa delinquentes quomodolibet sancte
Bomane ecclesie yicecanoellario seu cancellariam apostolicam regenti pro
tempore deferendo et notificando, et quod delinquentes pro modo oulpe
puniantur et quod ab eis pene realiter et omnino exequantur et auferantur
insistendo, omnia alia et singula que ad meum per constitutiones et statuta
buiusmodi officium pertinere deoernuntur ^) faciendo, sie me deus adiuvet
et bec sancta dei evangelia.
45. luramentum tbesaurarii.
46. luramentum prestandum per sindicos deputatos ad
sindicandum officiales. Ego N. sindicus ad sindicandum offidales
canceUarie proxime preteritos iuro, quod officium sindicatus buiusmodi
micbi oommissum Omnibus amore precio prece odio timore et rancore et
bumana causa et gratia postpositis, solum deum pre oculis babens iuxta
modum et formam constitutionum et statutornm per ss. d. n. d. Eugenium
papam lY. pro reformatione officii scriptoram litterarum apostolicarnm
ultimo editorum diligenter et fideliter exequar, prout iustum fiierit, sie me
deus adiuvet et bec sancta dei evangelia.
47. luramentum prestandnm per deputatos ad com-
putandum litteras^ bullatas in plumbo^). Ego N. iure, quod
officium computationis litterarum apostolicarnm taxatarum et in plumbo
bullatarum micbi oommissum diligenter et fideliter exercebo, aliquam fnxi'
dem beu dolum circa illud sdenter nullatenus committendo et si aüquid
ad damnum sanctissimi d. n. pape et officii scriptorum litterarum earundem
vergere percepero, illud vobis rescribendario et sindicis defensoribus notam
fadam et nemini propalabo contenta in libro plumbi buiusmodi sine ex-
pressa licentia vestrorum domini rescribendarii et deputatoram officii ante-
dicti, sie me deus adiuvet et bec sancta dei evangelia. Nulli ergo omnino
bominum lioeat banc paginam nostrorum constitutionis editionis faotionis
mandati statuti approbationis et voluntatis infringere vel ei ausu temerario
oontraire. Si quis autem boc attemptare presumpserit<, indignationem omni-
') K, eigenüicb decemitur, decementar YO. *) litteraram B. *) R, vxnr
mentam tenentium plumbi YO«
Die BuUenregister Martin Y. und Eugen IV. 585
potentis dei et beatorom Petri et Paali apoBtolonun eins se noverit in-
cursiuxuiL
Data Borne apad s. Petnun, anno incamationis dominioe MCGCCXLV,
septimo idns iunii, pontificatus nostri anno XY.
B. de Boyeiella. G. de Gallio.
(48.) Sequitur de reformationibus et officii protectori-
bns^). Yenerabiles viri domini litterarom apostolicanun scriptores anim-
advertentes nonnulla eorom statuta et ordinationes nimia suorum officialimn
lioentia et impunitate hactenus in dessaetadinem abiise ac per illos sepe
nnmero com ipsius officii dedeoore et iactnra ab eorom forma fiiisse de-
Yiatam, ne morbos ipse diutios inyalescat, statnerunt sese ad priscam ac
laadabüem vivendi morem reformare talesque per tempora viros deputare,
qni sGiant et velint errata oorrigere, honori et commodis officii diligenter
incombere, statuta quoque et ordinationes predictas et alias in futurum
faciendas debite executioni demandare. Idcirco statuerunt singulis sex mensi-
bu8 tres ex eis viros graves animosos ac iideles deputare, qui decetero
protectores sive defensores officii nunoupentur, cum potestate et plenissima
auctoritate prefata statuta et ordinationes observandi atque observari &ciendi
oorrigendi et mulctandi omnes tam officiales quam alios scriptores, si quos
invenerint delinquentes, nullo iuris ordine servato, sed prout eorum arbitrio
videbitur et plaoebit. Si qua vero statuta putaverint in melius reformanda
ac prefate congregationi referre teneantur; liceat quoque Omnibus scrip-
toribus pro eorum necessitatibus et gravaminibus ad prefatos protectores
habere recursum recepturis ab eis sine mora iusticie complementum. Inter-
sint etiam prefati protectores in electionibus ofGcialium et non qualificatis
secondum formam statutorum et ordinationum in&ascriptarum vacationes
dare teneantur eosque ab huiusmodi electione repellere, ipsorumque offi-
cium ultra tempus sex mensium non duret, nisi per congregationem eis
fnerit prorogatum.
(49.) Quod attende non possit alienari seu mutari. Item
ad tollenda confusiones et dubia plurima que onri possent iraudibusque
obviare cupientes statuerunt, quod decetero attende in pitaphüs descriptum
per tempora nullo deinceps titulo alienari possit seu commodari aut in aliam
personam transferri nisi per cessum vel decessum scriptoris et omnis trans-
latio aliter facta sit nulla et illico revocari debeat, sed ut attende et ultra
qnamprimum dissolvantur et officium ipsnm, quoad fieri possit, in album
reducatur, statuerunt quod rescribendarius singulo mense^) unicuique concedat
de attende X pro quolibet centenario et idem de ultra servetur, temporum
semper qualitate pensata.
(50.) De modo eligendi officiales et de rescribendario.
Preterea ad evitandas omnes macbinationes que in electionibus officialium
fieri aliquando potuerunt, ut quisque liberum^ habeat eligendi votum,
statuerunt quod decetero lY ex sociis per fabas nigras ex more sortiti de
loco suo non discedentes immediate alta voce eligant YIII pro rescriben-
dariis, videlicet quilibet ipsorum II, quos putaverint ad id ydoneos secun-
dom conscientiam suam, qui quidem invicem se ipsos, videlicet alter alterum,
possint nominare ; qui YIII sie nominati ad partitum ponantur in tota con-
«) YgL § 20. ») YO. •) 0, fehlt in Y.
586 Ottenthai.
gregatione^ nisi vacationem habeant ab officio predicto et IV ex eis habentes
plures fabas albas dentur in scriptis reTerendissimo d. vicecanoellaiio, qai
immediate unom ex eis pro arbitrio suo in rescribendariom pronunciabit^).
(51.) De recusatione officiorum et quando. Si qai vero ad
ofücia sapradicta vel aliqnod eorom electi voluerint recosare electionem
de se factam, teneantur id facere illico in presentia oongr^;ationis seu
reverendissimi d. vicecancellarii, si yero in urbe fderint, sed absentes ab
ipsa congregatione, teneantur renunciare infra II dies, alias ad exeroendnm
ipsa ofBcia compellantur.
(52^.) De yacationibus dandis in electionibas officioram.
Vacationum materia semper dubia fuit atque perplexa, in qua nisi oaute
procedatur, aut nimia inequalitas sequeretur aut plerumque eligendoram
copia ad inopiam reduoeretur et ubi plures sunt numero, interdum pauci
intelb'gibiles reperirentur. Idcirco boc ordine distinguendnm oensueront,
videlicet quod rescribendarius computator auscultator et thesaurarius, qaomm
ofRcia de sua natura sunt luorativa, non possint infra biennium ea officia
exercere, sed quisque eorum per dictum biennium faoiat vacationem de
officio exercitato; verumtamen liceat cuique eorum ad officium quod non
habuit, promoveri, utputa computator possit esse rescribendarius, rescriben-
darius computator, thesaurarius auscultator et sie de singulis, dummodo
per VI menses vacaverit ab aliquo officiorum antedictorum. Alia vero HL
officia onerosa, videlicet sindicorum dcputatorum et protectorum, que nullam
ordinarie percipiunt utilitatem, nullam sibi vacationem faoiant sed successiYe
et etiam uno contextu exerceri possint et cum aliis lucrativis etiam com-
patibilia oenseantur, ut puta quod deputatus esse possit thesaararius et
deputatus et sie de singulis'). Que regula fallat in rescribendario oom-
putatore et thesaurario quoad ipsos defensores et sindicos, qui unico con-
textu alia officia lucrativa habere nequeant ullo pacto, quoniam sindid et
prutectores contra se ipsos iurisdictionem haberent, quod esset inconveniens.
Deputati vero ad librum plumbi et epytaphiorum, licet salarium aocipiant,
tarnen nullam omnino vacationem faciant neque active neque passive, sed
cum Omnibus antedictis officiis compatibilia censeantur, ita quod uno et
eodem tempore unum ex ipsis cum alio quocunque officio etiam luorativo
exercere possint, nulla vacatione obstante.
(53.) De surrogatione officialium. Voluerunt insuper atque
decreverunt, quod in absentia officialium predictorum aut si diutina essent
infirmitate detenti, alii eorum loco substituantur per eum modum per quem
prior electio de illis facta fuit; qui sie surrogati iurare teneantur in mani-
bus prefati d. vicecancellarii et emolumenta oonsequantur pro tempore quo
officia sua administrabunt.
(54.) De associando summum pontificem. Quoniam pontifid
maximo omnis gloria debetur et bonor ab hiis potissimum qui ÜEuniliaritatis
sue privilegio sunt muniti, statuerunt quod quotienscumque sanctitas sua
*) In den folgenden Absätzen werden ähnliche Vorschriften für die Wahl
der übrigen Functionäre gegeben. >) Entspricht dem 8. 456 als 67 dtirten
Paragraph. ') 0, esse possit thesaurarius et sindicus sive protector thesanruniB
et deputatus et sie de singulis V, was mit der gleich darauf angegebenen B^gel
in Widerspruch steht.
Die Bullenregister Martin Y. und Eugen IV. 587
incedit per urbem in pontificalibas, teneatur rescribendarius convocare sub
pena V grossorum inobedientibus irroganda XXX scriptores vel circiter
equitare valentes et ornatos, qni cam eo iuxta familiam 83. d. n. pape bini
per ordinem salva gradas prerogativa equitare teneantnr et hoc, nisi pro-
babilem de non parendo excnsationem allegaverint.
(55.) De fructibus officii in absentia percipiendis. Quoniam
nicbil in universitate scriptorum proponi consuevit magis odiosum et quod
maiora inter eos scandala dissensionesque parturiat, sioati longo ezperimento
compertum est, quam absentie mandata que sepe numero nimia impor-
tonitate eztorquentur cum plurimo summorum pontificum tedio ao labore
et epitaphia mimm in modum debitis grayantur, ex quo fit quod ofßcium
ipsom emolumentiB et fructa est adeo attenuatum quod scriptores ipsi,
qui quondam digne et honorifioe vivere solebant, vix possunt in presen-
ciarum et officii fructibus sustentari, quod propter ezcessivurn numerum
presentium evenire constat magisque ex curie defectu aut expeditionum
paudtate, nam a tempore fe. re. Martini citra raro ultra LX scriptores
preeentes reperti sunt. Ad toUendas itaque difficultates predictas ac dis-
cordiarum materiam amputandam, ut utroque tempore presentibus et ab-
sentibus pariter consulatur et epytapbia oneribus releventur, hanc pleno
scriptorum coUegio communi consensu deliberationem fecerunt deinceps vali-
toram, salva semper pontificis maximi voluntate cuius imperio acquiescere
intendunt omni exceptione remota: yidelicet quod absentes ex quacunque
causa, quamdiu extra Bomanam curiam egerint, accipiant dimidiam emolu-
mentorum pro tempore currentium, detracta quinta quam sociis pro eis
scribentibus dare teneantur, et singulo mense fiat ratio eorum, sicut de
presentibus fieri consuevit Verum si quis iussione pontificis cum speciali
commissione se absentaverit, eo casu habeatur pro presente et integra officii
emolumenta percipiat et pro eo scribatur ut est moris; teneantnr nichilo-
minus tales se absentare volentes diem sui recessus notifioare reverendis-
simo d. viceeancellario et rescribendario pro tempore existenti, de quo fiat
mentio in epytaphio iuxta consuetudinem observatam. Sed ne curia scrip-
torum presentia ac decore destitui videatur, voluenmt quod omni tempore
in ipsa curia pauciores quam L esse non possint, qui certe ad grandia
queque negotia abunde suffident, exceptis pestilentie guerre et translationis
curie temporibus quibus nulla potest certi numeri ratio mensuraque servari.
At si aliqua ingrueret necessitas, per quam plures esse presentes oporteret,
statuerunt quod ad nutum prefati rev"^^ domini vicecancellarii et per requi-
sitionem rescribendarii et deputatorum illico redire teneantnr et quilibet
eorum duos aut plures procuratores in curia constituat, qui de reditu
hniusmodi absentes ipsos certificare teneantur; quod si non servaverint,
fructus pro VI mensibus dioti officii perdant eo ipso.
(56^).) De modo et ordine sedendi in aula collegii ... in
capite prime sedis rescribendarius computator auscultatores thesaurarius ac
deputati, in secunda vero aule eorum sedeant defensores et alii ... et
secretarii apostolici qui locum habeant immediate post dictos defensores,
quoniam eorum dignitas est plurimum attendenda.
<) Die beiden folgenden Absätze stehen nur in 0.
588 Ottenthai.
57*). Verordnung dass nar die Sorii^tores 1. a. Ballen man-
diren dürfen*). Cum sicut aocepimus nonnulli qui litterarum apoetoli-
carum scriptores non sunt et de maiori presidentia vel minor! paroo aut
prime visionis officia non obtinent neque ezercent» in eisdem litteris apo-
stolicis que per oameram vel cancellariam expediuntur, ausu temerario manus
imponere presumant» nos talibus ausibus ex quibus falsitates et scandala
plurima oriri possent, obviare oupientes, motu proprio et ex oerta sdentia
Omnibus et singulis tam eoolesiasticis quam secularibus personis cuiuscum-
que Status gradus vel conditionis fuerint, ne in prefatis litteris apostolieis,
nisi scriptores earundem litterarum apostolicarum vel abbreviatores de maiori
parco vel minori aut prime visionis fiierint, et ipsis abbreviatoribus et de
prima visione, ne aliter nisi alicuius oorrectionis causa officium eorum con-
cementis manus quoquo modo imponere, litteris nominis nostri prime linee in
buUis gratiosis pro deoore et Acribus ac floritura diotarum litterarum dun-
taxat exceptis, presumant, districtius inhibentes. Si qui autem contra
inhibitionem nostram huiusmodi directe vel indirecte quovis quesito oolore
venire vel attemptare presumpserint, quotienscumque id egerint, ipsos et
eorum quemlibet excommunicationis . . . nee non omnium et singnlorum
ofßciorum et beneficiorum que obtinent privationis sententias . . . incurrere
volumus.
5. Brief des päpstlichen Scriptare Stephanie de Gacits an das Dom-
capitel zu Brixen betreffs Erlangung eines Indultes,
Rom 1486 Juni 17,
CK, K, Statthaüermarehiv Jnn^fruek, Brüon, Areh, Urk, 391.)
Dieser Bericht hat sich als Beischluss der Bulle Innocenz VIII. vom 9. MSrz
1485 erhalten. Die Papsturkunde ist eine Bulla im engem Sinne, in jener
äuseem Ausstattung wie sie Diekamp Z. pftpstL Urkundenwesen, Mitth. 4, 501
beschreibt. Die Eanzleinotizen bestehen aus den Unterschriften des Scriptors
L. de Theramo und zwischen den Siegelschnüren zweier Abbreriatoren auf der
Plica; innen links steht die Taxe mit den Unterschriften: LXXX. A« de Mnc-
ciarellis, F. Fanelli, A. de Trebiano, daneben der Vermerk Tax. mut marcii ta (?},
eine Unterschrift zwischen den Siegelschnfiren, rechts die des Secretfirs Hie. Baibanns
und des SoUicitators : Sunt expositi ducati quadraginta novem P. Fanelli; der
Begistraturvermerk lautet B. apud me Hie. Balbanum. — Der Papst verleiht in
dieser Bulle dem Capitel das Recht, die der Domkirche inoorpoxirten Oapellen,
Caplaneien und Yicarien mit Ausschluss aller p&pstlichen Ezpectanzbriefe selbst
zu verleihen. Vorzüglich war dem Capitel an der Ausmerzung der menses papales
gelegen. Daher lautet die Bitte desselben nach der »narrativa* der Bulle: 8ane . . .
petitio oontinebat, quod licet alias collatio provisio et omnimoda dispositio capel-
laniarum seu vicariarum predicte et illi perpetuo unite b. Marie Brixinensü
ecdesiarum de antiqua et approbata oonsuetudine, dum pro tempore etiam in
quibusvis mensibus vacarunt, ad eosdem prepositum seu decanum aut capitolum
pertinuerint, ita ut etiam vigore litterarum gratie expectative in eisdem capel-
i) Ist gleich dem S. 454, 460, 461 citirten § 66, wfihrend der S. 456 erwShnie
§ 57 =r § 52 ist *) Für die Rubrica leerer Raum gelassen ; die Bulle stammt
wahrscheinlich wie die unmittelbar darauf folgende von Innocenz VIIL
Die Bollenregister Martin Y. und Eugen IV. 589
laniis seu vioariis non impedirentur. Die Gewährung (»condusio') dagegen : Nos . . .
snpplioationibus inclinati, quod decetero perpetuis futuris temporibus nuUus . . . qua-
mmTis litterarum gratiarum expectatiyarum . . . pretextu aliquam ex capeUis oapel-
lanÜB et yicanis predictis . . . aooeptare aut . . . assequi possit, . . . statuimus
et ordinamus, quodque capelle vicarie seu capellanie predicie sub huiusmodi
gratiarum expectaÜTarum litteris earumque prooessibus nuUatenus oomprehendi
rel includi queant, posrnntque prefati . . . prepositus decanus aut capitnlum com-
muniter vel divisim, prout antea consuetum fuerat (radirte Stelle, mit Schlangen-
linien, »catena« ausgeftOlt), capellas yicarias seu capellanias prediotas specifioatas
penonis de quibus eis videbitur ordinaria auctoritate pleno iure oonferre. Weiter
berichtet der Schreiber über Minderung der Sportein : eine solche ergibt sich auch
aus dem Vermerk Taxa mut. ; »ie betraf wol eine Milderung der mit 80 Gr. an-
gesetsten Taxe, nach welcher die einfache Gebühr für die f&nf Bureaux schon
40 Doc., inclusive dreimaliger Neuschrift 52 Duc. ausmachen würde. Endlich
erwfthnt St de C. auch, warum er den Brief im Secretftrregister registriren liess:
um die Annate, die fQr jede Pfründe zu bezahlen war, welche auf mehr als
24 Duc. jährlichen Ertragnisses geschätzt war, zu umgehen; der RegistratuiTcrmerk
weist auch wirklich auf das Register des Seorotärs Balbanus hin.
Beyerendi patres et domini mei signatiasimi. Ck)mmendatione pre-
missa etc. Ezpedivi ballam vestram, ne vicarie cadant sub gratiis expecta-
tivis com verbis in narrativa, yidelicet »etiam in quibusyis mensibus^.
Si in conclasione faerunt deleta, prout ex cathena in eadem buUa videbitis,
nihilominos ex quo in narativa oontinentor yerba predicta et in conclasione
dicit[ur], ut possitis oonferre ^ prout antea consuetum fuerat*, oredo quod
Tobis proderit balla perinde ac si diota yerba in oondusione, at prefertor,
deleta non foissent. Difificoltates per me habitas in obtinendo dicta yerba
in narratiya prediota ex rellatione d. Pauli Colet (Coler?), fidelissimi servitoris
yestriy etiam gratiam obtentam in taxatione bulle intelligetis; non admirentur
dominationes yestre, si in plica bulle yidebitis taxam expensarum apositam
per solicitatores non ooncordari cum cedula expensarum per me data prefato
d. Paulo, quia prefati solicitatores non computayerunt quod tribus vicibus
iiierit bulla transsoripta nee quod tribus vicibus vel quatuor satisfactum
fuerit summatori neo etiam certas alias expensas in dicta cedula oontentas,
tamen revera omnia exposita fderunt ad utilitatem vestram, prout ex eodem
d. Paulo latius intelligetis. Dubitans ne registraretur in camera apostolica
bulla et opus esset solvere iocalia et facere obligationem pro annata sol-
venda pro una vice, quia insimul fructus dictarum vicariarum excedunt
24 duo, tractavi quod apud secretarium fuit registrata et sie liberam eam
habni. Habui a prefato d. Paulo pro expensis dicte bulle duc LIII, car-
lenos IV et pro labore meo pro parte d. v. duc. quindecim pro quibus ago
gratias d. v., offerens me etiam in futurum pro eisdem dominationibus
vestris in genere vel in specie ad mandatum earundem d. v., quibus iterum
me commendo. P(atemitatis) v(estre), B(everendorum) D(ominorum) servitor
Stephanus de Caciis, scriptor apostolious. Borne 17. lunii 1486.
Adresse: [Bev.] Patribos dominis preposito et capitulo eccleaie Brixi-
nensis, dominis meis signatissimis. Brixine.
Untersuchungen
zur historischen Geographie des ehemaligen Hochstiftes
Salzburg und seiner Nachbargebiete.
(Mit einer Karte.)
Von
Eduard Biehter.
Einleitung.
Als vor etwa dreissig Jahren die geschichtlichen Stadien in Oester-
reich einen neuen Aufschwang nahmeo, sprach man viel Tom , histori-
schen Atlas '. Das Notizenblatt der kaiserlichen Akademie der Wissen-
schaften enthielt eine standige Abtheilung dieses Titels, in welcher
solches XJrkundenmaterial veröffentlicht wurde, das eine besondere
Ausbeute topographischer Natur versprach. Seither ist dieses Problem
etwas in den Hintergrund getreten, ohne dass zu seiner Lösung —
von einigen steiermärkischen Arbeiten abgesehen — etwas bedeuteu-
deres geschehen wäre.
Wenn nun der Verfasser abermals ein solches Thema aufgreift, so
geschieht es doch nicht ganz im Sinne jener früheren Periode. Durdi
Neigung und Studiengang &ühe auf dieses Gebiet verwiesen, welches
gestattet die Methoden urkundlicher Forschung auf Themen karto-
graphischer und geographischer Natur anzuwenden, kam er nach lang-
jähriger Beschäftigung mit der Sache zu der Ansicht, dass nicht die
Ansammlung einer grossen Menge topographischer Details, sondern die
Aufsuchung der administrativen und gerichtlichen Abgrenzungen die
Aufgabe sei, durch deren Losung die geschichtliche Oeographie sich
um die Aufhellung unserer Vorzeit vielleicht einige Verdienste erwerbeu
könnte. Und da diese Abgrenzungen sich einer ausserordentlichen
Beständigkeit erfreuen, so traten als Quellen zu den Urkundensamm-
lungen des frühen Mittelalters die Bechtsalterthümer des späteren und
die Akten der letzten Jahrhunderte hinzu. Dadurch wurde sowohl
Gestalt als Methode der Arbeit gründlich verändert.
So legt also der Verfasser die folgenden Untersuchungen den
Fachgenossen vor; im Ganzen als das Resultat der Beschäftigaüg
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 591
einer Beihe Yon Jahren; im Einzelnen yielleicht etwas überstürzt zum
Abschloss gebracht, da einmal ein Ende gefunden werden sollte. Und
so würde er Berichtigungen in den besonderen Fragen gerne an-
nehmen, wenn nur die Gesammtauffassung der Sache Zustimmung
fände.
Sollte letzteres der Fall sein, so könnte das alte Problem des
historischen Atlas Yon dem hier gewonnenen Gesichtspunkt neuerdings
in grosserem Umfange aufgenommen werden.
Ich beehre mich an dieser Stelle Sr. Ezcellenz dem Director des
k. k. geh. Haus«, Hof- und Staats- Archivs Herrn Bitter y. Arneth,
femer meinen verehrten Freunden Herrn Director P.Willibald Hau-
thaler und k. k. Archivar Friedr. Pirkmayer in Salzburg, sowie
Herrn Prof. Dr. E. Mühlbacher und Dr. J. Paukert in Wien
für mannig&che Förderung meinen wärmsten Dank auszusprechen.
Die Einzeichnungen, welche man gemeiniglich auf historischen
Karten vorfindet, stammen, wenn man genauer zusieht, von zwei ganz
verschiedenen Methoden, die Quellen zu benutzen.
Die erste Bichtung oder Methode ist, aus den Quellen der darzu-
stellenden Periode alle jene Oertlichkeiten, welche sich in ihnen ge-
nannt finden, in eine Karte einzutragen, und zwar in ihren alter-
thümlichen Namensformen. Diese Art der Quellenbenützung findet
aber ihre sehr bestimmten Einschränkungen erstlich in der Ungleich-
mässigkeit der Erhaltung des Quellenmateriales und zweitens in den
gewöhnlich verwendeten Massstaben der Karten ; — sie ist aber ausser-
dem geeignet, über den Zustand der dargestellten Landschaften in der
gewählten Periode irrige Vorstellungen hervorzurufen. Eine Eintragung
aller jener Ortschaften, welche in den Quellen, etwa der karolingischen
oder ottonischen Periode sich vorfinden, in eiae Karte von Deutsch-
land würde in der Umgebung der grossen Stifter und Bischofsitze,
deren ürkundenschatz in einiger Vollständigkeit erhalten ist, wie
St. Gallen, Fulda, Freising u. a. eine solche Dichte der Ortsnamen er-
geben, dass dieselben nur auf einer Karte grösseren Massstabes, einer
Specialkarte Platz finden würden, nebenan aber sehr ausgedehnte Ge-
biete so gut als leer lassen. Es braucht nicht weiter auseinander-
gesetzt zu werden, dass aus einer solchen Karte kein irgendwie ge-
arteter Schluss auf die Zahl der Ansiedelungen oder die Dichte derselben
gezogen werden kann. Selbst für jene Gegenden, welche sich durch
die grosse Zahl der erhaltenen Namen auszeichnen, haben wir ja kein
Becht zu behaupten, dass uns alle Oertlichkeiten, welche damals mit
592 Richter.
Namen bezeichnet wurden, überliefert sind, um viel weniger f&r jene,
wo die Quellenüberlieferung sich mangelhaft erweist
So unzweifelhaft es nun ist, dass eine grosse Anzahl yon Ort-
schaften erst in Zeiten entstand, yon welchen uns bereits urkundliches
Material erhalten geblieben ist, so wird doch über die Frage der all-
maligen Besiedelung unserer Lander keineswegs aus jenem ältesten
Namenmateriale, dessen Erhaltung eben eine ganz zuföllige ist, eine
entsprechende. Auskunft erlangt werden können, sondern nur aus
einer Durchforschung des späteren, heute noch vorliegenden Namens-
schatzes, insofern die Namen auf ihre Bedeutung geprüft werden, wie
das Arnold für Hessen gethan hat Für solche Untersuchungen ist
zwar die Eenntniss der ältesten Namensform yon grossem Werthe,
eine Eintragung in die Karte scheint aber doch erst dann angezeigt,
wenn die Sichtung und Classificirung der Namen nach ihrem Alter
stattgefunden hat Wenigstens könnte erst eine solche ICarte den
Anspruch erheben, eine Darstellung des Besiedelungsstandes einer ge-
wissen Zeitperiode zu sein — vorausgesetzt dass diese Forschungs-
methode allgemein anwendbar, und in ihren Ergebnissen yerlässlich
genug befunden wird, um eine so scharfe Fixinmg der Einzelheiten
zu gestatten, wie sie die kartographische Darstellung ihrer Natur nach
bietet*).
Das eine dürfte also feststehen, dass die Eintragung der Namen,
welche in einer gewissen Quellengruppe gerade zufällig überliefert
sind, in eine Karte, welche einen allgemeinen Titel führt, wie Deutsch-
land in der karolingischen Periode oder dergleichen streng genommen
unlogisch ist und leicht zu falschen Vorstellungen führen kann. Ganz
anders gestaltet sich die Sache, wenn die Karte selbst nur zur Er-
läuterung dieser Quellengruppe dienen soll. Solche Karten, welche
leider noch immer fast allen ürkundenbüchern nicht beig^eben werden,
würden die Benutzung derselben ungemein fördern und erleichtem,
und sollten bei der Billigkeit und Leichtigkeit der Herstellung, wie
sie die Gegenwart bietet, nicht länger mehr vergessen werden. Solche
Karten würden dann aber nicht mit der Prätension einer erschöpfen-
den Darstellung einer bestimmten Periode auftreten, sondern im An-
schluss an die Urkundenedition, wie diese als Quellenbearbeitung,
nicht als Darstellungsversuch sich zu geben haben.
1) Immerhin bleibt es bedauerlich, dass Arnold sich nicht veranlasst gesehen
bat, seinem interessanten Werke Aber die hessischen Ortsnamen einige Earten
beizugeben, welche ihm eist die rechte Verständlichkeit fQr solche verschafft
bfttten, die nicht localkundig sind und welche zugleich eine Art Probe auf das
Tersuchte Bechenexempel gewesen wfiren.
UntersuchuiLgen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 598
In Wirklichkeit sind aacli bisher die meisten historischen Karten
in einer so stricten Abhängigkeit von der zofaUigen Erhaltung der
Quellen, dass sie bezüglich der Beschreibung mit Ortsnamen eigentlich
nur als Illustrationen su den betreffenden Quellen anzusehen waren —
wenn ihnen nicht eine Eigenschaft ankleben würde, welche diesen
Charakter wieder zerstört: nämlich der Mangel an Vollständigkeit, der
durch die Kleinheit des Massstabes herrorgerufen wird.
Seit dem 12. Jahrhundert erscheint nämlicdi unser Land fast ebenso
dicht mit Ortsnamen (ich will nicht sagen mit menschlichen Wohn-
statten) besetzt ab heute, und gelegentlich erhaltene Grenzbeschrei-
bungen, urbare u. dgl. lehren uns, dass selbst sehr unbedeutende und
abgelegene Objecto, kleine Waldparzellen, Bachlein oder Alpenweiden
bereits mit feststehenden Namen bezeichnet werden, sowie auch der
grösste Theil der heutigen Weiler und einzelstehenden Bauernhöfe
bereits besteht.
Es ist also zweifellos, dass für die zweite Hälfte des Mittelalters
nur die heutigen Specialkarten in Massstäben Ton 1:50000 bis
1 : 100000 ausreichen würden, um die in den Urkunden oder Urbaren
gelegentlich vorkommenden Ortsnamen einzutragen.
Hieraus ergibt sich also, dass die Yerwerthung der Ortsnamen zur
geschichtlichen Kartirung nur für die erste Hälfte des Mittelalters,
und zwar in der Form angezeigt erscheint, dass sämmtliche von den
Quellen überlieferte Namen in Karten grosseren Massstabes, und zwar
am besten im Anschluss an die Quellenpublication dargeboten werden.
Die zweite und wichtigere Aufgabe der geschichtlichen Karto-
graphie ist, die politischen und rechtlichen Zugehörigkeiten der ein-
zelnen Landschaften zum Ausdrucke zu bringen; zu zeigen, wie sich
die verschiedenen politischen und rechtlichen Gebilde gewissermassen
in die bewohnte Bodenflache theilen. So einfach nun diese Art Dar-
stellung heute ist, wo die Staaten mit scharf und zweifellos bestimmten
Grenzen und rechtlicher Unabhängigkeit nebeneinander stehen, so ver-
wickelt ist diese Aufgabe für das Mittelalter, wo allenthalben die
Bechtskreise territorial und sachlich ineinander übergreifen. Wird
schon durch das Lehensystem eine gewisse Einschachtelung von Becht
und Besitz hervorgerufen, so sind besonders im späteren Mittelalter
und bis zum Ausgang des deutschen Reiches nicht selten einzelne Ge-
biete von einer so getheilten Bechtszugehörigkeit, dass die Möglichkeit
schwindet, derlei Verhältnisse so scharf und einfiich kartographisch dar-
zustellen, wie wir das bei den heutigen Staaten zu thun im Stande sind.
Bei, dem Versuche, die politische und rechtliche Zugehörigkeit und
Vertheilung der Landschaften im Mittelalter auf geschichtlichen Karten
Mittheilungen, Eigänzungsbd. I. 89 .
594 Richter.
zum Ausdruck zu bringen, wird also die Vorfrage auftauchen, welches
überhaupt die für eine gewisse Zeit darstellbaren und Darstellung er-
heischenden Verhältnisse sind.
Die Aufgabe des Kartographen wird damit sofort auf das Gebiet
der Rechts- und Wirthschaftsgeschichte gerückt. Doch werden diese
geschichthchen Studien des Geographen zwar dasselbe Object, wie die
Bechts- oder Wirthschaftsgeschichte, aber ein anderes Ziel besitzen.
Wenn die letzteren die Institutionen und ihre Abwandlungen selbst
zum Object der Forschung und Darstellung haben, so ist unsere Auf-
gabe, die Vertheilung derselben auf den Beichsboden und die Ver-
änderungen dieser Vertheilung zu erforschen und zu verfolgen. So
aufgefiwst ist die historische Geographie zunächst eine Hil&disciplin
der Geschichte, und zwar keine unwichtige. Denn wie die Statistik
von jeher ein unentbehrliches Hilfsmittel der praktischen Staatskunst
gewesen ist, so ist die Eenntniss der statistischen Verhältnisse der
Vergangenheit, die Eenntniss der jeweiligen Zustände eine der wich-
tigsten Lichtquellen für die Erhellung der eigentlichen Geschichte.
Diese Hilfsdisciplin erhält aber ihre eigene Art und Methode durch
das ihr eigeuthümliche, unvergleichliche Hilfsmittel der Karte. Eine
Specialkarte mit ihrer Terrainzeichnung, den Angaben über die Lage
und die Namen sämmtlicher menschlicher Wohnungen, Verkehrswege
und sonstigen Anlagen, über den Anbau des Bodens, über die Grenzen
der Gemeinden, Provinzen, Staaten u. s. w. gibt ja an sich schon ein
unvergleichliches Gesammtbild über die Beziehungen der Menschen
zu einem bestimmten Erdraum. Ausserdem hat man noch unter-
nommen, einzelne culturelle, ethnographische oder sociale Verhältnisse
für sich kartographisch darzustellen, wie Beligion, Nationalität, Be-
völkerungsdichte, sogar Kindersterblichkeit u. dgl. Ist man nun im
Stande für das Mittelalter auch nur im entferntesten ähnliches zn
leisten? üeberblickt man das Quellenmaterial und dessen Natur, so
könnte es scheinen, als müssten am ersten noch gewisse wirthschaft-
liehe Verhältnisse diese Möglichkeit darbieten, da das urkundliche
Materiale, wie es besonders in den Traditionsbüchern und urbaren der
geistlichen Stifter vorliegt, ganz vorwiegend von Besitzerwerb und
Besitzveränderung handelt. Es wäre auch ohne Zweifel interessant
genug, wenn man einmal das Verhältniss des geistlichen und weit*
liehen, des freien und unfreien Grundbesitzes u. dgl. nur mit leid-
licher Genauigkeit feststellen könnte. Doch sah ich hierzu auch bei
den reichlicher fliessenden Quellen späterer Jahrhunderte keine Mög-
lichkeit. Die Quellenüberlieferung ist einmal zu einseitig, da von
dem weltlichen Besitz sich zu wenig Kunde überliefert hat, und
Untenndnmgen zur hki Geographie des ehem. Hoohstiftes Salzburg. 595
zweitens za wenig eingehend in Bezug auf die Flächenausdehnung
der Objecte.
Nach längerem yergebliehen Bemühen, nach dieser Bichtung etwas
greifbares zu Stande zu bringen! &nd ich aber, dass ein anderes
rechtliches Verhaltniss, über welches uns die Quellen viel weniger
reichlich fliessen, nicht blos kartographisch darstellbar sei, sondern
dass sich aus dieser Darstellung auch nicht unbedeutende Ergebnisse
für den Yerlauf der politischen Ereignisse gewinnen lassen. Dieses
Verhaltniss ist die Abgrenzung der Gerichtsbezirke. Ich
glaube nämlich, wenigstens f&r das Gebiet des einstigen Erzbisthums
Salzburg annehmen zu dürfen: 1. dass die Abgrenzungen der höchsten
Gerichtsbarkeit sich bis in ein sehr hohes Alterthum nachweisen
lassen; 2. dass diese Abgrenzungen für die Zeit des 11. und 12. Jahr-
hunderts den Besitz der yerschiedenen Grafengeschlechter mit grösserer
Sicherheit als bisher zu ermitteln gestatten; 3. dass diese Abgrenzungen
auch massgebend geworden sind für den Grenzverlauf der Territorial-
staaten, die hierzulande entstanden sind, und für deren spatere Unter-
abtheilungen.
Da femer die Entstehung dieser Territorialstaaten, besonders des
Erzbisthumslandes selbst, sich durch die Erwerbung dieser gerichtlichen
Abtheilungen — der Grafschaften — vollzog, so soll die beigegebene
Karte zur Beleuchtung folgender Verhältnisse dienen: 1. der alten
Gaueintbeilung; 2. der alten Ghii&chaften; 3. der Eintheilung des
Landes in Gerichte im späteren Mittelalter und der neueren Zeit;
4. der Entstehung des salzburg'schen Territorialstaates.
Ausserdem erschien es aus mehreren Gründen nicht unangezeigt
die in den ältesten Salzburger Quellen, den zwei Güterverzeichnissen
des Erzbischofs Arno aus dem 8. Jahrhundert, vorkommenden Namen
in die Karte au&unehmen.
Da die Auffassung der Verhältnisse, welche den vorliegenden
Karten zu Grunde liegt, so viel ich sehe, nicht ganz der herrschenden
Ansicht entspricht oder doch nicht allenthalben getheilt wird, so sehe
ich mich genöthigt, dieselbe in einer etwas ausführlicheren Weise zu
begründen.
C9*
596 Richter.
Das Immunitfttogebiet der karolingischen Zeit und das spätere kirchliche Laades-
hoheitsgebiet stimiuen nicht überein. — Dessen Ausdehnung ist nicht vom alten
Kirchenbesitz, sondern Tom Erwerb der Grafschaftsrechte abhängig. — Dieser
Erwerb erfolgt nach einseinen Landgerichten. — Die Landgerichte sind niohts
anderes als die Centen der karolingiscJien Periode. — Sie liegen auch dem Besibee
dßr Grafengeschlechter im 12. Jahrhundert zu Grunde« — Denn die Gra&chafte-
abgrenzungen bestehen neben der Lnmunität ungestört fort. — Die Idrchlichea
Immunitaten verlieren gegenüber der Macht der Landesherren in Bajeni und
Gestenreich im 12. Jahrhundert an Inhalt. — Beispiele an Preiaing, Passau und
Salzburg. — Die Bischöfe sind daher zur Erwerbung von Grafschaften genöthigt -
Die verschiedenen Arten, solche zu erwerben.
Der BegrifP des Bisthums als einer weltlichen, politischen Gewalt,
welche für einen territorial abgegrenzten Bezirk gewisse staatlicbe
Functionen auszuüben hat, beginnt mit der Yerleihnng der Immunität
An der Immunitätsverleihang und den sie begleitenden Schriftstücken
haben wir für Salzburg zugleich die ältesten Quellen, welche uns über
territoriale Verhältnisse Auskunft geben; ja wir sind sogar in die Lage
gesetzt, den ümfEtng des kirchlichen Besitzes in dem Augenblicke der
Immunitätsverleihung mit jener Genauigkeit zu erfahren, welche die
oberflächUche Ausdrucksweise der Quellen überhaupt gestattet Als
nämlich Karl der Grosse Bayern besetzte, überreichte der Bischof Arno
der neuen Begierung ein Güterverzeichniss, den sog. Indiculus Amonis,
welcher mit anderen gleichzeitigen Au&eichnungen (den breves Notitiae)
ein vollständiges Bild des Salzburg'schen Eirchenbesitzes gewährt Mau
suchte so den alten Besitzstand zu erweisen und die Anerkennung
und Bestätigung desselben zu erlangen.
Notitiam yero istam ego Arn una cum consensu et licentia domni
Earoli piissimi regis eodem anno, quo ipse Baioariam regionem
ad opus suum recepit, a viris valde senibus et veracibus diligeu-
tissime exquisivi, a monachis et laicis et conscribere ad memoriam
fecL Ind. Am. ed. Eeinz p. 26.
Dieselbe wurde auch ertheilt 790 im December:
jubemus, ut quicquid ad prae&tum episcopatum juste et raciona*
biliter pertinet, et memoratus Arno episcopus modemo tempore
teuere videtur etiam et hoc quod in antea ibidem recto ordiue
largitum vel delegatum fuerit cum omni integritate per nostram
praecepcionem iam dictus Arno episcopus suique successores in
antea habeant, teneant atque possideant etc.
luv. Anh. N^' 9. Sickel K. 129.
UntersuchimgeQ zur bist. Geographie des ehem. HoohRtiftcs Salzburg. 597
Wol gleichzeitig wurde der Salzburger Kirche für diese Besitzungen
Immunität verliehen. Die Urkunde selbst ist zwar nicht erhalten,
doch darf mit Sicherheit angenommen werden, dass eine solche vor-
handen war. Denn es heisst in der ImmunilStsurkunde Ludwig des
Deutschen von 837 Febr. 24 luvav. N« 31:
Quia vir venerabilis Liuprammus sancte luvavensis ecclesie archi*-
episcopus obtulit nobis auctoritates immunitatum avi vide-
licet nostri pie recordacionis Karoli imperatoris nee non
domni et genitoris nostri Hludowici serenissimi augusti etc.
Von Karl d. Gbr. ist uns also nur die Gonfirmation, von Ludwig dem
Frommen- nur die Immunitat erhalten^).
Wenn man auf einer Karte nebst den Ortsnamen, welche die Lage
salzburg^scher Kirchengüter im 8. und 9. Jahrhundert bezeichnen, auch
den Um&ng des nachmaligen Fürstenthums Salzburg einzeichnet, wie
es vom 18. bis zum 19. Jahrhundert bestanden hat, so muss Jeder-
mann die geringe Uebereinstimmn ng dieser zwei Kartenbilder sofort
bemerken.
Dort wo die kirchlichen Besitzungen vielleicht am allerdichtesteu
beisammen liegen — im Isengau und am Inn bei 6ars und Kray-
borg, ist spater bayrisches, nicht salzburg'sches Gebiet — hingegen
gehören zu dem letzteren solche Gegenden, in denen uns nur sehr
wenig oder nichts von kirchlichen Besitzungen bekannt ist.
Nun liegt der Grund der Yerschiedenheit keineswegs darin, dass
etwa in der Zeit zwischen der uns überlieferten Erwerbung jener
Besitzungen und der Abschliessung des landesf&rstlichen Gebietes, also
zwischen der karolingischen Periode und dem Interregpium der Besitz-
stand sich in der Weise geändert hatte, wie die beiden Kartenbilder
es zum Ausdruck bringen. Wir wissen vielmehr ganz genau aus den
Urbarien des 15. und 16. Jahrhunderts und den zahlreichen Akten
der letzten Jahrhunderte, dass die meisten jener in der agilolfingischen,
karolingischen oder ottonischen Periode erworbenen oder nachweis-
baren Güter noch bis zum Beginn unseres Jahrhunderts im Besitze
des Erzstiftes gewesen sind; aber nicht als Theile des landesfurst-
lichen Gebietes, sondern sozusagen als Privatbesitzungen auf fremdem
Gebiete.
Das alte Immunitatsgebiet und das spatere Landes-
gebiet fallen also nicht zusammen.
Daraus ergibt sich aber, dass die Verleihung der Immunität an
*) Ygl. Siekel, Acta Karolin. Anm. zu E. 129, und BeiMge sur Diplo^
matik 8, 208.
598 Richter.
die kirchlichen Güter in Bezug auf die territoriale Aus-
dehnung nicht die Grundlage der Landeshoheit ist
Die Immunitat ist nur insofern die Voraussetzung der Landes-
hoheit, dass ohne Lnmunitat überhaupt keine Landeshoheit constitnirt
werden kann, wie weit sich aber das Gebiet der Landeshoheit aus-
dehnt, hangt nicht von dem umfange der Güter ab, welchen die Im-
munitat zukommt
Betrachtet man den Wortlaut der Ottonischen Immunitatsprivi-
legieu, so kann diese Thatsache nur Yerwu^derung erregen. Denn
eine schärfere und pracisere Ausschliessung jeder fremden Gewalt aus
dem kirchlichem Gebiete erscheint kaum auffindbar. Man möchte also
erwarten die späteren fürstlichen Gebiete mit den für das 10. Jahr-
hundert nachweisbaren Immunitätsgebieten identisch zu finden.
Dass dies nun doch nicht der Fall ist, dass nicht der Besitz
immuner Güter die Grundlage der Landeshoheit bildet, sondern der
Erwerb der höchsten Gerichtsbarkeit über geschlossene
Gerichtsbezirke, Grafschaften, ist nun keineswegs eine neue
Entdeckung. Doch dürfte die Nachweisung des ganzen Verhältnisses
am einzelnen praktischen Beispiel nicht des weiteren Interesses ent-
behren, da es zwar an der Discussion dieser Fragen im allgemein
theoretischen Sinne nicht fehlte, hingegen über die Tragweite und
Ausgestaltung der Sache in der Wirklichkeit keineswegs überall genaue
Vorstellungen vorhanden zu sein scheinen.
Wer nämlich die Au^Eissung als richtig anerkennt, dass nicht die
Ausdehnungen der immunen Gebiete, sondern die Abgrenzungen der
Gerichtsbezirke für die (Frenzen der TerritorialfÜrstenthümer des spä-
teren Mittelalters massgebend geworden sind, setzt sich, wie mir
scheint, vor Allem mit der sehr weit verbreiteten Ansicht in eineu
gewissen Widerspruch, welche man als die Vorstellung von der Auf-
lösung der Gttuverfassung durch die Immunitäten bezeichnet Wenn
nämlich im 13. Jahrhundert die Eintheilung des Landes nach den
Befidrken der höchsten oder Blutgerichtsbarkeit noch in so lebendiger
Geltung war, dass sie die Grundlage der neuen politischen Abgren-
zungen werden konnte, so muss diese alte Eintheilung die Periode
derLnmunitätsgerichtsbarkeit siegreich überdauert haben, und von einer
Zerstörung der Gauverfassung, soweit sie Gerichtsverfassung ist, sollte
eigentlich nicht gesprochen werden.
Das Gebiet des Erzstiftes Salzburg erscheint seit dem 13. oder
14. Jahrhundert, da die Quellen an£Euigen reichlicher zu fliessen, in eine
Anzahl Gerichte, Landgerichte, später Pfleggerichte getheilt, deren
Grenzen uns genau bekannt sind und zum Theile noch heute als
Untersuchungen zur hist. Geographie des ehem. Hoohstüles Salzburg. 599
BeEirkflgenchtsgrenzen ihre Oiltigkeit besitzen. In späterer Zeit hat
man nicht selten mehrere der kleineren dieser Gerichte, welche oft nur
eine grossere Gemeinde umÜEissten, zu einem grösseren vereint. Alle
diese Abgrenzungen von Landgerichten, Pfleggerichten, Schrannen-
bezirken u. s. w., welche uns erhalten sind, zeigen Yon der Gegenwart
an hinauf gerechnet, soweit überhaupt Nachrichten reichen, eine ün-
▼eranderliehkeit, welche jeden, der sich mit diesen Angel^enheiten
beschäftigt, an£Euigs in Staunen yeraetzen muss, bis er sich gewohnt
diese Erscheinung als eine regelmässige und gesetzmässige au&u&ssen.
Es fragt sich nun, ob wir nicht yielleicht das Becht haben, diese
durch sechs Jahrhunderte bis zur Gegenwart unterändert gebliebenen
Gerichteabgrenzungen, welche so ungeheure Umwälzungen überdauert
haben, flir eine noch viel altere Institution zu halten, welche ebenso
gut wie die Entstehung der Ortschaften, die Zusammengehörigkeit
derselben zu Gemeinden, die Abgrenzungen der Gemeindefluren der
ältesten Periode unserer nationalen Geschichte, der Besiedlung des
Landes durch die jetzige Bevölkerung angehören. Ich möchte diese
Frage bejahen.
Sohm^) hat nachgewiesen, dass die Grundlage der alten Gerichts-
Ter&ssung die Hundertschaft-Eintheilung war. Für Bayern ist uns
eine Bezeichnung ftr den Begri£^ welcher bei den Franken Centena
oder Handertschaft genannt wird, zwar nicht überliefert, doch ist nicht
zu zweifeln, dass die Sache hier so gut als anderswo bestanden hat').
Und zwar sprechen dafür die triftigsten Gründe allgemeiner und be-
sonderer Natur. Vor allem das Argument, dass der Ghiu als Einheit
der GerichtsYerfassung ein viel zu grosser geographischer Bezirk wäre,
um einen r^elmässigen Besuch der Placita durch alle (Jaueingesessenen
bewirken zu können, wie es doch so yiele Gesetzesbestimmungen aus-
drücklich und unter hoher Busse fordern'). Der Salzburggau er-
streckte sich z. B. yom Pass Lueg bis zum Weilhartforst, das ist eine
Distanz Yon fiast 70 Eflometem, deren Zurücklegung für einen Fuss-
geher 18 bis 20 Stunden erfordert. Es muss also ünterabtheilungen
gegeben haben, und diese sind die Genten gewesen.
Ihr Bestehen ergibt sich auch noch aus einem anderen Gesichts-
punkt. Das alte deutsche Gerichtswesen ist nemlich, soweit unsere
Kunde zurückreicht, local fixirt Das echte Ding muss immer auch
am rechten Orte abgehalten werden. In den ältesten, wie in den
jüngsten Weisthümern ist die Bechtmässigkeit des Ortes (sowie die der Zeit)
■) Die frfinkische Reichs- und OeriGhtsyerfiMsong p. 181. >) Bieder Gesch.
Bayexna I, 186« *) L a ISO
600 Richter.
die erste Voraussetzang der Rechtmässigkeit der Gerichtsbaudlang selbst
uud wird durch die Umfrage zaaachst festgestelli Ans dem Vor-
bandensein solcher von altersher bestimmter Mal- oder Dingstatten
ergibt sich aber auch der Begriff bestimmter zu diesen Dingstatten
gehöriger Gerichtsbezirke; Bezirke fibr welche die eine Dingstätte eben
der rechtmässige Gerichtsplatz war^).
Es ist aber einleuchtend, dass eine solche Einrichtung, wenn sie
wirklich existirt hat, woran ja nicht zu zweifeln ist, so alt sein mnss,
als die Besiedlung des Landes durch jene Nation, der diese Rechts-
formen eigen gewesen sind.
Sowie die Bajuwaren das Land besetzten, die Fluren vertheUten,
Ortschaften und Einzelnhöfe gründeten, werden die in einer Gegend
Zusammenwohnenden sich ebenso gut ihre gemeinsame Gerichtstatte
als die gemeinsame Cultstätte und die anderen dem Bedürfhiss der
Organisation etwa entsprechenden Einrichtungen geschaffen haben,
wobei auch die Autorität des Herzogs als mitwirkend gedacht werden
kann^).
üeber die Grosse dieser Abgrenzungen gibt uns der NaehweiB
Thudichums eine treffliche Leuchte, dass die ältesten Genten mit den
ältesten Marken zusammen&llen^). Natürlicherweise können wir gegen-
wärtig im dichtbevölkerten Lande, wo die gemeine Mark längst aus-
gebaut ist und ihre Grenzen nicht mehr durch Wald und Weidestriche
charakterisirt sind, die Abgrenzungen der meisten Marken nicht mehr
') Riezler bemerkt I, 269 Anm. 1, dsAs er einen unzweideutigen Beweis far
ständige Gerichtstätten erst in der ürk. E. Heinrich II. von 1008 finde (M. B. 28a,
SlO), worin es von einem Grafen heiast, »qui jitdicai in H,*. Doch sdisint das
Vorkommen von Ausdrücken, wie maUum publicum Meichelbeck ll> N^ 212, die
Existenz solcher hinlänglich zu beweisen. Viel triftiger aber erscheint mir noch
der Grund, dass die altdeutsche GerichtsyerÜEUsung ohne fixe Dingstätten über-
haupt kaum denkbar ist Wollte man aber selbst das Argument a süentio an-
erkennen und das Fehlen der Genten und Dingstätten in der lex Bajuw. als Be-
weis gegen deren Existenz gelten lassen, so kann dooh ftLr die karolingische
Periode auch dieser Grund nicht mehr ins Treffen gef&hit werden.
') Vgl. Quitzmann Die älteste Bechtsverfassung der Baiwaren p. 92— 9e, »es
wird begreiflich, dass jene Bezirke, die später als Untergaue und Grafschaften
bekannt werden, ursprünglich in keiner anderen Bedeutung gestanden haben
können, als anderswo die Hundertschaften, und es wird diese Ansicht dadurch
wol nicht unlSedeutend unterstützt, dass nach dem ältesten Salbnch des Herzog-
thums aus der lütte des 18. Jahrh. im Gebiete des alten Isen- und Westergaues
das Amt Landeahut mit 21 Schergenämtern erscheint (M. B. 86ft p. 80 C), welche
unverkennbar den Genten oder Hundertschaften des 8. Jahrh. entsprechen; denn
der »scherig* erscheint in den Landfrieden des 18. Jahrh. ganz in der Stellung
eines Unterrichters neben dem Grafen, wie im 8. Jahrh. der Centenar neben dem
Comes*. ') Thudichum Die Gau- und MarkTeriassung in Deutschland p. 127.
Uniertuchungen zur bist. Geographie de« ehem. Hochiüflee Salzburg. 60 1
feststellen, sondern werden häufiger den umgekehrten Schloss yon den
Gerichisgrenzen auf die Markgrenzen %a ziehen in die Lage kommen.
Doch gibt es bei ans, abgesehen vom Hochgebirge, wo die Grenzen
stets nur die natOrlidien sein können and daher unverändert bleiben
müssen, auch im Flachland noch einige Gebiete, wo die Sparen des
Vorganges noch heute erkennbar sind, wie sich die heranrückende
Berdlkening in ein anbewohntes Wald- und Sump%ebiet hinein-
geschoben hat Der Ausgangspunkt ist eine Ortschaft, Yon der die
anderen ausgehen, welche durch Lage und Alter, durch die Namen
und die P&rrangehör igkeit als Füialgrfindungen des Urdorfes erkennbar
sind, und dieser selbe Bezirk — z. B. das jeixige Bezirksgericht Wilds-
hut, ausgehend von der Ortschaft Ostermiething — ^ durch Fluss, Wald
und Sumpf von der Nachbarschaft abgeschnitten, war ohne Zweifel
schon in der ältesten Zeit zugleich eine Gerichtseinheit, eine Cent des
Salzbarggans, wie er später ein eigenes Landgericht ist^).
Man darf nicht Qbersehen, dass allen territorialen Abgrenzungen
der Zug der Unveränderlichkeit von Natur aus eigen ist Wo vor etwa
1300 Jahren die einwandernden Bajuwaren ihre Höfe gebaut haben, —
in Salzburg herrscht das Hofeystem vor — da stehen sie heute noch,
durch ihre Namen ihr hohes Alter und durch ihr Zusammenstehen zu
zweien oder vieren ihre Entstehung aus dem getheüten Einzelhof
deutlich erweisend, und dass dieselben Feldfluren damals wie heute
zu demselben Hause gehört haben, ergibt sich nicht blos aus dem
Begriff des Einzelhofes der jetzt wie einst inmitten der zu ihm ge-
hörigen Grundstücke steht, sondern auch aus den gesetzlichen Ver-
hältnissen, indem z. B. in Salzburg die Freitheilbarkeit des Bodens (die
Erlftubniss, von einem Bauerngut die dazu gehörigen Felder weg zu
verkaufen) erst durch ein Gesetz vom Jahre 1869 gegeben worden
ist'). So ist auch die Zusammengehörigkeit einer Anzahl von Höfen
za einer Gemeinde etwas unveränderliches; und dass diese Zusammen-
gehörigkeit ausser dem Miteigenthum an der gemeinen Mark gerade
dem Bereiche des Gerichtswesens angehört, geht daraus hervor, dass
die den jetzigen Gemeinden entsprechenden alteren Verbände hier bis
') Ueber das aUgemeine Vorkommen der Centen auch Waitz Y. G. III, 891 o. ffl
') > Das wichtigste bleibt die Angabe der Ortsgemarkungen, da diese meistentheils
aus den ältesten Zeiten stammen und erhebliche Verfiaderongen erst in neueren
Jahrhundei*ten erfahren haben, worüber sich fast durchgängig noch Nachweise
erbringen lassen. Den Grenzen der Ortsgemarkungen folgen aber natürlich die
Grenzen der Gaue und Untergaue (Zenten, Huntaien) und später die Grenzen der
im Mittelalter entstandenen Territorien.* Thudichum in der Allg. Zeitung 1884,
N<^ 18 Beilage p. 186.
602 Richter.
in onser Jahrhuudert häufig geradezu den Namen , Schranuen ^ fllhren
(Schranne Heuberg, Eugendorf, Hallwang etc.).
Es ist einleuchtend, dass jede Staats- und Gerichtseinrichtung,
welche auf der Gleichheit aller Volksgenossen beruht, die gegenwärtige
sowohl als die der Urzeit zu solchen einfachen, abgerundeten, einander
an Grösse ziemlich gleichen Abtheilungen gelangen wird. Die Ge&hr
der Zersplitterung und Vernichtung wird aber diesen Abtheilungen
drohen, wenn f£lr die rechtliche Zugehörigkeit der Eingesessenen deren
priyatrechtliche Abhängigkeit massgebend wird. Eine solche Zeit war
bekanntlich die Blüthezeit des Lehensystems, in dem die Zugehörigkeit
des Bauers zu einem Obereigenthümer in den meisten Hinsichten der
öffentlichen Existenz für ihn das bestimmende war. Wenn wir nun
mitten in dieser Periode, d. i. seit dem 13. Jahrh., doch wieder solche
einfache und unzertheilte Abgrenzungen finden wie die eben damals
aufkommenden landesherrlichen Landgerichte, Schergenämter ^), so
werden wir annehmen müssen, dass sie aus einer früheren Periode
stammen, welche der Zersplitterung der ünterthanenverhältnisse durch
die Beziehungen des Hofrechtes vorherging und sich trotz Inununität
und Hofrecht erhalten haben. Die ho&echtlichen Beziehungen, das
Verhältniss der Hintersassen zu ihren Herren konnte nämlich niemals
territorial abgeschlossene Gebiete von so grossem ümfimg herror-
rufen wie die Landgerichte sind.
Wir können überhaupt später ganz genau unterscheiden, dass die
höchste oder Blutgerichtsbarkeit nach geographisch abgerundeten Be-
zirken eingetheilt, der Besitz aber zersplittert ist. Darum sind auch
die an dem Besitz haftenden Herrenrechte nicht territorial abgerundet,
sondern umfassen eine Menge Einzelbesitzungen, welche nicht territorial,
sondern nur administrativ zusammenge&sst sind. Eine gewisse Zahl
Yon Höfen zinst an gewissen Orten; zur Empfangnahme der Leistungen,
zur Entscheidung der aus dem Hintersassenyerhaltniss sich ergebenden '
Streitigkeiten, vielleicht auch zur Ausübung der Niedergerichtsbarkeit
ist ein Urbarrichter, Probst oder dgl. eingesetzt Solche Pröbste ver-
schiedener Herrschaften können nebeneinander in derselben Ortschaft
sitzen. Ein einziger kann für die durch ein ganzes Land zerstreuten
Güter gesetzt sein ; sind hingegen die Besitzungen und Einkünfte des
betreffenden Herrn irgendwo dicht gesät, so wird sein Bezirk Ueb
und territorial beschränkt sein.
Erstreckt sich ein Grundbesitz über ein grösseres Gebiet ohne
Zersplitterung, so entstehen die sogen. Hofmarken. Doch unterschei-
<) So in Bayern M. B. 86a.
Untenuchnogen zur bist. Geographie des ehem. Hochstifte« Salzburg. 603
den sich dieselben von den Landgerichten — selbst dann, wenn sie
mit den höchsten Gerichtsvorrechten ausgestattet sind — schon durch
ihren kleineren Umfang. Niemals hat eine Hofinark die Dimensionen
and kaum jemals die natürlichen Abgrenzungen wie ein Landgericht
Die Landgerichte umfessen Sprengel von der Grösse der heutigen Be-
zirksgerichte, die Hofmarken nur solche Yon der Dimension heutiger
Gemeinden ^).
Unsere Annahme würde also dahin gehen, dass die {Landgerichte
des spateren Mittelalters in unseren Gegenden im allgemeinen den
alten Genten oder Huudertschaften entsprechen. Bevor ich darauf ein-
gehe, an der urkundlichen Ueberlieferung unseres Beispiels die allerdings
kärglichen speciellen Beweismittel dieses Vorganges au&uweiseu, will
ich nur noch bemerken, dass in neuerer Zeit mehrere Bechtshistoriker
und Topographen yon Gewicht dieselbe Ansicht ausgesprochen haben,
welche freilich allein dazu geeignet erscheint, in die mittelalterliche
Geographie die Möglichkeit klarer Lösungen zu bringen. Wer nämlich
der andern Ansicht von der ganzlichen Auflösung der alten Gau- (und
Cent-) YerfMSung huldigt und als das einzige massgebende für die
spätere Entwickelung die Lnmunitats- und hofrechtlichen Verhältnisse
annimmt, muss auf jede Entwirrung des geographischen Chaos yer-
zichten, in welches er sich hiermit gestürzt hat Die Yerftlhrung
hierzu liegt nun freilich nahe genug, da nicht blos die Autorität
Eonrad y. Maurers diese Ueberschätzung der hofrechtlichen Verhält-
nisse befordert, sondern auch die Ueberlieferung sowol an Urkunden
als IJrbaren fast ganz dem hofrechtlichen System, nämlich der Auf-
zeichnung über Erwerbung, Veränderung oder Ertrag des Privatbesitzes
angehört und Ausdruck gibt, während die Urkunden, welche über die
öffentlich rechtlichen Beziehungen, das Grafengericht, überhaupt die
Verhältnisse der freien, nicht hörigen Bevölkerung Aufschluss geben,
in verschwindender Minderzahl sind.
') Lnschin gibt in seiner Geschichte des GeriobtsweeesB 6. 1)4 eine sehr
interessante Beobacht nng über die Grösse der Landgerichte, worin er die über-
mässige Zersplitterung der Landgerichte in Oesterreich im Gegensätze zu Bayern
hervorhebt, wo »die Landgerichte das ganze Mittelalter hindurch als grossere
Verwaltungsgebiete sich erhalten haben*. Die durchschnittliche Grösse eines
Lazidgerichtes in dem einst bayrischen Innviertel betrug am Anfang unseres
Jahrhunderts 8*/, Quadratmeilen, in Niederösterreich 1*/» und Oberösterreich
1 % Qnadratmeilen. Salzburg steht hier viel näher den bayerisohen Verhältnissen,
indem die Grösse eines Landgerichtes in dem auf unserer Karte dargestellten
alt-salzburg'schen Gebiet ausserhalb des Gebirges durchschnittlich 2Vi Quadrat-
meilen beträgt. Würde man die Gerichte innerhalb des Gebirges dazuzählen,
80 würde die Zahl auf 5 Quadratmeüen steigen.
604 Richter.
Trotzdem haban, wie gesagt, mehrere Gelehrte yon Raug jenes
für den Bearbeiter mittelalterlicher Geographie wahrhaft erlosende
Wort ausgesprochen, von der Fortdauer der alten Genten in den Ijuxd-
gerichten des späteren Mittelalters und der neueren Zeit So Yor
allem Thudichum, der aus der genauesten Eenntniss des Quelleii-
materiales einer eiuaselnen Landschaft, der Wetterau, zur Aufstellung
dieses Satzes gelangt ist. Er sagt: «Die Centen selbst und ihre innere
Verfassung blieben yon diesen Veränderungen (der Immunitätsperiode)
völlig unberührt ... Es haben sich daher viele solcher Genten and
Landgerichte bis ins 16. und 17. Jahrh. &st unversehrt erhalten.*
(Gau- und Markverfassung S. 86.)
Ferner Böhm: «Wie zu den Zeiten des Tacitus, so sind im fränki-
schen, im karolingischen wie im merovingischen Beich, so sind anch
fernerhin, während des ganzen deutschen Mittelalters bis zur Beoeption
des rSmischen Bechtes im 16. Jahrh. die Gerichtseinrichtungen in
Deutschland Hundertschaftseinrichtungen.' (Frank. Beichsverfasaong
8. 296.)
Femer derselbe S. 541: »Der Säte, kraft dessen die Hundert-
schaftsgemeinde Gerichtsgemeinde ist, hat, wie die Stürme der Völker-
wanderung, wie die Beichsgründung durch Chlodwig, wie die Beformen
Karls des Grossen, so die Auflosung des frankischen Beiches, die Auf-
lösung der Gauverfassung, die Auflösung der öffentlichen Gewalt durch
die Landeshoheit, den in den einzelnen Territorien sich vollziehenden
Beginn einer vollkommen neuen Entwickelung überdauert.'
Endlich Biezler (1. c. I, 753): »Die Unterrichter der Grafechafts-
verfassung entsprechen einerseits dem alten Centenar oder Schuldheissen,
anderseits dem Bichter der späteren Landesherren und in ununter-
brochener Entwickelung unserem heutigen Landrichter.'
Noch ist das Verhaltniss der Genten zu den Gra&chaften zu be-
sprechen. Nach den Untersuchungen Sohms ist die Cent die Grund-
lage der Gerichtsver&ssung, die Gra&chaft die Grundlage der Gerichts-
verwaltung, insofern als nämlich das Gentgericht für die Eingesessenen
jeder Gent das zuständige Gericht ist, ein Graf aber über mehrere
Centen gesetzt ist, in denen er abwechselnd die Gerichtstage halt. Wie
viel Centen hat nun ein Graf unter seiner Verwaltung gehabt? Ge-
wöhnlich nimmt man an, dass es eine Zeit gegeben habe, wo jedem
Gau ein Graf entsprach: wie weit zurückUegend diese Periode zu
denken sei, ist schwer zu sagen. Denn schon im 9. und 10. Jahrh.
ist die Zahl der Grafen ungemein viel zahlreicher als die der Gaue.
In den 90 Bechtshandlungen, welche uns in dem soge^. Codex
Untersuchungen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 605
traditionnm Odalberti (928 — 935)^) erhalten sind, und deren Aosstel-
longsorte in den vier Gauen Salzburggau, Chiemgau, Isengau und
ThSlergau, sowie in Karantanien (hier aber stets in einer und der-
selben Gegend) liegen, erscheinen bei 30 yerschiedene Grafen.
War also damals yon einem Zusammen&Uen yon Gau und Graf-
schaft keine Bede mehr, so möchte bei dem bedeutenden üm&ng der
Gaue in Bayern die Yermuthung nicht unbegründet erscheinen, es
seien in Bayern schon seit der allerSltesten Zeit mehrere Grafen auf
einen Gau zu denken; es habe also überhaupt niemals eine Zeit ge-
geben, in welcher Gau und Grafschaft aUenthalben zusammenge&llen
sind*). Nach Massgabe der spateren Landgerichte würde der Salz-
burggau aus etwa 20 Hundertschaften (Genten) bestanden haben. Es
erscheint kaum denkbar, dass ein Graf eine so grosse Anzahl Genten
zu verwalten im Stande gewesen ist Auch liegt in der Bezeichnung
pagus zunächst nicht ein rechtlicher Sinn, wie in der Bezeichnung
Hundertschaft, Schergenamt, Landgericht, sondern ein geographischer.
Eine gewisse natürlich begrenzte Landschaft heisst Gau; wenn die
politische Abgrenzung häufig genug mit dieser natürlichen zu-
sammenge&llen ist, so sind doch die Beispiele, dass überaus grosse
Gebiete, gauze Länder, mit dem Namen Gau belegt werden, ebenso
häu% als die entgegengesetzten, dass die Umgebung eines Ortes, ja
eine einzehie Ortschaft selbst, schon als Gau bezeichnet wird^). In
dem einen wie dem anderen Falle ist also nicht daran zu denken,
dass diesen , Gauen* je der Begriff der ^Ghiugrafschaft' zugekommen
wäre. Für unsere Gegenden lassen &ich mannigfache Beweise erbringen,
dass der Gaubegriff, wenigstens im Zusammenhalte der Quellen des 8.
mit denen des 10. Jahrh. der juridischen Bestimmtheit entbehrte, und
offenbar nur in einem allgemeinen Sinne, zur beiläufigen Bezeichnung
gebraucht wurde. Man sagte damals, wie es scheint, im Ghiemgau
oder Salzburggau, so wie man heute sagen würde ,in der Nähe des
>) Gedr. luravia Dipl. Anh. 8. 122—176. Vgl auch Hanthaler und Richter
Die sakb. Traditionacodices, Mitth. d. Inst. f. Ost. Gedohichtsf. 1888, S. 68 u. S69.
s) VgL Waitz VerfassungBgeschichte III, 881. Wenn W. das Zusainmenfallea
von Gau und Gra&chaft im Allgemeinen au&echt erhält, so föhrt er doch 1. c.
Anm. 2 80 viele Beispiele für die Existenz mehrerer Grafschaften in einem Gau
Bchon f5r die EaroUngerzeit an, dass die obige Yermuthung durch dieselben hin-
länglich gedeckt erscheint. *) Für das erste Thadichum p. S u. ff., filr dos
letztere aeugen Ortsnamen wie Thalgau, Pongau, Wallgau u. a. Vgl. auoh Biezler [,
126, wonach Bayern in der ältesten Zeit nur in vier Graue zerfallen sei. Hier
kaaii doch nicht daran gedacht werden, dass es nur vier Grafen gegeben habe.
Siebe auch I, 841, wo die zweifache nicht politische Bedeutung des Wortes Gau
ausführlich belegt wird.
606 Richter.
Chiemsees, bei Salzburg*. Nur so kann ich mir die Widersprüche
der Quellen erklären. Mehrfach finden wir nämlich, dass in ver-
schiedenen Quellen yon zwei enge benachbarten, im selben Gerichte,
ja in derselben Gemeinde gelegenen Ortschaften die eine als in einem
anderen Gau gelegen bezeichnet wird als die andere. Will man, wie
das bisher geschehen ist, die Gaugrenzen streng nach diesen Angaben
ziehen, so erhält man die sonderbarsten Bilder, deren Unmöglichkeit
sofort in die Augen springt Die Beispiele werden im folgenden noch
besprochen werden; ich fähre sie hier nur kurz an.
Im Indiculus Arnonis werden Otting und Waging als im Chiem-
gau gelegen bezeichnet (cc 790). 180 Jahre später liegt das wenige
Kilometer von Otting entfernte, ja westlich davon gelegene Winter-
moning im Salzburggau.
Eirchweidach muss nach Indic. 5, 26 entweder dem Salzburg-
oder dem Chiemgau zugerechnet werden. Einige Autoren haben auch
dieser Angabe zu liebe den letzteren mit einem spitzen Lappen über
die Alz bis zur Salzach herüberreichen lassen. Nun ist aber durch
viele Quellenstellen b^laubigt, dass der Strich zwischen Alz und Sach-
zach abwärts von Asten und Nunreut den eigenen Namen Zeidlergau
getragen hat, und Weidach also weder dem Chiemgau noch dem Salz-
burggau, sondern dem Zeidlergau zuzurechnen ist. Der Schreiber des
Indiculus hat eben, wie es scheint, die eine Kirche des Zeidlergaues,
über dessen Grenzen ja keine stricten Vorstellungen ezistirteu, der
langen Beihe der des Salzburggaues zugerechnet (Näheres s. unter
Gericht Wald.)
Gehöre aber die Theilung der grossen Gaue in mehrere Graf-
schaften einer früheren oder späteren Zeit an, zweifellos ist, dass
schon im IQ. Jahrh. die Zahl der Grafschatten viel grösser ist als die
der Gaunamen; dass also die Gaue bereits getheilt waren. Und aus
der stets steigenden Zahl von Grafen und Grafschaftsnamen folgt, dass
auch diese neuen Grafschaften wieder und wieder getheilt worden
sind. Aus dem Begrifi' der Grafschaft, welche (nach Sohm) als Bechts-
institut die Vereinigung mehrerer Genten in einer Hand zum Zwecke
ihrer gemeinsamen Verwaltung war, ergibt sich aber, dass eine Thei-
lung der Grafschaft nur nach den einzelnen Genten stattgefonden
haben kann. Ist eine Grafschaft nur eine Mehrheit von Genten, so
ist einleuchtend, dass als Princip einer Theilung nur die Zerlegung in
die einzelnen Genten massgebend sein kann. Man zertheilt nicht die
Genten, sondern man vertheilt sie. Die neuen Grafschaften sind nichts
anderes als die alten Genten, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass auch
zwei oder drei Genten zu einer Grafschaft vereinigt bleiben konnten.
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 607
Diesen Vorgang hat Baumann f&r das Würtembergische überzeugend
nachgewiesen^) und ich halte ihn auch für unsere Gegenden voll-
kommen erweislich, wovon spater noch zu reden sein wird.
Die Anschauung, von welcher also bei Abfassung der vorliegen-
den Karte ausgegangen wurde, ist folgende:
1. Die im spateren Mittelalter auftauchenden Landgerichte sind
die alten Hundertschaften.
2. Die Grafschaften des 11. bis 13. Jahrh. haben ebenfiEdls keine
anderen Abgrenzungen gehabt . als die Hundertschaften oder Land-
gerichte und bestanden also aus einem oder mehreren solcher Gerichte.
Doch ist, bevor auf das einzelne eingegangen werden kann, noch
die schon hervorgehobene Vorfrage zu losen, ob denn die Fortdauer
jener uralten Gerichtsabgrenzungen während der Periode der Immuni-
täten, also vom 10. bis zum 13. Jahrb., quellenmässig nachweisbar
sei, und ob derjenige, welcher diese Fortdauer annimmt, sich nicht
dadurch mit der herrschenden Ansicht über Bedeutung und Wirkung
der Lnmunitäten in einen unlösbaren Conflict setzt. Ich hoffe durch
eine kurze Geschichte der salzburg'schen Immunität erweisen zu können,
dass dies nicht der Fall ist.
Die erste uns erhaltene Salzburger Immunitätsurkunde ist Sickel
Acta Karol. L. 77 Ludwig d. Fr. von 816 Febr. 5. luvav. S. 65 N« XIX.
Ihr fast gleichlautend ist die zweite von Ludwig dem Deutschen 837
Febr. 24. luvav. S. 86 N« XXXI. Der Wortlaut der massgebenden
Sätee folgt hier nach 1 mit den Varianten von 2 :
Et nuUus iudex publicus, vel quilibet |^ex judicaria potestate
in I ecclesiaa aut loca, vel agros, seu reliquas possessiones me-
moratae ecclesie quas moderne tempore ^jin quibuslibet pagis
vel territoriis infra ditionem imperii nostri | juste et
legaliter possidet, vel que deinceps in jure ipsius sancti loci voluerit
divina pietas augeri, ad causas ^audiendas, vel Areda aut tributa
exigenda aut mansiones vel paratas faciendas, aut fideiussores
tollendos, aut homines ipsius ecclesie tam ingenuos quam et
servos super terram ipsius commanentes {^iniuste | distrigendos,
nee Ullas redibiciones, aut inlicitas occasiones requirendas nostris
aut futuris temporibus ingredi audeat, vel ea, que supra
memorata sunt penitus exigere praesumat, sed liceat memorato
praesuli suisque successoribus res praedictae ecclesie sub immuni-
tatis nostre defensione quieto ordine possidere ^et nostro
fideliter parere praecepto, atque pro incolumitate
I) Die Gaugrafsch^en im würtemb. Schwaben, Stuttg. 1879, S. 4.
608 Richter.
nostrae conjugis ac prolis sea etiam totius imperii
a Deo nobis concessi atque conseryandi iugiter
domini misericordiam exorare delectet | et qaicqoid
l^exiude fiscus sperare poierii | totum j^nos pro aeterna
remuneratioue eidem ecclesia coucedimusj, ut in ali-
monia pauperum et Btipendia clericorum ibidem Deo famulfuitlum
perpetuis temporibus profieiat in augmentum.
Diejenigen Stellen, welche in der zweiten Urkunde geändert sind,
sind gesperrt gedruckt. Die daf&r eintretenden Varianten sind fol-
gende:
^Isuperioris aut inierioris ordinis reipublicae procurator in mona-
steria, cellulas.
« fehlt I
l^iudiciario more. |^fehli| ^kommt mit Varianten später.)
I^de rebus praedictae ecclesie ius fisci exigere poterat, sicut in
praecepto domni et genitoris nostri continetur.
1 7 (totum) eadem ecclesia sibi habeat indultum.
Die dritte Immunitätsurknnde verlieh Otto I. 945. Mon. Qerm. Dipl. N^ 68
148. Sie bringt den Beginn der Immunitatsformeln wortlich nach der
Urkunde Ludwig des Deutschen von 837 mit nur einer, den Sinu
nicht ändernden Auslassung, der Variante parscalcos statt in-
genuos und der Einschiebung ceterosque nach servos. Mit iu-
gredi audiat schUesst aber die Benützung der genannten Vorlage und
es folgt an Stelle der dort befindlichen Sätze der Passus:
et nullus igitur illorum hominum de quibus supra memorayimus
qui ad ipsam sedem pertinent cum banno ullius comitis siye supe-
rioris aut inferioris iudicis ad placitum publicum minime ire
cogatur et distringatur, sed in ipsius anteiati archiepiscopi pote-
State et advocatorum suorum sine ulla oontradictione in perpetuo
consistant.
In diesem Zusätze drückt sich die Erweiterung des Inmiunitätsbegriffes
oder vielleicht besser gesagt der Immunitatspraxis, welche sich heraus-
gebildet hatte und nun vom Kaiser sanctionirt wurde, deutlich aus.
War der Sinn der karolingischen Immunität, wie wir mit Sickel,
Heusler und anderen annehmen, der, dass die Immunitätseingesessenen
vor dem öffentlichen Bichter durch den Vogt vertreten werden, und
die von ihnen zu zahlenden Bussen an den Bischof fallen sollten, so
befreit die Ottonische Urkunde die kirchlichen Hintersassen von dem
Besuche der Qrafengerichte und unterstellt sie ausschliesslich dem
Untersuchungen zur hiat. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzbarg. 609
Vogt, der also f&r die Eirchenleute eigene Dinge zu halten ge-
nothigt ist^).
Heusler hat nachgewiesen, dass die Erweiterung der Immunitat,
welche sich in den Ottonischen Privilegien zeigt, nicht eine Aus-
dehnung der hofrechtlichen Gewalt üher freie Leute und eine Ver-
nichtung der öffentlichen Gewalt, sondern vielmehr eine Uebertragnng
der letzteren auf die Bischöfe ist*). Wenn er aber S. 48 sagt: .die
Ottonischen Privilegien kommen hinsichtlich ihres Inhaltes und ihres
Zieles mit den Grafschaftsschenkungen fiberein', so scheint das doch
zu weit zu gehen. Denn man muss sich fragen, warum dann die
Immuniät allein zur Erwerbung der Landeshoheit nicht ausreichte,
wenn sie zur ottonischen Zeit bereits die hohe Gerichtsbarkeit aus-
nahmslos und ohne Einschränkung enthielt, — jenes Recht, auf welchem
sich die Landeshoheit zunächst aufgebaut hat. Man wird also annehmen
müssen, dass die ottonischen Privilegien vielleicht dem Ziel nach, kaum
aber dem Erfolg nach den Grafschaftsschenkungen gleich zu stellen
sind, und wird aus den bei Waitz V. G. 7, 240 u. f. angeführten Bei-
spielen entnehmen, dass bei der Erneuerung der Inmiunitäten doch
keineswegs fiberall und jederzeit eine vollkommene Ausschliessung der
gräflichen oder herzoglichen Gerichtsbarkeit, wenigstens was die sogen,
drei schweren i^Ue betrifft, gemeint war.
Selbst aber angenommen, mit den ottonischen Immunitäten wäre die
Absicht verbunden gewesen, die ganze höhere Gerichtsbarkeit zu ver-
leihen, so wäre dies noch nicht ausreichend gewesen die Landeshoheit
zu begründen, und zwar aus zwei weiteren Gründen: Erstlich weil der
Immunität meistens die territoriale Abgeschlossenheit gefehlt hat und
zweitens weil für Südost-Deutschland in der zweiten Hälfte des zwölften
Jahrhunderts und der Folgezeit ganz unzweifelhaft eine Herabmin-
derung der Immunität und ein Unterliegen derselben unter die Landes-
hoheit der Herzoge von Bayern und Oesterreich nachzuweisen ist.
Waa den ersten Punkt betrifft, so scheint es, als ob die räumliche
Ausdehnung der Immunitätsgebiete nicht selten unrichtig beurtheilt
würde. Beschäftigt man sich nämlich mit den Details der territorialen
Verhältnisse, so findet man, dass der häufig angewandte Ausdruck von
der Abrundung der Immunitätsgebiete durch die Thatsachen nicht
gerechtfertigt wird. Abrundung und territoriale Abschliessung ergibt
<) Vgl. Waitz V. G. YII, 2S0 Anm. 8. Wenn auch in unserem Falle eine £r-
weiteruDg des alten Rechtes nicht ausdrücklich erwfihnt ist, so scheint doch der
Zusatz bei sonstiger Beibehaltung des alten Wortlautes die Absicht der Vermehrung
des Inhaltes unzweifelhait zu machen. ') Der Ursprung der deutschen Stadt-
Terfassung S. 84 u. f.
MittlieflmiKen, ErgftiizuBffBbd. I. 40
GIO Richter.
sich nicht durch privatrechtlichen Erwerb aneinanderstossender immaner
Gebiete, sondern erst durch den Erwerb der Grafschaft Verfolgt man
nämlich den Kirchenbesitz genauer von Ort zu Ort, so findet man
zwar, dass derselbe eine ungemein grosse Anzahl einzelner Hofe und
Güter umfasst — besonders in jenen Gebieten, in welchen das Hof-
system vorherrscht und geschlossene Ortschaften selten sind — , femer
dass er sich über weite Landstrecken hin verbreitet, dass er aber
sehr selten territorial in sich geschlossene Gebiete bil-
det. Es ist wol überflüssig bezüglich der ersteren Behauptung Bei-
spiele anzuführen, bezüglich der zweiten will ich nur darauf hinweisen,
dass als Grenzpunkte der salzburg'schen Besitzungen folgende Orte
gelten können: Meran im Südwesten, Regensburg im Norden, Pünf-
kirchen (in Ungarn) im Osten, Gurkfeld in Krain im Südosten. Dass
die Besitzungen Freisings, Bambergs oder Passaus nicht weniger ver-
streut waren, ist bekannt. Von einer Zusammenfassung derselben zu
abgerundeten Gebieten in der Ausdehnung der späteren Territorien
oder deren Theile ist aber in der Regel nichts zu bemerken. Noch
weniger kann aber davon die Rede sein, dass die Immunität jemals
vermocht hätte, die zwischen ihren Besitzungen liegenden nicht kirch-
lichen Gebiete ihrer Jurisdiction zu unterwerfen i).
Es ist auch wol nicht zu gewagt, wenn man behauptet, dass es im
ganzen deutschen^Reiche keine einzige Grafschaft gegeben hat, innerhalb
deren nicht wenigstens das eine oder andere immune Gut sich befunden
hätte. Wenn die Immunitäten also die Macht besessen hätten, sich
über nicht kirchliche Gebiete auszudehnen, so würde die ganze gräf-
liche und reichsfbrstliche Gewalt von den kirchlichen Herrschaften auf-
gesaugt worden sein. Vielmehr sehen wir die Grafschaften auch dort
fortdauern, wo die Immunitätsbesitzungen sehr dicht gesät sind, ja
wir sehen aus den kirchlichen Schenkungsverzeichnissen selbst, dass in
Ortschaften, die man längst vollständig in kirchlichem Besitz wähnen
konnte, so oft erscheinen sie in jenen An&eichnungen, doch immer
wieder neuerdings freier Besitz vorhanden ist, der nun erst erworben
wird. Es ist schwer, solche Behauptungen durch Beispiele zu belegen,
da einige einzelne Angaben aus Urbaren und Traditionsbüchern doch
keine überzeugende Kraft haben würden. Möge es genügen, darauf
») Vgl. Waitz V. G. 7, 287. Die dort erwähnte Urkunde för Worms steht,
so viel ich sehe, ganz vereinzelt Vgl. auch Sickel Beiträge zur Diplom. Sitzungs-
berichte 49, S86. Jedenüalis bedurfte es zu einer solchen Ausdehnung des Immuni-
tätsgerichtes über nicht Eingesessene einer eigenen königlichen Verleihung, welche
dann bezüghch des praktischen Erfolges der Belehnung mit der Gra&chaft gleich
zu setzen ist.
Untenaohungen cur hiat. (Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 611
binzaireiseu, dass wir Aber die Aosdelinang des sakburg'schen Eirchen-
gotes durch Urbare auf das genaueste unterrichtet sind, über die Be-
siteungen in Bayern speciell durch ein grosses ungemein ausführliches
Saalbuch von 1527. Die Prorenienz der letzteren Quelle aus dem
16. Jahrh. kann ihre Brauchbarkeit ftlr firühere Zeiten nicht beein-
trächtigen, da im spateren Mittelalter der Eirchenbesitc zwar in ein-
zelnem erweitert und verändert worden ist, Erwerbungen in grösserem
Style durch die alten Kirchen in jenen Zeiten selten mehr rorkommen,
wo sie sich aber ereignen, urkundlich bekannt sind. So ist z. B. bd
fielen jener mehr als 1500 Güter im Isengau und am Inn, die im
genannten Saalbuch von 1527 erwähnt sind, die Identität mit den im
Indiculus Amonis des 8. Jahrh. eingetragenen Besitzungen durch die
Identität der Oertlichkeit leicht zu erweisen.
Trotzdem ako gerade in dieser G^end die salzburg'schen Qüter
so dicht liegen, dass man wol rermuthen könnte, es möchte dort zur
Entstehung eines geschlossenen Immunitätsgebietes gekommen sein, so
ist doch von einem Verschwinden der Orafschaften daselbst keine Bede.
Es eadstirten im Oegentheile dort nachweisbar mehrere sehr mächtige
Dynasten, wie z. B. die Grafen von Mögling bei Au und die Grafen
▼on Erayburg. Ebenso ist das Aufkommen der mächtigen Grafen ron
Piain in unmittelbarster Nahe des Sitzes des Erzbisthums und die
Errichtung ihres Hauptschlosses auf einer Stelle, die von allen Seiten
▼om Eirchengut umschlossen scheint, daf&r charakteristisch, dass man
die territoriale Ausdehnung und Wichtigkeit der Immunitätsgebiete
doch häufig überschätzt hat
Es gab, wie gesagt, vielleicht keine einzige Gra^haft im giuizen
Reich, auf deren Gebiet sich nicht einige Immunitätsleute befunden
hätten und in mancher mag ein sehr bedeutender Bruohtheil der Ein-
gesessenen durch Immunität dem Grafengericht entzogen worden sein :
eine gänzliche Verdrängung und Aufisaugung des gräflichen Instituts
durch die Eirchenvogtei wird man doch nur in sehr rereinzelten Fällen
und für beschränkte Territorien anzunehmen haben. Selbst in den
meisten bischöflichen Stielten, wo doch die Immunität mit besonderer
Wucht au&ntreten in der Lage war, bestand das Institut des Stadt-
oder Burggrafen zunächst neben der Immunität fort und es bedurfte
besonderer Anstrengungen der Bischöfe, um dann dieses Amt entweder
zum Eirchenlehen zu machen oder sonst wie zu beseitigen. Es mnsste
also sogar in den Bischo&tädten zur Immunität noch die Erwerbung
der Grafschaft treten, um die Landeshoheit herzustellen ^). So bestehen
<) Vgl die Rechtfigeflehiebte Ton COln tou Hegel in der Einleitung lo des
Stfidtechroniken.
40*
612 Richter.
alap die Immunitatsgeriohte der Vögte und die alten Orafischaftsgerichte
in denBelben Gebieten wahrend des 11. und 12. Jahrh. nebeneinander
fort Mit der zweiten Hälfte des letzteren beginnt aber f&r das
stldöstliche Deutschland eine neue Entwickelung. Einerseits hatte sich
das Lostitut der Yögte, wie bekannt, so ausgestaltet, dass die Bischöfe
alles aufwendeten, sich von einer Einrichtung zu befreien, welche aus
einem Vorzug und einer Befreiung eine Last geworden war, anderer-
seits erstarlcte seit dem Privilegium minus (1156) in Oesterreich, und
seit der Thronbesteigung der Witteisbacher (1180) in Bayern die
landesherrliche Oewalt in diesen beiden Landern, in welchen die meisten
salzburg'schen Besitzungen lagen, so sehr, dass die Immunität
ihr gegenüber ihre ursprüngliche Stellung nicht mehr
behaupten konnte, sondern neuerdings die höhere Oeltung der
gräflichen jetzt landesftbrstlich gewordenen Oewalt anerkennen musste.
In Oesterreich hatte nämlich das Privilegium minus dem Landes-
herren alle grafliche Oewalt übertragen — er sollte nicht wie
andere Herzoge die Orafschaft weiter leihen, sondern alle Oerichtsbar-
keit in eigener Hand führen; in Bayern wurde dasselbe Resultat da-
durch erreicht, dass die ersten wittelsbach^schen Hersoge eine ganze
^ihe durch Erbfall oder anderswie erledigte Orafachaften in ihren
Besitz brachten 1).
WoUtei^ also die Erzbischöfe überhaupt noch sich ein Oebiet er-
halten, in welchem sie die alleinigen Herren waren, wo sie die Lan-
deshoheit besaasen, so konnten sie das nur dadurch bewirken, dass
sie selbst ganze Orafschaften erwarben.
Man kann das auch verfolgen an der Oeschichte der Freisiag-
sdien und Passau'schen Oüter in Oesterreich. Längere Streitigkeiten
zwischen diesen Bisthümern und den österreichischen Herzogen liefern
den Beweis, dass diß Oüter derselben der herzoglichen Oewalt keines-
wegs entrückt waren, ja dass im 12. und 13. Jahrh. der Begriff der
Immunität gerade in einem der wichtigsten Punkte seinen Inhalt ge-
ändert hatte'). Sogar die Bischöfe selbst erkennen das Recht des
Herzogs auf «marhrecht, lantgerichte und burwerch* dadurch feier-
lich an, dass sie sich die Befreiung von diesen Lasten vom Herzoge
ausdrücklich imd abermals verleihen lassen, obwol beide Beichsbis-
thümer natürlich längst die Immunität besassen. 1164 schreibt der
Bischof Albert von fVeising an sein Gapitel (Meiobelbeck I, 1, 372):
1) Mon. Qerm. 17, S77. Isti sunt quonim beieditas com castris et prediis
ad Ludvricum ducem et filium eius Ottonem sunt devoluta; vgL Biezler Ge«ch.
Qsyems 8, 88. *) Vgl. Heinr. Brunner Das gerichtliche BxemptioQBrecht der
Dabenberger. Sitznngsber. der Wien. Akad. 47, S15.
Unienuehungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. ^13
Petitiones meas omnes exaudiyit (Eenog Heinrich) ita üt ecclesiae
nosixae bona a cottidiana ezactione sie penitas libera dnnitteret, ut
nnllns indicum vel offidaliam suorom in eis qoicqnam tractare
Iiabeat. Hos vero parnim ei de praedictis bonis nostris obtulinms
censmn, quem annoatim de hominibus nostris ei nibil amplius
aocipiendum impetrarimas. De bonisin Ebersdorf tarn nostris, quam
Novae cellae duas libras, et 40 nummos, item de Alam duas
libras et 40 nummos, de finzinesdorf 13 libras, et si inventi
fuerint ibi fures, soli illi tradantur judicibus, reliqua
foris fiusta officiales nostri judicabunt ... et sie firmavit, ut toto
tempore vitae snae et nostrae de judieibus et ofBdalibus suis
nihil amplius bonis et hominibus nostris timere debeamus. Haec
ideo Tobis scripsimus, ut in exemplum succesoribus nostris relin-
quatur ut et ipsi eandem gratiam impetrare non negligani
Im Jahre 1189 erwirkte dann IVeising, dass der Herzog jene, wie es
scheint, nur rorübergehend zugestandenen Rechte dem Bischöfe dauernd
abtrat, und zwar in der Form, dass er dieselben dem Kaiser aufliess,
da sie als Bestandtheil seines Beichslehens angesehen wurden, und
der Kaiser sie dem Bischöfe verlieh. Es heisst in der Eaiserurkunde
Heichelbeck I, 1, 879:
Cum Leopoldus et filius Fridericus omnem majestati nostrae re-
signasset justiciam, quam per dominicalia Frisingensis episcopi
quondam ab imperio possederunt in Austria id est marchrecht et
lantgerichte et burchwerch, quae specialiter ad usus ipsorum
respidebant, tam in ofiSdo Enzinsdorf et Alarn, quam et iam in
Holunburch et Ebersdorf . . . praedictam iusticiam nobis resigna-
tam . . . donatione regali tradimus ecclesiae Frisingens etc.
Hieraus ergibt sich zweierlei: Erstlich dass die oberste Gerichtsgewalt
des Herzogs über die Freising'schen Güter als ein durch die uralte
Immunität dieses Stiftes keineswegs eingeschränktes Becht, viehnehr
als ein Bestandtheil seines Herzogslehens aufge£Eisst wurde, so zwar,
das die Immunitat dem Herzog neuerdings vom Bischof abgewonnen
werden muss^).
*) Man kömite in diesem Falle auch auf den Gedanken kommen, es handle
sich nicht um Immunität im alten Sinne, sondern um eine Entvogtong. Der
Herzog würde also die oben angeführten Rechte aus dem Titel der Vogtei her-
leiten und für eine Entschädigung abtreten, und es l&ge dann hier derselbe Fall
vor, den Sauerland (die Immunität von Metz) für dieses Stift nachgewiesen hat,
dass nämliöh die Entvogtnng unter den Wendungen der Immunitätsyerleihung
stattgefunden hat. Dagegen sprechen aber folgende Gründe: Erstens ist von
einer Yogtei der Babenberger über Freising vor dem Aussterben der steiiisohen
Ottokare nichts bekannt. Zweitens konnte ich eine Analogie mit jenem Metzer
614 Richter.
Zweitens dass auch diese neuerdings gewonnene ImmunitÜ sich
nicht ganz mit der alten Ottonischen deckt, welche wenigstens dem Wort»
laut der Urkunden nach jede Art von Gerichtsgewalt dem Bischof
und seinem Vogt vorbehält Denn die höchste Gerichtsbarkeit, die be-
kannten drei Fälle des Blutbannes bleiben dem herzoglichen Bichter
auch jetzt noch vorbehalten und der Bischof scheint sich in dem Briefe
an das Gapitel noch .etwas darauf zu gute zu thun, dass nur die
,fures' zur Hizurichtung ausgeliefert werden müssen^). So erscheint
aber, so viel ich sehe, im 12. und 13. Jahrhundert die Immunität
überall begrifflich eingeschränkt; man versteht darunter nur mehr die
Gerichtsbarkeit mit Ausschluss der drei yMalefizfiUle*.
Das neu gegründete Bisthum Gurk beansprucht eben&Us keine
weitergehende Gerichtsbefreiung. Während des grossen Streites zwi-
schen Gurk und Salzburg wurden am Ende des 12. Jahrh. mehrere
Urkunden gefälscht, in welchen man gewiss allen Ansjurüchen Aus-
druck gab, die man nur immer erheben konnte. In einer dieser Ur-
kunden heisst es nun (Hirn, Jahresbericht des k. k. Gymnasiums in
Krems 1872, p. 62):
ut nulltts dux vel comes in illo loco libere sibi judiciariam pote-
statem vendicet nisi quem ipsi sibi elegerint, excepto judieio
sanguinis et famosi furti, nee hoc absque judice ab eis
electo.
Man verlangte also die Niedergerichtsbarkeit für den Vogt (judex
electus); die höhere Gerichtsbarkeit bleibt dem Herzog oder Grafen,
doch wie man annehmen darf in der Weise, dass das Gmcht des
Bisthums die Schuldfirage entscheidet, der weltliche Bichter das Urtheil
föllt und vollzieht. Der weitere Passus der Urkunde:
omnisque possessio deo inibi famnlantium pro emunitate habeatur
ist offenbar in dem Sinne aufzufassen, welchen Waitz V. G. 7, 247 als
den neuen Inhalt der Immunität bezeichnet, nämlich einer Art Freiung
für den Umfistug der kirchlichen Gebäude auch dem Vogt und anderen
weltlichen Gewalten gegenüber.
Ganz ähnlich verhält es sich mit Passau. Auch hier hatte Herzog
Leopold V. dem Bischöfe freiwillig die Immunität zugestanden, sein
Nachfolger aber dieses Zugeständniss wieder aufgehoben^. Die Lösung
FaJle in der Geschichte der bayerischen Stifter sonst nirgendwo entdecken. Drit-
tens würde eine Eirchenvogtei nicht als Bestandtheü eines Reichslehens bezeichnet
werden können.
') Dass hier ausser den »fores* auch noch die Mörder und Noihzüchter mit
inbegriffen sind, unterliegt nach den zahlreichen Analogien wol keinem ZweifeL
*) MB. 28b, 267 und 80a, ?6,
Untenaohungen zur hut. Geographie des ehem. Hochstiftes Sakburg. 615
erfolgt wie bei Freising dnroh Auflassung der streitigen Rechte seitens
des Herzogs und Verleihung derselben an den Bischof durch den
König. Also auch hier war das Resultat, ^dass die Ezterritonalit&t der
Besitzungen reichsunmittelbarer Stifter in Oesterreich nicht durch den
Wortlaut alterer Kaiserdiplome, sondern lediglich durch die Zustimmung
des Herzogs als Landesherm begrfindet werden konnte 'i).
Wenn nun z. B. Begensburg durch die Urkunde Otto IL MB. 81, 1
p. 238 ausdrücklich das Recht verliehen wurde, dass auch die drei
schweren lUlle nur rom Vogte entschieden werden sollen und das
Eingreifen des Herzogs auf den einzigen Fall der unzulinglichen
Macht des Vog^tes beschrankt wurde, so bestärkt doch der Verlauf der
oben ausgef&hrten Streitigkeiten in der Vermuthung, dass derartige
Verleihungen nur eine Ausnahme von der Regel waren und für ge-
wöhnlich die Immunitat die drei MalefizfXUe überhaupt nicht oder
wenigstens spater nicht mehr umfiuste. Vgl Waitz 7, 240 Anm. 3.
Dass auch die salzburg'sche Immunität trotz der grösseren Macht
dieses Stiftes im Vergleich zu Fassau und Freising nicht ausreichte,
Bayern gegenüber den Anspruch voller Gerichtshoheit aufrecht zu er-
halten, geht aus den zahlreichen Vertragen hervor, welche seit dem
13. Jahrh. zwischen den beiden streitenden Parteien geschlossen wurden
und welche das rechtliche Schicksal der salzburg'schen Besitzungen in
Bayern ziemlich genau erkennen lassen.
Wie noch naher auszuführen sein wird, schloss sich das sakburg'sche
Territorium Bayern gegenüber durch zwei Vertrage von 1254 und
1275 genauer ab, worin man sich über eine Theilung der GraÜM^iaften
einigte, welche durch das Aussterben der Orafen von Peilstein, Lebenau
und Flain frei geworden waren. Durch diese zwei VertrSge wurde ein
Verlauf der Grenzlinie festgestellt, welcher mit geringen Aenderungen
bis 1816 bestehen geblieben ist, und wurden die zahlreichen, uralten
Besitzungen Salzburgs westlich von dieser Grenze bayrische Enclaven.
Es ist aber aus dem Wortlaut der genannten VertrSge deutlich er-
kennbar, dass dieselben schon damals in Bezug auf die höchste Ge-
richtsbarkeit trotz der Immunit&t als dem Herzog unterstehend be-
trachtet wurden, und zwar nicht erst in Folge der Vertrage, sondern
schon von altersher. Der erste Vertrag, Ehrharting 1254, Juli 27i
Monum. Wittelsb. in Quellen und Erörterungen 5, 128 sagt zwar:
pars judicii eiusdem comecie ultra Altsam fluvium constituta in
ipsorum ducum remaneat potestate sub hac forma, ne in homines
nostros et nostrorum in eodem judido oonstitutos ipsorum (n. ducum
Bayariae) procuratores aUquam juris habeant ditionem;
') LuBohin Qeschiohte des ftitem Gerichtewesena in Oesterreiöh S. S7.
616 Richter.
und bezüglich der Besiizangeii, welche noch weiter westlieh bei Kray-
burg lagen, heisst es:
(daees promiserunt) nobis in judicio nemoris^) per suos pro-
curatores secondom antiquam consuetudinem nostra jora firmiter
obseryarL
Worin diese alte Gewohnheit bestanden hat, wird aber ersichtlich aus
dem Vertrag von 1275 L c. p. 287 Absatz 12:
ui pago quoque Tsenkev et super Eslerwalde conservabimus eoclesie
Salzburgeusi iura sua in judicio et judicabimus omnia re-
spicientia comiciam.
Die Rechte der Kirche auf das Grericht beziehen sich also nur auf die
niedere Gerichtsbarkeit, während die drei schweren Falle, die
comicia schon nach der .antiqua consuetudo* dem Herzog zustanden.
Es würde das Thema einer eigenen und gewiss nicht uninter-
essanten Arbeit sein, das weitere Schicksal dieses salzburg^schen Ghrund-
besitzes in den bayrischen Gerichten zu verfolgen. Es würde sich da
zeigen, wie die Macht des Herzogs gegenüber den auf salzburg'schem
Grund lebenden Personen fortwahrend im Wachsen ist, und zwar in
der Weise, dass demselben als «Landesherm*' eine ganze Anzahl neaer
Befugnisse zuwächst, sowie sich der Begriff des Staates selbst erweitert
und vertieft. Ohne dass die alten Rechte des Grundherrn geradeeu
eingeschränkt oder aufgehoben würden, verschiebt sich doch die relative
Macht der beiden (Gewalten so sehr, dass schliesslich in den letzten
zwei Jahrhunderten die betreffenden Personen völlig zu bayrischen
ünterthanen geworden sind und der Erzbischof keine andere Stellung
ihnen gegenüber einnimmt als ein anderer Herrschaftsbesitzer.
Wenn es somit als erwiesen angesehen werden dar^ dass die
Landedioheit der Bischöfe sich nur in jenen Territorien gegenfiber
der herzoglichen entwickeln konnte, wo dieselben neben und ausser
der Immunität auch die Grafengewalt an sich zu bringen vermochten,
so scheint es doch, als ob gerade bei Salzburg nach einer Richtung
eine Ausnahme zu machen wäre.
Salzburg lag, wie das nur bei wenigen anderen deutschen Bischofi»-
sitzen der Fall war, zur Zeit seiner Gründung und ersten Dotimng
an den damaligen Grenzen der civilisirten Welt Die unmittelbar süd-
und ostwärts an das Stadtgebiet anstossenden Landstriche waren un-
bewohnte Grenzeinöden, wie aus den ältesten Quellen, der Gründungs-
geschichte der Zelle im Pongau (Breves Notitiae), der Gründungs-
*) D. i das sogen. »Gericht auf den Wäldern« zwiBohen Krayborg und
HOrmosen,
ÜBtereodiuiigeB zur bist. Geogmphie de« ehein. Hochstiftea Salxburg. 617
geachichte Ton Berchtesgaden (Qaellen u. ErörteningeiL 1. Bd.), sowie
den Waldschenknngen an das Enstift in der Oegend des Aboraees
(Indieohis AmoniB) deatlich herroi^peht Dies ist om so begreif lieber,
als selbst 'gegenwartig noch besonders das Gebiet swischen der Traon
im Osten, dem Wol%ingsee and der Salaburg-Ischlerstrssse im Norden
nnd der Salzach im Westen ein fsst unbewohnter, mit Wald und
Alpenweiden erflülter Landsirich ist, der also ftr die Urzeit jedenfidls
als ganzlich unbewohnter Forst zu beteachten sein wird. Es war
natOrlich ein Bemühen der Erzbischöfe, dieses Gebiet, welches sie
durch Schenkung erwarben, dun^ Colonisation sowie durch Yer-
werthung des Holzes zu montanistischen Zwecken nutzbar zu machen.
50 entstanden daselbst einige Gemeinden, besonders in den nordlichen
und südlichen Theilen desselben, wie Thalgau, Ho^ Ebeuau, Faistenau,
51 Gilgen im Norden; Abtenau, Annabeig u. s. w. im Süden; wahrend
die Mitte nach wie Tor &st leer bleiben musste. Für diese Gemeinden
mussten nun ebenfiills eigene Gerichte eingeführt werden. Dieselben
dürften nun, wie ich vermuthe, schon von Yomeherein nur eizbischSf-
lich gewesen sein, da ja alle Bewohn» dieser Gebiete, seien sie per-
sönlich frei oder unfrei gewesen, nur auf bischöflichem €hrunde sitzen
konnten, daher dem Immunitatsrichter unterstanden. Ich nehme also
an, dass hier die grafliche Gewalt überhaupt gar nie recht zur Ent-
wickelung gekommen ist und finde mich in dieser Ansicht durch zwei
Gründe unterstützt: einmal ist uns bezüglich der erwähnten Gebiete
keine irgendwie beschaffene andere Anfiülsdate überliefort; keine Be-
lehnung mit der Gra&diaft, keine Nachfolge auf ein Grafengeschlecht,
kein Vertrag mit Bayern oder Oesterreich; nirgends findet sich yon
diesen Gebieten eine Erwähnung trotz der vielen Streitigkeiten mit
den Nachbarn; ihr Besitz, sowohl der des Bodens als der Gerichts-
barkeit, scheint über jeden Zweifel erhaben. Dafür stehen sie aber
ganz deutlich und ausführlich in den grossen kaiserlichen Gonfirma-
tionen des 10. und IL Jahrh., und zwar ab forestum, nicht ab
comitatns oder Judicium. Der zweite Ghrund ist der, dass die Besied-
lung des Gebietes und die Errichtung der betre£fenden Gerichte wahr-
scheinlich erst zu einer Zeit geschehen ist, wo die Macht und Bedeu-
tung der Grafen bereits im Sinken, die bischof liche Landeshoheit aber
bereits ziemlich entwickelt war, etwa um die Wende des 12. und
13. Jahrh. oder noch spater.
Das gleiche wie Ton diesen Forsten dürfte auch von der Stadt
Salzburg gelten (mit welcher sonst diese Arbeit sich nicht be&ssen
soll). Ungleich anderen Bischofsstadten war nämlich die ganze Stadt
nur auf bischofliebem, resp. klösterlichem Ghrund entstanden, da ja
618 Richter.
hier das Bistham offenbar älter war als die Stadt Eine vom Bischof
unabhängige Stadt- oder BorggrafiMshaft hat es hier, wie es sehemt,
nie gegeben; er brauchte dieselbe also weder zu verdrangen noch bu
erwerben, wie das anderswo geschehen ist, sondern der erzbischSf-
liehe Burggraf, eine Ministeriale, richtete über die Bürger, welche alle
Hintersassen der Kirche waren, nach Inununitfttsrechi Dass übrigens
auch hier dunkle Spuren einer herzoglichen Gerichtshoheit nicht ganz
fehlen, scheint mir aus der Oeschichte vom sogen, bajerischen Platzel
hervorzugehen, über welche gelegentlich zu handeln ich mir vorbehalta
Die erwähnten Gerichte, bei denen wir also eine Entwickehmg
der Landeshoheit aus dem Bodenbesitz annehmen, sind aber an Um-
fang und Bedeutung mit jenen nicht zu vergleichen, welche durch die
Erwerbung der Grafschaft an das Erzstifk gelangt sind und von denen
wir entweder bestimmt wissen, oder doch mit Grund annehmen können,
dass sie firüher im Besitz von Grafengeschlechtem gewesen sind.
Die Art der Erwerbung selbst konnte nun vrieder in verschieden«
Weise vor sich gehen.
So lauge das Reich in Blüthe und die Eonigsgewalt mächtig war,
wurde alle graf liehe Gerichtsbarkeit von Beich und König abgeleitet
Daher konnten Bischöfe nur durch königliche Belehnung in den Besitz
von Grafschaften gelangen. Solche Gra&chaftsverleihungen finden sich
seit Ende des 10. Jahrb. in immer zunehmendem Maase^). So erhielt
auch Salzburg noch 1228 die Gra&chaften Ober^ und ünterpinzgau
durch Belehnuug von König Heinrich VII.
Als aber die Macht der Könige sank, und besonders als wahrend
des Interregnums jede Beichsgewalt ruhte, bemächtigten sich die stärkeren
Beiehsstände auch ohne kaiserliche Zustimmung beim Aussterben der
Grafengeschlechter der ihnen bequem liegenden Gerichte und sicherten
ihren Erwerb nur durch Vertrage mit ihren Nachbarn. So können wir
fbr mehrere sehr wichtige Gebiete keinen anderen Bechtstitel aufweisen
als Vertrage Salzburgs mit Bayern von 1254 und 1275, bei denen
aber völlig unklar bleibt, woher die beiden vertragschliessenden Theile
eigentlich das Recht herleiteten, über das Erbe der abgegangenen
Grafen zu verfügen. Es wäre nicht ganz undenkbar, dass doch irgend
ein uns unbekanntes Verhaltniss zu den letzteren hierzu die Handhabe
gegeben hat: unsere Quellen fliessen aber so spärlich, dass ich nichts
greifbares zu Tage bringen konnte.
Sicher ist nur das eine, dass in diese Periode die Haupterwer-
bungen fielen.
») Beispiele bei Waitz V. G. 7, 257.
Untersnchnngeii zur bist. Geof^raphie des ehem. Hochsfiflei Salzburg. 619
Endlich kommt nach dem Interregnum noch eine dritte Erwerbs-
art auf, das ist nämlich der Kauf einxehier Gerichte. Um diesen
Vorgang bq Yerstehen, mfissen wir aber einen Blick darauf werfen, in
welcher Weise vom Erzstift and den anderen Bisthümern die er-
worbenen Grafiachaften verwaltet wurden.
Im 12. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrb., als noch das
Lehensystem unbedingt herrschte, pflegte man ein neu erworbenes
Gericht weiter su verleihen, und zwar An&ngs meist an eine reichs-
gräfUche Familie, vielleicht an dieselbe, welche das Gericht bisher
schon als Reichs- oder Herzogslehen innegehabt hatte, so dass die-
selbe nur den Lehensherm wechselte. So geechah es 1228 mit dem
ünterpinzgau, der zunächst im Besitze der Grafen von Piain verblieb,
die ihn bisher vom Herzog zu Lehen getragen hatten. Eine solche
Gestaltung der Sache nützte dem Bischof wenig, da die grossen und
unabhBngigen Grafenhauser ihre eigenen Wege giengen und dieLehens-
abhängigkeit vom Bischöfe gering achteten.
Viel vortheilhafter war daher der andere Modus, nämlich die
Verleihung der Gra&chaft an eine kirchliche Ministerialen&milie. Seit
wann Ministerialen der Bischöfe mit ganzen Grafschaften lehenaweise
ausgestattet werden konnten, habe ich hier nicht zu untersuchen.
Sicher ist nur, dass es in unseren Gegenden im 13. Jahrh. als regel-
massige Erscheinung zu beobachten ist^).
In dieser erblichen, lehensweisen üebertragung von
Gerichten an die Familien des landsässigen Adels liegt
bei uns eines der wichtigsten Glieder der weiteren Ent-
wich elung. Sie war es, welche den Ankauf von Gerichten ermög-
lichte. Der finanzielle Buin, ki welchen die adeligen Familien fast
mit Begelmassigkeit nach einer Beihe von Generationen zu kommen
pflegten, gab den Bischöfen oder Herzogen Gelegenheit, durch solche
Ankaufe ihr Gebiet zu erweitern und abzurunden. Nun bekam aber
ein solcher Besitz, wenn er in die Hand eines mit reichsf&rstlichem
Bang ausgestatteten Bischofs gelangte, eine sehr vergrösserte Bedeu-
tung. Was f&r den landsässigen Adeligen hauptsachlich nur ein nutz-
bares Becht, eine Einnahmsquelle gewesen war, wxurde im Besitz des
Fürsten die Basis der Landeshoheit Denn aus der Gerichtshoheit
haben sich nach und nach die anderen Befiignisse des modernen
Staates entwickelt So ist das ganze Land Vorarlberg durch eine Beihe
') Beispiele folgen unten. Luschin Gerichtswesen 105 sagt: im Lande ob
und unter der Enns ist seit dem Anfiuige des 18. Jahrh. der yererbliche Besitz
von Landgerichten sogar bei Familien aus dem Stande der landsässigen Mini«
stenalen nachzuweisen. Belege l c Anm. 187-
620 Richter.
solcher Herrschafkskäufe im 14. Jahrh. in den Händen des habsburg-
sehen Hauses zu einem neuen Territorium zusammengeftLgt worden.
So konnten auch die reicheren Bisthümer sich auf Kosten der
ärmeren räumlich yergrössern. So kaufte Salzburg von Passau das
Gericht Matsee (1898); von Begensburg Wildenek (1278) und die
Herrchaft Ytter (1885). So brachte finanzieller Buin Berchteegaden
fast um seine Freiheit; nur durch die grössten Anstrengungen konnte
es sich aus den Armen des mächtigeren Nachbars wieder freimachen.
Auf diese Weise war die Erwerbung und Yertauschung der Gebiete
gegen die frühere Zeit, welche noch königliche Belehnung erforderte,
wesentlich erleichtert und yerein&cht.
Bei mehreren Streitigkeiten späterer Zeit erkennt man sogar, dass
es fQr die streitenden Parteien das wichtigste war, von Seite des Lehens-
iuhabers die Anerkennung (den sogen. Lehensrevers, wie man es erpater
genannt hat), zu erringen, dass er seinen Besitz, z. B. sein Gericht,
von dem einen und nicht ron dem anderen der beiden Streitenden zu
Lehen trage ^).
Noch wichtiger war aber die Möglichkeit solcher Käufe für die
innere Entwickelung der Territorien. Ihrer bedienten sich nämlich
die Etzbischöfe von Salzburg in erster Linie, um in ihrem Gebiete
wirkliche Landesherren zu werden.
Es ist höchst merkwürdig, wie frühe in Salzburg die Auflösung
des Lehenswesens und die Durchführung des Beamtenstaates beginnt
Schon im 18. Jahrh., vorwiegend aber im 14. kauften die Elrz-
bischöfe von ihren landsässigen Adelsgeschlechtem die erblichen Cte-
richtsbarkeiten, das erblich verliehene Bichteramt zurück, oder benützten
jede Gelegenheit, welche das Lehenrecht in die Hand gab, diese Ge-
richtslehen einzuziehen.
So wird schon 1240 das Landrichteramt im Pongau den Gut-
ratem genommen, und zwar wegen unerlaubter Heirat ausser die
sfamilia**. So kaufen die Erzbischöfe 1885 das Gericht ünterlebenau
von den Tannern; 1887 das Gericht Oberlebenau von den Oberndorfem;
1295 das Gericht Bergheim, 1824 das Gericht Badeck, 1336 das (Bericht
Anthenng von den Bergheimem; 1301 das Gericht Thalgau von den
Wartenfeisem; 1349 das Gericht Tetelheim von Siboto von Tetelheim.
So erworbene Gerichte wurden nun keineswegs wieder lehensweise
hiuausgegeben, sondern nur mehr auf Lebensdauer, vielleicht an einen
Angehörigen derselben Familie, welche früher erblich belehnt war,
gegen eine jährliche Pauschalsumme zur Verwaltung übergeben. Damit
^) Vgl. die unten abgedruckte Urkunde Ortliebs von Wald.
Üntennchimgen zur hisi Geographie des ehem. HochBÜftes Salzburg. 621
war schon der Schritt vom Lehenstaat zum Beamteostaat gemacht.
An Stelle der Pauschalsnmme trat bald die Verrechnung, schliesslich
das Qehalt und die getrennte Gassaführung. Die juridisch*cameralistisch
gebildeten Pfleger wurden allerdings hierzulande noch bis in unser
Jahrhundert gerne dem Landadel entnommen, der freilich, mit wenigen
Ausnahmen, inzwischen dem Bestände nach ein anderer geworden war.
Es sei gestattet auf den grossen Unterschied in der Entwickelung
der QerichtsYerfiissung und der Verwaltung hinzuweisen, der also zwi-
schen Salzburg und Oesterreich besteht Wahrend in Oesterreich bis
zur Mitte unseres Jahrhunderts allgemein die Patrimonialgerichtsbar-
keit der Gutsherren henschte, gab es in Salzburg stets nur landes-
f&rstliche Blutgerichte, und die betreffenden Befugnisse der geistlichen
Stande: hauptsachlich Domcapitel, Bisthum Ghiemsee und Stift St Peter,
femer der wenigen weltlichen Ho&iarken (Lampoding, Sieghartstein,
St Jacob am Thurmberg und Triebenbach) waren raumlich wie
inhaltlich sehr beschränkt Daher sowol die Befugnisse als die Ein-
künfte des Landesherm sehr bedeutende waren. Es ist nicht Ter-
wunderlich, dass unter solchen Umstanden und bei der ausserordent-
lichen Ausdehnung der landesf&rstlichen Domänen die Salzburger Erz-
bischofe Geld genug zu einer besonders bemerkenswerthen Bauthätigkeit
übrig behielten.
IL Die Gerichte des unteren Salzburggaues.
1. Umfang und Ghrensen der einseinen Qerichte nnd ihre Gau-
sugehdrigkeit
Tittmoning. Die (Frenzen sind eingetragen auf der Karte nach
den ab Beilage 1 und 2 abgedruckten Ghrenzbeschreibungen von 1435.
Die Nord- und Westgrenze dieses Gerichtes war bis 1809 Landes-
grenze gegen Bayern; es ergibt sich die Tollständige üebereinstimmang
des Verlaufes derselben, wie er am genauesten in der österr. General-
stabskarte Ton 1806 ersichtlich wird. Bei Boidham weicht die Genacal-
stabskarte ebenso wie die Grenze Ton 1435 etwas Ton dem Verlauf
der Grenzen der jetzigen Polizeibezirke Tittmoning nnd Burghausen ab;
froher gieng dieselbe mitten durch die Ortschaft, jetzt gehört das
ganze Oertehen nach Tittmoning.
Die Unterabtheflungen in Schergenämter .preoonatus* ergeben
sich aus einem urbarartigen Verzeichniss, Eammerbflcher LV. N'* 145,
Tom Jahre 1435 (jedenfidls yor 1442) , Advocatia comkae Tittmaning*.
Darin sind fast alle jetzt ezistirenden Ortschafken nnd ride Einzelhofe
Indic. VI, 26.
622 Richter.
angefahrt. Dies gestattet, den Grenzverlanf der drei Sehergenimtet
(mit Hilfe der jetzigen Oemeindegreuzen) recht genau einzntrageu.
Das Gebiet yon Deinding wurde 1442 an Bayern verkauft Die Vr»
künde folgt als Beilage 2. Die ungenauen Angaben der Beschreibung
Ton 1445 wurden ergänzt aus einem Seethaler'schen Manuscript im
Museum.
Das ganze Gebiet gehörte zum Salzburggau. Es werden folgende
Ortschaften ausdrttcklich als in demselben liegend bezeichnet:
Titamaninga (Tittmoning) Indic. Arnon. II, 4 und Brev. Not Y, 3.
Totinhusir (Tetenhausen) « » VI, 8.
Dundilabrunna (Tyrlbrunn) , „ VI, 18.
Tengihilinga (Tengling)
Chirchaim (Eirehheim)
Baldilingaa (Palling)
Schildarius (Schilding)
Brunningas (St Johann-Brüning)
Deorlekingas (Tyrlaching)
Pohkirch (Oberbuoh)
Die letzten sieben Namen stehen im Kirchenyerzeichniss des Indiculus
unter dem Titel:
istas ecclesias consistunt in Salzburggaoe et Ghimingaoe
pagibus.
Da aber nur die zwei letzten auf Pohkirch folgenden Orte Tahardinga
(Tacherting a. d. Alz) und Erlasteti (Erlstatt bei Traunstein) unzweifel-
haft im Chiemgau, alle yor Tengihilinga (Tengling) stehenden eben so
sicher im Salzburggau hegen, so kann es keinem Zweifel unterUegen,
dass auch die sieben genannten Orte dem Salzburggau zuzurechnen
sind. Ueber das zweifelhafte üuidaha (Weidach) siehe unten bei . Ge-
richt WaW.
Im 10. Jahrh. erscheinen noch folgende weitere Orte dieses Ge-
richts als im Salzburggau gelegen ausdrücklich angegeben:
Mechintal (Meggenthal bei Tyrlaching) üod. trad. Fridarid N"» 21 1);
Tierlechinga (Tyrlaching) Cod. trad. Hartwici, Mitth. des Inst f. öai.
Geschichtsf. 3, 88.
Angaben, welche der ZugehSrung dieses Gerichtes zum Salzburg-
gau widerstreiten« sind nicht überliefert.
') Die TraditioDtiCodices der Salzburger £rzbifichÖfe sind gedruckt in de
lavavia von Kleimaym, wo die einzelnen Stücke nach den angegebenen Kunmieni
leicht aufzufinden ednd. Die von Dümmler and Hauthaler seither im Aiohiy und
den intttitutsmittbeiiungen verOffentlicluen Nachtvftge lind steti genau eitirt.
Untersuchungen zur hiat Geogiaphie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 623
Gericht Oberlebenaa. Die Grenzen sind in der Karte ein-
getragen nach der Beschreibung im .Ehebaft Taiding oder Landrecht
Oberlebenaa' (Salzburger Taidinge Ton Tomaschek und Siegl S. 76)
aus dem 17. Jahrb. Da die Angaben auf der Strecke Ton Kling bis
FroBchbeim nicht durchaus aufißndbar sind, so wurden zur Er^nzang
herangezogen die Beschreibung der , Grenzen des Pfieggerichtes Laufen*
von Seethaler Ms. des Salzburger Museums aus den letzten Jahren
des 18. Jahrb. Eine Begehung gab die erwünschte Klarheit, wenn
auch nicht gerade jedes einzelne genannte Object festgestellt werden
konnte.
Für die frühere Zeit gibt eine sehr gute CSontrole die Urkunde
Ton 1337 Juli 9. Conrad Ton Obemdorf yarkanft sein Gericht an den
Ersbischof. Es umfasst 247 Herdstatten, wovon ein Theil die 11 Dorfer
Saldor^ Hausen, abermals Hausen (jetzt Tannhausen), Prünning, Leut-
stetten, Abtsdorf, Taring, Surheim (Oberaurheim), Gerstetten, Yillieben
(Villem), Nieder-Hauning bildet; alle im Gericht Oberlebenau. Aus der
Angabe, dass schon im Jahre 1337 247 Herdstatten in diesem Gerichte sich
befanden, lasst sich der Schluss ziehen, dass die Benrölkerung damals nicht
▼iel geringer war ab heute. Nach der Zahlung yon 1864 hatte das (j^ericht
2285, nach einer Schätzung aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts 1920
Einwohner. Die Zahl der Herdstatten oder Familien ist leider bei den
beiden letzten Zahlungen nicht angegeben, da man gegenwärtig alle
Gebäude zählt, am Ende des vorigen Jahrhunderts die unbehilfliche
Einschätzungsmethode nach ganzen, halben und viertel Höfen benutzte.
Doch kann eine bäuerliche Familie mit Kindern, Knechten und Mägden
wol auf 7— 8 Personen geschätzt werden. Daraus ergäbe sich für
1337 eine Bevölkerung von 1700 — 2000 Menschen; aber selbst wenn
auf die Herdstätte nur 5 Köpfe gerechnet werden, ergeben sich noch
1236 Einwohner.
Nach Taidinge 75, 30 ist Saaldorf Schrannenort.
Die Zugehörigkeit zum Salzburggau kann keinem Zweifel unter-
liegen.
Gericht Unterlebenau. Bezüglich dieses Gerichtes sind wir
mit Grenzbeschreibungen reichlich versehen und alle bestätigen wieder
unsere Annahme der Unveränderlichkeit der Grenzen durch die Jahr-
hunderte hinduroh«
Die älteste Grenzbeschreibung stammt von 1335 und folgt ab-
gedruckt als Beilage 3. Die nächste ist enthalten in dem Weisthum
von Unterlebenau, Salzburger Taidinge 81 (auch Grimm 6, 146). Die
Handschrift stammt zwar aus dem 17. Jahrb., doch ist das Weisthum
wie ja alle ohne Zweifel viel älter. Ein Theü der Grenze blieb aber
624 Richter.
fortwährend streitig, und zwar jenes StQck, wo das unzugängliche
seeahnliche Ibmer -Moos liegt Dort im «Pirgtampfel' liefen die
Grenzen Ton yier Gerichten zusammen, der bayerischen Braunau und
Wildshut und der salzburg^schen Haunsberg und ünterlebenau. Schon
durch die fortschreitende Entwässerung des Moores, an der noch heute
gearbeitet wird, wurden neue Gebiete zugänglich und dadurch neue
Grenzregulirungen nöthig. Es folgten di^er Verträge zwischen Salz^
bürg und Bayern über diesen Gegenstand 1534, 1610, 1775 und 1802.
Es handelt sich aber stets nur um die Details des Grenzverlanfes im
Ibmer Moor, welche bei dem Massstab unserer Karte kaum mehr zum
Ausdruck gebracht werden können.
Die Zugehörigkeit zum Salzburggau ist nicht zweifelhaft.
Gericht Wald. Die Grenzen dieses Gerichtes sind in der Karte
eingetragen nach Appians Topographie, gedr. im Oberbayerischen Ar-
chiv 39, 272, sowie nach den Angaben der unten abgedruckten Ur-
kunde Ortliebs yon Wald von 1309 (Kammerb. IIL N"» 226), welche
beide Angaben Tollkommen übereinstimmen. Ob dieses kleine Gericht
jemals zum Salzburggau gerechnet wurde, ist deshalb interessant, weil
darnach die am meisten zweifelhafte Nordgrenze desselben sich be-
stimmt. Nach fiudhart Bayer. Gesch. 523 soll Weidach^ eine der sttd-
liebsten Ortschaften des Gerichtes^ zum Ohiemgau gehört haben, das
Schloss Wald an der Alz jedoch nicht Es wäre somit die Gai^renze
mitten durch das Gericht gegangen. Ist dies schon an sich unwahr-
scheinlich, so muss die Yermuthung, Weidach habe zum Chiemgaa
gehört, sofort als ungerechtfertigt ersdieinen, wenn man die Quellen-
stelle betrachtet, auf welche sie angebaut ist Es ist dies nämlich
das Kirchenyerztiichniss im Indiculus VI, 26, wo Weidach als letzter
Name vor den zwei unzweifelhaft dem Chiemgau zuzurechnenden
Kirchen steht. Es nöthigt aber gar nichts, Weidach zu den letzteren
zu ziehen, sondern es scheint ebenso berechtigt und nach der Ent-
Wickelung viel begründeter, es zu den yorhergehenden dem Salzburg-
gau angehörenden Naipen zu rechnen, so dass es also dem Salzburg-
gau zuzuschreiben wäre.
Das Gericht Wald hat aber auch einen eigenen Gaunamen, näm-
lich Zeidlergau. So wird Wald in einer Urkunde yon 1079 Oct 24
bei Budhart 528 als im Zeidlergau gelegen bezeichnet. Bei Appian
273 steht:
Zeitlang quondam comitatus.
Durch das Aufkommen dieses Sondemamens Zeidlergau scheint aber
die Zugehörigkeit zum Salzburggau, wenn sie je bestanden hat, früh
verwischt worden zu sein.
Untersuchungen zur kist. Geographie des ehem. fioclistiftes Salzburg. G25
Nach einer Urkunde Ton 1053 (Monum. Boica 3, 103 Stumpf
2398) ergibt sich die Yermuthung, dass der Name Zeidlergau damals
den ganzen Streifen zwischen Alz und Salzach bis binab zum lun
amfasst habe. Kaiser Heinrich III. schenkt seinem Getreuen Baffolt
zwei königliche Hüben in der
.yilla Nahtstal in pago Zidalaregoye *.
Aus den folgenden Urkunden, welche die Gründung Baitenhaslachs
betreffen und in den Mon. Boica aus fehlerhaftem Baitenhaslacher
Copialbuch fehlerreich abgedruckt sind, geht hervor, dass diese beiden
Hüben wahrscheinlich identisch sind mit der Ortschaft , Schützing * im
Bezirke , Taxenthal*, und zwar indem das sonst ganz unverständliche
a Nahtstal* vielleicht in ,yTah8tal* emendiii; werden könnte. (Im Texte
des Copialbuches steht allerdings deutlich Na htstal.) Schützing war
nach der , carta fundationis * (1. c. N^ 3) ^) das ursprüngliche Dotatlous-
gut des Klosters, wo dasselbe auch errichtet wurde, bis es Erzbischof
Conrad I. nach Saitenhaslach verlegte.
Für eine Zurechnung des benachbarten Gerichtes Burghausen,
in welchem das so oft erwähnte Baitenhaslach sich befindet, zum
Salzburggau ist keine Quellenstelle bekannt. Die Stelle in der Urkunde
Eberhard IL von 1242 (Meiller S. 283 N'> 519):
quod monasterium (Raitenhasl.) non solum in territorio, verum
etiam in fundo Salzburgensis ecclesiae fundatum dinoscitur
kann für die Gauangehörigkeit nichts beweise!!.
Wir haben daher auf der Karte als die Grenze des Salzburggaues
die alte Grenze des Gerichts Tittmoning angenommen, das Gericht
Wald als Zeidlergau ausscheidend, wobei dessen einstige Unter-
ordnung unter den Salzburggau unentschieden bleiben mag.
Gericht Wildshut. Grenzen nach Appian, Topographie von
Bayern, Oberbayerisches Archiv 39, 291 — 92. Dieses Gericht durfte
zusammenfallen mit der Mark der uralten Ortschaft Ostermiething. Die
Lage dieses Gebietes ist sehr eigenthümlich. Auf dem rechten Salzach-
ufer dehnt sich vom Haunsberg bei Laufen bis zur Mundung der Salzach
in den Inn ein sehr stark hügeliges mit Mooren und Wäldern bedecktes
') Auch in dieser caria fäDdationis ist ein sinnstörender Fehler im Abdruck,
indem es hcisst: » Wolf kernt de Tfgeruuic irarfidit predium tmnn Schützing itirht
ßuinttm, qui dicüur Rota, Motevogel J)eo H sancto Ruberto*. SchÜtziug, wo daa
Kloster noch später fortwährend begütert war, liegt aber nicht an der Rott, son-
dern an der Alz, hingegen liegt Moo&vogel wol an der Rott in der Gemeinde
Dietfurf. Der richtige Sinn wird durch Einschiebung eines »et* nach Schützing
hergestellt. Bei dieser Gelegenheit emendire ich auch ^ Amphinare-vorst* (bei Meiller
Reg. S. 5S gar Amphinaredorf) in Amphingare-forst (Ampiiiiger For^t), an deäsen
Rande das hierbei erwähnte Tierolfingen (Dirlafing« liegt. •
Hittheilangeo, Erg&nzangsbd. I. 41
626 fticttei'.
Terrain aus (das Gebiet der Endmoräuen des Salzacligletschera*)). Den
nördlichen Theil dieser Gegend erfüllt noch jetzt der grosse Weilhard-
forst, den südlichen das Ibmer- und Biermoos. Zwischen sie hinein
hat sich von der Salzach her die menschliche Ansiedlung eingeschoben.
Ostermiething war einst die Pfarre f&r das ganze Gericht, denn die
jetzigen Pfarren Eadegund, Tarsdorf, Franking und Si Pantaleon
wurden erst später daraus gebrochen (Pillwein Innviertel 455). Dieses
Gebiet gehörte zum Salzburggau:
Ostermundingun, curtis regia in pago Salzgowe et in comitatu
Äribonis palatini comitis.
Urkunde Kaiser Heinrich III. von 1041 Mai 14, U. 0. E. 2, 84. Die Nord-
grenze des Salzburggaues am rechten Salzachufer war also der Weilhard.
Die Grenzen desselben sind noch heute so natürliche, dass über
ihren Verlauf gar kein Zweifel sein kann. Nur im Nordosten gegen
Ibm zu könnten dieselben überhaupt verschoben werden. Und hier
kommt uns eine Urkunde Erzbischof Eberhard I. von 1162 (M. Boica 3,
323) für Ranshofen zu Hilfe, welche den Streit über die Grenze zwi-
schen den Pfarren Ostermiething und dem Probst von Banshofen als
Besitzer der Pfarre Gerolzberg (Geretsberg) zu schlichten bestimmt war:
strata a rivulo Bibenpach veniens usque ad villam Tden limes
sit utriusque parochie.
Der Weg von der Häusergruppe Pimbach nach Tbm bezeichnet heute
noch die schmälste Stelle des Culturlandes, welches hier vom Weilhard-
forst links und vom Ibmer Moore rechts auf einen Isthmus von etwa
2 Kilometer Breite zusammengedrängt wird, und noch jetzt befindet
sich dort die Grenze der beiden Pfarren Geretsberg und Franking.
Gericht Haunsberg. Die Grenzen ergeben sich im Westen
durch die genau bekannten Grenzen des Gerichtes Unterlebenau, öst-
lich ist unzweifelhaft der Bücken des Haunsberges stets die Grenze
gewesen. Ausserdem besitzen wir ein Weis th um des 17. Jahrh. mit
genauer Grenzbeschreibung, Taidinge 54. Die Abgrenzung der beiden
Aemter Nussdorf und Lambrechtshausen stammt aus einem Manuscript
von Seethaler im Salzburger Museum aus dem Ende des vorigen Jahr-
hunderts.
Die Zugehörigkeit zum Salzbui'ggau unterliegt keinem Zweifel^).
») Siehe dt?n Bericht des Verf. im Tageblatt der 51. Versammlung Deutscher
Naturfbröcher und Aerzte zu Salzburg 1881. *) Aus der Urkunde M. B. S, Sl«,
wodurch die Zehenten des Matseer Gerichtes ,rf« Rudholzperieh usque ad ßumen
Ogeiey dein lAuterbach usque Riute* an Ranshofen kommen, kann man meiner An-
sicht nach keinen alten Zusammenhang dieser zwei Gerichte folgern, wie dies
Seethaler und andere thun.
tJntcraucimngcn zur hist. Geograpliic des ehem. Hoclistiftos Salzburg. C27
Im Jahre 1211 kaufte der Erzbiscliof Eberhard IL das Schloss
Haunsberg von dem Edlen Gottschalk (von Haunsberg) und im selben
Jahre veraichtete Herzog Leopold VI. von Oesterreich auf seine etwaigen
Ansprüche hierauf (Meiller Eeg. Eberh. N^ 134 und 135). Doch konnte
ich hieraus keine weitere Aufklärung über die Vorgeschichte des- Ge-
richtes gewinnen.
Gericht Tetelheim. Die Grenzen ergeben sich aus dem Ver-
trag von 1275, Quellen und Erörterungen 5, 281 und aus den Grenz-
beschreibungen von Tittmoning von 1435. Die Scheidung gegen das
später mit Tetelheim vereinigte Gericht Halmberg lässt sich feststellen aus
drei Urkunden von 1409 vom 14., 15. und 20. Juni (Karamerbücher 5
N" 131 und 132). Es sind Zeugenvernehmungen über die Fischrechte
auf dem Tachensee ( Wagingersee) ; 100 Unter thanen des Halmberger,
124 des Tetelheimer und einige des Tittmoninger Gerichtes fegen
Zeugenschaft ab. Sie sind alle mit Namen und Wohnstätten genannt.
Daraus lässt sich die Zugehörigkeit der einzelnen Oertchen und Höfe
zu den drei Gerichten und somit der Grenzverlauf ganz genau fest-
stellen.
Ueber die Gauangehörigkeit siehe unten.
2. Die Periode der Grafenherrschaft bis zum 13. Jahrhundert.
Während die ältere Zeit als Hilfsmittel zur Bestimmung der
Lage der Oertlichkeiten in den Urkunden sich ausschliesslich der Gau-
l)ezeichnung bedient, tritt seit dem 10. Jahrh. hierzu noch häufig die
Angabe der Grafschaft, in welcher der Ort liegt, und zwar mit Be-
nützung des Namens des Grafen, in der Form „ locus N. in Salzburg-
gaue, in comiti^itu N. N.* (z. B. Eugilberti). Die Angabe des Gaues
wird je später immer seltener und verschwindet seit dem 12. Jabrh.
gänzlich. Aus diesen Daten allein die Zugehörigkeit der Gerichte zu
den einzelnen Grafschaften und Grafengeschlechtern zu bestimmen
wäre bei der Kargheit der Nachrichten wol unmöglich. Man wird
sich daher genöthigt sehen, auch die genealogische Combination nicht
ganz zu verschmähen. Nicht selten erfahren wir durch die Zeugen-
reihen oder aus dem Urkundentext selbst etwas über die Verwandt-
schaft der urkundlichen Personen; die Wiederkehr gewisser Eigennamen
gestattet Schlüsse auf die Fortdauer derselben Familie. Mit der Ein-
bürgerung des Lehenswesens steigt die Wahrscheinlichkeit der regel-
mässigen Vererbung des Besitzes ; wenn wir also gewisse Grafschaften
einmal in der Hand bestimmter Häuser wissen, werden wir sie mit
einiger Wahrscheinlichkeit auch weiterhin in derselben verrauthen
dürfen. Ueber den Grad der Solidität eines solchen Baues wird man
41*
628 ftichter.
sich zwar keinen Täuscliungen hingeben dürfen; nicht selten wird aber
gerade dadurch^ dass man auf gewagte Combinationen verzichtet und
nicht um jeden Preis Zusammenhänge herzustellen sucht, Einzelnes
als sicher begründet sich ergeben, besonders mit Zuhilfenahme jenes
theoretisch gewonnenen Satzes, dass die einzelnen Gerichte auch in
diesen Zeiten als Einheiten zu betrachten sind, welche man nicht
weiter abzutheilen pflegte.
Es lässt sich so aus der Combination des topographischen und genea-
logischen Materiales die Zugehörigkeit gewisser Gebiete zu gewissen
Geschlechtem immerhin mit einiger Wahrscheinlichkeit feststellen. Da
wir dann mit dem reicheren Quellenmateriale des 12. und 18. Jahrh.
in der Genealogie der gräflichen Häuser einen festeren Boden ge-
winnen, so ist das Endresultat doch nicht so unbefriedigend als man
nach der Spärlichkeit der Quellen und nach der Vorsicht, mit der man
sie zu behandeln hat, glauben sollte.
Die genealogischen Forschungen früherer Decennien über die hier
in Betracht kommenden Grafengeschlechter der Aribonen, Peilst^iner,
Plainer etc. sind iti Folge der mangelhaften Methode ziemlich un-
brauchbar, da das Bestreben, lückenlose Stammbäume herzustellen, auch
sonst besonnene Forscher zu unhaltblEuren Speculationen fortriss. Diesen
Fehler konnten wir um so leichter zu meiden uns bemühen, als in
der vorliegenden Arbeit das genealogische Element nur Mittel, nicht
Zweck isti).
Aus dem 8. und 9. Jahrh. sind uns bereits einige Namen von
Grafen erhalten, so Uogo, Immino und Heimo in den Breves
Notitiae und dem Indiculus Arnonis*). Ebenso ergibt sich mit einiger
Wahrscheinlichkeit, dass 843 ein gewisser Nortperht Graf im Salz-
burggau war aus der Grenzregulirungsurkunde luvav. TS^ 34, in der
') Die mit vorzüglicher SachkenntnisB und Beherrschung des Quelleamaterials
gearbeitete Abhandlung von Dr. F. Y. Zillner »Die Grafschaften und die kirchb'che
Frei im Salzburg^u* Mittheilungen der Gesellschaft für Salzbnrger Landes-
kunde 1888, 170 fällt inhaltlich mit einem Theile dieser Arbeit fast vollständig
zusammen, so zwar, dass ich bei ihrem Erscheinen mich schon dazu verurtheilt
glaubte, meine vieljährigen Vorarbeiten unbenutzt bei Seite zu legen. Doch er-
gab der genauere Einblick, dass bei vieler Uebereinstimmung im Einzelnen die
Abweichungen in der ganzen AufiGnssung so bedeutende sind und besonders der
von mir aufgestellte Grundsatz von der Dauerhaftigkeit der Gerichtsgrenzen und
ihrer Giltigkeit für die ganze behandelte Periode so bedeutende Folgerungen
ergibt, dass auch die Resultate weit genug auseinandergehen, um die Veröffent-
lichung dieser Studien gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Dieses wird sich be-
sonders deutlich bei der Vergleichung meiner Karte mit denen Zillners erweisen.
*} Keinz VIII, 8 und 16.
Üniennchungen zur hist. Geographie des ehem. Hochsiifted Salzburg. 629
über das placitum berichtet wird^ welches zur Schlichtung eines Grenz-
streites zwischen Salzburg und Mondsee abgehalten wurde. Die Ur-
kunden von St Emmeram bringen uns den Namen eines gewissen
Iring. Hierauf beschranken sich aber auch unsere positiven Nach-
richten über die Grafen des Salzburggaues vor dem 10. Jahrh. Erst
die reiche ürkundensammlung Erzbischof Odalberts gibt uns Material,
um die Yertheilung der Grafschaften einigermassen überblicken zu können.
Es ist das berühmte Geschlecht der Aribonen, das später in die
Linien der Grafen von Peilstein, Burghausen und Lebenau auseinander-
gieng, welches in den Grafschaften im nördlichen oder unteren Theile
des Salzburggaues auftritt. So wenig anmuthend es ist, zu den vielen
Stammtafeln dieses Geschlechtes eine neue zu fügen, so kann ich es
doch nicht unterlassen, wenigstens die sicheren Daten mit aller Vor-
sicht zusammenzustellen, wobei besonders jene Glieder des Geschlechtes
berücksichtigt werden sollen, über deren Besitz wir etwas wissen. Aus
dem Zusammenhalt der in verschiedenen Zeiten in der Hand des Ge-
schlechtes befindlichen Grafschaften vnrd sich deren Gesammtbesitz
doch mit einiger Wahrscheinlichkeit feststellen lassen.
Für die erste quellenarme Zeit kann uns nur der Umstand
leiten, dass die drei Namen Sieghard, Nordperht und Engelbert durch
zwei bis drei Jahrhunderte in der Familie nachweisbar vorherrschen.
Liegt also die Vermuthung nahe, dass der 843 (luvavia N^ 34)
als Graf am Abersee functionirende Nortperht diesem Geschlechte
angehöre, so wissen wir doch nichts weiteres von ihm und seinen
Nachkommen bis auf
Sieghard I. Belegstellen für diesen sind:
1. Ludewicus rex. Notum esse volumus . . . qualiter nos . . . quas-
dam res proprietatis nostre ... in pago Salzpurhgovve
dicto in comitatu Sigihardi hoc est curtem uosti'am Salz-
burchhof . . . in proprietatem concessimus. 907 Dec. 17.
luvav. N'> 59.
Salzburghofen liegt 8 Kilometer nordwestlich von Salzburg im
spateren Gericht Stauffenek, heute bayrisch.
2. Sigihard comes als Intercedent in Kärnten. Urk E. Ludwigs
903 Sept. 29. Ankershofen II. Anhang N» 43.
3. Sigihard comes als Intercendent in einer Urk. K. Ludwigs von
903 Nov. 30. Meichelbeck 1, 151.
4. Ebenso 906 April 23. Ebend. 152.
5. Sigihart comes als Zeuge in einer Privaturkuude von 907 Sept. 13.
Ebenda 158. In derselben Urk. auch ein Sigihard als Advocatus
des Chorbischofs Covvo.
630 Richter.
Es muss natürlich dahingestellt bleiben, ob die Erwähnungen
Ton 2 — 5 wirklich auf den Sieghard von 1 treffen.
6. Auf Sieghard I. hat vielleicht auch eine Stelle der Urkunde Otto I.
von 946 Juli 21 (Stumpf 135 Mon. Germ. Dipl. p. 158 N^ 78)
Bezug, welche lautet:
«dilecto comiti nostro Eberhart nominato talem proprietatem
qualem antecessor noster . . . Arnolfus rex avo illius Sigi-
hardo comiti in pago Chiemihgovue in comitatu Sigi-
hardi in proprietatem donavit concessimus * ^).
Engelbert I. Belegstellen:
1. Pcrchach, Lochen und der Mühlbach der Saale, alles nahe
bei Salzburghof en im Gericht Stauffeneck befinden sich
„in Salzpurchgovve in comitatu Engilperhti*.
025 Sept. 24. Cod. Odalb. N« 61 S. 154.
2. Scuginga (Schign an der Sur) im Gericht Oberlebeuau hegt
»in Salzpurchgovve in comitatu Engilberti **.
927 April 8. Cod Odalb. N« 42.
3. Rahwin tradidit Odalberto archiepiscopo proprietatem (hobas 10
et niancipia 106) qualem sibi Arnulfus dux et dominus eius
dederat in Salzpurchgovve in comitatu Engilberti in
orieutali plaga fluminis Salzaha inter duo loca Lenginveld et
Puoche. Actum Radasponara 980. Cod. Odalberti N«» 82.
Auf der Rückseite der Urkunde sind die Orte eingetragen, wo die
Ubjecte sich befinden.
Ausserdem erscheint Engelbert als Vogt der Erzkirche in Cod. Odal-
ber.ti N^ 8, 21, 22, 69 und 82 bei Tauschhandlungen in sehr weit von
einander abliegenden Gegenden: Steiermark, Pinzgau, Isengau, Um-
gebung von Salzburg. Als Zeuge dient Engelbert bei einer so grossen
Anzahl Urkunden des Cod. Odalb., dass deren Aufzählung überflüssig
erscheint.
Die Stelle 1 scheint zu beweisen, dass Engelbert in dem Gericht
Stauffeneck Nachfolger Sieghard I. war, und wir werden ihn deshalb
wol als dessen Sohn ansprechen können. Ueber seine Lebensdauer
oder doch Amtsdauer gibt uns die Urkunde Otto I. (Stumpf 89 Mon.
Germ. Dipl. N« 32 S. 118) Auskunft, aus welcher hervorgeht, dass
Salzburghofen, das 908 in comitsitu Sigihardi (I.}, 930 in comitatu
*j Die Urkundenstelle läest tioh übrigens auch andeis auffassen. Es kann
nämlich das Gut entweder zur Zeit König Arnulfs oder auch im M«)ment di;r
Ausstellung der Urkunde, also 946, in comitatu Sigihardi befindlich gedacht wer-
den, ich bin der Meinung, dass es mehr im Geiste der ürkundensprache liegt,
die Angabe auf die Zeit König Arnulfs zu beziehen.
üntenuchungen zur bist. Geographie des ehem. HochstifteB Salzburg. 631
Engilberti (I.) war, sich jetzt im Jahre 940 im Besitze eines gewissen
Reginbert befindet, , Salzburehof in comitatu Reginberti*. Wenn der
Schluss richtig ist, dass Engelbert der Sohn Sieghard I. ist, so
folgt hieraus aber weiter noch, dass jener Sieghard, welcher neben
Eugelbert in den Jahren von 928—934 zehnmal als Zeuge in den
Au&eichnungen des Codex Odalberti erscheint nicht Sieghard I, der
Ton 903 — 908 nachweisbar ist, sein kann, denn sonst würde nicht Engel-
bert in seinem Bezirke Amts handeln. Die Belegstellen fiir diesen
Sieghard IL und Nortperth (irater ejus) sind:
0. 13; 0. 22; 0. 24; 0. 54; 0. 57 (vom Jahre 928); 0. 79:
«Sigihard et Nortperht frater ejus*;
0.81:
vSigihard et Nortperht firater ejus*,
jedesmal vor anderen Grafen; 0. 88; 0. 90 und 0. 92. Endlich noch
aus einem Stuck aus Erzbischof Egilolfs (935—40) Zeit Cod. Odalb.
N^ 60 f. Sämmtliche Stellen bringen nur Anführungen als Zeugen.
Sieghard IIL
Die Namen Sieghard, Engelbert, Nortperht begleiten uns durch
die Urkunden während des ganzen 10. Jahrh. Eine Aufklärung über
die Verwandtschaftsverhältnisse erhalten wir durch die Angaben des
Cod. trad. Fridarici luvav. S. 190 u. folg. Aus N<^ 2 ergibt sich ein
Stammbaumfiragment :
SIEGHARD oomes; Gemalin WILA
Khider: ENGELPREHT und PILGRIM.
Aus No 12 lernen wir noch einen Sohn der Wila Namens Nort-
perht kennen.
N<^ 1 1 sagt aus, dass Graf Sieghard (der Gemal der Wila) der
Bruder des Erzbischofs Friedrich von Salzburg (958 — 991) war. Dieser
Sieghard erscheint mehrfach als Zeuge bei den Rechtsgeschäften seines
Bruders, des Erzbischofs, so Cod. Frid. N<> 1 (vom Jahre 976 April 25)
und in Kaiserurkunden als Ghraf in verschiedenen Theilen von Bayern,
wovon noch zu sprechen sein wird (Stumpf 189 Dipl N® 126; St. 265
Dipl. No 203 und St. 263 Dipl. N« 202).
Es handelt sich nun darum, ob dieser Sieghard identisch mit dem
des Codex Odalberti ist, wie Zillner p. 188 annimmt. Er würde dann
mindestens von 928 — 976 als Graf gewirkt haben, und da sein Bruder,
der Erzbischof, vollends noch bis 991 gelebt hat, so würden sich die
zwei Generationen von Sieghard I. (903 — 908 Graf) bis Erzbischof
Friedrich über mehr als ein Jahrhundert ausdehnen. Dies erscheint
unwahrscheinlich, und ich halte es für angezeigt, Engelbert I. und
die Brüder Sieghard II. und Nortperht einer Generation, den Erz-
632 Richter.
biscliof Friedrich und seinen Bruder Sieghard aber einer zweiten
zuzuweisen, wobei es vollkommen unentschieden bleiben muss, durch
wen der Zusammenhang dieser Generationen vermittelt wird.
Engelbert IL
Aus den Traditionen von St. Feter (Notizblatt der kais. Akad.
G. Bd. V. 1856) ergibt sich die Fortsetzung des obigen Stammbaum-
fragnientes. Es erscheint nämlich hier in den Jahren zwischen 988
und 1005 ein Graf Engelbert, neben ihm ein Nortperht und Filgrim,
in denen wir wol die drei Söhne der Wila, die Neflfen Erzbischof
Friedrichs erkennen dürfen. So N^ 90 p. 42, N« 99 p. 45 und
N« 101 p. 45 als Zeugen. Endlich bringt N" 109 p. 46 folgende
Nachricht:
Cognoscat omnis plebs chri^ticolarum, quandam nobilera feminam
n. Adula cum manu filii sui Sigihardi, quandam sui juris pro-
prietatem, qualem ad Puotincperch vocitato habuit cum 2 man-
cipiis pro remedio anime viri sui N. Engilberti fratribus luvavens.
in mnnus Titonis abbatis (988—1005) tradidisse.
Derselbe Engelbert zeigt sich auch mehrmals als Zeuge in dem Codex
traditionum Hartwici (991 — 1023). Wien. Archiv 22, 300 N'^ 3
und N" 6.
Sieghard IV.
Ist dessen Existenz und Abstammung von Engelbert II. durch
die oben angeführte Schenkungsurkunde der Adala hinlänglich be-
glaubigt, so fehlt es auch an weiteren Erwähnungen nicht.
1. Er ist Vogt des von seiner Mutter beschenkten kurz vorher
(988) vermögensrechtlich selbständig gewordenen Stiftes St. Feter in
Salzburg (Notizbl. 1856 p. 47 N" 102, N« 110, N" 112 und N^ 159);
erwähnt in Cod. Dietm. N<> 1 ; als Zeuge ebendaselbst N*^ 34 und mit
einem zweiten , duo comites Sizo et Sizo •* in N<> 35.
2. Die wichtigste Nachricht über diesen Sieghard birgt aber ein von
F. Willibald Hauthaler aufgefundenes Fragment des Codex tradit. Hart-
wici, veröffentlicht in den Mittheilungen des Instituts fiir österr. Ge-
schichtsforschung 3, 88 N" 14:
i,quidam germani fratres nobiles Fridaricus diaconus et Sigihardus
(Bandglosse : Sizo) comes quoddam concambium fecerunt cum dorn.
Hartwico . . . Tradiderunt uamque idera fratres 8 mansos et
^^ jugera in pago Salzpurchgovve in locis Walawis, Tier-
lechinga, Ferandorf . . . econtra archiepiscopus tradidit fra-
tribus ecclesiam in honore S. Marie constructam in valle que
Gastuina dicitur et decimationem actenus ad eandem ecclesiam
pertinentem, terminationem quoque eiusdem vallis ad eam per-
üntersucbungen zau* hiat. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 633
tinentiB cum omni legalitate et utilitate, que ecclesiis que matres
et plebes nominantur, canonico jure debetur, ea ratione ut liberam
habeaut potestatem inde faciendi quicquid eis placuerit (Regens-
burg, zw. 991—1023 Aug. 2.)
Die Wichtigkeit dieser Nachricht liegt in der Mittheilung, das sich die
Ton uns Terfolgte Geschlechtsreihe im Besitze von Gastein befunden
hat, woraus sich eine lehrreiche Folge ergibt, wie unten gezeigt wer-
den soll.
Im Jahre 1048 waren beide Siegharde bereits todt In der Ur-
kunde Kaiser Heinrich III. von 1048 April 9 (Stumpf 2347 luvav.
No 96) heisst es:
Filihilda vidua Sizonis comitis duobusque filüs eius Sigehardo et
Fridarico, et domina ludita filiisque ejus Sigehardo, Engilberto,
Marchwardo et Meginhardo,
geben ihre Zustimmung zur Schenkung, resp. Cioniirmation eines Wald-
gebietes an der bayerischen Traun. Der zweite Sizo oder Sieghard ist
offenbar der Stifter der Kirche von Baumburg an der Alz:
Kotum sit, quod quidam comes nomine Sizo cum conjuge sua
nomine ludita construxeriint ecclesiam in loco B. in presentia
Hartwici archiepiscopi. Mon. Boica 3, 1 angeblich 1020.
Mit der Kennung der Filhilde treten wir genealogisch auf etwas
sichereren Boden, denn nun liefern uns die Michaelbeurer Gründungs-
urkunden, sowie eine Notiz Ekkehards zwei Stammbaumfragmente,
durch deren Combination die bisherige Reihe ihren Abschluss und zu-
gleich ihre Hinüberleitung auf spätere gesicherte Geschlechtsfolgen
findet.
Die Bestätigungsurkunde des Papstes Innocenz II. von 1137 Juni 7
bei Filz, Geschichte von Michaelbeuern 749 bringt nämlich die Stifter
des Klosters und deren Verwandtschaft zur Kenntniss:
exorati a nobili comitissa Ita et filüs eius Gebehardo et Sigihardo
comitibus et nepotibus gloriosi Lotharii Imperatoris Buronense
ceuobium in honure beati Michaelis archangeli a Sigehardo hone
memorie Aquilejensi patriarcba nee non a Bilhilt matre eius,
a comite etiam Sigehardo ac Friderico fratre ejus, Hartwigo quo-
que comite palatino et Sizone comite in sua possessione fun-
datum etc.
Die Stellen bei Ekkehard lauten (Ekkehardi chronicon universale Mon. 6,
224 Z. 28):
Aerbo iam grandevus, nobilis de Carinthia princeps et quondaBi
palatinus in Baiovaria comes, migravit in Domino, a. a. 1102.
634 Richter.
Boto comes, cognomento fortis illias Aerbonis cuius superias
mentionem fecimas germanus, iam plenus dierum nou longe
a Batispona defunctus est . . . Hi duo frati-es Aerbo scilicet
et Boto, paterno de sanguine Noricae gentis antiquissimam
nobilitatem trahebant, illius nimixum famosi Aerbonis posteri,
quem in venatu a visonta bestia confossam, vulgares adhuc canti-
leuae resonant, Hartwici palatini comitis filii, qui ger-
manus fuit illius Friderici, qui Sigihardum genuerat
Batisponae peremptum. Maternum vero Ulis erat stemma
de Saxonia Immindingorum tribus egregia, quae et Ottonum in-
elytae stirpi traditur vicina . . . Friderun, Aerbonis et Botonis
mater . . . post mortem Hartwici statim yiduitatis yelamine con-
secratur, adhuc Aerbone parvulo, Botone inpregnata posthumo.
Quorum utrunique literis et armis atque rebus satis profecisse
cognovimus, attameü Botonem, sicuti corpore proceriorem et ele-
gautiorem, ita rebus bellicis prestantiorem atque £miosiorem totius
bene Germaniae atque Italiae testatur populus. Pannonia vero
talem illum ac tantum se fatetur aliquando sensisse, ut is vere
de gigantibus antiquis unus apud illos credatur fuisse ... (S. 225
ad ann. 1104.)
Sigehardu^ comes, filius Friderici, patruelis autem supradicti Erbo-
nis principis de Carinthia . . . [wurde in Kegensburg ermordet]
(S. 738 Z. 46).
Aus den bisherigen Stammbaumfragmenten ergibt sieh nun folgende
Geschlechtsreihe, wo bei den älteren und unsichereren Stufen keine
Hypothesen über die directe Abstammung aufgestellt werden, sondern
nur die Reihenfolge der Generationen gegeben werden soll. Die
punktirten Linien geben vermutheten, die ausgezogenen sicheren Zu-
sammenhang.
SIEGHARD I. 908—908
ENGELBEBT i." SIE^^^
925—940 928-940
Erzb. FRIEDRICH - SIEGHARD HL; Gemalin Wila bis 976
958—991 I
ENGELBERT IL 988—1005; — PILGRIM — NORDBERT
Gemalin Adala
SIEGHARD IV. (bis 1048); — FRIEDRICH diaconus
Gemalin Pilhild
HARTWIG - FRIDERICÜS — SIEGHARD, Patriarch von Aquileja
comes palat. t 1026 |
ARIBO BOTHO SIEGHARD; ermordet zu Regensburg 1104
tll02 tll04.
üntersochungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstütes Salzburg. 635
Diese Stammtafel unterscbeidet sich von der bei Wendrinsky, die
Grafen von Peilstein (Blatter des Vereins f. Landeskunde von N.-ö.
1881, S. 4) aufgestellten durch Ausscheidung mehrerer zweifelhafter
Zusammenhange und durch die Einschiebung einer Generation zwischen
Sieghard I. 908 und dem Erzbischof Friedrich von Salzburg 958—991,
was oben motivirt wurde.
Dass auch jener Sieghard, welcher Baumburg gründete, demselben
Geschlechte angehört, ist in hohem Grade wahrscheinlich, doch fehlen
uns die Daten, um ihn mit einiger Sicherheit irgendwo einzureihen
Das gleiche gilt von dem Pfalzgrafen Hart wie dem älteren 959
bis 985, über welchen uns die folgenden Belegstellen vorliegen, und
der durch seinen Besitz, sowie den Namen und die Pfalzgrafenwürde
sich wol unzweifelhaft als einen Angehörigen des Hauses der Aribonen
kundgibt, wenn uns auch die Möglichkeit fehlt, ihn mit Sicherheit in
die Geschlechtstafel einzureihen.
Hartwic I. der ältere.
1. Tradimus ad monasteriuin, quod dicitur Biwern in honorem S. Mi-
chaelis fundatum quicquid praedicta nostra imperialis dignitas iuris
teuere videtur in loco qui dicitur . . . esse situs in comitatu
Hartwici palatini comitis. Otto IL 977 Sept 20 (Stumpf
713): Pilz 743. Aus dem Michelb. trad. codex, ob echt?
2. Concambium inter Fridericum archiepiscopum et Sigihardum comi-
tem fratrem suum: tradidit Sigihardus proprietatem ... in Salz-
burcgouae, in comitatu Hartwici comitis in locis Winnitraminga et
Mechintal . . .; tradidit Fridaricus in manus Sigihardi et uxoris
suae Wiliae proprietatem in Salzpurcgouue in comitatu prae&ti
Hartwici in loco Holzhusa. Cod. trad. Fridarici N" 11 luv. S. 194.
3. Hartwic comes (1. Zeuge in F. N'^ 12), welche Urkunde eben&lls
von Willa handelt
4. Tradidit archiepiscopus proprietatem in Isnachgouue in comitatu
Hartwici^ in loco Tagaperhtesheim (Taibrechting bei Niederberg-
kirchen, Ger. Neumarkt). F. 13 a. a. 963.
5 Eihhi in comitatu Hartwici iuxta fluvium Isaua. F. 9.
0. Hartwic (1. Zeuge in F. 5).
7. Hartwic comes als 1. Zeuge (058 — 991) bei Hauthaler, Mitth.
d. Instituts f. Ost GeschichUf 3, 84 N" 5 (ebenfalls die WilU
betreflend >.
8. Hartwicus comes palatinus. MB. 28-*, 184.
636 Richter.
9. Hartwicus comes palatinus. Oberb. Arch. 34, 260.
10. Hartwicus comes palatinus. MB. 31*, 237.
11. Hartw. palat. comes. Begesta boica 979 1, 42.
12. Hartwic comes 1. Zeuge Meichelb. I, 468 N« 1101 (zw. 957
und 994).
13. Hartwic comes, Vogt des Eb. Friedr. v. S. F. 20 u. 24, einmal
für Kärnthen, ein andermal fiir den Salzburggau.
14. Führt die Schenkung des Grafen Wermunt aus:
quasdam res, quas jam antea quidam comes nomine Hart wich
de manu Warmunti comitis illis super anonam sibi deputatam pro
requie anime tradiderat (in loco Gabanastat) in pago Chimincgaue
in comitatibus Otachari, Sigihardi et Willihalmi 959 Juni 8 Diplom.
No 202.
Er ist gestorben vor 985, denn in diesem Jahre ist schon Aribo P&lz-
graf. (Die Belegstellen für Kärnthen Hirsch Jahrb. Heinr. IL 39.)
Mit den Söhnen des Pfalzgrafen Hartwig des jüngeren, sowie mit
jenem Grafen Sieghard, welcher im Jahre 1104 am 5. Februar zu
Regensburg yor dem E^aiser Heinrich IV. und dem jungen Könige
Heinrich V; in einem Auflaufe der Ministerialen getödtet wurde ^), be-
treten wir sicheren historischen Boden; denn alle Forscher sind darüber
einig in des letzterem Vater Friedrich von Tengling (dem Bruder des
Erzbischofs Sieghard von Aquileja), den Stammvater der späteren Grafen
von Burghausen, von Schala, von Peilstein und deren Neben-
linie der Grafen von Lebenau sehen*). Zwar weichen die Stamm-
tafeln der einzelnen Historiker (so Wendrinsky und Meiller) hier und
da von einander ab, doch sind diese Varianten für unsere Zwecke
gleichgiltig, da es sich ja hier nicht um die Einzelheiten der Verwandt-
schaft, sondern um den Besitz dieser grossen und weitverzweigten
Familie handelt.
Wir geben die Stammtafel, soweit sie von den Autoren in über-
einstimmender Weise gebracht wird, und merken die Varianten an.
^) Giesebreclit Geschichte der deutschen Eaiserzeit (IV^. Aufl.) S, 721.
•) Riezler Gesch. Bayerns 1, 861; Wendrinsky 1. c. S. 12; Zillner 1. c, 25S;
Meiller Salzb. Regesten S. 544. EbeDSo die älteren Historiker Koch-Stemfeld,
V. Lang 11. a.
üntersuctiungen zur kist. Geograpliie des ehem. fiodisÜftes Salzburg. 63 '
HARTWIG d. j\
Pfalzgraf t oc. 1026
FRIEDRICH
Gf. V. Tengling t 1072-
SIEGHARD
•82. Patriarch y. Aquil^a
t 1078
SIEGEARD HEINRICH
Gf. y . Borghausen a. Schala Bischof y. Freising 1 1 1 S 7
t 1104 zu Regensburg
GEBHARD l. HEINRICH SIEGHARD
Gf. y. Burghausen Vogt y . Ranshofen Gf. y. Schala 1 1 1 42
t 1164 Gem. Sophie t cc. 1180 Gemalin Sophie y.
y. Grabenstatt Oesterreich
FRIEDRICH
Gf.v. Peilstein tcc 1122
CONRAD der Rauhe
t 1148
I
GEBHARD II.
Der weitere Stamm-
CONRAD
FRIEDRICH
y. Burghausen t cc.
1165—68 bäum hat hier kein
Gemalin
t 1147
JtUereese.
Adala yon
Nach Wen-
Eleeberg
t 1158
drimky und
MeUler Ähn^
herr der
1
1
Lebena^ter,
Unmtindige Söhne
FRIEDRICH SIEGFRIED
CONRAD
ohne Nachkommen
? tcc. 1175
SIEGFRIED
tcc. 1198.
FRfEDRICH KONRAD?
tcc 1198
t cc 1208
?
FRIEDRICH
tcc 1218 ohne Nachkommen.
Die Stammtafel schliesst sich zunächst an Wendrinsky (Die Grafen
yon Feilstem, Blätter des Vereins fttr n.-ö. Landeskunde 15, 1) und
unterscheidet sich yon der bei Meiller Salzburger Begasten S. 544
gegebenen hauptsächlich nur dadurch, dass Conrad der Bauhe in
letzterer als der Bruder jenes Friedrich angenommen wird, als dessen
Sohn er nach Wendrinsky in der obigen Stammtafel erscheint, was
für unsere Zwecke unwesentlich ist.
Wichtiger ist die Frage nach der Einfügung der Lebenauer in
diesen Stammbaum. Dass die Grafen yon Lebenau zu der Familie
gehören müssen, ergibt sich aus den Besitzyerhältnissen mit yoUster
Sicherheit Ihre Stammtafel steht fest, wenn auch zweifelhaft ist, ol)
Bernhard, der letzte Lebenauer, ein Sohn Siegfrieds oder Ottos ge-
wesen ist
SIEGFRIED I.
t 1168 Dec. 17
SIEGIRIKD IL OTTO
t 1190—91 anf dem Ereuzzug Gemalin Euphemia tcc. 1200
BERNHARD
t 1^29 April 17. ohne Nachkommen.
638 Richter.
Wendrinsky und Meiller fiigen die Lebenauer bei Friedrick, dem
Sohne Conrad des Hauben, in die Reihe der Peilsteiuer ein; Zillner
(1. c. 271) hälfc aber Siegfried I. von Lebenau, der 1163 starb, für
einen Bruder Gebhard I. von Burghausen f 1164. Weder für die
eine noch die andere Annahme sprechen durchaus zwingende Gründe ;
so mag wol auch hier für uns die unbezweifelte Thatsache der Ver-
wandtschaft genügen und darauf verzichtet werden, zu den vorhandenen
genealogischen Hypothesen noch eine weitere zu fügen.
Die Besitzungen der Geschlechter. Wir wenden uns
nun zu den Besitzverhältnissen dieser grossen Familie, welche von
den Zeiten ihres Ahnes Aribo, der vom Wisent getödtet wurde und
dessen Buhm noch zu Zeiten Ekkehards die Sänger priesen (s. oben),
bis zu den Zeiten Sieghards von Aquileja, Heinrichs von Freising
und der letzten Peilsteiner und Burghausener herab, eine der ersten
Bollen in der Geschichte des mittelalterlichen Bayerus und Oester-
reichs gespielt hat.
Von Sieghart I. wissen wir 1. dass er Graf iu einem unbekannten
Theile des Chiemgaues war (Mon. Dipl. N® 78j, 2. dass er Graf iu der
Gegend von Salzburghofen gewesen ist (luvav. N» 59). Dieses liegt im
späteren Gericht Stauflfeneck. In demselben Gericht begegnen wir
dann im Jahre 925 (Cod. Odalb. N<> 60) Engelbert I., der ausserdem
auch noch nach Cod. Odalb. 42 in dem nördlich anstossenden kleinen
Gericht Ober leben au Graf ist. Dieses Gericht scheint mit Stauflfen-
eck einst vereinigt gewesen und erst später herausgebrochen worden
zu sein; denn in dem Weisthum von Oberlebenau (Salzburger Taidinge
S. 79 Z. 28; Grimm Weisthümer VI, 146) heisst es, da.ss nicht blos
der zum Tod Verurtheilte an der Surheimer Brücke dem Pfleger von
Piain ausgeliefert werden soll, sondern schon zu seiner Verui'th eilung
müssen sieben aus Plainer Gericht » zu rechten " herabgeschickt werden.
Es war eine Cent der Grafschaft Piain. Engelberts Grafschaft er-
streckte sich aber noch viel weiter. Sie umfasste das rechte Salzach-
ufer von Puch bis Bergheim (Cod. Odalb. N»^ 82) und auch noch einige
Orte am linken, so dass sich der Besitz rings um die Stadt Salz-
burg abrundete, indem an der Westseite sich die oben erwähnten
Gerichte Piain und Oberlebenau anschlössen. Ein gewisser Kachwin
gibt nämlich 10 in der Grafschafs Engelberts gelegene Höfe (hubas)
mit 106 Hörigen an den Erzbischof. Zum Schluss heisst es: conversa
cartula nomina mancipiorum notantur, und hierauf die Namen der
106 Hörigen mit Angabe der Orte, in welchen sie wohnen. Es sind
dies: Lengfelden, Bergheim und Eugendorf im Gericht Neuhaus; Eis-
bethen, Puch, Ober- und Niederalm, Grödig, Anif und Morzg im
ÜntersucbuDgen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 639
Gericht Glaneck, Liefering und Siezenheim ; Pinzgau in der gleich-
namigen Grafschaft und Kachel im Gericht GoUing. Wenn nun aus
dem Text hervorgeht, dass die letzteren beiden Orte nicht als in der
Grafschaft Engelberts gelegen zu betrachten sind, so ist es um so zweifel-
loser bei den früheren.
Engelbert I. war also Graf in sämmtlichen unmittelbar um die
Stadt Salzburg liegenden Gerichten. Daraus ergibt sich, dass in der
ersten Hälfte des 10. Jahrh. die Grafschaft noch keineswegs
von der Immunität verdrängt oder ersetzt ist. Allerdings
mag die Stadt selbst ausgenommen gewesen sein. Denn nach der
Schenkung des Herzogs Theodo an den ersten Bischof Rupert gehörte
der ganze Fundus der Stadt den Bischöfen und es unterscheidet sich
demnach das Verhältniss dieser Bischofsstadt wesentlich von dem, wie
es in den rheinischen Städten oder in Regensburg vorhanden war,
wo die Existenz einer — mehr oder weniger — freien Bürgergemeinde
doch stets vorauszusetzen ist, worüber bereits S. 617 gehandelt wurde.
Freilich ist das auch die letzte Erwähnung f&r die eines Grafen rechts
der Salzach liegenden Gebiete. Nach dem Abtreten Engelberts scheint
eine grosse Veränderung in den Grafschaftsverhältnissen eingetreten
zu sein. Während filr die nächste Umgebung der Stadt überhaupt
nichts mehr von Grafen verlautet, erscheint in dem Gebiete der Ge-
richte Flain-Oberlebenau zunächst Reginbert, der mit der Familie
der Siegharde und Engelberte nicht in Verbindung zu sein scheint
Salzburghof in comitatu Reginberti. (luv. N'^ 62 von 940, Diplom
N'> 32.)
Dieser Reginbert spielt im Cod. tradii Odalberti auch sonst eine sehr
grosse Rolle. Es ist unter den 101 Acten des Codex 99 mal der Vogt
angegeben, darunter ist es 53 mal Reginbert. Er fungirt als solcher
in allen Gauen, in welchen die Erzkirche Besitzungen hat Er selbst
ist Graf im Gericht Grabenstatt-Traunstein (Cod. Odalb. N^ 42):
.in Chimincgouue in comitatu Regimberti in loco Nordperhtes-
dorf«,
wobei die Identität dieser Ortschaft mit dem jetzigen Hörbsdorf aller-
dings zweifelhaft bleibt; dagegen zweifellos nach Cod. Od. N^ 46; denn
die sämmtlichen angeführten Orte Neunling, Achsdorf, PuUing, Huni-
hausen, Alferting, Selberting und Erktadt liegen im Gericht Traun-
stein*). Endlich noch 0. 47 Herigozendorf- Hörgering? bei Traun-
<) Der Abdruck in der luvavia S. 147 hat eine Auslassung; im Orif^inal-
codex stehen nämlich nach dem Satz ^Holzhuta, quod Kerhoh acefipU m ipgitts egt
comitatu* die vier Worte ^Erlattatt in comitatu Reginberti*, worauf erst der Schi u 88
folgt: »uterque locus in Chimincgouue*.
64Ö fticliiel'.
stein in comitatu Reginberti. Nach Cod. Pridar. N*^ 17 hiess die Ge-
malin Reginberts Eosmuot und hatte zwei Söhne, Rapoto und Friedrich,
welch letzterer aber nicht der Erzbischof sein kaun, da er ausdrück-
lich neben ihm genannt wird. Die Familie hatte grossen Besitz im
Pinzgau und gab eben damals einen Hof (das heisst wol die Herr-
schaft) zu Taxenbach mit einem ungemein grossen Forstgebiet an das
Erzstift.
Seit dem Auftreten dieses Reginbert verschwindet das Geschlecht
der Siegharde (welches wir der Einfachheit halber von nun ab das der
Aribonen nennen wollen) aus den Gerichten Piain und Oberlebenau
und es taucht daselbst ein neues Geschlecht auf, mit welchem wir uns
später zu beschäftigen haben werden.
Welches die Ursachen dieser Veränderung sind, darüber wage ich
nicht einmal eine Yermuthung auszusprechen. Es gab während der
ersten Regierungsjahre Otto I. gewaltsame Bewegungen genug, um
eine solche Veränderung zu erklären. Doch kaun es nichts fruchten
da Combinationen aufzustellen, wo wir einfach nichts wissen.
Von nun an erscheinen die Aribonen in anderen, nördlicheren
Grafschaften. Allerdings ist keineswegs gesagt, dass sie dieselben nicht
auch schon vorher innegehabt hätten. Im Gegentheil, ich halte das
sogar für sehr wahrscheinlich, da man im allgemeinen für eine frühere
Zeit die Graf'schaftsgebiete immer grösser annehmen kann als für später.
üeber die Grafschaftsangehörigkeit Sieghard II. und Nordberts,
der vermutheten Brüder Engelbert I., wissen wir nichts.
Mehreres jedoch über die Sieghard des III., des Bruders Erzbischof
Friedrichs. Es kommt hier besonders in Betracht die Urkunde Otto I.
von 959 Juni 8 (Diplom. N» 202, luv. N^ 67), worin es heisst, dass
, locus Grabanastat (Grabenstatt am Chiemsee) in pago Chimich-
ouve in comitatibus Otacharii, Sigihardi ac V^illihalmi comitum''
liegt. Wie es möglich ist, dass eine Ortschaft in drei Grafschaften
liegen kann, erklärt sich dadurch, dass der Hauptbestandtheil der
Schenkung ein grosser Wald an der Traun (forestum ad Truna) ge-
wesen zu sein scheint. Ueber dessen Umfang erfahren wir aus der
vorliegenden, unbezweifelt echten Urkunde nichts, wol aber aus späteren
Aufzeichnungen. Vor allem liegt eiüe der Schrift nach dem 11. Jahrh.
angehörige Fälschung vor. Die oben erwähnte echte Urkunde Ottos
ist darin wörtlich copirt, nach dem Worte , vectigalibus * aber ein
Passus eingeschoben, welcher nebst verschiedenen anderen genaueren
Bestimmungen auch den Umfang jenes Waldes angibt. Doch wären
abgesehen vou der Unechtheit, welche hier wol nicht hindern könnte,
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 641
die Localdateu zu verwerthen, die Oertlichkeiten schwer aufzufinden,
wenn uns nicht noch eine dritte Urkunde Auskunft gäbe. Es ist das
die Urkunde Kaiser Heinrich III. von 1048 April 9 (Stumpf 2347,
luvav. N^ 96), worin — ohne Erwähnung der früheren Schenkungen,
wie ja häufig vorkommt — der Traunwald mit genauen und leicht
findbaren Grenzen bezeichnet ist. Der betreffende Passus lautet:
Isti sunt termini eiusdem foresti incipientes ab illo loco ubi
Bottenbach rivus Truna fluvium alluit (der Bothenbach mündet
6 Kilom. unterhalb Traunstein in die Traun), et inde protenditur
sursum illuc ubi idem rivus de proxima palude exit, et inde recto
tramite in illum qui Asch ach praeterfluit (der Weidachbach, der
bei Waging in den See mündet, fliesst unterhalb Aschau vorbei
und entspringt im selben Moore wie der Bettenbach, nämlich im
Demelfilz), et per eundem rivum deorsum illuc ubi locum quen-
dam Tachinse dictum influit (Wagingersee), et per locum deorsum
usque ad ecclesiam Pettingun dictam (Petting) et inde recto
tramite^ usque in fluvium Sura dictum (die grosse Suhr) et per
- eundem fluvium sursum usque in fluvium Eebenaha nomina-
tum (die Ache von Achthal), et inde sursum illuc ubi idem fluvius
de suo fönte emanat (am Eachelstein), inde recto tramite ad
montem Falchinstein dictum (Falkenstein bei Inzell) et de
Falchinstein recto tramite ad summitatem montis Buhinperch
(jetzt Bauschenberg unmittelbar westlich vom Falkenstein) et inde
recto tramite ad occidentem usque in fluvium Wizziutruna
dictum (die weisse oder Seetraun) et per eundem fluvium deorsum
illuc ubi idem fluvius Wizziutruna et praefatus(?) fluvius Botin -
truna (Bothe Traun) confluunt inde deorsum usque in rivum
Kaltinpach deorsum usque in Botinpach supra nominatum.
(Ealtenbach heisst jetzt noch das Oertchen an der Mündung des
Bothenbaches in die Traun).
Dieses grosse Gebiet reicht nun allerdings durch drei Gerichte. Es
sind dies die Gerichte Traunsteiu-Grabenstat, Baschenberg-Teusen-
dorf und Halmberg (Tettelham und Tittmoning werden gestreift).
Wie vertheilen sich nun die drei Grafen auf die drei Gerichte?
lieber Baschenberg erhalten wir Aufklärung aus Cod. Fridar. N'* 2,
wo es heisst:
.Tiusindorf in comitatu Willihalmi*.
Femer Cod. Frid. 18 , Scoupanara ^) in Salzburggau, in comitatu
Willihalmi»; endlich Mon. Boica 28 a, 196, wo eine Saline (offenbar
M So Bteht nämlich iu der Handschrift, nicht Scuoparna.
MittheUungen, Ergftniimgsbd« I. 48
642 Richter.
Keichenhall) im Salzburggaa in comitatu Willihalmi liegt Wilhelm
besass also Baschenberg-Teusendorf und Seichenhall, damals wol noch
mit Piain im Zusammenhang. Das Gericht Baschenberg gehorte aller-
dings zum Salzburggau (wie wir noch sehen werden); doch kann
nach der Ausdrucksweise der Urkunde von 959 daraus kein Anstoss
erwachsen, dass dort alle drei Grafen in den Chiemgau yersetzt
werden: , Grabanastat in pago Ghimichove in comitatibus etc.* Der
Hauptort und Mittelpunkt der Schenkung, Grabenstatt, liegt ja auch
im Chiemgau; der grosse Forst, der dazu gehört, greift aber in den
Nachbargau insoferne hinüber, als er die Grenze zwischen beiden
Gauen bildet.
Grössere Schwierigkeiten bieten uns die beiden anderen Grafen
Otachar und ^ Sieghard. Es gibt nämlich eine Quellenstelle, welche zu
verbieten scheint, die beiden zunächst in Betracht kommenden Gerichte
Grabenstatt -Traunstein und Halmberg je einem der Grafen zuzu-
theilen. Es ist dies Cod. trad. Frid. N^ 2. In dieser wird die Ort-
schaft Chindahusa als ^in comitatu Crapnastat'' gelegen bezeichnet.
Nun ist das einzige jetzt existirende Eühnhausen im Gericht Halm-
berg gelegen, und zwar jenseits des Wagingersees. Dass dieses
Eühnhausen und kein anderes gemeint ist, scheint dadurch bestätigt
zu werden, dass diese Ortschaft noch im 15. Jahrh. Eindhausen
heisst (Fischrechte im Tachensee von 1409 Eammerbücher 5, 131).
Wenn also dieses Eühnhausen, welches trotz seiner Lage jenseits des
Sees stets zum Gericht Halmberg gehört hat, wirklich als in der
Grafschaft Grabenstatt gelegen bezeichnet wird, so kann das nur heissen
im Amtsbezirk des Grafen, der zu Grabenstatt seinen Sitz hat, woraus
folgt, dass damals Grabenstatt und Halmberg vereinigt waren.
Für dieses vereinigte Gebiet werden wir nun den Grafen Otachar
in Anspruch nehmen dürfen. Und zwar hauptsächlich desshalb, weil
Sieghard in anderen Gebieten theils nachweisbar, theils zu vermuthen
ist. Das ist nämlich erstens in der nördlich vom Chiemsee gelegenen
Grafschaft, welche später das Gericht Elin-g hiess. In einer Urkunde
Otto I. von 950 Juli 16 (Diplom. 126, Stumpf 189) heisst es:
Sneidseo (Schneitsee) in comitatu SigihardL
Femer aber in dem Gebiete, welches später nachweisbar im Besitze
der Familie der Aribonen ist, in den verschiedenen Grafschaften des
unteren Salzburggaues, in den späteren Gerichten Tettolheim, Titt-
moning, Unterlebenau, Wildshut und Burghausen.
Nach Cod. Frid. N<) 2 liegt ,Totinhusa in comitatu ad Torringuu'.
Das ist Tetenhausen am Wagiugersee, in der Schranne Fridorfing des
Gerichtes Tittmoning. Torringun ist Törring, im späteren Mittelalter
üntenuchuDgen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 643
als Schloss der Sitz eines bekannten Adelsgeschlechtes, welches nach
ihm den Namen führte, benachbart jenem Tengling, nach welchem der
Ahnherr der Peilsteiner und Borghausener, der Vater des im Jahre
1104 ermordeten Sieghard sich Friedrich »von Tenclinc* nannte.
Törring selbst erscheint schon in den Breves Notitiae 19 als der
Hauptort seiner Umgebung, indem die anderen Ortschaften, darunter
auch Tittmoning selbst, spater Stadt nnd Gerichtssitz, als in seiner
Nähe gelegen bezeichnet werden. Jetzt war es offenbar ebenfalls
namengebend für die Grafschaft
Wir wissen wol, wie hypothetisch Aufstellungen auf solcher Basis
sind. Da aber die Fülle der einzelnen Argumente, welche für den
Zusammenhang dieser Siegharde mit den späteren Peilstein -Teng-
lingem sprechen, doch nicht ganz zu verachten sein dürfte, so er-
seheint es noch immer weniger willkürlich, unseren Sieghard als Vor-
fahren jener die Gra&chaft Törring-Tittmoning zuzutheilen, als alle
anderen Auskünfte, welche man anwenden kann, die drei Grafen jener
Eaiserurkunde mit den spateren Gerichten in Einklang zu bringen.
Der besprochene Wald erstreckt sich nicht direct in die Grafschaft
Törring, berührt aber deren Grenzen am Wagingersee.
Allerdings ist wenig später (963) nicht das ganze Gericht Titt-
moning, das später aus den drei Schergenämtem Palling, Tittmoning
und Fridorfing bestand, im Besitze Sieghards gestanden, denn im Codex
Fridarici erscheint in demselben Gebiete auch der als Angehöriger
derselben Familie zu betrachtende Hartwic I., der Pfalzgraf, dessen
Begesten oben gegeben wurden. Ich wiederhole hieraus 1. dass er
977 wahrscheinlich Graf im Gericht Haunsberg rechts der Salzach war,
da sich damals Michaelbeuern in seinem Besitze befand.
2. Dass er 963 das Gericht Tetelham besass, da die Ortschaften
Winnitraminga = Wintermoning und das benachbarte Holzhausen in
seiner Grafschaft lagen, nach Cod. Frid. N<^ 11.
3. Dass er nach derselben Belegstelle vielleicht auch einen Theil
der eigentlichen Grafschaft Tittmoning besessen hat, da auch die Ort-
schaft Meggenthal, nahe bei Tittmoning, als in seiner Grafechaft ge-
legen bezeichnet wird.
Wir nehmen also an, dass der Graf Sieghard der Urkunde von 959
identisch ist mit Sieghard III. unserer Stammtafel, dem Bruder Erz-
bischof Friedrichs, und dass derselbe damals Graf in den Aribon'schen
Gerichten Tctelheim und Törring gewesen ist, welche der Trannwald
berührte 1).
*) Diese LOsung ersebeint mir weniger gezwungen als die »Hausgrafsohaft*
Zillners, welche mir vor allem rechtsgetichichtüch nicht recht verständlich ist.
42-
644 Richter.
Sowie Sieghard die Grafschaft in der Gegend von Schneitsee
innehatte, so erstreckte sich Hartwics Besitz bis in den Isengau (nach
Stelle 4 und 5 der oben angeführten Begesten).
üeber Engelbert IL, Sieghard IIL Sohn, Besitzungen sind wir nicht
unterrichtet, doch ist es charakteristisch, dass er in einer Schenkung
als Zeuge auftritt, welche Gegenden der Grafschaft Törring betriffl^
(Notizbl. p. 45 N^ 101), u. zw. Taching am Wagingersee; der Schenker
ist sein Bruder Pilgrim (vielleicht der spätere Bischof von Passau?).
Als wichtige Nachricht haben wir schon hervorgehoben, dass Sieg;-
hard IV. am Anfang des 11. Jahrh. mit seinem Bruder Friedrich vom
Erzbischof Hartwic die Pfarrkirche von Gastein (Hofgastein) mit ihren
über das ganze Thal ausgedehnten Zehenten gegen 8 Höfe zu Wals
bei Salzburg, Tyrlaching in der Grafschaft Tittmoning und Pemdorf
im Gericht Matsee eintauscht. (Die Stelle siehe oben S. 632). Nun
ist aus späteren Quellen bekannt, dass Gastein ein Besitz der Peil-
steiner war:
, ein Gegend die heist Gastaun, die giltet alle jar 20000 ches und
300 eilen chlafterlanch woUeins tuechs, die hat auch der Herczog
von Pairen an recht''
(aus dem Peilstein'schen Erbe an sich gebracht). Einleitung zu Eneukels
Pürstenbuch. Ferner:
ylsti sunt, quorum haereditas cum castris et praediis ad Ludmcum
ducem et filium eius Ottonem sunt devoluta: Alheit comitissa de
Moren (Morle, eine Peilsteinerin) quae habuit Easteun in montanis.
Herm. Altah. Monum. Germ. 17, 377. Dass auch die Kirche zu diesem
Besitz gehört hat, wird dadurch bewiesen, dass der Herzog Ludwig
von Bayern auf die Patronatsrechte, die er anfänglich in Anspruch
genommen, hatte, im Jahre 1228 Sept. 20 verzichtet (Meiller Salzb.
Regesten N» 324).
Durch diese Nach Weisung, dass Gastein zuerst im Besitz der Sieg-
harde (Aribonen), später in dem der Peilsteiner war, gewinnt der von
uns aufgestellte Stammbaum wesentlich an innerer Wahrscheinlichkeit.
Nach der Angabe Ekkehards war der jüngere Hartmc, der Pfalz-
graf, ein Sohn Sieghard IV. (s. oben). Er war aber schon um 1026
in jugendlichem Alter gestorben. Er wird daher wenig erwähnt.
S. das. S. 242. Das Holzhausen im Codex Fridar. 11 kann auch das Wintermoning
benachbarte sein ; Moosheim und Gumprechtsheim im Cod. Odalb. N^ 47 luv. p. 48
(so muss es in Anmerkung 2 auf Seite 248 anstatt 172, 89 heissen) vermutheich
in Hintermosheim und Gumperting in der Pfarre Holzhauseu bei Teisendorf. Ueber
die Grenzen des Salzburg- und ChiemgaueH siehe unten.
Untersuchungen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 645
1. Hartwicus comes palatinus
als erster Zeuge in der Urkunde der Kaiserin Kunigunde f&r Freising
Yon 1025 (ürkb. d. Landes o. d. Enns 2, 80), worin unter anderen
die Herrschaft Ostermiething (in dem Gericht Wildsliut) vorübergehend
an das Bisthum gelangt
2. Hartwicus palacii comes
als Besitzer von Gütern in Steiermark (Strassgang), Cod. Dietmari N^' 3.
Dass Ostermiething in der Grafschaft Hartwics lag, also auch das
Gericht Wildshut zum Besitze des Aribon'schen Hauses gehörte, geht
deutUch daraus hervor, dass bei der Wiederholung der obigen Schen-
kung an Freising durch Kaiser Heinrich HI. im Jahre 1041 Mai 14,
ürkb. d. L. o. d. E.2, 84 (Stumpf 2218), Ostermiething als ,in Salzgowe
in comitatu Aribonis palatini comitis* gelegen bezeichnet wird. Dass
Aribo, der 1055 die P&lzgrafschaft verlor^), mit diesem Gerichte be-
sonders verbunden war, ergibt sich aus der Urkunde Mon. Boica 3, 245
wo er im Jahre 1070 als Aribo, comes de Hegirmoos erscheint.
Haigermoos ist eine Ortschaft im Gericht Wildshut bei Ostermiething.
Er starb erst 1102.
Gehen wir dann in den Zeitraum über, in welchem die drei
Linien des Aribon*schen Hauses uns als Burghausener, Peilsteiner und
Lebenauer Grafen entgegentreten, so müssen wir sagen, dass wir
genaue und directe Nachrichten darüber, welche Grafschaften die ver-
schiedenen Linien innegehabt haben, aus dieser spateren Zeit noch
weniger als einer firüheren besitzen. Vielmehr verlassen uns ja auch
die Angaben, in welcher Grafschaft etwa der oder jener Ort hegt,
welche uns früher als Anhaltspunkte dienten. Um die allgemeine
Bedeutung und Ansässigkeit des Geschlechtes in unserer Gegend zu
beleuchten, können uns nur die Yogteien einigermassen dienen ; für
den Ghrafschaftsbesitz hingegen sind die eigentlich massgebenden Do-
camente die Vertrage, welche nach dem Aussterben der Peilsteiner und
Lebenauer über deren Hinterlassenschaft zwischen Salzburg und Bayern
abgeschlossen wurden.
') Nach Hirsch Jahrb. Heinrich II. 1, S4. Die Ansicht Zillners (S. 190), dass
das Pfiftlzgrafenamt eine besondere Beziehong zu den Bisthümem und besonders
zu dem Erzbisthum gehabt habe, ist eine Vermuthnng, welche durch die neueren
Forschungen nicht bestätigt wird. Vgl, P. Wittmann, Die Pfalzgrafen von Bayern,
München 1877. Auöh der unterschied, der 194 zwischen einer Reichsgra&chafb
und einer erblichen Geschlechtsgrafschaft gemacht wird, ist mir nicht ganz ver-
ständlich. Erblich konnte eine Graischaft auch sein, wenn sie vom Reiche zu
Lehen gieng. Eine Frage ist nur, ob und seit wann die bayerischen Qra&chaften
vom Herzog lehenrührig waren. Vgl. Riezler Gesch. Bayerns 1, 754 und dessen
Herzogthum Bayern 198.
646 Richter.
Die Grafen yon Burghausen waren Vögte von St. Peter in Salz-
burg, dem ersten und angesehensten Stifte des Erzbisthums, welches
von ihnen häufig beschenkt wird und in dessen Urkunden sie regel-
mässig als Zeugen erscheinen, wie sich aus Wendriuskys Regesten
(1. c. S. 13 — 20) ergibt. Als Vögte werden sie genannt:
1139 Mai 23 NotizbL 6, 165 N« 272, MeilL Eeg. S. 38 N^ 211:
,Gebhardo comite de Purchusin praefati coenobii ad-
vocato. "
Die Urkunde enthält das Vermächtniss eines gewissen Weickart
V. Ernsting för das Stift und fahrt uns mit den übergebeneu
Objecten, der Kirche zu Ernsting, sowie mit dem Namen
des Geschenkgebers und der Zeugen Perhtold et frater ejus
Eoudperht de Tarisdorf (Tarsdorf), Heinrich et Otachar
de Sinzingen, Piligrim et Manegolt de Ostermuntingen,
Perhtold et Altman de Echirisdorf (Ehersdorf), Rapoto et
Gisilmar de Ernistingen, Koudiger de Purchhusan, in
das Gericht Wildhut, das von Alters den Aribonen gehörte
und das wir uns wol jetzt mit den Dienstleuten der Grafen
von Burghausen, deren einer Weickart gewesen sein wird
besetzt denken können,
cc. IUI Notizbl. 6, 189 N« 307.
cc. 1141 Notizbl. 6, 190 N^ 311:
Gebohardus comes de Purchusin advocatus monasterii
beati Petri.
Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Geld- und Tausch-
geschäft zwischen dem Stifte und dem Grafen, der dem Abte
»magna amicitia et familiaritate conjunctus est",
cc. 1141 Notizbl. 6, 192 N^ 321. Gebhard v. B. übernimmt ein
Vermächtniss für das Stift St. Peter.
1147 Chron. Noviss. St. Petri S. 232:
Gebhardus com. d. B. advocatus.
cc. 1147 Notizbl. 6, 236 N« 364:
ebenso,
cc. 1153 Notizbl. 6, 238 N«^ 371:
ebenso.
1155 Chron. Noviss. S. 236:
ebenso.
In N^ 306 und N« 286 erscheint Gebhard als zu Haigermoos be-
gütert, ebenso mehrfach in BeichenhalL Dass er von Burghausen
nicht blos den Titel geführt, sondern dort thatsächlich das Grafenamt
ausgeübt hat, ergibt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit aus der Zoll-
üntersachungen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 647
befreiong, welche der Eizbischof Conrad I. f&r seine und seiner Leute
Schiffe im Jahre 1130 vom Grafen Gebhard erlangte, wenn dieselben
anf der Salzach die Stadt (urbem) Burghausen passirten (Meiller Salzb.
Begesten S. 21 N« 124).
Der Bruder Gebhards, Heinrich, war auch Vogt von Banshofen
(Mon. Boic. 3, 290).
Die Grafen von Feilstein standen, wie es scheint, in noch näherer
Verbindung mit dem Erzstift als die Burghausener. Sie waren näm-
Uch in der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. .adyocati principales ', Ober-
YOgte des Erzstiftes, wie aus den Beichersberger Urkunden hervor-
geht Im Jahre 1084 bei der Gründung yon Beichersberg war bestimmt
worden, dass der .advocatus principalis '^ von Salzburg zugleich Vogt
von Beichersberg sein solL Mon. Boic. 3, 400. So erscheint denn auch
1154 Conrad von Peilstein ab
.luvavensis pariter et Beicherspergensis ecclesie advocatus'
(Mon. Boic. 3, 427) und 1177 als
,principalis advocatus Beichersbergensis praepositi*
(Mon. B. 3, 465).
Als dann 1208 und 1218 die beiden Linien der Peilsteiner aus-
starben, nahm Erzbischof Eberhard, der überhaupt die Yogteien nach
Möglichkeit abzuschütteln suchte, in einer ürkimde von 1225 Dec. 30
(IJrkb. o. d. E. 2, 658) die Yogtei über Beichersberg selbst in die Hand
und gebraucht hier die charakteristische Wendung:
.Yerum quia Salzburgensis ecclesia nostris temporibus habere desiit
advocatum ■.
Aus diesem Yogteiverhältniss des Erzstiftes zu den Peilsteinem dürfte
auch die Leistung einer Gebühr von sämmtlichen dem Erzbisthum
gehörigen Salzpfannen in Beichenhall an die Grafen herzuleiten sein,
von welcher wir durch die Urkunde Erzbischof Eberhard I. von 1153
bis 1159 (Meiller Begesi S. 72 W 86) erfahren, in der es heisst:
prout idem comes (Chuonradus de Bilstein) de singulis patellis
nostris quodam antiquitatis jure talentum videtur ezigere.
Dass die Peilsteiner zu Beichenhall mannigfache Beziehungen hatten,
wird durch viele Quellenstellen erwiesen. So waren sie auch Yögte
von St. Zeno bei Beichenhall M. B. 3, 561:
«Ghunrado de Peilstain qui advocatiam eiusdem ecclesie a nobis
(sc. archiepiscopo) tenuit — viam universe carnis ingresso**.
Ebenso sind die Peilsteiner Yögte der alten Familienstiftung der
Aribonen: Michaelbeuem, Filz Gesch. von Michaelb. S. 717 N<> 100 und
S. 747 No 5.
648 Richtej.
Wie die Burghausener Linie die Vogtei über St. Peter, die Peil-
steiuer die Vogtei über das Erzstift selbst, so hat die dritte, die Linie
der Orafen von Lebenaa die Yogtei über das Domcapitel und über
das Erentrautskloster (Nonnberg) inne. Für letzteres ist eine Quellen-
steile die Urkunde bei Meiller Begesten S. 63 K^ 40 :
»Sifiridus comes de Linbenowe, monasterii St. Erentradis ad-
vocatus » ;
das erstere ersehen wir aus mehrfeushen Erwähnungen in den Urkun-
den Erzbischof Eberhard IL, welcher sich nach dem Aussterben der
Lebenauer (17. April 1229) beeilte, die domcapitersche Vogtei an sich
zu nehmen. So in den Urkunden der Meiller'schen Regesten N^ 326,
405, 567. Auch waren die Lebenauer Vögte von Seeon L c. N** 327-
Fassen wir nun zusammen, in welchen Gebieten unserer Gegend
die drei Linien unseres Geschlechtes Grafschaftsrechte ausgeübt haben,
so geben uns zunächst die von verschiedenen Gliedern desselben ge-
führten Namen einigen Aufschluss. Es sind dies Tengling (Törring)
im Gerichte Tittmonig, Haigermoos im Gerichte Wildshut, Burghausen
im gleichnamigen Gerichte, endlich Lebenau. Letzterer Name stammt
von einer Burg wenige Kilometer nördlich von Laufen, die noch im
vorigen Jahrhundert stand ^). Sie liegt weder im Gericht Ober- noch
Unterlebenau, sondern im Amte Fridorfing des Gerichtes Tittmoning.
Allerdings ist der Umstand, dass ein Grafengeschlecht den Namen
einer Burg angenommen hat, kein Beweis dafür, dass diese Burg ein
Gerichtssitz gewesen ist, wenn auch vorausgesetzt werden kann, dass
eine solche Burg in einem Bezirke gelegen ist, in welchem das be-
treffende Geschlecht Grafschaftsrechte besass. Der gemeinsame Name
der beiden Gerichte Ober- und Unterlebenau, der Burg Lebenau und
des Grafengeschlechtes der Lebenauer, wird also wol als Beweis an-
genommen werden können, dass sowol die beiden Gerichte als die
Burg und wahrscheinlich auch das Gericht, in welchem die Burg lag,
nämlich mindestens die Schranne Fridorfing des Gerichtes Tittmoning •
einmal im Besitze des denselben Namen führenden Geschlechtes ge-
wesen sind.
Gewinnen wir so die Gerichte Ober- und Unterlebenau und einen
Theil von Tittmoning, sowie Wildshut und Burghausen schon aus den
Namen, so werden wird urch eine Michaelbeurer Urkunde (Filz 713)
^) Nftheree beriohtet über den damaligen Zustand Seethaler in einer Ge>
scbichte des E^eggerichteB Laufen, Ms. des Salzburger Museums.
Unteraochnngen zur bist. Geographie des ehem. Hochittiftes Salsburg. 649
danof hingewiesen, dass anch wahrscheiiilich das Gericht Haunsberg
den Lebenanem unterstand. Ich kann zwar nicht (wie Filz and
andere) ans der Urkunde den Beweis herauslesen, dass Graf Siegfried
?on Lebenaa vor der Kirche zn Obemdori zu Gericht gesessen hat,
denn der einzige Crrond za dieser Annahme wäre, dass anter den
Zeugen neben den Ministeriales Burenses tind Ministeriales S. Baperti
an dritter Stelle die
.Ministeriales Sigfridi comitis de Liabenowe''
angefahrt werden; ja selbst der Umstand, ob die ganze Sache in einer
eigentlichen Gerichtssitzung Yollzogen worden ist, erscheint nicht ein-
mal unzweifelhaft durch die Urkunde festgestellt Als massgebender
möchte ich betrachten, dass unter den Lebenauer Ministerialen ein
Gnmpoldus de Hunsperch erscheint. Da dsuin spater die Hauns-
berger auf Salzburg übergehen, sind sie wahrscheinlich zuerst Vasallen
der Lebenauer gewesen.
Wenn wir auch das Gericht Wald als eine der Aiibon'schen
Grafschaften ansprechen, so folgen wir der Yermuthung, welche die
zwischen die Gerichte Burghausen und Tittmoning eingeschobene Lage
nahegelegt Ob es der Burghausener oder Lebenauer Linie zugehörte,
wissen wir nicht Sicher ist nur das eine, dass es ein Gegenstand
des Streites zwischen Salzburg und Bayern noch im 14. Jahrb. gewesen
ist und ?on Salzburg als Lehen in Anspruch genommen wurde.
Schon in einem Friedensschlüsse zwischen Eizbischof Conrad und
Herzog Otto yoi^ Niederbayem von 1291 Oct 14 (Urk. im k. k. Staats-
archiv) wird dieser Streitpunkt erwähnt, seine Lösnng aber einer
Zeugenvernehmung vorbehalten. Es heisst darin:
Um das Gericht ze Flain daz in chrieg ist (zwischen dem Herzog
und dem Eizbischof) daz der Ortlieb von Wald inne hat, wann
der Eizbischof gibt daz es sin vorvaren und sin gotshaus von
alten Zeiten inn haben gehabt, und her OrtUeb herengegen gibt
daz es der herzogen amtleut gehabt
(darüber soll eine Zeugenvemehmong stattfinden). So deutlich dieser
Wortlaut ist, so werden wir uns mit demselben doch nicht begnügen
können. Denn dass Ortlieb von Wald jemak das Gericht Piain be-
sessen, davon kann keine Bede sein, wie sich weiter unten zeigen
wird. Es kann sich nur um das Gericht Wald selbst handeln, und
in der Urkunde muss eine Auslassung, vielleicht nur eines «und* vor
,daz der Ortlieb', stattgefunden haben. Wir besitzen nämlich aus den
Jahren 1304 und 1309 vier Urkunden desselben Lehensinhabers des
Gerichtes, Herrn Ortlieb von Wald, aus denen hervorgeht, dass eben
650 Richter.
die Grafschaft Wald selbst das Streitobject war. Von ihnen ist die
bezeichnendste:
Ich Ortlieb von Walde vergib an disem brief und tun chund allen
den, die in sehent oder hörent lesen, das ich das gericht ze Walde
auf dem Land hie dieshalb der Alz da mein purgwald aufleydt
mit allem dem recht und nutz, der dartzu gehört, über kurz und
über lang als verer es geraychet von dem gotshaus ze Salzburg
zu rechtem Lehen, und han dasselb gericht . . . datz dem hof
zu Puchering an dem ester, und von demselben hoff get es
ze Rauschaym in das dorff, ze Hofschalchen in das dorff,
von Staintal hintz Schenperg, und yon Schenperg hintz
Purgkirchen, als langt und brayt das gericht ist, untz mitten
in die Ilss (Alz) und das meinem Herren Erzbischofen Ghunradten
und seinem vorgen. gotshaus ze Salzburg fürbas chain chrieg
noch zweifei von genannt umb die Lehenschaft an demselben
gericht aufjgestee u. s. w. Salzburg 1309 Febr. 4.i)
An der Zweideutigkeit ist also wahrscheiulich nur die undeutliche
Textirung der Urkunde schuld. Denn anzunehmen, dass die Hen'Bchaft
Wald jemals als »Gericht ze Piain" bezeichnet worden sei, yerbietet
sich auf das entschiedenste von selbst.
Die Herren von Wald haben die hohe Gerichtsbarkeit in ihrem
Bezirke schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. besessen. Das er-
gibt sich aus einer Urkunde Herzog Ottos aus dem Jahre 1240 für
Raitenhaslach. Mon. Boica 3, 135, in welcher dieser das Ergebniss
eines Bechtsspruches verkündet, wonach den Herren Otto und Ortlieb
von Wald auf den Gütern der Mönche zu Zeidlarn (Wald) nur die
oberste Gerichtsbarkeit zustehe:
^dum tamen ipsis pro efiFusione sanguinis et pro delicto furti
solum talis satisfactio deberetur, quod reus tantum cum his, qua
cingulum cuiuslibet capit eis deberet assignari et ultra nü iuris
haberent in bonis eorum».
Es ist die gewöhnliche Scheidung zwischen niederer und hoher Gerichts-
barkeit; der kirchliche OfBcial leitet Verhaftung und Process; der über-
wiesene Verbrecher wird ohne Beeinträchtigung der Güter, die er ja
von der Kirche hat und die er daher nur für seine Person, nicht für
die Kirche verwirken kann, dem Grafenrichter ausgeliefert.
Doch haben die Beverse des Herrn Ortlieb dem Erzstifb nicht zu
dem gewünschten Besitze geführt. Denn in den folgenden Jahren
<) Die Ortschaften sind sämmtlich leicht zu finden und umoäumen den um-
fang des Gerichtes genau, wie die Beschreibung bei Appian.
Untersucbungen zur liist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 65 1
erscheint das Gericht Wald in den mehr&ch erhaltenen Verzeichnissen
der Ansprüche, welche Salzburg gegen Bayern za erheben sich be-
rechtigt glaubt, aber nicht durchsetzen kann.
Im k. k. geheimen Haus- Hof- und Staatsarchiv befindet sich
ein Pergamentstreifen, beschrieben von einer Hand des 14. Jahrb.,
worauf yerzeichnet sind:
«Defectus antiqui proponendi contra ducem BaTarie et aliqui novi*
und welcher aus einer der vielen Eri^sperioden des 14. Jahrh. stammt
Dieser Streifen ist zum Theil abgedruckt in der ünpartheiischen Ab-
handlung vom Staate Salzburg (von Kleimayrn) S. 269. Hier heisst
es S. 270:
, um das gericht datz Wald, das Herr Ortlieb von dem gotshaus
hat, da solt er di schedlichen leut antwurten hinz Tittmaning, di
antwurt er hinz Oetinge*.
Auch in den Kammerbüchern 3. Bd. unter N^ 229 steht ein Ton dem
der vorigen Liste unabhängiges Yerzeichniss (abgedruckt als Beilage 7)
von Besitzungen, welche Salzburg durch den oben erwähnten Vertrag
von 1275 an Bayern verloren haben soll. Hier steht es als vorletzter
Punkt:
«das gericht ze Wald*.
Ebenso verspricht der Herzog Rudolf lY. von Oesterreich in seinem
Bündniss mit dem Erzbischof Ortolf 1362, diesem zu helfen bei seinen
Ansprüchen auf Wald, das Gericht. Eammerb. 2, 464.
Es machte also Salzburg Ansprüche auf dieses Gericht, die wol
darauf zurückzuführen sein dürften, dass es bei einer der Theilungen
des 13. Jahrh. in Frage stand und auf die bayerische Seite fiel. Von
welcher der Aribon^schen Linien es erledigt wurde, darüber verlautet
nichts.
lieber das Gericht Tetelheim siehe unter dem Absatz «Plainer
Gerichte».
8. TJebergang der Grafschaften an Salsbnrg oder Bayern.
Burghausen. Zuerst unter den drei Aribon'schen Linien starb
bekanntlich (schon vor 1170) die Linie von Burghausen aus. Was mit
der Grafschaft Burghausen und dem wol sicher dazu gehörenden Gericht
Wildshut geschah, ist Gegenstand wissennchaftlicher Discussion^).
Ueber den Anfall Burghausens an Bayern haben wir nämlich
zwei einander direct widersprechende Angaben. Li dem Altaicher
') Siehe haapteädilich Riezler und Heigel Das Herzogthom Bayern S. 172 a. f..
Meiller Salzb. Regesten S. 474.
652 Richter.
Berichte über diejenigen Grafen und Herren, welche der zweite und
dritte Witteisbacher, die Herzoge Ludwig I. und Otto IL (1183—1253),
beerbt haben (Mon. Germ. 17, 377), heisst es:
„Sifridus et Bemhardus comes de lieibnawe, quorum fiiit ciyitas
Burckhausen ■.
Daraus würde also hervorgehen, dass die Grafschaft und das Schloss
Burghausen nach dem Aussterben der Burghausener Linie an die ver-
wandten Lebenauer übergegangen und erst nach deren Aussterben
1229 an die Witteisbacher gekommen ist^).
Dieser Nachricht widerspricht aber eine andere allerdings viel
spätere. Der Pormbacher Abt Angelus Rumpier (1462 — 1513), der
historisQhe CoUectaneen anlegte, schrieb zwar die oben erwähnte
Altaicher Erzählung ab, schloss aber unmittelbar daran zum Jahre 1163
folgenden widersprechenden Passus:
,Gebhardus comes de Burckhausen obiit, extunc duces Bavariae
castrum Burckhausen possederunt ''.
Ebenso schreibt Aventin Ann. 6, 80:
aBurchhusium tunc (1165) Heinricus XL Saxonum atque Bojariae
regulus occupavit*.
So wenig nun diesen späteren Nachrichten gegenüber jener früheren
Glaubwürdigkeit zuzukommen scheint, so gibt es doch mehrere triftige
Gründe, den letzteren den Vorzug zu geben.
Bumpler hat ofiPenbar die eine Notiz so gut wie die andere ab-
geschrieben, kann also ebenso wie der localkundige Aventin (der ja
lange in Burghausen gelebt hat) irgend eine alte und werthvoUe
Nachricht vor sich gehabt haben. Wichtiger scheint aber folgendes.
Die Urkunden von Baitenhaslach, welches nahe bei Burghausen li^t,
sind vor dem Aussterben der Burghausener voll von Erwähnungen
dieser Grafen, hingegen kommt der Name der Lebenauer in den ziem-
lich zahlreichen (15) Stücken aus den 60 Jahren, welche zwischen dem
Aussterben der Burghausener und dem der Lebenauer liegen, nicht
ein einziges Mal vor, während Heinrich der Lowe und die Witteis-
bacher gerade seitdem wiederholt schenkend und schlichtend auftreten.
Vollends beweisend, dass die Witteisbacher Burghauseii besessen haben,
ist aber die Urkunde von cc. 1206 (Mon. Boic. 3, 124 N^ 21), worin
der Herzog Ludwig von Bayern den Brüdern von Baitenhaslach nicht
') Ein Hineinziehen der Flainer erscheint bei der unzweifelhaften Verwandt-
schaft der Lebenauer mit den Burghausener nicht als nothwendig die Sache zu
erklären; s. Riezler 172. Rumpier hat in seinen CoUectaneen die betre£Fende Stelle
der nairatio Altahensis nicht ausgelassen; sie steht da, nur folgt gleich darauf
die widersprechende Angabe.
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 658
blos die grosse Salzachau vEttenau* im Gericht Wildshut schenkt und
das Anlegen der Schi£Ee und Durchgehen der Leute durch dieselbe
verbietet, sondern auch ihr Haus in Burghausen von jeder Steuer
und ihre Schiffe von dem ebendaselbst üblichem Zolle
enthebt:
vPreterea indulsimus eis, ne alique coUecte aut etiam census sub
nomine nostro yel alterius persone ab hospite domus sue de
Burchusen deinceps exigantur. Yolumus etiam ut si quid merci-
monii homines eorum subyexerint, sine thelonei redditione jure
hominiim nostrorum ibidem libere pertranseant^).
Im Jahre 1130 hatte Graf Gebhard von Burghausen die Zoll-
befreiung f&r die Salzburger Schiffe gewährt; seine angeblichen Erben,
die Lebenauer, erscheinen nicht einmal als Zeugen in einer solchen
Urkunde, woraus also deutlich und unzweifelhaft folgt, dass die Witteis-
bacher schon 1206 im Besitze von Burghausen waren.
Noch wären die von Biezler am angegebenen Orte S. 174 er-
wähnten Gründe anzuführen, dass nämlich Heinrich der Lowe sich
1176 in Burghausen aufhält und dort urkundet (Urkb. o. d. E. 1, 347
und Mon. Boica 3, 114), und hauptsächlich, dass in dem vor 1228
abge£EkS8ten Witteisbacher Urbar (Mon. Boica 36 a, S) Burghausen
bereits als Besitzung enthalten ist. Endlich will ich noch hinzufügen,
dass das Baitenhaslacher Necrologium (M. B. 3, 216) den Tod Gebhards
von Burghausen schwerlich mit dem Beisatze «gentis ultimus*' be-
gleitet haben würde, wenn doch ein Angehöriger derselben gens,
nämlich ein Lebenauer, auf ihn gefolgt wäre.
Ich glaube also annehmen zu dürfen, dass mit dem Aussterben
der Burghausener die Herrschaften Burghausen, Wildshut und wol
auch Wald an Bayern gekommen sind. Burghausen und Wald sind
noch heute bayrisch, Wildshut kam 1779 durch den Teschener Frieden
an Oesterreich.
Leben au. Von der Beantwortung der Frage nach dem Um-
fange der Grafachaftsrechte der Grafen von Lebenau hängt auch die
Entscheidung des wichtigsten Punktes der mittelalterlichen Geographie
Salzburgs ab, nämlich: wann und wie hat das Erzstifb seine links der
Salzach gelegenen, jetzt bayerischen Landestheile, vor allem die Graf-
schaften Tittmoning, Halmberg und Tetelham erworben ? Es erscheint
sehr merkwürdig, dass über eine solche Cardinalfrage überhaupt Un-
*) In dem Druck der Mon. Boica steht »Burchen*. Eine von Herrn kgl.
Archivsassessor Primbs im Beichsarehiv zu München auf tneine Bitte freundlich
vorgenommene CoUationirung ergab, dass im Original deutlich geschrieben steht
»Barchusen*.
654 Richter.
klarheit herrschen kann. Denn diese fruchtbaren und dicht bevölkerten
Landschaften sind ]a neben der unmittelbaren Umgebung der Stadt
Salzburg gewiss stets der wichtigste Bestandtheil des erzstiftlichen
Staates gewesen. Auch ist die XJeberlieferung des urkundlichen Materiales
seit dem 12. Jahrh. eine solche, dass wir den Verlust wichtigerer
Urkunden nicht anzunehmen berechtigt ,sind. Nicht blos sind uns
eine sehr grosse Zahl von Originalurkunden besonders aus dem 13. Jahrh.
erhalten (und um das letztere handelt es sich hauptsächlich), sondern
was nicht mehr im Original vorhanden ist, das haben uns die mit Ende
dieses Jahrhunderts beginnenden bekannten Kammerbücher auf-
bewahrt. Ja die meisten etwas wichtigeren Urkunden sind uns auf
diese Weise doppelt, im Original, und in der alten Copie der Kammer-
bücher erhalten, ausserdem noch vieles in Abschriften der spateren
Jahrhunderte des Mittelalters, weil gerade die für uns wichtigen Stücke
in den zahlreichen Processen zwischen Salzburg, Bayern und Berehtes-
gaden stets wieder vorgewiesen wurden (so z. B. die Urkunde Ludwig
des Kindes von 909 über Salzburghofen, der falsche Arnulf luv. N" 54
und 59 und viele andere). Auf Lücken der Ueberliefernng werden
wir uns also kaum ausreden dürfen.
Wenn wir trotzdem finden, dass gerade über die Erwerbung der
Gerichtshoheiten sehr wenig überliefert ist, so werden wir zur Erklärung
dieser Erscheinung vielleicht einige allgemeine Gründe zu Hilfe nehmen
dürfen. Die Gerichtshoheit ist ohne Zweifel in der späteren Zeit mass-
gebend gewesen für die territoriale Ausdehnung der Particularstaateu.
Das lässt sich in unserem Falle ganz geuau nachweisen an der Hand
der vielen Verträge zwischen Salzburg und Bayern über jene salzburg-
schen Besitzungen am Inn und an der Isen, in welchen die oberste
oder Blutsgeriehtsbarkeit Bayern zustand. Soweit die Gerichtshoheit
reicht, soweit reicht auch von jener Zeit an, wo der Begriff des Einzel-
staates sich ausbildet, das Territorium dieses Einzelstaates. Im 13. Jahrh.
und besonders am Beginn desselben ist aber von einer solchen terri-
torialen AbschliesEiung noch keine Rede. Der berühmte Codex Falken-
steinensis zeigt uns auf das deutlichste, dass die Bedeutung eines
mächtigen Grafengeschlechtes durchaus nicht auf dem Besitze eines
räumlich abgeschlossenen Gebietes beruht, innerhalb welches etwa eine
gewisse Staatshohbit ausgeübt würde, wie das vielleicht ftlr die Dynasten
des 15. und 16. Jahrh. gilt, sondern auf dem Besitze einer über-
raschend grossen Menge einzelner finanzieller, richterlicher oder dem
Kreise des Lehenswesens angehöriger Berechtigungen. Unter diesen
spielen die gräflichen Rechte in einer oder mehreren Grafiachaflen
(Centen) keineswegs die erste Bolle. Der Besitz grosser Domänen
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 655
imd vieler ritterlicher Vasalieii erscheint vielmehr viel wichtiger; um-
somehr, als ja auch die richterliche Befugmss des Orafeüamtes damals wie
auch noch viel spater vornehmlich nur als eine Einnahmsquelle geschätzt
und angesehen wurde. Ebenso, meine ich, ist im 13. JahrL auch noch
die Vorstellung von dem Besitz und den Machtmitteln der Bischöfe zu
fassen. In Städten, Domänen, Vasallen, Zollen, Oerichtsbarkeiten, welche
auf ungemein weite Strecken vertheilt waren, besteht die Macht eines
Bischofs. Ob es dahin kommt, in einem beschränkten Oebiet alle
diese Befugnisse zu einer eigentlichen Landeshoheit abzurunden, das
ist 'für das einzelne Bisfbum im 13. Jahrh. zunächst noch eine offene
Frage, welche bekanntlich auch keineswegs bei allen Beichsbisthümern
in einer für den Bischof so günstigen Weise wie in Salzburg gelöst
wurde.
Daraus folgt also, dass in dem Zeiträume, in welchem Salzburg
aller Wahrscheinlichkeit nach die Grafenrechte in den oben erwähnten
und einigen anderen Gerichten erworben hat, dieser Erwerbung nicht
jene Wichtigkeit beigelegt worden sein dürfte, welche sich später als
ihr eigenthümlich herausgestellt hat
und hierzu kommt noch etwas weiteres. Schon die alten Grafen-
geschlechter pflegten im 13. Jahrh. die ihnen zustehenden Grafschafts*
rechte, die Ausübung und die Einktlnfte ihrer Gerichtsbarkeiten ebenso
wie ihre Vogteien lehensweise an ihre Vasallen auszuthun, wie bereits
erwähnt wurde ^). Die massgebenden Urkunden zum Erkennen der Eigen-
thumsverhältnisse an den Gerichten wären also nach dem Aussterben der
Grafengeschlechter die Belehnungsurkunden, welche von den Herzogen
oder Bischöfen für ihre die Gerichte zu Lehen tragenden Vasallen
ausgestellt wurden. Solche sind uns aber, als von den Stiftern hin-
ausgegebene Urkunden, gewöhnlich nicht erhalten. Auch in späterer Zeit
finden wir in den Kammerbüchern z. B. sehr wenige Belehnungs-
urkunden aufgezeichnet, sondern vielmehr Lehensreverse der Belehnten.
Ob aber solche bereits im 13. Jahrh. regelmässig ausgestellt wurden,
muss bei der geringen Zahl der erhaltenen füglich bezweifelt werden.
Ln Jahre 1254 Juli 27 schlössen der Erwählte von Salzburg
Philipp und die Herzoge von Bayern, Ludwig und Heinrich, zur Be-
endigung ihrer alten Streitigkeiten einen Vertrag, der uns in doppelter
Ausfertigung erhalten ist. (Die Salzburg. Ausfertigung ist gedr. Mon.
Wittelsbac. Quell, u. Erörterg. 5, 128, die bayerische in der „Acten-
mässige Anzeige* (der 1777 erhob. Salzb. Ansprüche gegen Bayern,
Salzburg 1779) N'' 28. In diesem heisst es (nach der Salzb. Aus-
fertigung):
•i Siehe oben S. 619.
656 Richter.
, duces renuntiaverout impetitioni si quam habuerunt pro comicia
in Leybenawe et feodis Chunradi de Vager; . . . ratam habende
collationem eiusdem cometie in Levbenawe et feodorum Qbimradi
de Vager, quam feliciö memorie Ludewicus dux avus
eorum, noscitnr fecisse ecclesie Salzb. et jam dicta
feoda . . . concesserunt nostris ministerialibas sapradictis, qoi tarn
comicias quam feoda nominata per mauus ducum nobis et ecclesie
ecclesie nostre pro 2000 marcarum obligayerunt*^.
Aus dieser Stelle ist fär uns das wichtigste die Notiz, dass bereits
Herzog Ludwig (der Grossyater der genannten Herzoge, gestorben
1231) mit dem Erzbischof Eberhard über die Gra&chaft Lebenau yer-
handelt hatte, als diese 1229 April 17 durch den Tod des letzten
Grafen Bernhard erledigt wurde. Und zwar müsste uach dem Wort-
laute eine Belehnung der Salzburger Kirche durch den Herzog
stattgefunden haben, was lehenrechtlich nicht möglich ist. Man wird
sich also wol einen ähnlichen Vorgang zu denken haben, wie er nach
derselben Urkunde bei der Uebertragung einiger früher Plain'scher Ge-
richte yon Bayern an Salzburg und bei der neuerlichen Uebernahme von
Lebenau eingehalten wurde, wie im obigen Citate ersichtlich ist Der
Herzog übertrug nämlich die betreffenden Lehen salzburg^schen Mini-
sterialen, welche dieselben dann ihrem Herren yerp&ndeten. Dieser
Umweg war offenbar an die Stelle der oben besprochenen recht-
mässigen Form der Auflassung yor dem König getreten.
Mau möchte also yermuthen aus der Zeit yom April 1229 bis
15. September 1231 (Ermordung Herzog Ludwigs zu Kelheim) eine
Urkunde ähnlichen Inhaltes wie die yorliegende zu finden. Doch
suchen wir yergebens. Vielleicht hat sich die Auflassung yor dem
König (wenn eine solche beabsichtigt war) oder die Ausstellung einer
Vei^leichsurkunde im Sinne der yorliegenden so lange yerzögert, bis
durch den unerwarteten Tod des Herzogs Ludwig die Vollziehung un-
möglich wurde.
Gewiss scheint nur der Umstand, dass trotzdem in der Zeit yon
1231 bis 1254 auch Bayern das Gebiet yon Lebenau in Anspruch
genommen hat. Im Jahre 1235 erneuert nämlich der Herfog Otto
yon Bayern dem Stifte Baitenhaslach die Zollfreiheit auf der Salzach
mit den Worten:
,ut fratres de Baitenhaslach liberum transitum habeant in Leub-
nowe et in Burchusen yel ad quemcunque locum eadem muta
iussu ducum Bawarie in futuro transferatur*. (Mon. Boic. 3, 133).
Daraus geht heryor, dass eine Zeit lang die Herzoge yon Bayern sich
berechtigt gehalten haben, auch im Gebiete der Grafschaft Lebenau
Untersuchungen zur hitit. Geographie des ehem. Hochstifbes Salzburg. 657
Hoheitsrechte auszuüben, dass sie also die »collatio cometie'^, welche
Herzog Ludwig yorgenommen haben soll, nicht beachtet haben.
üeber eine Bethätigung der salzburg^schen Ansprüche, welche ja
ohne Zweifel nichtsdestoweniger fortbestanden haben, yerlautet nichts.
Denn wenn auch mehrfache Erwähnungen der wahrscheinlich von
Lebenau'schem Gebiete umschlossenen Städte Laufen und Titmoning
aus dieser Zeit vorliegen, wenn Erzbischof Eberhard 1242 dieselben
«oppida nostra** nennt, oder Erzbischof Philipp 1250 die Grafen
Yon Piain mit den ,judicio et advocatia in Laufense ciyitate'^ belehnt,
so beweist dies, wie ich glaube, nichts für den Besitz der Grafschafts-
rechte ausserhalb dieser Städte. Diese waren als auf kirchlichem Grund
und Boden entstandene Gemeinwesen schon länger in uneingeschränk-
tem Besitz der Erzbischofe, welche daselbst ebenso wie in Salzburg
oder Werfen Hof hielten, Capitelyersammlungen und ConciUen beriefen
u. dgl. (Meiller Reg. Adalb. N'> 99 und 100 S. 160 u. 161). Existirt
ja schon 1144 ein , judex*' in Laufen, der ein Eigenmann des Erz-
bischofe ist (Meiller 253 N^ 47); oflFenbar ein yon diesem ernannter
Stadtrichter oder ürbarrichter. Wahrscheinlich gab es daselbst auch
ebenso wie in Werfen und Salzburg Burggrafen, welche Lehensleute
des Erzbischofs waren.
Diese Verhältnisse beweisen aber nichts Air die Zugehörigkeit des
flachen Landes.
Sicher ist also nur, dass nach dem Aussterben der Lebenauer
sofort eine Rechtshandlung unbekannter Art zwischen Salzburg und
Bayern stattgefunden hat und dass diese in der Form einer ausdrücklichen
Yerzichtleistung Bayerns im Jahre 1254 erneuert worden ist, seit
welcher Zeit also die Grafschaft Lebenau unzweifelhaft zu Salzburg
gehört.
- Hiermit ist freilich das wichtigste auch noch nicht entschieden.
Wir wissen nämlich noch nichts sicheres über den umfang der yon
dem letzten Lebenauer hinterlassenen Besitzungen.
Die Namen der Gerichte Ober- und XJnterlebenau, sowie die Lage
der Burg Lebenau deuten darauf hin, dass diese beiden Gerichte und
yon der Grafechaft Titmoning wenigstens die Schranne Fridorfing es
gewesen sind, was der Erzbischof yom letzten Lebenauer übernahm.
Hiermit können wir uns aber nicht begnügen. Wenn Salzburg nicht
das ganze Gericht Titmoning bei dieser Gelegenheit als Erbschaft
der Lebenauer übernommen hat, so bleibt die Art der Erwerbung der
beiden übrigen Schrannen des Gerichtes Titmoning yoUständig unauf-
geklärt und unerwähnt.
Dass Salzburg dieses Gebiet schon seit dem 13. Jahrh. inne hat,
llittheiliuiffeii, Srsinzaiicsbd. I. 48
658 Richter.
ergibt sich zunächst aus dem Gesammtbild, welches die reiche urkund-
liche üeberlieferung der späteren Z6it bietet. Wir können mit grösster
Bestimmtheit sagen, dass seit dem Vertrage mit Bayern rom Jahre
1275 nach dieser nordwestlichen Bichtung hin bis zur Auflosung des
salzburg^schen Staates keine Grenzyeränderung mehr stattgefunden
hat, Yon der wir nicht unterrichtet wären. Es hat überhaupt nur
eine sich ereignet, und zwar im Jahre 1442, in welchem ein Land-
strich an der Alz Tom Gerichte Titmoning abgetrennt und an das
bayerische Gericht Trostberg übergeben wurde.
Diese beiden Verträge von 1275 und 1442 gewähren mit der
schon erwähnten Grenzbeschreibung Ton 1435 ein ganz klares Bild
des Grenzrerlaufes und zeigen, dass er Ton 1275 bis 1816 stets der-
selbe gewesen ist.
Der Vertrag von 1275 (gedr. Mon. Wittelsb. Quell, und Erortg. 5,
281) betrifft hauptsächlich die Einigung über das Erbe des 1260 aus-
gestorbenen, übrigens schon, wie es scheint, weit früher seiner bayeri-
schen Lehen grösstentheils verlustig gegangenen Plain'schen Ge-
schlechtes (weshalb auch schon der Vertrag von 1254 Bestimmungen
über diese Sache enthält). In dem Vertrage von 1275 wird nun die
Westgrenze von Salzburg gegen Bayern zu von Beichenhall bis an
die Alz hin genau bestimmt, so zwar, dass die Gleichheit mit dem
späteren Verlaufe leicht ersichtlich wird. Sie umschliesst hauptsäch-
lich die Gerichte Stauffeneck, Baschenberg und Halmberg, nur auf
ihrem letzten Sücke auch einen Theil des Gerichtes Titmoning. Ihr
Abschluss ist:
vom Holnpach (dem Höllenbach bei Otting) ,ad alveum fluminis
apud Aenninge'',
d. h. bis zum Ufer der Alz bei Anning, wo wir wissen, dass das salz*
burg^sche Grenzschloss .der obere Stein* neben dem bayerischen
unteren Schloss Stein sich befand. Dass von hier ab bis zu der
Grenze des Gerichtes Wald bei Puchering, die uns aus der Urkunde
Ortliebs von Wald vom Jahre 1309 bekannt ist, die Alz die Grenze
des Gerichtes Titmoning bildete, sehen wir aus der Verkaufsurkunde
von 1442 (welche als Beilage N^^ 2 abgedruckt ist), durch welche eben
der schmale Uferstrich zwischen der Alz und deren hohem Ufer von
Alteumarkt (oder Stein) bis Wäschhausen (bei Puchering) an Bayern
abgetreten wurde, so dass von da an nicht mehr der Lauf der Alz,
sondern der Ostrand des Thaies, in welchem sie fliesst, die Grenze
bildete. Bis 1442 hat aber die Alz die Grenze gebildet, und zwar
seit dem 13. Jahrb., weil eine im 14. Jahrh. vorgeMlene Veränderung
uns nicht hätte unbekannt bleiben können. Von 1275 — 1442 liegen
üntersnchimgen zur bist. Geographie des eheui. Uochsüfbes Salzburg. 659
ans viele Yertarage mit Bayern vor, nii^ends ist aber yon einer Oreuz-
yeranderung die Bede.
Dass die einseinen Theile des Gerichtes Titmoning seit 1275 im
unbezweifelten Besitze von Salzburg sind, geht aus einer Beihe von
Urkunden hervor, von denen wir hier einige herausheben.
Schon 1272 nennt Friedrich von Törring, da er sich vor dem
Erzbischofe demüthigen und sich als dessen Ministerial bekennen muss,
Titmoning ein castrum ecclesie, in welchem der Erzbischof den castel-
lanns ernennt. Dass dieser castellanus aber nicht blos für die Stadt,
sondern auch ftbr die Grafschaft
9 ad ipsom (oppidum) pertinentem'
(Annales S. Bup. a. a. 1327) bestellt ist, ergibt sich aus folgendem
Falle:
Im Jahre 1307 ist Otto von Goldeck, der salzburg^sche Ministeriale,
Bichter in Titmoning und entscheidet einen Streit zwischen dem Stift
Baitenhaslach und einer Frau P&ürr über den Hof zu Ganzenberg,
welcher in dem Landbezirk (dem Schergenamt) Titmoning liegt.
Femer ist zu erwähnen eine Urkunde Herzog Heinrichs von
Bayern von 1285 November 9 in campo jaxta Paldilinga, wonach
dieser auf den Zoll in Titmoning verzichtet:
«teloneum, quod mutarii (ejusdem ducis) hucusque receperunt in
Tittmoning ibidem non recipient*
(bisher ungedr. Urk. des H. H. u. Si A.). Offenbar eine Ausführung
des Vertrages von 1275.
Im Jahre 1324 wahrend des Krieges zwischen Salzburg und
Bayern ist Titmoning salzburgisch:
Annales S. Buperti 1324. Mon. Germ. XL
11 kal sepi castrum et oppidum in Titmaning traditum et
venditum ac amissum est per dolum et fraudem eorum, qui in
Castro et oppido fuerunt, et eoram qui fueront ante castrum et
oppidum et illi principales traditores fuerunt servitores ecclesie
, Salzburgensis. Quorum primas Wulfingus de Goldeck filius Ot-
tonis, per quem multa alia mala sustinuit ecclesia Salzburgensis.
1327. Supradictum castrum et oppidum in Titmanning
post destructionem magnam oppidi et comitatus ad ipsum per-
tinentis, rehabitum fuit per modam emptionis gravibus laboribus
et expensis.
Seit 1324 ist auch die Zugehörung des Gerichtes Tetelheim, das ja
schon durch die Grenzbeschreibung von 1275 auf die salzburg'sche
Seite fiel, unzweifelhaft Urkunde von 1324 Jänner 14 (Samstag vor
Si Sebastian) Salzburg (Eammerb. 2, N^ 88):
4S*
660 Richter,
Seybold von Tetelheim bekennt, dass er die Feste Tetelheim und
das Gericht das da^u gehört und das urbar das er in der-
selben Feste hat, zu rechtem Lehen haben soll Ton.dem Erzbischof
und dem Ootteshause von Salzburg, und dass er diese Lehen auch
von seinem Herrn dem Erzbischof Friedrich von Salzburg empfan-
gen und geschworen habe, wie es Becht ist. «Auch yergich ich,
swer in demselben gericht mit recht wird überwunden, daz ei*
den tod leiden soll, den sol ich und mein erben antwurten in die
grafschaft ze Titmoning daz er darin wird verderbt. Wenn
auch ein urtail wird ze chrieg auf der schrann in demselben
gericht, der man dingen will, der sol man dingen an den vor-
genannten meinen herrn den Erzbischof und an sein nach-
kommen. *^
Hieraus ergibt sich auch die alte Zugehörigkeit des Ge-
richtes Tetelhaim zur Grafschaft Titmoning.
Eine recht lehrreiche Urkunde, welche zugleich über das Yerhält-
niss der adeligen Hofmarksbesitzer und deren „Patrimonialgerichts-
barkeit" Auskunft gibt, ist das Hofmarksrecht zu Törring von 1328
(Kammerb. 2 N<> 120), gedruckt als Beilage 11.
Die weiteren Urkunden des 14. Jahrh. anzuführen, aus denen
hervorgeht, dass der ganze Umfang des Gerichtes Titmoning zum
Erzbisthum gehörte, erscheint nach diesen Anführungen überflüssig.
Ebenso ist es mit beiden Leben au. Schon 1272 gelobt Eckart
von Tann, den ihm von Erzbischof Friedrich übergebenen Thurm von
„Liubenau** getreu zu bewachen und auf Verlangen abzutreten. (Ungedr.
Urk. des H. H. u. St. A.)
Am Beginn des 14. Jahrh. war Chunrad von Obemdorf mit Ober-
lebenau belehnt. Er verkauft es 1337 Juli 9 an den Erzbischof zurück
(Kammerb. 2, 191). Aus der Anführung der Dörfer (11 Dörfer mit
247 Herdstatten) geht hervor, dass die Grenzen des Gerichtes bis zur
neuesten Zeit ganz die gleichen geblieben sind.
Ebenso kauft der Erzbischof 1335 Dec. 20 von Eckart von T^^n
das Gericht Unterlebenau zurück, nachdem er schon 1332 den Antheil
des Niclas von Tann an demselben Gericht erworben. Es ist bemer-
kenswerth, dass in beiden Fällen die Bezeichnungen , Ober- und Unter-
lebenau** nicht gebraucht werden.
Bevor wir uns nun endlich zu der Schlussfolgerung entschliesseu,
dass die Grafechaft Titmoning deshalb mit dem Lebenau'schen Erbe
an Salzburg gekommen sein muss, weil sie eben seit dessen Anfall sich
in diesem Besitze befindet und jede andere Erwerbsart dadurch aus-
geschlossen erscheint, weil die Cessiou Lebenaus die einzige Nachricht
Untersuchungen zur hisi, Geogiaphie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 661
über Gebietsyerändernngen in dieser Gegend ist, müssen wir nocb zwei
Yermuthangen besprechen, welche sich aufdrängen könnten.
Erstens könnte man auf den Gedanken verfallen, ob die Erz-
bischöfe nicht Tielleicht ohne eigentlichen Erwerb der Grafschaft, nur
durch die grosse Menge der von ihnen dort besessenen Eigengüter zur
Ausschliessung der Grafschaft und dadurch zum Besitz der- Gerichts-
hoheit gekommen sind, wie das vielleicht anderswo wirklich geschehen
ist. Was diesen Punkt betri£Ft, so verweise ich auf die Auseinander-
setzungen der Einleitung über Yerhältniss von Immunität und Graf-
schaft, ferners auf den umstand, dass im Gebiet von Titmoning, einem
alten dicht besiedelten Gebiet die Besitzungen des Erzstiftes keineswegs
sehr umfangreich waren (sie umfiissten am Ende des vorigen Jahr-
hunderts nur den dritten Theil aller bestehenden Bauernhöfe, 526 von
1555), dass ferner in Törring, Tengling und mehreren anderen Orten
Grafen aus dem Aribon^schen Hause nachweisbar sind und daher erst
bei dem Aussterben derselben eine Besitzergreifung durch die Kirche
mögUch war.
Der zweite Einwand wäre, ob diese Gerichte nicht vielleicht
Plainerisch waren. Diese Frage lässt sich nur im Zusammenhange
mit der Beerbungsgeschichte der Plainer beantworten. Ich verweise
also dahin und nehme jetzt nur das Resultat vorweg, das sich mit
grosser Wahrscheinlichkeit ergibt, dass nur Piain, Baschenberg und
Halmberg, vielleicht auch Tetelheim, keineswegs aber Titmoning
Plainerisch gewesen sind.
Das Hauptargument aber, welches für die einstige Vereinigung
von ünterlebenau und Titmoning spricht, ist die Stelle Taidinge 82, 9:
9 Und der schedlichen leit, darüber man das malefizrecht; besözt
soll die schrannen auf dem Altacherperg (Obemdorf) bei LaufPen
under der lünden sein, und daselbst verrechten und wan er zum
todt veruhrtailt wierdt, soll man in geen Fischenperg an das
urfuer und dem gericht Tittmaning (nachdem es daraus
prochen) zuepringen."
Ich will mich hier nicht über die schwierige Frage der geschicht-
lichen Entstehung und Bedeutung der Auslieferungspflicht aussprechen;
das eine darf aber als sicher angenommen werden, dass dieselbe viel-
leicht der stricteste Beweis für den einstigen Zusammenhang zweier
Gerichte ist, den wir überhaupt besitzen.
Aus allem diesen folgt somit, dass wir bis auf weiteres wol werden
annehmen müssen, dass die ganze Grafschaft Titmoning mit beiden
Lebenau und vielleicht auch Haunsberg durch das Aussterben der
Lebenauer in den Besitz des Erzstifts gekommen ist.
662 Richter.
Peilstein. üeber die Besitzungen des Hauses Feilstein ist
uns eine Au&eichnung aus dem 13. Jahrh. erhalten^ welche in der
sog. Einleitung zu Enenkels FQrstenbuch ^descriptio de finibus Austriae
et Styriae'^ eingeschaltet ist>). Es ist das eine Au&ählung der Hinter-
lassenschaft der Hauptlinie der Aribonen, aus welcher aber hervorgeht,
dass dieselbe gerade auf jenem Gebiete, wo die Macht des Hauses
einstens entstanden war, nur sparlidie Beste behauptet hatte. Die
Stelle läutet:
vSo gehört auch darzu di yoigtai ze Halle, do man daz salcz
sendet, der hat sich unterwunden der Herzog Ton Fairen an
recht; und bei der stat zu Halle leit ain haus haizzet Charlsteiu,
under dem haus ist ein mauth, di giltet fun&ich march silber,
di hat der herzog auch an recht; und hinder dem haus leit ein
gegent haizzet Castaun, die giltet alle jar zwainzich tausend ches
und dreu hundert eilen chlafterlanch woUeins tuechs, die hat auch
der herzog von Fairen an recht. Ez leit auch ein haus, heizzet
Amrange, daz gehört auch ze Feilstein. So leit auch ein haus
haizzet Ghirichperch, gehört auch ze Feilstein. Ein ander haus
leit ob Halle, daz haizzet Vager, daz gehört halbes zu Feilstein
und halbes hincz Salzpurch*.
Diese Angaben sind ebenso durch ihren positiven als durch ihren
negativen Inhalt interessant, da sie uns zeigen, dass keine der alten
Aribon'schen Grafschaften mehr im Besitz der Feilsteiner war, sondern
nur die Yogtei über die salzburg'schen Salzantheile und sonstigen
BezQge in der Beichenhaller Gegend, offenbar herstammend von der
oben erwähnten Yogtei über das Erzstift selbst, dann einige Schlösser
und Besitzungen bei Beichenhall und schliesslich Gastein, welches
wir schon im 10. Jahrh. im Besitz des Aribon^schen Hauses gefunden
haben.
Als der lets^te Feilsteiner Friedrich im Jahre 1218 gestorben war,
machten sich Salzburg und Bayern an eine Art Liquidation des Erbes,
deren Ergebniss in einer Urkunde niedergelegt ist, für welche man
unter dem November 1219 die kaiserliche Confirmation erlangte. (Ge-
druckt Actenmassige Anzeige etc. Beilage 20 Meiller 223 N» 230.) Die-
selbe enthält ausserdem noch die Lösung mehrerer alter Streitpunkte
zwischen Salzburg und Bayern, wovon spater.
Die für uns interessanteste Bestimmung ist, dass der Herzog
und der Erzbischof in Beichenhall bei ihren alten Bechten bleiben
') Die neueste Bearbeitnng dieser Quelle von Dr. J. Lampel, Die Einleiimig
zu Jan Enenkels Fürstenbuohf Wien iSBS, beschftfbigt sich leider nicht mit diesem
Absatz über die Peilsteiner.
Üntersnchangen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftea Salzburg. 663
soUeDi welche dahin definirt werden, dass der Herzog das Grafen-
gericht auf beiden Ufern der Saale und aufwarte bis zum Steinbach
haben soll, wie es zu Zeiten Herzog Heinrich des Löwen und Otto I.
gewesen ist
Eigentlich hat erst Zillner 1. c 221 und 265 einige Klarheit
in diese verwickelten und nicht selten in der unglaublichsten Weise
missverstandenen Beichenhaller Verhältnisse gebracht. Doch kann ich
ihm nicht zustimmen, wenn er eine eigene Grafschaft Garlstein an-
nimmt oder vielmehr diese mit der Grafschaft XJnterpinzgau identisch
hält und letztere bis Carlstein reichen lässt. Es scheint ja gerade aus der
Urkunde hervorzugehen, dass der Steinbach nicht erst im Augenblicke
des Aussterbens der Peilsteiner zur Grenze der bayenachen Grafschaft
gemacht und damals das Gebiet zwischen Carlstein und dem Steinbach
von der Peilstein^schen Grafschaft Unterpinzgau abgetrennt worden
ist, sondern im Gegentheile, dass dieser Steinbach die Grenze der
Beichenhaller und Pinzgauer Gra&chaft von jeher gewesen ist:
«in civitate Halle et archiepiscopus et dux jure suo, sicut sub
duce Saxoniae Henrico et Ottone duce Bavariae habitum est, libere
fruatur: ita quod dux tam ex una parte po^tis quam ex alia
comiciam libere habeat usque ad fluvium qui dicitur Steinpach*.
Damit föllt die Berechtigung fort, die Pinzgauer Grafschaft als Graf-
schaft Garlstein zu bezeichnen. Die bei Enenkel erwähnte Mauth
bei Carlstein spricht freilich für eine gräfliche Stellung des Inhabers,
doch erscheint mir der eben angefahrte Urkundentext zu klar, um
eine andere Deutung zuzulassen. Garlstein sammt Mauth ist wol ein
herzoghches Lehen gewesen.
Aus den weiteren Bestimmungen der Urkunde geht hervor, dass
der Herzog von Bayern den Hauptantheil des Peilstein'schen Erbes an
sich genommen hat. Der Erzbischof bekommt eigentlich nur die Hälfte
von Vager, welche er noch nicht hatte.
»Garlstein cum hiis quae comes Fridericus de Pilstein novissime
noscitur in suis usibus reliquisse . . . habeat dux. Budegerus
de Salvelden duci relinquat si qua post obitum comitis Friderici
sibi usurpavit.*
Was der Herzog auf diese Weise gewann, das gibt uns Enenkel an:
nämlich die Mauth von Garlstein, Gastein, Amrang und Eirchberg.
Uebrigens spielen die Streitigkeiten um .Halle, Chirchberg und
Vager'' noch lange eine Bolle in den salzburg-bayerischen Vertragen ;
80 im Vertrag von 1275 Quellen u. Erorterg. 5, 285 Abs. 4; dann in
einer Urkunde vom selben Tag, welche gedruckt ist bei Hormayr
664 Richter.
Archiv f. Süddeutschland 2, 269 aus Kammerb. 2 N« 52. Doch ergibt
sich nichts näheres^).
Ob die Herzoge yon Bayern sofort bereits im Jahre 1219 in den
wirklichen Besitz yon Gast ein gelangt sind oder ob nidit ein weib-
licher Sprosse des Peilstein'schen Hauses noch einige Zeit im Besitze
geblieben ist, erscheint zweifelhaft. Denn in der mehr erwähnten
Altaicher Au£seichnung:
„ isti sunt quorum haereditas cum castris et praediis ad Ludwicum
ducem et filium ejus Ottonem sunt devoluta'
heisst es, wie schon oben angeführt:
»Alheit comitissa de Morien, quae habuit Easteun in moutanis*'
(M. G. 17, 377).
Jedenfalls hat Erzbischof Eberhard 11. sofort nach dem Tode des
letzten Peilsteiners 1218 die Kirche von Gastein, welche nach der
Urkunde Erzbischof Hartwics (991 — 1023) den Aribonen Sieghard und
Friedrich war übergeben worden (Mitth. d. Inst. f. öst. Geschf. 3, 88),
an sich genommen, da sie offenbar als Kirchenlehen betrachtet wurde.
Er schenkt sie nämlich schon 1219 am 15. Februar dem Domcapitel.
Der Herzog von Bayern machte Ansprüche auf das Patronatsrecht,
verzichtete aber 1228 Sept. 20 darauf. (Meiller Begesten Eberhard IT.
No 212 und N« 324.)
Die Herzoge von Bayern erfreuten sich nicht lange des inter-
essanten Besitzes, von dessen Goldschätzen übrigens in dieser Zeit
ebensowenig die Bede ist, als von seinen Heilquellen. Schon 1241
Sept. 1 verpföndet Herzog Otto für 184 Mark Silber das praedium in
Gasteun an den Erzbischof Später hatten nach bisher ungedruckten
Urkunden des Haus- Hof- u. Staatsarchives die Goldecker das Gericht
in Pfand (Urkunde vom 13. Mai 1289). Doch war die Sache streitig.
Schon 1286 entschied König Budolf (Böhmer Reg. N» 867), dass der
Goldecker den Herzog Heinrich an des Gutes Gewer zu setzen habe;
1289 verpflichtet sich dann der Herzog, wenn er vom Schiedsgericht
dazu verhalten werde, das Gut zu verkaufen; 1297 endlich erklärt
Conrad von Goldeck, dass er zwar nach Briefen des Erzbischof Budolf
und nach dem Ausspruch des Schiedsgerichtes das Recht hätte, das-
selbe zu kaufen, dass er aber aus Geldmangel darauf verzichte. Im
selben Jahre noch kauft es dann endlich der Erzbischof um 600 Mark
*) Carlstein steht noch jetzt als Ruine am Wege zum Thumsee. Die
Ortschaft Vager ist nördlich davon gelegen, das Schloss ist verschwunden.
Amerang, jetzt Amering, liegt südl. von Carlstein; Kirchberg ist gegen-
w8xtig ein Bad und liegt in der Nähe des grossen Saalerechens oberhalb Reichen-
hall. Die Hallburg ist das Schloss am Gratenberg.
UnterBUchungen zur hist. Geographie des ehem. Ilochatiftes Salzburg. 665
Silber und 600 Pfand Begensbarger Pfennige und seither ist Oastein
sakburgisch. Vor 1327 löst dann der Erzbischof das Halsgericht um
1000 Pfund Pfennige, von den Goldeckem ein.
in.
1. Die Flain'BChen Gerichte und deren Gauangehörigkeit.
Baschenberg. Die Grenzen auf der Karte sind eingetragen
auf der Westseite nach dem Vertrage von 1275 (Mon. Wittelsb. 5, 281);
auch abgedruckt als Beilage N^ 6; weiter nach der Qrenzbeschreibung
von 1609 (Salzbui^er Taidinge 100).
Das Gebiet gehört in alterer Zeit unzweifelhaft zum Salzburggau:
80 Weildorf Indic. VI, 15; Hulthusir (Holzhausen) VI, 24. Dann im
10. Jahrh. noch Winipura (Wimmern) und Bincheim (Bingham) nach
Cod. Odalb. N« 90; Scoupanara (Schönram) nach Cod. Prid. 13.
Halmberg. Die Grenzen nach Westen sind gleich der Landes-
grenze ; nach Süden folgen sie aus der Grenzbeschreibung von Baschen-
berg (Taidinge 100), sowie aus den .Fischrechten am Tachensee' von
1409 (s. Tetelheim), nach Norden und Osten eben&lls nach letzteren.
Stauffeneck. Die Grenzen ergeben sich im Süden durch die
Grenzbestimmung von 1275 (Beilage N« 6), im Norden und Westen
durch die bekannten Grenzen der Gerichte Oberlebenau und Baschenberg.
Pia in. Dass einstens das Gebiet des Gerichtes Piain und das
Stadtgebiet von Beichenhall und Umgebung nur ein Gericht gebildet
haben, erscheint bei einem Blick auf die Karte wol kaum zweifelhaft.
Doch wie überall fiel auch hier die Stadt aus dem Bahmen der Graf-
schaft heraus und hier umsomehr, als die Salzquellen ganz eigenthüm-
Uche Bechts- und Besitzverhaltnisse erzeugten. Diesen Vorgang näher
zu erläutern wird zum Theile Aufgabe des folgenden sein. Hier ge«
nügt es, darauf hinzuweisen, dass die Grenzen des späteren Gerichtes
Piain gegen Osten sich ergeben aus der Bügung von Glaneck (Tai-
dinge 112). Gegen Süden, wo Piain an Berchtesgaden grenzt, geben
die vielen Grenzstreitigkeiten zwischen Salzburg und diesem letzteren
mannigfaches Material. Das wichtigste Document dieser Art ist von
1435 und folgt abgedruckt als Beilage N^ 4. Es findet sich dann die-
selbe Bügung in einer Vertragsurkunde von 1449.
Die heutige Grenze entspricht nicht ganz diesen alten Abmar-
kungen. Es hat noch vor einigen Jahren eine Grenzregulirung statt-
gefunden. Die Karte gibt soweit der Massstab gestattet Auskunft.
Glaneck. Die Abgrenzungen sind überliefert in der Landee-
rügung des Gerichtes Glaneck (Taidinge 112). Diese Angaben gehen
566 Richter.
bezüglich der Grenze gegen Berchtesgaden zurück auf ein Weisthum
von 1436, welches als Beilage N'^ 5 im Abdruck folgt. Dasselbe liegt
auch einer officiellen beiderseitigen Grenzbestimmung zu Grunde, welche
in der erwähnten Vertragsurkunde von 1449 enthalten ist. Letztere
ist gedruckt in dem bayer.-salzburg. Salzprocessschriften «Processus vor
dem hochlöbi. kais. Beichshofirath ' etc. Beilage J.
Das Verhältniss zwischen Salzburg und Berchtesgaden war eine
&st zusammenhängende Beihe von Streitigkeiten, welche hier auch
nur in den Hauptpunkten zu verfolgen nicht angeht Es soll nur
das wichtigste f&r die Feststellung des Grenzverlaufes und dessen Ver-
änderungen hervorgehoben werden.
Die Gründungsurkunde des Stiftes Berchtesgaden bringt eine sehr
merkwürdige Grenzbeschreibung des Hauptstückes der Schenkung, näm-
lich des als zu Grafengaden gehörig bezeichneten Waldes, in dessen
Mitte Berchtesgaden lag. Dieser umfasste darnach nicht blos das
ganze spätere und jetzige Berchtesgadner Ländchen, sondern reichte
westlich und nördlich noch weit über dasselbe hinaus bis zu einer,
kurz gesagt, ganz unmöglichen Ausdehnung. Die ganze Beschreibung
folgt gedruckt als Beilage 9. Die fülr uns massgebende Stelle lautet :
9 per fluvium Sala descendens pertingit (terminns) usque Waliwes
(Wals) ad abietem in cymeterio stantem, et inde transcendens
adiacentem paludem qui dicitur Viizmoos (das Goiser und Glan-
ecker Moos) pervenit ad villam quae vocatur Auava (Anif) ubi
fontes decurrunt adSalzaha et inde ascendendo flumen pertingit
ad superius Scrainpach (Schranbach) ' u. s. f.,
womit der Anschluss an die spätere Landesgrenze gefunden ist Nach
dieser Angabe würde die Stadt Reichenhall mit den Salzquellen, das
Gericht Flain mit dem Schloss gleichen Namens, ein grosser Theil des
Gerichtes Glaneck mit dem Schloss, ein Theil des Gerichtes Euchel
mit dem Gerichtssitz Grafengaden und schliesslich noch das EUleiner
Salzgebirge mit der Stadt zu jenem der Abtei Berchtesgaden geschenkten
Wald gehört haben. Es ist einleuchtend — da ich eine so derbe
Fälschung für undenkbar halte — , dass diese Angabe nur so gemeint
sein kann, dass der unvertheilte zusammenhängende Bergwald inner-
halb dieses Umkreises geschenkt sein soll, unbeschadet natürlich der
innerhalb dieses ümfanges und besonders am Bande bereits bestehen-
den Ansiedlungen und Frivatbesitzungen. Berchtesgaden hat auch nie
auf jene Grenzen irgend einen Anspruch erhoben.
Wir werden hierüber aufgeklärt durch einige Urkunden, welche
aus nur wenig späterer Zeit stammen. In den Gonfirmationen Kaiser
Heinrich VI. von 1194 März 22 (Stumpf 4852) Mon. Boica 39*,
üntenuchimgen zur hiät. Geogi-aphie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 667
481 und den folgenden Königen Philipp und Friedrich IL (Hund
Metrop. 2, 122) heisst es:
«onmia eiusdem ecclesiae noyalia a porta, qua silva versus Hai
clauditnr usque in rivum, qui dicitur Buttmagiae et ultra in
rivurn Wispach cum omnibus colonis suis ab omni jure comitum
et judicum eximimus' etc.
Das ganze Land wird noch als «Silva* aufgefasst; alle Einwohner sind
nur «coloni* auf den Neubrüchen des durchaus dem Stifte gehörigen
Landes, wie auch die spatere Bechtsgeschichte desselben lehrt. Die
Pforte bei Hall ist der 1876 demolirte Hallthurm; sie ist der nord-
westliche Eingang in das Land, von ihr wird gerechnet zur anderen
Pforte am Bottmaier* oder Bottmanngraben, welche ebenfalls erst in
diesem Jahrhundert abgetragen wurde (jetzt steht dort das bayerische
Zollhaus bei Schellenberg und ein alter Thurm). Was swischen den
beiden Pforten li^ ist eben das ganze Stiftsland. Der Botünaier-,
jetzt gewöhnhch Bottmanngraben und der Weissbach sind Parallel-
bache, welche dem Untersberg entströmen (s. Karte). Die Ausdrucks-
weise der Urkunde deutet an, dass das Stift einen Werth darauf legte,
den Landstreifen zwischen den beiden Bächen (obwol er nur ein
Forstgebiet mit drei schlechten Alpen enthält) sich speciell bestätigen
zu lassen.
Es gab nämlich hierüber einen Grenzstreit, wie aus einer Urkunde
▼on 1258 (Eoch-Sternfeld, Salzburg und Berchtesgaden 2 N"» 29) her-
vorgeht, in welcher Chuno und Otto von Gutrath als Inhaber des
Grafengerichtes in Grafengaden berichten, dass sie bisher geglaubt, die
Grenze ihres Gebietes sei der Bottmanngraben, die Herren von Berchtes-
gaden hätten sie aber überzeugt, dass der Weissbach die Grenze sei.
Diese Bestimmung hatte auch Dauer, denn wir sehen, dass in
dem Weissthum yon 1436 (gedr. als Beilage 5) nicht mehr vom Bott-
maiergraben, sondern nur vom Weissbach die Bede ist; und ebenso in
dem grossen Vertrag von 1449, der die Grundlage aller folgenden
Vergleiche war (s. oben).
Doch fehlte es in der Auffassung des Grenzverlaufes, welcher
meist im wilden, wenig begangenen Hochgebirge sich hinzieht, nicht
an Meinungsdifferenzen, welche besonders daher stammten, dass man
nicht darüber einig war, welchen Spitzen und Gräben die in den alten
Bügungen vorkommenden Namen eigentlich zustanden. Wenn wir
die Grenze vom hohen GöU an bis gegen Beichenhall verfolgen —
also soweit die salzburg^schen Gerichte Golling, Glaneck und Piain in
Betracht kommen — , so finden wir folgendes.
Ueber den Grenzverlauf vom Göll bis zum hangenden Stein haben
668 Richter.
wir mehrere Quellen. Eine St. Peter'sche Grenzrügung über den
sogen. Abtswald, welche zugleich die Landesgrenze enthalt yon 1323
(gedruckt als Beilage 10); dann eine landschaftliche Au&ahme des
Orenzyerlaufes, wahrscheinlich von cc. 1628; endlich die sehr um&ng-
;reichen mit vielen genauen Karten versehenen und mit Berücksichti-
gung der alten Vertrage verfassten Acten der österr.-bajer. Grenz-
regulirung von 1817. Aus dem Zusammenhalt dieses Materials ergibt
sich, dass die Grenze hier im wesentlichen unverändert sich bis auf
den heutigen Tag erhalten hat
Beim Grenzpass am hangenden Stein scheint eine Differenz da-
durch entstanden zu sein, dass man im 17. Jahrh. über die Zu-
gehörigkeit des Namens Teuffengraben nicht mehr im klaren war.
Die Beguliruug von 1628 (gedr. Zauner, Sammlung der wichtigsten
Salzb. Urkunden [Staatsvertrage]) und die erwähnte Zeichnung zeigen,
dass damals die Grenze gegen 1449 um einen Graben nördlich ver-
schoben wurde, indem man jetzt den Hildebrandsgraben ffir den
Teuffengraben ansah und so der ganze Thurmwald zu Berditesgaden
gerechnet wurde.
Ebenso erfolgte 1730 am Weissbach eine Verschiebung zu Gunsten
Berchtesgadens, da man von der Linie des Weissbaches die Grenze auf
die Schneide des ihn nördlich begränzenden Höhenrückens hinaufschob
sowie sie heute laufL
Ferner scheint aus der Vergleichung der Bügungen und alten
Karten hervorzugehen, dass auch auf dem Untersberg selbst eine Un-
klarheit bestanden hat, welche durch das zweimalige Vorkommen des
Namens Hochtram (jetzt Hochthron), hervorgerufen wurde. Im Ver-
trage von 1449 heisst es nämlich, die Grenze laufe vom «Ursprung
des Weissbachs untz an den Ursprung des pachs genannt Rotenmann '
und von da an den hohen Tram. Der Weissbach entspringt nun nahe
dem Salzburger Hochthron, der Botmanngraben nahe dem Berchtes-
gadener Hochthron. Nach dieser Angabe musste also der Grenzzug
vom Weissbachursprung längs der Ostkante des Untersberges bis zum
Berchtesgadener Thron laufen. Aus einer berchtesgadener^schen Karte
von cc. 1625 sieht man aber, dass man diesen nach Süden aussprin-
genden Winkel nicht anerkannt, sondern die Grenze als vom Salz-
burger Hochthron über das Plateau zur «Weisswand" hinüberlaufend
sich gedacht hat.
Endlich gab es noch einen Streitpunkt in der Nähe des Hall-
thurmpasses auf dem Lattengebirge, wo die in den Bügungen vor-
konmienden Bezeichnungen Bothofen, Rötel, Schrankbaum, Todter
Mann, Anzingerbach von beiden Seiten verschiedenen Objecten bei-
ünteTBuchungen zav bist Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 669
gelegt wurden. Um langen Auseinandersetzungen auszuweichen, ver-
weise ich auf die Karte, 'wo die doppelten Grenzen eingetragen sind
und bemerke nur, dass das Quellenmaterial hier so reichlieh vorliegt,
dass man jede Einzelheit zu belegen und zu erklären in der Lage ist.
Der Zipfel salzburg^schen Gebietes, der sich von Grossgmain auf
das Lattengebirge bis zum „Dreisesselberg' (Bayern, Berchtesgaden und
Salzburg sind die drei Sessel) hinau&og, ist erst in der neuesten Zeit
an Bayern abgetreten worden.
Während die Gauzugehörigkeit des Gerichtes Baschenberg im
Süden und der Grafschaft Tittmoning im Norden keinem Zweifel
unterliegt, da beide zweifellos im Salzburggau liegen, so herrscht über
die der Gerichte Tetelhe im und Halmberg einige Unsicherheit, da
sich die Quellen verschiedener Jahrhunderte widersprechen.
Wagiug liegt nach den erwähnten Fischrechten im Tachensee
von 1409 im Gericht Halmberg, nach Lidic. Arn. VI, 9 im Chiemgau.
Ebenso das benachbarte später dem Gericht Tetelheim zugehörige
Otting (Ind. Arn. VI, 24; Brev. Not XIII, 37). ^Dadurch entsteht eine
halbinselartige Einbuchtung des Ghiemgaues in den Salzburggau. Der
Schluss, dass deshalb die Wden Gerichte Tetelheim auch später noch
zum Ohiemgau gerechnet worden seien, möchte aber doch nur mit
einiger Vorsicht gezogen werden dürfen. Vor allem widerspricht beim
Gericht Tetel&eim die Angabe in Cod. Frid. N^ 11, wonach W in i tra-
rain ga gleich Wintermoning im Salzburggau liegt ^). Die beiden
Angaben stehen also in einem directen Widerspruch, welcher um so
auffallender ist, als Wintermoniug und Otting nicht blos einander eng
benachbart sind, sondern sogar in derselben Gemeinde liegen. Dass
also jemals die Gaugrenze zwischen den beiden Orten gelaufen sei,
erscheint nur schwer denkbar. Fast eben solche Schwierigkeiten bietet
die Annahme dar, das auf der Ostseite des Wagingersees liegende
Eühnhausen, das stets zum Gerichte Halmberg gehört hat (so schon
1409, 8. oben), als im Ohiemgau gelegen zu betrachten.
Solche Widersprüche befordern die Auffassung, dass weder in
früherer noch in späterer Zeit die Gaugrenzen als vollkommen fest-
stehende unzweifelhafte Linien zu l>etrachten sind, sondern dass man
die Angaben der Gauangehörigkeit nur als allgemeine und beiläufige
Bezeichnungen der Lage zu betrachten habe, welche ein Schwanken
der Zugehörigkeit einzelner Gerichte zwischen den zwei benachbarten
I) Das im gleichen Gau gelegen bezeichnete »Holzhausen* muss deshalb
anberüeküichtigt bleiben, wei[ der Name Holzhausen so oft vorhanden ist, dass
man darauf yerzichten muss, aus seiner Erwähnung einen Schluss zu ziehen. Es
gibt Ilolzhanseu fast in j^deni Gericht«.
670 Richter.
Gauen nicht ausschlössen. So gehörte das Qericht Halmbei^ nach
Ckxl. Frid. N^ 2 den Grafen von Grabenstatt. Da letzteres im Ghiem-
gan lag, so mag nun das Gericht Halmberg, obwol es seiner natür-
lichen Lage nach nicht mehr zum Chiemgau gehörte, doch f&r die Zeit
dieses Zusammenhanges ebenfalls zum Chiemgau gerechnet worden
sein. Dass^ schon im 10. Jahrh. die Gewohnheit aufkommt, die Lage
der Oertlichkeiteu nicht blos nach dem Gau, sondern auch nach der
Grafschaft anzugeben, scheint ferner zu beweisen, dass man die Gau-
bezeichnung allein nicht mehr für ausreichend zu einer genauen An-
gabe erachtete.
Wenn nicht die beiden Angaben des Indiculus, welche Otting und
Waging dem Chiemgau zusprechen, entgegenstünden, so würde wol
niemand daran zweifeln, dass die Grenze des Chiemgaues und Salz-
burggaues nirgends anders zu suchen ist als in dem Verlaufe der bis
1809 bestandenen Salzburg- bayerischen Landesgrenze, welche schon in
der Urkunde 7on 1275 Mon. Wittelsb. 5, 281 ganz genau angegeben
ist und wonach die Gerichte Tetelheim und Halmberg zum Salzburggaa
&llen. Delin diese Landesgrenze ist zugleich auch eine natürliche
Grenze. Die Grafschaft Tittmoning, die ohne Zweifel dem Salzburggaa
angehörte, reichte bis zur Alz, oder genauer gesagt, bis zum hohen
Ufer der Alz, während der tief eingeschnittene Thalgraben schon zum
Chiemgau gerechnet wird:
Diumundinga ^^ Deinding villa super fluv. Alzissa in KemingaovTe
(ürk. von 882, luv. p. 82).
Dieses Deiding wird mit Vertrag von 1442 Nov. 11 (s. Beilage N<> 2)
von Salzburg an Bayern verkauft. Ebenso sind weiter südlich an der
Grenze des Gerichtes Baschenberg der Voglerwald ^), der Forst Pech-
schnait und dann der Eschenforst (die Beste jenes grossen Waldes, den
König Otto 959 und Heinrich III. 1048 an Salzburg schenkten) mit
der Wasserscheide zwischen der Sur und der Traun, eine für die IJrseit,
als die Wälder noch gross waren, sehr scharfe natürliche Grenze. Nur
bei Otting und Waging fehlt eine solche natürliche und sichere Linie.
So mag man in der Zeit des Induculus die Gerichte Halmberg und
Tetelheim zum Chiemgau gerechnet und den Wagingersee als Gau-
grenze betrachtet haben; später, als das Gerieht Tetelheim im Besitze
eines Aribonen war, dessen Hauptbesitz das Gericht Tittmoning bildete
(wohin Tetelheim später auch auslieferungspflichtig war), hat man es
(wie in Cod. Frid. N^ 2) zum Salzburggau gezählt.
1) Dieser Name stammt nicht erst von Eoch-Stemfeld (wie Zillner p. 20«
vermathet), sondern findet sich bereits im Vertrag von 1275. Qu. u. ErOrt. 5, 28S.
Ea ist die (hegend zwischen Eisenarzt und dem Teisenberge.
Unteisuohangen zur bist Geographie des ehem. Hochstiftea Salzburg. 67 1
2. Die Q-rafengeschleohter vom 10. — 18. Jahrhundert.
Für das Gericht ßaschenberg ergibt sich aus dem Cod. Odal-
berti als Graf Ger höh; freilich mit geringer Sicherheit. Denn wir
sind bei der Bestimmung des Gerichtes, dem er vorsteht, wieder auf
eines jener zweifelhaften Holzhausen angewiesen:
Holzhusa in Sabspurchgouue in comitatu Gerhohi (Cod. Od. N<> 56).
Nach Cod. Od. N^ 46 liegt ein Holzhusa ebenfalls in comitatu Eerhohi,
aber im Ghiemgau. Können wir ersteres auf das Dorf Holzhausen bei
Teisendorf im Gericht Baschenberg deuten, so steht uns für das letztere
ein Holzhausen bei Eienberg im Gericht Trostberg (links der Alz) zur
Verfügung, in welche Gegend wir auch durch die Angabe von Cod.
Od, No 89 gefahrt werden, wonach
Megilolfingup „in comitatu Kerhohi*
im Chiemgau liegt. Das kann wol nur Mögling an der Alz bei Trost-
berg sein. Gerhoh scheint also zwei Gerichte besessen zu haben, eines
im Salzburggau (also Baschenberg), dann eines im Chiemgau, und
zwar Trostberg. Zweifelhaft bleiben dann immer noch
«Mosaheim et Guntperhtesdorf in Chiminegouue in comitatu Ker-
hohi- (Od. 47).
Das Gericht Baschenberg böte uns ein Mosheim und ein Gumperting
in der Gemeinde Holzhausen, aber sollte man das Gericht Baschenberg
je zum Chiemgau gerechnet habeu? Das Gericht Trostberg hat ein
Mosheim, aber kein Gumpertsheim. Ein solches hingegen liegt im
Gericht Tittmoning, nicht ferne der Alz an deren Ufer. Doch ist
dieses Gumpertsheim zu nahe an Tyrlbrunn und Palling, welche dem
Salzburggau angehörten, als dass wir hier eine Scheidungslinie an-
nehmen konnten.
Der wahrscheinliche Nachfolger Gerhoh s, ein unbezweifelter In-
haber der Gerichte Baschenberg und Piain (mit Beichenhall) ist
Wilhelm. Nach Cod. Frid. N^ 2 sind Tiusindorf (Teusendorf) und
Scoupanara (Schönram) in seiner Grafschaft im Salzburggau; nach
Mon. Boica 29% 106 vom Jahre 973 (Stumpf N» 528) auch Beichen-
hall, und zwar ebenfalls mit Heryorhebung des Salzburggaues. In
der öfter erwähnten Waldschenkung von 959 ist er einer der drei
Grafen, in deren Gebiet der geschenkte Wald liegt, was nach der
genaueren Grenzangabe der Urkunde von 1041 auf das Gericht Baschen-
berg trefflich stimmt, bis zu dessen Hauptort Teisendorf sich der ge-
schenkte Forst über die ganze Westhälfbe des Gerichtes hin erstreckt.
Nach Cod. Frid. N^ 11 hat er einen Sohn Liutold, welcher auch
in Cod. Frid. N<> 12 als Zeuge fungirt.
672 Richter.
Die Namen Liutold und Wilhelm erscheinen auch fernerhin in
den Codd. Hartwici 991—1020, Dietmari 1025—1041 und Balduini
1041—1060; so im Codex Hartwici N« 15, 16, 18 und 19 (nach
der Zählung im Abdruck bei Hauthaler Mitth. d. Inst. f. öst. Geschichts-
forschung 3, 89 u. flF.); im Codex Dietmari N^ 2, 10, 12, 13, 17, 19,
25, 33 und 34; im Codex Balduini 6, 10, 17, 18, 19, 20 und '26.
Ferner auch in mehreren Nummern der Traditionen yon Si Peter,
z. B. No 97 (Notizbl. 44) u. a. m. Ebenso ist ein Wilhelm Vogt des
Erzbischofs Balduin. Da zwischen dem ersten Wilhelm und diesem
letzten ein Zeitraum yon 100 Jahren liegt, so sind wenigstens zwei,
wahrscheinlich aber drei Wilhelme innerhalb dieser Zeit anzunehmen.
Aus den Urkunden ergibt sich die Zugehörigkeit dieser Wilhelme
und Liutolde zu einer bestimmten Grafschaft allerdings nicht. Doch
widerspricht nichts der Annahme, sie als die Nachfolger des ersten
Wilhelm in den Grafschafben B>eichenhall und Baschenberg zu be-
betrachten. Und daraus ergibt sich auch der weitere Schluss, sie für
Vorfahren der späteren Piain er Grafen anzusprechen.
Es widerstrebt mir, bei dieser Gelegenheit, wo es sich mehr um
Geographie als Genealogie handeln soll, in das Dickicht der genealogi-
schen Vermuthungen und Schlüsse mich zu begeben, welches gerade
an dieser Stelle mit Ueppigkeit aufgewuchert ist Zwischen dem ersten
Auftreten des Grafen Weriand yon Piain am Anfange des 12. Jahrh.
und jenen Wilhelmen, deren Zusammenhang ja durch vieles wahrschein-
lich gemacht wird, klafft nämlich eine Lücke, welche man durch die
Gleichsetzung derselben mit den kärnthnerischen Wilhelmen, die iu
der GründuDgsgeschichte von Gurk vorkommen, auszufüllen gesucht
hat. Auch da will es, so viel ich sehe, nicht gelingen, yöUig zweifel-
lose Besultate zu erzielen, wenn auch immerhin dem unbefangenen
Leser der Wahrscheinlichkeitsbeweis erbracht scheinen dürfte. Anders
steht es aber, wenn wir uns auf die Frage beschränken, welches die
Schicksale der hier in Bede stehenden Grafschaften gewesen sind. Da
finden wir folgendes: Die Gerichte Piain- Stauffenek und Baschenberg
sind seit dem 12. Jahrh. ohne Zweifel ebenso im Besitze des Plain^schen
Hauses (wofür unten die Quellenzusammenstellung folgt), wie sie im
10. Jahrh. im Besitze der Wilhelme und Liutolde waren. Da femer der
sonst seltene Name Liutold ununterbrochen fortdauert, ja für die
Plainer geradezu charakteristisch ist, so darf man wol auch eine Fort-
dauer desselben Geschlechtes annehmen. Wie sich der Zusammenhang
im Einzelnen gestaltet, kann ich anderen zu entscheiden überlassen^).
3) Siehe besonders die umfEiDgreiche Arbeit von Wendrinaky »Die Gxafen von
Plaifin-Hardegg«. BlflHer des Vereins ftir n.-ö. Landeskunde 18. Jahrgang 1879.
üntenaohimgen zar bist. Qeographie des ehem. Hoohstiftes Salzburg. 678
Wendiinskys Stammtafel ist übrigens keineswegs sehr verlässlicb,
ja sie stimmt nicht einmal überall mit dem im Text und den Bq^ten
gesagten überein. Auch in den Begesten, so dankenswerth ihre Zu-
sammentragung ist, finden sich mehrere lÜBsverständnisse und üeber-
sehen. Durch die Ausscheidung der Sulzau-Mittersiller, in welcher
wir Zillner (L c. 23, 233) folgen, gewinnt die Stammtafel eine etwas
andere Gestali
WERIAND
der erste Graf Yon Piain t ce. 1180
LrorOLD 1. 1 1164 HEINRICH
. ^1^ Qemaiin Agpes ▼. Witteisbach
LIUTOLDII. tll90 CONRAD L
Qemaiin Ita v. Bnrgbausen 1188—1222 oo.
LIUTOLDUL HEINRICH GERHARD CONRAD
1 1219 Aug. 28 Abt von Krems- Bischof y.PaBBau 1216—1249
münster 1 1247 1 1282
LIÜTOLDIV. OTTO CONRAD AGNES
t 1249 gefidlen 1260 Grftfin von Pfonnberg
ohne Nachkommen ohne Nachkommen t 1298.
Die Scheidung zwischen Conrad L und Conrad 11. ist schwierig,
denn von 1180 — 1249 läuft der Name Conrad ohne merklichen üeber-
gang fort (Wendrinsky Begesten 228 — 454). Es ist einleuchtend, dass
der Name nicht immer dieselbe Person bezeichnen kann, umsomehr
als nach allem, was wir wissen, die Söhne des im Jk&hre 1249 rer-
storbenen Conrad, Otto und Conrad, als sie im Kriege fielen, noch
jung waren. Das Jahr 1222, als letztes, in welchem der altere Conrad
beglaubigt ist, schöpfe ich aus Wendrinsky Reg. N^ 834, wo Bischof
Gebhard von Passau den damab lebenden Grafen Conrad ron Piain
als seinen patruus bezeichnet, was auf den jüngeren nicht passen
würde. Doch erscheint schon 1216 der jüngere Conrad (nach Beg. 319)
als fratruelis läutoldi (NotizbL 5, 599).
Dass liutold IV. nicht ein Sohn Conrads gewesen ist, sondern
ein Sohn liutold IIL (f 1219) ergibt sich mit Sicherheit aus der
Urkunde bei Zahn 2, 260 N^ 175, wo Graf Conrad sagt:
«per consensum consanguinei nostri Ij(iutoldi) sub nostra
tutela constitttti.
So spricht man ron einem Neffen, nicht von einem Sohne.
8. Besitz der Flainer und dessen Anfall an Salzburg und Bayern.
Nach dem Diplom Otto L ron 973 Stumpf N» 528 (Mon. B. 28»,
196) gehörte einst auch Beichenhall zur GxafiMshaft jenes Wilhelmf
Mittlieflimfeii, Brfiiisiiiigibd. I. 45
674 Bic>ter.
den wir als Ahnherrn oder doch als Vorgänger der Plainer betrachten
kSnnen. Ob derselbe auch über das städtische Gemeinwesen, welches
sich an denSalaquellen gebildet hatte, graf liehe Gerichtsbarkeit aosgeAbt
hat, möchte f&glich besweifelt werden. Die Städte haben überali die
alte Gerichtseintheilong dnrchbrochen und f&r sich eigene Gerichta-
beadrke au bilden rermocht Wenn es ihnen im westlichen Deutschland
meist gelungen ist, diese eigenthümliche Stellung schliesslich bis aar ySI-
ligen Freiheit von jedem Herrn und durch kaiserliches Privilegium zar
Reichsunmittelbarkeit und fieichsstandschafb zu steigern, so ist in den
bayerisch-österreichischen Gegenden nur Begensburg zu solcher Stellung
gelangt Üeberall behielten hier die Städte ihre Herren, doch wird
es wenige Beispiele geben, dass irgendwo eine solche Zahl von Candi-
daten für die Herrschaft über eine Stadt vorhanden gewesen wkre als
bei BeichenhalL In der Agilolfing'schen Zeit war der Salzbrunnen
sammt Umgebung herzoglich ^). Die Herzoge und deren Rechtsnach-
folger, die fränkischen und deutschen Könige verschenkten immer mehr
Antheile an dem Salzbrunnen an weltliche und geistliche Grosse. Der
Betrieb des Werkes geschah durch freie Zinsleute, wie sich besonders
aus dem Indiculus Arnonis ergibt Zur Sehlichtung der eigenthüm-
liehen aus dem Gewerkschaftsverhaltniss sich ergebenden Streitigkeiten
entstand das Institut der Hallgrafschaft, welche Würde im 12. Jahrh.
bei den Grafen von Attel und Wasserbui^ sich be&nd'). Diese Hall-
•grafen scheinen jedoch über Stadt und Bezirk von Beichenhall keinerlei
Herrschaft erlangt zu haben. Auch die Peilsteiner, denen, wie er-
wähnt, mehrere Schlösser und die Mauth bei Garlstein gehörten, sind
nicht zur Ausübung einer Herrschaft gelangt
Nach ^uer I. c. soll der Bischof von Bamberg 973 die Grund*
herrschaft über Beichenhall erlangt und mindestens bis 121d behauptet
haben. Der Anfangstermin ist unmöglich, weil das Bisthum Bamberg
en^t 1007 Nov. 1 von König Heinrich II. gegründet worden ist Auch
enthält die dtirte Urkunde Mon. B. 28« N^ 135 nur die Sdienkung
Kaiser Otto I. (nicht IL) an die Bayernherzogin Judith, jedoch kein
Wort von Bamberg. Hingegen schenkt Kaiser Heinrich II. allerdings
im Jahre 1007 Nov. 1 dem Bisthum Bamberg einen Salinenantheil in
fialla (Stampf N» U76) hier ist aber wieder vom Boden der Stadt
keine Bede. Schliesslich beweist auch die von Zillner für den End-
termin dtirte Stelle der Urkunde von 1219 Nov. 1 nicht das, was aie
*) YgL besonders Zillner Grescliichte des salzbiirg'schen Salzwesens, Mitth.
der Gesellsehsft ftr Salzburger Landeskunde 20, 8 und SS, S19. *) Vgl. Waits
JJu y. Qeaoh. 7, 64.
Üntersnchongen zur Idsf. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 675
beweisen soll. Der Enbischof Eberhard hatte im Jahre 1219 dem
Kloster Nieder-^ Altaich dessen sämmtliche
«redditus tarn in borgo Halle, quam in fönte salis nee non in
montanis* etc.
al^ekauft, and zwar mit Consens des Diöcesanbisehofis Ulrich yon
Fassan und des Bischofs Ekbert von Bamberg:
«ad cujus ecelesiam fondus eoclesiae nostrae (sc. Altahensia), perti-
nere dinoscitor«. (Meiller fiegesten Eberhard II. N» 220 und 221,
Mon. Boica 11, 187.;
Wenn nun in der oft erwähnten Yergleichsurkunde von 1219 der
Kaiser sagt:
«caeterum omne jus, quod ecclesia de Altah habuit in hominibus
(etc.), dictus archiepiscopus libere habeat et quiete, sicut illorum
proprietatem et dominium dictum archiepiscopum nobis innotuit
ab abbate ac capitulo Altahensi optinuisse, omnibus oonsentienti'^
bus et annuentibus, quorum ad hoc consensus fuerat requirendus,
yidelicet Ekeberti Bambergensis episcopi tamquam pa-
troni et domini fundi, ducis Bawariae tanquam advocati*;
so istwol zweifellos, dass die Bezeichnung „ dominus fundi ' sich nicht
auf die Stadt Beichenhall, sondern auf das Kloster Niederaltaich be-
zieht, welches einen Bestandtheil der Besitzungen Bambergs ausmachte,
seit es von Kaiser Friedrich I. 1152 März 12 demselben geschenkt
worden war (Stumpf N« 3618 M. B. 29% 310 und wiederholt 1160
Febr: 14 Stumpf 3889 M. B. 29», 350).
Wenn so die Vermuthung hinsehwindet, Bamberg habe das Gebiet
der Stadt besessen, so bleiben als Hauptbewerber um die Herrschaft
fiber dieselbe noch übrig der Herzog von Bayern und der Erzbischof
von Salzburg.
Die Erzbischöfe von Salzburg und die Vertreter ihrer Anspräche
bis auf Kleimayrn herab haben stets behauptet, dass Salzburg ein Recht
auf Beichenhall besitze, dessen es yon Bayern beraubt worden sei^).
Vor allem erscheint die ,stat ze Halle' in dem mehrSsich erwähnten
Verzeichniss salzburg^scher Ansprüche an Bayern aus dem 14. Jahrb.
(ünparth. Abhandig. 269). Am energischesten hat Erzbischof Adalbert
im Jahre 1196 den Handel aufgegriffen, indem er die Stadt Beiohen-
hall überfiel und yerbrannte und die Hallburg, d. i. das Schloss auf
dem Gruttenberg erbaute (Meiller Regesten Adalberts N^ 104 — 106).
Beim Ausgleiche des Jahres 1219 aber, welchem eine Fehde und die
Erbauung einer Gegenfeste durch den Herzog von Bayern vorhergieng
A) Kleimayrn Inyavia 8. 400 | 291 u« ff.
44*
676 Richter.
(Ann. S. Bup. a. a. 1219; M. Genn. 11, 782), musste der Erzbiachof
das alte Recht des Bayernherzogs anf die Grafischafb auf beiden üfem
der Saale anerkennen — wie es unter den Herzogen Heinrich yon
Sachsen und Otto bestanden habe^). Alle neuen Schlösser sollen
wieder abgetragen und die Stadt nicht auf eine andere Stelle über-
tragen werden, woraus man nicht mit Unrecht geschlossen hat, dass
man eine Theilung des Gebietes nach dem Flusslauf und eine Ver-
setzung der Stadt auf das andere Ufer beabsichtigt habe. Salzburg
kam von da ab nie mehr zu einem massgebenden Einfluss in Beichen-
hall, und räumte sogar nach und nach den Platz ganz den Bayern, da
es in der Saline auf dem Dürenberg bei Hallein eben damals einen
genügenden Ersatz fttr das angegebene fand.
Wenn wir aber fragen, in welcher Weise die Auseinandersetzung
zwischen dem Herzog und den Flainer Grafen erfolgt ist, in deren
Gebiet ja noch 973 die Stadt gelegen hat, so bleiben uns nur Yer-
muthungen. Entweder brachten die bayerischen Herzoge den Gerichts-
bezirk um die Stadt durch irgend einen lehenrechtlichen Vorgang an
sich, so dass die Grafen dieses Besitzes rechtlich «entwert" wurden;
oder was mir wahrscheinlicher dünkt, der Stadtbezirk galt yon jeher
als eine herzpgliche, vom benachbarten Grafengebiete losgelöste Im-
munitat, wie andere herzogliche oder landesf&rstliche Städte, wie z. B.
das salzburg^sche Mühldorf^ welches inmitten bayerischer Landgerichte
gelegen mit seinem Burgfned eine Endaye yorstellte. So bildete
Beichenhall mit den zu Garlstein, Amrang und Kirchberg gehörigen
ünterthanen, welche der Herzog yon den Peilsteinern überkam, eine
Enclaye der Plain^schen, später salzbui^^schen Gerichte Piain und
Stauffeneck, welche nur durch den schmalen Waldstrich, beim sogen.
Mauthhäusel, mit dem nächsten bayerischen Gericht Traunstein, und
zwar mit der Gemarkung yon Inzell zusammenhieng. In dieser un-
günstigen, abgetrennten Lage blieb Beichenhall bis 1809, weshalb die
Soolenleitung von Beichenhall nach Traunstein und Bosenheim auf
dem beschwerlichen Umweg über Thumsee, Nesselgraben und Mauth-
häusel angelegt wurde.
Die Plainer Grafen werden in dem Ausgleich yon 1219 gar nicht
genannt, doch -deutet einiges darauf hin, dass sie ihrem Besitz in der
Umgebung yon Beichenhall besonderen Werth beigelegt haben. Vor
*) Ich sehe keine Nöthiguug wie Zillner S. 219, bei dem in der Urkunde
yon 1819 genannten Herzog Heinrich bis auf Heinrich den Stolzen zurückzugehen,
Bondem glaube, dass als der unmittelbare Vorgänger Ottos yon Wittebbach
Heinrich der Löwe anzunehmen ist, welcher ja ebenfalls Herzog yon 8^^^?ftn war.
Herzog Ludwig selbst hält 1198 zu Beichenhall Gericht. M. B. 8, 857.
ünienachimgeii zur bist. Geographie den ehem. Hochstiftes Salzburg. 677
allein die Lage des Schlosses Flain selbst, nach dem sie sich nanaten,
and dessen heute fast verschwondene, vor 150 Jahren noch sehr statt«
liehe Buinen kaum eine Stunde östlich ron Beichenhall auf einem
Vorberge des ünterberges sich erheben.
Dass die Flainer Grafen in den nach ihnen genannten Gerichten
Oberplain oder Grossgmein und ünterplain oder Stauffeneck viele Be-
sitzungen gehabt und sonst eine grosse Stellung in unseren Gegenden
eingenommen, ergibt sich aus den zahlreichen Begesten, welche Wen-
drinsky am angegebenen Orte zusammengestellt hat Ich hebe einiges
hervor, um einen Begi-ifiT von der Stellung des Geschlechtes zu geben.
Die Flainer waren Vögte: a) von St. Peter zwischen 1125 — 45
(Tradit. Petr. Notizbl. 6, No 240) und bis 1250 (luvav. Text S. 405
Note a); b) von Prauenchiemsee (Notizbl. 6 N<» 240 und M. B. 1,
164)^); c) von Michaelbeuem, welches noch heute die Flainer Adler-
flüge im Wappen f&hrt. Als 1249 Liutold von Piain starb, übertrug
der Abt die Vogtei dessen Schwestersohn Wernhard von Schaumburg
(Urkb. ob der Enns 3, 158; d) wahrscheinlich auch von Herren-
chiemsee (M. B. 2, 387); e) endlich von den Besitzungen des Dom-
capitels im Chiemgau nach dem Vertrag von 1254.
Von anderen Beziehungen will ich nur hervorheben das Verhält-
niss zum Eloster Hegelwerd im Gericht Staufifeneck, welches seine
Gründung den Plainern zuschrieb, wenn auch (wie Zillner nachweist)
wahrscheinlich mit Unrecht. 1234 urkundet Liutold von Piain auf der
Feste Piain f&r Hegelwerd (Filz, Gesch. von Michaelbeuem 768).
Die meiste und genaueste Auskunft über die Besitzungen der
Flainer erhalten wir aber wie bei den Lebenauem aus den Verhand-
lungen und Vergleichen, welche im 13. Jahrh. unmittelbar vor oder
nach ihrem Abgang zwischen Salzburg und Bayern über ihren Nach-
las8 gepflogen wurden. Es waren dies folgende.
Pinzgau. Der Unter- und Mitterpinzgau war nach dem aus-
drücklichen Zeugnisse zweier Urkunden aus dem Jahre 1228 als
bayerisches Lehen im Besitz des Flainer Liutold IV. und gieng in
diesem Jahre in den salzburg'schen Besitz über, so dass Liutold von
nun an dasselbe Gebiet als salzburg^scher Lehensmann inne hatte.
Der Heizog Ludwig verspricht
«comitatum illum quem tenet comes Liutoldus a nobis in feodo,
videlicet a loco, qui dicitur Walherainode deorsum per Binzgow
et per Salvelt usque Steinbach ex una parte, ex altera autem usque
*X Sie waren nicht V^te von An, wie Wendiinsky angibt, der die Stelle
MB. 1, 164 miBsverBfanden hat, sondern Conrad von Megling, hierauf Pfalzgraf
Rapoto und seit 1254 Bayern (Actenm. Anz. N^* 28).
678 Richter.
in ripam Tuontae, ex utraque vero parte secimdum'quod coutiuent
cacumina montium terminantia comitatam; praeterea partem eomi-
tatus eiusdem, quem reliquit comea Heinricus de Mittersel a prae-
dicto loco Walheraiaode sursum per Binzgow usque ad cacumina
montium, secundum quod terminatur parrochia Stuolvelt, quem
tenemus ab imperio*
dem Kaiser aufzusagen, damit der Erzbischof die Belehnung erwirke.
(Orig. im H. H. u. Staats-Archiv. Kammerb. 6 N« 70. Meiller Beg.
Eberh. IL. No 819.)
Die Belehnung erfolgte thatsächlich. Am 18. August 1228 wurde
zu Ulm durch König Heinrich die betreffende Urkunde ausgestellt und
der Erzbischaf mit beiden Grafischaften belehnt:
comitatus, quorum unus superior est, videlicet sec^dum decursus
aquarum, quem nobilis vir Henricus quondam comes de Mittersel
a dicto duce (Ludowico) sibi tenuit infeodatum et post mortepi
comitis vacans redivit ad ipsum, aliusque inferior est, quem comes
de Piain Liutoldus nomine ab eodem duce in feodo nosdtur
possidere.
Als Grenzen werden angegeben:
superiorem incipientem in monte qui dicitur Havinaere, ubi oritur
fluyius Salza et deciurrit per planum usque ad locum Walherainode
per longum. Per latum vero, prout montes ex utraque parte
continent cacumina terminantia comitatum. Inferiorem a praedicto
loco Walherainode per longum et planum, sicut dicta aqua Salza
decurrit, donec ipsi torrens, qui dicitur Tuonta, influit iuxta Bongov,
et ex altera per Salvelt et Loveram et usque ubi Sal fluvio ripa
influit, qui dicitur Steinbach. Per latum autem in montibus cir-
cumquaque positis, prout a suis summitatibus sunt aquae alpium
decurrentes.
(Orig. im H. H. u. St.-Arch. Meiller Beg. N« 822.)
Hier ist alles klar und zweifellos, sowol die Bechtsverh^tnisse als
die Localangaben. Bezüglich der Plain^schen Grafschaft ünterpinzgau
ergibt sich anschliessend nur die Frage, wie lange sich das Geschlecht
des Besitzes dieser Gebiete als salzburg^scher Lehen erfreut hat Wie
es scheint, nicht lange, wahrscheinlich nur bis zum Aussterben der
Hauptlinie, welche mit dem im Jahre 1228 lebenden Liutold im Jahre
1249 (2. November) erfolgte (Wendrinsky Beg. 506).
Jedenfalls hatten im Jahre 1250 die Plainer kein salzburg^sches
Lehen mehr innerhalb des Gebirges, wie aus der folgenden Beleh-
nungsurkunde Erzbischof Philipps vom 1. Mai 1250 hervorgeht:
,Moti fidelitatis constautia, qua progenitores Ottonis et Chunradi
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 679^
nobUium comitam de Playn frequenter adheserunt eoelesie Sak-
burgensi ipsis iratribuB omnia feoda extra montes sita, a
fluvio Lämmer ex una parte, et citra turrim Lover pro
parte altera, que patruus eorum comes Llutoldus de Playn ia
marchie Austrie et Savarie partibus infeudata a nostra tenuit
ecclesia . . . contulimus etc. '
(lavayia Text S. 405 Anm. a.) Dieses Schriftstück macht den Eindruck,
als habe überhaupt keine lehenrechtliche Verpflichtung bestanden, den
beiden jungen Grafen irgend etwas von den Lehen des kurz yorher
verstorbenen Oheims zu verleihen, und der Erzbischof gebe nur aus
Gnaden und (wie aus dem weiteren Texte hervorgeht) um sich die
kriegerische Hilfe der Grafen zu sichern, diesen einiges von den alten
Lehengütern der Familie.
Das Jahr 1249 kann also als die Epoche der unmittelbaren erz-
stiftlichen Herrschaft über den unteren Pinzgau angesehen werden.
Was den oberen Pinzgau betrifft, welcher ebenfalls. durch die
Belehnung vom Jahre 1228 an Salzbui^ kam, so wurde bisher (auch
von Wendrinsky) der letzte im Jahre 1228 schon verstorbene Besitzer
Graf Heinrich von Mittersill für einen Flainer gehalten. Dies wird
aber von Zillner Mitth. 23, 233 bestritten. Er halt vielmehr diesen
Heinrich für identisch mit dem Grafen von Matrey -^ Lechsgemünd,
welcher im Jahre 1207 seine ganzen Erbgüter an die Salzburger
Kirche verkaufte und im Jahre 1210 starb. So viel ich sehe, sind
Zillners Gründe vollkommen beweisend. Besonders die Wendung
vpartem comitatus, quem reliquit Heinricus' ete. in der Urkunde
von 1228 scheint darauf hinzudeuten, dass dieser Heinrich in der
nächsten Nahe anstossend noch eine andere Grafschaft besessen haben
muss, welche dann nur die Herrschaft Windisch -Matrey sein kann.
Der Oberpinzgau kam also schon 1228 in den unmittelbaren Besitz
des Erzstiftes. Zwar blieb auch diese Erwerbung nicht nnai^efochten.
Der Graf Albert von Görz und Tirol erhob Ansprüche, musste die-
selben aber 1252 aufgeben:
renunciamus omni iuri et impeticioni, quo in Castro Mittersil nobis
qualitercunque competunt . . . vel a successione vel ex quocomque
alio juris auxilio.
Die Gerichte Küchel (Golling) und Grafengadea
(Glaneck). Ueber diese beiden Gerichte, welche vom Fasse Lueg
bis an das Weichbild der Stadt Salzburg reichen, sind wir sehr schlecht
unterrichtet. Nach einigen Stellen des Induculus konnte man ver-
muthen, dass dieselben seit der ältesten Zeit zum unmittelbaren Im-
munitätsgebiet, ähnlich wie die Stadt selbst, gehört hätten, doch, wird
680 Richter.
man über die Existenz einer gräfliclien GbridiiBbukait daselbrt belehrt
durch die Stelle des Cod. Odalberti IST^ 82, wo eine gröesere Anzahl
Yon in dem Gerichte Olaneek befindlicher Ortschaften als in comitata
Engelberti gelegen bezeichnet werden.
Hiermit hört ftlr fiist 800 Jahre jede Kunde au^ bis endlich
eine Berchtesgadener Urkunde yon cc. 1180 (Koch-Stemfeld, Salzburg
und Berchtesgaden 2 N<^ 10) uns darüber belehrt, dass das Gerieht
Glaneck damals Plainisch war:
«Ego dei gratia comes Chonradus de Plein, intelligens, quod CSiono
de Werren fidelis mens conventum Perthersgadensem nomine meo
ultra quam deberet multis molestaret incomodis sibi prerogativam
adrocati Tel judicis ascribendo, oonfiteor me predicto Chunoni ultra
TÜlam Gravingadem nullam judiciariam potestatem in feudo
contulisse, nee etiam ut ministeriales mei et nepotis mei comitis
Lintoldi de Plein sub jure jurando interrogati dixerunt conferre
potuisse'.
Grafengaden ist das heutige Gartenau, ein Schloss ganz nahe der
Berchtesgadener Grenze am «Hangenden Stein '^. Die Bedeutung dieser
Urkunde fibr die Berchtesgadener Verhältnisse wird am geeigneten Orte
besprochen werden. Hier sei nur festgestellt, dass in Grafengaden ein
Plain^scher Richter sass, dass also dieses Gericht Plainisch war. Dass
dies nicht blos von dem Gericht Grafengaden-Glaneck, sondern auch
yon Euchel galt^ dass also diese beiden Gerichte noch yereint' waren,
ergibt sich aus einer Urkunde Kaiser Heinrich YL (Stumpf 5085,
Mon. B. 29 a, 459). Darin befiehlt der Kaiser
«uniyersis, tam majoribus, quam minoribus in Chuchulensi
comitatu in utraque fluminis Salzache et in drcuitu ejusdem comi-
tatus manentibus*,
die Bechte der Berchtesgadener Chorherrn an der Saline Toyal zu
achten. Der Tuyal ist nach den abschli^senden Forschungen Zillners ^)
der Hügelzug, welcher sich yon Hallein abwärts zwischen der Salzach
und der dem Königsee entströmenden Alm hinzieht und lag daher,
soweit er salzburgisch war, in der Ghnfischaft Grafengaden. Die Grenzen
des eigentlichen Kuchler Gerichtes liegen bedeutend weiter südlich,
so dass man mit Sicherheit annehmen kann, es sei unter dem Aus-
drucke ycomitatus Ghuchulensis * an die yereinigten beiden Gerichte
zu denken.
Eine weitere Urkunde Kaiser Heinrichs, angeblich aus 1191 — 92
(Stumpf 5086, M. B. 81 a, 442) yeryollstandigt den Beweis, dass dieae
0 Zur Geschichte des Salzb. Salzwesens, Mitth. d. Geselladh. f. 8. Ldkde. 20.
ünienndnmgen zur hiit Geographie des ehem. Hoobstiftes Salsbnrg. 681
Gebiete den Fkiner Orafen gehörten, indem der Eaiew die Grafen
L(iTitold) and H(einneli) yon «Flayen'' ermahnt, die Mönche von
Berchteegaden in ihren Salinen nicht zu stören.
Das Dienstmannengeschlecht derer von Werfen, welche sich seit
1208 von Gutrat nennen, behielt das Landrichteramt im Kuchler
Gerichte als salzbnrg'sches Lehen bis zu seinem Aussterben 13849.
üeber die Frage, wann es von einem Plain'schen sich in ein Sak-
burg'sches Lehen verwandelt hat, wird auch durch die Urkunden nicht
aufgeklart, zu welchen ein Gonflict Garls von Gutrat, des Sohnes jenes
Ghuno, mit Erzbischof Eberhard IL Aulass gab. Carl von Gutrat
heirathete nämlich um das Jahr 1231 MargUretha von Zebing aus emem
steyerischen Ministerialengeschlechte, und zwar ohne Erlaubniss des Erz-
bischofes, weshalb er nach Ministerialenrecht alle seine salzburg'schen
Lehen yerlor (Meiller Begesten Eherh. IL 550). Erst nach dem Tode
Oarld im Jahre 1243 yerlieh der Erzbischof seinen zwei Söhnen Ghuno
und Otto aus Gnaden die verwirkten Lehen des Vaters , praeter comi-
tatum profinciae apud Pongeu *. Das Gericht Euchel bleibt unerwähnt.
War es bereits ein salzburg'sches Lehen, so erhielten die Ghitrater es
hiermit zurQck; war es noch ein Lehen der Plainer, so war es in die
Confiscation nicht mit hineingezogen worden. Wenn ich eine Yer-
muihung aussprechen soll, würde ich mich dem letzteren zuneigen,
dass es nSmUch noch Ton den Plainem zu Lehen gieng. Wahrscheinlich
yerloren es diese erst durch Yerpfindung 1250, denn nach der oben
citirten Belehnungsurkunde von 1250 werden die beiden Brüder Conrad
und Otto mit den Lehen ausserhalb des Gebirges neu belehnt, und
die ausdrückliche Anführung der Lammer, der Südgrenze des Gerichts
Küchel^ leitet zu der Yermuthung, dass eben dieses Gericht mit in-
begriffen ist; doch verpfänden dieselben das Lehen sofort wieder an
den Eizbischof.
Ein zweiter Grund ist der, dass der Graf Conrad von Hardeck
(Piain) als Salmann bei der Wiedereinsetzung der Gutrat'schen Brüder
dient, indem der Herzog Friedrich
«Chunonem (de Gutrat) in manibus nobilis viri Chunradi comitis
de Hardek tradidit, ita quod eundem eccleeiae Sakburgensi debeat
assignare*.
Diese Stellung scheint recht gut auf einen Lehensherm zu passen.
Dass Ministerialen gleichzeitig Lehen verschiedener Herren besassen,
kam damals bereits vor.
In den Jahren 1252 und 1258 schliessen die Gutrater ftrüder
*) Zillner Die WerfiBner Burggrafen I. c. 21, ^4.
682 Richter.
Otto und Chano dann als Oerichtsiuhaber zu Orafengaden mehrfach
Vergleiche mit Berchtesgaden (Eoch-Sternfeld, Sakburg und Berchtes-
gaden 2, 27; 29; 30).
Pongau. BezOglich de^ Pongaues steht es schlecht mit der
üeberlieferung. So redselig die ältesten salzburg'schen Quellen, der
Indiculus und die Breves notitiae, über die Schicksale der Zelle yon
Bischofshofen sind, so sehr lassen uns für später alle Nachrichten im
Stich. Was wir wissen, beschränkt sich auf folgendes: Im Jahre 1077
begann Erzbischof Oebhard den Bau der Feste Werfen und Conrad I.
vollendete ihn von 1125—1130.
similiter et eastrum Werveu et clusa, que vel ad Karinthiam, vel
Bongowe, seu Pinzgowe ire volentibus ipso situ et fade quasi
loquuntur: hucusque transibis et non procedas amplius. (Yita
Chunradi Mon. Oerm. 13, 74).
Seitdem tre£Pen wir castellani oder Bui^rafen von Werfen, und zwar
eben&Us aus dem Hinisterialengeschlecht, welches sich An£ings nach
Werfen, später von Gutrat, einem Thurme bei Hallein nennt
Zwischen 1230 und 1240 hatten diese Gutrater, wie schon erwähiit,
auch das Landrichteramt im Pongau, und zwar als erzbischoflichee
Lehen inne, «comitatum provinciae apud Pongeu* (Meiller Begesten
Eberhard IL IS^ 285). Als in diesen Jahren Carl von Gutrat durch
jene unerlaubte Heirath alle seine salzburg'schen Lehen verwirkte, seine
Sohne aber 1243 wieder in Gnaden angenommen worden und alle
übrigen Lehen zurückbekamen, bduelt der Erzbischof das Pongauer
Landrichteramt allein zurück. War nun der Pongau ebenso wie das
Landrichteramt in der Grafschaft Enchel auch zuerst ein Lehen von
Piain und erst später ein Lehen vom Erzstift? Hierüber sind wir
nicht unterrichtet
Die Existenz der Burg Werfen und eines erzstiftliehen Burg-
grafen daselbst ist, wie ich glaube, kein Beweis dafür, dass auch
das Landgericht im Pongau dem Erzbischof zugestanden habe. Es
existirten gewiss längst salzburg'sche Burggrafen in Salzburg, Laufen
oder, was ein besonders lehrreiches Beispiel ist, in Mühldorf,
während die benachbarten bis zum Burgfried des Ortes heranreichen-
den Grafschaften im Besitz der Aribonen oder anderer Geschlechter,
später der Wittelsbacher, waren. Andererseits konnte ich keine irgend-*
wie beschaffene positive Nachricht über eine Beziehung der Plainer zu
diesem Bezirke vorfinden. Dass die Gutrater sowol von den Plainer
Grafen als vom Erzstifte gleichzeitig belehnt waren, ist durch ihre
Stellung als erzstiftliche Burggrafen einerseits und Landrichter in der
den Plainern gehörigen Kuchler Grafschaft andererseits erwiesen und
ünterauohmigen zur hist. Geographie des ehern. Hocbstiftes Salzburg. 683
68 las8t sieb hieTaus kein Argament f&r die LehensEugeliorigkeit des
Ponganes scliöpfeii^).
Immerhin ersclieint mir wahrscheinlich, das Erzstift habe im
Pongau, als einem geschlossenen Eirchengutsbesitz, das Aufkommen
der Grafschaft überhaupt zu yerhindern gewusst (wie ich es S. 617 als
rechtliche H5glichkeit nachzuweisen versucht habe) und das Land-
richteramt sei dort stets ein erzbischöfliches Lehen gewesen. Wenn
namlieh im 12. Jahrh. der Pongau plainerisch gewesen sein soll, so
sehe ich nicht ab, bei welcher Gelegenheit die Flainer ihr lehensherr-
liches Becht an den Erzbischof verloren haben sollen? Eine Ueber-
tragung wie bei Pinzgau hat nicht stattgefunden. Auch müsste man
nach der Analogie von Pinzgau annehmen, dass die Plainer den Pon-
gau als bayerisches Lehen besessen hatten. Dann hätte aber seiner
doch in irgend einer Weise in den Vertragen von 1228 oder 1254
oder 1275 Erwähnung geschehen müssen.
Die Gerichte Piain und Baschenberg. Ueber das Sdiicksal
derselben er&hren wir einiges durch die mehrerwahnten Vertrage zwi-
schen Salzburg und Bayern von 1254 und 1275 (Text nach Quell.
und Erortg. 5).
Im Vertrag von 1254 verleiht der Erzbischof Philipp an die
Herzoge Ludwig und Heinrich von Bayern:
1. DieVogtei über das Kloster Seeon.
2. Die übr^en Lehen, welche der Graf von Wasserburg (Con-
rad) von der Salzburger Kirche hatte. Welche das waren, erhellt
aus einer Urkunde von 1247 (gedruckt Actenmässige Anzeige etc.
N^ 29), worin Conrad von Wasserburg alle diese Güter um 50 it
Pfennige dem Erzbischof verpfändet. Es sind ausser der Vogtei über
Seeon, meist Vogteien oder andere Bezüge aus erzstifkischen Besitzungen
im Chiem- und Isengau.
3. Die Lehen des Pfalzgrafen Bapoto von Bayern (f 1247 oder
1248, Hausiz 2, 346 und Necrolog. Baumb. M. B. 2, 266). Es waren
das die Vogtei über die domcapiteFschen Besitzungen im Chiemgau,
wie wir aus einer Urkunde von 1244 er&hren (Meiller Begesten Eber-
hard IL ]^o 567), lind die Vogtei über Frauenchiemsee. Ausgenommen
wird hiervon die Vogtei am Berge , Streichen * (nach Peetz, Chiemsee-
kloster S. 15, bei Grassau).
4. Dafür verleihen die Herzoge dem Erzbischof die Grafschaft oder
•) So scharfeinnig ZillDera Vermuthungen in Mitth. 17, 145 und 21, 84 sind,
80 entbehren sie doch zu sehr der urkundlichen Grundlagen, als dase ich wagen
würde, de aufzunehmen.
684 Richter.
das Gericht im Ghiemgau, welches von ihnen der Ghraf Goniad von
Piain, dann der Pfalzgraf Bapoto, schliesslich Siboto von Tetelheim
za Lehen hatte; so zwar aber, dass der Theil dieses Gerichtes jenseits
der Alz in dem Besitz der Herzoge bleibe.
Memorati aatem duoes ... in signum amicitie specialis oomiiiam
per prorinciam Ghiemgeu, quam habnit ab ipsis Ghanradns oomes
de Pleien, et subsequenter Bapoto comes palatinus Bawarie deinde
Siboto de Tetelheim, a quo ipsam oomidam per juris ordinem
evincentes, eandem et ecdesie Salzburgensis et nobis (Philippo)
liberaliter tradiderunt perpetuo possidendam, ita tamen, quod pars
judieii eiusdem comide ultra Altsam fluvium constituta in ipsorum
ducum remaneat potestate.
Hier ergeben sich mancherlei Schwierigkeiten. Vor allem ist unklar,
welcher Conrad von Piain gemeint ist Wann der altere Cionrad starb,
ist ungewiss, der jüngere lebt noch am 30. November 1249, wonach
er nicht mehr vorkommt. Der Pfiftlzgraf Eapoto III. hingegen ist
schon 1248 todt (s.' oben). An eine Erledigung durch den Tod des
jüngeren Conrad zu denken, geht also nicht an. Man muss den
älteren Conrad hineinziehen, sowie auch den alteren Eapoto, welcher
1209 die P&lzgrafenwürde erlangte und 1281 am 19. März starb >).
Für die Auffassung, dass schon dieser altere Bapoto der Nachfolger
der Plainer in der Grafschaft im Chiemgau war, spricht der Um-
stand, dass sich derselbe im Jahre 1216 im Besitze der Mauth an der
Traunbrücke bei Traunstein befindet (Meiller Beg. Eberh. IL N« 182).
Er verzichtet in der betreffenden Urkunde ausdrücklich, von den dorn-
capitelschen Fuhren den Zoll bei «Hallerbrucke* zu erheben. Dieses
Hallerbruek, jetzt Hallnbrnck ist die Hausergruppe am rechten Ufer
der Traun bei Traunstein, wo noch heute die Strasse nach Beichenhall
und Salzburg den Fluss übersetzt Ich glaube nun zwar nicht, dass
im Allgemeinen der Besitz einer Mauth ftb* diese Zeit noch als ein
Zeichen des Besitzes der Grafechaft aufgefasst werden darf; denn wenn
diese Dinge je einen Zusammenhang hatten, so war er damals bereits
zerrissen. Doch wird eine Verbindung gerade dieses Zolles mit den
Lehen, welche zuerst die Plainer, dann Bapoto und schliesslich Siboto
von Tetelheim inne hatten, durch einen Passus des Vertrages von
1275 Juli 20 wahrscheinlich gemacht. Hier heisst es:
V salvo jure thelonei (für den Herzog nämlich) quod hactenus apud
Lauter recipi consueverat, quod utique a Sibotone quondam de
Tetelheim et Libhardo et Heinrico fratribus de Percheim nostiB
*) Wittmann Die Pfalzgrafen von Bayern 8. 56.
üntennchungen zur bist. Qeognphie des ehem. Hoohgtiftes Sakburg. 685
pecunia comparavirnus et a domino archiepiscopo in feodo recepi-
mos, mandantes recipi de cetero idem Uieloneum apud Traonsteio.
Man sieht also, dass dieser Zoll, welcher offenbar einmal in dem be-
nachbarten Lauter, dann wieder in Hallerbrack-Traunstein eingehoben
wurde, im Jahre 1216 in dem Besitze Bapotos war, dann in den des
Siboto von Tetelheim und von diesem an den Herzog übei^eng, und
ich vermuthe, dass die Qrabchaft, welche denselben Weg gewandelt
ist, von Bapoto an Sibotp, dann an den Herzog, diesen Gfang auch
gleichzeitig, durch dieselben Bechtshandlungen gemacht hat, und
daher eben&lls schon 1216 im Besitze des PfiEÜzgirafen Bapoto war,
daher schon in den Tagen Conrad L ans dem Besitze der Plainer
kam. Der Frozess oder Vertrag zwischen dem Herzog einerseits und
Siboto und den beiden Bergheimem andererseits muss, wenn nicht
etwa zwei Processe anzunehmen sind, zwischen 1248, dem Todesjahre
Bapotos, und 1254 stattgefunden haben. Die beiden Bergheimer leben
noch bis gegen das Jahr 1300 (Zillner Ldkde. 19, 47). Nach dem
Baitenhaslacher Yerzeichniss der im Stifte Begrabenen starb Siboto von
Tetelheim, der 1228 (M. B. 2, 198) als ministerialis comitis palatini
erscheint, im Jahre 1266. Die Zahlen stimmen also leidlich, ebenso
wie man sich den rechtlichen Gang der Dinge ziemlich leicht vor-
stellen kann. Bapoto der ältere hat die Plainer Lehen und vieles
andere auf seinen Sohn, den jüngeren Bapoto, vererbt: Als dieser
1248 starb, zog der Herzog von Bayern alle diese Lehen ein, denn in
dem mehrerwahnten Verzeichnisse derjenigen, welche die Herzoge Lud-
wig und Otto beerbt haben (Narratio Altahensis), fehlt auch nicht der
Pfiüzgraf Bapoto. Dieser hatte aber einzelne Bestandtheile seiner "Lehen
wieder an seine Ministerialen, so Siboto von Tetelheim, weiter geliehen,
und der Herzog musste nun Processe anBti*engen
(per juris ordinem evincentes)
oder Vergleiche eingehen
(nostra pecunia comparavimus),
um in den directen Besitz der Oüter, Mauthen und Gerichte zu gelangen.
Sine weitere Beleuchtung erfiLhrt die ganze Sache durch den Um-
stand, dass im Jahre 1215 ein Wilhelm von Tetelheim als Ministeriale
des Grafen Conrad Von Piain erscheint (Wilhalmus de Titilhaim, mini-
sterialis comitis Ghunrandi de Piaigen, Notizblatt 5, 596), schon 1228
aber Siboto von Tetelheim Ministeriale des Pfalzgrafen ist (M. B. 2,
198) und ebenso 1281 (Notizbl. 5, 603 N» 800) im Testament des
P&lsBgrafen
y Siboto de Tetelheim et alii ministeriales eiusdem comitis*.
Man darf also annehmen, dass die Tetelheimer mit den übrigen
686 Richter.
Plamer Lehen in Bayern zwischen 1215 und 1216 an den Ffiikgzafen
übergegangen sind. Zwar muss in denselben Jahren C!onrad der altere
gestorben sein (das Jahr ist zweifelhaft), doch scheint seine Wahr-
scheinliche Erwähnung im Jahre 1222 die Annahme zu verbieten, dass
sein Tod die Veranlassung dieses Ueberganges gewesen ist (s. Stamm-
tafel der Plainer S. 673).
Fragen wir nun, welche Qebiete es waren, die damals von den Plainem
an Bapoto, dann nach dem Process mit Siboto an den Henog über-
gegangen sind und schliesslich 1254 an Salzburg gediehen, so g^ube
ich vor allem, dass die Ausdrücke «comitia sive Judicium per provin-
ciam Chiemgev* und t pars, judicii eiusdem comicie ultra Altsam fluviam
constituta" nicht so au^efasst werden dürfen, als ob es sicH hier um
eine Ghnfischaft handle, welche gleichzusetzen ist dem ganzen Ghiem-
gau und die jetzt nach der Linie der Alz in zwei Theile getheüt
wird, wovon der eine salzburgisch, der andere bayerisch werden soU,
sondern es muss übersetzt werden: die Grafschaften oder lAndgeriehte,
welche Eapoto im Ghiemgau inne hatte, kommen, soweit sie diesseits
(östlich) der Alz liegen, an Salzburg, soweit sie jenseits (westUeh)
liegen, an Bayern. Denn im Chiemgau, der ja Ins gegen den Inn
reichte, gab es eine Anzahl Gerichte, deren Schicksale wir soweit
kennen, um zu wissen, dass sie hier nicht mit inb^^rifFen sein können,
wie die Grafschaft Hadmarsberg, welche den Ghrafen von Meuboig-
Falkenstein gehörte, die Grafschaften der Möglinger, Wassexburger und
anderer. Auch in dem beschrankteren Sinne, dass wenigstens alles
Land bis zur Alz an Salzburg gekommen sei (w^in es audi spSter
wieder verloren worden), kann die Sadie nicht gefasst werden (wie
Zillner S. 228 mit Kleimayrn S. 867 anzunehmen sdieint). Denn wenn
auch der Streifen von der späteren Grenze bis zur Traun zweifelhaft
sein könnte, so heisst es ja ausdrücklich Alz und nicht Traun, und
da die Alz dem Chiemsee entströmt, so würde das ganze Gebiet bis
an den Chiemsee, also die Gebiete von Traunstein und Markwartstein
zu Salzburg gekommen sein. Davon kann aber keine Bede sein.
So werden wir wol anzunehmen haben, dass es sich diesseits wie
jenseits der Alz^ nur um einzelne Gierichte gehandelt hat Fragen wir
nun, welche Gerichte, die jemals dem Ghiemgau zugerechnet wuiden,
Salzburg spater besass, so finden wir, dass dies nur bezüglich der
Gerichte Halmberg und Tetelheim der Fall war, weldie wenigstens
nach einigen Quellenstellen zum Ghiemgau oder zur Grafschaft Graben-
statt gerechnet worden sind (vgl S. 669j. Tetelheim war zwar einst
im Besitz der Aribonen (s. S. 643), doch lasst sieh nach der Analogie
andeter Gerichte annehmen, dass es seit der Zeit, da der Name Tetel-
üntenuchuni^en zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 687
heimer anfkommt, im Lehenbeeitz dieser Familie gewesen ist Die
Oerichtsnamen kommen ja von den Familiennamen, und diese von
den Hauptbnrgen, welche die Familien (mit den dazu gehörenden
Gerichten) su Lehen tragen.
Die Tetelheimer sind auch noch spater im Besitze des Gerichtes.
1824 Jänner 14 bekennt Seybold von Tetelheim, dass er die Feste T.
und das Gericht «daz darzue gehört * zu rechten Lehen vom Erzstiffc
habe; doch müssen die zum Tode Yerurtheilten an die Gra&chaft
Titmoning ausgeliefert werden und das „Dingen*^ an den Erzbischof
darf er nicht hindern (gedr. S. 660). 1349 verkauft dann Sejbot
von Tetelheim Burg, Gericht und urbar, das er schon frflher ver-
pfändet haben muss, um 423S Gulden (Eammerb. 2 N<> 281) an den
Erzbischof Ortolf. Schon 1848 finden wir Ekkolf von der Wart als
erzbischöflichen Pfleger auf Tetelheim (Eammerb. 2 N<> 287). In der
Folge wurde Tetelhwa ein Haupi^egenstand der Fehde zwischen Salz-
burg, Bayern und den Tannem, worüber Zillner, Ldkde. 22, ,Die
Tann* ausführlich handelt.
Somit wäre also anzundimen, dass gerade das Gericht Tetelheim
,der Hanptgegenstand des Vertrages von 1254 gewesen ist. Halm-
berg ist nämlich möglicherweise schon früher an das Erzstift ge-
kommen; wenigstens ist schon 1216 der Salzburger Burggraf Conrad
von Izling im Besitz der Feste Haldenberck (Chron. noviss. 259 a).
Wie das Tor sich gegangen sein soll, bleibt freilich unbekannt.
Welche Gerichte die Plainer und Bapoto jenseits der Alz gehabt
haben, ist uns unbekannt Dass Bapoto als Bruder des Markgrafen
von Krayburg zwischen Alz und Inu begütert war, unterliegt keinem
Zweifel. Aas den Bedingungen, welche an die Ueberlassung dieser
Gebiete an Bayern geknüpft werden, dass die in denselben ansässigen
erzbischöflichen Unterthanen in ihren Bechten geschützt sein sollen
(Urkunde von 1254):
,ne in homines nostros et nostiorum in eodem judieio constitutos
ipsorum procaratoree aliquam juris habeant ditionem* etc.),
lasst sich kein Schluss ziehen, denn es gibt kein Gericht zwischen
Alz und Inn, in welchem das Erzstift nicht zahlrache Güter und
Rechte besessen hätte. (Siehe das Urbar von 1527, Ms. des Salzburger
Begierungs-Archives.)
Ebenso bleibt zweifelhaft, ob bereits damals die Gerichte Piain
und Baschenberg, welche früher sicher den Plainern gehörten, in
den Besitz des Erzstiftes übergegangen sind. Das Schloss Piain war
ein Allodialbesitz der Plainer, denn es vererbte sich, wie wir sehen
werden, auch auf die weiblichen Seitenverwandten. Ob die beiden
688 Bichljter.
Gerichte damalB Beichslehen, bayerische oder eakbuig'sQhe Lehen,
gewesen sind, das wissen wir nicht. Ich will hier die Discnssion
ftber die Frage, ob die bayerischen Grafschaften Reichs- oder Herzogs-
lehen waren, welche sich am erschöpfendsten behandelt findet bei
Biezler and Heigel, Das Herzogthum Bayern S. 199 u. fiL, nicht wieder
au&ehmen. Mag die Sache f&r das 12. Jahrh. zweifelhaft sein, dass
die bayerischen Herzoge des 13. Jahrh. alle erledigten Gra&chafken als
Herzogslehen betrachteten und einzogen, ergibt sich, wie mir scheint,
mit Sicherheit ans dem oft erwihnten Altaicher Bericht Dass dem
Erzbischof ein gleiches Recht nicht zustand, einen solchen Antheil
der Königsgewalt an sich zu nehmen, ftbr welchen der Herzog in dem
Inhalte seiner Würde vielleicht einen Anhaltspunkt finden konnte,
dürfte wol ausser Zweifel sein. Aber ebenso sicher ist, dass die Erz-
bischöfe nach dem Aussterben der Plainer deren Grafschaften ein-
gezogen haben, als ob sie Sakburger Lehen gewesen waren ^). Es
kann sich also nur um den Zeitpunkt handeln.
Es wurde schon erwähnt, dass 1250 Mai 1 Erzbisehof Philipp
die beiden überlebenden Plainer Otto und Conrad, mit denen 10 Jahre
spater das Geschlecht ausstarb, mit sammtUchen salzburg'sehen Lehen,
welche ihr Oheim (der im Jahre 1249 verstorbene) Liutold ausser dem
Gebirge innegehabt hatte, aus Gnaden belehnte, worauf aber die
Grafen alle diese Lehen und ihr übriges Eigenthum in Bayern dem
Erzbischof sofort wieder yerpfindeten. Zugleich verpflichten sie sieh
aber, dass stets einer von ihnen im Schlosse Piain anwesend sein solle
(luvavia Text S. 405 Anm. a).
Ich vermuthe nun, dass damals die Gerichte Piain und Baschen-
berg zuerst in den Besitz des Erzstiftes übergegangen sind. Als hier-
auf wie erwähnt, beide Brüder am 29. Juni 1260 als Verbündete
König Ottokars im Kampfe gegen die Ungarn blieben, ohne Nach-
kommen zu hinterlassen, wird der Eizbischof den pfandweisen Besitz
in einen wirklichen verwandelt haben.
Die wichtigste Stelle des Vertrages von 1275 lautet:
Ipse (archiepiscopus) nobis (ducibus) antiqua feoda, que ab ipsa ecdesia
nostri progenitores tenuerant recto feodi titulo contulit, adiciens
etiam eidem collationi feodali nobis ac nostris heredibus advoca^
ciam monasterii de Nunnenberde suarumque pertinenciarum et
') Manascr. monast Zwetlenais de £eunilia oomit de Plain fol. Z 1 : Bona diHone$que
huiui potentUsimas famüiae quod attinet, pars eomüaius Piaim ad Bavaroif pars et*m
ipto ecutro ad SaUthurg, antittüem devoluta, turbatae nimirum tune res Oermaniae;
nee eaptU imp0ru> f%$U a quo aui petermtur aut rec^erentur feodorum jura^ nse ju$
sed vis 0t potenüa suvm euiquB trübuebai, Salzburg. Intellig. Bl. 1808, S. &95.
Untersucliungeii zur hist. Geograpliie des ehem. Hochatiftes Salzburg. G89
adyocaciam prediprum capituli Salzburgensis in pago, qui dicitur
Chiemkeu cum advocacia et iadicio apud Misenpach in Celle,
Frosche, Wagenowe, Vogelwaldt, totumqae districtum iudicü, quod
ab eadem ecclesia Salzburgensi Rapoto, quondam palatinus Bawarie
vel de Plajin comites in eisdem partibus possidebant, quorom
limites declarantur etc.
Die nun folgende Grenzbeschreibung ist wegen ihrer Wichtigkeit, ob-
wol mehr&ch gedruckt, abermals abgedruckt als Beilage 6. Sie zieht
die bis zum Jahre 1809 in Geltung gewesene Grenzlinie vom Teisen-
berg bis Anning an der Alz, welche man auf der Karte einsehen
wolle. Den Sinn des Schlusses
«et abinde usque in montem, qui dicitur Jochberg (directi fines
nostri transibunt) et inclusive omnes ville sive predia, que inira
eosdem limites in judicio quondam palatini Bewarie et comitum
de Playn hactenus sunt contenta*
fasse ich so, dass es heissen soll: von der angegebenen Linie ab,
welche bei Anning an der Alz beginnt bis südlich hinab an den Joch-
berg bei Eitzbühel (wo das Chiemseer Frauenkloster viele Besitzungen
hatte ^)), sollen alle Gerichte, Vogteien etc., welche Eapoto und die
Plainer hatten, jetzt bayerisch sein. Dazu stimmt vorzüglich der nächste
Passus :
, Termini vero Salzburgensis ecclesie a supradictis limitibus usque
in Staufenbruke ex eisdem partibus protendentur*,
was man frei wiedergeben könnte: das Gebiet diesseits dieser Linie
soll salzburgisch sein bis Staufenbruck an der Beichenhaller Gemarkung.
Es wird so zuerst die Grenzlinie in der Mitte gezogen und dann bei
dem bayerischen Gebiet der Jochberg als Südgrenze gegen den salz-
burg^schen Oberpinzgau festgestellt, bei dem salzburg'schen hingegen
die Staufenbrücke über die Saale bei Beichenhall, um das Gebiet von
Beichenhall ausdrücklich auszunehmen. Bei Betrachtung der Karte
wird die Sache ohne weiters klar.
Die angegebene Grenzlinie ist offenbar die alte, weil durch Berg
und Wald natürlich gegebene westliche Grenzlinie der Gerichte Baschen-
berg, Halmberg und Tetelheim« In den ürkundentext hat sich ein
offenbarer Lrr&um eingeschlichen. Während nämlich die an Bayern
fallenden Theile des
, Judicium apud Chiemgeu*
in der Urkunde von 1254 richtig als bayerische Lehen Rapotos und
der Plainer angesprochen werden, heissen sie nun Salzburger Lehen*
•) Vgl. H. Peeb: Chiemseeklüster.
MittheilongeD, Erg&nzaogBbd. I. 45
690 ftiohter.
Der Irrthum kam wahrscheinlich daher, dass die Vogtei über Frauen-
ehiemsee und die Güter des Domcapitels wirklich Salzbarger Leheu
waren und man. nun sich keine Mühe gab, den Unterschied fest-
zustellen.
Weitere wichtige Angaben dieses Friedensinstrumentes finden sich
in§ 6:
,Sane super iure proprietatis aut feodi, quod in eastris Playn et
Baschenberch ceterisque bonis et hominibus olim a consan-
guineis nostris comitibus de Playn utrolibet jure possesais ac
post eorum obitum ad nos certo feodi titulo de^iyatis, que ad
presens ipsa ecclesia extra limites nostros dinosdtur possid^ve,
talis ordinatio intercessit, quod yidelicet eidem juri sive actioni
cessimus, et si quod ius nobis in eisdem oonpecilt, eidem ecdesie
conoessimus libera et spontanea voluntate.*
Aus diesem lehrreichen Passus ersieht man, dass die Herzoge von
Bayern eigentlich das ganze Plain^sche Brbe in Anspruch zu nehmen
sich berechtigt glaubten, wie es scheint mehr unter dem Titel einer
ziemlich weitschichtigen Verwandtschaft als nach dem Bechte des
Herzogs, was übrigens zweifelhaft bleibt Sie verziehten aber auf alle
diese Bechte, soweit es Gebiete betrifft, die hinter jener früher fest-
gestellten Linie liegen.
Noch hatten die Erzbischofe Verhandlungen mit der Schwester
Agnes der letzten Plainer und der Witwe und Tochter des Ein^u der-
selben durchzumachen, bis sie in den Töllig ungestörten Besitz der
von ihnen übernommenen Plain'schen Güter gelangten. 1292 Mai 1
urkundet Graf .Albrecht von Görz und Tirol:
,umb die ansprach die unser swiger frawe Offmen und unser
eriben auff herschaft und auff der purg ze Piayen und alles das
darzu gehört, an leuten und an gut, gesucht und ungesucht, velde
Wasser, herschaft gericht oder wie es genannt ist, gehabt haben,
das ist also geschaiden, das wir und unser eriben davon absteen
und das es fürbas dem gotshauB ymmer ledig beleiben sol, an
alle ansprach, und sullen darüber die vorgenannten frawen ir
brief geben und war, das das gotshaus furpas yemand darumb
anspräche, da suUen wir und unser eriben, dann unser frawen
uns dasselb gut und dieselben ansprach vor dem kunige Budolf
von Bome auff hat gegeben, des gotshaus gewär sein auf alles
recht gen dem von Schonberg und den Grafen von Phaiuberg
und gen aller mäniglich*. (Kammerbücher 3 N^ 237.)
Im Jahre 1300 am 18. Mai beurkundet dann Graf Ulrich von Pfisinn-
berg, dass er abgestanden sei:
Untersachungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 691
avon allen chriegen, rehten ansprach und vorderung ob si uns
Yon erbscbaft oder von anderen sadien und wegen f>on oder
gefuegen mochten an die gewer oder aygenschafb der grafscheften
ze Lebena^ und zePlayn und swaz darzue gehört, versucht
und unyersueht verlihen und unverlihen, mit purgen, mit man-
schaft mit lewten, edeln unedeln und geboren . . . mit gerichten
Togtayen und allen den eren rechten und yreyung*. (Kammer-
bücher 6, No 180.)
Damit verschwindet der Name der Flainer aus den Urkunden, um nur
noch in einigen Ortsnamen, Maria Plain, Plaifkfeld fortzuleben.
Die plain^schen Gerichte finden sich in der nSchsten Zeit im
Lehenbesitze salzburg^scher Ministerialen, welche wol zum Theil erst,
wie die StaufPenecker und Tetelheimer, mit dem Erbe der Flainer zur
Kirche gelangt sind. Heinrich und Wilhelm von Stauffeneck beurkunden
1301 Sept. 4, dass sie zwar geglaubt hätten, das ScUoss Stauffeneck
sei ihr Eigen, während es der Erzbischof als Lehen beanspruchte; um
aber den Krieg zu lösen, geben sie es dem Erzbischof auf und nehmen
es zu Lehen (Kammerb. 6 N» 189 und 190). Aber schon 1806 muss
Heinrich seinen Theil an der Burg und am Gericht wegen schwerer
Noth ganz aufgeben, indem er denselben um 600 Pfund Pfennige an
Erzbischof Conrad verkauft (Kammerb. 6 N^^ 207). War so auch bei
diesem Gericht der fBr dieses Jahrhundert bezeichnende Process des Rück-
falles an das Erzstift eingetreten, so nöthigte die Schlacht von Mühldorf
(1322), welche für Salzburg zunächst eine finanzielle Katastrophe be-
deutete, den Erzbischof Friedrich UI., das Schloss mit dem Gericht „zu
Aufhaim* an Hartnit und Conrad von Küchel um 1500 Pfund gegen
Wiederkauf zu verkaufen (Originalurk. vom 3. October 1325 im Staats-
Archiv). Der abermalige Rückfall scheint jedoch schon vor dem Aus-
sterben der Kuchler (1436) erfolgt zu sein, da 1393 Juni 5 Otto
Grans die Burghut und Pflege zu Stauffeneck inne hat (ürk. des
Staats- Archivs).
Im Jahre 1299 hatten die Stauffenecker auch das Gericht Raschen-
berg inne, aber nicht lehensweise, wie es scheint, sondern in der
späteren Weise zur Burghut und auf Lebenszeit. Dies geht aus einer
Urkunde des domcapitel'schen Privilegienbuches f. 149 hervor, in welcher
Heinrich von Stauffeneck als .richter und purgrave ze Raschenberch '
erscheint
Die Gerichte Glaneck und GoUing waren, wie anzunehmen, bis
zum Aussterben des Geschlechtes der Gutrater (Anfang des 14. Jahrb.)
im Besitze dieser Familie; später wol in dem der Kuchler. Ob wol
speciell von den Kuchlern viele Urkunden erhalten sind, theils im
45"
G92 iflichter.
Original im Staats-Archiv, theils im 4. Band der Kammerbücher, ge-
langt man hierüber doch nicht zu völlig sicherer Kunde.
IV.
1. Die erkauften Gerichte.
Die Herrschaft Matsee. Die Geschichte des Gerichtes oder
der Herrschaft Matsee (wie es gewöhnlich bezeichnet wird) ist fiir uns
eine der lehrreichsten und rechtsgeschichtlich interessantesten. Den
Mittelpunkt und Hauptort der Herrschaft bildet das uralte Stift Matsee,
das angeblich von Herzog Thassilo gegründet, jeden&lls in der Zeit
Karls des Grossen bereits bestanden hat, und zwar, wie neuestens
nachgewiesen wurde, als Benedictinerkloster (Mon. Germ. Libr. confrat. 1).
Am Beginne des 10. Jahrh. wahrscheinlich TOn den Ungarn zerstört,
wurde es später als weltliches Chorherrnstift wiederhergestellt und
findet sich seit 993 unzweifelhaft im Besitze des Bisthums Passau, in
dessen Dependenz es bis zur neuesten Zeit verblieb.
Im 11. Jahrh. scheint auch bereits die Herrschaft Matsee in den
Besitz der Passauer Kirche übergegangen zu sein. Kaiser Heinrich HX
kaufte nämlich der bischöflichen Kirche von Passau die Zehenten ab,
welche dieselbe aus der Gegend von Banshofen bezog, um sie dem
Stifte daselbst zu schenken, indem er dafür an Passau gab:
«praedia, que jacent in&a istos terminos: de Flurnespach
(Flurnsbach) usque in Gramsee (Grabensee), deinde super mon-
tem, qui dicitur Haunsperch usque in flumen, qui dicitar
Mulepach, deinde Püchberg usque ad lapidem, qui dicitur
Wartstein, deinde ad locum Durchfert usque Makkipgen.
Da alle Oertlichkeiten noch heute unter diesen Namen bestehen, so
ergibt sich leicht, dass die damab an Passau gekommenen Besitzungen
in einem üm&nge liegen, welcher dem des späteren Gerichtes Matsee
— ohne die Aemter Schlehdorf und Lochen — fast vollkommen ent-
spricht. Passau vereinigte diesen neuen Erwerb wahrscheinlich mit
den älteren Gütern des ihm zugehörigen Stiftes Matsee zu einer
eigenen Herrschaft, die es durch Burggrafen zu Matsee verwalten liess.
Ueber die kleinen Ereignisse, Fehden, Bauten u. s. w., welche
sich hier gegen Ende des 13. und 14. Jahrh. abspielten, gibt uns eine
chronikalische Aufzeichnung, die in Matsee entstand, interessante Auf-
schlüsse (gedruckt Mon. Germ. 9, 823 u. ff.). Aus ihr . und einigen
gleichzeitigen Urkunden ersehen wir, dass Passau sich auch im Besitze
der obersten Gerichtsbarkeit in diesem Gebiete befand oder dieselbe
wenigstens beanspruchte, sie aber gegen Eingriffe der Herzoge von
ünfersnchuDgen zur bist. Geographie des ehem. Hochstifbes Salzburg. 693
Bayern zu yertheidigen hatte. Dass Passau die ganze Gerichtsbarkeit
in Anspruch nahm, ergibt sich, wie mir scheint, mit Sicherheit aus
einer Urkunde von 1305, in welcher Bischof Wemhard von Passau
dem Matseer Capitel jene bekannte localbegrenzte Immunitat (Freiung)
flir die Personen des Stiftes und dessen nächste Hausdienerschaft,
Meier, Fischer u. s. w. gewahrt, seinem Richter jedoch die drei
schweren Fälle vorbehält. Die entscheidende Stelle lautet:
„ ut nullus castellanorum seu judicum nostrorum, qui pro tempore
in Matsee fnerint, officiales camerarios, coquinarios piscatorem
pincernam et totam familiam suam, villicum in Ochsenhering et
molendinatorem in Bamsmos debeat audeat vel praesumat ad
Judicium trahere, nee vocare propter casus simplices; concedimus
enim, ut praedicti capituli canonici praescriptos homines suos
judicio regant, corrigant et emendent, et in causis liticis de eis
justidam exhibeant, et faciant unicuique querelanti quando necesse
fuerint, his casibus duntaxat exceptis, sicut sunt violentüs
coitus, homicidium et furtum, m quibus homines antedictos non
relevamus sed eos judici nostro judicandos sicut expedit, reser-
vamus •.
Dass aber Bayern damals ebenso wie später die Jurisdiction über die
drei schweren Fälle auch Passau gegenüber in Anspruch nahm, wird
durch mehrere Stellen der Annalen belegt; z. B.:
, eodem tempore erat magna contentio inter judicem provmcialem
Bavciriae, qui adhuc aliquam habebat jurisdictionem ibidem et
judicem tenitorii in Matsee, habebatque judex provincialis suum
tribunal seu locum judiciandi in villa, que dicitur Beitsham, sed
in processu temporis jurisdiciio praefatorum ducum est venditioni
exposita et dominio in Matsee integraliter coadunata et applicata,
sicque controversia et contentio judicum est sedata per hunc modum ■.
Doch war diese Lösung keineswegs von Dauer. Auch als die Herr-
schaft Matsee durch Kauf von Passau an Salzburg übergegangen war,
beanspruchte Bayern nach wie vor die Gerichtsbarkeit der drei schweren
Fälle. Im Jahre 1359 und neuerdings 1379 (August 29) lieh Erz-
bischof Pilgrim dem Bischöfe Albrecht von Passau 4000 Pfund Wiener
Pfennige und bekam dafür die Herrschaft Matsee zum P&nd (Urk.
des Salzb. Beg.-Archives). Auch diesmal war die Verpföndung nur ein
Vorspiel des dauernden Verlustes. Es liegt eine Urkunde vor von
1390, Ertag nach Herbst-Buperti (Sept. 27), wonach Bischof Georg von
Passau
„vest und gesloss ze Mattsee mit aller, zugehorung . . . gericht
und rechten, nutzen und eren*
694 Richter.
um 9000 Pfund Wiener Pfennige an Erzbischof Gregor verkauft; dann
eine zweite von 1398, Charfreitag (April 5), worin der Kauf erneuert
wird, die Eau£3umme aber mit 15000 Pfund angegeben ist (Kammer-
bücher 2, 874).
Die Herrschaft Matsee war zwar mit allen ^Bechten und Ge-
richten* u. 8. w. Yerkauft worden; in Wirklichkeit aber mussten alle
schweren Verbrecher an einer bestimmten Stelle des Niedertrumer Sees
dem bayerischen Landrichter auf dem Weilhard ausgeliefert werden,
wie es ein Weisthum des 1 5. Jahrh. (1432) beschreibt, und zwar nicht
blos zur Execution des ürtheils, sondern zur Aburtheilung auf der
Schranne zu Astätt (Salzb. Taidinge S. 44).
Dass dies wirklich am Beginn des 15. Jahrh., also zur Zeit des
Kaufes in üebung stand, beweist am besten der umstand, dass im
Jahre 1414 der Erzbischof Johann dieses bayerische Becht um 9000
Goldgulden für 10 Jahre auf Wiederlösung Yom Herzog Heinrich er-
kaufk hat, welcher Kauf 1431 und 1442 erneuert wurde.
Es würde hier zu weit fahren, die wechselnden Phasen des Streites
zu verfolgen und darzustellen, welcher sich in der Folge an diese Sache
knüpfte. Für uns ist das bisher angeführte nur ein neuer Beweis,
dass alle Immunitäten und Freibriefe der Stifter dieselben in der
zweiten Hälfte des Mittelalters nicht vor der IJeberlegenheit der welt-
lichen Fürsten zu schützen vermochten^).
Man sieht, dass Bayern gegenüber den geistlichen Stiftern weniger
nach den Bestimmungen der alten Immunitäten als nach den B^eln
des sogen. Gerichtskaufes von 1311 vorzugehen gewohnt war, wo
nämlich allen geistlichen Stiftern und adeligen Landständen die Nieder-
gerichtsbarkeit überlassen worden war, während den Herzogen der
Blutbann und die Landeshoheit blieben. So sollte denn auch bei
Matsee gegenüber dem Erzbischof von Salzburg die Folgerung vom
Besitz des Blutbannes auf den der Landeshoheit gezogen werden.
Aber Salzburg wehrte sich gegen diesen Schluss auf das lebhafteste.
Die Auslieferungspflicht der Verbrecher war seit dem 15. Jahrh. nicht
mehr zweifelhaft; von jetzt an dreht sich der Streit um , Steuer,
<) Wir sind durch die meist erhaltenen Originalacten und Urkunden, sowie
durch mehrere ausfCihrlicbe Berichte Eleimayms und anderer aus den Jahren
1760—82 (Mas. des Salzb. Reg. Arch.) über den von 1481^1802 dauernden Streit
um Matsee genau unterrichtet. Der Process beim Reichskammergericht begann
1592 und war 1802 noch nicht beendigt. Die interessanten Originalmappen sind
leider nur zum Theil erhalten. Hier kann nur eine kurze Skizze dieser ftlr die
Rechtsverhältnisse einer noch nicht lange verflossenen Zeit so charakteristischen
Ereignisse gegeben werden.
ünterauchimgen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 695
Musterung und Scharwerk* und um das Recht, Begierungsmandate
zur Verlesung und Ausführung zu bringen; das ist also Steuerleistuug,
Wehrpflicht und Polizei, die Attribute des modernen Staates.
Durch einen grossen Vertrag mit Saalbuch Ton 1527 wurde der
Bechtsbestand endlich dahin festgestellt, dass Bayern thatsächlich auf
jene Aburtheilung der Verbrecher beschrankt blieb, die übrigen Bechte
aber Salzburg zuerkannt wurden, worauf ein GOjShriger Frieden eintrat.
Neuer Anlass zu Streitigkeit ergab sich erst wieder 1587, und
zwar dadurch, dass die Grenzen von Matsee gegen das bayerische Gericht
Weilhard keine ganz bestimmten waren. An die fQnf eigentlichen Mat-
see'schen Aemter Schlehdorf, Obertrum, Seeham, Berndorf und Matsee
schliesst sich als sechstes das Amt ; Lochen* als ein solches mit
.nicht geschlossenem Territorium*. Das ist wol so zu verstehen: in
dem Gebiete von Lochen hatte Salzbui^, resp. Matsee nicht einen ge-
schlossenen Besitz, sondern nur einzelne ünterthanen; etwa die Hälfte
aller vorhandenen. Solche sporadische Ünterthanen hatte Salzburg in
den bayerischen Landgerichten im Isengau sehr viele, gegen 2000.
Bei den letzteren war aber die bayerische Landeshoheit zweifellos, der
Um&ng der Niedergerichtsbarkeit, des Besteuerungsrechtes u. s. w.,
welches Salzburg genoss, durch viele Vertrage geordnet. Bei den salz-
burg'schen Ünterthanen im Lochner Amte wollte aber Salzburg die
bayerische Landeshoheit (so wie auch im übrigen Matseer Gericht) gar
nicht anerkennen; ebenso wenig vermochte es aber auch über die
bayerischen ünterthanen etwa die eigene Landeshoheit auszuüben, da
es diesen gegenüber weder die hohe noch die niedere Gerichtsbarkeit
besass; so zwar, dass also dort jede bestimmte Grenze fehlte oder das
Amt Lochen als ein mit salzburg'schen Bauernhöfen gesprenkeltes bayeri-
sches Gebiet angesehen werden muss.
Je mehr die innere Geschlossenheit der Staaten sich ausbildete,
um so unertrBglicher musste ein solcher Zustand werden. Daher
griff man schon 1589 zu dem naheliegenden Auskunftsmittel eines
Austausches der fraglichen Güter, um so zu einer geschlossenen
Grenzlinie zu gelangen. Aber dieser, wie alle folgenden derartigen
Versuche scheiterten an der Unmöglichkeit, eine beiden Theilen zu-
sagende Grenzlinie aufzufinden. Daher dauerte der Streit fort und
Salzburg brachte in den Jahren 1592 — 1626 dreizehn einzelne Klagen
wegen bayerischer Gewaltthätigkeiten beim Beichskammergericht ein.
Die einzelnen Fälle betreffen das Becht des Bierschankes, Verlassen-
schaftsabhandlungen, Polizeistrafen und ahnliches, wobei die Ansprüche
der beiderseitigen Behörden collidirten.
Die folgenden Jahrhunderte zeigen nach Buhepausen von einigen
696 Richter.
DecennieD immer wieder das Auftauchen neuer Collisionen, dann folgen
Verhandlungen, neue Yergleichslinien werden Yorgeschlageu, yermessen
und abgeändert, schliesslich stockt das ganze Yermittlungswerk und
bleibt liegen. So geschah es 1603, 1661, 1701 und 1721. Mit neuer
Heftigkeit entbrannte der Streit um 1760, da Bayern sogar Gewalt
anwendete und mit Truppenmacht einige üebelthäter aus dem Pfleg-
gerichtsgebäude Ton Strasswalchen entführen liess. Zweimal, 1765 und
1777, wurde jetzt eine neue Grenzlinie ausgemittelt und schliesslich
waren sogar die beiderseitigen Commissäre vollkommen einig gewor-
den: da vernichtete der plötzliche Tod des Churfursten Max Josef
(Neujahr 1778) abermals die Hoffnung des Ausgleiches.
Der Teschener Frieden brachte das Innviertel an Oesterreich und
dieses erhob sogleich wieder Ansprüche auf die Landeshoheit über das
ganze Gericht Matsee (1782). Noch 1790 bekam der salzburg^sche
Gerichtschreiber in Matsee von der erzbischoflichen Regierung eine
Belohnung, weil er die Missachtung der alten Auslieferungsbräuche
seitens des kaiserlichen Beamten schärfstens zurückgewiesen hatte.
Noch war die Matsee'sche Grenzregulirungsangelegenheit nicht ge-
schlichtet als Salzburg dauernd österreichbch wurde (1816). Nun handelte
es sich nur mehr um die Grenzbestimmung der beiden Eronländer
Oberösterreich und Salzburg. Diese erfolgte durch Commissionen
in den Jahren 1817, 1820 und 1867, deren Ergebniss die heutige
Grenze ist.
Ich verzeichne auf der Karte: 1. den umfang des Gerichtes Mat-
see ohne das Amt Lochen; 2. die bayerische und die salzburg^sche
Anspruchslinie von 1721 und die endlich 1777 zu Stande gebrachte
Mittellinie; 3. die gegenwärtige Grenze.
Das Material hierzu bieten: das Saalbuch von 1527, die Grenz-
beschreibungen der benachbarten Gebiete von Anthering und Neumarkt,
sowie zahlreiche Grenzkarten und Acten aus dem vorigen Jahrhundert
im Salzburger Regierungsarchiv, welche ich hier aus Baummangel nicht
im einzelnen besprechen kann. Vielleicht findet sich ein andermal
Gelegenheit, über diese Angelegenheit ausführlich zu referiren.
Das Gericht Matsee wircLals zum Mattiggau gehörig betrachtet,
obwol eine bestimmte urkundliche Angabe in diesem Sinne nicht vor-
handen zu sein scheint. Die älteren Autoren, welche diese Ansicht
aufgebracht haben, scheinen zu derselben vorwiegend durch den um-
stand bewogen worden zu sein, dass Matsee sammt Umgebung wie
der übrige Mattiggau zur Diöcese Fassau und nicht zu der des so viel
näher gelegenen Salzburg gehört hat. Das Zusammenfellen von Gau-
und Diöcesangrenzen war und ist eben eine stets gern angenommene
Untersuchungen zur hisi. Geographie des ehem. Hochstifted Salzburg. 697
yermuthung. Doch gehört nicht das ganze Gericht Matsee zur Diöcesc
Fassau, sondern die Pfarre Berndorf (welches schon im Indiculus mehr-
mals vorkommt) gehörte stets zu Salzburg i). Dieses selbe Berndorf
wird auch in Cod. Hartwici (Mitth. d. Instit. 3, 88) als im Salzburggau
gelegen bezeichnet. Hier ist also eine Unklarheit Dass die Oaugrenze
zwischen Berndorf und dem Matsee durchgegangen sei, erscheint nach
Betrachtung der Gegend nahezu unglaublich. Der RQcken des Hauns-
berges, der gegen Westen steil abfallt, und dessen Kamm eine so natftr-
liehe und scharfe Grenzlinie bildet, wie sich ausserhalb des Hoch-
gebirges nur wenige vorfinden, dacht sich gegen den Matsee sanft ab.
Auf diesem Abhang, nur 2 % Kilometer vom Matsee entfernt und ganz
offenbar dessen Becken angehSrig, liegt Bemdorf. Der Haunsberg-
rücken ist auch stets nach alten und jüngeren Greuzbeschreibungen
die Grenze zwischen den Gerichten Haunsberg und Matsee gewesen.
Wenn also trotzdem Berndorf als im Salzburggau gelegen bezeichnet
wird, so würde ich lieber glauben, man habe das Gericht Matsee
zum Salzburggau gerechnet, als dass ich mich entschliessen könnte,
anzunehmen, eine Gaugrenze sei zwischen Bemdorf und Matsee mitten
durch das Gericht Matsee verlaufen. Was die Beweiskraft der Diöcesan-
grenzen ftir Gauabgrenzungen betrifft, so darf wol darauf hingewiesen
werden, dass erstlich in unserem Gebiete im Allgemeinen ein
Zusammenfallen der kirchlichen und weltlichen Abgren-
zungen nicht zu beobachten ist und zweitens, dass in zweifel-
haften Fallen die Gerichtsgrenzen zur Feststellung der Gh^ugrenzen
schon deshalb beweiskraftiger sein müssen als die Diöcesangrenzen,
weil die Gaubezeichnung (wenn sie nicht überhaupt bereits zu einer
oberflächlichen und allgemeinen Angabe der Gegend herabgesunken
ist) eben die Bezeichnung einer Gerichtszugehörigkeit beabsichtigt. So
lange also Bemdorf zum Gericht Matsee gehört hat, muss es also
auch zum selben Gau wie Matsee gehört haben und umgekehrt.
Obwol Kleimayrn behauptet, dass das Gericht Höchfeld und
der Markt Strasswalchen nicht zugleich mit Matsee an Salzburg ge-
kommen sei, so möchte ich doch zu dieser alten Ansicht aus folgendem
Grunde zurückkehren: dass in einer Stelle der oben erwähnten Mat-
seer Chronik ausdrücklich gesagt wird, der »Uttendorfer*, welcher
1277 sich der Herrschaft Matsee bemächtigt hatte, habe auf dem
Todtenbette diese wieder an Fassau zurückgegebeu und den Markt
Strasswalchen dazugefügt. Es wird also dann gleichzeitig mit
') So im 15. Jahrh. nach NotizbL 1, 267, Verzeichnise der Kirchen der
Salzb. Diöcese.
608 Richter.
Matsee an Salzbarg gekommen sein, da keinerlei andere Kachriclit des
Erwerbes Torliegt. Das Oericbt Strasswalchen-Höchfeld wurde erst
1820 nm den auf der Karte angegebenen Umfang TergrSssert
2« Gterichte vereobiedener Brwerbaart.
Das Landgericht Menmarki Dieses Gericht umfEMst das
Becken des Wallersee und besteht, wie nnten gezeigt werden wird,
eigentlich aus den drei Gerichten Eöstendorf, Henndorf nnd Seekirchen.
Sein Umfimg ist in der Karte eingetragen hauptsächlich nach den
Taidinge 14 — 16 nnd 31 abgedruckten Bfigangen.
Auf welche Weise das Erzbisthnm in den Besitz des Land-
gerichtes in diesem Bezirke gekommen ist, ist ToUkommen un-
bekannt Es findet sich weder irgendwo ein Erwerbstitel, noch ist
auch die Wirksamkeit itgenä eines Grafengeschlechtes daselbst über-
liefert. Dass das Erzbisthum schon sehr frQhe in diesem Gebiete Be-
sitzungen gehabt, ist durch den Indiculus und die Breves Notitiae hin-
länglich erwiesen; war ja, wie nicht zu zweifeln ist, Seekirchen, wenn
auch nur eine kurze Zeit lang, und zwar TOr Salzburg ein kirchlicher
Mittelpunkt (vgl Vita St. Buperti Mon. Germ. 9, Breves Notit. 3, Indic.
Arnonis 2, 3 u. folg.). Dass aber etwa die kirchlichen Besitzungen den
ganzen Fundus des Gerichtes umfsE^st hätten und somit ausser den
Holden der Kirche überhaupt keine Bewohner rorhanden gewesen
wären, so zwar, dass es also von yornherein nur kirchliche Immunitäts-
richter gegeben hätte — davon kann in einer so dicht besiedelten Gegend
nicht die Bede sein. Es muss also irgend ein Kaufs- oder Belehnungs-
act vor sich gegangen sein, von dem wir keine Kenutniss haben.
Die authentischen Nachrichten von den Schicksalen dieser Gerichte
beginnen mit einer Beihe von Urkunden des Geschlechtes der Tann er,
welche von 1282 — 1391 reichen und aus denen hervorgeht, dass dieses
Ministerialengeschlecht der Salzbui^er Kirche mit den drei Gerichten,
welche später das Landgericht Neumarkt bildeten, belehnt war. Da
die Tanner schon seit dem Beginne des 12. Jahrh. nachzuweisen sind
(Notizbl. 5, 476) und offenbar unter die allerersten Geschlechter des
Stiftsadels gehörten — sie hatten das Kämmeieramt — so ist wol
anzunehmen, dass sie schon im 12. und 13. Jahrh. mit den genannten
Gerichten belehnt waren ^).
^) Siehe die ausföhrliche und grundlegende Arbeit von Zillner »Die Tann«
Salzb. Ldk. 22, 107. Im Salzburger Intelligenzblatt 1808 S. 828 findet sich die
Nachricht: laut der Angabe einer handschriftlichen Chronik habe Erzbischof
Friedrich II. im Jahre 1281 dieses Gericht vom Bischof Heinrich von Begensborg
erworben. Diese handschriftliche Chronik ist offenbar die ausführlichere Faseung
ünteTSucIlUDgen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 699
Die erste hierher gehörige Urkunde ist von 1282 Juni 22 (Kammer-
bücher 6 TS^ 101). Ekhart von Tanne mit* seinem älteren Sohne Ekhart
schwört dem Erzbischof neuerdings Treue und Gehorsam und ver-
spricht seine Besitzungen, Lehen, Burgen, Yogteien und Gerichte weder
durch Heirat noch durch Verkauf oder Verpfandung oder sonst wie
der Kirche zu entziehen. Als Pfand seiner Treue räumt er dem Erz-
bischof die Burg Lichtentann
«cum attinenciis suis*
auf fünf Jahre ein^). Die Urkunde ist vollinhaltlich abgedruckt als
Beilage 8. Aus ihr geht hervor, dass auch die Tanner ahnlich wie die
Törringer, Kalheimer, Bergheimer und andere Ministerialengeschlechter
durch die ungeordneten Zustände während des Streites der Gegen-
bischöfe Philipp und Ulrich und der kurzen Begierung Ladislaus
(1256 — 1270) so übermüthig und in ihrem Lehensverhältniss zum
Erzbisthum so wankend geworden waren, dass auch sie vom Erz-
bischof Friedrich, wie jene, erst gedemüthigt und zur ausdr&cklichen
Anerkennung jener Lehenshoheit genöthigt werden mussten. Durch
diese Niederbeugung der grossen Vasallen, von der eine Beihe Urkun-
den und Chronikstellen berichten, wurde Erzbischof Friedrich II. neben
Eberhard IL, der das Aussterben der Grafengeschlechter so klug benutzt
hatte, der zweite Gründer des erzbischöflichen Kirchenstaates.
Diese Urkunde würde im Zusammenhalte mit jener oben er-
wähnten Chronikstelle, wonach der Erzbischof das Gericht erst von
den Tannern erworben hätte, sowie in weiterem Zusammenhalte mit
der Chronik des Johaim Christof Jordan von Martinabuch, welcher um die Mitte
des 16. Jahrh. gelebt hut. Sie existirt in vielen Abschriften, so in der Münchener
Staatsbibliothek Cod. germ. N» 1688, 84, 85« 87, 89, 91, 92, 98 nnd 97, in der
Wiener Hofbibliothek Cod. 7691 und 8009; im Stifte St. Peter Sign. XXVIII, 4
und 12; XXIX, 2, 8 und 4; XXX, 1 ; in der k. k. Studienbibliothek Ms. V, S 2,
2S5 ; III, 8 E, S82 und mehreren anderen. Hier heisst es zu einem Jahre zwischen
1279 und 1281: ^ Dieser zeit hat Erzhischoff FHederich alle glUt und g&eUer vom
Bisehof Hainrich und dem Capitl zue Regenspurg zu Monaee erkauft um ... 8* geü
und 7 marih Hlber, Liechtentann und ÄUentann sint auch dieer Zeit Erzbitchofen
Fridr eichen von den Thanern zuegestanden,* Die erste Angabe vom Kaufe von
Mondsee geht auf die Urkunden von 1278 Juni 14, ürkb. 0. d. E. 8 N® 626 und
von 1286 Febr. 1, Kammerb. S N^ 226 und 5 N» 88 zurück, wonach thatsftchlich
der Verkauf der Herrschaft Wildeneck (Gebiet von Mondaee) stattgefunden hat
Die zweite Notiz bezieht sich offenbar auf eine zu erwähnende Urkunde Ekharts
von Tann von 1282. Der Verfasser des betreffenden Artikels im Intelligenzblatt
hat nur ungenau ezcerpirt.
<) Dadurch berichtigen sich bei Zillner, dem diese Urkunde unbekannt ge-
blieben ist, die Stellen S. 181 über die Treue der Tanner und S. 180 über die
Erbauung von Liechtentann.
700 Richter.
eiaer ürkundenstelle von 1379, worin Eckhart der ältere ron Tanu
(fitöt alle Tanner lieissen Eckhart) behauptet:
«wan daz gericht ze Hondorff von dem hertzogtum zu Bayern
tze lehen ist* —
auch die Auslegung gestatten, dass die Tann'schen Gerichte wirklich
einst bayerische Lehen gewesen sind. Doch scheint diese Möglichkeit
dadurch ausgeschlossen, diiss die Tanner auch im }2. Jahrb., wie
Zillner nachgewiesen hat, unzweifelhaft salzburg'sche Ministerialen ge-
wesen sind und fQr das 12. und den Anfang des 13. Jahrb. doch
kaum anzunehmen ist, dass ein kirchliches Ministerialengescblecbt so
bedeutende Leben eines anderen Herren hätte besitzen dürfen, dass
ferner in den bayerisch - salzburg'scben Verträgen des 13. Jahrb.
(1219, 1254 und 1275) Ton den Tann und ihrem Gericht nicht die
Bede ist.
Wir werden also wol annehmen dürfen, dass schon im 10. oder
11. Jahrb. das Grafengericht über die in Rede stehenden Gebiete au
das Erzbisthum gekommen ist und seit längerer Zeit im Lehensbesitz
der Tauner war.
Ein ähnlicher Revers wie der 1282 liegt auch von 1302 vor,
worin wieder ein Eckhart von Tann «am siechbette* bekennt: dass die
Gerichte, die er von den von Uttendorf hat, salzburg'sche Lehen sind,
.dez verjach auch derselbe vrey von uttendorf, bei im lebeu-
tigen bei seiner gewizzen, daz er diuselben gericht von dem
gotsbaus ze Salzburg ze lehen biet, wan ich in vragt, ob er
an erben verfuer, von wem ich diuselben- lehen vordem und
raichen solt, nach sinem tode, do verjach er derselben lehenschafb
von ander niemen danne von dem gotsbaus ze Salzburch*.
(Original im Haus- Hof- und Staats-Archiv.)
Welche Gerichte es sind, die der Tanner von dem Uttendorfer geerbt
hat, erfahren wir nicht.
Ebenso bekennt 1303 Sept. 8 der jüngere Eckhart sich feierlich
als Salzburger Ministerialen:
9 daz ich mit trewen, mit dienst, mit heyrat, mit leib und mit
gut ouz dez gotsbaus gewalt nimmer cheren sol noch will*
(Kammerb. 2 N« 72),
und ähnlich 1304 Febr. 27 (Kammerb. 2 N« 41) i).
Deuten alle diese Urkunden darauf hin, dass die Erzbischote es
0 Zur (renealogie der Tanner bemerke ich, dass nach einer Urkunde, derf'n
Original im H. H. u. St-Arch. sich befindet (1S02 Suntag vor YaschiDg), Eckart
der Alte drei Söhne hatte: Eckart den Rorer, Eckart von dem Sant und Eckart
den Polenbaimer.
Untersuchungen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 70 1
fftr nöthig hielten, sich der Treue der Tanner stets wieder von neuem
zu versichern, so ergibt sich eine Conflictsursache aus der Urkunde
von 1314 (Kammerb. 2 N° 34), worin sich Eckhart (wol einer von den
jüngeren) verpflichtet, das Burgstall zu Lichtentann nicht ohne Willen
des Erzbisthums auszubauen.
.Tann im Salzburggau* kommt schon zu den Zeiten Herzog
Tassilos vor (Urkb. o. d. Enns 1 N^ 135), wo es von einem Edlen
Adalunc an Mondsee geschenkt wird. Wie es von Mondsee wieder ab-
kam, wissen wir nicht Um 925 vertauscht eine nobilis femina Ellan-
purg ihren Besitz bei Tann gegen eine sehr grosse Gegenleistung an
der Saale und an den Högeln an Erzbischof Odalbert (Cod. Odalb.
N^ 4). Dieses Tann ist wol identisch mit jenem, nach welchem sich
später das Geschlecht der Tanner nannte, und kein anderes aU das
Schloss Altentann bei Henndorf, 15 Kilometer von Salzburg an der
Linzer Strasse. Gegenwärtig ist das Schloss gänzlich vom Erdboden
verschwunden und die von einem kleinen Teich umflossene Insel, auf
der es einstens stand, ist von dem jetzigen Besitzer in einen Blumen-
garten verwandelt worden.
Das Schloss Lichtentann, von dessen Erbauung schon die Urkunde
von 1282 Erwähnung thut, steht 2y^ Kilometer n.-d. von Altentann.
näher am Berge, und war daher wol fester als das kleine nur von
einem schmalen Teich geschützte Altentann.
. Die genaueste Auskunft über den Umfang der Gerichte, welche
die Tanner besassen, erhalten wir aus einer Urkunde von 133 1 April 24,
wonach die beiden Tanner Niclas und Eckhart ihre Gerichte theilten.
Der Wortlaut dieser Urkunde ist, wenn auch unvollständig gedruckt
in der luvavia (Textband) S. 422 Anm. a. Da gerade in dem Passus,
der die Theilung ausspricht, einige wichtige Worte fehlen, so setze ich
diese Stelle nach Kanmierb. 2 N^ 743 hierher.
Niclas soll erhalten:
das «gericht ze Ghessindorf* und «das zeHöndorf von dem
walde nach dem bache hintz in den sew, innerhalb der Kirchen
als der alte pach rinnt für die StrassmüU und für Intzinger
mül enhalben des paches gegen den Sulzperg*.
Eckhart soll erhalten:
Sekirchen daz gericht und daz Höndorf daz getailt ist, von
dem walde nach dem pach u. s. w. wie oben.
Die übrige Urkunde enthält dann ein höchst interessantes Weisthum,
welches hauptsächlich darüber Bestimmungen enthält, wie man sich
beiderseits gegen die Urbarholden, die in des anderen Theiles Gebiet
hausen, verhalten soll.
702 Bicbter.
Aus dem Theiluagspassos geht zanächst hervor, daas die Tanner
drei gesonderte Gerichte inne hatten: Seekircheu, Kostendor f
und Henndorf.
Welchen Umfang das Seekirchner Gericht hatte, erfahren wir
ganz genau durch die Grenzbeschreibung (Taidinge 14 und 15), und
zwar durch die Grenzangabe der Marschalcher und Maticher «Büeget*
am rechten und der «Diesshalb- Acher Büegef am linken Ufer der
Ache»).
Das Henndorfer Gericht wurde also 1331 getheilt. Betrachten
wir die oben angeführte Theilung naher, so finden wur bald, dass sie
mit der Westgrenze des »Henndorfer rieget* gleichbedeutend, wie sie
Taidinge 14 gedruckt ist Diese lautet:
9 Henndorfer rieget hebt sich an bei dem Wallersee an der saag,
dem pach nach auf bis geen Henndorf auf die StrassmüU, von der
StrassmüU dem Güllpach nach untz an das prQggl bei St. Johanns-
pichl, Ton dem prQggl den Altenthanner gründen und marchen
nach bis an der niedem Ma}rrhofer gründ auf dem mos, den
marchen nach zwischen Genzinger und Mayrhofer unzt auf ain
grossen marchstein zwischen des Gräblers und Altenthanner grQnd
(derselbig gross stain schaidt Altenthon und Lichtenthann yon
einander) auf denselben marchstein geradt ab in der müllpach,
dem mttUpach nach auf den wald auf alle hoch* etc.
Dass mit diesen beiden Beschreibungen dieselbe Linie gezogen ist,
ergibt sich mit Sicherheit auch daraus, dass « der alte Bach, welcher für
die Strassmühl rinnt', offenbar derselbe ist, von dem es in der jün-
geren heisst:
„dem pach nach auf bis gen Henndorf auf die Strassmühl*.
Der jetzt Hendorferbach genannte Waaserlau^ der hierbei ohne Zweifel
gemeint ist, heisst überdies noch im vorigen Jahrhundert Altbach
(Hübner 202) <). Die Strassmühle hat ebenfiEÜls ihren Namen bis heute
behalten und liegt mitten im Dorfe.
Hieraus folgt, dass die spätere «Hendorfer Büget*, welche zum
Gerichte Altentann gehörte, nur der an Eckhart gekommene Theil des
Henndorfer Gerichtes ist; der andere zu Lichtentann gehörige lag
hiervon ostlich und ist also in der Greuzbeschreibung yon Eostendorf
') Die Eintheilang in RQgungen »ruegate* war in den meisten Sabbui^ger
Berichten flblicli. Sie hatten einen Obmann und entsprechen beilftafig unseren
jetzigen Gemeinden an Grösse. >) Ich weiche mit dieser AufTassong TOn Zillnex
1. c 1S9 ab, welcher den weiter östlich fliessenden Oelingerbach für die Theilungs-
linie h<.
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochatiftee Salzburg. 703
mit enthalten, welche Taidinge 32 gedruckt ist und nach welcher der
ümfikng diesea Gerichtes auf der Karte eingezeichnet erscheint
Die Theilung der Gewalten zwischen den beiden Landgerichten
war eine vollständige, nur der Galgen soll gemeinsam sein. Ein
charakteristisches Zeichen, welches uns in yielen Fällen den Hinweis
auf einstige Zusammengehörigkeit zweier Gerichte gibt.
Die Theilung der Gerichte war aber nur ein Vorspiel zu deren
Verlust. Etwa um 1350 muss die Linie des Niclas wahrscheinlich
schon mit diesem selbst ausgestorben sein (Zillner 144). Der Erz-
bisehof nahm hierauf das Gericht Lichtentann-Eostendorf als heim-
gefallenes Lehen in Anspruch, was sich aber die Altentann^sche Linie
nicht gefallen lassen wollte. Letzteres erscheint sehr begreiflich, da
ja die ungetheilten Gerichte offenbar ein alter FamiUenbesitz waren
und daher die Altentanner wol ein Erbrecht beanspruchen konnten.
Es kam darüber zur Fehde, welche durch einen Schiedspruoh Herzog
Albrecht (des Weisen) ?on Oesterreich 1358 Juni 13 geschlichtet wurde.
Die Feste Lichtentann wurde dem Schiedsrichter ausgeliefiert,
«das geiicht, des er vor dem chrieg in nutzlicher gewer her-
chommen ist*,
soll dem Tanner bleiben (also offenbar Altentann), das Gericht, das
dem Erzbischof
«Ton dem alten Tanner ledig worden und da chrieg umb ge-
wesen ist%
soll dem Erzbischof bleiben, also Lichtentann. Zum Schadenersatz
erhalt der Tanner 800 Pfund Wiener Pfennige, welche Torlaufig die
Schiedsrichter ausbezahlen (Original im H. H. u. St-Archiv; Kammer'-
bücher 2 N» 409 und 629).
Damit war aber der Streit noch lange nicht zu Ende. Schon
1362 Februar 14 lallte Herzog Budolf von Oesterreich einen neuen
Schiedspruch, wonach im ganzen der Spruch von 1358 erneuert wurde,
nur ergibt sich, dass der Erzbischof auch das Schloss Altentann in
Besitz genommen hatte; dies soll er behalten, das übrige, was der Erz-
bischof genommen, also offenbar das Gericht Altentann ohne das
Schloss, soll er dem Tanner zurückgeben. Der Erzbischof hat in
beiden Festen Burggrafen (Kammerb. 2 N<^ 465).
Aber erst eine neue Gruppe von Urkunden von 1369 zeigt uns
den endlichen Ausgleich und bringt auch die Zustimmung des Tanners
zu den getroffenen Entscheidungen, welche bisher gefehlt zu haben
scheint. Die jetzige Entscheidung war allerdings auch wesentlich gün-
stiger für den Tanner als die irQheren. Ulrich von Schaumberg und
Genossen bestimmen (3. Februar), dass der Erzbischof dem Tanner
704 Richter.
die Feste Alteutaun, wie sie seine Vorfahren gehabt haben, als
rechtes Lehen verleihen soll; die Feste Liehtentann und das Gericht
soll er ihm zur Bui^hut gegen Treubrief (und wahrscheinlich nur auf
Lebensdauer) überlassen. Dafür soll der Tanner auf alle weiteren An-
sprüche verzichten. Das that derselbe denn auch zu Baitenhaslach am
18. April in feierlicher Weise, indem er sich aller Rechte begab, die
er je behauptet hatte zu besitzen
9 auf die vest Liehtentann und die auf die lantgerichte ze Chessen-
dorf, die von meinem vettern seligen hern Nycla von Tann daz
gotshaus ze Salzburg angevallen und im von demselben ledig
worden sind*.
Dafür erhielt Eckhart noch als Entschädigung 300 Pfund Ffeunige und
ein Schiffi*echt zu Laufen, ein einträgliches Lehen (Kammerb 2 N^741).
Im nächsten Jahre entschied dann noch der geschworene Rath des
Erzbischofs eine Reihe Streitfragen wegen Jagd, Holzlieferungen u.8.w.^)
{Kammerb. 2 N<> 735).
Dass der Tanner trotzdem dem Erzbischofe fortwährend feindselig
gesinnt blieb, geht daraus hervor, dass er 1379 bei Gelegenheit eines
Lehensreverses, den er den Herzogen von Bayern für das Schloss Ybm
ausstellt, diesen auch zusichert, dass ihnen nach seinem erblosen Tode
auch das Gericht HSndorf und die Feste Altentaun zufallen sollen
,,wann das Gericht zu Höndorff von in und von irem hertzogtmn
zu Bayern tze leben ist*.
Es wurde schon ausgeführt, warum diese Behauptung nur f&r einen
Act der Feindseligkeit, nicht aber itir eine wirklich beglaubigte Sache
gehalten werden kann.
Schon 1391 starb das Geschlecht der Tanner mit demselben Eckhart
aus. Altentann
9 mit gericht vogtai vischwaid gejaid manschaft und all ander
nuzz und gilt*
fiel dem Erzstift heim.
Von nun an war das Gericht Keumarkt in seinem ganzen noch
jetzt als Bezirksgericht unverändertem umfang in der Hand des Ei%-
bischofs unmittelbar vereinigt
Dass dasselbe stets zum Salzburggau gerechnet wurde, ist durch
viele Stellen im Indiculus und den Mondseer Traditionen beglaubigt.
0 Ein sehr interessantes Rechtsalterthum, welches leider wie so manches
andere solche Stück nicht in die Sammlung der Salzburger Taidinge aufgenommen
wurde. Es wäre übrigens längst das Material zu einem zweiten ]3a2id SaUburger
Taidinge voihanden, welches Herr Archivar Pirkmayr in Salzburg gesammelt hat.
Untersuchungen zur hifit G^graphie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 70ö
So Walarsaeo Ind. II, 3; Notit. I, 3.
Fangauii) ü. 0. B. 1. N« 118 und 122.
Eondorf (Henndorf) Ind. III, 2.
Tann U. 0. K 1. N« 135 und 118.
Wangiu (Weng) Ind. VI, 5; U. 0. E. 1. N« 118 und 129.
Walardorf (?) Ind. VI, 5.
See (Seekirchen) Ind. VI, 26.
Kessindorf (Kestendorf) U. 0. E. 1. N^ 118.
Das Gericht Neuhaus (Badeck). Dieses die Umgebung
der Stadt Salzburg nach der nördlichen Seite bildende Gericht be-
stand noch im vorigen Jahrhundert aus Tier Schrannen (Hübner 1,
162). Wir sind hier auf diese spate Nachricht angewiesen, da uns
alte Bügungen fehlen. Wir können aber in diesen vier Schrannen
leicht die vier Gerichte erkennen, in welche das Gericht noch im 13.
und 14. Jahrh. zerfiel, worüber uns die Urkunden der Bergheimer,
Badecker und besonders der Kalheimer Aufschluss geben. Die vier
Schrannen hiessen: die Bergheimer, Badecker, Eugendorfer und Heu-
berger Schranne, wozu noch die Chiemsee'sche Hoimark oder das
Gericht Koppl kommt, welches vielleicht einst zu der (später unver-
hältnissmässig kleinen) Heuberger Schranne gehört hat
Das Erzstift besass in diesem Gebiete seit seiner Gründung be-
deutende Güter, wie Itzling, Dietramming und andere, deren Lage und
Ausdehnung Zillner (Ldkd. 21, 25 und 19, 4) mit Scharfsinn und
Erfolg festzustellen bemüht war. Doch erklärt dies bekanntlich in
keiner Weise, wie das Erzstift in den Besitz der Grafengewalt über
den ganzen Bezirk gelangt ist oder wie es gelingen konnte, die welt-
liche Grafschaft aus demselben ganz auszuschliessen. Ja gerade dieses
Gericht bietet den sicheren Beweis dar, dass selbst die Nahe der
Bischofstadt und die grösste Ausdehnung kirchlicher, mit Immunität
ausgestatteter Besitzungen im 10. Jahrh. das Dasein einer weltlichen
Grafschaft nicht unmöglich machten. Im Codex trad. Odalberti N^ 82
aus dem Jahre 930 werden drei diesem Gerichte angehörige Orte als
in der Grafschaft Engelberts gelegen angeführt, nämlidi Lengen-
feld, Bergheim und Eugendorf. Wie die Grafen aus dem Gebiete ent-
fernt worden sind, wissen wir nicht; dass sie entfernt wurden, ergibt
sich daraus, dass im 13. Jahrh. die Gerichte im Lehenbesitz kirch-
licher Ministerialen sich vorfinden.
') Fangau-Pfongau im Gericht Eestendoif wird N^ 124 als im Matiggau
gelegen bezeichnet, nachdem es in der N*^ 118 beigedmekten Au&äblung und in
K* 122 dem Salzbarggan zngerechnet worden. Wieder ein Beweis fQr die Unver«
)&s»lichkeit dieser alten Angaben.
Ui^UüMÜiuifra, SrgtnsanfsM. J. 4«
706 Richter.
Es ist schon im allgemeinen Theile dieser Arbeit bemerkt worden,
dass manche neuere Schriftsteller auch an ein Aufhören der Graf-
schaft in Folge der Ottonischen Immunitäten denken, welche für die
kirchlichen Hintersassen eigene Yogtgerichte neben den gräflichen
Gerichten schufen. Es konnte nämlich der Fortgang der Dinge so
gedacht werden, dass in einem yon kirchlichen Hintersassen über-
wiegend beseteten Gebiet die gräflichen Gerichte wegen Mangel au
gerichtspflichtigen Personen yon selbst aufgehört hätten. Abgesehen
▼on der schon hervorgehobenen ünwahrscheinlichkeit eines solchen
Vorherrschens der Eirchengüter in einem nicht mit dem ganzen Ghrund
Kur Kirche gehörigen Gebiete wird diese Ansicht auch dadurch wider*
legt, dass in späterer Zeit, wo das Landgericht in den Händen der
Kirche sich findet, die Vogtei trotsdem nach wie Tor fortbesteht,
wenn auch nur als nutzbares Recht. Es kann also das spätere kirch-
liche Landgericht, welches wir als Lehen in den Händen der Kirchen-
yaeallen finden, nicht sich aus der Vogtei entwickelt haben, d. h. eine
Fortsetzung der ehemaligen Yogtgerichte über die Stiftsunterthanen.
sein. Die Rechte, die aus dem Titel der Yogtei über die ürbarleute
de?» Stifbes erwachsen, sind etwas ganz anderes als die Rechte des
Landrichters, die diesem «nach dem Recht der Grafschaft* zustehen.
Dies ist aus den Weisthümern sowol, ab aus den Urkunden, wonach
Yogtei und Landgericht (advocaciae et judicia) stets als etwas gesondertes
verliehen oder verkauft werden, deutlich sichtbar.
Eine Ausdehnung der Yogteigerichtsbarkeit zur Landgerichtsbarkeit
erscheint also ausgeschlossen.
Im 1 3. Jahrh. finden wir die einzelnen Theile dieses Gerichtes im
Besitz der Ministerialengeschlechter, der Wartenfelser, Kalheimer, Ra-
decker und Bergheimer, welche aber nachweisbar untereinander nahe
verwandt waren ^). Hieraus erklärt sich vielleicht auch die ausser-
gewöhnliche Kleinheit der vier Antheile, in welche das Gericht getheilt
war. Dass die Ministerialen&milien sich berechtigt hielten, ihre Ge-
richte (wol mit Zustimmung des Lehensherrn) zu theilen, beweist das
oben angeführte Beispiel der Tanner.
Das Gericht zu Eugendorf, wol identisch mit der Schraune
Eugendorf der späteren Jahrhunderte, besass Conrad von Wartenfels
<) Die VerwandtBchaft der Kalheimer und Wartenfelaer ergibt sich aas der
Urk. von 1826 M&rz S7, worin Conrad von Kalheim Anspruch auf des Warten-
feleers Erbe erhebt, vvon ir peden von^ordem*. 1SS8 bezeichnet dann derselbe
Conrad von Kalheim die Badecker als ,«<ttW Ohmms^, Kamh 2, N® 16S. Die Ver-
wandtschaft der Radeoker und Bergheimer erweist Zillner, Sakburger Landesk. 1 s», 4
, Izling-Radeck '.
Untersuchungen zur hist. Geogiaphie de» ehem. Hochstiftes Salzburg. 707
bis za seinem 1326 erfolgten Tode. Wir erfahren das aus einem Ver-
gleicli des Erzbischofs mit Ghunrad von Ghalheim, welcher die Lehen
des Wartenfelsers beanspruchte, indem er behauptete, sie seien
«ungetailteu lehen, von im und ir peden vordem ",
während
« der Erzbischof jach, es wären getailtiu lehen und biet auch die
lehen funden in desselben Chunrads haut an seinem tod*.
Ich verstehe das so, dass nach der Ansicht des Eahlheimers die Lehen
schon im Besitze eines gemeinsamen Vor&hrers gewesen seien, also
auf ibji überzugehen hätten, nach der Ansicht der erzbischöflichen
Begierung aber die Lehen getrennte, dem Wartenfelser Zweige allein
verliehene gewesen seien, auf welche der überlebende Angehörige der
anderen Linie kein Becht habe. Die Schiedsrichter erkannten das
Eugendorfer Gericht dem Eahlheimer zu, einige Yogteieu, welche auch
im Streite waren, dem Erzbischof (Kammerb. 2, 106).
Neben dem Gericht Engend orf erscheint gleichzeitig ein Gericht
zu Ealheim, was sehr auffallig ist, da Ealbeim nur 1% Kilometer
von Eugendorf entfernt in der späteren Schranne Eugeudorf liegt.
Die Stellen, in welchen dieses Gericht genannt wird, sind:
1299 Juni 8. Heinrich von Chalheim gibt dem Erzbischof den
Burgstall und das Gericht zu Chalheim auf (Orig. im Staats-Archiv).
Dieser Vorgang erklärt sich dadurch, dass die Kalheimer, wie es scheint,
bei dem grossen Widerstand der Salzburger Ministerialen den Erz-
bischof Friedrich in den siebziger Jahren zu brechen hatte, eine Art
Führerrolle gespielt haben, wie aus der Stelle der Ann. S. Buperti
(Mon. Germ. 9) zu 1275 hervorgeht:
castrum Chalheim a venerabili Friderico archiepiscopo propter
enormitates innumeras ibi commissas fiinditus destruitur.
Diese Zwistigkeiten waren schon 1269 vorhanden, wie eine Urkunde
Kammerb. 6, 140 zeigt, in der mehrere Ministerialen versprechen, dass
die beiden Kalheimer sich mit Erzbisehof Ladislaus versöhnen werden,-
und dauerten offenbar lange Zeit fort 1326 März 27 ist der Kal-
heimer Conrad wieder im Besitze des 1299 aufgegebenen Gerichtes,
indem die Spruchmänner in dem oben angeführten Streit um die Erb-
schaft des Wartenfelsers sagen, der Erzbischof solle ihm das Gericht
Eugendorf leihen, das in Conrads von Wartenfels Hand ist gefunden
worden, mit samt dem Gericht das Conrad von Kaiheim
von seinem Vater hat innegehabt.
Seinen Burgstall zu Kaiheim soll er zu Lehen nehmen. Eugendorf
und Kaiheim sind also getrennte Gerichte. Der Burgstall von Kai*
46*
708 Richter.
heim war wol einst freies Eigen des Geschlechtes, welches aber seit
seiner Demüthigang auch dessen Lehenrührigkeit vom Erzstift an-
erkennen musste (Eammerb. 2, 107). 1327 Not. 16 (Eanmierb. 2, 118)
erfolgte ein Beyers des Ealheimer, dass er das , dingen* (appelliren)
von seinem Qericht
,daz im sein Tater hat lassen und mein leben ist Ton Salzburg,
und auch Ton dem gericht zu Eugendorf daz mir derselb mein
herr yerliehen hat, do es im ledich wart Ton meinem yetem
Chunraten yon Wartenyels*
an den Erzbischof nicht bestreiten wolle. 1333 April 29 (Eammer-
bücber 2 N^ 153) war aber die Qericbtsherrlichkeit der Ealheimer über-
haupt zu Ende. An diesem Tage verkauft Ghunrad yon Chalheim
9 yon grosser gült und anderer notdurft sein gericht ze Chalheim
mit sammt dem purchstal da daz haus ze Chalheim etwan auflag,
daz ich und mein vordem von dem gotshaus ze S. zu leben haben
gehabt mit allen den rechten als ez mein enn, mein vater und
ich her haben pracht, daz an einem tail stSzzet an das
Talgew, an dem andern tail an der Tanner gericht,
und an dem dritten tail an der Badekker gericht
um 40 ft Salzburger Pfennige.
So selten und willkommen uns eine so genaue Angabe der Lage
ist, so setzt sie uns doch in Verlegenheit. Denn wenn das Ealheimer
Gericht einerseits an das Thalgauer, zugleich aber an das Tanner und
Badecker Gericht grenzt, dann war es identisch mit der spateren Schranne
Eugendorf, wie ein Blick auf die Karte lehrt. Wo aber bleibt dann
das Gericht Eugendorf? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als an-
zunehmen, dass die Schranne Eugendorf die beiden Gerichte Ealheim
und Eugendorf enthalt, welche damals in einer uns nicht bekannten
Weise getheilt gewesen sind. Aber selbst da ergibt sich noch eine
Schwierigkeit. Wenn das Gericht Eugendorf noch so klein angenommen
wird — etwa nur Eugendorf, Febering und Eugenbach umfisissend, so
war doch auch schon dadurch der Best, das Ealheimer Gericht, von
der Berührung mit dem Badecker Gericht abgeschnitten; es wäre denn,
das letztere hätte damals nicht blos die unzweifelhaft dazu gehörige
Schranne Hallwang, sondern auch noch die Schranne Heuberg, von
deren Schicksalen wir ohnediess sonst nichts wissen, umfiissi Nur so
wäre es möglich, das der östliche Theil der Schranne Eugendor^ den
wir als Ealheimer Gericht ansprechen, zugleich an das Thalgauer,
Tanner und Badecker Gericht grenzen kann.
Die Schranne Hallwang war das Gericht der Badecker. Zillner
nimmt an, dass es erst nach dem Lehensverlust der Gutrater 1243 an
ünterBuchungen zur bist. Geographie des ehem. HocbatifteB Salzburg. 709
die Badecker gekommen sei. Dass die Qutrater Yon den alten Dietra-
mingern abstammen, von denen sich einer auch de Haltenwang nennt,
ist allerdings ziemlich zweifellos (Mitth. f. S. Landeskunde 21, 30 und
19, 55). Auch hier er&hren wir den Besitz dieser Ministerialen»
geschlechter erst durch jene Urkunden, welche den Verlust dieses
Besitzes zum Ausdruck bringen. Schon 1273 Sept 29 yerkaufte Hein-
rich von Badeck «dimidium castrum in Badeck* an «Erzbischof Friedrich
(Orig. im Staats-Archiv). Seine Enkel (?) Heinrich und Budeger dann
1334 den Best sammt dem
« lantgericht ze Halbenwanch, daz wir gehabt haben ze derselbigen
purch mit aller herschaft und mit allen rechten *. (Eammerh. 2
N« 162.)
Die Schranne 'Bergheim war im Lehensbesitz der Bergheimer, eines
alten und ansehnlichen Hinisterialengeschlechtes, von welchem die
Badecker nur eine Nebenlinie gewesen sein dürften (vgl. Zillner MittL 19)*
Heinrich von Bergheim war ebenso wie der Kalheimer mit Erzbischof
Friedrich II. schwer yerfeindet und verlor dadurch wie jener einen
Theil seines Besitzes, und zwar gerade die Gerichtslehen. 1295 am
13. Juni bekennt Heinrich von Bergheim, dass er seiner Lehen ver-
lustig geworden sei, weil er gegen sein Gelübde dem Erzbischof bis
400 Pfund Schaden gethan habe. Damit er aber nicht ganz verderbe,
gestattet der Erzbischof, dass er um 200 Pfund Pfennige verkaufe
9 min gesaezze ze Perchaim mit allem daz darzue gehört, wan es
min vater und ich herbracht haben ze rechten lehen . . . und darzu
min gericht zePercheim daz ich und min vater von dem gots-
haus zu rechtem lehen gehabt haben' u. s. £.
So waren innerhalb weniger Decennien diese verschiedenen kleinen
Gerichte aus den Händen der Ministerialen genommen und ihrer Eigen-
schaft als Erblehen entkleidet. Bald darauf müssen sie von den Erz-
bischofen zu einem Gericht vereinigt worden sein. Denn schon 1407
wird Feichten bei Strass, 1419 Eugendorf, 1454 Muntigl bei Bergheim
als im Badecker Gericht gelegen bezeichnet (Eammerh. 3, 21 und 5,
300). 1508 wurde der Gerichtssitz von Badeck nach Neuhaus verlegt
(ürk. des Staats-Archivs).
Die Abtheilungen des Gerichtes ergeben sich aus der uns be-
kannten Zugehörigkeit der Ortschaften zu den einzelnen Schrannen;
die Grenzen aus den Umgrenzungen der Nachbargebiete.
Gericht Anthering. In diesem Zusammenhang behandeln wir
wol am passendsten das Gericht Anthering, welches wir im Jahre
1322 in den Händen der Bergheimer treffen. Li diesem Jahre am
7- Sept. beurkundet Hermann von Bergheim, dass das Gericht zu
710 RichtfM-.
Anthering ein Leheu des Erastiftes ist (Kammerb. 2 N^ 32). 1336
verkaufen Marquart und Friedrich von Bergheim dasselbe am 370 Pfund
an den firzbischof (Kammerb. 2 N<> 182).
Diu Grenzen dieses Gerichtes erfahren wir sehr genau, durch eine
Bestimmung der Verkaufsurkunde, welche eine Art Grenzbeschreibung
gibt, ferner durch die Liste der Güter, welche im verkauften Gericht
liegen und endlich durch ein ausführliches Weisthum, welches durch
Alterthümlichkeit und interessante Bestimmungen ausgezeichnet ist
(Taidinge 64). Die Stelle der Verkaufsurkunde lautet:
«daz sich anhebt in mitt der Salzach und get gegen Winchel in
dem graben an der Tanner gericht und daz Ansveld da di achen
ausgent in Matzsaer gericht zwischen des Cholpachs und des
Weizzenpachs mitten in die naufart der Salzach*.
1608 wurde es mit den Gerichten Haunsberg, Ober- und Unterlebenau
zum Pfleggericht Laufen vereinigt.
Wie es an das Erzstift gekommen, wissen wir nicht, möglicher
Weise aus dem Erbe der Lebenauer.
Die Gerichte Wartenfels (Thalgau) und Hüttenstein
(St. Gilgen). Bezüglich dieser in dem windigen Gebirgsland hinter
dem Geisberg gelegenen Gebiete stellen wir die Vermuthung auf, dass
sie dem • salzburg^schen Kirchenstaat nicht durch die Erwerbung der
Gerichtshoheit, sondern durch Schenkung des gesammten Grundes und
Bodens in einer Zeit zugewachsen sind, wo das ganze Gebiet noch
zusammenhängender Wald gewesen ist, der nur durch wenige An-
»iedlungen unterbrochen war; ein Zustand, den wir in dem südlichen
und mittleren Theile dieses Gebietes noch heute vorfinden. Wir ziehen
also den obigen Schluss ebenso sehr aus der Natur des Landstriches)
als aus dem Umstand, dass weder von einem Grafengeschlecht noch
von einer Belehnung oder einem Kauf irgend eine Kunde erhalten
ist; vornehmlich aber daraus, dass die Grenzen der alten Schenkungen
der Agilolfingischen Zeit mit den späteren Landes- und Gerichtsgrenzen
ausgezeichnet stimmen.
Die erste nioch sehr unbestimmte Erwähnung dieser Gebiete finden
wir in den Stellen: 1. Indiculus VIT, 8:
Dux (Theodebert) tradidit . . . venationem in silva, que adjacet
inter Alpes a Gaizloberch usque ad pontes que nunc vocantur Stega
et alpes in eodem pago IIII, ita vocantur Cuudicus et Cuculana
Alpicula et Lacuana monte, seu etiam terciam partem de Abriani
lacu piscationem.
2. Dasselbe wird mitgetheilt Brev. Not IV, 10:
Dedit etiam dux Theodebertus ibi ad idem monasterlum puellarum
Unteißuchnngen znr hisf . Geographie» Hes ehem. Hochsf iftes Sahburg. 711
venatioDem in silya et alpibus a moute, qui dicitnr Eeizperch
, usque ad Stegen (der Lammersteg bei Qolling?)
und N.IV, 14:
in Pamsee tertiam partem piscationis et ad Guculos prata et sil-
vam et alpes Uli.
Einen Anschluss an dieses Gebiet bildete wahrscheinlich das ebenfiäUs
von Theodebert geschenkte Thalgau
«locellum Talagave in quo est silya prata vel pascua* (Ind. 11, 3)
und identisch hiermit Not. V, 2:
. fftradidit Theodebertus Talgov, prata pascua et silvam*.
Dazu fügte er spater noch die Kirche:
Talagav^ in quo est tantomodo ecclesia prata et silva (Ind. VII, 4) ;
und deutlicher Not. lY, 4:
in Talgow ecclesiam et prata et silvam.
Eine weitere Abrundung erfolgte durch Herzog Odilo mit der Sehen*
kung des südwestlich von Thalgau gelegenen Elsenwang (Indic. lY, 2):
Tradidit idem dux locellum, qui dicitur Ellesnawanc in quo prata
et silya consistitur, vel stagnum, qui nominatur Lacusculusi
simulque et Abriam lacum, in quo constat pascua et prata vel
Silva piscatio atque venatio et inibi aliquanti firatres propriis labori-
bus vivunt".
Elsenwang bei Hof besteht noch jetzt; der Lacnsculus ist offenbar der
Fuschelsee. Die gleiche Schenkung steht auch Not. YU, 7 :
dedit (Otilo) in heremo eiusdem loci appendente locellum qui dicitur
Eselwanch et lacus duos et Aparnsee et in his locis venationem
et piscationem.
Der „ idem locus ' kann dem Context nach nur die „ luvavensis sedis * sein.
Es erscheint mit diesen drei (je zweimal überlieferten) Schenkungen
das Waldgebiet hinter dem Oeisberg, der Fuschel- und Abersee, sowie
die zwei Orte Thalgau und Ekenwang geschenkt. Der Wald herrscht
offenbar noch unbeschrankt vor. Die Grenzen sind gegen Osten und
Nordosten noch ganz unbestimmt
Doch bald wurde eine genauere Fixirung nothwendig. In der
Zeit Odilos wurde das Kloster Moudsee gegründet Daniials scheint
die erste , Grenzregulirungscommission *, welcher bis zum heutigen
Tage eine unabsehbare Reihe anderer nachgefolgt ist, getagt zu haben,
um die streitigen Grenzen zwischen Mondsee und Salzburg festzustellen.
Der Absatz YU, 1 der Breves Notitiae liest sich nemlich ganz so, als
wäre er ein Stück aus einer Notitia über die Ergebnisse eines Placitums:
De venatione quae ad istam sedem pertinere debet: Ex orientali
siye australi parte iuxta publicam viam, quae tendit in Talgov et
712 Richter.
sie ad Eselwanch deinde ad lacam qni Tocatur Lacu8calo et sie
ad TiDnilpach, et inde iu medium lacum qui Tocator Parosee et
sie ad Zinkinpach de ista parte laci meridiana pleniter per omnia
in forste fieri debentur ad istam sedem luyayensem.
Wenn man das so auffasst: Ton Süden her gehört der ganze Wald
znm Salzburger Stift bis zu einer Linie, welche längs der Strasse nach
Thalgaa lauft, dann nach Elsen wang hinQberspriugt, dann an den Faschel*
see, von hier in den Abersee bis zur EinmQndung des Diendlbaches
und dann quer durch den See bis zum Zinkenbach weiterlauft, wie es
der Wortlaut zu verlangen scheint, so gibt das keinen guten Sinn,
weil so die beiden Orte, besonders Thalgau, ausserhalb dieser Linie
zu liegen kamen. Es sind vielmehr hier, wie in den meisten alten,
und vielen jüngeren Grenzbeschreibungen jene Orte angegeben, welche
als die äussersten an der Grenze li^enden noch zu dem umschriebenen
Gebiete gehören, wie z. B. im Weisthum von Eestendorf alle an der
Grenze liegenden Güter angegeben sind mit dem bei jedem einzelnen
wiederholten Beisatz «des NN. Felder herzu« (Taidinge 81). Rechnet
man also die vier nach einander genannten Objecte Thalgau, Elsen-
wang, Fuschelsee und Abersee (wie man wol nach den oben ange-
führten Stellen muss) ganz zum Salzburger Gebiet, und zieht die
Grenze ausserhalb derselben an den nördlich davon gelegenen Wasser-
scheiden, dann erhalt man ohne Fehl die spätere, noch heute geltende
Landesgrenze. Es sind eben die ganzen Thalbecken der vier Objecte
herüber zu rechnen, nicht die Linie, welche sie verbindet, als Grenze
anzusehen.
Hiermit sind auch die späteren Gerichte Wartenfels (-Thalgau)
und Hüttenstein gegeben.
Doch war die Grenze nach Osten zu noch keineswegs genau genug
gezogen, um Streitigkeiten auszuschliessen. Im Jahre 829 schenkte
(oder confirmirte?) König Ludwig dem Stifte Mondsee ein Waldgebiet^
welches westlich an das Salzburgsche und einen Theil des Abersees
anstösst Ausdrücklich wird in der Notiz, welche uns die Schenkung
mittheilt, angegeben, der Missus des Königs habe den Mondseer Abt
investirt in das Gebiet
j, in occidente a rivo nominato Zinkinpah, ubi ipse in Aparinesseo
decurrit, et ab Oriente ab eo loco, ubi Tinnilpah in eundem lacum
fluit, usque ad eum locum ubi Iscala in Trunam cadit ... et ex
iUa parte terminum haberet usque ad Wizinpah ubi et ipse in
Atarseo vadit, et ad alium Wizinpah usque dum ipse in Trunam
decurrit*. (Chronic. Lunälac. S. 71.)
Die Sache ist ganz klar; den Mondseern soll der ganze untere Abersee,
üntersQchimgen zur bist. Geogi apbie des ehem. Hoohetiftes Sulzburg. 713
der von den gegenüberliegenden Mündungen des Diendl- und Zinken-
baches abwärts liegt, gehören ; dazu das Waldgebiet zwischen der Ischl
im Süden, der Traun im Osten, den beiden Weissenbächen im Nord-
osten, dem Attersee im Norden; nur die Westgrenze gegen Salzburg
bleibt abermals unklar, da als solche nur der Diendlbach angegeben
wird, während das Stück von dessen Quelle bis zum Attersee un-
bestimmt bleibt. (Confirm. 1184 von Conrad v. Begensburg Chr.
Lun. 140.)
Diese Lücke wurde zum Theil ergänzt durch eine feierliche Be-
gehung der Orenze, welche in Beisein des Erzbischofs, dann des Grafen
jener Gegend Nordperht statt&nd und wonach die ^yeraces viri*
aussagten :
n de Zinkinpah et Tinnulinpah super yerticem montis, quem yulgo
nominant Skafesperch ex occidendali parte et meridiana propria
illa confinia ad . . . sedem luravensem pertinere debent*. (848
Aug. 3. luvav. N« 34; U. 0. E. 1 N« 147.)
Die Veranlassung zu neuerlicher Verhandlung mag der 831 erfolgte
Uebergang Mondsees an das Bisthum Begensburg gewesen sein.
Die nächste Aufklärung über die Grenzverhältnisse erhalten wir
dann aus der grossen Gonfirmationsurkunde der Salzburger Besitzungen
Ton 977 Octob. 1. Otto IL (luyav. N« 75) »).
Diese merkwürdige Urlninde enthält folgenden Passus:
«Ad hec firmamus ad prefatnm monasterium luvavense forestem
a termino, qui in Pisoncia incipit, . . . usque ad acutum montem,
qui diutisce Yocatur Wassinperch prope Iscalam, in illo loco, ubi
terminus forestis Bapotoni comitis se de isto disjungit; et in
aquilonali parte de rivulo Tinnilinpach usque in sumitatem montis
Cirvencus nominati, et de jam dicto monte Wassinperch usque
ad prefatum monticulum Nochstein illa montana omnia que in
potestate antecessorum nostrorum fuerunt et nostra, ad jam dictum
monasterium firmamus.*
Da haben wir neben dem altüberlieferten «Tinnilpach* einige neue
Orientirungspunkte. Nur schade, dass uns der erste,
der acutus mons Wassinperch prope Iscalam
*) Wenn bier wie anderwärts Abweicbongen vom Texte der citirten Stelle
des Abdruckes der luvavia (welche z. B. diese Urkunde dem Jahre 978 zuweist)
sieb zeigen, so stammen dieselben von CoUationirungen der Originale ber, welcbe
ich bezüglicb der jüngeren Stücke selbst vorgenommen babe, bezüglich der älteren
aber der Güte des Herrn Director P. Willibald Uanthaler verdanke, der mir seine
Vorarbeiten zu dem Salzburger XJrkundenbucb freundlicb zur Verfügung ge-
steUt hat.
714 Richter.
im Stiche lässt. Ihn aufeufinden gelaug mir nicht, weder in den
anderen alteren Bügungen u. dgl. noch im gegenwärtigen NamenachatK.
Steile Berge gibt es dort allzuviele. Jedenfalls wird nach dem Gontext
dieser Punkt f&r den nordöstlichen Grenzpfeiler des Salzbniger Gebietes
anzusehen sein, und da könnte man vielleicht die besonders steilen
und au^lenden Bergformen des Betten- oder Binnko gel in den
Verdacht ziehen, dass einer von ihnen damals Wassinberg geheissen
habe, um so deutlicher erkennbar ist der mons Cüryencns in dem
„Zifanken* oberhalb Thalgau, sowie der bekannte Nockstein an der
Nordseite des Geisbergs in ganz entsprechender Weise als der nord-
westliche Endpunkt des in Bede stehenden Waldgebietes angesehen
werden kann. Der Zifanken ist der westliche Endpunkt des Wald-
rilckens der das Gericht Thalgau vom Gericht Altentann scheidet; die
Linie vom Tinilbach bis zu ihm lauft naturgemass auf dem Kamme
des Gebirges zwischen Wolfgang- und Fuschelsee im SQden, Mondsee
im Norden und springt dann östlich von Thalgau auf den Zifankenzug
über. Damit ist die spätere \mi heutige Grenze unzweifelhaft gegeben.
Aus dieser ausdrücklichen Anführung in der kaiserlichen Gonfirmation
glaube ich auch Schlüsse auf die rechtliche Natur des Besitzes dieser
Gebiete ziehen zu dürfen. Keines Yon den Gerichten, die das Stift
später besass, wird in ähnlicher Weise in dieser Urkunde angeführt,
nicht einmal die der nächsten Umgebung der Stadt; nur diese Forst-
bezirke und der Pongau und zwar auch als Forstgebiet. Wer könnte
verkennen, dass hier das Eigenthumsrecht des Stiftes ein anderes
gewesen sein muss als anderswo?
Hat sich in den Gebieten, welche einstens Theile von Grafschaften
waren, die Staatsgewalt der Erzbischöfe aus dem Erwerb des höchsten
Gerichtes entwickelt, so hat sich hier das erzbischöfliche Gerichtswesen
aus dem Grundbesitz herausgebildet. Denn nur wirklicher Grund-
besitz und zwar in namentlicher Anführung nur der, den das Erzstift
in den östlichen Theilen des Beiches besass, oder welcher bestritten
war, ist in der erwähnten Urkunde aufgeführt
Dass übrigens durch alle diese Bestimmungen, welche Linien über
ganze Länder hinzogen, die Grenzstreitigkeiten im einzelnen doch
nicht beseitigt wurden, ist einleuchtend.
So finden wir zwei Gebiete, über welche, wie es scheint, das
ganze Mittelalter hindurch beiderseits Ansprüche bestanden. Das erste
ist das Gebiet des Zinkenbaches auf der Südseite des Abersees und
das Gebiet des heutigen Strobl und des Strobler Weissenbachs. Im
Urkb. des Landes o. d. Eons 1. Bd. sind S. 89, 93 und 100 drei
Grenzbeschreibungen des Mondseer Gebietes gedruckt, von denen sich
Unter8iicl]ungen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftps Sakbnrg. 7 1 5
die eiue unter dem Namen des Herzogs Odilo und mit der Jalirzahl
748 einführt, die aber jedenfalls sämmtlich aus dem 12. oder 13. Jahrh.
stammen. Der Text lautet:
De Marcha ad Maninse. Yadit usque in medium üntraha, inde
usque ad Wizinpach, inde ad Liubensperch, inde usque in Iskila,
inde ad Preitenfelden; inde ad Cjncliinpach, inde ad AJbliugeu
(Albigilin p. 8^) inde ad Ghunisperch, inde ad CÜnkin.
Die Orte sind mit Ausnahme von Breitenfelden wol bekannt Der
Sats bis «Breitenfelden* beEeichnet ohne Zweifel das von König Ludwig
829 geschenkte Gebiet, Yom Diendlbach bis zu den Weissenbäeheu,
dessen Mittelpunkt der Liubensperch, heute Leonsberg (1748 m.) ist
Das folgende aber nennt nebst dem Zinkenbach selbst drei Funkte
die in der Umrahmung von dessen Thalbecken liegen: Albigilin ^rr- Alp-
büchel im inneren Zinken bachthal, Königsberg und Zinken, zwei
Berge, die am Süd- und Westrand des Zinkenbachbeckens stehen.
Dieses Gebiet umfasst den grössten Theil des späteren salzburg^schen
Gerichtes Eüttenstein. Der Mondsee'sche Anspruch darauf steht nicht
blos mit der Gonfirmation von 977 in Widerspruch, welche als End-
punkt den Wassinperch nahe der Ischl ansetzt, wohin aber unter
solchen Umstanden das salzburg^sche Gebiet nie gereicht hätte, sondern
erscheint um so merkwürdiger, als uns ein Grenzstreit über dieses
Gebiet weder aus früherer noch späterer Zeit überliefert ist, sondern
soviel wir sehen, dasselbe stets ungestört zu Salzburg gehört hat.
Klarer liegen die Verhältnisse bei einem anderen zweifelhaften
und auch fortwährend umstrittenen Gebiete, nemlich dem Nordabhange
des Schafbeiges. Der Diendlbach auf dessem Südabhange steht als
Grenze seit alter Zeit fest; auch der Schaf berg selbst seit dem Placi-
tum von 841. Aber wie von ihm weg die Grenze weiter läuft, darüber
giengen die Ansichten weit auseinander. Am besten werden wir über
dieselben aufgeklärt durch ein Aktenstück von 1689 Mai 26, worin
die Entscheidung niedergelegt ist, welche eine aus drei kaiserlichen
und drei salzburg^schen Commissären bestehende Commission gefällt
hat; gedruckt Ghron. Lunälac. 421. Im k. L Begierungsarchiv zu
Salzburg finden sich bei den betreffenden Akten auch Kartenrisse,
wonach die Sache leicht verständlich wird. Nach Angabe dieses Aktes
beanspruchten die Mondseer, dass die Ghrenze vom Drachenstein ab,
über Gries- und Brandlberg zur Hüttensteiner Klause, von da direct
auf den Schaf berg und vom Schaf berg (über den Mittersee?) zum
Diendlbach laufe. Die Commission entschied aber zu Gunsten des
Salzburger Anspruchs, wonach die Grenze vom Griesberg aussen um
Scharfling herum in den Mondsee, dann an dessen Ufer fort, durch
716 Richter.
die ünterache (medium üntraha? s. oben) in den Attersee bis zum
Weisseubachbrückel und von hier mit Einschluss des ganzen Kien-
und Schafberges über den Breitenberg and den Burggraben zum
Mittersee und Diendlbach laufen sollte. Das ist die heutige Grenze.
Die Karte verzeichnet den MondseeV Ansprach.
Dass aber dieser Anspruch wirklich schon länger als 100 Jahre
erhoben wurde und dadurch Anlass zum Streite gab, wie es in dem
Dokumente heisst, das zeigt sehr deutlich eine « Wildenecker Bügung *
von 1462 (Chron. Lunälac. 239), welche gelegentlich der Verpfändung
der Herrschaft Wildeneck an das Kloster Mondsee durch den Herzog
Ludwig Ton Bayern der betreffenden Urkunde beigegeben wurde. Der
ftlr uns wichtige Passus lautet:
. . . gerath über das Wasser (Attersee) in den Purgigraben auf
den in den Schafberg auf alle hoch; darnach geen Hüttnstain
in die clausen ... in den Präntlberg auch auf alle hoch; dar-
nach auf den Qriesberg u. s. w.
Das ist dieselbe Linie, welche in der Urkunde von 1689 als der
Wildenecker Anspruch bezeichnet wird. Der entgegenstehende salz-
burg*sche muss übrigens sehr gut begründet worden sein, denn als
Gegenpartei erschien damals bereits nicht mehr das Stift Mondsee
allein, sondern auch der Kaiser Leopold als Landesherr von Ober-
österreich und im 17. Jahrh. war es längst Begel geworden, dass in
Streitigkeiten zwischen den grossen Dynastien und den kleinen Reichs«
ftirstenthümem die letzteren Unrecht hatten^).
*) Das VerhältnisB Mondsees zu Begensburg (881) war im 18. Jahrb. durch
Wiedererwerb der freien Abtswahl hinftllig geworden, hingegen behauptete Regens-
bürg die Herrschaft Wildeneok, über welche die Ortenburger die Vogtei auRübten.
Von letzteren erwarb dieselbe schon 1251 Erzbischof Philipp von Salzburg, verlor
sie aber wieder. Ebenso gieng es, als 1286 der Bischof Heinrich von Regensburg
dieselbe gegen die Einkünfte von drei Pfarren an Salzburg vertauschte. Der
Herzog von Bayern hob den Vertrag auf und seither war Wildeneck einer der
salzbnrg'schen Elagepunkte gegen Bayern (Invayia S68). Im Jahre 1506 traten
die Herzoge von Bayern das Gericht Wildeneck an Kaiser Maiimilian ab, welcher
es aber sogleich an Erzbiachof Leonhard von Salzburg verpfibidete. Dieser glaubte
offenbar das schöne und bequem gelegene Gebiet dauernd erworben zu haben, da
er dem Abt von Mondsee den Besuch des oberGsterreichischen Landtages verbot
und ihn auf den Salzburger Landtag berief Kaiser Maximilian IL löste aber
lo66 das Pfioid wieder ein. Dadurch war die Zugehörigkeit zu Oberösterreicb
dauernd entschieden.- Denn wenn auch Kaiser Rudolf im Jahre 1601 die Herr-
schaft Wildeneck sammt Gericht etc. an das Kloster Mondsee verpachtete und
dieselbe 1678 durch Kauf sogar in das Eigenthum des Stiftes übergieng, so waren
die Zeiten doch vorüber, wo die staatliche Zugehörigkeit durch einen solchen
Vorgang irgendwie in Frage kommen konnte. Das Stift erwarb nur eine Patri-
Untersuchangen zur hist. Geogiaphie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 717
In Betreff des Besitzes des Abersees wurde der alte Zustand be-
»tätigt, welcher schon in der Bügung von 1462 festgestellt ist, dass
nemlich nur das Stück des Sees zu Mondsee gehören solle, welches
hinter der Linie (dem Seidenfaden) liegt, der die Mündung des Diendl-
baches mit dem Ausfluss der Ache (lachl) aus dem See verbindet Die
alte Grenzmarke des Zinkenbaches bleibt ganz aus dem Spiele, so da^^s
hier wie am Schafberg Salzburg seine Grenzen gegenüber den älteren
Angaben wesentlich vorgeschoben hatte. Wann das geschah, bleibt
unbekannt.
Die Streitigkeiten über die Auslegung des Vertrages von 1689
dauerten übrigens das ganze 18. Jahrh. fort und füllten einen statt-
lichen Akten&scikel des Begierungsarchives in Salzburg. Doch handelt
es sich meist um ziemlich belanglose Einzelheiten. Die complicirte
Gestaltung des Terrains zwischen dem Schaf berg und dem Atter- und
Mondsee scheint es mit sich zu bringen, dass sogar gegenwärtig noch
manchmal Verhandlungen über den Grenzverlauf zwischen den Be-
hörden der beiden hier zusammenstossenden Kronländer stattfinden
müssen.
Auf der Karte sind die beiden Gerichte Thalgau und St. Gilgen
nach den Bügungen in Taidinge 165 und 170 eingetragen. Wenn
so Wartenfels und Hüttenstein auch zu den ältesten Besitzthümern
der Salzburger Kirche gehören, so war doch den Erzbischöfen im
14. Jahrh. nicht jener schwierige Process der Wiedererwerbung aus
den Händen der eigenen Vasallen erspart. Denn sobald einmal erz-
bischöfliche Gerichte in diesem Gebiete eingerichtet waren, lag es in
der Verwaltungsweise der Zeit, dass sie an die Kirchenministerialeu
lehensweise ausgethan wurden, bis der Gang der Zeit diesen Vorgang
schädlich und die Wiedererwerbung in den direkten Besitz nothwendig
erscheinen liess.
Nach einer Urkunde von cc. 1165 (Notizbl. 5, 534 N^ 130) heisst
ein Bruder eines damals lebenden Eckharts von Tann Buodpert von
Thalgau. Zillner (Mitth. f. Salzb. Landesk. 22, 118) schliesst daraus,
dass diese Linie der Tanner das damals wol noch Hüttenstein in sich
vereinigende Gericht Thalgau- Wartenfels zu Lehen besessen habe, wo-
für allerdings die Wahrscheinlichkeit spricht 1269 tritt dann plötz-
lich ein Conrad von Wartenfels auf und zeigt sich offenbar als
monialgerichtsbarkeit, wie sie bis 1848 in Oesterreich ungemein viele adelige
Familien, Stifter etc. besessen haben. Unter Napoleon I. kamen die Güter des
alten Stiftes als Dotation an den bayerischen Marschall Fürst Wrede,
718 Richter.
einer der angesehensten Ministerialen des Erzstiftes i). Ziltner halt
auch ihn fQr einen Tanner.
Der Schluss, dass er Lehensinhaber des gleichnamigen Gerichtes
gewesen sei, scheint nach dem Beispiele der Tanner, Badecker,
Kuchler u. s. w. wol gerechtfertigt. Er war aber offenbar, wie dar
erste bekannte Trager seines Namens, zo auch der letzte. Schon 1301
Februar 14 sagen Conrad y. Wartenfels, seine Tochter und Andree
der Sachse, sein Schwiegersohn dem Erzbischof Conrad auf:
das burgstall Wartenrels und das gut auf dem Talgeuereck mit
leuten, gericht und zehenten und mit allem dem reht als wir ez
gehabt haben und herbracht haben von dem gotshaua ze S. und
auch mit allem dem reht als ich Wartenrelser gehabt han von
dem Stayuchircher mit rehtem gerihte und verzeichen uns alle
der ansprach di wir mit briefen mit geliebden etc. haben f&r
180 U Salzb. Pfennig. (Eammerb. 6 N'> 191.)
1 326 scheint Conrad gestorben zu sein (Zillner 133 nach U. 0. E. 5,
449). In dem Streit, welcher sich um sein Erbe erbebt, ist von dem
G^ericht Wartenfels nicht mehr die Bede.
Dass Hüttenstein einstens zu Thalgau gehörte, schliessen wir
aus der Bestimmung des Wartenfelser Weisthums, welche noch zu
Ende des vorigen Jahrhunderts in Kraft war, dass die Verbrecher,
welche den Tod verdient hatten, am , Windisch Thörl * zwischen Fuschl
und St. Gilgen nach Wartenfels ausgeliefert werden mussten (Taidiuge
164). Bei Hühner 1, 176 und darnach bei Späteren findet man die
Nachricht, das Schloss Hüttenstein sei 1329 erbaut worden. Diese
Angabe geht auf einen Schuldbrief des Erzbischofs Friedrich von diesem
Jahre zurück, wonach 50 tt Pfennige zu Bauten am Schloss Hütten-
stein aufgenommen wurden (Eammerb. 3, N<^ 127). Dass aber das
Schloss damals nicht erst erbaut wurde, geht aus einer Urkunde von
1326 hervor (Kammerb. 2, N« 108 u. 109), in welcher der Abt von
St. Florian das , praedium Au juxta castrum Hüttenstein ** vertauscht, weil
dasselbe vom Schloss Hüttenstein aus beschädigt worden sei. Die
Zugehörigkeit zum Salzburggau wird erwiesen durch Ind. 11,3 „Talagaoe
in Salzburchgaoe '.
Hofmark Eoppl. Seit dem Beginn des 14. Jahrh. erscheint
die südöstliche Ecke des Gerichtes Neuhaus als , Bischöflich Chiem-
see^sche Hofioaark Eoppl**. üeber die Bechtsverhältnisse und Ab-
I) Zum ersten Mal finde ich ihn m einer Urkunde Conrad ▼. Kalbeimfl vom
5. August 1267 (Origin. im Staats- Archiv), dann als Bargen fRr zwei Kalheimer
am 81. Angost 1269 (Kammerb. 6, UO).
UntersuöhungeD zur hbt. Geographie des ehem. Hochstiftee Salzburg. 719
grenzungen sind wir genauestens unterrichtet durch ein Urbar mit
Weisthum von 1486, gedruckt Notizblatt 1857 S. 366 u. ff., welche
Publication von den Herausgebern der Salzburger Taidinge ignorirt
wurde, die nur eine weit kürzere Fassung bieten (109). Es musste
die Verbrecher zur Execuüon nach Neuhaus ausliefern, hatte aber nicht
blos die Niedergerichtsbarkeit, sondern auch den Blutbann; daher
pratendirte Chiemsee den Titel Landgericht anstatt Hofioaark für die-
selbe. Dass es einstens mit der Schranne Heuberg verbunden gewesen,
wird durch deren Kleinheit wahrscheinlich gemacht.
Beilagen.
1.
De metia et terminis comitle in TUtmaning (angeblich von 1435} ).
Kammerbuck(»r 4 foL 174 (p. 3i8).
Von erst hebent sich die gemerokt der grafschafb ze Tittmaning an
enhalb Nunnräwt in dem tal datz dem estor dann in dem Staintal auf,
uncz hincz Eberhäwssing vnd leit Pepenwinckel und Eberhäwssing holcz
und veld in dem gericht; von Eberhäwssing untz gen Pannaw an das
estor und von demselben estor hincz gen Bewthaim durch das dorff der-
r^lben höf ligent zwen in dem gericht; dann von Bewthaim zwischen
Pirichering und Oed in die Altz und leit Pirichering in dem gericht.
Dann von der Alcz auf untz gen Trosperg hincz dem Stain datz der alt«n
purgk: dann von dem Stain auf bei der Trawn gen Anning in den pach,
von dem pach untz hincz Chatzwalichen, und leit Chaczwalichen in dem
gericht, dann von Chatzwalichen gen Pasee an das estor von demselben
estor in das Weichental, von dem Weichental untz gen Schurren visching
von Schürrenvisching aus dem pach über den Tachensee gen Totenhausen;
von Totenhawsen hincz Chindhausen an den aychstock, dann von dem
aychstock gen Froschhaim und leit Froschhai m in dem gericht; von
Froschhaim für des Zufuder hof, in den graben datz Lauffen in die
Salczach vnd nach der Salczach in dew nawfart untz gen Nunnräwt,
damit haiz ain ennde.
2.
Verkauf eines Theiles des Oerichtes THttmoning, Aiis d^m Vertrage
zwischen Herzog Heinrich von Bayern und Erzbischof Briedrich, Burg-
hausen, 1442, St Martini (November 11).
Kammerbucher 5 iVo 32, gedr. SoHzhlxiit 3, 251.
Und darumb das wür obgenant herczog Hainrich etc. dem benannten
erczbischof Fridrich zu Salzburg etc., seinem gotshaus und nachkomen da»
obrist halsgerlchte gegeben und auch den burkfrid zu Müldorf haben volgen
') Jedeuialld vor 1-142, wo ein kleiner Theil dieses Gebietes verkauft wurde.
720 Richter.
lassen, als oben angeschriben ist, hat uns, unsem erben und nachkommen
derselb erzbischof zu Salzbarg etc. ainen thail aus seiner herschafk und
dem landgeriohte ze Titmaning gen Trosperg über gelegen, mit halsgerichten
und andern gerichten und herligkaiten widerumb gegeben und volgen
lassen, der gemerkt sich also anheben : Nyder des tyeffen wegs herderhalb
des schrankhpaums genannt an dem gttchen ende gegen A^tenmorkt über,
bis in das wasser, Traun und nach der Traun ab bis in das waaser Alts
und nider des bemelten schrankpambs unter, und nach der leutten ab bis
auf den Auffenstain, und von dem Auffenstain under der hohem leutten
ganz ab bis gen Wesohhausen zu der müU und von dann ab für das velde
das jetzo zu der müll gehört unter der leuten und von der leuten gerechen
nachdem veld ab wider in die Alts; also dass nun fürbas der benannt
thail, als den die vorbemelten gemerkt ausweisen gen Trosperg zu der
herrschafl gehören sol mit aller herlichait, mit dem halsgericht und seinem
zuegehöm mit allen andern gerichten umb &äyel, Unzucht, gront und poden,
wismad, holz, ftcker, uuen, nichts ausgenommen, soviel des unter der vor-
bemelten höchern leuten inner der benannten gemörkht ligt, und ist Der
benannt von Salzburg hat uns unsern erben und nachkommen auch darzue
geben und volgen lassen allen voithhabern und voithuener auch den
gerichtshabcm und all ander herlichait, ciain und gross, die er auf den
höfen, güetem und andern stücken in der ehegenannten gemerkten gelegen,
gehabt und von alter herbraoht hat, das das alles furbass auch gen
Trosperg gehörn und ge&Uen soll, ungeverlich. Und ob auch die inwoner
in den ehegenanten gemerkt, oder ander icht gesuech von alter bieten, an
die vorbenannten hehem und öbem leutten, die sollen in hiemit an-
abgenommen sein. Es soll auch solioh vorgenannt des von Salzburg geben,
im seinen nachkomen und dem gotshaus zu Salzburg ausserhalb der vor-
genannten gemerke an ihren herlichaiten und landgerichten zu Titmaning,
auch den iren und andern in den vorbemelten höchern und oberen leutten.
auch inner der egemelten gemerkt an iren grünten und poden gesuechen
gülten, Zinsen und andern gerechtigkaiten und herkomen so sie darinne
herbracht haben ganz an schaden und unabgenomen sein, auch gethreulich
und ungeverlich.
3.
Verkauf de$ Gerichtes Ehing (Unterlebenau). IS 34 Thamasabent
(December 20) Salzburg,
Kammerbueher 2 A» 178.
Ich Eckhart von Tann vergich o£Penbar an diesem brief und tun
chund allen den, di in sehent oder hörent lesen, daz ich meinen lieben
gnädigen herren herm Friedrich Erzbischof ze Salzburg eto. mit ver-
dachtem mut und guten willen meiner hausfrawe Elspeten etc. verchaufil
han meinen tail des gerichtes ze Ehing daz sich anhebt auf dem perg
ze Lauffen und get hinab für ober Ehing und datz nidem Ehing durch
daz dorf und durch nidem Ehing hintz Sand Görgen und der Strasse nach
datz Eling durch das dorf datz Boting und von Boting hin gegen Holtz-
hausen, auzzerhalb des dorfes umb gegen Chregen an das mos, und von
Cliregen widerumb nach Haunsperger-gerichts unt« auf her gegen Chnot^ing
Üntersuobungen zur liist. Geographie des ehem. Hocbatifbes Salzburg. 721
und von Chnotzing wider her ze Laaffen auf den peroh; mit den gerichts-
habern, hünern und allen den nützen und rechten, die darza gehörent.,
besacht and anbesacht swie si genant sint, als ich es ze leben von dem
vorgenannten meinem herrn and seinem gotähaos gehabt hab, um 1 V2 hun-
dert U Salzbarger pfenning . • . a. s. f.
[Es folgt dann die AnMhlang von 49 Höfen and Gütern in den
Ortschaften: Pachach, A glassing, Jausdorf (jetzt Jauchsdorf ge-
schrieben), Thal, Zetsperoh, Oberehing, Niederehing, Eling,
Pirichach (jetzt Moospirach), Boting (jetzt ßoding), Chunerichs-
perg (jetzt Königsberg), Pruckerholz, Stadel, Holzhausen und
Chnotzing.
Damit ist der Um&ng des Gerichtes zweifellos und in Uebereinstim-
mung mit den späteren Abgrenzungen gegeben.]
Grenzen des Gerichtes Piain von 1435.
Kammerhüeher 4 N^ 152.
Wir die nachgeschrieben, ich Heinrich, richter ze Playn . . . etc.
und all gerichtsleute die zu der schrannen gen Playn vor dem haws unter
der lynnden, und ich Jacob ab dem Paumgartten aus Haller gericht
bekennen offenlich mit dem brief : . . . daz jerlichen zu zwaimalen in dem
jar zu St. Michelstag und St. Jörgentag bei derselben schrannen lanndteding
gehalten und werdent daselbs der gra&chaft Playn die unserem genädigen
herrn von Salzburg und seinem gotshaus zugehört, gemerkte besunder
gegen den von Perchtersgadem, und wo sich die anhebent und enden, von
der gantzen landtchafft und der landtschrann daselbs geöffnet in nach-
geschribner mass: Von erst heben sich die gemerkt der egemelten graf-
schaft an an dem Untersperg und gelangen denselben perg über und über
untz an die Weisswanndt und geent von der Weissen wanndt untz an den
stain in das hag, und von demselben stain untz an den Tottenmann und
von dem Tottenmann an den hohen Schrankpam und von dem hohen
Schrankpam an das Böttell und von dem Böttell an den Botofen und von
dem Botofen umbhin in den Weispach. Derselb Weispach schaidet das gericht
Hai und die gra&chaft gen Playn und unserem gnädigen herrn von Salz-
burg und seines gotshaws und lewtten zue.
[Die genannten bestätigen dann nochmal, dass sie und ihre Eltern
bei dem Taiding immer so lesen gehört etc.]
1435 Sonntag vor St. Jaoobi in dem snyt, Juli 24.
Die meisten Oertlichkeiten sind noch auffindbar.
5.
Grenzen des Gerichtes Glaneck, (RecogniUo de metis castri Glanegk.)
Kammerbäeher 4 foL 375 p, 749.
Yermerckt die gemerckt so die herschafft und das gericht zu Glanegk
gegen dem probst zu Berchtesgaden hat It. auf dem lannd herdishalben
des wasser daz da haist die Albm da der turn bey Schellmperg aufligt,
da leytt ein gut genant zu dem tor, dasaelb gut leyt in dem gericht gein
llittiheiluDgeD, Erginximgtbd. I. 47
722 Richter.
Schellmperg und ze nacbst bei demselben gat berwertz gein Grianegk da
ryntt ain paeb des baist der Weyspacb und rynt aws dem üntamsperg,
und was bindersbalben desselben päcbs ligt, das gebort zu meins berren
von Salzburg lanndt und seinem lanndtgeriobt Grianegk. Item enbalb des
Wassers der Alben da ligt ein graben der baist der Tewffengrabeii und
dadurcb flewst ain pacb baist der Tewffenpacb und der graben gelangt in
den perg der da baisst der Göscben und was enbalb des grabens ist, nacb
dem gepirg umb als das regenwasser sagt, uncz auf den Pabenstein den
man die Marcbscbartten baist, da Hellinger gericbt anstösset, da gebort es
dem probst von Berobtesgaden zu. Und was berdisbalb des Tewffengraben
als der Tewffenwald, die swaig und gut zu Oberrewtt und all ander sacb
ber gein Sannd Lienbart gein örevengaden werts liget, das gebort zu
meins gnedigen berren von Salczburg lanndt und zu seinem lanndtgeriobt
gein Glanegk.
1436 Eritag nacb St. Niclas (Dezember 11).
6.
Qrenzhesümmung zwischen Bayern und Salzburg van 1375 (JvU 20)
nach Man. WitteUh,
Quellen und Erörterungen 5, 284,
Limites declarantur: videlicet a Perenpubel sursum directo tramite
usque in montem Swerzenpercb, item a Perenpubel ex transverso usque ad
locum saltus super montem Surbercb, qui dioitur Scbacben et abinde per
transversum usque ad domum proximam apud Lauter qui dicitur Cbolpuhel
ita videlicet ut Cbolpubel nobis remaneat, Lauter vero eoclesie Salzburgensi
salvo nobis tamen jure tbelonei, qui bactenus apud Lauter redpi oon-
sueverat, quod utique a Sibotone quondam de Tetelbeim, et Libbärdo et
Keinrico fratribus de Perobeim nostra pecunia comparavimus et a domino
arcbiepiscopo in feodo recepimus mandantes recipi de cetero idem tbeloneum
apud Trounstein ; item de Cbolpubel usque in Wibbüsen et Haldinge limes
noster protenditur, ipsa vero loca iam (^cta videlicet Wibbüsen et Haldinge
cedent ecclesie memorate; item de Haldingen usque in Holnpacb directe
fines nostri trdnsibunt et abinde usque ad alveum fluminis apud Aenninge.
Et «binde usque in montem, qui dicitur Jocbperg et inclusive omnes ville
sive predia, qui infra eosdem limites in judicio quondam palatini Bawarie
et comitum de Playn bactenus sunt contenta. Termini vero Salzburgensis
ecclesie a supradictis limitibus usque in Staufenbrucke ex eisdem partibus
protendentur et abinde usque ultra Newencbircben ad proximam domum,
que Perpubel dicitur, que domus nobis, Newencbircben vero cedet ecclesie
Salzpurgensi.
fSämmtlicbe Ortscbaften sind leicbt zu finden. In dem Druck in Mon.
Wittelsb. ist der Jocbberg irrig bestimmt; es kann nur der tiroliscbe ge-
meint sein ; Jocbberg bei Reicbenball (Inzell) gibt keinen Sinn. Der HöUen-
baob bei Otting stebt in der bayr. Generalstabskarte.]
Üntersiicliungfii zur bist Oeograpliie des ehein. Hochstiftes Salzburg. 723
7.
Verzeichnias der Besitzungen^ die Salzburg durch den Vertrag von 1375
an Bayern verloren haben solL
Kamm^rbüeher 3 N^ 229,
Von erst die stat Hall mit aller zugehörung.
It. die vest Trosperg mit irer zugeboronge, die dem gotsbaus mit
dem grafen von Cbrajburg tod ist ledig worden.
It die vest Mennos mit dem geriebt und irer zogebörong.
It. die vogtey des Capitels zu Salzburg in dem Kyemgau mit sampt
der vogtey und den gericbten bey Miesenbacb zu Zell, Froscbau, Wagrew, '
Vogelwald und die gantzen gegend der gericbtes die Eoppot ettwen pballentz-
graff in Bayern oder die grafen von Playn in denselben gegenten von dem
gotsbaus in lebensweiss babent besessen, der gemerkkt also ist ausgezeigt:
von Piermpübel entwericb über untz an den wald genannt Scbacben und
von dann gegenwerts über untz an das necbst baus bei Lauter, das da
baist Eolpicbel. Item von Kolpicbel untz gen Wippbausen und Haiding,
item von Haiding untz in Höllnpacb und von daim untz an das wasser
bei Aning und von dann untz am perg, der da baisset Jocbperg; und
ingslösslicb alle dörffer und guter die iner der obgesobrieben gemarken in
dem geriebt ettwen der p&Uenzgrafen in Bayern und der grafen ze Playn
sindt gelegen.
Item die Staat Traunstein mit sambt dem zoll daselb.
It. all zebend die hertzog Heinrieb in meines berren bistumb besitzet
oder leybet.
Item ander leben mer, die mein berr oicht weis, und sind aucb die
leben die bertzog Ludwig von Bayern besitzet bmi^imn gesetzt und bie
niebt begriffen sindt.
It. die vest und das geriebt ze Wald und die vest und das goxiobt
ze Wildeneck.
It. die vogtey ze Mansee sind biedann gesetzt waim die meines berren
und seines gotsbaus vreyes aygen sindt, als er das mit brieffen und ur-
cbunden wol mag erweysen.
[Man siebt, dass man alle Vertragspunkte, welcbe zu Gunsten Bayerns
lauten, einfach als Salzburg'scbe Verluste aufgezäblt bat.]
8.
Sühnbrief Eckarte von Tann von 1282.
Kammerhncker 6 N^ 141,
Ego Ekbardus de Tanne et Ekbardus iilius mens senior notum esse
et patere volumus vniuersis, quod cum domini nostri F. sancte Saltzburgensis
ecclesie arcbiepiscopi apostolice sedis legati gratia et fauore non sine honoris
et rerum nostrarum dispendio sentiremus grauiter nos oarere, venerabilis
Saltzburgensis capituli, conministerialium, amioorum ao bominum nostrorum
communicato consilio pro eiusdem domini nostri gratia plenarie rebabenda
nos bominesque nostri fideliter promisimus et corporale prestitimus sacra-
mentum a dicti nomini nostri arcbiepiscopi, successorum suorum ac ecclesie
47*
724 Richter.
Saltzburgensis imperio fidelibus obseqaiis nonquam aliquid per quod yiola-
tores fidei censeri possimos in contrarium attemptare, quin immo eodem
firmiter nos ligaoimus sacramento ab eoclesia per conubya non diuertere
nee bomines nostroSi proprietates, feoda, castra, aduoeatias, judicia et alia
bona nostra quesita et inquisita quocunque nomine oenseantur per vendi-
tionem Obligationen! sev per quemoumque modiim alienandi ab eiosdem
ecclesie remouere vel diatrabere potestato. Vt autem deuocionis et fidei
nostre sinceritas quam ad ecclesiam gerimus et semper geremus inantea
clarius elucescat, ecce superius castram nostrum Lyechtentanne cum atti-
nenciis suis sepedicto domino nostro et ecclesie libere ac uoluntarie tradi-
dimus a festo beati Jacobi veniente proximo immediate per quinquennium
possidendum, quibus annis finitis idem castrum nobis debet restitui possi-
dendum libere sicut prius. Si uero, quod absit, in premissis vel aliquo
premissorum censeremur fidei nostre et iuramenti, quod prestitimus, spon-
tanei transgressores, bomines, proprietates, feoda, castra, aduocacie judicia
et alia bona nostra qualiacumque sine excepcione qualibet vaoabunt Saltz-
burgensi ecclesie ipso facto. Prefatus quoque dominus noster archiepiscopus
suprascriptis nostris pollicitis inclinatus nos et nostros in plenam suam
recepit gratiam et fauorem dampna quelibet a nobis et nostris ecclesie
bactenus irrogata graciosius relaxando, saluis tamen questionibus de feodis
et proprietatibus si que inter sepedictum dominum nostrum et nos possent
in posterum suborih, super quibus querelanti amicabilis debet compositio
uel iustitia exhiberi. Et ut premissa omnia robur obtineant perpetue
firmitatis, in eorundem euidens testimonium et cautelam presentem litteram
sigillo capituli quorundam ministerialium atque nostro procurauimus com-
muniri. Et sunt testes: venerabilis dominus Ot. prepositus SaltEburgensis,
dominus Ylricus decanus eiusdem ecclesie, dominus Grebolfus et dominus
Fr. de Yrona^ canonici, frater Andreas vicedominus Saltzburgensis, dominus
Chuno de Crutrat, dominus Cb. de Wartenuels, dominus Ot. de Walhen,
dominus H. de Harscbjrcben, dominus Vir. de Wispacb, dominus Got. de
Nouo Castro. Vir. de Talgev, Ortolfus de Mosen, Or. de Geitzingen, H. de
Halbenwancb, Hainr. de Wertbaym, Rulandus et Alesius dicti Zapben et
alii quam plures. Actum et datum Saltzburge, anno domini millesimo
CC^o LXXXn, X. kal. julii (1282 Juni 22).
9.
Grenzen des Berehteagadner Whldes.
Quellen und Erörterungen 1, 341,
Isti sund termini silve superius dicte pertinentis ad Gravingadem,
cuius inicium est a rivulo, qui dicitur Diezzenbacb et inde medium fluminis
quod dicitur Sala descendens pertingit usque Waliwes, ad abietem sdlioet
illum in cymiterio stantem et inde transcendens adiacentem paludem, que
dicitur Vilzmos, pervenit ad villam, que vocatur Anava, ubi fontes decurrunt
ad Salzaba et inde ascendendo flumen pertingit ad superius Scrainpacb, et
inde usque Farmingnekke et inde ascendendo usque Swalwen, et inde usque
Geliehen, et usque ad ortum rivi qui vocatur Conispach et inde usque
özinsperch et inde Pochisrukke, et inde per guttur ad lacum, quod situm
est iuxta Phafinsperch et inde per longam vallem descendendo ad Yiscuncula.
Untersuchungen zur lii»t. Geographie des ehem. Hochstifbes Salzbarg. 725
10.
Grenze der St Peter'schen Wälder bei HaUein,
Handiehrift des k, k, Regierungtarehiives*
Vgl ZUlner Landeskunde 20, 28.
Anno domini 1323 annotati sunt tennini ad qaos proprietates ecclesie
St. Petri Salczeburgensis contingunt in Salina. Item primo descendendo
vom Wenigen-Pabenstain ab in dj ach, mitten in der Saltza; item Tom
Wenigen-Pabenstain untz an Bapoltzstein ; von B. ontz hintz der tann ob
des Windleins in den pach; von der tann an die pirchen ob des Windleins
an den stein; von der pirchen über an den Kanrein, von den H. an
Gotzüng ; von G. untz Morental, von M. an vierst, von vierst nntz Gelich-
höch, von G. auf Swartzenpachval, von S. den Schwartzenpach nach aber
mitten in den Saltzagrand.
11.
Hofmarksrecht zu TVrring 1328,
Kammerbüeh&r 2 N^ 130,
Wir Wemhart der Grans, Eckart v. Leibentz, Buger von Badegk Vitz-
dumb ze Salzburg, Heinrich von Seiboltsdorff, Heinrich von Lampoting ver-
jechen offenbar an diesem Brief und tun khundt allen den, die in sehent
oder horent lesen, dass unser gnädiger herr Erzbiohof Friedrich v. S. Legat
des St. z. B. für sich und sein gotshaws, und der edel man Friedrich von Törring
für sich und sein erben mit bedachtem mut hinder uns sindt gegangen, umb
all die chrieg die zwischen in sind gewesen umb die recht, die derselb
Torringer noch auf seiner hoffmarch ze Törring und auf den gutem,
die darzu gehörent der im derselb unser herr der Erzbischof nicht aniaoh
und umb all die auf Ittwff, die durch desselben chrieges willen zwischen in
peiden sind ergangen. Umb derselben chrieg sprechen wir mit vereinten
müt: des ersten, dass chain richter von Tittmaning nicht hab ze
richten in das haus ze Torring noch in den pawrhoff den der Torringer
mit sein selbes pflüg in dasselb haws bauet noch hinctz seinem hausgesinde
noch hincz seinen purgem, die auf dem haus ze Torring sind gesessen,
noch hincz seinen gedingten chnechten und dienern in demselben pawhoff,
weder umb totslag noch um tieff noch um ander Sachen, die an den
todt gent, die sie in dem haus oder in dem pauhoff begingen ; als vel, ob
der Torringer mit dem recht ob solich sach yeman mit den rechten ver-
derben wollt, das sol er tun in der grafschaft ze Titmoning und sol das
nicht bringen zu keinem andern gerichte; will aber er in mit dem recht
nicht überwinden, das stet datz im und soll das unverboten sein gegen
unsem herm von Salzburg und gegen allen seinem ambtlftudten. Wäre
aber das sein gesinde purger, dienftr knecht und dieren, als hier oben ge-
schrieben ist, icht taeten in der grafschafb ze Tittmoning, das wider das
recht w&r, mit todslagen oder mit anderen Sachen, begreiffet den der
richter von Tittmoning ausserhalb des hauses ze Torring und des egenannt
pawhoffes, so hat er wol gewalt mit im ze varen, als der gra&chaft recht
ist darnach und er verschuldet hat; begreifet in aber der richter nicht
72G Richter.
so mag er wol hinlz seinem gut und hintz imselben yaren, als der graf-
schaft recht ist.
Wir sprechen auch, dass der egenannt Torringer und sein eriben datz
Tenling auf zwaien höfen und auf einer hub und auf dreyn mülen und
datz Alteniörring auf neun gutem die alle sein und seiner läwte sindt^
richten soll alle Sachen, an was an den tod geett, das gehöret an das
landgericht ze Tittmoning, mit der beschaidenhait, ob ein schedelich mann
war auf den vorgenannten guten datz Tenling und datz Altentörring, die
sein und seiner läwite ßindt, da mag der richter von Tiltmanning wol
nach greiifen^ als er mit gürtel ist umbfangen, dem herren und dem gut
an schaden und sol auch der richter hintz desselben mannes leib richten
inner vierzehn tagen, als der grafschaft recht ist;, taett er das nicht so sol
der man ledig sein an alle widerred.
Auch sprechen wir, das) der vorgenannt Torringer und sein erben auf
den gutem die hernach geschrieben sind, die sein und seiner lewt sind,
richten sol chlaine wändel, was nach der grafschaft gerecht ist, bey zwaien
und sibentzig pfenningen, und herhinder, das ander gehört alles an das
lantgericht ze Tittmoning; dieselben gut sind also genannt:
datz Aschach ain gut, datz Gessenhausen vier gut, datz Yisching zway
gut, dal z purg Tengling fünf gut, Höhenberg ein gut, Haselwanch ein gut,
und daz gut das dem Stechen seine läwt augehört.
Auch hat der hof ze Höggern und die gütter Sieglei tten und Eber-
halfing die er in seiner band hat, all die recht, die hie oben geschrieben
sind. Greschieht aber, das er die guter eines oder mer ze dienst lät und
stuftet, die sullen die rehten haben mit den khlainen wandeln, als die
andern seine guter und als hie oben verschrieben ist.
Dartzu sprechen wir auch, was wir dem Torringer ze sprechen haben,
das er richten sol, als oben verschrieben ist, das sol er niedert anderswo
richten denn auf dem haws ze Torring und wenn ein urteil ze khrieg
wirt, den sol man nindert anderswo dingen, dan an unsem herrn von
Salzburg. Er sol auch weder umb eigen noch um lehen nicht richten
noch umb kheinen sach, die an den tod geet.
Alle die recht, die wir dem Torringer gesprochen haben an der hant-
vest, die sullen sein und seiner eriben recht lehen sein von dem Erzbischof
und dem gotshaus ze Salzburg und sol auch hernach sein eriben fürbas
nach kheinem rechten nicht greifen in der grafschaft ze Tittmaning,
denn hier oben ist verschrieben.
Wir sprechen auch, daz aller schad ab sey der beidenthalben geschehen
ist in den khriegen, der von des gerichtes wegen ist gewesen und was
der Torringer, da es verloren wart hat gefueret, das sol er und sein erben
alles ledig sein. Darüber geben wir diesen brief etc. . . .
Salzburg Mitichen vor St. Bamaba; 1328 Juni 8.
Untcrsuchiingcn zur lii»t. Geogr^^)bie des ohem. Hochstifleü Salzburg. 727
E z 0 u r s.
Das bayerische Platzet.
( Vgl. hierzu Kreümayr Codex juris Bavariei eriminalis IL Cl ö § 7, Lori Samm
lung des bayer, Kreisrechtes Beilage 85,)
Ich kann nicht unterlassen, ohne der Sache deshalb grosse Bedeutung
beizulegen, auf ein höchst eigenthünüiches Bechtsalterthum hinzuweisen,
welches sich bis ins vorige Jahrhundert in Salzburg lebendig erhalten hat
und welches ich nicht anders denn als eine Erinnerung an die Zeit zu
deuten weiss, da die Herzoge von Bayern noch gerichtliche Functionen in
Salzburg selbst auszuüben sich befugt hielten. Es ist das die Geschichte
vom »bayerischen Platzel* bei Salzburg, ^deren Kleimaym in der Unparthei-
schen Abhandlung S. 224 Anm. a Erwähnung thut und über welche ich
in einein Acte des k. k. geh. Haus- Hof- und Staatsarohives nähere Er-
läuterungen gefunden habe. Es ezistirte im 17. Jahrhundert bei dem
bayerischen Pfleggericht Braunau ein Weifethum folgenden Inhaltes : Bei der
Stadt Salzburg am Fussweg nach Piain liegt ein unbebauter Grund, ge-
nannt das Battenbachel, in dessen Mitte steht eine steinerne Säule mit
einem drehbaren Bing; daran soll ein schlagender Gaul gebunden werden,
und soll der Platz so gross sein, dass neben dem schlagenden Gaul noch
zwei und siebzig gerüstete Pferde Platz haben. Wenn nun in Bayern eine
> malefizische Person* flüchtig wird, soll ein Landesherr in Bayern das
Recht haben, einen Gesandten mit 72 Eeitern nach Salzburg bis vor das
Stadtthor zu schicken, den Flüchtigen einzufordern und soll derselbe dann
auf das genannte Platzel zu Händen der Bayern ausgeliefert werden. Das
Kloster Michaelbeuem hat die Yerpflichtung dem Gesimdten und seinen
72 Pferden drei Tage lang Futter, Mehl, Nägel und Eisen zu reichen, und
mag der Gesandte jeden der drei Tage von dort an den Battenbach reisen,
den Flüchtigen einzufordern. Auch das Stift Matsee hat dann zwei Viertel
Wein und etlich Brod in die »ehehafb Schrannen aufzusetzen*. (Soweit
reicht auch die Angabe der Unpart. Abhandlung.)
Im Jahre 1694 verlangte nun Bayern, wie ich dem erwähnten Act,
der von Kleimayrns Hand stammt, entnehme, gestützt auf dieses Weis-
thum die neuerliche Ausmarkung des öden Platzes ober dem Battenbachel.
Das erzstiftliche Pfleggericht Neuhaus veranstaltete hierauf eine eidliche
Einvernehmung, welche ergab, dass jener öde Fleck die »Herzogs-
Schranne* heisse und bayrisch sei, obwol niemals eine Rechtshandlung
oder ein Anspruch dort stattgefunden habe. Im Jahre 1749 kamen dann
zwei Amtleute aus.Munderfing (im bayr. Inn viertel) und erkundigten sich,
ob das »Fleckel* bebaut sei und ob es Stift gebe. Zwei Unterthanen aus
dem benachbarten Dorfe Itzling gaben Auskunft, es sei nicht bebaut, gebe
keine Stift, und sie hätten gehört es sei ein Rauf handel dort gewesen und
die bayerischen Beamten hätten ihn abgestraft. Der jüngere Amtmemn
brachte das alles zu Papier und sagte: der Platz habe schon nach Braunau
gehört, als es noch kein Papier gab und man auf Pergament habe schreiben
728 Richter.
müfisen; er sei such so gross, dass eine Compagnie Beiter darauf stehen
und ein sechssp&nniger Wagen umkehren könne neben dem schlagenden
Pferd u. 8. w. nach dem Braunauer Weisthum. Die Sache kam vor den
Salzburg*schen Hofkanzler und dieser entschied unter dem 9. Januar 1750
>ne depositiones nobis oontrariae propalentur, consultum erat, in pleno
super haec acta non referre*.
Der ausgezeichnete Verfasser der luvavia bearbeitete dann 1757 die
Angelegenheit und versuchte in seinem Referat, ebenso wie in der ün-
partheiischen Abhandlung die Sache auf einen übertriebenen bayerischen
Anspruch zurückzuführen, welcher auf dem mit Reichstagsabschied von
1555 statuirten Recht der Reichsstände beruhe, Verbrechern im Naehbar-
territorium nachzusetzen. Die Bezeichnung Herzogs-Schranne, sowie die
alterthümliche Haltung der Formalien scheint aber doch auf weit ältere
Grundlagen hinzudeuten ; wie ich vermuthen möchte, auf eine Zeit, wo die
Verbrecher aus dem städtischen Immunitätsbezirk noch den herzoglichen
Richtern zur Execution ausgeliefert werden mussten. Der Platz selbst, der
nach einem dem erwähnten Act beigegebenen Situationsplan leicht zu finden
ist, liegt am Rande der alten Stadtgemarkung, etwa einen halben Kilometer
vom Salzburger Bahnhof in nordwestlicher Richtung entfernt am Gehweg
nach Maria Piain und ist durch ein altes steinernes Bildstöckel gekenn-
zeichnet.
/^C/
L
Untersuchungen zur bist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 729
Zur Erklärung der Karte.
Durch die ^ns Einzelne gehenden Nachweisungen der vorstehenden
Abhandlung dürfte wol der Beweis f&r erbracht angesehen werden
können, dass die Abgreazungeu der Gerichte, wie sie im späteren
Mittelalter und in der neueren Zeit bestanden haben, ein uraltes fast
unverändert gebliebenes Erbtheil der Vorzeit sind. Diese Abgrenzungen
sind es nun, welche in die Karte aufgenommen worden sind. Dieselbe
stellt daher nicht den Zustand irgend eines bestimmten Jahrhunderts
vor, sondern Zustände, welche viele Jahrhunderte lang gedauert haben.
Sie versucht gewissermassen die Einheiten der Landeseintheilung wieder-
zugeben, welche in verschiedenen Zeiten die Grundlagen verschiedener
Yerwaltungsformen gewesen sind; in der Urzeit die der Gaugerichte
mit ihren Genten, später der feudalen Grafschaften, zuletzt der landes-
herrlichen Landgerichte und Pflegschaften. Farbige Linien auf der
Hauptkarte geben die Abgrenzung der Gaue; ein Nebenkärtchen die
der Gra&chaften; die Hauptkarte selbst die der Gerichte.
Was die Genauigkeit der auf der Karte verzeichneten Grenzlinien
betrifiFt, so gestattet der kleine Massstab natürlich nicht, den Details
der alten Grenzbeschreibungen irgendwie gerecht zu werden. Ich
müsste also eigentlich auf die in meinem Besitz befindlichen Blätter
der österr. Specialkarte (1:75000) und der bayerischen sogen. Polizei-
karte (1:100000) hinweisen, in welchen ich die Ergebnisse meiner
Forschungen eingetragen habe und nach welchen die vorliegende Karte
verkleinert ist. Wenn jedoch der letzte Zweck solcher Specialstudien
ins Auge gefasst wird, nämlich einer grösseren zusammenfassenden
kartographischen Darstellung der Vergangenheit, dem historischen
Atlas, als Grundlage zu dienen, so wird wol auch eine Karte in dem
kleinen Massstabe der vorliegenden, als genügend gelten dürfen.
Als Aufgabe der historisch-geographischen Specialforschung für
das Mittelalter möchte ich aber den Versuch bezeichnen, für die ver-
schiedenen Gebiete jene oben erwähnten politischen oder administra-
tiven Einheiten herauszufinden, welche den Landgerichten unserer
Gegenden entsprechen und an deren Existenz auch anderswo ich nicht
zweifle; wenn auch die Bezeichnung, sowie der Entwickelungsgang
überhaupt, von dem wesentlich abweichen mag, was wir in unserem
Forschungsgebiet gefunden haben.
730
Kiuhter.
Verzeichniss der Ortsnamen.*)
Aparinesseo, Aparnsee, Aber- od. Wolf-
gangsee 711—12.
Abersee, Wolfgangsee 617, 29, 710—18.
Abria lacus, Aberaee 711.
Abtenau, Markt 617.
Abtsdorf, Ger. Ob.-Lebenaa 628.
Abtswald, ober Hallein 668.
Achsdorf bei Traunstein 689.
Aglassing, Ger. Unt.-Lebenau 721.
Alam, freising. Dorf in N.-Oest. 618.
Albm, Bach in Berohtesgaden 721.
Albigilin, AlbHngin, Alpbühel am Zinken-
bach, Ger. Hüttenstein 715.
Alferting bei Traunstein 689.
Altacherperg bei Laufen 661.
Altaich, Nieder-, Stift 675.
Alte Bach, der, bei Henndorf 701-2.
Altenmarkt an der Alz 658, 720.
Altentann, Schloss u. Gericht 698—705.
Altentörring, Ger. Titmoning 726.
Altsa, Altz, Alz, Ausfluss des Chiemsses,
als Grenze besonders 606, 615, 658,
719 u.ff.
Amrang, Schloss bei Reichenhall 662— 6S.
Amphingarefor8t,Ampfingerfor8t625A^m.
Anava, Anif, Ger. Glaneck 6S8, 66, 724.
Annaberg, Ger. Abtenau 617.
Aening, Anning, a. d. Alz 658, 89, 719, 22.
Ansveld, Anzfelden, Ger. Anthering 710.
Anthering, Gericht 620, 709 — 10.
Aschach bei Waging 641, 726.
Astätt, Schranne, bayer. Ger. Friedburg
694.
Asten bei Titmoning 606.
Atarseo, Attersee 712 u.ff .
Au, »praedium« bei Hüttenstein 718.
Au, Kloster am Inn 677.
Auffensiain, unbek. Locaütät a. d. Alz
720.
Aufheim, Gerichtssitz b. Stauffeneek 691.
B und P.
Fabenstein, Berg bei Hallein 722.
, > wenige — « der kleine P.7 25.
Baldilingas, s. Palling 622.
Falling, Schranne, Ger. Titmoning 648,
671.
Bamberg, Bisthum, als Besitzer in Hall
675.
Pannaw, Bannau, Ger. Titmoning 719.
Pantaleon, St, Ger. Wildshut 626.
Pasee, Ger. Tetelheim 719.
Passau, Besitz, in Oesterreich 614.
, , » Matsee 696.
Parnsee, Abersee 711.
Baumburg, Kirche zu, a. d. Alz 6oS— 85.
Pepenwinkel, Ger. Titmoning 719.
Febering, Ger. Neuhaus 708.
Fechschnait^ Forst bei Traunstein 670.
Feter, Sanct, Stift in Salzburg 68S, 646,
677.
Pettingun, Fetting am Waginger See 64 1 .
Ferchach, Perach, Ger. Unterplain 680.
Berchtesgaden, Stiftsland, vornehmlich
617, 20; Grenzen dess. 665 ff., 724.
Perandorf, Bemdorf, Ger. Matsee 682.
Perenpuhel, Parmbichel bei Ti-aunstein
722, 28.
Bergheim, Gericht (Schloss; 620, 688,
705-9.
*) Es liegt in der Natur dieser topographischen Abhandlung, dass gewisse
Ortsnamen so häufig vorkommen, dass ihre Aufnahme in das Inhaltsverzeichniss
sinnlos erschiene, so Salzburg, Salzburggau, Salzaoh u. dgl. Manche andere, be-
sonders die Namen der Gerichte, kommen wenigstens in einzelnen Theilen der
Abhandlung, welche über sie handeln, so oft vor, dass man sich mit einer auf
mehrere Seiten sich beziehenden Angabe helfen musste.
Untersuchungen zur bist-. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 731
Bemdorf, Matseer Amt 644, 695—697.
Bibenbach, Pimbach, Bach und Weiler,
Ger.Wildabut 626.
Pinzgau, Grafechaft 618—19, 80, 77 ff.
» Ortschaft, Zell am See 6S9.
Bier- oder Bühr-Moos, bei Laufen 626.
Pirgtimpfel im Ibmer-Moos 624.
Pirichach, Moospirach, Ger. ünt -Lebenau
721.
Pirichering, Purkering, a. d. Alz 719.
Pisoncia, Pinzgau 718.
Biwem, Michaelbeuem 685.
Piain, Gericht und Grafschaft, vornehm-
lich 688—40, 49, 65, 88, 91; Gren-
zen 721.
, Sohranne zu, 721.
, Schloss 611, 77, 88, 90.
» Maria, bei Salzburg 691, 727.
Plainfeld, Ger. Neuhaus 691.
Platzel, daa bayerische, bei Salzburg 727.
Püchisrukke, unbek. Localität nahe dem
Göll 724.
Pohkirch, Oberbuch, Ger. Titmoning 6i>2,
Pongau od. Bongau 605, 678, G82 u. ff.,
714.
Porta versus Hai, Hallthurmpass 667.
Braunau, bayer. Ger. 624, 727.
Präntl- od. Brandlberg, Berg am Mondsee
715—16.
Breitenberg, Berg am Mondsee 716.
Preitenfelden, unbek. Gegend bei Strobl
am Wolfgaugsee 7 1 5.
Brunningas, St. JohanDs-Brdnning, Ger.
Titmoning 622.
Prünning, Dorf im Ger. Ob. -Lebenau 62 S.
Pruckerholz, Ger. Unt.-Ijebenau 721.
Puch, Puoche, bei Hallein 680, 88.
Puchach, Ger. ünt. -Leben au 721.
Püchberg, der, Buchberg bei Matsee 692.
Puotinsperch, Pietenberg b. Krayburg 682.
Puchering, Purkering, a. d. Alz 650, 658,
719.
PuUing bei Traunstein 689.
Purgl- od. Burggraben, am Attersee 716.
Burghausen, Burchhusen, Stadt und Ge-
richtsbezirk, vornehmlich 621, 25, 42,
46—48, 51—58.
Purgkirchen, Ger. Wald 650. 1
Buronense cenobium, Michaelbeuem 688.
C^ Ch viid K«
Eachelstein, Berg bei Inzell 641.
Ealheim, Gericht und Schloss 707 u. ff.
Kaltenpach, Ortsch. an der bayer. Traun
641.
Earantanien, Caxinthia 605, 84.
Carlstein, Schloss bei Reichenhall 662 ff.
Castaun, s. Gastein.
Katzwalchen, Chatzwalichen, Ortschaft
an der bayer. Traun 719.
Chessindorf, s. d. folg.
Kestendorf, Gericht 698-705.
Ktibenaha, die Ache von Achihal bei
Teisendorf 641.
Chiemgau , Chimincgove , Chimichowe
u. s. w., besonders 605, 80, 8ü, 40, 69.
Chiemsee, Frauen-, Kloster 677,88, 89—90.
» Herren-, Kloster 671.
Kienberg, der, am Mondsee 716.
Chindahusa, Chindhausen, s. d. f.
Kühnhausen am Waginger See 642, 669,
719.
Chirichperch, Kirchberg bei Reichenhall
662.
Kirchheim, Chirchaim, Ger. Titmon. 622.
Kirchweidach, Ger. Titmoning 606.
Kling, bayer. Gericht 642.
» Ortschaft bei Laufen 628.
Knotzing, Chnotzing, Ger. Unt.-Lebenau
720.
Koppl, Hofmark 719.
Cholpach, der, am Haunsberg? 710.
Cholpuhel, Kohlbühel, bei Lauter 722.
Cöln a. Rhein 611. .
Königsberg, der, bei St. Gilgen 715.
CÖnispach, der Königsbach am Königsee
724.
Krayburg am Inn 597.
Chregen, Krögen, Weiler im Ger. Unter-
Lebenau 720.
Cuculi, Küchel, Ortschaft 689, 711.
, , Gericht 679— 80 ff.
Cuculana alpicula, Kuchler Alpe 710.
Chunerichsperg , Ortschaft Königsberg,
Ger. Unt.- Lebenau 721.
Chunisperch, s. Königsberg.
Cuudicus alpis, der Schmidtenstein, Berg
bei Hallein 710.
732
Richter.
D and T«
Tachinsee, Taohensee, Waginger See 627,
641, 719.
Taching, Qer. Tetelheim 644.
Tagaperhtesheim, s. d. f.
Taibrecbting, bayer. Ger. Neumarkt 685.
Tabardinga, Tacherting a. d. Alz 622.
Talagaoe, Talagave, Thalgau. Markt und
Gericht (Wartenfelfl) 605, 617, 620, 707
biB 718.
Talgeuereck, das Gut am, 718.
Tann, Gericht 708 ff, s. Alten- u. Lichten-
tann.
Tannhausen, Ger. Ob.-Lebenau 628.
Tarisdorf, Tarsdorf, Ger. Wildahut 626,
646.
Taring, Ger. Ob.-Lebenau 628.
Taxenbach, Markt im Pinzgau 640.
Tetelheim, Gericht und Schloss 620, 627,
641, 58-62, 69, 86—89.
Tetenhausen, am Waginger See 622, 642,
719.
Deinding a. d. Alz 622, 670 Anm.
Teisenberg, Berg u. Ortschaft bei Teisen-
dorf 689.
Bemelfilz, Moor bei Waging 641.
Tengihilinga, Tengling 622, 48, 61, 725.
Deorlekingas, Tyrlaching, Ger.Titm. 622.
Teuffengraben, Localit. an der Berchtes-
gadener Grenze 668, 722.
Teuffenwald, ebendas. 722.
Teusendorf, Markt, Ger. Raschenberg 641,
671.
Thal, Ger. Ünt.-Lebenau 721.
Thalgau, s. Talg.
Thälergau, Unterinnthal 605.
Thumsee, der, bei Reichenhall 676.
Dietfurt a. d. Rott 625.
Dietraming, Ger. Neuhaus 705.
Titamaninga, Titmoning, Grafschaft
Grenzen und Gauangehörigkeit 622
Erwerbung durch Salzburg 658—62
Grenzbeschreibung 719—20.
Titmoning, Stadt 657, 59.
» Mauth zu, 659.
Tinnilbach, Diendlbach bei St. Wolfgang
712—18.
Tyrlbrunn, Ger. Titmoning 622, 71.
jTlerlechingft, l^ladhing, Ger. Titmoning
622, 82, 44.
Tierolfingen, Bierlafing bei Ampfing 625
AnnL
Diezzenbaoh, der Biessbach in den Pinz-
gauer Hohlwegen 724.
Biemunding, Deinding a. d. Alz 670 Anm.
Diesshalb-Acher Rflgung, G«r. Neumarkt
702.
Tiusindorf, s. Teusendorf.
Todter Mann, Localit&t am Lattengebirg
688, 721.
Totinhusir, Totinhusa, Totenhausen, siehe
Tettenhausen.
Törring, Grafschaft 642—44, 48, 61.
Schloss 642, 725.
» Hofmark 725.
Toval, Salzgebirg bei Hallein 680.
Drachenstein, Berg am Mondsee 715.
Traun, Truna, Fluss in Bayern 641, 719
bis 20.
Traun, Truna, Fluss in Ob.-Oesterr. 617,
712ff.
Traunstein, bayer. Gericht 689 u. öfter.
Stadt 722—28.
, Mauth zu, 684.
Traunwald, Forst an der bayer. Traun
640—42.
Dreisesselberg am Lattengebirg 669.
Triebenbach, Hofmark bei Laufen 621,
Trosberg od. Trostberg, bayer. Gericht
658—71.
Trosberg, Markt a. d. Alz 719—22.
Dundilabrunna, s. Tyrlbrunn 622.
Tuonta, Dienten, Bach im Pinzgau 678.
Durchfert, die Landenge zwischen den
Matseen 692.
Dörenberg, Salzgebirg bei Hallein 676.
Thurmwald, an der Berchtesgadener
Grenze 668.
Thunn bei Schellenberg 721.
E.
Ebenau, Ortschaft, Ger. Hüttenstein 617.
Eberhalfing, Ger. Titmoning 726.
Eberhftwssing , Eberheissing , Ger. Tit-
moning 719.
Ebersdorf in N.-Oesterr. 618.
Eohirisdorf, Ehersdorf 646.
Untereuchungen zur liisi Geo£^*aphie des ehem. HochBtiftes Salzburg. 733
Ehing, Ober- und Nieder-, 720.
, das Gericht zu, (Unt-Lebenau)
720.
EUesnawanc, Elsenwang bei Hof 711.
Eling, Oeling, Ger. Unt.-Lebenau 720-21.
Elsbethen, Ortschaft, Ger. Glaneck G88.
Enzinesdorf, Enzersdorf in N.-Oest. 618.
Eondorf, Henndorf 705.
Erlasteti, Erlstatt bei Traunstein 622, 89.
ErnsÜDg, Ger. Wildshut 646.
Eschenforst, der, bei Traunstein 670.
Eelerwald, Forst in Bayern 616.
Ettenau, Salzachau gegenüber Titmon.
6o8.
Eugenbach, Dorf und Bach im Ger. Neu-
haus 708.
Eugendorf, Schrannenort im Ger. Neu-
haus 602, 88.
Ellgendorf, Gericht 705—9.
F, Y nnd Ph.
Vager, Schloss bei Reichenhall 602 ff.
Faistenau, Ger. Hüttenstein 617.
Falchinstein, Berg hei Inzell 641.
Fangaui, Pfongau bei Neumarkt 705.
Farmingeck, Localiiät an der Nordseite
des hohen GöU ? 724.
Phafinsperch, vielleicht Phasinsperch =
Faselbei'g bei Berchlesgaden? 724.
Feichten bei Strass, Ger. Neuhaus 709.
Yierst, der Eckerfirst am hohen GöU 725.
Viellieben, Villem, Ger. Ob.-Lebenau 628.
Yilzmos, daa Geiser und Glanecker Moos
bei S. 666, 724.
Yisching, Ortschaft bei Waging 726.
Yiscuncula, Fischunkelalpe am Obersee
724.
Flumespach, Flumsbach, Bauernhof bei
Matsee 692.
Yoglerwald, Forst an der bayer. Traun
670, 89, 728.
Franking, Ger. Wildshut 626.
Freising, Besitz in Oesterr. 612.
Fridorfing, Schranne des Ger. Titmoning
642, 48, 48, 57.
Frosche, Froschau im Thal der bayer.
Traun 680, 728.
Froschheim bei Laufen 628, 719. :
Ftin^kirchen in Ungarn 610. |
6.
Gaizloberch, Geisberg bei S. 710—11.
Gars, Kloster am Inn 597.
Gastuina, Gastein 6S2, 644.
Geliehen, Gelichhöh, der hohe GöU 667,
724, 25.
Georgen, St., a. d. Salzach, Ger. Unter-
Lebenau 720.
Gerolzberg, Geretsberg bei Ibm 626.
Gerstetten, Ger. Ob.-Lebenau 628.
Gessenhausen bei Waging 726.
Genzing, Hof bei Henndorf 702.
Gilgen, St., Gericht 617, 710—18, siehe
Hüttenstein.
Glaneck, Schloss und Gericht 689, 65,
79 ff., 91.
Glaneck, Grenzen von, 721.
Götzling, Localität bei Hallein 725.
Golling, Schloss und Gericht 691 ff.
Göschen od. Götschen, Berg bei Hallein
722.
Gräbler, Bauernhof bei Henndorf 702.
Gramsee, Grabensee (der 8. Matsee) 692.
Grabenstatt, am Chiemsee, Gericht (Graf-
schaft) r= Ger. Traunstein 686, 40—41,
670.
Grafengaden, Grevengaden, Schloss und
Gerichtssitz für das Ger. Glaneck 666 ff.,
679 ff., 722, 24.
Griesberg, Berg am Mondsee 715, 16.
Grödig, Ortschaft, Ger. Glaneck 688.
Gutrat, Schloss bei Hallein 681.
Güllpach, der, bei Henndorf 702.
Gumprechtsheim, Gumperting bei Teisen-
dorf? 644.
Guntperhtesdorf, zweifelhaft 671.
Gunzenberg, Weiler bei Titmoning 659.
Gurkfeld in Krain 610.
H.
Hadmarsberg, Grafschaft 686.
Haigermoos, Schloss, Ger. Wildshut 645
bis 48.
Hai, s. Reichenhall 722.
Haldenberck, Feste 687, s. Halmberg.
Haldinge, Eirchhalling, Ger. Raschenberg
722—28.
Halla, s. Reichenhall 675.
734
Rickfet.
Hallburg, Schloss b. Beichenball 664, 75.
Hallein, Stadt and Saline, 666, 80.
Hallnbrnck, HallerbruGk bei Traunstein
684, 708.
Halmberg, Gericht 627, il, 65 ff., 86-89.
Hangender Stein, Grrenzpass bei Berchtes-
gaden 668.
Hanrein, der Hahnenkamm am BoBsfeld?
bei Hallein 725.
Haselwanch, Gut bei Törring 726.
Haunsberg, der, 625, i8, 92, 97.
» Schloss 627.
, Gericht 626, i8, 61.
Hausen, Ger. Ob.-Lebenau 628.
Havinaerev Berg an der Salzachquelle
678.
Hegirmoos, s. Haigermoos.
Henndorf, Gericht 698—705.
Henndorferbach, Altenbach 702.
Hegelwerd, Kloster 677.
Herigozendorf, Hörgering? bei Traun-
stein 689.
Heuberg, Schranne des Ger. Neohaus
602, 705-9.
Hildebrandsgraben, Localitftt an der
Berchtesgadener Grenze 668.
Höehfeld, Gericht 697.
Hochthron am Unter^berg 668.
Hof, Gericht Thalgau 617.
Hofschalchen, Ger. Wald 650.
Höggem, ein Gut bei Törring 726.
Höhenberg, ein Gut bei Törring 726.
Holnpach, der Höllenbach bei Otiing 658,
722.
HoUunpurch, Hollenburg in N.-Oest. 6 IS.
Holzhusa, Holzhausen im Salzburggau
685, 66, 71.
Holzhusa, Holzhausen im Chiemgau 689.
, , Ger. Ob.-Lebenau 720.
, , Ger. Ünt.-Lebenau 721.
, »bei Eienberg im Ger.
Trostberg 671.
, , imGer.Tetelheim648.
Hulthusir, , im Salzburggau 665.
Hörbsdorf bei Traunstein 689.
Humhausen bei Tiaunstein 689.
Hüttenstein, Gericht 710—18.
» Schloss 718.
, Klause 715—16.
I ond J.
Jacob, Si, am Thurmberg, Hof mark 621.
Jausdorf, Jauchsdorf, Grer. Unt-Lebenau
721.
Ibm, Ybm, Schloss 704 ff.
Ibmer-Moos 624, 26.
Ilss, Alz 650
Inzell, Dorf im Ger. Traunstein 641, 76.
IntzingermÜhle bei Heondorf 701.
Jochberg bei Kitzbühel 680, 722—28.
Johannspichl, St.? bei Hej)ndorf 702.
Isana fluv., die Isen in Bajem 685.
Iscala, Ischl, Fluss in Ob.-Oest. 712 u. ff.
Isengau, Isnachgouue 597, 605, 11, 16,
80, 85, 44, 95.
Itzling bei Salzburg 705, 27.
Lacuana alpis (mons) Seewaldalpe bei
Golling 710.
Lacnscnlus, Fuschelsee 711.
Lampoding am Waginger See, Hofinark
621.
Lambrechtshausen, Amt des Ger. Hauns-
berg 626.
Lammer, Nebenfluss der Salzaoh 679, 81.
Landshut, bajer. Amt 600.
Lattengebirg bei Reichenhall 668 u. öfter
Laufen, Pfleggericht 628, 61, 710—19.
, Stadt 657.
, der Berg bei, 720.
Lauter, Grenzort gegen Bajera 684, 722.
Lebenau, Liubenau, Leubenaw, Grafschaft
658-62, 91; Schloss 648, 60; s. auch
Ober- und Unter-Lebenau.
Lenginveld, Lengfelden, Ger. Neuhaus
680, 88, 705.
liutstetten, Leutstett^n, Ger. Ob.-Lebenau
628.
lichtentann, Schloss 699—705, 724.
Liefering, Dorf bei Salzburg 6(9.
Lienhard, St. Leonhard, Gericht Glaneck
722.
Liubensperch, Leonsberg bei Ischl 715.
Lochen, Matseer Amt 692 u. ff.
» Ortschaft im Ger. Unterplain 6S0.
Longa vallis, jetzt Landthal westl. vom
Königssee 724.
Üntersucliungen zur liist. Geogi*apl)ie des eliem. Hoclistiftes Salzburg. 735
Lovera, Markt Lofer 698, turris ß79.
Lneg, Fass 599.
M.
Makkingen, Orschail n. von Matoee 692.
Maniuse, Mansee, s. Mondsee.
Marchscharten, die LOcke zw. grossen und
kleinen Pabenstein bei Hallein 722.
Marschalcher Rügung, ein Theil des Ger.
Neumarkt 702.
Maticber Rügung, dasselbe 708.
Mattiggan 696, 705 Anm.
Matsee, Herrschaft 620, 692-^97, 727.
» Scbloss 698.
Mayrhof, Bauernhof bei Henndorf 702.
Mauthhftusel, am Weg von Reiohenhall
nach Inzell 676.
Mechinthal, Meggenthal, Ger. Titmoning
622, 85.
Megilol6ngun, Mögling a. d. Alz 671.
Meran 610.
Mermos, Mdrmosen, südL von Mühldorf
722.
Michaelbeuem, Stift im Ger. Haunsberg
688, 48, 47, 71, 727.
Misenpach, Miesenbach an der bayer.
Traun 689, 728.
Mittersee am Schafberg 715—16.
Mittersill, Grafschaft und Schloss 679.
Mondsee, Stift und Herrschaft (= Gericht
Wildeneck) 629, 99, 701, 11 ff"., 28.
Mondsee, der See, 714 ff.
Morental, unbek. Localitftt in Berchtes-
gaden 725.
Morzg, Ortschaft bei Salzburg 688.
Mosaheim im Chiemgau (Hintermoosheim,
Ger. Raschenberg ?) 671.
Mosevogel, Moosvogel a. d. Rott 625 Anm.
Moosheim, Ger. Raschenberg 644.
Mulepach, Mühlbach, Ortschaft im Ger.
Matsee 692.
MOhldorf, salzb. Stadt am Inn, 676, 82,
719.
Munderfing im Innviertel 727.
Muntigl, Ortschaft, Ger. Neuhaus 709.
N.
Nahtstal, wenn nicht Tahstal =3 Taxen-
thal a. d. Alz, so unbekannt 625.
Nesselgraben, Localitftt bei Reichenhall
676.
Newenkirchen, Neukirchen bei Teisen^dorf
722.
Neuhaus, Gericht 688, 706—9.
Neumarkt, Gericht 698—705.
Neunling bei Traunstein 689.
Nieder- Alm bei Hallein 688.
Nieder-Efaing bei Laufen 720 — 21.
Nieder-Häuning, Ger. Ob.-Lebenau 628.
Niedertrumersee (Matsee) 694.
Nonnberg, Stift 648.
Nunnenwerd, Frauenchiemsee 688.
Nunreut, Ger. Titmoning 719.
Nassdorf, Amt des Ger. Haunsberg 626.
0.
Oberalm bei Hallein 688.
Ober-Ehing, Ger. Unt-Lebenan 720, 21.
Ober-Lebenau, Gericht 620, 28 ff., 88, 40.
Obemdorf^ Markt bei Laufen 649.
Oberpinzgau 679.
Oberreut, Gut, Ger. Glaneck 722.
Obertrum, Matseer Amt 695.
Ochsenhering bei Matsee 698.
Oed, Feichtöd a. d. Abs 719.
Oeting, bayer. G«rioht 661.
OstermundinguB, Ostermiething, Gericht
Wildshut 601, 25—26, 46, 46.
Otting, Ger. Tetelheim 606, 69.
Badegund, Ger. Wildshut 626.
Radeck, Gericht und Sohloss 620, 705—9.
Raitenhaslach, Kloster 625, 50, 56.
Ramsmos, Ortschaft bei Matsee 698.
Ranshofen, Kloster 626, 47, 92.
Rapoltzstein, ein Hügel bei Hallein 725.
Raschenberg, Gericht 641, 65, 88, 89—90.
Rauschaym, Roidheim, Grer. Titmoning
650.
R^gensburg 610, 15, 84, 86, 718.
Reichersberg 647.
Reicbenhall 642, 47, 62, 65, 71, 74.
Rewthaim, Roitham, Ger. Titmoning 7 1 9.
Reitsham bei Matsee 698.
Rettenkogel, Berg bei Ischl 714.
Rincheim, Ringham, Ger. Raschenberg
666.
736
Ricliter.
Binnkogel, Berg bei lacbl 714.
Roidham, Ger. Titmoning 621, 719.
Rotel, Localität am Lattengeb. 668, 721.
Rottenbacb, der, a. d. bayer. Traun 641.
Roting, Roding, Ger. Wildshut 720.
Rotiutruna, Rothe Traun in Bayern 641.
Rothofen, Localit&t am Lattengeb. 668,
721.
Rnhinperch, Raueohenberg bei Inzell 641.
Ruttmagiae, Rottmanngraben am Unterd-
berg 667.
S.
Salzach, Ursprung 678.
Sala fluY., Saale 680, 66, 724.
Saaldorf, Schrannenort, Ger. Ob.-Lebenuu
628.
Salvelt, Saalfelden im Pinsgau 677.
Salzburghofen, Ger. Stau£feneck (Unter-
piain) 629, 88.
Salzburg, Stadt 617.
Skafeaperch, Schaf berg 718—18.
Schachen um Surberg bei Traunstein 722.
Scharfiing am Mondsee 715.
Schellenberg, Markt in Berchtesgadcn
667.
Schenperg, Schönberg, Ger. Wald 650.
Schildarius, Schilding, Ger. Titmon. 622.
Schlehdorf, Matseer Amt 692 ff.
Schneitsee, Sneitseo, bayer. Ger. Kling
644.
Schrainbach, Bach ober Hallein 666, 724.
Schrankbaum, hoher, Localitätam Latton-
gebirg 668, 721.
Schürrenvisching, Ortschaft am Waginger
See 719.
Schützing a. d. Alz 625.
Scoupanara, SchOnram, Ger. Raechenberg
641.
Scuginga, Schign a. d. Sur, Ger. Ober-
Lebenau 680.
Seekirohen, Gericht u. Ortschaft 698—705.
Selberting bei Traunstein 689.
Seeon, Kloster 648, 688.
Seeham', Matseer Amt 695.
Sieghartstein, Hofmark, Ger. Neumarkt
621.
Siezenheim, Ortschaft bei Salzburg 689.
Sinzingen, Ger. Wildshut 646.
Sneitseo, s. Schneitsee.
Stadel, Ger. Uni-Lebenau 721.
Stain, Burg Stein a. d. Alz 658, 719.
Staintal. Local. im Ger. Waid 650, 719.
Stauffenbruck, die Saalbrflcke unter Rei-
chenhall 689, 722.
Stauffeneck, Schloss und Gericht 680, 65,
691.
Stega (pontes), der Lammersteg bei Gol-
lingV 710—11.
Steinbach, der, oberhalb Reichenhall
(Mellftk) 668-78.
StraBs, Ger. NeuhauB 709.
Strassgang in Steyermark 645.
Strassmühle in Henndorf 701.
StrasswaJchen, Markt 696—97.
Streichen (mons) bei Grassau am Chiemsee
688.
Strobl am Wolfgangsee 714.
Stuolveld, Stuhlfelden im Pinzgau 678.
Sulzperg, Localität bei Henndorf? 701.
Sura, die Sur, Nebenfl. der Salzach 641.
Surberch, ein Hügelrücken bei Traunstein
722.
Surheim, Ger. Ob.-Lebenau 628.
Surheimer Brücke 688.
Swalwen, Localität in der Nähe d. höh.
Göll (der Schwalber, Bauer in Ga«teig)
724.
Swerzenperch, Schwarzberg bei Inzell 722.
Swartzenpachval, Schwarzbachfall b. Gol-
ling 725.
ü.
Unterache, Fluss zw. Mond- u. Attersee
715—16.
Untameberg, Unteraberg 667, 721—22.
Unter-Lebenau, Gericht 620, 28 ff., 42,
720.
Unter-Pinzgau, Grafschaft 668.
W.
Wagenowe, Wagenau a. d. bayer. Traun
689.
Wa^ng, Markt, später Gerichtssitz för
Tetelheim und Halmberg 606, 41, 69.
Waginger See od. Tachense 719.
Wagrew, s. Wagenau.
Walardorf (?) am Wallersee 705.
Unter&uohungen zur hist. Geographie des ehem. Hochstiftes Salzburg. 737
Walarseo, der Waller- oder Seekirchner
See 702, 5.
Wald, der, an der bayer. Traun 688.
» Schloss und Gericht a. d. Alz (=
Zeitlam) 624, 649—51, 728.
Walherainode, Localität bei Walchen im
Ob.-Pinzgau 677.
Waliwes, Walawia, Wals, Dorf bei Salz-
burg 682, 44, 66, 724.
Wallgau, Gegend in Bayern 605.
Wangiu, Weng am Wallersee 705.
Wartenfels, Schloss und Gericht 710—18.
Wartstein, Felshügel bei Matsee 692.
Wäsohhausen, Weschhansen a. d. Als 720.
Wassinperch, acutus mons bei Ischl? 718.
Weichenthal, ? Gegend am Waginger See
719.
Weidach, Kirchweidach, Ger. Wald 624.
> Bach der, bei Waging 64 1 .
Weildorf, Ger. Raschenberg 665.
Weilhart, Forst im Innviertel 599, 626.
> bayer. Ger. »am — «, 695.
Weissbach am Untersberg, Ostaeite 722,
> bei Grossgmein 721.
Weissenbach, der, am Atter«ee 712, 16.
» -Bräckel am selben Bach
716. •
Weissenbach, der, bei Ischl 712.
, der, am HaunsbergC?) 710.
, der, bei Strobl 714.
Weisswand, die, am üntersberg bei Hall-
thurm B67, 68, 714.
Werren, Schloas Werfen im Pongau 682.
Wibhüsen, Weibhansen, Ger. Raschenberg
722, 28.
Widaha, s. Weidach.
Wildeneck, Herrschaft 620, 99, 716.
Wildshut, Gericht 601, 24, 25, 42, 45,
48, M— 58.
Winchel(?) im Ger. Anthering 710.
Windisch-Matrey, Grafschaft 679.
Windisch-Thörl, Localität zw. Hof und
St. Gilgen 718.
Windlein am \
Bach I Bauernhöfe am Düren-
Windlein am | berg bei Hallein? 725
I Stein J
Winipura, Wimmern, Ger. Raschenberg
665.
Winnitraminga, Wintermoning, Gericht
Tetelhum 606, 85, 69.
Wizinpah, s. Weisspach.
Wiziutmna, die weisse (bayer.) Traun 641.
Z und C.
Zeidlergau 606, 24—25, gleichbedeutend
mit:
Zeitlam, comitatus u. Ortschaft 624—25,
650.
Zell, Celle bei Rupolding an der rothen
Traun 689, 728.
Zelle im Pongau, Bischof shofen 618.
Zeno, St., Kloster bei Beichenhall 64 <.
Zetsperch, Zeltsberg, Ger. Unt. -Leben au
721.
Zidalaregove, s. Zeidlergau.
Cinkin, Zinken, Berg im Ger. Hüttenstein
715.
Cynchinpach, Zinkenbach bei St. Wolf-
gang 712 — 18.
Cirveneus mons, Ziiänken bei Thalgau
718.
MittheUunffen, ErffAnzungsbd. I.
48
738 Richter.
Capilel-Verzeichniss.
Seite
Einleitung . ri91
L Das Immunitätsgebiet der karolmgiachen Zeit und das spätere kirch-
liche Landeshoheitsgebiet stimmen nicht überein. — Dessen Aus-
dehnung ist nicht vom alten Kirchenbesitz, sondern nur vom Erwerb
der Ghrafschaftsrechte abhängig. — Dieser Erwerb erfolgt nach einzelnen
Landgerichten. — Die Landgerichte sind nichts anderes als die Centen
der karolingischen Periode. — Sie liegen auch dem Besitze der
Grafengeschlechter im 1-2. Jahrhundert zu Grunde, — Denn die Graf-
schaftaabgrenzungen bestehen neben der Immunität ungestört fori —
Die kirchlichen Immunitäten verlieren gegenüber der Macht der
Landesherren in Bayern und Oesterreich im 12. Jahrhundert an In-
halt. — Beispiele an Freising, Passau und Salzburg. — Die Bischöfe
sind daher zur Erwerbung von Grafschaften genöthigt. — Die ver-
schiedenen Arten, solche zu erwerben 506
n. Die Gerichte des unteren Salzburggaues.
1. Umfang und Grenzen der einzelnen Gerichte und deren Gau-
angehörigheit (Titmoning, Ober- und Ünter-Lebenan, Wald, Bnrg-
hausen, Wildshut, Haunsberg, Tetelheim) 021
2. Die Periode der Grafenherrschaft bis zum IS. Jahrhundert (Genea-
logie und Besitz der Aribonen) €27
:3. Uebergang der Grafschaften an Salzburg und Bayern . . * Gr>l
\\\. 1. Die Plain'schen Gerichte und deren Gauangehörigkeit (RoRchen-
berg, Halmberg, Stauffeneck, Piain, Glaneck) .... 06. >
2. Die Grafengeschlechter vom 10. bis 18. Jahrhundert (Genealogie
der Plainer) .671
8. Besitz der Plainer und dessen AnfoU an Salzburg und Bayern . C7r.
IV. 1. Die erkauften Gerichte (Matsee) <J9^J
2. Gerichte verschiedener Erwerbsart (Neumarkt, Neuhaus-Radeck,
Anthering, Wartenfels, Hfittenstein) 098
Beilagen 1 — 11 719
Excnrs (Das bayerische Platzel) 727
Zur Erklärung der Karte 729
VerzeichnisB der Ortsnamen 780
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